FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » No. 179-180
Kurt Jürgen Huch

Human Engineering im 3. Reich

Über Reimund Schnabels: Mißbrauchte Mikrophone — Deutsche Rundfunkpropaganda im Zweiten Weltkrieg. Eine Dokumentation, Europa-Verlag, Wien 1967.

In dem als „geheim“ gekennzeichneten „Arbeits- und Finanzplan für die Deutsche Auslands-Rundfunk-Gesellschaft Interradio AG“ vom 5. November 1941 heißt es einleitend:

In diesem Kriege spielt wie in keinem Kriege zuvor der Kampf um die öffentliche Meinung in den Ländern aller Kontinente eine entscheidende Rolle. Hierbei haben die Erfahrungen des Krieges gezeigt, daß der Rundfunk als das moderne weltumspannende Instrument der Propaganda die Möglichkeit der Beeinflussung der Völker nahezu unbegrenzt gestaltet hat. Die Moral der feindlichen Bevölkerung und ihr Kampfeswille können durch diese neue, so gefährliche Waffe derart getroffen werden, daß der Rundfunk zur Vernichtung des Gegners beiträgt und somit militärische Kriegführung unterstützt ... Sobald der Sieg erfochten sein wird, braucht das Reich zur Durchführung seiner politischen und kulturpolitischen Ziele nicht mehr die bewaffnete Macht einzusetzen; vielmehr wird dann der Rundfunk in dem Ringen um den Geist und die Seele der Völker an erster Stelle stehen.

Das Schriftstück, aus dem hier zitiert wird, ist Teil einer höchst bedeutsamen Dokumentation: Auf über 500 Seiten demonstriert ihr Herausgeber Reimund Schnabel Umfang und Intensität der deutschen Rundfunkpropaganda im Zweiten Weltkrieg. Schnabel — dies fällt sogleich ins Auge und zeugt für die Seriosität des Unternehmens — drängt sich nirgends mit Kommentaren oder Interpretationen in den Vordergrund; er beschränkt sich auf knappe zeitgeschichtliche Einführungen und läßt im übrigen die Dokumente — vor allem des Auswärtigen Amtes und des Reichspropagandaministeriums — sprechen.

Der Band zerfällt deutlich in zwei Teile. Im ersten werden Struktur und Aufgaben der einzelnen Rundfunkgesellschaften bzw. Agenturen aufgehellt; der zweite dokumentiert die deutsche Rundfunkpropaganda in den verschiedensten Gebieten der Welt.

Die propagandistische Aktivität der deutschen Führung ist gekennzeichnet durch eine scharfe Rivalität zwischen „Promi“ und Auswärtigem Amt. Am 16.6.1941 beschwert sich Goebbels in einem Brief an den Chef der Reichskanzlei, Minister Lammers, über die Gründung eines „Konkurrenzunternehmens“ zu der „Promi“-eigenen „Radio-Union“. „Die ‚Radio-Union‘“, heißt es dort, „soll Sender in allen Ländern der Welt aufkaufen oder durch Wirtschaftsinteressen maßgeblich beeinflussen und damit den Boden für eine Auslandspropaganda schaffen, die wir genauso wie durch eine gekaufte Zeitung nunmehr durch gekaufte Sender im Ausland betreiben wollen.“ Die „Interradio GmbH“ des Auswärtigen Amtes verfolgte den gleichen Zweck. Im Oktober 1941 kam es zu einer Übereinkunft zwischen Goebbels und Ribbentrop: die bisher in der Schweiz ansässige „Interradio“ und die „Radio-Union“ wurden zugunsten einer neuen, von beiden Ministerien mit gleichen Anteilen getragenen „Interradio AG“ mit Sitz in Berlin aufgegeben. Aber die Querelen waren damit nicht beendet. 1943 wurde es notwendig, die Kompetenzen zwischen der Reichsrundfunkgesellschaft und der „Interradio“ vertraglich zu regeln. Auch das ging nicht ohne Schwierigkeiten ab, zumal die Beziehungen der Ministerien durch mehrere weiterhin selbständig betriebene, häufig gegeneinander arbeitende Unternehmungen belastet waren. Das Auswärtige Amt finanzierte beispielsweise seit Juli 1941 die Agentur „Radio Mundial“ in Lissabon. Die Firma, in deren illustrem Vorstand der stellvertretende Pressechef der französischen Regierung ebenso vertreten war wie ein mexikanischer Diplomat und ein international bekannter Rennfahrer, gab sich streng neutral: wiewohl es ihre Aufgabe war, für die Kriegführung des Dritten Reiches zweckdienliche Meldungen international zu lançieren, scheute sie sich nicht, auch für Deutschland ungünstige Nachrichten zu verbreiten. Die vorgebliche Neutralität von „Radio Mundial“ ließ sich freilich nicht lange behaupten; außerdem griff die Korruption innerhalb der Agentur bald in einem Umfang Platz, daß sie selbst hohen Nazidienststellen suspekt wurde. Bemerkenswert ist aber, daß der Anstoß zur Liquidation der Firma von dem — Goebbels unterstehenden — Reichspressechef Dietrich ausging. — Auch der vom Auswärtigen Amt im Juli 1940 gegründete Abhör-„Sonderdienst Seehaus“ erregte den Zorn des Propagandaministers. „Trotz des Führerbefehls vom 8.9.39“, klagt er in dem schon erwähnten Brief an Lammers, „schuf sich das A. A. einen sowohl vom Rundfunk als auch von der Wehrmacht und dem Forschungsamt der Luftwaffe unabhängigen, neben diesen Einrichtungen stehenden neuaufgezogenen eigenen Abhörapparat ... Der einzige Erfolg dieser Maßnahme kann nur darin bestehen, dem schon vorhandenen Propagandaapparat meines Ministeriums nerven- und zeitraubende Konkurrenz zu machen, die Kompetenzen zu verschleiern und einen immer stärker werdenden Konflikt heraufzubeschwören.“ Dieser Konflikt wurde nur formal beigelegt, als das „Seehaus“ im Oktober 1941 der neugegründeten „Interradio“ einverleibt wurde. — Die von der Reichsrundfunkgesellschaft — unter Federführung des „Promi“ — betriebene Kurzwellensender-Gruppe „Concordia“ schließlich erregte den Unwillen des Auswärtigen Amtes, weil man dort das Monopol für politische Propaganda im Ausland beanspruchte.

Die hier skizzierte Rivalıtät zweier deutscher Bürokratien, in der die ganze Verlogenheit der „Volksgemeinschafts“-Ideologie aufbricht, war den Beteiligten selbst so unangenehm, daß sie bereits 1940 die Einrichtung einer „Rundfunkverbindungsstelle“ vereinbarten. Ihre Leitung übernahm ein Mann, dessen besondere Stärke die Koordination divergenter Interessen — ob von braunen Ministerien oder Volksparteien — zu sein scheint: Kurt Georg Kiesinger. Nach Schnabels Dokumentation — darin besteht nicht zuletzt deren Aktualität, ohne daß man im mindesten den Eindruck hätte, sie sei ad hoc arrangiert — wird dieser Mann nicht mehr behaupten können, er sei ein unbedeutendes Rädchen in der Maschinerie des Dritten Reiches gewesen. Er war eine Schaltstation. Er war eine Schlüsselfigur der nazistishen Rundfunkpolitik, was dadurch unterstrichen wird, daß im Personenverzeichnis der „Mißbrauchten Mikrophone“ der Name Goebbels 15 mal, der Name Ribbentrop 23 mal, der Name Kiesinger dagegen 76 mal vorkommt. Kiesinger war im Auswärtigen Amt Leiter der Referate Ru A (Rundfunkeinsatz, internationale Rundfunkbeziehungen) und Ru B (Allgemeine Propaganda, Verbindung zum Propagandaministerium). Besonders in der letzteren Funktion war er einflußreich, da von diesem Referat — wenn auch unter ständigen Querschüssen des „Promi“ — die nazistische Auslandspropaganda im Rundfunk ausging. Es darf daher nicht überraschen, wenn auf der Tagesordnung einer Zusammenkunft sämtlicher Mitarbeiter der nachrichtenpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes als Punkt 3 ein „kurzer Vortrag durch Herrn Kiesinger über Grundgedanken zur politischen Propaganda“ erscheint oder wenn nach dem Protokoll einer Aufsichtsratssitzung der „Interradio“ „Herr Kiesinger nochmals erklärte, die politische Propaganda im Auslande sei ausschließlich Sache des Auswärtigen Amtes“. Diese Aufsichtsratstätigkeit war übrigens, wie sich versteht, nicht umsonst; jedenfalls antwortet Kiesinger unter dem 4.4.42 auf eine entsprechende Anfrage der „Interradio“; „Ich bitte um gefällige Überweisung der Aufsichtsratsvergütungen auf mein Postscheckkonto Berlin 1283. Heil Hitler! Kiesinger.“ Im Juli 1940 bereiste eine Gruppe ausländischer Rundfunksprecher das besetzte Frankreich. „Die Fahrt soll den Zweck haben“, heißt es in einer „Abschrift für Mappe EINSATZ IM WESTEN“, „dort von Deutschland ergriffene soziale und militärverwaltungstechnische Maßnahmen sowie die gegenwärtige Stimmung überhaupt propagandistisch im politischen Interesse Deutschlands gegenüber dem Ausland auszuwerten ... Die Reise steht unter der Leitung von Herrn Kurt Georg Kiesinger, der zugleich auch für die politische Zensur der Aufnahmen verantwortlich ist.“

Die Intention der deutschen Rundfunkpropaganda in aller Welt kommt in dem schon zitierten Arbeitsplan für die „Interradio“ klar, wenn auch in schlechtem Deutsch, zum Ausdruck: „Die Moral der feindlichen Bevölkerung und ihr Kampfeswille können durch diese neue, so gefährliche Waffe derart getroffen werden, daß der Rundfunk zur Vernichtung des Gegners beiträgt und somit die militärische Kriegführung unterstützt.“ Wie das in der Praxis aussah, läßt sich am Beispiel Griechenlands deutlichmachen. Nach dem deutschen Einmarsch im April 1941 trat von Berlin aus der Kurzwellensender „Patris“ in Tätigkeit. Die Taktik des Senders umreißt ein Fernschreiben des Gesandten Rühle vom 19. April:

Brunnenvergiftung und Vergewaltigung

„Betrifft den griechischen Sender Patris (Vaterland).

  1. TARNUNG: innergriechisch
    Angebl. Stand: In den Bergen bei Athen
    Angebl. betreibende Kräfte: politische Geheimorganisation, zusammengesetzt aus ‚unparteiischen jungen wahren Patrioten‘, die in der Stunde der Not Koalition mit allen Parteien erstreben; angebl. engste Verbindung mit Wehrmacht, Kirche, Teilen der Regierung.
  2. TENDENZ: patriotisch und europäisch
    Innenpolitik: mahnend, warnend, belehrend; Stellung zur Regierung: kritisierend, ohne die Tür zu verbauen; Aufforderung zur Mitarbeit am neuen Werk.
    Außenpolitik: Vollkommene Steuerdrehung: Zusammenarbeit mit Deutschland letzte Chance für griechischen Patriotismus; mit Deutschland für Europa.
    Europäische Perspektive: Deutschland kämpft für ein viel größeres Ziel als für das Wohl nur eines einzigen Volkes; es kämpft für Europa; dieses sind unsere neuen schönen Aufgaben, die dem Vermächtnis der Antike entsprechen.
  3. PROPAGANDAMITTEL: Greuelmeldungen
    über die Engländer: z.B: Trinkt kein Wasser, die Engländer haben die Wasserleitung des Marathonsees mit Bakterien infiziert;
    über die Amerikaner: Pläne zur Vergewaltigung des griechischen Handels aufgefunden; Geschäfte mit Museumsgegenständen; Verschleppung des griechischen Kronschatzes.

Bemerkenswert ist, wie im internen Dienstverkehr alle ideologischen Verbrämungen fallengelassen werden. Die Zwecklüge wird kühl beim Namen genannt. Die Absicht „den Geist und die Seele der Völker“ zu erfassen und auf die Ziele des nazistischen Imperialismus auszurichten, tritt unverhüllt hervor. Die Dokumentation enthält keine Belege über die Effektivität dieser Bemühungen. Daß sie im Inland sehr groß war, ist bekannt. Die Techniker des „human engineering“ um Joseph Goebbels verstanden ihr Geschäft. Sie demonstrierten der Welt erstmals Macht und Möglichkeiten der Medien, wenn diese nur zweckrational und konzentriert genug eingesetzt werden. Und sie demonstrierten eben dadurch die Macht dessen, der über den medialen Apparat verfügt. Wenn einer von ihnen unter formal demokratischen Bedingungen zu höchsten Staatsämtern aufsteigen kann — darf man dann sicher sein, daß diese Macht nie wieder mißbraucht werden wird?

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1968
, Seite 789
Autor/inn/en:

Kurt Jürgen Huch:

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