FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1987 » No. 406-408
Ladislav Mňačko

Geschichte und deutscher Sinn

Im Jahr 1986 brach unter namhaften deutschen Historikern ein Streit um die geschichtliche Einmaligkeit, Singularität des Holocaust aus. Der „Historikerstreit“ wurde vom Piper Verlag als Buch publiziert. Der Kommentar des im österreichischen Exil lebende slowakischen Schriftstellers Ladislav Mňačko kann als Beitrag eines Zeitzeugen, Geburtsjahr 1919, zu diesem Streit der Historiker angesehen werden: Vom Nutzen und Nachteil des Lebens für die Historie.

Die vergessene Kriegserklärung

... aber ich erinnere mich nicht, in einer der größeren deutschen Darstellungen von der offiziellen Äußerung Chaim Weizmanns aus den ersten Septembertagen 1939 gelesen zu haben, nach der die Juden in aller Welt in diesem Krieg an der Seite Englands kämpfen würden. Jedenfalls muß ich mir selbst den Vorwurf machen, diese Äußerung 1963 nicht gekannt zu haben, obwohl man sie im „Archiv der Gegenwart“ von 1939 finden kann, und obwohl sie die folgenreiche These zu begründen vermag, daß Hitler die deutschen Juden als Kriegsgefangene (a) behandeln und d.h. internieren durfte.

Ernst Nolte

Sandor Barinkay, ein direkter Nachkomme des weltberühmten Zigeunerbarons, wurde im Jahr 1939, kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, auf der Tagung des Weltkongresses der Zigeuner zum König aller Zigeuner gewählt. Das aufsehenerregende Ereignis fand in der altehrwürdigen polnischen Krönungsstadt Krakau statt. Die damalige polnische Regierung wurde auf der Tagung durch eine offizielle Delegation vertreten. Welchen Stellenwert die Polen guten Beziehungen mit den Zigeunern einräumten, ist aus der Tatsache ersichtlich, daß zum Leiter der Delegation kein geringerer als Marschall Rydz Smigly ernannt wurde. Zwischen König Sandor dem Ersten und dem Oberbefehlshaber der polnischen Streitkräfte wurde ein Geheimabkommen über ein militärisches Bündnis im Fall eines Krieges unterzeichnet. Trotz intensiver Bemühungen gelang es den Historikern bis heute nicht, das Geheimpapier in Archiven zu entdecken, aber an seinem Zustandekommen gibt es keinen Zweifel. König Sandor der Erste hat es in seiner Thronrede selbst publik gemacht, indem er sagte: Sollte Hitler Krieg gegen Polen führen, werden alle Zigeuner der Welt an der Seite der polnischen Armee kämpfen.

Adolf Hitler war durch diese Äußerung zutiefst beunruhigt. Plötzlich wurde er, statt mit einer, gleich mit zwei Weltverschwörungen konfrontiert. Er reagierte darauf mit der gereizten Äußerung: Die Zigeuner sollen ihren Krieg haben, wenn sie ihn wollen. Ab sofort sind alle deutschen Zigeuner als Kriegsgefangene zu behandeln und zu internieren!

Von der brutalen Vorgangsweise dieser Gefangennahme und Internierung hatte Hitler, wie der famose Historiker David Irving bewiesen hat, wie auch im Fall der Juden nicht die leiseste Ahnung. Hitler kümmerte sich nicht um die praktische Durchführung seiner Weisungen und Anordnungen, das überließ er seinen engsten Mitarbeitern, vor allem dem Reichsführer SS Himmler. Der treue, aber ein wenig einfältige Heinrich hat die Worte seines Führers wohl fehlinterpretiert. Er kannte nur eine Art der Internierung. Die Zigeuner waren in seinen Augen minderwertige Untermenschen und, gleich den Juden, Nichtarier. Da die Zigeuner, wiederum gleich den Juden, von Natur aus faul und zu keiner anständigen Arbeit, auch nicht zu solcher, die frei macht, zu bewegen waren, fand Himmler es einen Luxus, den sich die kriegführende deutsche Nation nicht erlauben kann, sie zu ernähren und auch sonstwie zu betreuen. Er befahl, aller Zigeuner habhaft zu werden, um sie im neugegründeten KZ Auschwitz zu desozialisieren. Alle SS- und SD-Dienststellen erhielten den Befehl, mit den Juden auch gleich die Zigeuner zu erfassen, zu registrieren und nach Auschwitz zu deportieren. Die wohl selten vorkommenden Mischehen zwischen einem Zigeuner und einer reinrassigen Arierin wurden als Rassenschande eingestuft und streng nach den Rassegesetzen geahndet.

Da die Kriegserklärung Sandors des Ersten den Historikern bis jetzt nicht bekannt wurde, haben sie sich mit der Frage der Endlösung, soweit sie die Zigeuner betraf, nicht beschäftigt. Im Unterschied zu der statistisch erfaßten Tragödie der Juden blieb die Ausrottung der Zigeuner weithin unbekannt, unerwähnt, nicht einmal im Fischer Lexikon findet man unter dem Stichwort Zigeuner eine einzige Zeile darüber. Man schätzt die Zahl der in Auschwitz vergasten deutschen Zigeuner auf 60.000, aber die Dunkelziffer dürfte viel höher liegen. Zuverlässig bekannt ist nur die Zahl der aus dem Protektorat Böhmen und Mähren deportierten kriegsgefangenen Zigeuner. 7.000 sind verschleppt worden, 600 haben die Nöte der Kriegsgefangenschaft überlebt.

Wie bereits erwähnt und von David Irving ohne Zweifel bewiesen, hatte der Führer vom weiteren Schicksal der kriegsgefangenen Juden und Zigeuner nicht die leiseste Ahnung. Er, der tapfere Soldat des Ersten Weltkriegs, war eher für ritterliche Behandlung der Kriegsgegner. In diesem Zusammenhang höchst interessant ist seine Äußerung, als er kurz vor dem Zusammenbruch die wahren Verhältnisse im Kriegsgefangenenlager Auschwitz erfuhr. Nach Augenzeugenberichten hat er bitter geweint und geschrien: Meine Juden! Meine Zigeuner! Was hat man euch bloß angetan! Wie kann ich mit einer solchen Schande weiterleben.

Gleich darauf enthob Hitler seinen bis dahin treuen Heinrich aller seiner Ämter und stieß ihn aus der NSDAP aus. Offiziell wegen seines Paktierens mit den Alliierten, also wegen Hochverrats. Inoffiziell, aber der historischen Wahrheit näher, dürfte die Version sein, daß der wahre Grund der Ausstoßung Himmlers aus der Partei die Mißachtung des Gesetzes — Hitlers Befehle galten, wie bekannt, als höchstes Gesetz — über die humane Behandlung der als Kriegsgefangene internierten Juden und — wie erst jetzt bekannt wurde — der Zigeuner, war.

So betrachtet war der Holocaust ein bedauernswertes Mißverständnis.

Welch faszinierende Herausforderung für die Geschichtsschreibung, dies zu beweisen! Erst dann, wenn das geschieht, kann die Geschichte neu, neu von Anfang an, geschrieben werden. Könnte da ein gewisser Kujau nicht ein wenig nachhelfen?

Hitlers „asiatische“ Tat

Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine „asiatische“ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer „asiatischen“ Tat betrachteten? War nicht „Archipel Gulag“ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der „Klassenmord“ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des „Rassenmordes“ der Nationalsozialisten?

Ernst Nolte

Die Versuche, den Vorwurf des Singularismus für den Holocaust zu relativieren und entkräften, führen zu sonderbaren Pirouetten der Geistesübungen so manches Historikers. Sollte dieser Trend andauern, wird Hitler zuletzt enteuropäisiert, zum Asiaten abgestempelt. Einem zivilisierten Europäer sind die von Hitler vollbrachten Taten einfach unzumutbar, also: Trotz urkundlich bewiesenen Ursprungs kann es sich um keinen Europäer, Mitteleuropäer, Deutscheuropäer handeln. Hitler als Asiate würde die Horrorpsychose von des Gefahr des asiatischen Ostens bestätigen und rechtfertigen. War es nicht unlängst der US-Verteidigungsminister Weinberger, der den russischen Asiatismus als ewigen Aggressor und Kriegsverursacher enthüllte? Na also!

Hitler, äußerst besorgt um die von den Sowjets unmittelbar bedrohten kulturellen Werte des Abendlandes, wollte ja nichts anderes, als dieser Gefahr vorbeugen, und die Russen hinter den Ural, wohin sie als Asiaten gehören, vertreiben. Der Ural war das Endziel seiner Rettungsaktion zugunsten der glücklichen, freien, kulturell himalajahoch über den Asiatismus hochragenden Festung Europa. Um dieses Ziel abzusichern, mußte er zuerst mit der jüdischen Weltverschwörung aufräumen. Dies fiel ihm um so leichter, als ihm der jüdische Repräsentant der Jewish Agency, Chaim Weizmann, den Krieg erklärt hatte. Hat er, Hitler, nicht schon immer behauptet, daß Juden — Asiaten vom Ursprung — das deutsche Volk vernichten wollten? Stand nicht etwa an jeder Mauer und im Untertitel des Streicherschen „Stürmer“ geschrieben: „Die Juden sind unser Unglück“? Stalin, der Jude, wollte ja ganz Europa in einen riesigen Gulag umwandeln. Er hat, gemeinsam mit dem Juden Roosevelt, einen geheimen Plan ausgeklügelt, wie Hitler der Krieg aufzuzwingen wäre. Dafür liefert der spätere Plan des Juden Morgenthau eine unwiderlegbare Bestätigung. Die Juden haben sich gegen Deutschland verschworen, um es zu vernichten.

Eventuelle Ungereimtheiten spielen in den wissenschaftlichen Nachforschungen des Historikers nur eine untergeordnete Rolle. Daß es zu dieser Zeit, als Hitler „Mein Kampf“ diktiert hatte, noch keine Stalinschen Gulags gab. Daß die dem Holocaust vergleichbare Vernichtung der Kulaken erst Jahre später geschah. Hitler hat es bereits geahnt, als er die Weltsituation in der Abgeschiedenheit seiner Landsberger Festungshaft analysierte. Es gab noch nicht die Gulags, aber es würde sie ganz sicher geben, das logische und faktische Prius würde ganz bestimmt kommen, und er, Hitler, fühlte sich bereits vorher als potentielles und faktisches Opfer des drohenden Gulagasiatismus. Er hat sich entschieden, dem „Klassenmord“ durch Rassenreinigung entgegenzutreten. Dies auf „asiatische“ Art. Eben durch „Internierung“ der jüdischen Kriegsgefangenen in Auschwitz. Von „Singularismus“ kann also keine Rede sein, schon deshalb nicht, weil die Genozide bereits vor Auschwitz und auch nach Auschwitz, zum Beispiel in Kambodscha, praktiziert wurden.

Eine so gigantische Aufgabe konnte nicht nur so ad hoc gestartet werden. Um zu gelingen, mußte sie nach allen Seiten sorgfältig abgewogen und vorbereitet werden. Ja, sogar praktisch ausprobiert. Mangels habhafter asiatischer Untermenschen mußte man sich nolens volens mit dem vorhandenen Menschenmaterial begnügen. Die ersten Insassen der ersten KZ waren Deutsche, Antinazis, also minderwertige Deutsche. Kommunisten, Sozialdemokraten, jüdische und zum Judentum tendierende Intellektuelle, aber auch unbelehrbare Bürgerliche, katholische und evangelische Priester und Gläubige, die Bibelforscher, die den Waffengang ablehnten, Homosexuelle, Mongoloide (die Mongolei, wie bekannt, liegt im tiefsten Asien und Dschingis-Khan tat es auch nicht anders), unverbesserliche Pazifisten, alles, was rassisch unrein, weil antinazistisch eingestellt war, gehörte hinter Stacheldraht.

Die praktische Erprobung war ein voller Erfolg, es stand also nichts mehr im Wege, die asiatische Tat in eine Großtat umzuwandeln.

Das Prachtexemplar des rassisch reinen Herrenvolkes, Josef Goebbels, würde an bestimmten Akzenten des „Historiker-Streits“ große Freude finden. Das von ihm in grellen Farben monumentalisierte Feindbild scheint wieder zu stimmen. Gulag war also Prius, Auschwitz nur seine Kopie. Ohne Stalin als Vorbild, mit Klassenfeinden erbarmungslos umzugehen, wäre es den Nationalsozialisten nie eingefallen, KZ zu errichten. Ohne die Vernichtung der Kulaken kein Holocaust. Die These dürfte folgerichtig heißen: Was hat die Welt uns ständig vorzuwerfen? Sie, besonders die „asiatische“, ist doch auch nicht anders, warum sollen nur wir uns mit unbewältigter Vergangenheit, die nicht vergehen will, herumplagen, warum nicht auch die anderen?
Und da sie es nicht tun, warum verlangen sie es ständig von uns?

Nur — die Vergleiche hinken.

Etwa der zwischen Nemmersdorf und Marzabotto. Etwa der zwischen barbarischer Bombardierung der unschätzbaren Kulturdenkmäler, der Kirchen, Museen und Opernhäuser mit der sinnlosen, totalen, planmäßigen Vernichtung, Sprengung und Einebnung von Petrodworetz, zu der überhaupt keine strategische, militärische, ja nicht einmal politische Notwendigkeit bestand. Etwa zwischen dem Ende von Breslau und dem von Hitler stammenden Erlaß, keine Kapitulation von Leningrad anzunehmen. Die brutale Behandlung der Zivilbevölkerung in Ostpreußen war ein von verwilderter Soldateska ausgeübter Akt spontaner Willkür, wie er in allen Kriegen vorkam, an und kurz hinter der Front. Kriege sind grausam, und immer hat die nichtkämpfende Bevölkerung darunter am meisten leiden müssen. Der entscheidende Unterschied liegt darin, daß Stalin Nemmersdorf nicht befohlen hat wie Hitler die Ermordung von Lidice. Auch wenn man den Spruch Stalins — „Hitlers kommen und gehen, das deutsche Volk wird weiterbestehen“ — als Phrase abzutun gewillt ist, die Praxis hat diese Phrase gerechtfertigt, trotz aller Greuel, die es zeitweilig gab. Wäre es anders gekommen, würde es heute kein polnisches, kein tschechisches, kein ukrainisches Volk mehr geben. Die diesbezüglichen Zitate aus Hitlers, Görings, Himmlers und Goebbels Reden und Schriften dürften den Historikern nur allzu bekannt sein. Die Ausrottung dieser Völker wurde schon praktiziert und gestoppt nur durch Hitlers Niederlage.

So zynisch und grausam es klingen mag, die Vernichtung der Kulaken, die Errichtung der Gulags, deren Folge der Tod von Millionen Sowjetbürgern war, ist mit dem Holocaust nicht vergleichbar. Diese Tragödie ist auf die von Stalin brutal vorangetriebene Erschließung der nicht kultivierten, nicht kolonisierten unwirtschaftlichen Riesengebiete der Sowjetunion zurückzuführen. Da nach Workuta, Igarka, Magadan niemand freiwillig gehen wollte, wurden dorthin Menschen unter Zwang verschleppt. Sicherlich starben dort Menschen wie Fliegen, aber ihr Sterben an Hunger und Kälte wurde nicht zum Selbstzweck, es gab dort keine Gaskammern und Erschießungskommandos, der Tod dieser Millionen ist eher der unzulänglichen Versorgung, organisatorischer Schlamperei und den primitiven Zuständen des unterentwickelten Riesenreiches anzulasten. Workuta wurde nach dem Verlust der ukrainischen Kohlevorkommen zur Hauptversorgungsbasis der unbesetzten nord- und mittelrussischen Gebiete mit Kohle. Stalin trieb die Erschließung dieses Versorgungsgebiets mit unbeschreiblicher Härte zügig voran. Nicht von ungefähr wurden die letzten Gleise der zum Workutakohlebecken führenden Eisenbahn im April 1941 verlegt. Stalin hatte nur eine Wahl, der überlegenen deutschen Kriegstechnik die Stirn zu bieten durch erbarmungslosen Einsatz der lebendigen Kraft, ohne Rücksicht auf die Verluste an Menschenleben. Über die Zweckmäßigkeit des unter unzähligen Menschenopfern erbauten Belomorkanals kann man streiten. Worüber man aber nicht streiten kann, ist die enorme Bedeutung dieses Kanals in Zeiten des Krieges. Stalin versuchte das Riesenland zu erschließen unter den Bedingungen der totalitären Diktatur. Wie grausam er auch Menschenleben zu diesem Zweck opferte, die Verschleppung von Millionen von Kulaken hatte einen, wenn auch fehlgeschlagenen, rationellen Kern.

Es hat überhaupt keinen Zweck, die Einmaligkeit, Singularität dieses grausamen, Menschenleben verachtenden Vorgehens Stalins relativieren zu wollen mit der Frage, wie viele Menschenopfer die Kolonisation von Nordamerika gekostet hat, oder die Erschließung der Ölvorkommen im Nahen und Mittleren Osten, wo bei dem Bau der Pipeline von Kirkuk zum östlichen Mittelmeer die Menschen wie Fliegen starben. Es muß immer darauf hingewiesen werden, daß Stalin mit dem eigenen sowjetischen Volk so grausam umging, unter Duldung und sogar Zustimmung weiter Teile der Bevölkerung. Jeder Versuch, dies zu vergleichen mit der europaweiten Jagd nach Juden, zwecks Holocaust, ist fehl am Platz. Und außerdem, nach Stalins Tod wurde von höchsten Stellen der sowjetischen Führung der nicht oder nur teilweise geglückte Versuch unternommen, diese grausame eigene Vergangenheit zu bewältigen, mit voller, brutaler Offenheit.

Stalins Umgang mit den Russen kann nicht als singulär betrachtet werden, und wenn, dann singulär in der Geschichte des Nachfolgers des Zarenreiches, der Sowjetunion. Der Holocaust kann als singulär in der Weltgeschichte bezeichnet werden.

Der nach Alibi und Relativierung trachtenden Äußerung eines im „Historiker-Streit“ agierenden Historikers, daß unter den polnischen Opfern in Auschwitz manche Antisemiten waren, kann man nur mit Hohn begegnen. Antisemitismus gab es in Deutschland und der übrigen Welt seit vielen Generationen. Holocaust ist ein einmaliges Prius. Sicherlich starben auch während der von Stalin befohlenen Zwangsdeportationen der Wolgadeutschen und Krimtataren viele Menschen. Sicherlich sind solche aus Haß und Rachegelüsten heraus befohlene Deportationen schärfstens zu verurteilen. Aber Holocaust war es keiner. Viele Tataren starben auf dem Weg in unwirtliche, für sie bestimmte Reservationen, aber viele überlebten und, ein Novum in der Geschichte der Sowjetunion, sie können gegen das an ihnen begangene Unrecht laut protestieren, mit weit verminderter Gefahr, dafür noch einmal in weit unwirtlichere Gegenden deportiert oder sogar auf der Stelle füsiliert zu werden.

Dies alles, hier nur skizzenartig aufgeworfen — ich bin ja kein Historiker — sollte ein auf seinen wissenschaftlichen Ruf Wert legender Historiker studieren und gründlich analysieren, ehe er Vergleiche zwischen Kulakenvernichtung und Holocaust zieht.

Tut er das nicht, ist seine Wissenschaft kaum einen Pfifferling wert. Tut er es und stellt er doch, gegen sein besseres Wissen, solche Vergleiche an, muß er sich den Vorwurf gefallen lassen, mit pseudowissenschaftlichen Mitteln zu agieren, im Geiste eines Pseudocowboys, der die Sowjetunion als „Reich des Bösen“ abzutun versuchte, um nur kurze Zeit später mit den Führern dieses Reiches des Bösen zu liebäugeln.

Daß sowjetische Historiker umgekehrt ähnlich verfahren, liefert noch keine Entschuldigung für den das alte Feindbild renovierenden Historiker eines sich demokratisch und zivilisiert gebärdenden Landes. Besonders nicht, wenn es sich um das von Joseph Goebbels gezeichnete Feindbild handelt. Nicht einmal die Verteufelung des „Westens“ ist mit der Verteufelung des Ostens vergleichbar.

Rußland hat in seiner Geschichte für die übrige Welt mehr Positives geleistet, als ihr Böses angetan. Aus der jüngeren Geschichte seien nur die mehrjährigen gescheiterten Bemühungen der Sowjetdiplomatie um die kollektive Sicherheit in Europa erwähnt. Erst durch das Scheitern dieser Bemühungen, durch das Nichtzustandekommen der antihitlerschen Allianz vor dem Krieg, ist der Pakt Stalin-Hitler erklärbar. Die Allianz fand, unter anderen Umständen, doch statt. Der Beitrag der Sowjetunion während dieser Vernunftverlobung ist unbestritten. Der würgende Griff des roten Ungeheurs mit blutrünstigen Augen nach Europa, wie er auf den Litfaßsäulen entsprechend der Goebbelschen Propaganda zu sehen war, fand nicht statt.

Die Ausbreitung des sowjetischen Einflusses auf mehrere Länder Osteuropas als Folge von Jalta, ist historisch reparabel, solange diese Völker leben. Sie leben, samt dem Volk, das das „andere Deutschland“ bewohnt. Daß sie unter der Kremlvorherrschaft so manches hinunterzuschlucken und zu erdulden gezwungen sind, ist nicht das Resultat des Würgegriffs der erwähnten roten Untermenschen, sondern das Ergebnis des von Hitler angefangenen, geführten und verlorenen Krieges.

Deutsche Manneszucht in der Slowakei
Foto 1942

Vielleicht ist der verzweifelte und opferreiche Abwehrkampf des „Ostheeres“ (dem der verzweifelte Abwehrkampf des „Westheeres“ kaum an Verbissenheit und Intensität nachstand) in der Zeit erkenntlich verlorenen Krieges eher durch die Angst vor den Folgen der Hitlerschen Aggression zu erklären, als durch den Willen, die „Eigenständigkeit der Großmachtstellung des Deutschen Reiches“ (Hillgruber) zu bewahren. Gerettet, bewahrt hat man dadurch kaum noch etwas, man verlängerte dadurch nur das Leiden der in Mitleidenschaft gezogenen Völker, inklusive des deutschen Volkes. Viele deutsche Soldaten haben so verbissen bis zum bitteren Ende gekämpft, weil sie viel Schlimmeres erwartet hatten. Daß Deutschland für den von Hitler entfesselten Krieg würde teuer bezahlen müssen, war wohl jedem Deutschen klar. So teuer, wie befürchtet und erwartet, war es, trotz Nemmersdorf und Gebietsverlust und Zweiteilung, wiederum nicht. Es gab, wie bekannt, durchaus keine asiatischen Pläne, die Ärgeres gefordert hätten.

Das Dilemma der Identifizierung

Eine Identifizierung mit den kommenden Siegern — und das hieß ja für den Osten: mit der Roten Armee — war undenkbar. Der Begriff der ‚Befreiung‘ implizierte eine solche Identifizierung mit den Siegern, und natürlich hat er seine volle Berechtigung für die aus den Konzentrationslagern befreiten Opfer des nationalsozialistischen Regimes. Aber auf das Schicksal der deutschen Nation als Ganzes bezogen ist er unangebracht.

A. Hillgruber

(Der Historiker, Anm. L. M.) muß sich mit dem konkreten Schicksal der deutschen Bevölkerung im Osten und mit den verzweifelten und opferreichen Anstrengungen des deutschen Ostheeres und der deutschen Marine im Ostbereich identifizieren, die die Bevölkerung des deutschen Ostens vor den Racheorgien der Roten Armee, den Massenvergewaltigungen, den willkürlichen Morden und den wahllosen Deportationen zu bewahren ...

A. Hillgruber

(Das deutsche Ostheer, Anm. L. M.) führte den verzweifelten Abwehrkampf um die Bewahrung und Eigenständigkeit der Großmachtstellung des Deutschen Reiches, das nach dem Willen der Alliierten zertrümmert werden sollte.

A. Hillgruber

Seit wann gab es eigentlich das deutsche Ostheer, mit dem sich der Historiker ohne Vorbehalt identifizieren darf, ja sogar soll? War es etwa eine Streitmacht ohne Vorgeschichte, die den verzweifelten Abwehrkampf um die „Bewahrung der Eigenständigkeit der Großmachtstellung des Deutschen Reiches“, die verzweifelte und opferreiche Anstrengungen unternahm, um die Bevölkerung des deutschen Ostens vor den Racheorgien der Roten Armee, den Massenvergewaltigungen, den willkürlichen Morden und wahllosen Deportationen zu bewahren?

Ab wann findet der Historiker dieses Ostheer identifizierungswürdig? Wann fing dieser verzweifelte und opferreiche Abwehrkampf gegen die asiatischen Horden überhaupt an? Etwa in dem Moment, als die Einheiten der Roten Armee die Großmachtstellung des Deutschen — welches Deutschen? Des Großdeutschen, des Festung-Europadeutschen oder des Versailledeutschen? — Reiches durch die Überschreitung der Grenze des von deutscher Bevölkerung besiedelten Raumes in Frage gestellt hatten? Wie konnten sie es überhaupt wagen, dem Tausendjährigen Reich so etwas anzutun? Wieso sind sie nicht an der Grenze Ostpreußens stehengeblieben?

Wann fing dieser verzweifelte Abwehrkampf überhaupt an? War es nicht etwa dieses identifizierungswürdige Ostheer, das wenige Jahre vorher nach Österreich, in die Tschechoslowakei, nach Polen, Dänemark, Norwegen, in die Niederlande, nach Belgien, Frankreich, Jugoslawien, Griechenland, Nordafrika weitermarschierte, bis alles in Scherben fiel? Und was tat dieses Ostheer dann in diesen Ländern? Führte es nicht etwa, noch gar nicht verzweifelt, einen noch siegreichen Abwehrkampf gegen die Überflutung Europas durch die asiatischen Untermenschen? Und wie führte es diesen Abwehrkampf? Etwa durch Verteilung von Schokolade an die ausgehungerten polnischen, serbischen, russischen, ukrainischen Kinder? Hat man den Kaukasus mit Gulaschkanonen erobert? Wie sah die Bewahrung Europas, einschließlich weiter Teile der Sowjetunion, vor dem Horrorregime der jüdischen Bolschewisten aus? War es ein anderes als das deutsche Ostheer, das in Polen, dann in Westeuropa, auf dem Balkan, in der Ukraine wahre, nicht Rache-, aber Siegesorgien feierte, sich durch Massenvergewaltigungen, willkürliche Morde, wahllose Deportationen und Holocaust ausgezeichnet hatte?

Anders gefragt: Was war vorher? Nemmersdorf, das von so manchem deutschen Historiker als Beweis für Racheorgien der Roten Armee nur allzuoft strapaziert wurde, oder die gnadenlose Bekämpfung der „Banden“, die Massenvergewaltigungen in den vom Bolschewismus befreiten Ländern, die willkürlichen Morde an der polnischen, serbischen, griechischen, ukrainischen und russischen Zivilbevölkerung, die wahllosen Deportationen aller habhaft gewordenen Menschen? Waren Coventry, Rotterdam, Stalingrad, Leningrad etwa ein Vergeltungsakt für die Vernichtung von Dresden?

Und was hat dieser verzweifelte und opferreiche Abwehrkampf des deutschen Ostheeres denn erreicht? Hat er etwa die Katastrophe des deutschen Ostens verhindert? Hat er die Großmachtstellung des Deutschen Reiches vor der Zertrümmerung durch die Alliierten bewahrt? Hat er etwa den Vormarsch der Roten Armee, die Eroberung von Berlin und den Vorstoß zur Elbe verhindert? Und wie war es mit dem „Westheer“? Hat es nicht etwa auch einen verzweifelten und opferreichen Abwehrkampf gegen die Armeen der westlichen Alliierten bis zum bitteren Ende geführt? Etwa auch, um Racheorgien der Angloamerikaner, Massenvergewaltigungen, willkürlichen Morden und Deportationen vorzubeugen? War die bedingungslose Kapitulation Ursache oder Folge der deutschen Katastrophe? Wäre in Nemmersdorf und anderswo eine einzige deutsche Frau von östlichen Untermenschhorden vergewaltigt, ein einziges Dorf niedergebrannt, ein einziges Kind ermordet, ein einziger Deutscher nach Sibirien deportiert worden, wenn dies alles in ungeheuerlich größerem Umfang von den siegreichen Verbänden des Ostheeres nicht bereits vorher praktiziert wurde und als Exempel diente?

Welche Parallelen will denn der sich mit dem deutschen Ostheer identifizierende Historiker zwischen Nemmersdorf und dem Leid der Bevölkerung der ostdeutschen Gebiete, und nur so, aus dem Gedächtnis herausgefischten Namen wie Oradour, Lidice, Marzabotto, Kozara, Babij Jar, Auschwitz, Majdanek und Mauthausen ziehen? Nemmersdorf gab es in den vom deutschen Ostheer eroberten Gebieten tausend- und mehrmals. Ist es den Grausamkeiten des unmittelbaren Kriegsverlaufs zuzuschreiben? Warschau wurde nach dem Scheitern des Aufstands plangemäß mit deutscher Gründlichkeit in die Luft gejagt, gesprengt, dem Erdboden gleichgemacht, ohne irgendeine militärische Notwendigkeit. Das tschechische Dorf Lidice wurde auf Hitlers persönlichen Befehl ermordet und pulverisiert. Das Dorf war hunderte Kilometer vom unmittelbaren Kriegsgeschehen entfernt. Und an dem Attentat an Reinhard Heydrich absolut schuldlos. Die „Bestrafung“ von Lidice wurde in den Schlagzeilen aller deutschen Medien publiziert. Professor Hillgruber war zu dieser Zeit sechzehn Jahre alt. Es ist anzunehmen, daß er diese Schlagzeilen gelesen hat. Was hat er sich dabei gedacht? Wie hat er damals die Nachricht über die „Bestrafung“ von Lidice empfunden? Etwa auch als verzweifelten und opferreichen Abwehrkampf gegen die Racheorgien, Massenvergewaltigungen, willkürlichen Morde und wahllosen Deportationen durch die Rote Armee? Lidice war nur einer der unzähligen von den Einheiten der deutschen Aggressoren dem Erdboden gleichgemachten Orte, die oft ohne unmittelbaren Anlaß niedergebrannt wurden. Nicht etwa im Frontverlauf, sondern im Rahmen der planmäßigen Ausrottung als Untermenschen zum Freiwild gewordener ganzer Nationen.

Den Kommentatoren, Publizisten und Historikern, die die historische Wahrheit auf den Kopf zu stellen versuchen, indem sie sich über die am deutschen Volk begangenen Greuel empören, sei ins Gedächtnis gebracht:

Der Vertreibung von Millionen Deutschen aus den Ländern Osteuropas ist die durch Hitlers Politik praktizierte Vertreibung von hunderttausenden Tschechen und Millionen Polen aus ihren Heimstätten vorausgegangen, worüber in der deutschen Literatur über den Zweiten Weltkrieg dezent geschwiegen wird.

Coventry wurde Jahre vor Dresden „coventrisiert“.

Das deutsche Ostheer — nicht nur die SS-Verbände, wie man gerne behauptet — war an unzähligen Kriegsverbrechen aktiv beteiligt, ehe seine Reste in Berlin die Waffen streckten.

Die als unannehmbar abgelehnte bedingungslose Kapitulation wurde doch gezwungenermaßen akzeptiert, wohl zum größten Leid und Schaden des eigenen, des deutschen Volkes.

Die verzweifelte und opferreiche Verteidigung des deutschen Bodens durch das Ostheer ist eine an den Tatsachen vorbeigehende Legende. Genauso zäh und verzweifelt und opferreich kämpften bis zur totalen Niederlage auch die Einheiten des „Westheeres“, wo doch keine Gefahr der Überflutung durch asiatisch-bolschewistische Horden drohte. Hätte man dem deutschen Osten das Schicksal, das ihn traf, ersparen wollen, hätte es genügt, den Armeen der westlichen Alliierten keinen Widerstand zu leisten. Der zähe Widerstand an allen Fronten hat das Leid und die Opfer des deutschen Volkes nur multipliziert, ohne daß dadurch etwas gerettet werden konnte. Die Zahl der durch das Ausharren des Ostheers vor dem Zugriff der asiatischen Horden geretteten Zivilbevölkerung ist im Vergleich mit den dafür aufgebrachten Opfern dieser Zivilbevölkerung verschwindend klein. Denen, die nicht auf diese Weise gerettet werden konnten, ging es einige Zeit sehr dreckig, aber der deutsche Osten hat es überlebt und blieb, wenn auch nicht in vollem Umfang, deutsch. So gesehen war die opferreiche und verzweifelte Verteidigung des ohnehin von der Roten Armee eroberten, vom Kampfgeschehen ungemein heimgesuchten deutschen Ostens keine Ruhmes-, sondern eine Wahnsinnstat. So manche „heldenhafte Verteidigung“ der deutschen Städte war ein Verbrechen am eigenen deutschen Volk.

Es besteht der begründete Verdacht, daß das zähe Ausharren der Ost-, West-, Süd- und Nordheere anders motiviert war, als es etliche Historiker ihren durch die Gnade der späten Geburt privilegierten Landsleuten zu präsentieren wagen. Es war Angst vor der gefürchteten Vergeltung, die nicht stattfand, Angst des Ostheeres, dessen Soldaten aus eigener Erfahrung nur zu gut wußten, was sie anderen Völkern angetan hatten. Angst also — und, dies aber nur aus purer Verzweiflung, Hoffnung auf die Wende. Noch in den letzten Wochen des Krieges glaubte man an irgendein Wunder. Die Geheimwaffen. Der Zwist unter den Alliierten. Die eventuelle Brauchbarkeit des deutschen Ostheeres nach dem Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen den Sowjets und den Angloamerikanern. Das Telefonat von Goebbels: „Mein Führer, ich beglückwünsche Sie, Roosevelt ist tot ...“ hat nicht nur den Minister in euphorisch ekstatische Stimmung versetzt, auch so manchen Soldaten des bereits geschlagenen Ostheeres hat es zum Weitermachen motiviert, im irren Glauben an die Wiederholbarkeit der Geschichte.

Jahrzehnte sind seither vergangen.

Das deutsche Volk hat seinen respektierten Platz in der Nachkriegsgeschichte gefunden und behauptet. Zu Recht, trotz allem. Den Schock der Niederlage hat es überwunden. Dies wohl beiderseits der Mauer. Im großen und ganzen ist auch den später Geborenen bewußt, welches Unheil Hitlerdeutschland über Europa gebracht hat. Es ist ihnen auch bewußt, daß sie damit noch lange werden leben müssen. Es gibt nämlich nicht nur die Gnade der späten Geburt, es gibt auch, immer noch, das Leid der Opfer des Hitlerschen Weltbeherrschungswahns. Es sterben noch heute Menschen an den Folgen seines Krieges, auch in Deutschland sterben sie noch, auch Deutsche.

Auch Professor Hillgruber leidet offensichtlich unter diesem Trauma. Nur die Art, wie er mit ihm fertigzuwerden versucht, ist falsch. Er versucht, das bereits verblaßte Feindbild mit frischen Farben zu neuem Glanz zu bringen. Der böse Osten, was hat uns der nur angetan! In welch verzweifelte Lage hat er unser Ostheer gebracht!

SS-Genickschuß
Polen 1944

Auch ich litt, lange Jahre, unter dem Trauma eigener Kriegserfahrung. Wo ich einen Deutschen meines Alters traf, habe ich ihm einen imaginären Helm auf den Kopf gesetzt. Wer warst du und was warst du und was hast du gemacht und wo hast du es gemacht?

Die Zeit hat mich von diesem Trauma befreit.

Der unbestrittene große Beitrag der deutschen Nation in der Entwicklungsgeschichte Europas und der ganzen Welt ist zu respektieren und anzuerkennen. Die Deutschen haben große Leistungen, zivilisatorische Leistungen vollbracht, zugunsten der Menschheit. Sie haben auch Großes in kriegerischen Auseinandersetzungen geleistet. Nur, diese Größe war eine Fehlinterpretation der eigenen deutschen Rolle in der Geschichte. Mißdeutet, mißbraucht führte es zum Hitlerschen Größenwahn.

Da sollte man einhaken, um mit der Singularität des Hitlerschen Nihilismus fertigzuwerden. Gelingt es, würde das deutsche Volk in der künftigen Geschichte nicht nur geachtet und respektiert, sondern auch geliebt werden.

Zuletzt sei mir, dem Zeitzeugen, erlaubt, meinen persönlichen Standpunkt zu dem Thema abzustecken.

Ich haßte die Deutschen. Ich haßte sie von ganzem Herzen, mit jeder Zelle meines Körpers. Sie haben mein florierendes, demokratisches Land vergewaltigt, sich ungeheurer Verbrechen schuldig gemacht, fünf Prozent der Bevölkerung des Protektorates Böhmen und Mähren ermordet, dies außerhalb des unmittelbaren Kriegsgeschehens, programmiert, Weisungen von höchster Stelle folgend und sie praktizierend.

Ich haßte sie dafür. Hitler hat mich meiner schönsten Jahre beraubt. Ich setzte mich dagegen zur Wehr. Die deutschen Okkupanten bestritten dieses elementare Recht, sich gegen Gewalt und Mord zur Wehr zu setzen.

Ich haßte sie aus einem höchst konkreten Grund. Ich war Mitglied einer Partisanengruppe. Anfang April 1945 haben wir eine fünfzig Mann zählende Einheit des deutschen Ostheers gefangengenommen. Es handelte sich um eine technische Einheit, kaum mit Kriegsverbrechen belastet. Wir haben sie überfallen, überrascht, überwältigt, während des ganzen Überfalls fiel kein einziger Schuß, nicht unsererseits, nicht ihrerseits. Die einzige brachiale Tat, die einzige Gewalt, die während der Operation geschah, war ein kräftiger Fußtritt, den ich dem Funker der Einheit, der in einem Zelt an einem Funkgerät herumfummelte, versetzte.

Wir waren Partisanen. Wir konnten keine Gefangenen machen. Da standen fünfzig deutsche Soldaten, die Hände zum Himmel gehoben, zitternd, das Schlimmste erwartend. Nach kurzer Beratung unseres Stabes haben wir entschieden, sie entwaffnet aus unseren Bergen wegzujagen. Wir ließen sie antreten und abmarschieren. Den Kommandeur der Einheit überfielen wir vorher, er machte einen Spaziergang durch die Wälder und kam in unsere Bergdorfbasis. Er hat nach kurzem Zögern zugestimmt, die Einheit zur kampflosen Kapitulation überreden zu wollen, was ihm auch gelang. Wir haben ihn erschossen. Wir haben ihm auf die Frage, was mit ihm geschehen soll, auch glattweg gesagt, daß wir ihn, da er über unseren Schlupfwinkel Bescheid weiß, daß wir ihn erschießen müssen. Trotzdem machte er mit. Das Sterben haben wir ihm so leicht wie möglich gemacht. Ich plauderte mit ihm über das Buch, das er während seines Spaziergangs in der Hand hielt — es waren die „Buddenbrooks“, mit jüdischem Exlibris versehen —, und ein Serbe, der zu unserer Gruppe gehörte, tötete ihn durch Genickschuß.

Ich möchte diese Episode nicht als typisch bezeichnen für den Unterschied zwischen der „Menschlichkeit“ der edlen Partisanen und der Brutalität der Deutschen. Dies war bestimmt nicht typisch für das Verhalten der Partisanen gegenüber den von ihnen gefangengenommenen deutschen Soldaten. Die Entscheidung, die fünfzig am Leben zu lassen, entsprang vielleicht einer Laune des sonst harten russischen Kommandanten unserer Gruppe, der sagte: Es ist bereits viel zuviel Blut geflossen, der Krieg ist entschieden, in wenigen Wochen zu Ende ...

Er irrte. Der Krieg war noch nicht zu Ende. Vierzehn Tage nach dem Überfall kamen drei Züge der SS in unser Partisanendorf. Sie kamen von drei Seiten, umzingelten das Bergdorf, ließen alle Einwohner antreten, trennten die Männer von ihren Frauen und Kindern, banden jene mit Eisenketten aneinander, trieben sie in eine Scheune und zündeten die Scheune mit Flammenwerfern an. Nach Erschießung aller Rinder und Hühner setzten sie die Holzhäuser in Brand und trieben die Frauen und Kinder fort. Am 18. April 1945. Plostina hieß das Dorf im Wizowitzer Gebirge.

Am 18. April 1945 ... Was haben sich die SS-Männer dabei gedacht? Höchstwahrscheinlich gar nichts, nur den Befehlen gehorcht.

Warum ich es erwähne? Vielleicht nur, um zu erfahren, ob es eine Einheit des Ostheeres gegeben hat, die, als einen einzigen Ausnahmefall, fünfzig gefangene Partisanen am Leben gelassen hat.

Wir waren an diesem 18. April weit weg. Als wir in der kommenden Nacht zurückkehrten, fanden wir dort nur noch verglühte Balken von ehemaligen Hauswänden. Dies war für mich das schrecklichste Erlebnis in meinem an schrecklichen Erlebnissen nicht gerade armen Leben. Ich habe seit der Zeit nur gegrübelt: Warum haben wir die Soldaten am Leben gelassen?

Ich war nicht dabei, als nach der Befreiung die rachsüchtige Bevölkerung Ostmährens eine wahre Menschenjagd auf die Deutschen betrieb. Wäre ich dabei gewesen (ich lag zu dieser Zeit am Unterleib gelähmt im Krankenhaus), hätte ich an dieser Jagd aktiv teilgenommen. Wer dürfte es mir dann übelgenommen haben? Man kann solche Exzesse nicht aus heutiger Sicht beurteilen. Ich finde nur, solche Racheakte mit den Kriegsverbrechen der Deutschen auf einen gemeinsamen Nenner bringen zu wollen, unangebracht. Nicht wir zogen nach Deutschland, um zu unterdrücken, zu foltern und zu morden, die Deutschen kamen in mein Land, um das zu tun. Auslösendes Moment für alle im Krieg begangenen Greuel, egal welcherseits, war Hitlers Krieg. Nemmersdorf war nicht Ursache, es war Folge ...

Ich haßte die Deutschen, und es dauerte einige Jahre, bis ich es überwand. Die Vernunft verdrängte mit der Zeit die Emotionen. Ich sagte mir: Die Deutschen sind nach wie vor da, sie sind deine Nachbarn, Nachbarn kann man sich nicht aussuchen, also muß man sie so nehmen, wie sie sind, und versuchen, mit ihnen, soweit es geht, im Guten auszukommen. Das verlangte nach Dialog. Ich war wohl der erste Intellektuelle aus dem Ostblock, der sich darauf einließ, eine freie Aussprache quer über den Eisernen Vorhang hinweg zu suchen. Mein mehrmonatiger Meinungsaustausch mit Rolf Hochhuth, er fand auf meine Initiative hin statt und wurde in Form offener Briefe geführt, die parallel und unzensuriert zugleich in der Hamburger „Die Zeit“ und in der vom slowakischen Schriftstellerverband herausgegebenen kulturpolitischen Wochenzeitung „Kulturny zivot“ im Jahr 1964 publiziert wurden, wurde nicht gerade in sanftem Ton geführt. Hochhuth schrieb von Stalins Massenmord an tausenden polnischen Offizieren in Katyn, wir haben seine Version veröffentlicht. Es war bereits zu einer Zeit, als ich die Deutschen wohl nicht zu lieben, aber zu achten anfing, einer Zeit, reif für den Abbau der gegenseitig gepflegten Feindbilder. Mit bestimmter Nuançierung der Standpunkte. Für mich waren längst nicht mehr alle Deutschen Faschisten. Für die Gegenseite war ich immer noch der blutrünstige Kommunist.

Ich werde Plostina auch weiterhin nicht vergessen können, aber die Deutschen sollten ihre Chance haben, sie haben sie bekommen und viele und ständig mehr haben sie auch genützt. Zu den faszinierendsten Ereignissen der europäischen Nachkriegszeit zähle ich die innerdeutsche Diskussion, die Art, wie sie mit dem Begangenen fertigzuwerden versuchen. Ich glaube auch nicht mehr daran, daß die Deutschen, belehrt durch die Bitterkeit des eigenen Schicksals, noch einmal zu bewegen wären zum Weitermarschieren, bis alles in Scherben fällt. Aber solange es Historiker gibt, die die Dinge auf den Kopf zu stellen versuchen, soll ihre Stimme nicht schweigend zur Kenntnis genommen werden. Sie wird es auch nicht, auch nicht von anderen deutschen Historikern. Das ist gut und vielversprechend. Es sei mir, einem von Millionen von Betroffenen, erlaubt, an der Debatte marginal teilzunehmen, in der Auffassung, daß mit den aufgeworfenen Fragen fertigzuwerden wohl deutsche, aber nicht nur deutsche Sache ist ...

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1987
, Seite 32
Autor/inn/en:

Ladislav Mňačko:

Geboren 1919 in Valašské Klobouky, gestorben 1994 in Bratislava. Nach der deutschen Besetzung der damaligen Tschechoslowakei wurde er als Zwangsarbeiter in ein Essener Bergwerk „dienstverpflichtet“. Bekannt geworden durch Reportagen aus der Welt der Arbeit, wurde er in den 60-er Jahren zunehmend kritisch gegenüber der Sowjetunion und der tschechoslowakischen KP. Emigirerte 1967 nach Israel, kehrte während des Prager Frühlings in die Tschechoslowakei zurück, emigierte nach dessen Niederschlagung nach Österreich und kehrte 1991 in die Slowakei zurück.

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