FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 191/II
Friedrich Heer

Fischer hat Zukunft

Nach seinem Ausschluß aus der KPÖ am 28.10.1969

Es scheint uns nicht unwichtig, daß Prof. F. H., Österreichs fast einziger (unorthodoxer) katholischer Kopf von europäischem Format, sich gerade in Sachen des (unorthodoxen) Kommunisten Ernst Fischer zu Wort meldet.

Der Ausschluß Ernst Fischers aus der KPÖ, versehen mit einem Bannstrahl der Kremlkirche, lädt zu zeitgemäßen Überlegungen ein.

Ernst Fischer ist nicht selbst aus der Institution ausgeschieden, der er die „besten Jahre“ widmete, mehr als drei Jahrzehnte, die nun hinter ihm liegen. Er ist kein „Renegat“. Er wartete auf den Ausschluß — und kann nun als freier Mensch jenen Ideen, jener politischen Entwicklung dienen, die er so lange innerhalb der Institution etwa zu realisieren hoffen mochte.

Fischers Ausschluß, vorbereitet in langen Jahren mit rituellen Beschwörungen, Warnungen, Drohungen parteikommunistischer Wortmacher in „sozialistischen“ osteuropäischen Staaten, steht in Analogie zur Exkommunikation von Theologen in der römischen Kirche und zur amtskirchlichen Maßregelung in protestantischen Kirchen heute.

Auf der ganzen Welt steigt das Potential der Menschen, die von den großen religiösen und politischen Institutionen ausgeschieden werden, weil sie nicht mehr als „tragfähig“ erachtet werden. Dazu kommen die immer zahlreicheren Fälle eines bewußten, freiwillig gesetzten Ausscheidens aus Amt, Mitgliedschaft und Dienst.

Es kann tausend und mehr Gründe geben für den Abschied von Altären, an denen man lange diente. Hier interessieren nicht pathologische Randexistenzen, die aus intim-individualistischen Gründen ausscheiden. Hier und heute interessieren exemplarische Fälle: ein Mensch erfährt, daß auf den Altären, denen er diente, Menschen geopfert werden: Absage an das Menschenopfer in unserer Zeit des Neokannibalismus.

Menschenopfer: Opferung des eigenen Lebens, Mithilfe an der Tötung anderer Menschenleben: das fordern immer noch die großen Institutionen: Staat, Kirche, Partei. Das Menschenopfer kann in verschiedener Weise vollzogen werden: es muß nicht immer der Leib mitgetötet werden. Es genügt die Vernichtung der „bürgerlichen Existenz“, der staatsbürgerlichen Existenz, es genügt das Mundtotmachen, das Töten durch das Schlagwort, die Ausscheidung des nicht mehr als „tragfähig“ Erachteten aus seiner Position.

Im Laufe eines knappen halben Jahrhunderts haben kommunistische Parteien nahezu die gesamte in eineinhalb Jahrtausenden theologisch und ideologisch erarbeitete und institutionell praktizierte Behandlung der „Ketzer“ christlicher Großkrichen eingeholt.

In der fernen und nahen Vergangenheit wurde durch diesen Prozeß vorzüglich menschliches Potential vernichtet, zumindest in den Untergrund verdrängt. Heute tritt neben diese altehrwürdige Form der Vernichtung und Verdrängung ein in dieser Breite neues Phänomen: es wird menschliches Potential frei.

Frei, um die kleine Schar jener Spannungsmenschen zu verstärken, die bereit sind, die Kosten für die Mutation der Menschheit zu bezahlen. Man braucht das anrüchige Wort „Elite“ dabei nicht zu bemühen. Jedenfalls sind es zunächst überall nur wenige, die bewußt bereit sind zur wachen, kämpferischen Existenz, zur Bezahlung der wachsenden Kosten des Fortschritts der Menschheit, der immer wieder in Sackgassen zu enden droht.

Hierfür wird heute Menschenpotential frei: Menschen, die nicht mehr Menschenmaterial bleiben wollen, verwendet von Hierarchien, Menschenlehm, aus dem man Pyramiden baut.

Dieses Menschenpotential wird in der neuen Funktion, die es übernimmt, gleichzeitig in einem anderen Sinne frei: frei, das Beste zu retten, das im mörderischen Mutterschoß der Großen Mutter, der Partei, Kirche usw. erstickt wird.

Die heute aus den Großinstitutionen ausgeschiedenen Kommunisten und Christen werden nicht mehr Antikommunisten und Antichristen wie nicht selten in naher Vergangenheit: Exkommunisten bekundeten als kalte Krieger die gleiche Engheit und Aggressivität wie zuvor als überrote Parteikrieger; Exkleriker wiesen sich durch penetranten Antiklerikalismus als entlaufene Pfaffen aus, die ihre pfäffische Gesinnung nun eben antikirchlich ausdrückten.

Nicht um solche „Exkommunisten“ und „Exchristen“ handelt es sich heute. Die hier anvisierten Menschen wissen sehr genau, wieviel sie ihrem oft langen Leben im Dienste der großen Institution schulden. Sie wissen um Kraft, Essenz, Substanz, Tradition innerhalb der großen Institutionen. Sie wissen sich den Träumen und Hoffnungen ihrer Jugend ebenso verpflichtet wie den Taten und Untaten, Leistungen. und Fehlleistungen ihrer Mannesjahre „im Dienst“.

Menschen dieser Art sind befähigt, ihr bisher in den Institutionen gebundenes Potential aufzuschmelzen: so, daß es wieder frei wird und den Menschen helfen kann. Außerparteiliche kommunistische und sozialistische Existenzen, außerkirchliche Christen bilden bereits nicht mehr, wie noch vor wenigen Jahren, nur interessante Fälle, einmalig und absonderlich, sondern gesellschaftliche Phänomene von wachsender politischer Bedeutung.

Für Österreich hat Ernst Fischers Fall und haben analoge Fälle in anderen Zonen, weniger spektakulär, spezifische Zukunftsbedeutung: in und um die großen politischen Institutionen, rund um die Machtzentren unserer Partei-Kirchen, treten immer mehr Menschen auf, im Lichte einer erstmalig in Österreich sich bildenden Öffentlichkeit, die sich nicht mehr beschlagnahmen und vereinnehmen läßt.

Es gibt heute in beiden Großparteien und neben ihnen eine wachsende Zahl politisch wacher Menschen, die sich assoziieren sollten in einer möglichst offenen Arbeitsgemeinschaft, einer Art „vaterländisch-republikanischem Schutzbund“ (wie er bereits vor Jahrzehnten von besorgten Demokraten aus beiden großen Lagern gefordert wurde): als eine offene Gesellschaft der Freunde.

Werden sich unsere Parteien umfunktionieren, umstrukturieren lassen? So, daß sie den steigenden Anforderungen einer in großen Wandlungsprozessen befindlichen Gesellschaft gewachsen sein werden? Die Frage läßt sich heute weder mit glattem Nein noch auch mit voreiligem Ja beantworten. Wir kennen noch nicht das Gesicht einer offenen realen Demokratie von morgen: wohl aber kennen wir die Alten und Jungen, die sich berufen fühlen, das Menschenmaterial der noch weithin passiven österreichischen Bevölkerung zu manipulieren und in ihrem Sinn machtgerecht zu verwalten.

Aber gute Unruhe breitet sich heute in Österreich aus. Heute gibt es — nicht zu fassen um 1955! — in Österreich sogar junge Studenten, junge Akademiker. Heute gibt es, zumindest in Ansätzen, eine unruhige Schuljugend, die sich dem Skandal unserer Schule zu stellen beginnt.

Die Geräuschwellen des aufziehenden Wahlkampfes sollten uns nicht übersehen lassen: selbst und gerade in einigen Parteigremien sitzen Menschen, die sehr gut wissen, daß die Zeit der alten Männer und der Parteikirchen vorbei ist.

In diesem historischen Moment sind einzelne Existenzen besonders wichtig, die durch die Höllen der Großinstitutionen in Wirrungen und Irrungen gegangen sind und nunmehr die Chance der inneren Freiheit zu nützen beginnen.

Symptomatisch ist in dieser Hinsicht Ernst Fischer: Burgtheaterautor 1924, nach 1945 kurze Zeit Staatssekretär für Unterricht; man stelle sich heute vor: Ernst Fischer wäre richtiger Unterrichtsminister gewesen, für ein Jahrzehnt! Eineinhalb Jahrzehnte Unperson, auch literarische Unperson; kein nichtkommunistisches Organ brachte literarische Arbeiten von ihm, sei’s auch nur Verse. Heute im Lichte der Weltöffentlichkeit, sogar der Öffentlichkeit in Österreich.

Mich interessiert heute nicht die Vergangenheit Ernst Fischers; mich interessiert seine Zukunft: im Raume jener erstmalig sich in Österreich bildenden Öffentlichkeit, in der es politisches Leben und geistiges Leben geben kann: sie kennt und anerkennt das Gespräch der Feinde, die sachbezogene Auseinandersetzung im offenen Kreis demokratischer Gesinnungsgenossen, das Gespräch der Freunde mit sehr, sehr andersdenkenden Zeitgenossen.

Vielleicht hat sie jetzt begonnen in Österreich: die große Schmelze unserer politischen Gletscher. Zeit ist es: wir brauchen Neuland in Österreich; ein Wachsen von Freiheit nach innen.

Dieser Wachstumsprozeß allein kann uns auf Dauer auch nach außen etwas respektabler machen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1969
, Seite 670
Autor/inn/en:

Friedrich Heer:

Geboren 1916 Wien, gestorben 1983 ebenda, Kulturpublizist, Historiker, Kulturkritiker, Professor der Universität Wien, Dramaturg des Burgtheaters.

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