FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 301/302
Cornelia Frey

Er und Sie

Ein altes Spiel

Chef bleibt Chef

Er in Schnürlsamthosen und Pullover: fesch, flott und fortschrittlich; sie in knöchelgebundenen Samthosen und Schnürschuhen: resch, schick und engagiert. Beide könnten Studenten sein, es herrscht joviale Kameradschaftlichkeit. Man tratscht über die neuesten Schlagzeilen, duzt einander, erinnert sich an frühere Demos und VSStÖ-Treffs und benutzt den linken Slang: Wissenschaft im Klassenkampf, Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit, Gleichberechtigung ... Aber die beiden sind keine Studenten. Er ist der 38jährige Professor am Institut der Wiener Technischen Universität, sie die 32jährige Sekretärin. Er diktiert, sie tippt.

Schon den ganzen Vormittag diktiert er ihr aus einem privaten Forschungsprojekt, das ihm ein schönes Honorar einbringt, ihr dagegen nichts als unbezahlte Überstunden. Plötzlich schreit er sie an: „Verdammt noch mal! Warum hast nicht die Post geholt, wozu bist denn eigentlich da?“ Weil sie nicht zwei Sachen auf einmal machen könne, sagt sie.

Die ersten vier Monate ihrer Anstellung am Institut arbeitete sie, trotz zehnjähriger Dienstzeit beim Bund, ohne fixes Gehalt. Er riet ihr, nicht darüber zu reden, denn das schade dem Betriebsklima, und gab ihr den väterlichen Rat: „Schränk dich halt ein bissel ein, dann geht’s schon!“

Wer an fortschrittlichen Theorien bastelt, will sich nicht auch noch mit der Raunzerei von Tippmamsellen herumschlagen. Etablierte Genossen brauchen Ruhe und Ordnung am Arbeitsplatz, damit sie ungestört über die Gleichberechtigung nachdenken können. In der Fortbildung des österreichischen Berufsförderungsinstituts in Wien lernte sie: „Hierarchie gibt es und wird es immer geben. Damit müssen wir uns abfinden, auch Sie als Sekretärin. Chef ist Chef damit hat sich’s.“ (Vergleiche: „Das grundlegende Sekretärinnenwissen“ von Frank Ullmann und Angelika Roll — wie aus einer Sekretärin wirklich die rechte Hand des Chefs wird ...)

Ihr Vertrag verpflichtet sie, das Institutssekretariat zu führen, Uni-Skripten zu schreiben und in der Bibliothek mitzuarbeiten. Dafür bekommt sie ein monatliches Nettogehalt von 5.500 Schilling. Doch manche der Institutsarbeiten muß sie in unbezahlten Überstunden nach Dienstschluß erledigen, weil der Professor das Institut auch für private Forschungsaufträge von Staat und Industrie benützt, die sie tagsüber korrigiert und tippt. 15 Prozent der Honorare zahlt er in die Kassa „Arbeitsgemeinschaft der Institutsmitglieder“; den riesigen Rest steckt er ein und gibt ihr davon jedes Jahr 30.000 Schilling als Aufbesserung ihres niedrigen Grundgehalts. Also verdient sie monatlich 7.500 netto. Als sie sich gegen die Überstunden (die vom Wissenschaftsministerium per Rundschreiben verboten wurden) zur Wehr setzte, formte er die 30.000 Schilling kurzerhand in eine Abgeltung der Überstunden um — das sind 2.500 im Monat.

Ach, du machst grad Pause!

Sie steht morgens um halb sieben Uhr auf, fährt eine Stunde lang mit der Straßenbahn von der Großfeldsiedlung bis zum Karlsplatz, arbeitet bis 17, oft bis 19 und 20 Uhr und kommt erst um 20 Uhr und später heim. Die halbe Stunde Mittagspause — die Herren des Instituts bleiben gerne stundenlang weg — soll sie mit einem Käsebrot in der Hand neben dem Sekretariatstelefon verbringen. Zündet sie sich nach vier Stunden Maschineschreiben eine Zigarette an, ruft ein Assistent: „Ach, du machst grad Pause! Schreib mir doch schnell die Seite da ab!“ Zeitungen liest sie nur, indem sie dabei so tut, als würde sie Briefe ordnen und die Ablage herrichten.

Kurz vor Arbeitsschluß häuft sich ein Stoß der bis zum letzten Termin aufgeschobenen Papiere von Professor und Assistenten auf ihrem Schreibtisch, die sie bis morgen erledigen soll. Währenddessen beantwortet sie Telefonate, bittet Besucher ins Vorzimmer des Chefs, nimmt ihnen Hut und Mantel ab, serviert Kaffee, läßt sich noch rasch ein paar Briefe diktieren und erledigt Rückanrufe.

Je mehr Arbeit, desto mehr „Autonomie: Sie darf selbst entscheiden, was sie heute erledigt oder bis morgen aufschiebt. Dadurch bringt sie immer jemanden gegen sich auf und wird zum Sündenbock — was sie auch macht, sie macht immer zuwenig. Je mehr Fehler sie vor lauter Streß macht, desto mehr fühlt sie sich verpflichtet, auch sonntags ins Institut zu kommen und die Privatprojekte des Teams zu schreiben: „Einmal selber was zu tippen — das wär ja unter deren Würde!“ Wehrt sie sich, dann heißt es: „Das ist ein Job für robuste Frauen. Wenn’’s dir zuviel wird, mußt halt kündigen. Es gibt genug andere, die das aushalten!“

Pflichtgefühl und Kündigungsangst treiben sie auch mit Schnupfen und Fieber an die Schreibmaschine. Liegt sie zu Hause im Bett, so kommt eine Kollegin mit Essen und sieht nach, ob sie wirklich arbeitsunfähig ist. „Da wird jeder zum Polizisten ...“ Geht sie nach Dienstschluß heim, statt die restlichen Skripten zu erledigen, droht der Professor: „Wennst weiter dein Privatleben der Arbeit vorziehst, wirst keine Karriere machen!“ Eine Kollegin weigerte sich, die Buchhaltung für ein privates Forschungsprojekt des Professors ohne zusätzliche Bezahlung zu übernehmen; sie wurde prompt gekündigt.

Kosmetik, Zählerstand, Reiseschecks

Mit Steh-, Liege- und Hängeablagen, mit drei- bis fünffachen Belegen, die erst nach sieben Jahren im Aktenmüll verschwinden, umzäunt sie das Stückchen heile Welt im genialischen Chaos des Professors. Sie holt, sucht, ordnet, vereinbart, beschriftet, numeriert und befreit ihn so „von unnötigen Tätigkeiten und untergeordneten Überlegungen“ (Berufsförderungsinstitut). Sie schirmt ihn mit Notlügen ab: Der Chef ist grad bei einer Besprechung, der Chef leidet unter Gallenschmerzen, der Chef erholt sich grade im Waldviertel ...

Vor Konferenzen läuft ein Maßnahmenkatalog in ihrem Kopf ab: Teilnehmerlisten zusammenstellen, Einladungen schreiben, Kärtchen für die Sitzordnung anfertigen, für Kleiderablage, Parkplätze und Telefon sorgen — denn jeder Teilnehmer muß während der Konferenz ungestört telefonieren können; Tische fürs Abendessen reservieren, Umlauflisten vorbereiten, Konferenzberichte abfassen und verschicken.

Sie weiß, ob er auf Zugreisen lieber ein Raucher- oder ein Nichtraucherabteil, lieber einen Fenster- oder Gangplatz hat; sie liest in Schreibpausen Kursbücher, Reisebüroprospekte, Impfgesetze; sie hält Kontakt zu ÖBB und AUA, besticht Schlafwagenschaffner ausgebuchter Züge, geht mit der Checkliste der Reiseutensilien ihres Chefs schlafen: Kleidung, Schmuck, Arzneien, Kosmetik, Schreibzeug, Ausweise, Verbandzeug ... An ihr liegt es, ob seine Reise reibungslos verläuft. Sie sorgt für Fahrkarten und Platzkarten, für Zuschlagskarten und Bettkarten, für Landkarten und Theaterkarten. Wichtig sind Stadtplan, Hotelführer und Reiseschecks. „Sie haben alle Unterlagen — und zwar bis ins einzelne — für seine Reise vorzubereiten“ (Berufsförderungsinstitut).

Kataloge, Muster und Preislisten numerieren und kennzeichnen! Nach Sachgebiet, Zeitpunkt des Gebrauchs und Häufigkeit der Verwendung ordnen! („Damit der Chef keine Zeit mit langwierigem Suchen verliert ...“) Alle Angaben in Klarsichthüllen! Durchschläge behalten! Achtung: DIN-A4Größe! Reisekostenabrechnungsbelege sammeln! Angaben aus dem Fahrtenbuch ordnen: Daten, Reiseziel, Zählerstand, Treibstoffkosten! Achtung: Dem Chef helfen, soviel als möglich von der Steuer abzusetzen!

Immer Dame, Schweiß ableiten

Laut Berufsförderungsinstitut ist die perfekte Sekretärin „immer eine Dame“. Sie hat „aus ihrem Gehirn eine einzigartige Gedächtnismaschine gemacht. Sie verliert nie die Geduld, ist jeder Situation gewachsen und trotz großer Spannungen immer freundlich. Sie hat Takt, zeigt menschliche Wärme ohne Übertreibung, ist weder kühl noch launisch“, sondern schirmt die Launen des Chefs diskret ab. Sie wird neben einem gehetzten Chef zur Pedantin, erinnert den Eigenbrötler mit sanftem Druck an den Alltag, schließt das Zimmer des Keifenden und behält seine rührenden Schwächen ganz für sich. Sie erspart dem Morgenmuffel ihren Anblick und legt ihm sauber getippte Mitteilungen ins Büro, liest dem Schweigsamen die Worte von den Lippen ab, nimmt dem Unordentlichen alles aus den Händen, blättert beim Frühstück im Wirtschaftsteil der Zeitung und überrascht den Hobbyaktionär, daß seine Aktien gestiegen sind ... „Es ist Ihre Pflicht, sich auf den Chef einzustellen, nicht die des Chefs, sich seiner Sekretärin anzupassen.“

Sie errät, ob er sie lieber appetitlich oder verrucht mag, lieber in weißen Blusen oder in engen Pullis, denn: „Ihr Chef soll ruhig merken, daß Sie eine Frau sind.“ Im Berufsförderungsinstitut wird ihr geraten, sich „mit warmem Wasser und einer ordentlichen Seife zu waschen“ und Dauerwellen und Kosmetika zu verwenden, „auch wenn diese Allergien auslösen können“. Denn „von diesen fraulichen Eigenschaften ist Ihr berufliches Können abhängig ...“ Sehr beanspruchte Sekretärinnen sollen sich die Augenbrauen nicht auszupfen, mit der Begründung, „da diese ja den Schweiß seitwärts am Auge vorbeileiten“!

Am Institut der Technischen Universität gehört es dagegen zum guten linken Ton, sich zur Vorhut der Feministen zu zählen. Dies wird dadurch dokumentiert, daß die Assistenten sich ihren Kaffee selber kochen und der Sekretärin dabei einen wehen Blick zuwerfen. Noch Progressivere sind aber schon wieder Antifeministen: Sie haben den jahrelangen Anblick schmuddeliger Jeans-Studentinnen satt und wünschen sich eine adrette Sekretärin. Trägt sie Jeans, heißt es: „Geh, zieh doch das blöde Terroristengwandl aus!“ Trägt sie Faltenrock und weiße Bluse, feixt man: „Ei, ei — so weiblich heute!“ Am liebsten sieht man sie mit aufgesteckten Haaren, tiefem Ausschnitt und orientalischem Halsschmuck, „so richtig reif“ ... Für den Professor soll sie ihr Büro mit Blumen schmücken. „damit das hier ein bissel weiblich ausschaut“. Unlängst träumte sie, er sei von einem Berg gestürzt und tödlich verunglückt. „Ich war fürchterlich erleichtert.“

Die abgelegten Kleider der Frau Professor

Wie überall sind die Frauen auch auf der TU unten, die Männer oben. Die Männer sind Professoren, Dozenten, Assistenten, haben hohe Gehälter — die Frauen sind Verwaltungsbeamte, Sekretärinnen, Putzfrauen mit niedrigen Gehältern; insgesamt sind an der Wiener TU 1.106 Männer und 322 Frauen beschäftigt. Fast alle Frauen (287) sind Vertragsbedienstete: Sekretärinnen, Putzfrauen, Schreibkräfte, und sie verdienen nicht mehr als die Heizer, Laborgehilfen und Hilfsarbeiter. Dagegen sind zwei Drittel der Männer in den höheren Berufen.

Konkurrenzdruck, Angst und ungleiche Privilegien trennen die Sekretärinnen untereinander. So ließ beispielsweise eine Chefsekretärin ihre Kollegin, um sie loszuwerden, von einem Arbeitsplatz zum andern versetzen, bis diese vor lauter Anpassungsschwierigkeiten solche Fehler machte, daß der Kündigungsgrund „Unfähigkeit“ erfüllt war und sie dann von selber ging.

Gewerkschaftlich organisierte Sekretärinnen sind bei den Professoren nicht beliebt. Als eine Kollegin einmal mit ihrem Chef darüber sprach, meinte er: „Du brauchst dir da deine Ganglien nicht anstrengen. Zwischen acht und vier machst, was ich dir sag, und basta.“

Da Überstunden offiziell verboten sind, halten die Vorstände ihre Schreibkräfte mit Geschenken bei der Maschine: Bonbonnieren zu Weihnachten; Geld; die abgelegten Kleider der Frau Professor; die Erlaubnis, während der Sommerferien früher heimzugehn ... Manche geben ihrer Sekretärin auch monatlich einen Tausender drauf; bezahlte Überstunden brächten mehr.

Die Bundesministerien sind darin schon einen Schritt weiter. Sie zahlen den Schreibkräften von vornherein einen noch geringeren Grundlohn und zwingen sie zu Überstunden, um auf den Durchschnittsgehalt zu kommen. Auf immer kleinere und monotonere Arbeitsbereiche beschränkt, sitzen sie dann zu zwölft in einer Schreibstube und unterstehen anstatt Vorgesetzten dem „Sammelkorb“: Hier legen namenlose Beamte die Papiere, die abgetippt werden sollen, stumm hinein und holen die fertigen wieder stumm ab. Die fortschreitende Rationalisierung normt jeden Vorgang, schaltet persönliche Beziehungen aus und macht aus einer Frau eine Fließbandarbeiterin, die nicht mehr weiß, weshalb sie was für wen macht.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1979
, Seite 54
Autor/inn/en:

Cornelia Frey:

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