FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 190
Ivan Illich • Gerhard Kornat (Übersetzung)

Entmythologisierung der Schulpflicht

Eingeleitet und übersetzt von Gerhard Kornat, Bogotá

Voltaire hat seiner Generation gezeigt, daß eine Kultur ohne Gottesgnadentum der Könige und ohne zentralisierte Kirche bestehen kann. Ich möchte meine Generation zu einer Gesellschaft ohne traditionelles Schulsystem überreden.

Ivan Illich spricht diese Sätze so beiläufig, daß ihre Tragweite erst Sekunden später auffällt. Der hochaufgeschossene, schlanke, unendlich charmante Exmonsignore, Burgenländer, vom Wiener Raum geprägt, theologisches Doktorat der Universität Salzburg, definiert sich damit als konsequentester Kulturrevolutionär im heutigen Lateinamerika.

Seine Abneigung gegen die Pflichtschule reicht so tief, daß er es vorzieht, im Freien zu dozieren, zusammengekauert unter einem Zapotebaum im sonnenüberfluteten Garten seines CIDOC-Instituts. Der Blick schweift von hier über das müßiggängerische Cuernavaca, über flimmernde Ebenen mit weichen Hügeln, trifft im dunstigen Horizont auf den schneebereiften Kegel des Popocatepetlvulkans.

Nebenan drängen sich in der Cafeteria des Instituts Nord- und Südamerikaner: Sprachstudenten, Besucher, Gäste, Mitglieder des Instituts, Neugierige, politisch Engagierte, Berufsrevolutionäre. Der gewagteste Minirock ist selbstverständlich; ebenso selbstverständlich, daß die zahlreichen Kleriker, die auf eigene Faust CIDOC besuchen, die Soutane gegen das Sporthemd umtauschen.

Lateinamerikas Zukunftsvögel pilgern unablässig nach Cuernavaca, um Illich zu treffen. Sie beobachten seit Jahren den Mißerfolg aller traditionellen Entwicklungsprojekte und wollen sich im Treffpunkt CIDOC zum noch nicht Gedachten inspirieren lassen.

Außerhalb Lateinamerikas wird CIDOC noch mit der Affäre gleichgesetzt, die im Jänner dieses Jahres aufbrach, als der Vatikan allen geweihten Mitgliedern der Kirche die Mitarbeit an Illichs Projekten untersagte. In Cuernavaca wird der Fall unterspielt. „Reden wir nicht vom Fall Illich; er ist so nebensächlich!“ Illich, der diese Worte spricht, macht eine fahrige Handbewegung, um den Schatten auf seinem vergeistigten und doch so weltoffenen Gesicht zu verdecken. „Im Vatikan hat man einfach nicht begriffen, daß CIDOC als unabhängige akademische Gemeinschaft kirchliche Unterstützung weder benötigte noch suchte. Sprechen wir also von der Gegenwart, von der Zukunft: Wir wollen Alternativen für das traditionelle Schulsystem entwickeln, um Lateinamerika aus seiner Sackgasse herauszuführen.“

Zwischen 1960 und 1968 hatte Illich sich mit seiner Jüngergruppe um die „Entsakralisierung“ der sichtbaren Kirche bemüht. Die Vorschläge liegen nun vor. Anderen überläßt Illich das Ausführen der Vorlagen. Er selbst ist bereits unterwegs zu neuen Grenzen: Auf die Entsakralisierung der Kirche soll die Entsakralisierung der Pflichtschule folgen.

Soziologen und Pädagogen wie Peter Berger, Everett Reimer, Seymour Menton, Paolo Freire und Vera Jaccoud unterstützen ihn dabei. Das „Junge Lateinamerika“ folgt dem Experiment mit Enthusiasmus.

Ausgangspunkt sind 15 Jahre Entwicklungshilfe in Lateinamerika, wobei der Akzent immer auf Erziehung lag. Schulen sollten die ländlichen und städtischen Massen aus ihrer Marginalität befreien, in die moderne Gesellschaft integrieren. Illich glaubt genügend Beweismaterial für die These zu haben, daß die Modernisierung Lateinamerikas mit der traditionellen Schule nicht erreicht werden kann. Von den 250 Millionen Lateinamerikanern schafft nur ein Prozent den Aufstieg zur Hochschule. Selbst verdoppelte oder verdreifachte Erziehungsbudgets würden daran wenig ändern.

Der „liberale“ Mythos von der Heilskraft allgemeiner, kostenloser Erziehung, in Europa und Nordamerika gezüchtet, versagt in der südlichen Hemisphäre. Ivan Illich diagnostiziert die Pflichtschule als heilige Kuh, als Ritual, als „rite de passage“, dessen Charakteristikum ihm das jahrelange Sitzen zu sein scheint. Valentina Borremans, Illichs Mitarbeiterin und amtierende Direktorin von CIDOC, definiert das Problem mit beißenden Worten:

Kostspielige kostenlose Schule

Wir müssen zwischen Scholarisierung — als Chiffre für das traditionelle Schulsystem — und Erziehung unterscheiden. Scholarisierung vereint gewisse Merkmale, die Befreiung durch Erziehung verhindern. Scholarisierung als institutionalisiertes System verkörpert einen bestimmten sozialen Prozeß, dessen Bestand sich mit Erziehung rechtfertigt und vermischt. Scholarisierung konsolidiert die Privilegien einer Minorität, aber lehrt auch alle anderen Schulbesucher, die jedoch ohne Abschlußprüfung bleiben, deswegen politisch, gesellschaftlich, beruflich nachhinken.

Scholarisierung ist eine ebenso heilige Institution wie vor ungefähr 200 Jahren die Kirche. Die ganze Welt glaubt, Scholarisierung stelle ein System vor, zu dessen Wohltaten alle gleichen Zugang haben. In Wirklichkeit handelt es sich um ein ritualistisches System, das den Auseinanderfall der Gesellschaft rechtfertigt. Die Scholarisierung kann mit der Zusammenarbeit derjenigen rechnen, die sie letztlich ausbeutet, weil jedermann überzeugt ist, Scholarisierung sei mit guter Erziehung gleichzustellen. Soll die Befreiung Lateinamerikas mit der progressiven Schulung aller erzielt werden, muß der Mythos von der Notwendigkeit der Pflichtschule zerstört werden.

Ivan Illich überraschte im Juni 1969 die Promotionsklasse der Universität von Puerto Rico mit der auf den kommenden Seiten gedruckten Rede, in der Entsakralisierung der Kirche und Entsakralisierung der Schule zusammenfließen. Puerto Rico, diese englisch-spanische Mixtur, gibt dabei das Modell für ganz Lateinamerika ab.

Illich trat nach der Affäre mit dem Vatikan unwiderruflich in den Laienstand zurück, entsagte allen priesterlichen Privilegien, hält jedoch den Zölibat, arbeitet weiterhin mit dem Bischof von Cuernavaca, Monsignore Sergio Mendez Arceo, einem der offensten Lateinamerikas.

Don Sergio hielt sich im Frühsommer in Rom auf. Bei seiner Rückkehr nach Cuernavaca berichtete er, der Heilige Vater habe sich sehr für das „Illich-Problem“ interessiert; eine gute Regelung stünde nahe bevor. [1]

G. K.
Ivan Illich: Rede anläßlich der Promotionsfeier (Graduation) der Universität von Puerto Rico in Rio Piedras, Puerto Rico, 6. Juni 1969

Diese Promotionsfeier fällt in die Krise der Schule. Ich bin der Ansicht, daß das „Schulalter“ in der Geschichte der westlichen Welt zu Ende geht. Ich spreche vom „Schulalter“ in derselben Weise, wie wir früher von der „Feudalzeit“ oder von der „Ära des Christentums“ geredet haben. Das Schulalter der westlichen Kultur bildete sich vor etwa 200 Jahren aus. Es etablierte sich der Glaube, der Schulbesuch aller Kinder sei notwendig, um sie in nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu verwandeln. Ihrer Generation, meine Herren Graduierten, steht es zu, sich mit diesem Mythos auseinanderzusetzen. Ihre Situation kann als Paradox verstanden werden: Jetzt, da Sie Ihre Studien abschließen, beginnen Sie zu begreifen, daß die Erziehung, welche Ihre eigenen Söhne verdienen und die sie vielleicht fordern, eine Revolutionierung der Schule voraussetzt.

Der Ritus, den wir heute feiern, untermauert die Vorrechte, welche die Gesellschaft von Puerto Rico mittels eines sündteuren Systems kostenloser Schulen den Söhnen der privilegierten Bürger verleiht. Sie, meine Herren Graduierten, gehören zu den glücklichen zehn Prozent Ihrer Generation. Die Gesellschaft investierte für Ihre Erziehung fünfzehnmal mehr als für die zehn Prozent der Vernachlässigtsten. Die Armen Ihres Landes kamen nicht einmal über die vorletzte Klasse der Volksschule hinaus.

Der Ihnen heute von der Universität verliehene Titel bedeutet, daß Sie während mehr als 16 Jahren und für mindestens 14.463 Stunden von Ihren Vorgesetzten gezwungen wurden, sich zu unterwerfen. Freiwillig oder weniger freiwillig nahmen Sie an dem komplizierten Ritual teil. Sie hielten sich im geheiligten Bezirk der Schule täglich mehrere Stunden, wöchentlich fünf Tage, jährlich neun Monate auf; dies (mit wenigen Ausnahmen) bis zum heutigen Tag ohne Unterbrechung. Die Regierung, die Industrie und die Berufsvereinigungen nehmen daher an, daß keiner von Ihnen die Ordnung untergräbt, die Sie für treues Befolgen aller Regeln in den Jahren Ihres „Initiationsritus“ belohnt. Während eines Großteils Ihrer Jugend unterstanden Sie der Schule. Man nimmt an, daß Sie nun in das Leben und in den Beruf hinaustreten, um den zukünftigen Eliten ähnliche Vorrechte und Privilegien zu übermitteln.

Puerto Rico gibt als einziges Land Amerikas 30 Prozent seines Budgets für Erziehung aus. Puerto Rico ist eines der sechs Länder, die für die „Scholarisierung“ zwischen sieben und neun Prozent des Nationaleinkommens verwenden. Die Schulen in Puerto Rico beschäftigen mehr Leute und verbrauchen mehr Geld als jede andere bürokratische Sparte. In keinem Bereich der sozialen Aktivität wird die größtmögliche Beteiligung aller Bürger von Puerto Rico so sehr gerechtfertigt. Tausende beobachten uns im Fernsehen. Vielen der Zuschauer wird mit der Wichtigkeit dieses Aktes die eigene Inferiorität beigebracht; ebenso aber auch die falsche Hoffnung, daß eines Tages alle einen Universitätstitel besitzen.

Puerto Rico ist „scholarisiert“. Ich vermeide den Ausdruck „erzogen“. Die Bürger von Puerto Rico können sich keine Existenz ohne Schule vorstellen. Leider weicht jedoch der Wunsch, erzogen zu werden, vor der Begierde zurück, „scholarisiert“ zu sein. Puerto Rico hat sich einem neuen Glauben ergeben, dessen Jünger Erziehung messen, als handelte es sich um ein Produkt, das die Schulen erzeugen: alles ist statistisch meßbar: die Zahl der Jahre, in denen man unter der Vormundschaft eines „Lehrers“ erzogen wurde; die Zahl der richtigen Antworten, die man bei den Prüfungen zu geben wußte. Das Diplom verleiht diesem Produkt Marktwert.

Heute schreibt man dem bloßen Schulbesuch die Macht zu, die disziplinierten Konsumenten einer Technokratie hervorzubringen; früher glaubte man an die Macht der Kirche, für die Kolonien die „christlichen“ Einwohner bereitzustellen. Heute akzeptiert man vom letzten Bauern bis zum Gouverneur die Ideologie der Lehrer; auf ähnliche Weise huldigte man früher der Religion seiner Pfarrer. Heute verwechselt man Schule mit Erziehung wie früher Kirche mit Religion. Das Patronat der offiziellen Institutionen über die Schulen erinnert an das königliche Patronat der spanischen Krone über die Kirche. Die staatlichen Zuschüsse würden dabei den Schenkungen von einst entsprechen.

Der Bedarf an Diplomen weitete sich in Puerto Rico mit solcher Geschwindigkeit aus, daß der Arme seinen Rückstand ebenso mit der „Schulelle“ mißt wie die Universitätsabsolventen die ihnen zustehende Beteiligung an Macht und Privilegien. Nach jüngsten Untersuchungen ist in Puerto Rico unter den Maturanten der Wunsch, die Universität zu besuchen, doppelt so groß wie in den Vereinigten Staaten; in Puerto Rico ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, zur Matura zu gelangen, viel geringer als im Norden.

Die Kluft zwischen Möglichkeit und Erwartung weitet sich; dies wiederum steigert die Frustration der Inselbewohner. Je länger ein Kind in Puerto Rico den Abgang von der Schule hinausziehen kann, desto besser versteht es seinen Mißerfolg. Das Bemühen, Puerto Rico zu „scholarisieren“, trägt — gegen den Glauben vieler — zur Radikalisierung, zur sozialen Polarisation bei, verdeutlicht überdies für alle Bürger von Puerto Rico ihre Inferiorität gegenüber den Vereinigten Staaten.

Ihrer Generation, meine Herren Graduierten, steht es zu, für Puerto Rico ein radikal neues Erziehungssystem zu schaffen. Sie müssen sich fragen, ob das Volk von Puerto Rico sich tatsächlich und unwiderruflich in ein williges Werkzeug seiner Lehrer verwandeln will. Sie müssen sich entscheiden, ob Sie Ihre eigenen Söhne einer Schule anvertrauen, welche ihre Respektabilitit im Gutachten der Nordamerikaner sucht; einer Schule, die sich mit dem Ausbilden von Arbeitskräften rechtfertigt; deren Funktion sich auf die Erlaubnis beschränkt — freilich nur für die Söhne der Mittelklassen —; „to live up to the Joneses in New York“.

Die Schule ist die große heilige Kuh von Puerto Rico. Die Aufgabe Ihrer Generation besteht darin, bei dem Versuch der Konkretisierung der Freiheit ein neues Erziehungssystem zu schaffen, welches von dem anderer Gesellschaften, deren Entwicklung in der „Schulzeit“ erzielt wurde, völlig abweichen muß.

Das Vorhaben ist schwierig. Die „Scholarisierung“ besitzt bereits ihre Folklore. Ein Aufzug togenbekleideter akademischer Würdenträger erinnert an die Prozessionen der Kleriker am Fronleichnamstag; die eine, heilige, katholische, apostolische und spanische Kirche sieht sich von einem neuen Ritual verdrängt, von der tabuisierten, universellen, traditionellen und nordamerikanischen Pflichtschule.

Die „Alma Mater“ ist die neue „Santa Mater“. Wie unsere Vorväter glaubten, die Macht der Taufe würde die „Mohren“ vor der Hölle retten, so glauben wir heute an die Promotionsfeier, die alle Macht besitzt, die Armen aus dem Elend zu retten.

Freilich springt der Unterschied zwischen beiden Credos ins Auge: Das Befolgen der Schulriten ist mühseliger und anstrengender als das Befolgen der religiösen Riten in den schlimmsten Momenten der spanischen Inquisition.

Die Schule verkörpert eine „säkulare Kirche“; sie entspricht einem Zeitalter im Endstadium. „Scholarisierung“ setzte vor 200 Jahren als Kreuzzug ein, um alle Kinder des damals entstehenden nationalen Industriestaats zu integrieren. Dieses Gesellschaftsmodell entwickelte sich; die Schule fand darin ihren „institutionalisierten“ Platz. In den industriellen Metropolen integrierte die Schule die Nationen. Ebenso stützte sie in diesen Gesellschaften wie auch in den von ihnen dominierten Kolonien in Afrika, Asien und Lateinamerika die dominierenden Klassen ab; ebenso lehrte die Schule den Massen, am Rande zu stehen und die angebliche Superiorität ihrer Herren anzuerkennen, da diese ja „scholarisiert‘“ waren.

Tanz um das heilige Schulkalb

Weder den Nationalstaat noch die Industrien der vorkybernetischen Ära kann man sich ohne „Schultaufe“ der Kinder vorstellen. In diesen Gesellschaften denunziert man denjenigen, der beim Schulritus nicht mitmachen will, als „Deserteur“ und „Delinquent“; auf ähnliche Weise hat man früher die „Mohren“ als „Sünder“ angeschwärzt.

Ich hoffe, wir befinden uns in der Phase der Überwindung der Industrienation. Wir können nicht überleben ohne Preisgabe der anachronistischen Verwirrung von nationaler Souveränität, industrieller Autarkie und kulturellem Narzißmus; sie alle sind die ideologischen Abfallprodukte der Schulen. Nur in den Schulen kann den jungen Menschen so viel fanatischer Glaube beigebracht werden.

Meine Herren Graduierten: Ich glaube, Ihre Enkel werden auf einer Insel leben, auf der die überwiegende Mehrheit auf Schulbesuch nicht mehr Wert legt als heute auf den Besuch der Messe. Noch sind wir von diesem Ziel weit entfernt; bemühen Sie sich jedoch bitte darum, ohne sich vor der Denunziation als Häretiker, Subversive und Undankbare zu fürchten. Ich weiß nicht, ob Sie das Wissen tröstet, daß ein Mitglied der sozialistischen Industriegesellschaften, das ähnlich denkt, ebenso als Subversiver angesehen würde.

Ich nehme an, daß am Ende des Jahrhunderts die „Schule“ eine historische Erinnerung sein wird, eine Mode, welche sich parallel zu Eisenbahn und Privatautos entwickelte; eine Mode, die gleichzeitig mit dieser Art von Fortbewegungsmitteln verschwindet. Ich bin überzeugt, daß die „Schule“ im Erziehungsprozeß der nahen Zukunft einen ebenso nebensächlichen Platz einnimmt wie heute etwa die Medizinmänner im Gesundheitswesen.

Ich glaube, daß eine radikale „Entscholarisierung“ der Erziehung bereits im Gang ist. Der Trend nährt sich aus drei Richtungen: aus den Ghettos der großen Städte, aus den Universitäten, aus der dritten Welt. In der dritten Welt diskriminiert die Scholarisierung die Mehrheit und entmutigt den Autodidakten. In den Ghettos sagen viele Neger, die Schule sei ein Instrument, um sie in „weiße Bürger“ zu verwandeln. Auch die zukunftsoffenen Studenten machen uns bereits darauf aufmerksam, daß die traditionelle Schule die Jugend langweilt und sie von der Realität fernhält. Es handelt sich dabei ohne Zweifel um Karikaturen, doch das Erziehungstabu erschwert tatsächlich das Aufspüren der tieferliegenden Wirklichkeiten. Der Kritik unserer Studenten am Lehramt kommt ebensoviel Gewicht zu wie der Kritik unserer Großväter am Klerus.

Die Entscholarisierung der Erziehung wie die Entmythologisierung der Schule muß in Analogie zur Säkularisierung des Christentums und zur Entmystifizierung der Kirche verstanden werden. Im Namen echter Erziehung wird heute gegen eine Lehrtätigkeit aufgestanden, die Teil eines Marktsystems ist; zu anderen Zeiten kämpften die Reformatoren im Namen der christlichen Botschaft gegen einen an der Macht engagierten Klerus. Der Handlangerdienst für ein Produktionssystem — um welches es sich auch handeln mag — bedrohte jederzeit die christliche Verkündigung. Auf ähnliche Weise wird davon heute der zukünftige Erzieher unter Druck gesetzt.

Viele Universitätsbewegungen sowie einige nationale Befreiungskämpfe beziehen sich auf ein psychologisches Phänomen, auch wieder in Parallele zu den großen religiösen Reformationsbewegungen. Es handelt sich dabei — in biblischer Terminologie — um das Zurückweisen der großen Mutter, weil sie sich an den Königshöfen als Hure anbietet. Heute heißt sie „Schule“; früher Israel oder die Kirche.

Zu allen Zeiten hing die Lebenskraft der Kirche von der Sensibilität der „Oberhirten“ gegenüber dem Aufbegehren der Gläubigen ab, die mit dem Versteinern des Ritus ihre Imagination geschwächt sahen. Die Kirchen, die zu keinem Dialog zwischen den großen Priestern und den Dissidenten fähig waren, verwandelten sich in Museen; das gleiche wird der Schule passieren.

Noch sind wir nicht fähig, uns die Erziehungsform der Gesellschaft von morgen vorzustellen. Auch die großen Reformer früherer Epochen kannten keineswegs die künftige Lebensform, die ihrem Protest entspringen sollte. Aber die Besorgnis, daß die neuen Modelle wiederum Alpträume hervorrufen könnten, darf uns nicht gleichgültig für die Not der Gegenwart machen.

Die ältere Generation hat bei ihrem Versuch, durch die allgemeine Schulpflicht eine egalitäre Gesellschaft zu schaffen, den falschen Weg eingeschlagen. In Puerto Rico scheiden drei von zehn Schülern aus der Volksschule, bevor sie die letzte Klasse erreichen; nur jedes zweite Kind der ärmeren Schichten schafft ein Abschlußzeugnis für die Elementarerziehung. Die Hälfte aller Väter unterliegen daher einer traurigen Illusion, wenn sie glauben, ihre Kinder würden mehr als eine winzige Chance haben, zur Universität aufzusteigen.

Die staatlichen Gelder werden direkt den Schulen zugeleitet; die Schüler besitzen keinerlei Kontrollmöglichkeit. Die Fiktion von der Gleichheit aller auf dem Schulsektor gilt dafür als Rechtfertigung. Wegen der hohen Kosten der von beruflichen Pädagogen (die zudem meistens im Ausland studiert haben) entworfenen Erziehung ist diese „Gleichheit“ ein Schwindel; zwar profitieren davon alle Lehrer; ansonsten begünstigt sie nur die Bürger, die sich die Universität leisten können. Gerade unsere Hartnäckigkeit, die „kostenlose Schule“ zu finanzieren, führt die Gelder aller den Kindern einiger Privilegierter zu.

Ich bin der Ansicht: jeder Schüler von Puerto Rico soll den gleichen Anteil aus dem Erziehungsbudget erhalten. Das ist etwas völlig anderes als ein versprochener Platz auf der Schulbank. Nehmen wir ein Beispiel: einem Jungen mit 13 Jahren, der nur vier Jahre lang in die Schule ging, soll mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden als einem Gleichaltrigen mit bereits acht Jahren Schule. Je weiter ein Schüler zurückfällt, desto notwendiger ist es, ihm dieses Recht zu garantieren. Würden wir in Puerto Rico damit Ernst machen, würde die „kostenlose Erziehung“ über Nacht verschwinden. Schickten wir alle in die Schule, würden die vorhandenen Gelder nicht einmal für ein volles Jahr reichen.

Die Situation ließe sich noch augenfälliger demonstrieren, wenn man das vorhandene Erziehungsbudget nicht nur unter den schulpflichtigen Kindern aufteilt, sondern unter allen Bürgern von 5 bis 24 Jahren; es handelt sich dabei um die Periode zwischen Kindergarten und Doktorat, zu dem offziell alle freien und gleichen Zutritt besitzen.

Uns bleiben drei Alternativen: Wir könnten alles beim alten lassen, freilich auf Kosten von Gerechtigkeit und Gewissen; wir könnten die zu Verfügung stehenden Gelder ausschließlich für die Erziehung der Kinder minderbemittelter Familien verwenden; oder wir könnten die vorhandenen Mittel dazu benützen, allen tatsächlich gleichen Zugang zur Erziehung im Rahmen des Möglichen zu verschaffen. Den Reichen stünde es frei, ihre Quote mit privaten Spenden aufzubessern und ihren Söhnen das zweifelhafte Privileg einer Promotionsfeier, wie wir sie heute begehen, zu verschaffen. Die Ärmeren werden ohne Zweifel die ersparten Mittel für wirksamere und billigere Erziehungsformen verwenden.

Von den großen Positivisten und Liberalen erbten wir das Prinzip, öffentliche Gelder direkt der Schuladministration zuzuführen, um sie nach dem Urteil hauptberuflicher Pädagogen zu benützen; auf ähnliche Weise wurde früher der Zehent der Kirche zugeleitet, um von den Pfarrern ausgewertet zu werden. Ihnen, meine Herren Graduierten, fällt nun die Aufgabe zu, gegen die „kostenlose Erziehung“ im Namen echter Gleichheit auf dem Erziehungssektor aufzustehen.

Die Absicht öffentlicher Schulbildung darf nicht weniger umfassend als die der Kirche sein: Schulbildung muß einen Raum schaffen, in dem die Gesellschaft das Individuum zu seiner Selbstfindung herausfordert. Ein Bereich innerhalb der Gesellschaft muß möglich sein, in dem jeder von uns zur Überraschung fähig wird.

Meine Freunde, Sie müssen uns und sich selbst mit dem Erziehungsmodell für Ihre Söhne überraschen. Wir erhoffen unsere Rettung von der Überraschung, die uns der Nächste bereitet. Lernen wir, jederzeit für zusätzliche Überraschungen bereit zu sein. Ich habe mich vor geraumer Zeit für das Warten entschieden, mich vom ANDEREN bis zum letzten Lebensakt und vor allem im Tod überraschen zu lassen.

[1Das Inquisitorium, das dem damaligen Monsignore Illich von Dinosauriern im Heiligen Offizium zugemutet wurde, veröffentlichten wir im Wortlaut: „93mal Inquisition. Fragen an Ivan Illich“, NF Mitte Mai 1969. — D. Red.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1969
, Seite 535
Autor/inn/en:

Ivan Illich:

Ivan Illich, geboren in Wien, lebte abwechselnd in Mexico City, Guernavaca, Berlin, Göttingen, ab und zu in Salzburg, selten in seiner Heimatstadt. Er war Professor an allen möglichen Universitäten und gilt als der bedeutendste Kulturphilosoph ökologischer Observanz.

Gerhard Kornat:

Foto: Von Edith Darnhofer / Edith Darnhofer, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49421127
Gerhard Kornat lehrte an der Anden-Universität, Bogotá‚ war Korrespondent der „Presse“, lebt nun wieder in seiner Heimatstadt Wien.

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