FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1976 » No. 267
Egon Matzner

Endlich Reformen!

Wider die bürgerliche Hegemonie

Wenn eine Gesellschaft sich selbst nur erkennen kann mit Hilfe eines Funktionärsapparates, dann kann sie auch keine eigene Initiative entwickeln, sondern ist zum Gehorchen verdammt.

Leszek Kolakowski [1]

I. Abbau der Fremdbestimmung

Lockerung der Fremdbestimmtheit der Individuen in Arbeitswelt und Politik ist eine fundamentale Voraussetzung, wenn es gelingen soll, den Akkumulationszwang zu mildern und/oder der Finanzkrise des Staates auf demokratischem Weg zu begegnen.

Wachstumsrückgang — unter dem Druck der Ökologie oder der Weltpolitik (3. Welt!) — erfordert annähernd proportionalen Rückgang der Investitionen. [2] Das erzeugt Arbeitslosigkeit sowie einen starken Fall der Profite und damit der Kapitalrentabilität. Um beides zu verhindern oder zumindest zu mildern, sind Staatsaufträge, aber auch Arbeitszeitverkürzung notwendig. Um Investitionsrückgang durchzusetzen und den kompensatorischen Staatsaufträgen entsprechenden Inhalt zu geben, darf die Entscheidung darüber nicht den Unternehmensleitungen, Politikern und Bürokraten überlassen bleiben. In den Verhandlungsprozeß sind vielmehr die Arbeitenden mit einzubeziehen.

Eine solche Reformpolitik führt zu einer grundlegenden Veränderung der ökonomischen Entscheidungsverhältnisse. Wegen den damit verbundenen Vorteilen muß weiterhin die Möglichkeit zu dezentralen Initiativen aufrechtbleiben. Dennoch ergibt sich eine Schwächung der Marktallokation: Die durch den Markt lautlos, gleichsam „naturgesetzlich“ vollbrachte Koordination der Einzelpläne wird schwieriger, weil bei der Koordination durch Verhandeln (Mitbestimmung) Interessenkonflikte offen zutage treten.

Auch in der Politik scheint Abbau der Fremdbestimmtheit Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Demokratie. Die tendenzielle Finanzkrise des Staates führt zu einem Dilemma:

  • Abbau der Leistungen des Staates quantitativ und/oder qualitativ bedeutet Funktionsstörungen im Produktions- und/oder Haushaltsbereich.
  • Aufrechterhaltung von Loyalität der „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“ durch ausreichende staatliche Leistungen steigert den Steuerwiderstand und das politische Konfliktniveau, denn solche Leistungen können nur aus dem Lohn und/oder Profitanteil finanziert werden.

Die Beschäftigungsprobleme werden langfristig zunehmen, während im technologisch fortschrittlichen Sektor die Arbeitsproduktivität weiterhin wächst. Daraus ergibt sich die Möglichkeit einer weiteren Arbeitszeitverkürzung. Zugleich erhöhen sich selbst bei gleichbleibenden personengebundenen Leistungen die Finanzierungsprobleme, vor allem im öffentlichen Sektor. Aus diesen Gründen erscheint eine neue Reformperspektive naheliegend: Die durch Arbeitszeitverkürzung vermehrte Freizeit sollte auch genützt werden zur gesellschaftlichen Selbstorganisation von Aufgaben, die bisher zunehmend dem öffentlichen Sektor übertragen wurden.

  • Warum nicht die Betreuung von Kindern, Alten, Kranken dort, wo es möglich ist, wiederum näher an jene Orte heranzuführen, wo tägliches Leben stattfinden sollte: nämlich am Wohnort oder am Arbeitsort?
  • Warum nicht Wohn- und Arbeitsort zusammenrücken, wo immer möglich? Warum nicht Erziehung und Ausbildung neu verteilen zwischen Familie, Schule und Arbeitswelt? Derzeit erleben die Menschen während eines immer größeren Teils ihres ersten Lebensdrittels soziale Wirklichkeit durch entfremdete Ausbildung: aus der Talmiperspektive der Schulbank und des Schulbuches, separiert von jeder Berufs- und Lebenserfahrung.
  • Warum nicht Städte, Gemeinden, Regionen planen, die bei weniger Verkehrsbedarf besser funktionieren?

Es läßt sich zeigen, daß die Ursachen wachsender Staatsaufgaben und -ausgaben meist in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Organisation liegen. „Die Finanzen sind“, schreibt Schumpeter, „einer der besten Angriffspunkte der Untersuchung des sozialen Getriebes, besonders, aber nicht ausschließlich, des politischen. Namentlich an jenen Wendepunkten — oder besser Wendeepochen —, in denen Vorhandenes abzusterben und in Neues überzugehen beginnt und die auch stets finanzielle Krisen der jeweils alten Methoden sind, zeigt sich die ganze Fruchtbarkeit dieses Gesichtspunktes.“ [3]

Selbstorganisation, kooperative Erfüllung und menschenbezogene Planung könnte wenigstens teilweise an die Stelle der alten Methoden treten, nämlich der staatlich-bürokratischen, immer auch bevormundenden Besorgung öffentlicher Aufgaben. Eine solche Reformperspektive ist nicht identisch mit privater oder christlicher „Charity“, geübt von mildtätigen Mitgliedern der Oberklasse, noch auch mit vollständiger Auflösung staatlicher Aufgaben. Es ginge nicht um Mildtätigkeit, sondern um soziale Pflicht, deren Erfüllung um so erfolgreicher wäre, je weniger sie verordnet sein müßte. Die staatlichen Aufgaben bestünden vor allem darin, jene Leistungen zu erbringen, die sich der Selbstorganisation entziehen, wie etwa die instrumentelle Medizin.

Dazu käme die Sisyphusarbeit, das Sachsystem [4] allmählich umzubauen: jene Verteilung von Arbeitsplätzen und Wohnstätten, welche heute die maßgebende Ursache ist für Kleinhaushalt, Vereinzelung, Mobilitätsansprüche. Dieses Sachsystem ist das Komplement zur Bevormundung durch entfremdete Politik.

Der Staat ist kein über den Interessen stehender Interventionsmechanismus. Er ist aber auch keine bloße Agentur der einflußreichen Kapitalisten, kein „ideeller Gesamtkapitalist“, wie das die kommunistische Doktrin des Staatsmonopolkapitalismus (STAMOKAP) unterstellt. Zwischen (a) staatlichen Normen und Interventionen zur Aufrechterhaltung der Stabilität der gesellschaftlichen Institutionen (Eigentum, Kontraktsystem) und (b) privaten Dispositionen der Unternehmungen im Produktionssektor und der Individuen im Haushaltssektor liegen (c) tradierte, nur langsam sich verändernde Institutionen und Verhaltensweisen mit mehr oder weniger losen Beziehungen und fließenden Übergängen zu jenen beiden Primärbereichen. Deren gegenseitige Bedingtheit ist die Grundhypothese des Marxschen historischen Materialismus, wobei in letzter Instanz die gesellschaftlichen Verhältnisse im Produktionsbereich dominieren. Die Marxsche Hypothese bietet ein Erklärungsmuster, das nicht für jeden Einzelfall gilt, wohl aber alle Einzelfälle in einen größeren Zusammenhang stellt, demgegenüber die STAMOKAP-These als Karikatur erscheint.

Gramsci verwendete für den theoretisch diffusen, aber praktisch manifesten, komplexen sozio-kulturellen Bereich (c) den Terminus „Hegemonie“. Die dominierenden Werte dieses Bereichs bilden gleichsam das Stützgewebe gesellschaftlicher Stabilität. In Perioden des Übergangs ist dieses sozio-kulturelle Hegemoniesystem von ausschlaggebender Bedeutung.

II. Triebkräfte der Reform

Aus den vorliegenden Problemen und Konfliktbereichen folgt mit Sicherheit, daß eine lineare Fortentwicklung des Bestehenden in den nächsten Jahrzehnten weniger denn je möglich ist. Gesellschaftsreform wird zwingend. Es bleibt die Wahl zwischen Anpassungsprozessen, die allmählich und friedlich vor sich gehen, und solchen, die abrupt und vermutlich gewaltsam erfolgen, durchgesetzt in schweren Krisen und meist verbunden mit unermeßlichem menschlichem Leid, wie dies etwa R. Heilbronner prophezeit. [5] Aus der Notwendigkeit von Gesellschaftsreform darf nicht auf eine automatische Entwicklung zum Sozialismus geschlossen werden. In manchen entwickelten Industrieländern gibt es im Gegenteil Tendenzen zu einem „präventiven Faschismus“ (H. Marcuse [6]). Auch realistische Politiker wie Olof Palme haben eine solche konkrete „Schreckvision“.

Auch in Staaten wie Österreich, wo die sozialdemokratische Partei auf vielen Ebenen an die Herrschaft gelangt und in Wahlen bestätigt ist, bestehen beträchtliche Blockaden für die Entwicklung zu mehr Sozialismus. Zwei davon sollen hervorgehoben werden: (1) die Interessenlage jener SPÖ-Mitglieder und -Sympathisanten, die durch die politische Machtausübung zu privilegierten Positionen aufstiegen; (2) die „bürgerliche Hegemonie“ der konservativen Ideologie.

(1) Zur Interessenlage der Führungsschichte

Jede Bewegung zur allmählichen Veränderung der Gesellschaft muß nach jenen Machtpositionen streben, die sie diesem Ziel näherbringen. Ihre Führungsschichte gelangt dahin, sich durch Einkommen, Status und Machtausübung von der großen Mehrheit abzuheben. Gemäß sozialistischer Programmatik wären Privilegien abzubauen und zu ersetzen durch selbstbestimmte Herrschaftsverhältnisse in immer neuen Bereichen. Hingegen neigen die neuen Spitzen in Verwaltung, Wirtschaft und Kultur dazu, sich in ihren Positionen einzunisten unter Wahrung aller alten und oft auch neuer Vorrechte.

„Man sage nichts gegen den Sozialismus — durch ihn sind schon viele kleine Leute zu Geld und Ansehen gekommen.“ In diesem Satz steckt eine doppelte Wahrheit: daß der Zugang zu privilegierten Positionen für eine größere Zahl geöffnet wurde; daß aber die zu Geld und Ansehen Gelangten wie ihre Vorgänger jene hierarchischen Strukturen bewahren möchten, die ihnen ein solches Leben ermöglichen.

Diese konservative Grundströmung der sozialdemokratischen Führungsschicht wird verstärkt durch Anpassung an herrschende Wertungen, Einschätzungen, Expertenwissen. Dem könnte nur widerstehen, wer von der moralischen und funktionalen Überlegenheit sozialistischer Werte und Organisationsgrundsätze überzeugt ist. Der soziale Aufstieg und die Hegemonie konservativer Wertvorstellungen verwässern jedoch die sozialistische Programmatik. Sie wird häufig losgelöst von der Alltagspraxis, im ideologischen Reliquienschrein konserviert für Sonn- und Feiertagsreden.

Die Verbürgerlichung von Sozialisten in führenden Positionen wird möglich in einem System entfremdeter Politik mit seinem Mangel an aktiver Legitimation durch eine Mehrzahl von Arbeitern und Angestellten. Diese sind statt dessen in erster Linie interessiert an Sicherheit des Arbeitsplatzes und wachsendem Einkommen. „In der Wohlstandsgesellschaft ist die Arbeiterschaft zu einem konservativen Element geworden“ (Klenner [7]). Unter welchen Bedingungen konnte dies geschehen? Zum konservativen Einfluß der neuen Privilegierten kommt die Versäumnis von nahezu 30 Jahren sozialistischer Bildungspolitik. Diese blieb fast zur Gänze beschränkt auf individuelles Engagement (z.B. von J. Hindels, E. März, H. Pepper).

Solche Versäumnisse sind nicht zufällig: Umfassende sozialistische Bildungspolitik wäre mit der realen Nachkriegspolitik zweifellos in Konflikt geraten. Wichtiger noch war das fast vollständige Versagen der sozialistischen Intellektuellen. Zwischen oft unreflektierter Wiedergabe austromarxistischer Formeln und unkritischer Rezeption technokratischer Programme schwankend, haben sie eine schöpferische sozialistische Analyse verabsäumt. All dies ist auch Zeichen und Ergebnis bürgerlicher Hegemonie.

(2) „Bürgerliche Hegemonie“

In einem Land, wo die politische Hegemonie vielfach erreicht ist und die kapitalistischen Produktionsverhältnisse gelockert sind durch einen breiten Sektor nichtkapitalistischer Unternehmungen, kommt dem Bereich sozio-kulturell wirksamer Werte und Haltungen entscheidende Rolle zu: Es gibt in Österreich „bürgerliche Hegemonie“ im Sinne Gramscis. Sie ist allerdings milder geprägt als in Ländern wie der BRD und Frankreich, und dies auf Grund der Entscheidungsverhältnisse in Wirtschaft und Staat. Sichtbarster Ausdruck hiefür sind Konzilianz und Verhandlungsbereitschaft der Interessenvertretungen der Unternehmer und Bauern im Rahmen der „Sozialpartnerschaft“. [8]

Die geringere Aggressivität der traditionellen Schichten des österreichischen Bürgertums entspringt nicht etwa besonders humaner Neigung. Der Erste Weltkrieg, Austrofaschismus und Hitlerbarbarei liefern Gegenbeispiele. Die geringere Aggressivität ist vielmehr Folge der historischen Erfahrung, daß die nationale Unabhängigkeit nur gewahrt bleibt bei breitem Konsens und zugunsten der Arbeiterbewegung geändertem Kräfteverhältnis — zwei Faktoren, die überdies bislang zur Stabilität der gesellschaftlichen Basisinstitutionen beigetragen haben. [9]

Die relative Schwäche des österreichischen Bürgertums kommt nicht nur in seiner Verhandlungsbereitschaft zum Ausdruck, sondern auch bei seiner persönlichen Repräsentanz in der Bundeskammer oder Vereinigung Österreichischer Industrieller. In Ländern mit ungeschwächtem Kapitalismus kommen Repräsentanten der Unternehmerschaft meist aus den dynamischen Bereichen des Großkapitals, hingegen in Österreich aus traditionellen, „ruhigen“ Branchen.

Anschaulich wird die relative Schwäche des österreichischen Kapitalismus auch im Fehlen eines auf solider Kapitalgrundlage beruhenden Verlagswesens. Zur zumindest zeitweiligen Sicherung der „bürgerlichen Autonomie“ der Tageszeitung Kurier mußte unter Industriellen eine gesamtösterreichische Kollekte veranstaltet werden. Und die Tageszeitung großbürgerlichen Zuschnitts Die Presse lebt von Subventionen der mittleren und kleineren Unternehmerschaft.

Jedoch bedarf „bürgerliche Hegemonie“ eben nicht unbedingt einer Präsenz politischer und gesellschaftlicher Macht und deren Vertretung durch die Spitzen des Bürgertums. „Bürgerliche Hegemonie“ besteht auch, solange bürgerliche Auffassungen leben, Urteile und Verhalten genügend großer Gesellschaftsschichten durchdringen. In Österreich wird diese Hegemonie gestärkt durch die Verbürgerlichungstendenzen in der Arbeiterbewegung.

„Bürgerliche Hegemonie“ reproduziert sich im täglichen Leben innerhalb und jenseits der Arbeitswelt, in Illustrierten, Rundfunk, Film, Fernsehen und Massenzeitungen, in Schulen, Universitäten und Forschungsstätten. Ihre Dominanz im Bereich der Sozialwissenschaften ist besonders ausgeprägt: sie liefern dem Status quo die sozialtechnologischen Instrumente, beschäftigen sich mit weltfremden Hypothesen ohne beobachtbare Fakten und begreifen, wenn überhaupt, den Menschen unkritisch in seiner bloß verdinglichten Form: als Produktionsfaktor, den es zu instrumentalisieren gilt, oder als Käufer, der sein Geld effizient auf gegenwärtige oder zukünftige Waren aufteilen soll.

Einzig im Bereich der schöpferischen Kunst ist auch in Österreich die „bürgerliche Hegemonie“ weniger dominierend. Kunst ist nach James Joyce die Vermittlung der Tiefe menschlichen Lebens, Vermittlung, die ihren Beweis in sich und ihrem Erlebtwerden trägt. Sie bedarf, anders als die Wissenschaft, keiner formalen Bestätigung. Der Künstler ist revolutionär. Musil fügt hinzu: „Das kann gar nicht anders sein, denn der schöpferische einzelne ist es immer.“ [10] Dies kann man auch in Österreich nicht durch das Beispiel jener Künstler widerlegen, die als Epigonen restaurativ tätig sind. Für die hier vertretene These sprachen jene Beispiele aus der Kunst, in denen die menschliche Situation als verzweifelt erscheint, ebenso sprechen hiefür die stärker werdenden Tendenzen, nach einer Zeit der Flucht aus der sozialen Wirklichkeit in die Abstraktion nun wiederum vorwegzunehmen, worauf es auch in den Sozialwissenschaften und in der politischen Praxis ankommt: Rekonstruktion der Wirklichkeit, neue Formen humanen Lebens.

III. Für ein neues Weltbild

Was ist nun aber die bewußte oder unbewußte philosophische Einstellung, die selektive Denkstruktur, die der bisherigen Reformpolitik zugrunde liegt? Zweifellos ein vom Neopositivismus inspiriertes Wissenschaftsprogramm. Wie insbesondere vom mathematischen Ökonomen N. Georgescu-Roegen gezeigt wurde, liegt diesem Programm ein arithmomorphes Weltbild zugrunde, mit randscharfen Begriffen, vergleichbar den Zahlen eines Kontinuums. Veränderung, gesellschaftlicher Wandel erfordern jedoch häufig Begriffe, die sich überlappen und deren Bedeutungsunterschiede fugenlos ineinander übergehen: „Qualitative change eludes arithmomorphic schematization.“ [11]

Diese erkenntnistheoretische Relativierung wird gestützt durch die bei Wittgenstein vollzogene Wende vom „Tractatus logico-philosophicus“ (1923) zu den „Philosophischen Untersuchungen“ (1971). Der „Tractatus“ hält die perfekte Beschreibung der Welt für möglich; Satz 2.19: „Das logische Bild kann die Welt abbilden“, Satz 5.6: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Dies gilt jedoch nur in der konstruierten Logik. Im Bereich lebendiger Wirklichkeit geben die „Philosophischen Untersuchungen“ eine Begründung, warum in der Synthese vollkommen klarer Begriffe nicht die Welt eindeutig abgebildet werden kann: weil die Bedeutung der in Worte gekleideten Begriffe von dem Sprachspiel abhängt, in dem sie gebraucht werden. Unterschiedliche Lebenspraxis und Erlebenssituationen verändern die Bedeutung der Begriffe: Realität kann ohne Sozialbezug nicht
begriffen werden; Wittgensteins Sprachspiel-Theorie verknüpft sich notwendig mit der von Marx begründeten historischen Gesellschaftsbetrachtung. [12]

In den sozialwissenschaftlichen Forschungsprogrammen und der darauf beruhenden sozialtechnologischen Reformpolitik bildet nach wie vor, zumeist unbewußt, der „Tractatus“ deren ungetrübte erkenntnistheoretische Grundlage. Aber diese neopositivistische Orientierung reicht schon deshalb nicht, weil in ihr die Sinnproblematik, die Emotionalität menschlicher Beziehungen keinen Stellenwert hat.

Die Konturen eines neuen Weltbildes, daß selbstverständlich ein offenes sein muß, zeichnen sich bereits ab:

  • Wissenschaftsrelativismus und Wissenschaftspluralismus von dialektisch inspirierter Philosophie bis zur Philosophie des Kritischen Rationalismus (Verzicht auf Dialektik käme „in der Biologie, noch mehr in den Sozialwissenschaften der selbstauferlegten Paralyse“ gleich). [13]
  • Anwendung der Wissenschaftskriterien des Kritischen Rationalismus (auch auf sich selbst!), damit Dialektik nicht zu Metaphysik oder Rechtfertigungsideologie degeneriert.
  • Philosophie vom Menschen, in der natürliche und gesellschaftliche Bedingtheit ihren Platz haben, desgleich die hiedurch begrenzte, von A. Gramsci hervorgehobene Subjektive und gesellschaftliche Spontaneität, desgleichen die von B. de Mandeville hervorgehobene Widersprüchlichkeit von subjektiver Absicht und gesellschaftlichem Ergebnis.
  • Verknüpfung von natürlichen Grundlagen und deren gesellschaftlicher Entwicklung (N. Georgescu-Roegens Entropiekonzept).
  • Begreifen konkreter gesellschaftlicher Entwicklung gemäß Marxscher Geschichtsbetrachtung. Zugang zum Verständnis kapitalistischer Länder bieten M. Kaleckis moderne marxistische Version des politischen und wirtschaftlichen Funktionszusammenhanges [14] sowie die Beiträge des Starnberger Kreises. [15]
  • Analyse der individuellen und gesellschaftlichen Konflikte, die sich in jedem Gesellschaftssystem, wenngleich in unterschiedlicher Ausprägung, auf Grund der Beschränkungen von Raum und Zeit ergeben, gemäß T. Hägerstrands Modell. [16]

Aus diesen, sicherlich ergänzungsbedürftigen Theoriebeiträgen ließe sich das Muster einer sozialistisch-humanistischen Reformpolitik entwickeln. Die Richtigkeit der zugrundeliegenden Theorien wie der darauf aufbauenden Praxis kann letztlich nur die Praxis selbst erweisen.

In Ländern wie Österreich oder Schweden, wo es bereits gelungen ist, die Kapitalakkumulation vom Privateigentum in wichtigen Bereichen zu lösen (in Österreich durch die ganz- und halbstaatlichen Unternehmungen, in Schweden durch die staatlichen Kapitalsammelstellen), tritt der Zwang zur Reproduktion der kapitalistischen Basisinstitutionen in milderer Form in Erscheinung. Die gesellschaftspolitische Manövrierfähigkeit ist dort größer geworden. Fortgesetzte Ausweitung des öffentlichen Sektors kann diese Entwicklung verstärken: der öffentliche Sektor ist nicht nur Stabilitätsgrundlage, seine Dynamik löst auch Kräfte aus, die den Charakter der sonstigen Basisinstitutionen verändern.

Die Kunst sozialistischer Gesellschaftspolitik besteht nun darin:

  1. jene gesellschaftlichen Interessenlagen zu schaffen, in denen das Ergebnis individuellen und kollektiven Handelns sich zumindest tangential sozialistischen Wertvorstellungen nähert;
  2. in der gesellschaftlichen Kräftekonstellation jene Aspirationen wirksam werden zu lassen, die mit den sozialistischen Zielen übereinstimmen.

Die Intellektuellen sollen dabei ebensowenig wie die Parteifunktionäre stellvertretend die Aspirationen und Ziele der Menschen erfinden. Ihre Rolle beschränkt sich vielmehr darauf, die im gesellschaftlichen Leben schon verborgenen, wenn auch noch schlecht oder gar nicht zum Ausdruck gebrachten Ziele begreiflich zu machen.

Dem kann nicht schon dadurch Genüge getan werden, daß sozialistische Parteien, oft selbst Opfer entfremdeter Politik, in freien Wahlen die absolute Mehrheit erhalten. Eine Partei, die eine freie, sozialistische Gesellschaft anstrebt, muß mit dem gesellschaftlichen Bewußtsein der Menschen eins werden. Wenn sie die Menschen in ihre Formen hineinzwängt, wie es die Kommunisten tun, oder sie durch Manipulation hörig macht, wie dies bei demokratischen Sozialisten oft als Regel erscheint, dann bedient sie sich der repressiven Methoden der herrschenden Gesellschaft und wird folglich selbst zu einem konservativen Element.

Der historische Beitrag der Bourgeoisie bestand in der Entfaltung des Industriesystems auf Grundlage der Arbeit, der neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse und der Naturkräfte. Der historische Beitrag der Sozialdemokratie war es, der physischen Ausbeutung der Arbeit Schranken zu setzen und für die große Mehrzahl soziale Sicherheit und bessere Aufstiegsmöglichkeiten zu schaffen. In Ländern wie Österreich nähert sich die Zeit, in der dieses Programm unter den herrschenden Verhältnissen erfüllt sein wird. Die Frage der Zeit wird dann nicht mehr die materielle Versorgung des einzelnen sein, sondern seine kulturelle und gesellschaftliche Entfaltung. Wenn die Sozialdemokratie diese Aufgabe nicht begreift, begibt sie sich der Möglichkeit, in den kommenden Jahrzehnten zum gesellschaftlichen Fortschritt beizutragen.

Obiger Text erscheint in erweiterter Form als Broschüre: Egon Matzner, Notizen zur Gesellschaftsreform. Aufruf zu einem zeitgemäßen Humanismus. Europaverlag, Wien 1976

[1Leszek Kolakowski, Utopie und Anti-Utopie des Marxismus, Stuttgart 1974, p. 49

[2Egon Matzner, Gesellschaftliche Folgen und Bedingungen eines gedrosselten Wachstums, in: Wirtschaft und Gesellschaft, Heft 2, Wien 1975

[3J. A. Schumpeter, Die Finanzkrise des Staates, Graz 1918, p. 7

[4H. Linde, Sachdominanz in Sozialstrukturen, Tübingen 1972

[5Robert Heilbronner, The human Prospect, in: The New York Review, Jan. 24, 1974

[6Herbert Marcuse, Zeit-Messungen, Frankfurt 1975, p. 45

[7Fritz Klenner, Sozialismus in der Sackgasse?, Wien 1975, p. 395

[8Egon Matzner, Funktionen der Sozialpartnerschaft, in: Heinz Fischer (Hg.), Das politische System Österreichs, Wien 1974

[9Vgl. Arthur Mussil, Sozialpartnerschaft oder Sozialgegnerschaft?, in: 30 Jahre ÖGB, Jahrbuch 1975 des Österreichischen Gewerkschäftsbundes, Wien 1975

[10Robert Musil, Aus den Tagebüchern, Frankfurt 1975, p. 121

[11N. Georgescu-Roegen, The entropy-law and the economic process, Cambridge, Mass. 1971, p. 63

[12H. Berger, Ansätze einer sozio-linguistischen Basistheorie, in: R. Wiggershaus (Hg.), Sprachanalyse und Sprachsoziologie, Frankfurt 1975

[13N. Georgescu-Roegen, a.a.O., p. 206

[14M. Kalecki, Theorie der wirtschaftlichen Dynamik, Wien 1966

[15J. Habermas, Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus, Frankfurt 1973

[16T. Hägerstrand, What about people in regional science?, in: Regional science assoation papers, Vol. 24

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1976
, Seite 26
Autor/inn/en:

Egon Matzner:

Geboren 1938 in Klagenfurt, gestorben 2003 in Wien, Finanzwissenschaftler, von 1972 bis 1998 Professor für Finanzwissenschaft an der TU Wien. Koordinatior für die Erstellung des SPÖ-Parteiprogramms 1978. Nach 1998 Forschungsprofessor am Max Weber-Kolleg der Universität Erfurt und am Institute for European Studies der University of British Columbia in Vancouver. Leitete Forschungsinstitute in Wien und Berlin, war als Konsulent u.a. für das Finanzministerium in Wien (1970-1978), für die Unctad in Genf, die OSZE in Paris sowie den ÖGB (1982/83) tätig. Zwischen 1992 und 1998 Leiter der Forschungsstelle für Sozio-Ökonomie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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