FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 183/I
Günther Nenning

Ende einer Affaire

Ich erkläre den einseitigen Bombenstop, Mögen die Nenning-Töter in hellen Scharen ihr Kriegshandwerk weitertreiben. Ich gedenke nicht, mich in einen professionellen Kreisky-Töter umfunktionieren zu lassen. Es gibt Wichtigeres zu tun.

G. N., FORVM Nov./Dez. 1968

Solches Wichtigere ist zum Beispiel:

  1. Die österreichische Sozialdemokratie muß ihre gegenwärtige Chance wahrnehmen: noch nie in der Zweiten Republik gab es ein so verbreitetes, weiterhin eher anwachsendes Linksklima, nicht nur bei Studenten, sondern auch bei sonstigen Intellektuellen, insbesondere engagierten Christen. In der meinungsbildenden intellektuellen Minderheit dieses Landes gab es noch nie in der Zweiten Republik so viele, die von der ÖVP nichts mehr wissen wollen. Eben deshalb steht die Wandlung der SPÖ, in Theorie wie Praxis, auf der Tagesordnung. Denn:
  2. Die österreichische Sozialdemokratie muß, um diese ihre Chance wahrzunehmen, eine ebenso große Gefahr loswerden: Sie war zwanzig Jahre lang systemimmanente Regierungspartei; soll sie nun, bis zur schmerzlich ersehnten nächsten Regiegierungsteilnahme, systemimmanente Opposition sein, und nichts weiter als das? Ihre zähe Reformarbeit ist nützlich und notwendig; aber büßt sie nicht ihre sozialistische Perspektive ein? Zielt sie noch auf Transformierung der bestehenden Gesellschaft oder schon auf deren Optimierung, Sicherung, Verewigung? Dies wäre dann Sozialdemokratie in dienstbarer Funktion: ohne sie würde die bestehende spätkapitalistische (liebenswürdiger: sozialkapitalistische) Gesellschaft schlechter funktionieren als mit ihr, sie übernähme damit die Rolle eines unentbehrlichen und dementsprechend gehegten Juniorpartners des Kapitalismus (wie es die sozialistischen Studenten in ihrem Flugblatt zur Hochschulwahl mit jugendlicher Direktheit aussprachen). Es muß, wenn noch irgend möglich, verhindert werden, daß sogenannte clevere Wahlmanager, begabt mit kompletter „moral insanity“ betreffend Sozialismus als sittliche Idee, den besten Parteivorsitzenden, den wir seit langem haben, unter dem Motto verkaufen (wie immer ausgesprochen oder unausgesprochen): „Wählt Kreisky, er ist der bessere Klaus!“

Ohne Zweifel ist beides — Wahrnehmung jener Chance, Abwehr dieser Gefahr — ungleich wichtiger als die auch in jeder sonstigen Hinsicht unterdessen langweilig gewordene Fortführung des Familienstreites Kreisky-Nenning. (Wie jeder Familienstreit seine hintergründigen soziologischen und psychologischen Aspekte hat, so hatte sie auch dieser; aber gerade diese Hintergründe habe ich ohnehin erschöpfend analysiert, vielleicht mit jener übertriebenen Klarsicht, wie sie persönliche Betroffenheit verleiht.)

Trotz der überragenden Wichtigkeit sonstiger Probleme waren meine Freunde weiterhin in Sachen Familienstreit tätig, das heißt, nicht nur bis sie mich überzeugten, es sei an mir, den ersten Schritt zu tun und aufzuhören, sondern auch, was ihre Fairneß beweist, nach meinem „einseitigen Bombenstop“. Von diesem zu einem zweiseitigen „Modus vivendi“ und von da zu einer „Restitutio in integrum“ — das ist die Perspektive, die sich nach erneuten Gesprächen, darunter „Gipfelgespräch“, eröffnet.

Ich begrüße dies aus ganzem Herzen — jenem Herzen, das mit so unsinniger Liebe an der Sache dieser Partei hängt, schon an der Partei, die nicht identisch ist mit dem Sozialismus, und desto mehr am Sozialismus. Es geht, darüber ist man sich einig, nicht um wechselseitig aus Felswänden zu klopfende Entschuldigungs- oder Verzeihungskaskaden, sondern um die Zukunft der Partei und des Sozialismus in Österreich. Ein Aspekt dieser Zukunft ist, daß der in dieser Partei jahrzehntelang und unausreißlich verankerte Intellektuelle in dieser Partei intellektuell leben, das heißt reden und schreiben kann — nicht gehätschelt, vielmehr unter ständigem Feuer der Diskussion und auch heftigster Kritik, denn die Partei ist kein Damenkränzchen; aber eben nicht behindert an jenem Reden und Schreiben, das nun einmal sein Daseinszweck ist, ein Zweck, den er gerade in einer sozialistischen Partei nützlich erfüllen muß, auch und gerade in einer Zeit kommender Wahlen.

Der Weg zur Diskussion und Zusammenarbeit scheint geöffnet: ich betrachte den Familienstreit als zweiseitig beendet.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1969
, Seite 165
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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