MOZ » Jahrgang 1989 » Nummer 41
Claudia Pilhatsch
Das 5. Philosophinnentreffen in Berlin und die Französische Revolution:

Ein Ort für Zufälle

Der Holzstoß ist errichtet am Kurfürstendamm, Ecke Joachimsthalerstraße. Es ist Zeitungsstille. Keine der Zeitungen, mit denen das Feuer entfacht werden kann, ist erschienen. Der Kiosk ist leer, nicht einmal die Verkäuferin ist da. Die Leute zögern, dann nimmt jeder beherzt ein Scheit. Einige tragen ihr Scheit sofort unter dem Überzieher nach Hause, andere fangen an Ort und Stelle mit dem Taschenmesser ins Holz zu schnitzen an, was ihnen in den Sinn kommt: Sonnenzeichen, Lebenszeichen.

Ingeborg Bachmann, Ein Ort für Zufälle

Nach Würzburg, Zürich, Heidelberg, Klagenfurt war Berlin an der Reihe. Die Stadt, die an ihren Herzeigorten die Geschichte des Krieges, die Zerstörungen zur Pittoreske gemacht hat. Stadt, die den Blick ermüdet an der Glätte des geordneten Kurfürstendamms. Stadt ohne Zentrum. Die Stadt, die sich auf den Wegen von einem Viertel zum anderen endlose Chausseen leistet, die tägliche Irrfahrten für die Fremden heraufbeschwören. Im Fahren, Fahren ... lassen sich Stückchen erhaschen. Eine Straßensperre aus einem Polizeieinsatz, wobei die Polizisten sowohl an Gerätschaft als auch an Zahl die Vermummten bei weitem zu übertreffen scheinen. Ein Transparent für die RAF, ebenso zerknittert wie das Haus, von dem es flattert. Eines für den Unistreik, aber weit entfernt vom akademischen Ort, an dem das fünfte Symposion der internationalen Assoziation von Philosophinnen stattfand: in der Straße des 17. Juni, Mathematikgebäude. Die Assoziation hatte zur dreitägigen Veranstaltung unter dem Titel „1789/1989 DIE REVOLUTION HAT NICHT STATTGEFUNDEN“, versehen mit einem verunglückten Fragezeichen, eingeladen. Der Zeitplan erlaubte jeder gerade ein Viertel, denn vier parallel laufende Sektionen waren angebo- ▒▒▒▒▒ [**] Vortrags, so eng waren diese aufeinander verfrachtet. Die Form also ein ceterum censeo des akademischen Betriebs, nahtlos eingepaßt zwischen die geschäftigen Mathematiker. Fast beschämend und schnell verscheucht die Erinnerung, da war doch einmal etwas, so eine Forderung der Frauenbewegung, wir sollten doch ... wir sollten doch so Wissenschaft treiben, daß uns nicht erst jahrelange akademische Einführungen befähigen, einer weiblichen Rede zu folgen, und dann überhaupt, daß da eine so lange vorne steht und sich ihre Gedanken vom Blatt liest und alle sind still und daß die Hauptvorträge von berühmten oder akademisch ausgezeichneten Frauen gehalten wurden ... verscheucht, das war nicht Thema des Symposions. [*] Zu ausdrücklich war die Lust der Philosophinnen am gelehrten Diskurs, und dies Sprechen geriet oft genug zum glanzvollen Wort-Spektakel für die Zuschauerinnen. Ein affidamento für die Sprachmächtigen, in Anlehnung an eine Auseinandersetzung dieser Tage. Drei Autorinnen von „Wie weibliche Freiheit entsteht. Eine politische Praxis“ stellten sich der abendlichen Diskussion. Ihr Beitrag, ein Plädoyer für die Anerkennung weiblicher Autoritäten unter den Frauen, affidamento (siehe auch MOZ Nr. 2/89), wurde, obwohl dazu verführend, dort nicht zum Spieglein an der Wand . Die „Bewegung“, die wahrscheinlichen Anstifterinnen, eine eigene Gruppe zu bilden, ein Innen am Philosoph, war draußen, ungesprochen dessen, wo und ob es sie gibt. Und doch welche Wohltat, einen Rahmen zu haben, in dem Frauen kampflos wesentlich sind.

Im Juni 1789 erging an die Nationalversammlung folgendes Gesuch: „Ihr habt die alten Vorurteile zerstört, aber ihr läßt das älteste und allgemeinste bestehen, durch welches die Hälfte der Einwohner des Königreichs von Ämtern, Würden und Ehren und vor allem vom Recht, in eurer Mitte zu tagen, ausgeschlossen ist. Was denn, ihr habt die gleichen Rechte für alle verkündet. Ihr habt erklärt, daß der bescheidene Bewohner einer Strohhütte den Prinzen und Göttern dieser Erde gleich sei ... Ihr habt das Zepter des Despotismus zerbrochen ... und täglich duldet ihr, daß dreizehn Millionen Sklavinnen von dreizehn Millionen Despoten in Ketten gehen ...“

Die unterzeichnenden Damen und die Frauen, die nach Versailles marschierten, die Revolution, la grande terreur, das war für diesen Kongreß ein Ort für Zufälle oder ein zufälliger Ort. Die „Revolution hat nicht stattgefunden“ könnte jedenfalls hier als Nicht-Bedenken des historischen Ereignisses gedeutet werden. (Fast) keine Rede von der konzertierten oder auch disharmonischen Aktion zur Erklärung der droits de la femme. Ein bißchen von Olympe de Gouges, die ja inzwischen auch zu „Spiegel“-Ehren gelangt ist, kein Wort zur Erklärung der Rechte der Bürgerinnen vom Palais Royal, den zeitgenössischen Prostituierten („Gleichheit mit den Männern und Freiheit von der Geburt bis zum letzten Atemzug“). Wenn schon, dann lieber Condorcet als die Bewaffnung der Frauen. „Bewaffnen wir uns, wir haben das Recht dazu von der Natur und selbst durch das Gesetz. Zeigen wir ihnen, daß wir nicht unterlegen sind, weder an Tugenden, noch an Mut ... Glauben die Männer, sie allein hätten ein Anrecht auf Ruhm? Auch wir wollen uns um die Ehre bewerben, für eine Freiheit zu sterben, die uns vielleicht noch teurer ist als ihnen, weil die Auswirkungen noch schwerer auf uns lasten als auf ihnen ...“, rief Theroigne de Méricourt 1792. Eher die Schließung der Gesellschaft der revolutionären Republikanerinnen und aller anderen Frauenklubs im Mai 1793 als das schließliche Verbot für den Kriegsdienst.

Die Strickerinnen auf der Tribüne

Wenn schon, dann die Tricoteuses, die strickenden Frauen in den Zuschauerrängen der Nationalversammlung. Kein Thema mehr die Zeit, als die Nationalversammlung Macht verloren hatte, die Zeit, von der Hannah Arendt schreibt: „Als die Massen erst einmal entdeckt hatten, daß eine Verfassung kein Allheilmittel gegen die Armut ist, wandten sie sich gegen die Nationalversammlung mit der gleichen Feindseligkeit, mit der sie den Hof Louis XVI. bedacht hatten, und meinten, in den Beratungen der Delegierten das gleiche Theater, die gleiche Hypokrisie und die gleichen Täuschungsmanöver zu entdecken wie in den Ränken des Königs. Unter den Männern, die durch die Revolution an die Macht gekommen waren, konnten sich nur die halten, welche zu Wortführern der Massen wurden und bereit waren, die ‚künstlichen‘, von Menschen erlassenen Gesetze eines noch zu gründenden Gemeinwesens den ‚natürlichen‘ Gesetzen zu opfern, denen die Massen gehorchten ...“ Die enragés, die Wütenden, bestimmten die Szene, als die Frauen die Öffentlichkeit verlassen mußten. Mußten? „Von welcher Revolution soll die Rede sein?“ fragte Alice Pechriggl auf dem Symposion, „von der, die ausblieb und über die sich Frauen nicht einig sind, ob sie überhaupt stattzufinden hat — oder nicht doch schon, irgendwo, statt- und Versteck gefunden hat? ... Oder ist die Revolution von 1789 gemeint? Sie nicht stattgefunden haben zu lassen, wäre eine Polemik, die sich angesichts der Positivität ihres wenn auch — erledigten — Vorkommens gegen sich selbst, als von Frauen beansprucht, richtet. Denn es hieße, sie nicht nur als Tathandlung und -sache zu negieren, sondern als eine wesentlich auch von Frauen getragene.“ Hinzuzufügen wäre vielleicht noch: eine weiterzuspinnende. Und Alice Pechriggl stellte sich — neben Barbara Scheffer-Hegel — mit ihrem Vortrag gegen die von ihr behauptete Polemik. Mitten in der Übermacht der bemühten oder kritisierten Väter — in bunter, überraschender Abfolge waren zum Beispiel Hegel, Habermas, Benjamin, Weber und Weininger zur nicht stattgefundenen Revolution geladen — setzte sie mit einem kühnen Zeitsprung von der Polis, besser gesagt, vom Verhältnis zwischen Tragödie und Polis, in „das Platznehmen der Frauen in den Tribünen der Versammlungen.“ Die Frauen seien mit der dichotomischen Trennung der Tragödie von der Politik aus der Polis verbannt worden, denn die Tragödie wäre der Platz gewesen, über den die Frauen sich in der Gesellschaft der Athener befunden hätten. Die darauffolgende Verbindung zwischen Tragödie, platonischem Polis-Ideal und dem 18. Jahrhundert, das Hinübernehmen der Agora („erstmaliger Eintritt der Frauen in die Agora der expliziten Politik“), die das Zentrum der Polis ist, halte ich wiederum für ein Verwirrspiel. Die Begriffe von Freiheit und Gleichheit, Voraussetzung und Grund der Agora, haben sich inzwischen gewandelt, und, wie Hannah Arendt bemerkt, es hat sich keine Polis je als Demokratie verstanden. Es war also nicht die Agora, sondern ein noch zu beschreibender Ort, an dem die Frauen in diesem Jahr Platz nahmen, von dem sie 1795 schieden und „den von ihnen initiierten Aufstand begruben“ (Pechriggl). Und: am Anfang stand die Gewalt. Die Tricoteusen nahmen also auf den Tribünen Platz, wetterten gegen die wechselnden Despoten und zettelten immer neue Aufstände an. Zettelten sie an, als „les lois se taisent“, die Gesetze schwiegen und die Männer an der Macht nichts vom absolut Neuen ahnten, das die Revolution enthüllen würde. Zettelten an und verschwanden dann hinter den Männern, wenn diese sich in ihren politischen Strukturen organisierten, in denen Frauen keinen Status hatten. Die Bewegung stockte an der sich zum Dogma versteifenden Vernunft. Der Wechsel vom Subjekt Frau („die Anstifterin“) zum Objekt, dem alles Erreichte erfolgreich verboten wird und alles nicht Erreichte dazu, vollzieht sich auch hier von einem Satz zum anderen, ansatzlos, wie eine Selbstverständlichkeit, die so kommen mußte. Wie das? Für eine Lehr von der Geschicht: Frau, mach keine Revolutionen nicht? Nein, des schlechten Reimes genug: die Revolution war „die Bedingung dafür, sie vom Standpunkt der Uneingelöstheit weiter einzufordern“. Das wiederum war Thema des Kongresses, grob gespalten in das Einfordern der Egalität der Frauen auf der einen und in der Konstruktion der Verschiedenheit auf der anderen Seite. Wenn am biblischen Anfang der Brüderlichkeit der Brudermord steht, was steht dann am Beginn der Schwesterlichkeit?

[**Dem Umbruch zum Opfer gefallene Textportion.

[*Symposion (laut Duden: mit Trinkgelage und Unterhaltung verbundenes Gastmahl im alten Griechenland).

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1989
, Seite 49
Autor/inn/en:

Claudia Pilhatsch:

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