FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1978 » No. 295/296
Daniel Cohn-Bendit • Rudi Dutschke • Günther Nenning • Kurt Sontheimer • Matthias Walden

Dutschke vor — noch ein Tor!

Daniel Cohn-Bendit, Rudi Dutschke, Günther Nenning, Kurt Sontheimer und Mathias Walden diskutierten am 13./14. Juni 1978 im österreichischen Fernsehen drei Stunden und zwölf Minuten über den Mai 68 und die Folgen.

https://www.youtube.com/watch?v=8v3bcJLaG6I

Dany darf nicht nach Frankreich

NENNING: Herr Mathias Walden, Sie waren im Mai des Jahres 1968 beim Verlag Springer, bei der Zeitung Welt.

WALDEN: Das ist nicht ganz richtig. Das war damals schon und ist heute noch eine vom Intendanten des Senders Freies Berlin genehmigte Nebentätigkeit.

NENNING: Rudi Dutschke bedarf keiner weiteren Vorstellung. Du bist jetzt in Groningen an der Universität ...

DUTSCHKE: Ja, so Zweieinhalbmonatsverträge ist er im Ausland wert, im Inland ist er seit zehn Jahren nicht wert, reingelassen zu werden, was die Universitäten anlangt. Berufsverbot ist wohl der Begriff ...

NENNING: Daniel Cohn-Bendit lebt jetzt in Frankfurt, als Kneipenwirt oder Buchhändler oder so was ...

COHN-BENDIT: Nee, um Gottes willen, nix — ich bin Arbeitsloser. Ich beziehe stolze neunhundert Mark vom deutschen Staat, und ich bin einer von denen, die stolz drauf sind, Arbeitslose zu sein. Ich bin einer von denen, die sich auch nicht bemühen, Arbeit zu finden. Es wird mir auch keiner irgendwelche geben. Ich war mal Kindergärtner, aber da bin ich rausgeflogen, weil der Staat nicht weiter bezahlt. Berufsverbot nennt man das. Ich könnte ja die Kinder infizieren!

NENNING: Zwei Geschädigte ... Herr Kurt Sontheimer, Sie sind Politikwissenschaftler, stehen sozusagen auf dem Podest einer ganzen Reihe von Büchern, die Sie geschrieben haben. Sie waren so ein bissel dafür — für die Mai-68-Bewegung, dann haben Sie sich gedreht oder sowie.

SONTHEIMER: Ich war zu der Zeit in Berlin an der Freien Universität und habe Rudi Dutschke x-mal in den großen Versammlungen, die damals stattfanden, reden hören. Ich kann mich noch ganz gut an eine Rede im Auditorium maximum von Daniel Cohn-Bendit erinnern; damals hat er uns vorausgesagt, daß in drei Wochen de Gaulle nicht mehr an der Macht sein wird.

NENNING: Es hat ja dann gestimmt. Ein bissel später.

SONTHEIMER: Na ja, aber ...

COHN-BENDIT: Nee, nee. Nee, nee.

NENNING: Da sind wir ja eigentlich fast schon drin. Ich hab aber noch ganz was Brandaktuelles vor mir liegen. Nämlich ein Fernschreiben betreffend einen Aufruf Jean-Paul Sartres zugunsten Cohn-Bendits. Sartre sagt da ironisch: Cohn-Bendit habe doch nicht die Maiereignisse geschaffen wie ein Bildhauer eine Statue. Und wenn das nicht so ist, warum läßt man ihn dann eigentlich nicht herein nach Frankreich, er hat doch nichts getan, wofür man ihn allein verantwortlich machen könnte. „Doch in den Augen der französischen Regierung“, schreibt Sartre, „verkörpert er alle Franzosen, die in diesem Augenblick handelten. Was ist aber dieser Ausländer für den Herrn Minister (nämlich in Frankreich)? Ein deutscher Jude. Unsere Konservativen betrachten ihn einmal als Franzosen, einmal als Deutschen — und doch weder als Franzosen noch als Deutschen. Er stellt die verhaßte Rasse dar, die von einer Nation zur anderen zieht und sich nirgends anpaßt.“ Das ist wahrscheinlich nicht nur biologisch gemeint, sondern auch politisch, nehme ich an.

Der ORF hat im Jahr 1968 eine Jahresrückschau gemacht, ein Filmchen, das schaun ma uns jetz an (folgt Originalton des Films):

West-Berlin, 12. April 1968: Rudi Dutschke auf der Tragbahre. Der 23jährige politische Einzelgänger Alfred Bachmann hatte auf den linksradikalen Studentenführer mehrere Pistolenschüsse abgefeuert. Dutschke, der auf seinem Fahrrad unterwegs gewesen war, stürzte auf die Straße und blieb schwerverletzt liegen. Die Polizei verhaftete den Attentäter, sperrte den Tatort ab und sicherte die Spuren. Zwei Tage später meldete die Deutsche Presse-Agentur aus West-Berlin die schwersten Studentenunruhen seit dem Bestehen der Bundesrepublik. Die Demonstrationen nahmen solche Formen an, daß Bundeskanzler Kiesinger einen persönlichen Appell an die Studenten richten mußte. Gewalt wird Gegengewalt hervorrufen, sagte er. Man hörte seine Warnung nicht.

Im Mai brannte Paris. Explosionsartig entlud sich das soziale, wirtschaftliche und politische Unbehagen der Studenten. Bei den Arbeitern waren die revolutionären Aktionen der Studenten zunächst auf Mißtrauen, ja sogar auf offene Ablehnung gestoßen. Erst als die Regierung auf scharfen Kurs ging, schlossen sie sich ihnen in immer größerer Zahl an. Das Ende war der Generalstreik. Fast zehn Millionen Franzosen legten die Arbeit nieder. Die Fünfte Republik schwebte in Lebensgefahr. „Diese Jugend steht nicht mehr im Einklang mit dem Kosmos“, erklärte Kulturminister André Malraux in einem Interview. Die Besetzung der Renault-Werke, von wo die Streikbewegung ausgegangen war, kommentierte Minister Malraux mit den Worten: „Wenn die Regierung die Barrikaden nicht durch den Einsatz der Bereitschaftspolizei, sondern durch den Einsatz von Panzern hätte beseitigen wollen, wäre alles schnell beendet gewesen.“ Trotz Brandlegung und Barrikadenkampf habe man die Maiereignisse in Frankreich immer als etwas außerordentlich Oberflächliches betrachtet, manche Parolen der Studenten seien einfach ein Witz gewesen.

Opfer diskutiert mit Schreibtischtäter

COHN-BENDIT: Ich möchte mir erst mal etwas von der Seele reden ...

NENNING: Los, ja!

COHN-BENDIT: Wir haben das Attentat aufm Rudi gesehen. Herr Walden hier hat ja Herrn Böll den geistigen Vater genannt. Vielleicht können Sie das Zitat sagen ...

NENNING: Das ist aus einer österreichischen Zeitung, ich weiß nicht, ob es korrekt ist: Böll, so Walden, habe „den Boden der Gewalt durch den Ungeist der Sympathie mit den Gewalttätern gedüngt“.

COHN-BENDIT: Herr Walden als einer der Leitartikler der Springer-Zeitungen ist einer derjenigen, die die Waffe von Herrn Bachmann geladen haben. Und ich finde es außerordentlich bewundernswert von Rudi, sich dieser Diskussion mit Herrn Walden zu stellen. Seinem intellektuellen Attentäter gegenüberzustehen ist immer sehr schwierig. Was im Film nicht gezeigt wurde, ist, daß die Revolten, die nach dem Attentat auf Rudi in Deutschland stattgefunden haben, sich explizit gegen die Springer-Zeitungen gewendet haben als diejenigen Schuldigen am Terror in Deutschland, den zufällig Bachmann vollzogen hat — ein kleiner, unbedeutender Mensch, dem wirklich sein Leben sehr traurig war. Einer der Schuldigen ist Herr Walden, und Herr Walden wird sich aus der historischen Verantwortung an diesem Attentat nicht rauslösen können. Und das ist der Grund, Herr Walden, warum ich Ihnen im Flugzeug nicht die Hand gegeben hab. Von mir werden Sie nie meine Hand kriegen.

WALDEN: Also das kann ich verschmerzen. Den Vorwurf auch ...

COHN-BENDIT: Sie wollten Sie mir geben!

WALDEN: Wissen Sie, ich gebe jedem die Hand. Ich habe als Journalist mit Menschen zu tun, wo andere sich vielleicht scheuen würden — das soll keine Parallele sein. Ich habe Interviews mit rechtskräftig verurteilten Mördern gemacht. Ich hab ihnen auch die Hand gereicht. Ich reiche sie jedem. Daß ein Vorwurf dieser Art heute kommen würde, damit habe ich gerechnet. Er liegt in der Diktion jener Jahre und Ihrer Seite. Wenn Sie von mir damit ernstgenommen werden wollen, dann müssen Sie das natürlich belegen. Je schwerer der Vorwurf, um so wichtiger der Beleg. Das sollten Sie wissen, und da bin ich nun gespannt.

Mathias Walden:
„Wissen Sie, ich gebe jedem die Hand.“

DUTSCHKE: Vielleicht mal einen Beleg, den man aber jetzt erst mal auf ein anderes Niveau bringt. Wir sind ja hier nicht nur, um die persönliche Auseinandersetzung zu führen. Ich finde es ungeheuer spannend und auch ein bißchen tragisch-komisch, daß sich hier Deutsche treffen mit einem Österreicher, um eine Diskussion zu führen in Österreich, die diese vier in Deutschland nicht führen können. Die Chance haben wir nie bekommen. Als das zehnte Jahr nach dem Attentat vorbei war — kein Medium hatte Interesse.

Die wissen auch, warum sie uns nicht zu Wort kommen ließen. Wer hat das Attentat abbekommen? Wo fiel direkter Terror? Und was sind die Diskussionen über Terror heute? Heute geht’s darum, den Nährboden für den Terror zu finden. Das ist die Aufgabe, die Dregger sich immer stellt, Strauß und andere. Und der historische Hintergrund für individuellen Terror, das ist sechziger Jahre — das ist das was wir hier gesehen haben.

WALDEN: Darin stimmen wir sogar überein!

DUTSCHKE: In dieser Dimension zu diskutieren — dann wird die Frage des Terrors in den siebziger Jahren ein gesellschaftliches Problem und nicht mehr ein Problem, wo man sagt: Ah, da sind die Linken im Hintergrund, die sind der Nährboden. Dann kommt man an diesem Trick vorbei und kann an die Wurzeln der Terrorfrage ... Junge, wenn du so bist.

WALDEN: Sicherlich ist das das Thema, das hier erörtert werden soll. Aber das ist natürlich überhaupt keine Antwort auf meine Frage. Ich wollte gern hören, woraus wird dieser Vorwurf. Wenn ich Böll wäre, würd ich Sie verklagen, ich bin es nicht.

DUTSCHKE: Aber Sie können doch Ihre eigene Argumentation bringen von damals. Warum verlangen Sie das von uns?

COHN-BENDIT: Ich kann Sie Ihnen auch liefern. Sie haben in Ihren Zeitungen, die Bild-Zeitung und die Welt ...

WALDEN: In der Bild-Zeitung hab ich nie geschrieben!

COHN-BENDIT: Sie haben immer in der Welt geschrieben. Die Welt gehört dem gleichen.

WALDEN: Gut. Was hab ich da geschrieben?

COHN-BENDIT: He! Sie ham ja einen Feldwebelton. Also wirklich, ich hasse Professoren und Lehrer und werde nie so drauf eingehen!

WALDEN: Na gut, dann machen Sie’n Ausrufzeichen, aber ...

COHN-BENDIT: Nee, nee, so können Sie mit mir nicht reden. Wissen Sie, mir isses egal, ob Fernsehen oder nicht, ich laß mich nich von irgend jemand ... Da hab ich schon 68 gesagt: Junge, auch wenn du Prof bist, gehst woanders hin, mit mir kannste nich so reden. Das könnse auch hier im Fernsehen nich.

WALDEN: Äh, gut.

COHN-BENDIT: Und das müssen Sie sich abschminken. Dregger is woanders. Nochmal nebenbei. Jetz — ja?

WALDEN: Darf ich Sie bitten, zur Sache zu kommen ...

COHN-BENDIT: Das ist zur Sache. Einen Ton zu finden ist für eine Diskussion das Entscheidende. Also: Sie haben in der ganzen Zeit in der Bundesrepublik zwei Dinge gemacht: Erstens waren Sie der größte der Sympathisanten von den größten Terroristen in dieser Zeit, nämlich der Armee der Vereinigten Staaten in Vietnam. Sie waren ganz klar auf einer Seite. Und Sie haben, als die Vokabeln fielen, Kranke, Verrückte, Typen — alle diese Vokabeln haben Sie als Aussätzige dargeboten, die Studenten und natürlich ihre momentanen historischen Repräsentanten, in dem Fall Rudi Dutschke! Und die Springer-Presse hat durch ihre Leitartikler wie aufm Tablett den Rudi ausgeliefert. Das ist der Grund, warum ich Sie als geistigen Täter an Rudi einfach anklage.

Daniel Cohn-Bendit (zu Walden):
„Da hab ich schon 68 gesagt: Junge, auch wenn du Prof bist, gehst woanders hin, mit mir kannste nich so reden.“

Aus DDR nach rechts, aus DDR nach links

NENNING: Naja, jetzt habts ihr jeder einen geistigen Täter, nä? Du hast den Täter Walden und er hat den Täter Böll ...

DUTSCHKE: Aber dennoch sind wir beide uns darüber einig, ich und Dany, das ist für uns ne grundlegende Position: Meinungsfreiheit steht nicht zur Debatte. Es geht um Inhalte, nicht um Meinungsfreiheit.

NENNING: In dieser neuen Welt, wäre sie gekommen — was wäre da so mit Typen wie Walden und Sontheimer passiert, hätten die die Meinungsfreiheit gehabt?

COHN-BENDIT: Voll!

DUTSCHKE: Kann uns Herr Walden einen Satz von damals nachweisen, wo wir Ihnen gegenüber gesagt hätten oder gesagt haben: Sie kommen ins KZ!? Das können Sie von Dutschke nicht nachweisen und von anderen auch nicht. Meinungsfreiheit stand nie zur Debatte. Ohne Demokratie kein Sozialismus, kein Sozialismus ohne Demokratie war Grundtenor. Das is also für uns nicht das Problem. Das Problem, das Sie für uns waren und sind, ist: Was ist die Rolle eines Menschen in einer gesellschaftlichen Funktion? Wie nimmt er die Rolle wahr, wie wird er von ihr geprägt?

Sie kommen auch aus der DDR, Sie haben wahrscheinlich andere DDR-Erfahrungen als ich. Ich bin abgehauen und wußte warum. Ich wußte, warum ich Industriekaufmann lernen mußte und dennoch nicht zur Universität kam — und dennoch einen Weg gefunden habe, der Ihrem ganz entgegengesetzt ist. Eine politische Position, wo ein Sozialist versucht hat, festen Standpunkt zu gewinnen, aufrechten Gang zu erlernen. Der genau weiß, das, was in Prag passiert ist, war in Westeuropa der Mai. Okkupation und Mai sind nicht voneinander zu trennen. Sie haben eine historische Dimension.

WALDEN: Herr Dutschke, wir waren damals aus Ihrer Sicht entweder Faschisten oder faschistoide Typen. Das klang ja nun nicht grade nach Toleranz oder Meinungsfreiheit ...

DUTSCHKE: Jetzt werden wir konkret: Meinen Sie zwischen 66 und 68 oder die Periode nach dem Attentat? Das muß man genau differenzieren.

WALDEN: Ich meine die Zeit zwischen 67 und 69. Da waren das gängige Vokabeln.

DUTSCHKE: Welche Vokabeln?

WALDEN: Faschistisch, faschistoid ...

COHN-BENDIT: Das ist nicht das gleiche.

WALDEN: Es wurde aber beides verwendet.

DUTSCHKE: Aber warum? Weil die NPD elf Prozent bekommen hatte in Schleswig-Holstein!

WALDEN: Herr Nenning, damit wir das vielleicht abschließen können, ein paar Sätze aus dem Fernsehkommentar, den ich nach dem Attentat auf Sie geschrieben habe.

NENNING: Natürlich, mich gibt’s gar nicht, macht’s doch ...

DUTSCHKE: Man kann manche Attacken von vorher nicht wegnehmen. Denn nach dem Attentat stand in der Bild-Zeitung: Jetzt ist uns der Dutschke angenehm. Daß ich Ihnen dann angenehm war, das kann ich mir vorstellen.

WALDEN: Ich möchte es trotzdem gerne vor...

COHN-BENDIT: Ich möchte gerne, daß Sie Ihren Kommentar vorlesen, nachdem Kurras den Benno Ohnesorg erschossen hat. [1] Das möcht ich auch mal gern. Ich habe es leider nicht im Kopf.

WALDEN: Ich lerne meine Kommentare auch nicht auswendig. Ich möcht doch bitten, das was ich damals im Fernsehkommentar sagte, hier vorlesen zu können: Die Nachricht von dem Attentat auf Rudi Dutschke ist schrecklich und erschreckend. Hier ging es nicht mehr um die Frage von Toleranz und Intoleranz, von Mäßigung und Radikalität, sondern um einen Mordversuch, der auch und gerade die Gesinnungsgegner des Opfers jetzt an seine Seite treibt. Zwar ist noch ungewiß, ob der Täter ein Wahnsinniger war oder ob er politisch-kriminelle Motive hatte, aber immerhin liegt der Verdacht für die zuletzt genannte Möglichkeit nahe. Es gibt kein politisches Motiv, das physischer Gewalt, geschweige denn Körperverletzung, Totschlag oder Mord auch nur den Anschein einer Rechtfertigung geben könnte. Rudi Dutschke hat nichts, aber auch gar nichts getan, was einen Anschlag auf seine Gesundheit oder sein Leben herausgefordert hätte.

COHN-BENDIT: Darf ich mal was dazu sagen? Wunderbar! Der Rudi hat es auch richtig angesprochen. Das is ne typische Haltung, wo man plötzlich erschrickt vor etwas, das man monatelang vorher produziert hat.

Jungarbeiter waren in der Mehrzahl

DUTSCHKE: Sie haben immer über die Studentenbewegung geschrieben und niemand hat geredet über die soziale Bewegung von Jungarbeitern und anderen sozialen Schichten, die dabei waren, die aber keine Sprecher hatten. Darum wurde über sie nicht berichtet. Das ist jene historische Unwahrheit, die man x-fach feststellen kann ...

WALDEN: Das hab ich ganz anders in Erinnerung! Ich hab die Arbeiter in — aus Ihrer Sicht — zu geringerer Zahl an Ihrer Seite gesehen. Das war ja Ihr Problem.

DUTSCHKE: Ich rede ja nicht von den Arbeitern. Ich meine eine bestimmte historische Generation, die plötzlich eine Situation vorfand, wo sie durchbrechen konnte, genauer gesagt: durchbrechen mußte. Politisch, ökonomisch ... Ne Generation, die nach dem Kriege ...

NENNING: Statistisch geht das nicht, es geht symbolisch.

DUTSCHKE: Nehmen wir mal die Situation nach 45. Welche Generation waren wir? Ne Generation is ne Tendenz. Ich meine damit nicht ne gesamte Quantität, sondern historische Qualität, die versucht, sich zu äußern. Es waren Jungarbeiter, die dabei waren. Es war nicht die Arbeiterschaft, wie überhaupt in Berlin ein Spezifikum vorhanden ist: Da ist keine entwickelte Industrie, wo die Arbeiterschaft eine Tradition hat wie in den zwanziger Jahren. Es waren nicht nur Studenten. Alle Untersuchungen weisen eindeutig nach, daß die Mehrheit Jungarbeiter, Lehrlinge etc. waren.

SONTHEIMER: Es is eben doch überhaupt nicht zum Tragen gekommen. Man hat von jungen Arbeitern auch nichts wahrgenommen, auch wenn sie da mitgelaufen sein mögen.

DUTSCHKE: Ich kenne da diesen Club Ça ira aus Wilmersdorf, wo halt die Jungarbeiter ihre Ausdrucksformen gefunden haben, im Tanz, hin und wieder in Politik. Als SDSler, als Student war ich dort allein, hatte aber ne Gruppe von Jungarbeitern, die auch an Demonstrationen sich beteiligt haben.

SONTHEIMER: Das muß sich dann aber schnell verflüchtigt haben, Herr Dutschke. Es gab dann ja den sehr intensiven Versuch der Studenten, wirklich rauszugehen zu den Arbeitern. Und der ist gescheitert.

DUTSCHKE: Als KPD/AO? AO hieß ursprünglich Aufbauorganisation. Die Jungarbeiter — vom Peter-Paul Zahl, der auch Arbeiter war, Drucker, bis zu den vielen anderen — die haben dann gesagt: KPD/OA, KPD ohne Arbeiter! Und die Proleten sind nicht reingegangen in diese Organisationen, weil sie wußten: Marxismus-Leninismus, die Betrügerei, die Disziplinierung — werden wir nie mitmachen! Darum sind die „Arbeiterorganisationen“ Intellektuellenorganisationen geworden.

SONTHEIMER: Herr Dutschke, es gab nach 69 den Zerfall der Vitalität der Studentenbewegung. Die Studenten wurden plötzlich dogmatisch. Wie erklärten Sie sich diesen Umschwung? Da war plötzlich die Luft raus aus der Sache, hatte man den Eindruck.

COHN-BENDIT: Das Problem dieser Beerdigungsveranstaltungen wie heute abend is, daß immer an einem bestimmten Punkt diejenigen, die parteiisch sind, die dazu stehen, von den Profikommentatoren gefragt wurden: Na gut, bis dahin ... Ich hab ne lange Tradition solcher Gespräche, die praktisch schon 68 angefangen haben. Nach einer Woche hat man mir immer gesagt: Bis jetzt war’s ganz gut, aber jetzt geht die Luft aus. Deswegen würd ich das mal ganz anders diskutieren: Was euch immer gestört hat, ich will’s mal von Frankreich sagen, die Herren Walden und Sontheimer gibt’s auch in Frankreich, die haben andere Namen, aber sind die gleichen: Na gut, wenn die Studenten diskutieren im Hörsaal, das kann man ja noch verstehen, wir haben auch diskutiert in unserer Studentenzeit. Gestört hat sie immer, wenn wir die Straße in Anspruch genommen haben als ein Moment eben unserer gesellschaftlichen Ambitionen. Die Straße war der Ort, wo sich diese Generation getroffen hat. Sie hat ihren Lebenswillen, das Bedürfnis nach einer gesellschaftlichen Alternative auf der Straße formuliert, ohne fähig zu sein, dieses Bedürfnis weiterhin nicht nur zu konkretisieren, sondern zu entwickeln. Erstmal lag da etwas brach, was sich plötzlich ausbruchartig entwickelt hat. Es war ein planetärer, weltweiter Aufstand. Das kann man nicht nur an den konkreten Bedingungen einzelner Länder diskutieren. Es war in den industrialisierten Ländern, auch im Osten, die Ablehnung einer bestimmten Entwicklung einer konkurrenten industriellen Gesellschaft. Klar hat es Schwierigkeiten gegeben zwischen uns und den Arbeitern, es war nicht so unisono ...

Sieg in der Niederlage

DUTSCHKE: Gott sei Dank, daß Widersprüche da waren!

COHN-BENDIT: Natürlich. Was mich ärgert, is, wenn Herr Walden süffisant zu dir sagt: Tja, wo blieben die denn? Ich hab viele Filme gesehen über Frankreich; zum Beispiel gibt’s einen Film, den uns die Kommentatoren immer vorwerfen und sagen: Nun gut, ihr habt die Straße erobert und dann seid ihr zu den Arbeitern gegangen nach Renault. Da sieht man geschlossene Tore und Arbeiter, die zwar auf dem Dach stehen und klatschen, aber die Tore sind geschlossen. Daraus folgern die Kommentatoren immer: Die Arbeiter wollten mit euch nicht reden.

NENNING: Jetzt mach ma amal für an Augenblick an Punkt.

COHN-BENDIT: Nee, Tschuldigung, aber das is jetz sehr wichtig. Es gab gewerkschaftliche Organisationen, die eine Verbindung mit einer Bewegung, die ihnen fremd war, verhindern wollten. Die hatten Angst, daß wir ihnen die Maschinen kaputtmachen! Die Tore wurden von den Gewerkschaften zugemacht, gegen den Willen vieler Arbeiter. Wie die Tore, die geschlossen wurden, ein paar Monate später in Prag. Wenn sich etwas genuin entwickelt, ohne daß es kontrollierbar ist, dann kommen irgendwelche Kräfte mit Interessen, die das dann verhindern. Und dann kommen die rechten Kommentatoren und sagen: Seht ihr!

Dany:
„Die Tore wurden von den Gewerkschaften zugemacht, gegen den Willen vieler Arbeiter.“

NENNING: Wenn etwas schön ist und man langweilt sich nicht mehr und ist auf der Straße und formuliert etwas — daß dann die Leute, die eigentlich das Heft in der Hand haben, wo die Gewerkschaften nur am Rand dazugehören, daß die dann irgendwann, wenn sie sich von ihrer ersten Überraschung erholt haben, zurückschlagen — ja wo ist da das Wunderbare dran?

COHN-BENDIT: Das ist nicht das Problem!

NENNING: Jemand, der verloren hat, muß sich fragen lassen, ob süffisant oder nicht: Du hast’s falsch gemacht, es ist etwas draus geworden, was nicht draus werden sollte, und zuletzt ist nichts daraus geworden. Das, was man wollte, hat man nicht bekommen.

DUTSCHKE: Sicherlich wollte ich nicht, daß ich zusammengeschossen werde. O.k.?

NENNING: Na, na, geh ma amal von dem a bissel weg. Die Erwartung: Wir können eine neue Welt bauen. Die alte Welt hat zurückgeschlagen, die alte Welt hat gewonnen. Und da nützt alles Herumwörteln nichts, das is ein historischer Sachverhalt.

DUTSCHKE: Können Sie noch so einfach sagen: Alt?

NENNING: Ich mein im historischen Sinn alt.

DUTSCHKE: Können Sie noch so ganz einfach sagen: Alte Gesellschaft? Gerade durch die sechziger Jahre, wie auch immer, wie widersprüchlich, wie verloren, wie gewonnen, wie auch immer — wer kann denn heute noch, von Dregger bis zu all den anderen, von einer alten Gesellschaft reden? Die Diskussionen in Berlin — waren die nicht gerade an einem Punkt besonders so beschränkt und doch so deutlich: Es ging niemals um ein Ziel. Bewußt oder unbewußt haben wir uns gesagt: Das steht noch nicht zur Debatte. Wir haben immer betont: die Bewegung. Es gibt einen Satz von Bernstein, den kennst du: „Die Bewegung ist alles ...

NENNING: ... das Ziel ist nichts.“ Wo ist die Bewegung? Vergiß aufs Ziel.

DUTSCHKE: Der entscheidende Punkt ist: Wir hatten in den sechziger Jahren die Bewegung ...

COHN-BENDIT: Jetzt immer noch!

DUTSCHKE: Die Bewegung würd ich nicht bestreiten, ich würde bloß sagen: Die Zielorientierung hat sich wesentlich verschoben zwischen den sechziger und den siebziger Jahren.

SONTHEIMER: Der Herr Nenning hat sich auf ein Interview mit Herrn Gaus bezogen, das Sie damals auf dem Höhepunkt der Entwicklung geführt haben: Wir glauben, daß wir eine Welt bauen können, wie die Welt sie noch nicht gesehen hat ...

NENNING: Is halt schiefgangen.

DUTSCHKE: Nein!

NENNING: Mir tut’s ja leid, aber i möcht wissen, warum!

DUTSCHKE: Ich muß anerkennen, so ein Satz von damals hat einen historischen Zusammenhang. Wenn ich heute, ein Jahrzehnt danach befragt werde, dann bitte ich, daß derjenige, der mich darüber befragt, erstmal den historischen Kontext sieht. Man muß klarsehen: Was ist 67? Wie ist die Bewegung, wie ist der Aufschwung, wie ist die Welle?

COHN-BENDIT: Herr Nenning, noch ein Punkt. Ich find so gefragt immer falsch. Herr ... Weiß nich, warum ich Herr safe. Is blöd.

NENNING: Is egal, sag einmal Herr, dann wieder Genosse, dann wieder was andres, das macht gar nix. Wir waren damals dumm ...

COHN-BENDIT: Nee, das Problem is so: So gestellt, läßt sich historische Entwicklung überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Alles, was ich 68 gesagt habe, klingt in meinen Ohren heute fatal. Wir haben durch unsere Opposition ein Bedürfnis artikuliert. Aber ich war nicht fähig, das zu formulieren. Es gibt viele Interviews mit mir, wo ich mir jetzt an den Kopf greif. Nur das ist nicht als Beweis zu nehmen, daß es schiefgegangen ist. Sondern: Erstens ist Konsequenz einer radikalen Kritik unseres damaligen Bewußtseins, was eben nicht auf der Höhe des politischen und gesellschaftlichen Durchbruchs war. Und das zweite ist Begräbnis — zu sagen, es ist gescheitert. Es ist gescheitert mit den Maßstäben der Politik, die wir grade abgelehnt haben. Wenn das Maßstab ist, ihr seid nicht an die Macht, dann sag ich: richtig.

Vorhin haben der Rudi und ich ziemlich lang geredet, und da hab ich ihm gesagt: Ich hab den Eindruck, wir sind eine verwaiste Generation. Unsere Mythen, unsere Vorbilder sind uns unter den Fingern zerbrochen. Viele von uns hatten Kuba als Beispiel, China, Vietnam, Kambodscha — das können wir heute aufgrund der Erfahrung nicht, im Gegenteil. Hier kommt wieder die Fratze des Staates, des organisierten bürokratischen Staates, den ich grade bekämpfe, wieder zum Vorschein. Unsere Stärke heute — im Gegensatz zu vielen — ist, fähig zu sein, das öffentlich zu formulieren. Wir haben keine Scheu zu sehen. Natürlich hatten wir projektive Hoffnungen in die Kulturrevolution. Das Bedürfnis, Ich-Identität nicht nur aus uns selber rauszuholen, sondern Macht darzustellen. Macht, die wir im Weltzusammenhang gesucht haben, die aber so nicht existiert hat. Der Satz von Rudi, wir wollen eine Welt aufbauen, die die Welt noch nicht gesehen hat, das stimmt um so mehr. Und daß wir mit dieser Welt, wie sie uns vorgespielt wird von den Machthabern, nichts zu tun haben wollen.

NENNING: Das is sehr einsichtig. Wer is wir? Du bist arbeitslos, er sitzt auf einer Universität, schreibt eine Dissertation ... [2]

DUTSCHKE: Heute muß ich Dissertationen prüfen und brauch keine mehr zu schreiben!

COHN-BENDIT: Ich sag, wer is wir: In den zehn Jahren hat sich eine Spaltung der Gesellschaft entwickelt, eine sehr tiefgehende, untergründige; die die Politkommentatoren überhaupt nie bemerken. Sie sehen immer nur Fakten, Zahlen, Wahlen, 90 Prozent Beteiligung ...

SONTHEIMER: Darüber schreib ich dauernd. Das ist meine große Sorge. Seit der Studentenbewegung haben wir eine andere Situation, geistig, was die politische Bewußtseinsbildung angeht.

COHN-BENDIT: Jetzt möcht ich zum Heute kommen. Plötzlich fängt in der Bundesrepublik das große Flattern an. Diese Grünen und Bunten ...

SONTHEIMER (zuckt die Achseln): Och ...

COHN-BENDIT: Also da kann ich Ihn’ sajen ...

SONTHEIMER: Da könnten wir gleich ne Wette abschließen!

COHN-BENDIT: Wetten, daß wir in’ Landtag kommen in Hessen?

NENNING: Von einer Naherwartung zur nächsten Naherwartung.

DUTSCHKE: Wie sieht’s aus mit denjenigen, die sich gewissermaßen als verwaiste Generationen fühlen, wie du sagst — bin ich nich so ganz sicher, ob das korrekt ist. Fünfprozentklausel wäre für sie kein Problem, wo sie sich heute auch immer befinden mögen, wenn die sich konzentrieren auf lokaler Ebene, auf Landtagsebene ...

Werdet ihr eine Partei?

NENNING: Was heißt wenn? Wenn-Sätze gelten nicht.

DUTSCHKE: Nicht wenn, sondern real. Was sind die dreikommasoundsoviel Prozent in Hamburg? Was sind die anderen? Es ist durch die sechziger Jahre ein Fundament gewachsen, auf dessen Basis auch Wahlen bestritten werden können. Nicht mehr nur Agitation und Propaganda, sondern reale politische Kraft. Über fünf Prozent ist ja bei uns im Lande relevante Kraft. Was bedeutet das aber für das Parteiengefüge? Wenn plötzlich etwas reinkommt, das man mit allen Mitteln zu verhindern versuchte. Erst waren’s die Rechten, wo man verhinderte — das heißt, Strauß fraß auf, was er nur fressen konnte von den ganz Rechten. Wird eine Sozialdemokratie fähig sein, eine solche geschichtlich gewordene Tendenz, die durchaus über fünf Prozent springen kann, zu schlucken, zu integrieren durch Begriffe wie demokratischen Sozialismus? Gerade da würd ich sagen: Das ist historisch nicht mehr drin.

NENNING: Ja, was wird dann aus euch? Eine Partei?

COHN-BENDIT: Rudi, du hast ein’ Sprung gemacht, den viele Zuschauer nicht nachvollziehen können. Die Leute sind wahrscheinlich auf ihre Sessel gesprungen und haben gesagt: Seht die beiden an, jetz reden die über Wahlen, die sind verrückt!

NENNING: Jetz wern sie vernünftig!

DUTSCHKE: Außerparlamentarisch und parlamentarisch muß vermittelt werden. Is doch klar.

COHN-BENDIT: Für mich ist es nich ne grundsätzliche Entscheidung, an Wahlen teilzunehmen. Der Nenning hat so’n Stichwort vorhin gesagt: TUNIX, [3] zwei Nationen, die Bundesrepublik plötzlich gespalten, das hat man gar nicht gemerkt. TUNIX war der erste Ausbruch.

NENNING: Zwei Nationen ist für mich viel älter. Das sind die Anfänge der Arbeiterbewegung, das is Disraeli, [4] vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.

COHN-BENDIT: Es gibt ne Strömung, die 68 geboren wurde, die die Wege und Umwege des Marxismus-Leninismus gegangen ist, sie wieder verlassen hat, zum Glück, ich mach ein Kreuz drüber. Dieser Leninismus, der wird immer wieder aufkommen, den muß man immer wieder runtertun, das ist so wie ein Stehaufmännchen, is Problem ...

DUTSCHKE: Ist ein Problem der Pest.

COHN-BENDIT: Aber was nachkommt! Und deswegen das Beispiel mit den Wahlen, jetzt war’s Hamburg, wo viele nicht dran geglaubt haben. Dieses festgefügte, selbstzufriedene Deutschland steht plötzlich vor dem Problem, daß es eine Gruppe gibt, die, wenn sie noch ein bißchen weitermacht, sagen kann: Ja, ich, Cohn-Bendit, ich will Innenminister in Hessen sein. Wir kriegen sechs, sieben Prozent (was hat denn der Innenminister der FDP, nicht mehr!), ich mache alle Gefängnisse auf!

SONTHEIMER: Ihr macht euch dieselben Illusionen wie vor zehn Jahren ... Es gibt ein Dokument, Herr Dutschke, wo die Konzeption der Demokratie in dieser neuen Ordnung diskutiert worden ist. Das ist die Rätediskussion im Kursbuch. [5] Mit Enzensberger, Ihnen, Rabehl, Semler u.a. Und wenn man das heute liest, kann man eigentlich nur staunen über soviel Unbefangenheit und Naivität ...

DUTSCHKE: Der historische Augenblick hat diese Naivitätt und Unbefangenheit zugelassen. Und ich bin froh, daß wir auch mal unbefangen sein konnten. Ein Jahrzehnt danach darüber zu denken ist für mich kein Problem der Identität mit der Vergangenheit, sondern ein Problem des Nachdenkens über geschichtliche Naivität und heutige Situation. Wo Naivität als Moment doch hoffentlich gegeben ist, aber Realitätserfahrung neu hereinkommt. Sie warfen uns vor eine Wiederholung der Illusionen der sechziger Jahre ...

Dany:
„Rudi, paß mal auf. Mich stört diese Legitimität ...“

Acht Prozent Linkssozialisten?

COHN-BENDIT: Hunderttausend Leute in Brokdorf ist nicht’n Zufall!

DUTSCHKE: Vor anderthalb Jahren war ich zu einem Gespräch eingeladen mit Oertzen. Da gab’s Spezialstudien, von der SPD durchgeführt, wo klar herauskam: sechs bis sieben Prozent hat eine Linke in der Tradition der sechziger Jahre. Er fügte aber hinzu, daß es nicht lange dauern würde, bis die Sektiererei beginnt. Diese sechs bis acht Prozent als latente Möglichkeit erst mal analytisch erfaßt zu haben — das hat ja niemand für wahr gehalten seit langer Zeit! Heute kann man’s schwerlich übersehen.

NENNING: Meine Frage nach dem Wir war ja nicht hämisch gemeint: Ein Teil des Bürgertums ist weggebrochen, eine Art Jungbürgertum, das abhängig intellektuell geworden ist, und die haben eine zugehörige Ideologie, ein neues Modell von jungbürgerlichem Sozialismus. Und warum soll denn nicht bringen vier, fünf, sechs, sieben Prozent? Bei so viel Leut und so viel Studierenden, so vielen abhängig arbeitenden jungen Menschen? Das is eigentlich eher wenig als viel.

COHN-BENDIT: Das stimmt nicht. Wenn ich Frankreich, Italien und England als andere Beispiele nehme, dann würd ich sagen: hier wiederum diese Spaltung in zwei Nationen ist nicht innerhalb der bürgerlichen Klasse, das sollte man ...

NENNING: In der bürgerlichen Klasse zwei Nationen mit dem einen oder anderen Paradeproletarier wie Peter-Paul Zahl.

WALDEN: Merkwürdig, Herr Nenning, daß wir schon so lange über Grüne und Bunte Listen reden, die doch nur ganz am Rande mit unserem Thema zu tun haben.

NENNING: Ganz andere Leut, Naturschützer von ganz rechts, Rechtskonservative.

WALDEN: Wir sollten doch wohl versuchen, den im wahrsten Sinne des Wortes roten Faden von damals aufzunehmen und zu sehen, wohin er geführt hat. Eigentlich müßte ich Sie ja fragen, ob Sie sich nich selber mißtrauen und Mißtrauen Ihnen gegenüber nahelegen und dem Publikum, denn eine der Parolen damals war ja: Trau keinem über dreißig!

DUTSCHKE: Das kam aus Amerika, nicht aus Berlin.

COHN-BENDIT: Wir sind noch nich über dreißich! Wir haben das Kunststück fertiggebracht, biologisch über dreißich zu sein und geistich nicht über dreißich. Das is ein Kunststück, worauf ich stolz bin, hahaha!

DUTSCHKE: Man kann mit dreißig schon neunzig sein — und umgekehrt mit neunzig noch dreißig!

WALDEN: Ah jut. Es ist die Frage, ob ich Sie darum beneiden soll. Ich tu es nicht.

COHN-BENDIT: Aber ich auch nich Sie, hahaha!

WALDEN: Ich hab immer Wert darauf gelegt, älter zu werden, weil das ja auch seine Vorteile hat.

COHN-BENDIT: Ja, ja, so’n Bart hat’s!

WALDEN: Herr Dutschke, Sie sagten vorhin: Wir haben drauf bewußt verzichtet, Ziele zu nennen. Sie haben eins mit Sicherheit damals genannt: Rätesystem. Dem sind Sie natürlich nicht nähergekomm’, und es sieht nirgendwo in den Bereichen, wo Sie wirken wollen, so aus, als ginge es in diese Richtung. Und Sie haben im September 67 auf einer Delegiertenkonferenz des SDS gesagt, die Propaganda der Aktion müsse Che Guevaras Propaganda der Schüsse ergänzen. Dutschke forderte die Ausbildung von Guerillakämpfern ...

Rudi:
„6 bis 8 Prozent Linke — das hat ja niemand für wahr gehalten seit langer Zeit! Heute kann man’s schwerlich übersehen.“

Haben Sie’s gesagt? Gestehen Sie!

DUTSCHKE: Wen zitieren Sie?

WALDEN: ... die den Kampf um den Mensagroschen und die Macht des Staates führen müssen. Das ist ein Zeitungsreporter, der auf dem SDS-Kongreß gewesen ist.

DUTSCHKE & COHN-BENDIT: Welche Zeitung?

WALDEN: FAZ.

DUTSCHKE: Sie sollten vielleicht noch mal die Dokumente sich anschauen, bevor Sie die FAZ bringen!

WALDEN: Wir könn’ das ja ganz kurz machen: Sie haben das alles nicht gesagt?

DUTSCHEKE: Ich habe viel gesagt. Und ich stehe zu allem, was ich gesagt habe, und es waren viele Fehler dabei, und mit Sicherheit waren in diesen Fehlern historische Situationen! 67, wie war die internationale Situation?

WALDEN: Herr Dutschke, seien Sie nicht böse, daß ich Sie unterbreche, weil wir ja sonst nicht weiterkommen — auch zu Ihren Gunsten. Haben Sie das, was ich hier zitiert habe, nicht gesagt?

COHN-BENDIT: Ich hab’s gesagt!

DUTSCHKE: Also warum soll ich’s nicht gesagt haben ? Bloß, ich habe ...

NENNING: Sie wollen auf das Problem der Gewalt hinaus?

WALDEN: Na selbstverständlich!

COHN-BENDIT: Da sagen Sie’s doch gleich, komm’ Sie doch nich auf so’n FAZ-Artikel ...

WALDEN: Wenn ich von Ihrer Seite nicht unterbrochen worden wäre, hätte ich es schon gesagt.

DUTSCHKE: Ich muß dazu etwas sagen ...

NENNING: I muß jetz wirklich pflichtgemäß den Herrn Walden noch ein bißl was sagen lassen. Halts euch bissel zurück, und dann geht’s wieder.

COHN-BENDIT: Der kann das bei jedem Wort am Sonntag sagen.

WALDEN: Sie haben es ganz offensichtlich sinngemäß so gesagt.

DUTSCHKE: Ich habe es sinngemäß so nicht gesagt.

NENNING: Jetzt laß ihn amal, verdammt noch amal.

DUTSCHKE: O.k., fahren Sie fort, Sie können ja auch mit einer falschen Voraussetzung fortfahren.

WALDEN: Nein, Herr Dutschke, Sie machen’s komplizierter, als es ist. Sie brauchen nur zu sagen: Das hab ich nie gesagt.

DUTSCHKE: Nee, das wäre zu einfach.

NENNING: Gut, das ist geklärt.

DUTSCHKE: Nein, es is eins nicht geklärt. Sie müßten aus Berlin wissen, was der Dutschke immer gesagt hat und wozu er heute gleichermaßen steht. Die Personen, die wir haben in der herrschenden Klasse, welchen Namen sie auch immer tragen mögen, sind Charaktermasken. Charaktermasken sind austauschbar, darum is es inhuman, auch nur daran zu denken, sie zu ermorden. Das war eine unzweideutige SDS-Position von 66, 67, 68 — solange ich dabei war. Und damit gibt’s da keine Unklarheit.

Väter des Terrors

WALDEN: Ich versuch es noch einmal. Es ging ja in Berlin nicht erst 67 und den Osterunruhen 68 los, sondern schon 65, 66. Es begann damit, daß geladene, vortragende Gäste in der FU und in der TU niedergebrüllt wurden.

COHN-BENDIT: Ts, ts, ts!

WALDEN: Sie konnten nicht zu Ende reden, und ich habe das bereits für sehr bedenklich gehalten. Ich halte bereits das Niederbrüllen eines Menschen, der das Wort erteilt bekommen hat, für eine Form von Gewalt. Es setzte sich dann fort mit Tomaten und Eiern, schien sehr harmlos, Farbbeuteln, eingetretenen Rektoratstüren, zersplitterten Fensterscheiben, Gewalt gegen Sachen. Ich habe mir damals erlaubt zu sagen, diese Gewalt gegen Sachen wird sich fortsetzen und sich gegen Menschen richten. Ich habe leider darin recht behalten.

COHN-BENDIT: Ach ja.

WALDEN: Es setzte sich fort mit Steinwürfen. Es starben in München zwei Menschen an Steinwürfen.

COHN-BENDIT: Durch Polizeisteine?

NENNING: Der Herr Walden muß einmal dahin kommen, daß er sagt: Die Gewalt, die jetzt da ist, kommt aus der damaligen Studentenbewegung. Ich kann’s mit einem Satz. Er braucht länger. Bitte ...

WALDEN: Ich habe klarmachen wollen, daß es eine Eskalation von Gewalt, eine Kausalkette von Gewalt gegeben hat, die mit dem Niederbrüllen von Meinungsgegnern begann, sich fortsetzte in Steinwürfen, in Kaufhausbrandstiftungsaufforderungen ...

COHN-BENDIT: Hi, hi, hi.

WALDEN: ... in Kaufhausbränden, sich immer weiter entwickelte und eines Tages Todesopfer forderte. Es wurde geschossen. Und es sind die Terroristen, die heute noch schießen und die ein akutes Problem darstellen und bei deren Aktivitäten zu fragen ist: Woher kommen die und woher kommt das? Und wenn ich das versuche, zurückzuverfolgen, dann komme ich eben in jene Zeit. Und wenn es Rechtsradikale gewesen wären oder wären, die heute diesen Terrorismus ausüben, dann hätte es ja auch eine Rolle spielen müssen, zu sagen: Das sind alte oder neue Nazis, die kommen aus den Kreisen der NDP. Aber in diesem Falle kann ich zu keinem anderen Resultat kommen, als daß der Terrorismus — lesen Sie alle Pamphlete der Baader-Meinhof-Organisation ...

COHN-BENDIT (pfeift): Organisation!

WALDEN: ... von dieser Richtung gekommen ist, die damals die Ihre war. Ich brauche es hoffentlich nicht zu sagen, daß ich Sie nicht mit den Terroristen von heute identifiziere.

Walden: „Diese Gewalt gegen Sachen wird sich fortsetzen und sich gegen Menschen richten. Ich habe leider darin recht behalten.“ Dany: „Ach ja.“

DUTSCHKE: Der entscheidende Punkt ist, daß Sie einen Begriff von Gewalt haben, der nicht dem meinen entspricht. Gewalt ist erst mal eine sozialökonomische Kategorie. Über Gewalt verfügt derjenige in einer Gesellschaft, der über Grundstruktursetzung einer Gesellschaft verfügt. Das sind Eigentumsverhältnisse, Machtstrukturen, das sind bestimmte Institutionen, Verfügungsgewalt dort und dort und dort. Wer hat Eigentum gehabt, wer hat Verfügungsgewalt gehabt et cetera et cetera? Wohl nicht Studenten. Die sozialökonomische Struktur der Gewalt ist erstmal nicht bei den Studenten zu finden, es ist die Gesellschaftsstruktur, die in sich Gewalt produziert und reproduziert. Unvermeidlicherweise, weil sie so ist, wie sie ist. Sie prägt den Terrorismus. Sie ist in sich voll mit Terrorismus geladen.

Was ist denn der Arbeiter, wenn er am frühen Morgen zum Arbeitsplatz muß? Um sechs Uhr aufstehen muß, um sieben rein in den Bus. Der ist in sich voll geladen. Er hat gerade den Tee geschafft oder den Kaffee und ne Zigarette oder noch ne zweite Zigarette und ist sauer, stinksauer von oben bis unten. Er muß wieder rein in die Scheiße, acht Stunden. Dann kommt er nach Hause, vielleicht ein bißchen fernsehen, ein bißchen essen, vielleicht mal kurz ins Bett gehen ...

WALDEN: Ganz besonders sauer sind die Arbeiter auf den Terrorismus!

DUTSCHKE: Ich will jetzt den Zusammenhang erst mal herstellen. Gewalt verstanden als sozialökonomische Kategorie. Ob Sie damit einverstanden sind, sei erst mal dahingestellt. Jetzt kommen wir zur politischen Form der Gewalt. Die ist Resultat einer sozialökonomischen Struktur, die Latenz von Gewalt in sich trägt. Da gibt’s natürlich auch die Gewalt derjenigen, die glauben, daß sie legal die Macht ausüben. Und die vielen illegalen Tätigkeiten der Organisationen, die legal die Macht in den Händen haben. Die haben Sie kennengelernt in Berlin, besonderer Höhepunkt 67, Erschießung von Benno Ohnesorg, als es galt, einen Despoten heil nach Hause kommen zu lassen, der heißt Schah von Persien. Diesen Zusammenhang dürfen Sie nicht aus dem Blick verlieren. Sie machen sich’s verflucht einfach, Sie gehen von der Wurzel einer Gesellschaft weg. Und gerade um die Wurzel geht’s. Die Wurzel ist: Wie sind die Verhältnisse?

Ist Gegengewalt gerechtfertigt?

NENNING: Wenn ma das wieder so aufeinanderhäuft, tritt so ein Effekt zugunsten des Herrn Walden ein.

WALDEN: Würden Sie das bedauern, Herr Nenning?

NENNING: Ich würd’s gar net bedauern. Aber es ist für die Struktur schlecht. I möcht amal was dazwischen sagen. Das schaut so aus, vereinfacht: Es gibt strukturelle Gewalt in dieser Gesellschaft in ungeheurem Ausmaß. So. Daraus folgt, daß Terror gerechtfertigt ist. Und das halte ich als guter, braver, langweiliger Sozialdemokrat für eine ungeheuer falsche Schlußfolgerung, vor allem für die Arbeiterbewegung. Ich kann doch nicht von mir wegschieben, daß das, was da einige wenige Leute getan haben, einen ungeheuren Schaden für die Sache des Sozialismus angerichtet hat.

DUTSCHKE: Ja, ja. Aber wer sind diejenigen, die den Schaden verursachen?

NENNING: Eine so allgemein richtige Ursache wie strukturelle Gewalt in der Gesellschaft führt noch überhaupt nicht dazu, daß ich sagen kann, eine Taktik oder Strategie, die darin besteht, daß man zurückschießt ohne Aussicht auf Erfolg ...

DUTSCHKE: Da gibt’s keinerlei Legitimation dafür, nicht die geringste!

NENNING: Also! Und grad die Arbeiter, deren Arbeitsleid hier so bewegt zitiert wird, genau die schießen ja nicht — die haben andere politische Formen gefunden ...

COHN-BENDIT: Herr Nenning, machen’s wir uns nicht zu einfach.

NENNING: ... die vielleicht auch nicht irrsinnig wirksam sind. Da muß das aber auch klar gesagt werden.

DUTSCHKE: Wer will denn das? Strauß will’s haben. Am Tag vor der Wahl ... Wer hat das Interesse daran? Hat Dany das Interesse, daß geschossen wird? Hab ich das Interesse ? Aber es gibt andere Interessen.

NENNING: Aber kann man das so von sich wegschieben, kann man sagen: Wir haben überhaupt nichts damit zu tun.

COHN-BENDIT: Im Gegenteil! Ich habe vieles damit zu tun. Ich möchte dem Walden gerecht werden, wenn er sagt, ihr habt was damit zu tun. Sag ich: Ja! Ohne weiteres.

DUTSCHKE: Es wär eine Schande, das zu bestreiten.

COHN-BENDIT: Es ist richtig, eine Linie, eine Strömung aus den Entwicklungen von 68 sind die, die sich Stadtguerilla nennen. Das bezweifle ich gar nicht. Der Rudi hat eine Erklärung gegeben. Mich stört nicht, das zu gestehen. Für mich ist das Problem viel komplizierter. Nämlich: Ich bin selber viel pazifistischer als Sie (zu Walden). Das Problem für mich liegt nicht in einer verbalen Verurteilung oder nicht. Sondern: Ich stehe zu Mescalero, Herr Walden.

DUTSCHKE: Ich nicht!

COHN-BENDIT: Ich weiß, du nich. Ich stehe. Mescalero ist dieser berühmte Student, ich halt ihn für einen der größten geistigen Köpfe der Bundesrepublik, weil er das alles so in Gang gebracht hat, der also nach dem Attentat auf Buback gesagt hat: Klammheimliche Freude — und dann eine Entwicklung macht und das verurteilt. Ich hätt’s anders formuliert — ich sage nur, er hat was auf den Punkt gebracht, daß es eine Generation gibt, die in sich Haß hat. Zu dieser Generation gehöre ich. Ich habe Haß gehabt und hab in sehr vielen Augenblicken Haß. Und jetzt müssen Sie sich anhören, warum.

SONTHEIMER: Warum? Na, sagen Sie’s einmal. Wegen der Gewaltverhältnisse, von denen Herr Dutschke gesprochen hat? Das kann’s doch wohl nicht sein.

COHN-BENDIT: In der Form nicht. Er hat ein Jahr beschrieben. Das fing an mit Tomaten, dann ging’s weiter mit — ja? Dieses gleiche Jahr hab ich ja auch erlebt. Für mich beschreib ich dieses Jahr: Es fing an mit Bomben auf Vietnam. Und nochmal Bomben auf Vietnam. Und eine Hilflosigkeit, eine totale Hilflosigkeit. Demonstrieren rechts und links, sagen: aufhören, aufhören! — und keiner hört, und es hört nicht auf. Dann hab ich mich selber gefragt: Was ist die effizienteste Form, die Vietnamesen zu unterstützen? Ich sage nicht, daß das, was die von der Roten Armee Fraktion gemacht haben, die effizienteste Form ist. Ich sag: Hier ist der gemeinsame Nährboden. Und zu dem stehe ich. Ich wollte den Vietnamesen am effizientesten helfen. Gegen die Amerikaner und gegen alle, die sie in Europa unterstützt haben und gesagt haben: Hier verteidigen sie die Freiheit. Daß ein Völkermord die Freiheit verteidigt. Da kann sich die westliche Zivilisation nicht herauslavieren. Wenn es heute Terroristen gibt, dann gibt es die, weil es den Vietnamkrieg gegeben hat. Und nichts anderes. Denn da hätten wir Tomaten schmeißen könn’, wir hätten jemand unterbrechen könn’ oder nicht das hätt nicht zu diesem Gewaltpotential geführt, weil dieser Haß der Ohnmächtigkeit, den wir alle verspürt haben, die gegen den Krieg waren ...

NENNING: Ja, is ja herrlich g’sagt, ganz saftig!

COHN-BENDIT: Der zweite Punkt, daß Sie gleichgesetzt haben: da durfte jemand nicht reden, wurde unterbrochen. Ich find in Angedenken dessen, daß in der Freien Universität Berlin ein Herr Kuby nicht reden durfte, daß sich jemand hier hinstellt und sagt: Es durfte niemand reden! Vielleicht bin ich ein Spinner, aber soviel ich weiß, wurde Herrn Kuby verboten zu reden.

WALDEN: Ich war damals dafür, daß der Kuby reden kann! Ich habe es ihm nicht verboten.

Molotowcocktails vom Senat

COHN-BENDIT: Der dritte Punkt. Ich geh weiter. Für mich is es sicher ein großes Problem, wenn man jemand unterbricht. Nun gibt es einfach Momente, wo es Emotionen gibt. Wenn einer sich hier hinstellt und sagt: Ich vertrete dies und jenes und je mehr Bomben und so weiter — da kann man nicht rational an diesen Punkt gehen. Deswegen find ich, dieser Vergleich — hier Tomaten, da Waffen — ist ein Sprung, den ich nicht nachvollziehen kann. Auf der einen Seite die subjektive Betroffenheit von Leuten, die diese artikulieren wollen. Auf der anderen Seite —

DUTSCHKE: Da muß ich jetzt unterbrechen, Dany, grade für Berlin. Sie wissen, daß grade an diesen Tagen im April eine Person eine Rolle gespielt hat, die bei uns im SDS gearbeitet hat: Peter Urbach. [6] Direkt Agent vom Senat. Wie hab ich Peter Urbach erstmalig kennengelernt? Er kam rein, war einer der wenigen Arbeiter, so trat er in Erscheinung im SDS, konnte auch gut arbeiten mit Handwerk und alles, was dazugehört. Niemand konnte ahnen, daß er ein Agent ist, der die Aufgabe hat, Informationen zu sammeln. Er berichtete uns nicht nur über seine Arbeit bei der S-Bahn, er war dort angestellt, er hat bei der S-Bahn auch die ersten Bomben geworfen. Er hat die ersten Bomben geworfen! Er kam ganz stolz zu uns und erzählte von seinem Krach mit der SEW, weil er wußte, wir waren mit denen nicht identisch. Er wollte uns damit gewinnen, daß er sich als Anti-Moskowiter zeigte. Nun, was machte er in den Apriltagen? Er stellte direkt die Molotowcocktails zur Verfügung, um das durchzuführen, was am 11., 12., 13. stattfand. Es gibt also eine reale Gewalt, die von der herrschenden Seite mit betrieben wird, um die latente Gewalt, die immer da ist und hochkommen muß, präventiv zu bekämpfen. Gezielt bekämpft!

NENNING: Anarchisten und Polizisten sind immer schwer zu unterscheiden.

COHN-BENDIT: Uuaaahh!

NENNING: Die schönsten Attentate in den neunziger Jahren hat der Polizeipräsident von Paris selbst ...

DUTSCHKE: Es gibt schottische Aufstände, die direkt von der Polizei gemacht ...

COHN-BENDIT: Es gibt auch Attentate, die ich begrüßen würd. Gibt’s ein Attentat, das Sie begrüßen würden?

WALDEN: Das ist wahrscheinlich die Frage, ich hätte gern vorher zu dem was gesagt ...

DUTSCHKE: 44 — einverstanden?

COHN-BENDIT: Stauffenberg!

DUTSCHKE: Sind Sie damit einverstanden?

WALDEN: Die Frage des Tyrannenmordes, nich, die hier gestellt wird?

DUTSCHKE: Also auch die Gewaltfrage damit neu beantwortet werden muß!

WALDEN: Ich habe Verständnis für einen Tyrannenmord: Beispiel 20. Juli. Ich selber würde nicht dazu auffordern ...

COHN-BENDIT: Ich aber!

WALDEN: ... meiner Mentalität, meiner Überzeugung, meiner religiösen Überzeugung wegen. Ich würde nie dazu auffordern, ich würde es auch nie tun, aber ich habe Verständnis bis hin im extremen Falle, nämlich dem extremen Falle der Tyrannei, der Billigung. Ist das damit klar beantwortet? Und darf ich jetzt eben mal was zu dem doch wichtigen Vietnam-Stichwort sagen? Nun haben Sie sehr freimütig Ihre Verstrickung in das, was daraus geworden ist, im Sinne des Terrorismus bekannt ...

DUTSCHKE: Nee, ’nix Verstrickung ...

WALDEN: Na, ich nenn es so. Sie haben gesagt: es betrifft Sie durchaus.

COHN-BENDIT: Na, klar!

WALDEN: Da kann ich Sie gar nicht falsch verstanden haben, und das war freimütig. Und da frage ich mich und frage Sie, wenn diese eine Gruppe, von Ihrer Bewegung her kommend, beim Terrorismus und beim Mord gelandet ist und wenn, da Sie Mescalero gut finden, der Tod von Buback und Schleyer Sie mit klammheimlicher Freude erfüllt ...

DUTSCHKE: Aber pazifistisch!

WALDEN: Witwen und Waise offenbar nicht zu Ihrem ...

COHN-BENDIT: Nee, nee, so hab ich’s nicht gesagt! So hab ich’s nicht gesagt. Ich hab gesagt, der Mescalero ist genial, weil er, ohne es zu wissen, etwas ins Rollen gebracht hat. Wissen Sie, kein Trick bei dieser Diskussion!

WALDEN: Ich habe Sie so verstanden, Sie fanden den gut ... Haben Sie ihn auch so verstanden, Herr Nenning?

NENNING: Ich hab verstanden: Erster Akt klammheimliche Freude, das hat zu tun mit den Emotionen. Zweiter Akt in diesem Artikel, die Wendung: dennoch dagegen zu sein. Und in der ganzen öffentlichen Diskussion ist ja immer nur das erste rausgekommen.

COHN-BENDIT: Es gibt auch Situationen, im Mai 68 gab’s Molotowcocktails nicht von Provokateuren ...

DUTSCHKE: Natürlich, und die muß man dann auch haben! Wenn’s nicht anders geht und es aufgezwungen ist!

COHN-BENDIT: Das Problem will ich doch gar nicht irgendwo in einem Sack verstecken. Nur — ich will keinen Trick dabei. Trick ist, zu sagen: Sie haben was von Buback gesagt, aber Witwen und so weiter macht Ihnen nix aus.

WALDEN: Nein! Ich habe Sie gefragt ...

Günther Nenning:
„Anarchisten und Polizisten sind immer schwer zu unterscheiden.“

Ich war Terrorist — zionistischer

COHN-BENDIT: Jetzt sag ich Ihnen, was mir ausmacht. Mir macht aus, die Verstrickung in eine Situation, wo ich noch weitergeh mit’m Terrorismus ... Sie haben Religion angesprochen, ich geh jetzt noch weiter: Ich war Anhänger, mit 20, 22 Jahr, terroristischer Organisationen. Wissen Sie, von wem? Die Zionisten in Israel. Wieviel englische Kommandanten haben sie umgebracht? Die Engländer waren nicht besondere Tyrannei. Für die Existenz ihres Staates haben sie ... und einer ihrer Wortführer, Herr Walden, ist einer der größten, angebetetsten Freunde Ihrer Blätter, der heißt: Menachem Begin. Als ich klein war, habe ich an Israel geglaubt, ich war Zionist, ich bin’s heute weiß Gott nicht mehr. Mit dem Zionismus hab ich in vollem Bewußtsein Terrorismus verbunden. Dieses Land müssen wir uns erkämpfen, mit allen Mitteln, gegen die Araber — wenn sie nicht freiwillig gingen, dann wurden sie mit Bomben ... In Frankreich, in Deutschland wird nicht so freimütig darüber geredet. Es ist im Moment ein sehr interessantes Buch rausgekommen von einem, der in der Gruppe Stern war, das war die Gruppe, die mit dem Menachem Begin zusammen Vorhut war der terroristischen Aktionen. Heute kann ich mich davon freimachen und kann sagen, Zionismus/Israel bedeutet die Vertreibung der Palästinenser.

Es wäre von mir heutzutage zu einfach, zu sagen: ich war ja immer dagegen. Nein, ich war nicht immer dagegen. Historische Entwicklungen kommen zu Punkten, die Politiker vereinfachen. Sie fordern Antworten von uns, die ich nicht abgeben kann. Ich kann nicht ja oder nein sagen. Ich kann nur sagen: Wollt ihr darüber diskutieren? Dann müssen wa alles breitlegen. Auch das, was in Worten politisch nicht so einfach faßbar ist.

Dany:
„Mit dem Zionismus hab ich in vollem Bewußtsein Terrorismus verbunden!“

Ein letztes Beispiel, weil Sie sagen: Tyrannenmord. Hoffentlich springen Sie nicht zu schnell von Ihrem Sessel. Es gibt einen Tyrannen, der ermordet wurde, der hieß Heydrich, ja? Wo ist er ermordet worden? In Prag. Durch’n Pistolenschuß in einen Wagen. Dieser Herr Heydrich pflegte sehr oft mit einem anderen Herrn in einem Auto zu fahren. Dieser andere Herr fuhr an diesem Tag nicht mit ihm, deswegen ist der andere Herr nicht ermordet worden. Dieser andere Herr hieß Schleyer. Ich will jetzt folgendes sagen: Sosehr ich gegen den Mord an Hanns-Martin Schleyer bin, so ekelhaft finde ich, daß seine ganze Vergangenheit nicht dargestellt wird. Nämlich die Kontinuität dieses Staates Bundesrepublik qua Person mit seiner faschistischen Vergangenheit. Das ist der Unterschied in der Bearbeitung von Problemen.

DUTSCHKE: Nicht Bearbeitung, sondern Ignoranz der Geschichte.

WALDEN: Also erstens ist Schleyers Vorgeschichte durchaus dargestellt worden, und zwar sehr breit. Das ist nicht untern Tisch gefallen. Sie hatten meine Frage als zu vereinfachend bezeichnet, bevor ich Gelegenheit hatte, sie zu Ende zu stellen. Ob vielleicht die Ermordung Schleyers, Bubacks, Pontos und Drenckmanns Sie persönlich nicht belastet, betrifft, und zwar anders als bei dem, was Sie über den Zionismus sagten. Damals waren Sie ja nicht Wortführer, sondern Sie waren innerlich dafür. Hier waren Sie in einer Bewegung, Wortführer und in diesem Sinne genauer und konkreter zu fragen, wie Sie jetzt dazu stehen. Was geht in Ihnen vor? Und hier vereinfache ich bewußt, wenn ich jetzt mal nicht die genannten Mordopfer meine, sondern die Fahrer, die Chauffeure, die sind von Terroristen erschossen worden, und da gibt es auch Witwen und Waisen.

COHN-BENDIT: Sehr gute Frage. Sehr gute Frage.

DUTSCHKE: Warum sind Sie eigentlich so frech, jetzt solch eine Frage zu stellen? Warum sind Sie so frech?

WALDEN: Was ist daran frech, Herr Dutschke ?

Darf man Heydrich umbringen?

DUTSCHKE: Augenblick. Sie wissen, was der Daniel Cohn-Bendit zu dieser Sache schon oft gesagt hat, und Sie wissen auch, was der Dutschke gesagt hat. Und dennoch stellen Sie eine Frage, und zwar so, als ob diese beiden damit doch irgendwohin getrieben werden könnten, auf einen Platz, den sie nie gehabt haben. Sie unterstellen etwas, das nicht zur Debatte steht.

WALDEN: Nein, nein. Ich nehme nur das auf, was Herr Cohn-Bendit selber gesagt hat ...

DUTSCHKE: Augenblick! Nein.

WALDEN: ... die kamen aus unserer Bewegung, aus unserer Richtung, und ich fühle mich da durchaus betroffen. Das hat er doch durchaus gesagt.

DUTSCHKE: Aber da kann ich doch Ihre Bewegung geschichtlich betrachten ...

WALDEN: Ich gehöre keiner an!

DUTSCHKE: Ja, was verstehen Sie dann unter Bewegung?

COHN-BENDIT: Sie gehören doch zur CDU, oder nicht?

DUTSCHKE: Ist das eine Bewegung oder nicht ? Jeden Sonntag habe ich Sie oft gesehen in der Vergangenheit, wo Sie direkt Partei ergreifen in bezug auf eine politische Richtung.

WALDEN: Das ist natürlich richtig. Darauf leg ich Wert.

COHN-BENDIT: Hoffentlich! Schwer, ja wirklich.

DUTSCHKE: Wenn wir sprachen von Bewegung, bezog sich das auf einen SDS. Er hatte die führende Rolle in dieser Bewegung. Als er nicht mehr existierte, Ende 68 — können Sie dem SDS nicht etwas unterstellen, wo er gar nicht mehr da ist.

Rudi/Dany:
„Herr Walden, Sie wissen, was wir gesagt haben!“

WALDEN: Herr Dutschke, was hab ich der SDS unterstellt?

DUTSCHKE: Sie haben erst einmal ne Verallgemeinerung gemacht. Sie haben die Vergangenheit jetzt in der Gegenwart mit ner Situation konfrontiert, wo wir uns eigentlich sehr darüber Gedanken machen müßten. Ich will noch ein bißchen mehr machen mit den Gedanken. Was Dany sagte über Prag, Heydrich, da muß man den historischen Zusammenhang richtig einsetzen. Du weißt, die antifaschistische Bewegung in der Tschechoslowakei war dagegen. Es war vom Ausland gedacht worden als ne taktische und strategische Entscheidung ...

COHN-BENDIT: Rudi, mir geht’s um was anderes. Keiner sagt, es ist verwerflich, den Heydrich umzubringen. Darum geht’s mir. Is es nicht. Hoffentlich. Für mich nicht. Gut — das wollt ich nur sagen.

DUTSCHKE: Aber mir geht’s nicht in diesem Augenblick um Verwerflichkeit oder Unverwerflichkeit, sondern mir als Sozialist geht’s um ne historische Situation. Welche geschichtliche Situation ist gegeben, welche Klassenkämpfe finden statt, welch militärischen Auseinandersetzungen finden statt? Und da würd ich sagen: Die Schüsse auf einen Faschisten in der Nähe von Prag waren nicht auf dem höchsten Stand der geschichtlichen Entwicklung — worüber wir uns einig sein werden.

COHN-BENDIT: Aber Rudi, du machst ein Problem — also ich weiß nicht, das ist richtig mit dem historischen Zusammenhang. Aber in der Diskussion heute in der Bundesrepublik gibt es eine moralische Dimension. Und wenn der Walden auf das Problem der Begleitpersonen kommt, dann sage ich: Hier ist mein größter Ekel an der Moro- und Schleyer-Aktion.

DUTSCHKE: Da gibt’s keine Unklarheit!

COHN-BENDIT: Der große Ekel kommt bei einer Aktion, die aus folgenden Gedanken sich speist: Ich hab vier Bauern und ein’ König. Ich erschieße vier Bauern und nehm den König als Geisel. Und der, ob er das größte Schwein ist oder nicht, der darf weiterleben, wenn man austauscht. Da, sag ich, mach ich nicht mit. Wie ich auch vorher nicht mitgemacht hab. Das Problem aber ist — und da ist es ne schlechte Angewohnheit von Sozialisten oder Linken, die ham keine Angst, in der Öffentlichkeit ihre Widersprüche wirklich offenzulegen und sagen: Mein Herz schlägt nicht eindeutig. Und da seh ich im Gegensatz zum Beispiel Sie (zeigt auf Walden) als versteinerte Maske in diesem Land Bundesrepublik, wo soviel Mitläufer von Massenmördern in Amt und Würde stehen, in der Partei, die Sie politisch unterstützen.

Dany (zu Walden): „Da seh ich Sie als versteinerte Maske in diesem Land Bundesrepublik ...“

Walden: Filbinger soll zurücktreten!

WALDEN: Da haben Sie Pech gehabt, Herr Cohn-Bendit!

DUTSCHKE: Haben Sie mit Filbinger keine Problematik in Ihrer Moralität?

WALDEN: Ich antworte darauf gar nicht. Sie haben deshalb Pech gehabt — Sie hätten es nur nich einfach behaupten dürfen —, weil Sie damals wahrscheinlich gar nicht in Deutschland waren und das deshalb sicher nich wissen konnten, nur soll man nicht reden, wenn man etwas nicht weiß.

COHN-BENDIT: Man soll immer reden und dann gucken.

WALDEN: Ich habe jahrelang Fernsehsendungen gemacht, die sich genau mit den alten Nazis in den hohen Rängen von CDU-Regierungen polemisch bis zur äußersten Schärfe und Härte auseinandergesetzt haben. Ich habe die dafür Verantwortlichen ins Studio eingeladen; als sie nicht kamen, leere Stühle hingestellt. Ich habe einen General haben wollen, der mir erklärt, warum alte Nazigenerale, die sich mit Hitler über den Kartentisch gebeugt haben, in der Bundeswehr wieder Dienst tun konnten. Die Generale sind nicht gekommen, es stand bei mir ein leerer Stuhl. Ich galt damals übrigens als Linker, und zwar natürlich bei den Rechten. Das ist nach meiner Lebens- und Berufserfahrung austauschbar. Ich habe das am härtesten von allen Fernsehjournalisten damals ausgefochten. Ich war der Meinung, daß Kiesinger als ehemaliges NSDAP-Mitglied nicht hätte Bundeskanzler werden sollen. Ich bin der Meinung, daß Filbinger zurücktreten soll.

DUTSCHKE: Um so besser für Sie. Aber dennoch nimmt das den Punkt nicht weg, warum Sie uns gegenüber so auftreten. Uns als Repräsentanten betrachten für eine Richtung, die als Resultat das gebracht hat, was hin und wieder in Erscheinung tritt.

WALDEN: Im Sinne von Wurzel, Blüte, Frucht.

COHN-BENDIT: Ja, aber das ist doch un—

DUTSCHKE: Wurzel ist ja nur ein Begriff, der einen Sinn hat, wenn man sagt: Was ist da Substanz gewesen ? Was ist gewachsen unter welchen Bedingungen ? Ich brauche nicht zu wiederholen, ist auch langweilig, daß SDS-Geschichte und APO ganz klar sagen: Wie weit ist es gegangen, wann war Schluß, und wann fühlte sich eine herrschende Maschine sehr wohl, daß endlich die Terroristen da waren?

SONTHEIMER: Das können Sie aber nicht sagen, Herr Dutschke, daß eine herrschende Maschine sich wohl fühlt!

DUTSCHKE: Augenblick! Ich will erklären, was heißt herrschende Maschine ...

WALDEN: Maschinen fühlen sich überhaupt nicht wohl oder unwohl, es müssen Menschen ...

DUTSCHKE: Maschine jetzt begriffen als herrschende Struktur, um eine reale gesellschaftliche Widerspruchsebene unter Kontrolle zu bekommen. Wir hatten Ende 66 die ersten 500.000 Arbeitslosen im Lande. Erstmalig, wo die Sorgen auftauchten, was inzwischen eine Million in Kontinuität geworden ist. Es war eine Situation entstanden, wo die Herrschenden eindeutig sehen konnten: Da is ne Gefahr, mit der müssen wir zu Rande kommen. Wer konnte glücklicher sein, mit dem Terror zu leben, als die Herrschenden? Nicht nur zu leben, sondern ihn immer wieder in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit zu bringen, grade um Öffentlichkeit zu verhindern. Was heißt denn Öffentlichkeit? Offenes Licht. Können Sie in der BRD von offenem Licht reden? Würden Sie wahrscheinlich auch nicht können ...

SONTHEIMER: Ich hab den Eindruck, daß man das sagen kann!

DUTSCHKE: Aber warum können wir die Diskussion nur hier führen und nicht in der BRD?

SONTHEIMER: Herr Walden hat ja nur zu zeigen versucht, ohne Sie beide damit persönlich in Verbindung zu bringen ...

COHN-BENDIT: Das macht der Verfassungsschutz!

SONTHEIMER: ... daß eine mögliche Entwicklung bestanden hat aus gewissen Anfängen heraus, ohne daß der SDS involviert gewesen wäre, für den Sie noch stehen, die dann zu bestimmten Phänomenen des Terrorismus geführt hat.

DUTSCHKE: Für wen steht Peter Urbach? Für wen steht der? Und für wen stehen andere Agenten, die Gewalt vorangetrieben und durchgeführt haben? Wofür stehen die?

SONTHEIMER: Schauen Sie, Sie haben mit großer Beredsamkeit vorhin den Begriff der strukturellen Gewalt demonstriert, der heute auch weitgehend in Mode ist und der im Grunde nicht das meint, was wir meinen, wenn wir Gewalt sagen. Denn das sind Machtverhältnisse, Abhängigkeitsverhältnisse ...

COHN-BENDIT: ... die normal sind. Ob Leute daran kaputtgehen oder nicht, is egal.

SONTHEIMER: ... und in dem Moment, Herr Dutschke, wo man solche Verhältnisse, die es natürlich gibt, mit dem Begriff Gewalt benennt, schafft man eine gewisse Voraussetzung für die Idee der möglichen Gegengewalt.

COHN-BENDIT: Ja, soll auch so!

Denken ist gefährlich

SONTHEIMER: Sie haben das nicht mehr unter Kontrolle! Wenn Sie eine Situation mit bestimmten Wörtern besetzen.

NENNING: Na was soll er machen, soll er’s falsch benennen?

COHN-BENDIT: Das ist das Problem, der Nenning hat recht!

SONTHEIMER: Es gibt einen ganz grundlegenden Unterschied zwischen der Gewalt, von der wir reden ...

DUTSCHKE: Und wer definiert Gewalt? Die Herrschenden! Wer definiert Meinung? Die Herrschenden! Wer definiert Realität? Die Herrschenden!

SONTHEIMER: ... über Konsensus definiert hat!

DUTSCHKE: Konsensus kommt nur zustande, wenn verschiedene Fraktionen miteinander reden können. Grade uns aber wurde Öffentlichkeit nicht möglich gemacht, wir mußten sie erkämpfen, um überhaupt gehört zu werden!

SONTHEIMER: Von selber kommt man da nicht hin: Sie haben doch die Öffentlichkeit gehabt! In einem Maße, wie es kaum vorstellbar war anderen!

DUTSCHKE: Aber das ist euer Problem heute. Daß die Linken, jetzt im Sinne von Schelsky, Denken produzieren oder die Denken vermitteln, so eine dominierende Rolle gewonnen haben in der BRD in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre und in den siebziger Jahren — ich glaube, das ist Ihr Problem geworden!

NENNING: Denken ist gefährlich!

DUTSCHKE: Da ist eine Realität von Institutionen, von Denkformen entstanden, wo Schelsky sagt, die machen den Sinn — und diese Sinnproduzenten sind die gefährlichsten. Nur muß man Schelsky entgegenhalten: Was ist denn dann eigentlich Sinn in einer Gesellschaft, wo die Linken diejenigen sind, die Sinn produzieren? Dann ist die Gesellschaft nur eine Gesellschaft der Sinnlosigkeit!

COHN-BENDIT: Aber du mußt auf den Punkt zu mit dem Common sense. Das find ich ja wahnsinnig.

DUTSCHKE: Common sense wird von Ihnen beiden hier verstanden als Gemeinsamkeit, die nicht Resultat gemeinsamer Diskussion oder eines Dialogs ist, sondern Common sense ist Gewalt, ist Herrschaft. Wer sich dieser so nicht unterordnet, der ist der Gewalttätige im Selbstverständnis der Gewalthabenden.

SONTHEIMER: Ich kann mit diesen Vokabeln nichts anfangen! Ich kann gut verstehen, daß es Leute gibt, die gegen eine Vorstellung vom Common sense angehen, die sie für falsch ...

DUTSCHKE: Aber wie entsteht bei Ihnen Common sense?

SONTHEIMER: In dem Moment, wo Sie jemand, der gegen diese Vorstellung aufbegehrt, von der anderen Seite als einen Gewalttätigen bezeichnen, verrücken Sie die Perspektive, das ist ...

NENNING: Vielleicht sollten Sie als Politikwissenschaftler einfach einführen, damit Sie sich leichter tun, den Begriff der legitimen, der legitimierten Gewalt. Denn daß dieses Ding Gewalt heißt, das lernt ja der Jurist im ersten Semester, die Staatsgewalt, die Gewaltenteilung, die drei Gewalten, das ius imperii, das ist ja alles eine ganz gewalttätige Begriffsbildung ...

SONTHEIMER: Nein, das ist wieder ein falscher Zungenschlag, Herr Nenning!

WALDEN: Das Gewaltmonopol des Staates — klingt für Sie ganz schlimm ... das ist das, wofür ich eintrete!

COHN-BENDIT: Nee, klingt nich!

WALDEN: Sicher Herr Professor Sontheimer auch?

COHN-BENDIT: Bravo!

WALDEN: Und das ist so zu verstehen: Nicht, daß eine Staatsgewalt gewalttätig, wie Sie, Herr Nenning, es nannten, nach eigenem Ermessen Gewalt ausübt über Wehrlose. In einer Demokratie ist die staatliche Gewalt an Gesetze gebunden und die Gesetze an das Votum des Volkes. Und daß nicht der einzelne Gewalt oder Gegengewalt ausüben kann.

Die Werte sind weg

COHN-BENDIT: Rudi, mach ne Umkehrung!

DUTSCHKE: Also mein Punkt ist: Wie sieht’s denn eigentlich heute mit Ihrer Legitimation aus? Was sind denn eigentlich so die Argumente? Wie sieht’s denn eigentlich aus mit den Werten? Und wenn Werte ins Schwanken geraten — wer auch immer das verursacht, lassen wir das mal stehen — gerät die Gesellschaft ins Schwanken. Denn sie steht und fällt mit Werten.

WALDEN: Richtig!

DUTSCHKE: Wie gesetzt auch immer. Wenn also Legitimationskrise ist, wie sieht’s dann eigentlich aus mit diesem Begriff von Legitimität? Legitimität hat nur einen Sinn, wenn Werte gesetzt sind und gehalten werden und im Common sense der Gesellschaft anerkannt sind. Wenn aber das nicht mehr der Fall ist, dann sollte man doch ein bißchen vorsichtiger sein mit der Legitimität einer Staatsgewalt.

NENNING: Aber umgekehrt auch. Gegengewalt ist legitim. Es ist sehr eindrucksvoll ausgeführt worden, unter welchen Umständen — Heydrich, Hitler-Attentat, von einem bestimmten Standpunkt her auch der nationale Kampf um dieses oder jenes. Aber die Gegengewalt muß halt dann auch legitimiert sein — und ob sie dies ist unter den Verhältnissen einer wie immer beschränkten parlamentarischen Demokratie, mit Grundrechten, wo ... darf man da schießen?

COHN-BENDIT: Darf ich mal ...

DUTSCHKE: Wollen wa da nicht weggehen?

COHN-BENDIT: Wir komm’ noch zum Schießen!

NENNING: Was mir nicht gepaßt hat, ist: Es gibt gerechtfertigten Terror, gut.

COHN-BENDIT: Nein, das sagt ja niemand.

NENNING: Ja, o ja, warum denn nicht?

DUTSCHKE: Als Sozialist bin ich grundsätzlich gegen individuellen Terror! Nix daran für mich zu ändern.

NENNING: Stimmt ja auch nicht, denn gegen einen Tyrannen wie Hitler gibt’s sehr wohl gerechten Terror. Nur unter welchen Umständen?

DUTSCHKE: Die Frage individueller Terror: Die historischen Bedingungen eines Kontinents Europa, die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg. Es steht zur Debatte der Sozialismus. Es steht nicht zur Debatte die Barbarei. Und solange eine historische Möglichkeit ist, steht individueller Terror nicht zur Debatte, sondern Sozialismus als Alternative zur Barbarei.

NENNING: Aus einer Zweideutigkeit in die nächste!

Dany:
„Rudi, paß mal auf. Mich stört diese Legitimität ...“

Folterer retten die Zivilisation

COHN-BENDIT: Rudi, paß mal auf. Mich stört dieses Problem Legitimität. Die Geschichte ist immer so einfach. Im nachhinein wird dann gesagt, also da hat die Legitimität ... Ich geb ein Beispiel von heute. Problem Zaire, hm?

DUTSCHKE: Französischer Imperialismus.

COHN-BENDIT: Nein! Wir machen’s doch viel einfacher! Erst nehm’ wa die Schlagzeilen, wie die in der Welt von Herrn Walden standen: Endlich werden unsere rassigen Weißen gerettet von unseren ach so brillanten ...

WALDEN: Wieso von mir? Ich mache keine Schlagzeilen.

COHN-BENDIT: Nein, nein, die Welt. Sie schreiben doch in der Welt! Die Welt hat Schlagzeilen gemacht, war für die Intervention der belgisch-französischen Truppen, aus humanitären Gründen, die haben ja schließlich unsere Weißen gerettet.

WALDEN: Die Bilder der verstümmelten, ermordeten Weißen ...

COHN-BENDIT: Schwarzen!

WALDEN: ... Weißen waren auch im Blatt.

COHN-BENDIT: Genau das Problem, daran will ich. Und Sie fallen (klatscht) in der Falle. Sie sprachen von den verstümmelten Weißen. Ich sage: Es sind sechsmal soviel Schwarze, mindestens ...

NENNING: Zehnmal!

COHN-BENDIT: ... umgekommen worden bei dieser Intervention. Das ist aber nur ein Randphänomen.

DUTSCHKE: Die Zivilisation muß gerettet werden, koste es, was es wolle.

COHN-BENDIT: Das zweite Problem: daß der Chef der französischen Interventionstruppen — und Frankreich ist ne Demokratie — ein Herr Erulin ist einer der Hauptfolterer im Algerienkrieg gewesen. Dieses ganze Legitimationsblabla sollte doch mal entweder durchgehalten werden oder nicht! Es gibt erst mal keine legitimierte Gewalt. Und der Staat, der sie gebraucht hat, hat ihre demokratische Legitimation aus einer Gewalt heraus, der Französischen Revolution, permanent pervertiert. Also wirklich, von den Kolonialkriegen angefangen.

DUTSCHKE: Würden Sie die Französische Revolution ablehnen?

WALDEN: Nein.

DUTSCHKE (zu Sontheimer): Würden Sie die ablehnen?

(Kopfschütteln)

COHN-BENDIT: Wenn Sie sagen zum Beispiel: Gewählt worden und so. Ich hab ein grundsätzliches Problem: Ich bin Pazifist ...

DUTSCHKE: Ich bin keiner.

COHN-BENDIT: Ja, das ist der Unterschied, ich will ja auch nicht, daß ein Einheitsbrei hier gemacht wird. Und komm in tausend Situationen, wo ich diesen Pazifismus nicht durchhalten kann. Wenn Sie mit Gelassenheit immer von der legitimen Staatsgewalt reden, dann sag ich Ihnen: Ein Staat, wo’s Berufsverbote gibt, hat seine eigene Legitimation aufm Klo verloren!

DUTSCHKE: Ich fände es schon ganz gut mal, wenn Sie (zu Sontheimer) mal eingreifen und ein bißchen über die Werte uns erzählen, ob da eine Legitimität überhaupt noch gegeben ist.

Im Staat der RAF möcht ich nicht leben

COHN-BENDIT: Das is ne Falle! Das is ne Falle! Ich will das nur fertigsagen. In Italien war die Parole: Weder mit dem Staat noch mit den Terroristen, den Roten Brigaden. Ich sage: Hier sind zwei illegitime Kinder. Das sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Das ist der Kampf um die gleiche Macht. Die einen verteidigen die Macht so wie sie ist, und die anderen wollen diese Macht so wie sie ist. In einem Staat der Roten Brigaden oder der RAF möchte ich nicht leben.

DUTSCHKE/COHN-BENDIT: So wenig wie in einem Staat in Osteuropa!

DUTSCHKE: Das ist nicht unsere Geschichte.

NENNING: Was g’schieht jetzt? Der Mensch muß ja immer schaun, daß er was tut, um ...

COHN-BENDIT: Was geschieht, was geschieht ... Ich weiß nicht zu dieser Zeit, wieviel Leute noch zuschaun ... Mein Ziel ist, zu sagen, und diese Sprache kommt nicht sehr oft im Fernsehen: Die Wahrheit über Gewalt, die liegt jenseits der Platitüden über legitime Gewalt auf der einen Seite wie auf der anderen Seite.

DUTSCHKE: Aber Gewalt ist da. Täglich.

COHN-BENDIT: Es gibt ne tägliche Gewalt, und es gibt Sackgassen, diese Gewalt zu beantworten. Diese Sackgassen aber werden produziert von den Gesellschaftssystemen mit der Politik und der Moral, in der wir leben. Und nicht anders rum. Sie reproduzieren den Terrorismus, den sie so bekämpfen wollen, tagtäglich mit den Haftbedingungen, denen sie wehrlose Menschen, wenn sie im Knast sind, aussetzen. Die Isolation — ich weiß, es ist schrecklich, jetzt werden alle über mich herfallen und sagen: Der hat wieder was verteidigt — in dem Punkt, wo Menschen, was sie auch gemacht haben, das interessiert mich nicht, im Gefängnis sind, und so behandelt werden ...

DUTSCHKE: Gibt’s auch Menschenrechte!

COHN-BENDIT: Und die werden in der Bundesrepublik nicht anerkannt — das werden Sie leugnen!

DUTSCHKE: Hat das etwas zu tun mit den Werten, die zusammenbrechen? Hat’s nicht ne Zeit gegeben, wo wenigstens noch im Gefängnis ...

WALDEN: Sie werden heute noch anerkannt, und sie werden praktiziert.

COHN-BENDIT: Nicht in den Knästen der Bundesrepublik Deutschland! Aber nein! Das ist das Problem!

DUTSCHKE: Also ich geb Ihnen ein Beispiel. Ich stehe direkt im Briefverkehr mit Peter-Paul Zahl. Peter-Paul Zahl hat jetzt Hungerstreik. [7] Unter anderem deswegen, weil er keine Chance bekommt, mit Menschen in Verbindung zu kommen, völlig in Totalisolation gehalten wird, am frühen Morgen einmal eine Stunde raus darf, ansonsten den ganzen Tag über in seiner Zelle sitzt. Wer hat die totale Kontrolle in seinem Gefängnis? Nicht diejenigen, die das Recht haben im traditionellen Sinn, sondern die politische Kontrollpolizei. Das Bundeskriminalamt, das ist da. Und das, glaube ich, müßten Sie als ne Frage von Legitimation oder Legitimationskrise betrachten.

SONTHEIMER: Aber nein ...

DUTSCHKE: Ich würde sagen, die Krise ist so tief, daß man kaum noch von Werten reden kann.

NENNING: Herr Sontheimer!

SONTHEIMER: Das geb ich ja zu, daß die Krise tief ist. Nur, sie aufzuhängen am Fall Peter-Paul Zahl ...

COHN-BENDIT: ... ist unangenehm?

SONTHEIMER: ... den ich in x Diskussionen im PEN-Club und im Schriftstellerverband präsentiert bekommen habe — das scheint mir nicht der richtige Weg zu sein.

DUTSCHKE: Bleiben Sie doch bei den Gefängnissen!

SONTHEIMER: Ich kann den Ausführungen von Ihnen ja auch viel leichter folgen als denen von Cohn-Bendit.

NENNING: Er is ein Anarchist, und er is ein Sozialist.

O Gott, ich weiß nicht, was ich bin

COHN-BENDIT (kichert): Oh, ich bin n kleiner Anarchist, Gott bewahre mich, ich weiß nicht, was ich bin.

NENNING: Das is der Anarchist, der es nicht weiß.

SONTHEIMER: Wir reden von den Folgen der Studentenbewegung. Und eine ist in der Tat, daß politische Ideen in einem wichtigen Teil der Bevölkerung, vor allem bei der Intelligenz, virulent geworden sind, die das bestehende Ordnungssystem immer mehr in Frage stellen.

DUTSCHKE: Aber nicht wir haben die ersten Arbeitslosen hervorgerufen!

SONTHEIMER: Nein, nein! Das hat damit ...

DUTSCHKE: Auch nicht die Million!

SONTHEIMER: Nein, nein, das sind dann Aufhänger, wo man das Problem wiederum zu zeigen versucht.

COHN-BENDIT: So was, böse Aufhänger! Immer sind alles Aufhänger!

SONTHEIMER: Es fehlt der bisher bestehende Konsensus über die Grundwerte in der Gesellschaft. Diejenigen, die die Gesellschaft so beurteilen wie Sie, können natürlich dieser Gesellschaftsordnung niemals zustimmen.

COHN-BENDIT: Ach, ne? (kichert.) Is ja klar! Dazu muß man Politikwissenschafter sein!

SONTHEIMER: Sie machen das ja in sehr clownesker Manier, und das mag ja auch ganz lustig sein — aber da wird ja deutlich, was los ist. Ich kann natürlich in der Infragestellung der Legitimität dieser Ordnung keinen für mich überzeugenden Grund sehen. Ich würd diese Meinung in der Auseinandersetzung immer bekämpfen wollen.

NENNING: Herr Sontheimer, ist das so ungewöhnlich, daß in einer Gesellschaft Leut da sind, mal mehr, mal weniger, die diese Gesellschaft in-Frage stellen? Ist das was schlechthin Negatives, bringt das nicht auch was? Is es je anders?

SONTHEIMER: Es kommt drauf an, ...

COHN-BENDIT: ... w-i-e.

SONTHEIMER: Aber Herr Cohn-Bendit, selbstverständlich kommt’s drauf an, wie!

COHN-BENDIT: Ich mag Sie!

SONTHEIMER: Aber das ist doch eine Platitüde!

DUTSCHKE: Vielleicht noch mal auf die Schelsky-Diskussion: Wie brechen Werte zusammen ? Und Sie machen uns dafür verantwortlich, wenn ich das richtig versteh.

NENNING: Aber das is ja doch auch hoffentlich der Fall!

DUTSCHKE: Was sind die strukturellen Ursachen des Zusammenbruchs von Werten? Und Wert ist für mich ne historische Kategorie mit all dem gesellschaftlichen Unterbau. Seit den sechziger Jahren gibt’s in der Gesellschaft ne neue Keimform einer neuen Gesellschaft. Im Wachsen. Und Sie sehen in dieser Keimform der neuen Gesellschaft die größte Gefahr für die alte Gesellschaft.

NENNING: Na hoffentlich!

SONTHEIMER: Ja seffaständlich!

DUTSCHKE: Die alten Werte sind nicht mehr fähig, eine Struktur zu halten. Sie können weder ökonomisch noch politisch noch sozialpsychologisch die Gesellschaft in ihrer Einheit erfassen und ausdrücken. Dieser Widerspruch ist fundamental. Die siebziger Jahre haben eine neue Qualität der Konfrontation erreicht. Und die spiegelt sich nicht wider im Terror. Sie spiegelt sich im Alltag von vielen sozialen Gruppen der Gesellschaft.

SONTHEIMER: ... nur sagen, Herr Dutschke, daß Ihre Einschätzung des Potentials dieser keimenden Gesellschaften, der Personen, die sie vertreten, zu optimistisch ist.

NENNING: Herr Sontheimer, wenn Sie sagen optimistisch, stellen Sie sich da nur für einen Augenblick auf die sozialistische Seite?

COHN-BENDIT: Daß wir so wenig sind, darüber sind Sie froh?

SONTHEIMER: Ja, da bin ich froh.

DUTSCHKE: Aber sind wir nicht viel mehr, als wir jemals waren?

Ich habe die Revolte verschlafen ...

SONTHEIMER: Ich gelte ja als einer der Berliner Professoren, die das mit einem gewissen Wohlwollen beobachtet haben, ich klage mich heute ein bißchen an ...

COHN-BENDIT: Siehste!

NENNING: Zu wohlwollend?

SONTHEIMER: Nein, daß ich die Sache eigentlich verschlafen habe.

DUTSCHKE: Das heißt nicht wirklich dabeigewesen, darum auch nicht gesehen, daß andere soziale Schichten dabei waren.

SONTHEIMER: So mag es sein. Ich war auch nicht innerlich engagiert. Ich hab das alles wie einen Film an mir vorbeilaufen lassen.

COHN-BENDIT: Deswegen auch schlechte Bücher geschrieben.

SONTHEIMER: Nun gut, das mögen Sie beurteilen, wie Sie wollen. Ich hab nicht gemerkt, was sich da zusammenbraut.

NENNING: Wie geht’s weiter für Sie?

SONTHEIMER: Für mich ist die Perspektive, daß ein Teil der Intellektuellen, die in diese Richtung gegangen sind, durch Diskussionen, weitere Bemühungen ...

DUTSCHKE: ... zurückgewonnen werden.

SONTHEIMER: ... zurückgewonnen werden, genau das. Zur Idee der verantwortlichen Demokratie, der legitimen Demokratie, wie wir sie im Grundgesetz im Grunde gewollt haben.

COHN-BENDIT: Ich nehme Ihr Angebot an.

SONTHEIMER: Bei Ihnen ist das schwer.

COHN-BENDIT: Pfui!

NENNING: Das wär jetzt Ihr großer Auftritt, das könnten Sie jetzt versuchen, weil da sitzen ja zwei.

SONTHEIMER: Hier das Elend der Intellektuellen (holt sein Buch hervor).

DUTSCHKE: Es hat’n Elend der Philosophie gegeben und alles mögliche ...

COHN-BENDIT (lachend): Jeder kommt mit seinem Büchlchen. Das hab ich geschrieben (holt sein’s hervor), huhuhuhu.

NENNING: Die sind gewinnbar, nicht verloren — weil sonst müß ma’s ja einsperrn oder deportieren oder so ...

COHN-BENDIT: Das mein’ die ja auch!

DUTSCHKE: Mein’ Sie’s oder mein’ Sie’s nicht — die Frage is doch nicht unberechtigt!

SONTHEIMER: Ich bin nur ein kleiner Professor und mach da halt mein’ Kram und muß Prüfungen abhalten ... Ich habe nur, wenn ich meine Rolle definieren will in dieser Situation, dann ist es die Rolle ...

Sontheimer:
„Ich bin nur ein kleiner Professor und mach da halt mein’ Kram.“

COHN-BENDIT: Fronttänzer!

SONTHEIMER: Lassen Sie mich’s so pathetisch ausdrücken: für die Werte der westlichen Zivilisation ...

COHN-BENDIT: Wie sie in Vietnam ...

SONTHEIMER: Nicht für Vietnam.

COHN-BENDIT: Nixon!

SONTHEIMER: Nicht. Das war ja auch eine Perversion.

DUTSCHKE: Also was würden Sie jetzt als Werte definieren? Benennen Sie doch mal kurz!

SONTHEIMER: Für mich ist der zentrale ideologische Gehalt, wenn ich einen habe, der Liberalismus, der innerhalb der bestehenden ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse versucht, dem Menschen soviel Freiheit wie möglich zu verschaffen. Da ich der Meinung bin, daß der Sozialismus nach allen Erfahrungen, die wir mit ihm haben — und man kann als Politologe von historischen Erfahrungen nicht absehen ...

DUTSCHKE: Und dann erst recht dürften Sie nicht von Sozialismus reden, sondern von allgemeiner Staatssklaverei, und allgemeine Staatssklaverei mit Sozialismus zu identifizieren kann nur ein Wissenschaftler tun, der nicht wissenschaftlich gearbeitet hat!

SONTHEIMER: Alle Versuche, die wir historisch gehabt haben, Sozialismus zu realisieren ...

DUTSCHKE: Wieviel Versuche von Kapitalismus haben wir schon gehabt?

NENNING: Laß ihn, verflixt noch mal.

SONTHEIMER: ... haben in einer Art von Staatssklaverei geendet.

COHN-BENDIT: Es ist unerträglich!

SONTHEIMER: Und es ist doch eine Illusion, zu glauben, daß, wenn Sie das Werk beginnen und genügend Massen dahinter sind, daß dann jeder Sozialismus ...

DUTSCHKE: Geschichte is nicht ne Geschichte von Personen ...

NENNING: Es ging doch um den Versuch, parlamentarische Demokratie an junge, mit Recht empörte bis haßerfüllte Menschen zu verkaufen. Das ist für mich auch als Sozialist ein neues Problem. Denn immer, einschließlich des Marxismus, ist davon ausgegangen worden, daß frühere und auch bestehende Gesellschaftsformationen auch positive Seiten haben. Marx hat ganze Loblieder gesungen auf die historische Dynamik des Bürgertums ...

DUTSCHKE: Auf den Angriff des englischen Imperialismus auf Indien, da sagte er: Das is die erste soziale Revolution, die auf diesem Kontinent jemals stattgefunden hat. Wenn wir das heute hören, würde ma sagen: O Gott, was hat der Meister alles gesagt!

Exchrist mit Exzionisten gegen Liberalen

COHN-BENDIT: Ich find eines unerträglich. An dem Punkt, wo er meint, er hätt’s mit mir schwieriger als mit’m Rudi, das ist’n altes Problem ...

DUTSCHKE: Mit einem Christen zurechtzukommen, der davon nicht ganz losgekommen ist, zwar Sozialist geworden ist, ist was anderes als mit jemandem, der Zionist war und dann diesen Weg gegangen ist — das sind verschiedene Wege von Kulturen, das spiegelt sich hier wider in der Sprache et cetera.

COHN-BENDIT: Mit dir komm ich schon sehr gut zurecht, aber was das Problem für mich ist: Unerträglich find ich, das ist halt so die Sprache der Macht, wenn man sich im Fernsehen hinstellt und sagt: Sozialismus pah, pfui, aber der Liberalismus! Ich bin naiv in bestimmten Punkten, total naiv, clownesk, sagen Sie, spiel ich gern, aber ich kapier das gar nicht — weil verlogen, ich kapier’s schon, aber verlogen. Der Liberalismus! Ich geb Ihnen zwei Informationen: Was ist der bundesrepublikanische Liberalismus heute konkret?

DUTSCHKE: Der fällt auf den Arsch und is auf’m Arsch.

Roter Liebesakt: Rudi:
„Mit einem Christen zurechtzukommen ...“
Dany:
„Mit dir komm ich schon gut zurecht!“

COHN-BENDIT: Ich nehm noch mal Beispiel Zaire. Die Hälfte von Shaba ...

SONTHEIMER: Das hat mit Liberalismus nichts zu tun!

COHN-BENDIT: Warten Sie mal ab! Das werd ich Ihnen jetzt erzählen. Ich bin doch nicht so blöd. Sonst würd ich’s ja nicht nennen.

NENNING: Was hat Liberalismus mit Kolonialismus ...

COHN-BENDIT: ... zu tun? Das ist seine ganze Geschichte! Die Hälfte von Shaba gehört einer Abschreibungsgesellschaft, die in Mannheim situiert ist, und die heißt OTRAG. Die Abschreibungsgesellschaft hat die Hälfte von Shaba, um Satellitenexperimente durchzuführen. Was hat sie noch gemacht? Sie hat einen Vertrag mit Mobutu abgeschlossen, daß sie das Recht hat, die gesamte Bevölkerung für ihre Experimente zu evakuieren. Der Liberalismus nennt sich: Es gibt Abschreibungsgesellschaften, Zahnärzte in der Bundesrepublik, die eine andere Firma finanzieren, die völlig willkürlich so was machen kann.

SONTHEIMER: Die Raketen von denen fallen alle runter, haben Sie’s nicht gesehen im Fernsehen?

COHN-BENDIT: Das ist ja unwahrscheinlich! Sie lachen!

WALDEN: Nein, nein — weil Sie hier eine lächerliche Geschichte aufspielen zu einem Problem des Liberalismus ...

COHN-BENDIT: Aber die 500.000, die in Shaba evakuiert wurden — das ist keine lächerliche Geschichte. Ich will heute abend nur moralisch sein, weil ich glaube, mehr kann man in einer Fernsehsendung nicht. Das zweite: Es gibt ne Firma, die heißt Siemens, die bereitet in Ägypten einen Kanal vor, um den Strom, Elektrizitätswerk, in die Katarasenke zu bringen. Dort sollen 40 Atombomben 130 Kilometer von Alexandria gezündet werden. Das wird in Zusammenarbeit vorbereitet von Siemens und der Darmstädter Technischen Universität. Wenn Sie meinen, das sind so kleine Spielereien, dieser Liberalismus — das ist ein Modell der Beherrschung eines Teiles der Welt durch eine ganz kleine Minderheit.

Jeder in seiner Fasson — Berufsverbot

DUTSCHKE: Aber ich würde das nicht als’n Liberalismus ... denn da könn’ wir dem Liberalismus leichtes Spiel machen.

WALDEN: Ich hätt nur gern, nachdem es alle anderen getan haben, zu dem Stichwort der Werte, der Staatsgewalt, meine eigene Auffassung gesagt. Ich bin nicht Liberalist und bin natürlich auch nicht Sozialist. Meine Überzeugung ist, daß — um den alten Fritz zu zitieren — jeder nach seiner Fasson selig werden soll.

NENNING: S’is a Liberalismus.

DUTSCHKE: Ja!

WALDEN: Dazu bedarf es bestimmter Spielregeln. Die Spielregeln sind Werte an sich, weil sie ein kulturelles Niveau schaffen, auf dem die Selbstverwirklichung des einzelnen überhaupt erst geschehen kann.

DUTSCHKE: Aber wenn Werte brechen, wie sieht’s dann mit den Spielregeln aus, werden die dann überhaupt noch eingehalten?

WALDEN: Ich sehe keine verbindliche Wertsetzung durch den Staat oder die Gesellschaft. Sondern es hat jeder einzelne Mensch das gute Recht, seine eigenen Werte herauszufinden und zu verwirklichen.

COHN-BENDIT: Stichwort Berufsverbot!

DUTSCHKE (auf Walden): Das is ja reiner Individualismus — wo Werte gar nicht mehr gesellschaftlich gebildet werden, sondern jeder macht es, wie es ihm gefällt. Damit ist Gesellschaftlichkeit beseitigt.

WALDEN: Natürlich können Werte, die einzelne für wichtig halten, durch Überzeugungskraft — und nicht durch Gewalt! — anderen empfohlen werden, zu Bewegungen, zu Strömungen führen, zu großen Gruppierungen, Parteien. Natürlich muß es nicht in einem Staat von 60 Millionen 60 Millionen verschiedene Wertsetzungen geben. Aber es muß jedem einzelnen überlassen bleiben, welche Ziele er setzt. Es muß ihm überlassen bleiben, ob seine Überzeugungskraft ausreicht, andere dafür zu gewinnen. Er muß auch ertragen, was Sie zu ertragen haben, wenn ihm darin nicht gefolgt wird.

DUTSCHKE: Ja, aber haben wir in der BRD überhaupt die Möglichkeit, uns öffentlich zu äußern?

COHN-BENDIT: Ich frage Sie: Was meinen Sie zu Berufsverbot?

DUTSCHKE: Weder ist uns eine Chance ...

WALDEN: Es ist über Sie beide sehr viel mehr geschrieben worden ...

COHN-BENDIT: Über, über! Wir wollen reden! Wir wollen nicht irgendwelche Papageien.

WALDEN: Sind Sie nicht dauernd interviewt worden beide?

COHN-BENDIT: Nicht einmal in der Bundesrepublik!

DUTSCHKE: Die BRD ist in einer anderen Situation als Österreich.

WALDEN: Sie haben gerade vorhin gesagt: In einem Interview habe ich ...

COHN-BENDIT: In den Ländern, wo wir nicht aktiv waren.

DUTSCHKE: Sehen Sie, lassen Sie uns doch jetzt mal mit deutscher Presse. Es geht jetzt einfach um Öffentlichkeit. Sehen Sie die Diskussion, in der Sie besonders eine Rolle gespielt haben, also in der Zeit der Ermordung von Ponto bis Schleyer, wo die Attacken gegen Böll und andere besonders stark durchgeführt wurden. Da waren Theologen, die man sich vornahm, und man nahm einen Katholiken wie Böll. Volle Konzentration, um den historischen Nährboden des Werdens des Terrorismus nachzuweisen. Man hat weder ihn noch mich noch andere zu Wort kommen lassen — gar keine Chance gegeben! Man hat uns isoliert von A bis Z in jener sogenannten Öffentlichkeit, wo nix offen ist, kein Licht ist. Wo Dregger, Strauß und alle ihr Spiel getrieben haben. Erst nachdem die Denunziation ihren Höhepunkt erreicht hatte — erst dann konnte man ein bißchen nachschießen, dann wurde einem Habermas gestattet, im Spiegel zu schreiben ...

SONTHEIMER: Habermas kann jederzeit im Spiegel schreiben ...

WALDEN: Böll hat im deutschen Fernsehen schlecht geschätzt zehnmal soviel Sendezeit okkupiert wie ich — Ununterbrochen auf der Mattscheibe gewesen!

COHN-BENDIT: Es geht nicht um Böll!

Wir wollen ins Fernsehen!

WALDEN: Naja, können ja nich sechzich Millionen im Fernsehen reden! Und warum sollte man, Herr Dutschke, unbedingt grade in einer bestimmten Situation Sie gefragt haben?

DUTSCHKE: Thema Terror?

COHN-BENDIT: Weil wir gemeint sind!

DUTSCHKE: Weil wir gemeint sind!

COHN-BENDIT: Das ist ja absurd hier!

DUTSCHKE: Man will nicht reden mit uns, aber meint niemand anderen. Denn wir waren’s, die in den sechziger Jahren wesentlich mitgearbeitet haben, und man schrieb bloß über uns ...

SONTHEIMER: Aber Herr Dutschke, unmittelbar nach dem Schleyer-Mord haben Sie doch diesen wichtigen großen Aufsatz in der Zeit gehabt.

COHN-BENDIT: Wenn er dagegen is, ja!

DUTSCHKE: Ja, nachdem eine Sache schon passiert war! Ich glaube, wir sind hier in einem grundlegenden Gegensatz. Ihr Begriff von Öffentlichkeit hat nichts mit unserem Begriff von Öffentlichkeit zu tun. Sie unterstellen eine Öffentlichkeit in der BRD. Und ich, ein Jahrzehnt im Ausland, nachdem ich die Schüsse abbekommen hatte, muß feststellen, da is alles offen dem Schein nach — und Licht gibt’s seit langem nicht in dieser Öffentlichkeit! Ich kann’s beweisen, wenn ich rausfliege aus einer Stelle, die ich mal kurz gekriegt hatte, und dann wieder woanders versuche und wieder nicht reinkomme und im Grunde keine Chance habe, auch bei der politischen Diskussion, in die entscheidende Stelle reinzukommen: Diskussion im Fernsehen. Weder du noch ich, weder im Mai noch im April keine Sau wollte uns haben. Ich wollte noch eine andere Bemerkung machen. Sie sagen, warum sollen wir gerade Sie drin haben.

COHN-BENDIT: Ja, genau.

Rudi:
„Keine Sau wollte uns haben.“

DUTSCHKE: Ich verstehe sehr gut, daß Sie die Frage so stellen. Es könnte Ihnen in der Tat schlecht ergehen, wenn wir eine Diskussion zusammen hätten in Berlin.

WALDEN: Den Eindruck hatte ich gar nicht heute, daß es mir so schlecht ergeht. Und Sie haben den ganzen Abend die Zeit quantitativ sehr viel besser genützt als ich.

DUTSCHKE: Es kann ja auch mal wenig Quantität, Sie könnten ja auch ne größere Qualität gehabt haben — könnten Sie sich einbilden. Bloß ich hatte den Eindruck, daß Sie und gleichermaßen auch Sie (zeigt auf Sontheimer) ne gleiche Linie hatten: Die sind dran schuld. Und neben dieser Schuld: entweder Sühne im miserabelsten Sinne oder bekämpfen von A bis Z! Und dem können wir nur entgegenhalten: Ihr könnt euch noch so sehr anstrengen. Die Geschichte geht ihren Gang, wir bestimmen den nicht, weder Dany noch ich, aber es gibt ne geschichtliche Tendenz, die seit den sechziger Jahren sich bewegt. Da können Sie sich noch so aufregen, und da können Sie noch so oft uns von dem Fernsehen fernhalten in der BRD. Sie haben’s geschafft, jetzt bei den Listen das Fernsehen fernzuhalten. Nicht eine einzige Minute bekamen die! Und dennoch sind Sie über drei Prozent gekommen.

WALDEN: Dann kann es also nicht so wichtig sein mit dem Fernsehen ...

DUTSCHKE: Sie wissen erst recht, wie wichtig es ist, weil Sie beides haben ...

COHN-BENDIT: Also es is wirklich —, die Sprach ... Wenn ich gemeint bin ... Sie haben gesagt Wurzel ... Dann sage ich: Ich schmeiß Ihnen ein Handtuch, sage ich: Bitte, ich mach’n Film, eine Stunde bis eineinhalb Stunden über meine Sicht, einen Film, nicht nur eine Diskussion, wo ich den Menschen auch was zeigen kann über meine Sicht der Ursachen des Terrors, und danach diskutieren wir, open-end! Das is mein Traum.

DUTSCHKE: There’s no chance.

NENNING: Aber ist das die Revolution?

COHN-BENDIT: Nein, nein, es geht um Öffentlichkeit. Ich find die Frage unfair. Es geht um einen bestimmten Punkt. Wenn es schon diese Mordsmedien gibt, dann sag ich Ihnen, was ich für einen Begriff von Öffentlichkeit hab. Warum werden Ministerratssitzungen, warum werden nicht Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern öffentlich in den Fernsehen übertragen? Machen wir doch endlich mal Öffentlichkeit!

DUTSCHKE: Was erwartest du von Verhältnissen, die das verunmöglichen?

COHN-BENDIT: Das Problem ist doch ...

WALDEN: ... daß die Beteiligten das nicht wünschen würden.

COHN-BENDIT: Ja, wer? Die Arbeiter würden’s nicht wünschen?

WALDEN: Nein, die Beteiligten. Sie sprachen von Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern ...

COHN-BENDIT: Interessant!

WALDEN: ... die wahrscheinlich beide sagen würden, das wollen wir in Ruhe ...

COHN-BENDIT: Wir haben zuviel zu verstecken.

WALDEN: Das will ich nicht beiden unterstellen.

COHN-BENDIT: Aber ich!

Es gibt keine Legitimationskrise ...

DUTSCHKE: Ich wollte jetzt mal Fragen stellen, damit nicht nur Sie (zu Nenning) rein müssen ...

NENNING: O.k.

DUTSCHKE: Wie sieht’s denn wirklich aus mit Ihren Werten? Was ham Sie denn noch an Werten ? Was heißt denn unter den heutigen historischen Bedingungen strukturelle Arbeitslosigkeit — sprechen wir mal nicht von der strukturellen Gewalt. Strukturelle Arbeitslosigkeit, die Unzweideutigkeit, da gibt’s keinen abstrakten Begriff, sondern einen realen, wenn wir die EWG nehmen: über zehn Millionen, echte Kontinuität inzwischen geworden. Wie kann der Liberalismus damit zurechtkommen? Was ist seine Antwort darauf? Und was ist mit der BRD los in den nächsten Monaten, wenn’s darum geht, daß der Dregger an die Macht kommt?

COHN-BENDIT: Er is ja dafür.

DUTSCHKE: ... oder die Koalition aufrechterhalten bleibt?

WALDEN: Herr Dutschke, da müssen wir zunächst einmal, wenn immer von Werten die Rede sein soll, den Begriff des Wertes definieren. Weil hier mit Sicherheit — ich glaube, ich darf Sie einbeziehen, Herr Professor Sontheimer, wenn nicht, würden Sie’s sagen — zwei ganz unterschiedliche Vorstellungen am Tisch versammelt sind.

DUTSCHKE: Absolut!

WALDEN: Wenn Sie von Werten sprechen, meinen Sie wahrscheinlich perfekte, ungebrochene, makellose ...

COHN-BENDIT: Ts, ts, ts!

WALDEN: ... fehlerlose, unfehlbare, nämlich ideologische Werte. Das ist ja das Merkmal des ideologischen Wertes.

DUTSCHKE: Das ist der große Punkt. Wir meinen Gebrauchswerte. Das, was menschliche Bedürfnisse befriedigt. Und Sie sprechen von Tauschwerten. Das ist der Unterschied.

WALDEN: Wir sprechen von Werten, bei denen immer nur Annäherungswerte ...

DUTSCHKE: Im Rahmen des Tauschwerts gibt’s nur die Annäherung. Über den Profit kann ich keine anderen vermitteln. Vollkommen richtig.

WALDEN: Werte, die, weil es Menschen sind, die sie erzeugen und bewahren, immer unvollkommen sein werden — und trotzdem nicht unbrauchbar. Sie wollen wissen, was kommt dabei konkret für den Menschen heraus.

DUTSCHKE: Wie kann er seine Individualität auf den Höhepunkt seiner Latenz bringen?

WALDEN: Und da sage ich: Der soziale Rechtsstaat oder die soziale Marktwirtschaft haben hohe Werte geschaffen.

COHN-BENDIT: Welche?

WALDEN: Fünftagewoche, Arbeitszeitregelung, Arbeitsschutz, Kündigungsschutzparagraphen, sie haben ein dichtes soziales Netz von der Arbeiterbewegung im Laufe der Historie erkämpfte ...

COHN-BENDIT: Aahh!

WALDEN: ... Gott sei Dank erkämpfte Werte, die sind bisher, an der Geschichte gemessen, optimal erfüllt worden.

NENNING: Jetz is Schluß?

COHN-BENDIT: Ja, ja, jetz is —, ’s is immer so: vorher war’s ...

WALDEN: Was nicht heißt, daß die Perfektion bereits erreicht sei, sie wird als Perfektion nie erreicht werden können. Ein Makel zum Beispiel ist die Arbeitslosigkeit.

DUTSCHKE: Sie meinen, Sie haben ...

WALDEN: Einer der Vorteile ist, daß ein Arbeitsloser wie Sie neunhundert Mark kriegen kann.

DUTSCHKE: Tja, das wird er nicht bestreiten, aber die Frage ist ja jetzt: Wie kommen Sie mit einem Begriff von Legitimationskrise aus?

WALDEN: Es gibt für mich überhaupt keine Legitimationskrise.

COHN-BENDIT: Ja eben, genau!

DUTSCHKE: Das ist auch die entscheidende Antwort.

COHN-BENDIT: Ich müßte wirklich bekifft werden, um das nicht zu verstehen, hahaha!

SONTHEIMER: Ich bestreite auch, daß es wirksame Legitimationskrise in der Bundesrepublik gibt, insofern sie massenwirksam sein sollte.

DUTSCHKE: Und permanent schreiben Sie darüber!

SONTHEIMER: Es gibt eine Legitimationskrise für einen ganz begrenzten Teil unserer Gesellschaft, insbesondere für die Intelligenz. Die hat diesen Begriff auch erfunden. Er paßt für sie. Sie hat ihn erfunden entgegen den soziologischen Vorgängen, denn Legitimierung muß ja stattfinden. Und sie findet dadurch statt, jeden Tag, daß die Leute mit dem System, in dem sie leben ...

DUTSCHKE: Durch reale Gewalt, ja.

SONTHEIMER: ... mit dem System, in dem sie leben, sich einigermaßen zu arrangieren wissen.

COHN-BENDIT: Ist das der-Beweis? Ist das der Beweis? Ist das der Beweis?

DUTSCHKE: Der Beweis für Ihre Legitimationsfähigkeit.

SONTHEIMER: Zunächst ein Beweis.

Wo war eure Moral in Vietnam?

COHN-BENDIT: Moment, Rudi, das ist für mich sehr wichtig, ich will jetz zum erstenmal was verstehen.

DUTSCHKE: Wir können noch ein bißchen weitermachen?

NENNING: Ja, freilich.

DUTSCHKE: Das heißt wirklich open-end?

COHN-BENDIT: Der Rudi entdeckt ...

DUTSCHKE: Also dann machen wir wirklich volle Pulle! Die kann ja jetzt erst losgehen!

NENNING: Bei dieser Legitimationskrise: Ist dem Herrn Sontheimer das vollkommen abzusprechen, daß er sagt, es gibt keine Legitimationskrise, weil gäbe es sie massenhaft, gäbe es dieses System nicht mehr.

SONTHEIMER: Es gäbe auf jeden Fall mehr als 3,9 Prozent Wähler von Bunten.

COHN-BENDIT: Moment, moment, ich will das jetzt so nicht wissen. Ich will ...

SONTHEIMER: ... oder sechs Prozent, die da potentiell drin sind — das ist noch keine Legitimationskrise!

COHN-BENDIT: Laß mal, Rudi, laß mal. Ich will was verstehen. Ich bin jetzt also in Ihren Vorlesungen in Soziologie, und da haben Sie als erste Definition: Es gibt keine Legitimationskrise, weil das System in der Bundesrepublik funktioniert.

Dany:
„Ich bin jetzt also in Ihren Vorlesungen über Soziologie ...“

DUTSCHKE: Sie wurde geschaffen von den Linken — und so weiter.

COHN-BENDIT: Nein! Ja, was sagen Sie denn dann dazu, wenn’s im Dritten Reich keine Massen gibt, die dagegen sind?

NENNING: Den Beweis hat er schon. Das Dritte Reich gibt’s nicht mehr. Es hat nur zwölf Jahr gehalten.

SONTHEIMER: Nein, nein, das hat damit gar nichts zu tun, sondern das Dritte Reich war ja ein System, in dem Freiheit nicht bestand.

COHN-BENDIT: Also gibt’s ...

DUTSCHKE: Bleiben wir mal bei der Legitimation ...

SONTHEIMER: ... in dem jede Opposition unterdrückt wurde.

COHN-BENDIT: Also! Das wollt ich ja nur verstehen. Das System besteht. Und der Beweis dafür ist, daß vielleicht fünf, sieben Prozent dagegen sind, keine relevante Zahl. Im Dritten Reich gab’s vielleicht auch keine relevante Zahl, der Hitler ist auch mit etlichen Prozenten gewählt worden. Aber dem drüber gibt’s noch eine andere Diskussion, die plötzlich vom Himmel kommt, nämlich: Es gab dort keine Freiheit. Es gibt plötzlich ne Legitimationsinstanz, die jenseits der Reaktionen von vielen oder wenigen Leuten liegt. Der Begriff Freiheit wird was Absolutes ...

NENNING: Das tät i scho viel einfacher machen. Wenn die Leut so unter Druck sind, so is natürlich die Frage der Legitimation viel zweifelhafter, wie wenn sie sich in einer wie immer unvollkommenen relativen Freiheit bewegen.

COHN-BENDIT: Ich hab auch noch ein anderes Problem! Was ich nicht verstehe in dem Zusammenhang: den Vietnamkrieg. Am Anfang waren weiß Gott wenige dagegen. Welche Legitimität, und woher nehmen sie die, nicht nur den Krieg anzugreifen, sondern ein System, das diesen Krieg produziert?

DUTSCHKE: Wo Kämpfe stattfinden, Völker gegen Völker, da haben wir nichts an einem Ja. Gibt’s bei uns nicht. Wir können klar sagen, wofür wir gesprochen haben. Wenn der Mensch unterdrückt, beleidigt und ausgebeutet ist, dann stehen wir dafür, soweit wir stehen können. Das ist eine Grundposition. Welchen Namen wir da auch immer heranziehen können. Ich will aber jetzt noch mal zur Legitimationskrise. Es gibt doch nicht nur Intellektuelle, die dort Sinn oder Unsinn produzieren. Es gibt verschiedene Kulturen. Subkultur, zweite Kultur. Das sind Ausdrucksformen, daß Gesellschaft in ihrem traditionellen Verständnis von Kultur im Zersetzungsprozeß ist. Das ist nicht zu bestreiten.

SONTHEIMER: Nein.

DUTSCHKE: Die Frage ist doch dann die: Wenn’s nicht nur die Sinnproduzenten sind, sondern auch die 600.000 Obdachlosen sind und die 13.000 Selbstmordmachenden? Man könnte viele andere Zahlen nennen. Das sind doch Zahlen, die man in der Wirtschaftswunderperiode nicht kannte. Aber heute ist es da. Ne Gesellschaft hat in sich ihren Sinn verloren. So scheint es für viele.

SONTHEIMER: Für viele ja, für relativ viele.

Rudi:
„Diejenigen, die schuften sollen, die haben nicht mehr die Moral zum Schuften.“

Wunder Punkt Arbeitsdisziplin

DUTSCHKE: Ich meine, ’n zentraler Punkt beginnt zu zersetzen: die Kategorie Arbeitsmoral. Im traditionellen Selbstverständnis sowohl der Arbeiterklasse als auch derjenigen, die sie bei der Stange hielten, konnte man von einem ausgehen: Da war ein Begriff von Disziplin, Selbstdisziplin und Arbeitsmoral gegeben. Wenn man auch nicht wollte, man ging dennoch, versuchte sogar, sich in der Arbeit wiederzuerkennen, die Arbeit als ne Form nicht nur von Entfremdung, sondern auch als Vergegenständlichung, Entäußerung zu begreifen. Der Gegensatz zwischen älteren und jüngeren Generationen ist ’n fundamentaler geworden. Das ist kein Generationskonflikt, sondern ein geschichtlicher Konflikt. Die Erfahrungen der Generationen nach 45 sind andere als die, die von den sechziger Jahren ausgehen. Und da beginnt halt ein Begriff von Arbeitsmoral sich total aufzulösen. Diejenigen, die schuften sollen, die haben nicht mehr die Moral zum Schuften. Die haben zum Teil sogar schon eine Moral oder eine Unmoral oder neue Moral entwickelt, um zuzupacken, was sie für sinnvoll halten, um ihr Leben zu produzieren: kleine Gruppenbildung, Kleinproduktion. Die meinen: Ich bin nicht mehr bereit, mein ganzes Leben der Arbeit zur Verfügung zu stellen. Das ist eine neue Qualität und die neue Keimform jener neuen Wertsetzung und Zersetzung der alten Werte.

SONTHEIMER: Ich finde ja, daß Rudi Dutschke den Prozeß völlig richtig beschreibt, nicht? Nur — er wertet ihn völlig anders. Für ihn ist das das Licht, das sozusagen in das Dunkel unserer Öffentlichkeit hineinscheint. Während ich eher der Auffassung bin, daß wir versuchen müssen, das noch in eine sinnvolle Synthese mit den alten Werten, einer alten Arbeitsmoral noch hineinzuretten. Ich kann das nicht nachvollziehen, weil ich im Grunde sehe, daß das nur zur Zerstörung führt und nichts Besseres hervorgeht.

COHN-BENDIT: Sie haben ja auch was zu verlieren!

SONTHEIMER: Das ist ein billiges Argument!

COHN-BENDIT: Nein, intellektuell! Das ist nicht materiell, um Gottes willen. Sie haben ne Welt zu verlieren!

DUTSCHKE: Und wer hat die Welt zu gewinnen? Das ist die Frage.

SONTHEIMER: Aber wie wird eure Welt aussehen?

DUTSCHKE: Das steht für mich überhaupt nicht zur Debatte. Soviel Realitätsbezug hab ich in den siebziger Jahren vielleicht doch gewonnen, den ich in den sechziger Jahren vielleicht nicht so hatte. Obwohl ich nicht bereit bin, Phantasie aufzugeben. Es gibt ne internationale Kräftesituation, es gibt ne klare Konfrontation von Lagern, wobei die Lager sich nicht im Gegensatz befinden, sondern einander bedingen, um Repression, Unterdrückung, Ausbeutung durchzuführen. Sie sagen ohne Schwierigkeiten von den Ländern Osteuropas: Sozialismus. Weil für Sie ist das ne Legitimation, um Ihre eigene Position zu begründen. Ich kann von einer sozialistischen Position dazu nur sagen: allgemeine Staatssklaverei, wo keinerlei Öffentlichkeit gegeben ist — von der DDR bis nach Rußland, keinerlei Möglichkeit, daß Menschen sich äußern und offene Diskussionen führen können, wo jegliche politische Diskussion damit endet, halt bei Stasi zu sein oder NKWD oder wie auch immer. Der Staat ist das allein Beherrschende. Und es gibt keine Gesellschaft, die sich entfalten kann. Wenn aber Sozialismus einen Sinn hat, dann kann sich Gesellschaft entfalten.

WALDEN: Darin sind wir völlig einer Meinung!

COHN-BENDIT: Walden wird Sozialist! Es lebe die Welt!

DUTSCHKE: Wenn also Staatssklaverei ...

WALDEN: In der Schilderung der verwirklichten sozialistischen Formen sind wir einer Meinung.

DUTSCHKE: Sie sind ohne Schwierigkeiten, können ideologisch jeden Sonntag gegen den Osten schreiben, versuchen sich aber nich darüber klar zu werden, wieweit Ost und West ein gemeinsames Ziel haben: Arbeitsmoral so fest wie nur möglich im Lande aufrechterhalten, Opposition mit allen Mitteln zu bekämpfen. Das heißt für Sozialdemokraten im Westen, Sozialisten nicht hochkommen zu lassen. Denn sie haben ja das Monopol für sich beansprucht, demokratische Sozialisten zu sein. Also dürfen die Sozialisten nich hochkommen.

WALDEN: Also ich bin nur dann Demokrat, wenn ich sage, der Sozialismus muß hochkommen?

DUTSCHKE: Sehen Sie, ich will nur noch einen Satz.

WALDEN: Ich bin doch wohl auch demokratisch, wenn ich mein Recht in Anspruch nehme, den Sozialismus nicht für brauchbar zu halten.

COHN-BENDIT: Das können Sie doch auch, wirklich jeden Sonntag, das nehm ich Ihnen gar nich ...

WALDEN: Ja, und es ist erfolgreicher als Ihr Plädoyer für den Sozialismus.

COHN-BENDIT: Lassen Sie mich jeden Sonntag im Fernsehen reden — wer’n sehn, was erfolgreicher wird!

DUTSCHKE: Mein Argument war: Man kann ne Tendenz nicht mehr übersehen in der BRD. Die man versucht hat, gewaltsam niederzuhalten, jahrelang. Die Neue Linke schien nicht mehr zu existieren. Sie ist auch nicht mehr da, wie sie war in den sechziger Jahren, absolut nicht. Es gibt keine Kontinuität. Denn Kontinuität heißt auch Kontinuität in Organisation und Kontinuität des Denkens und Neureflektierens —- haben wir nicht, die Brüche sind schwer.

COHN-BENDIT: Auch nicht der Versuch!

DUTSCHKE: Auch nicht der Versuch, ganz wichtig. Ich will zum Schluß noch einen Punkt sagen: Ihre Argumentation für das westliche System ist keine Alternative zum östlichen System. Dieses Sicheinanderbedingen ist sowohl über den Weltmarkt zu verfolgen wie auch in der Herrschaftsstruktur. Der Marx — vielleicht darf der auch mal genannt werden — hatte mal eine Definition gebraucht für Weltmarkt in bezug auf Rußland. Er sagte, ein solches System, halbasiatisch, keine Antike mitgemacht, keinen Feudalismus mitgemacht, all diese Traditionen nie in sich gehabt, brauch ich kein langes Referat drüber zu halten. Weil das System in sich fest ist, ist es vom Weltmarkt nicht nur abhängig, sondern kann den Weltmarkt auch gebrauchen, um innere Herrschaft aufrechtzuerhalten. Das ist ein ganz wichtiger Punkt im Hinblick auf Zusammenarbeit zwischen Ost und West. Wie der amerikanische Kapitalismus sich in Moskau zu Hause fühlt und Carter dennoch ohne Schwierigkeiten von Menschenrechten redet: Er spricht es aus in Warschau, wenn er dorthin kommt, am nächsten Tag in Teheran spricht er kein Wort aus über Menschenrechte. Genausowenig wie der Herr Präsident, wir haben halt unseren Herrn Scheel. Da findet ein Aufstand statt, in einem Lande wie Persien, und dennoch geht ein deutscher Repräsentant zusammen mit Kapitalvertretern dorthin ...

NENNING: Der Heinemann ist noch krank geworden seinerzeit ...

DUTSCHKE: Heinemann hätte Selbst-, er hätte nicht mehr leben können. Das ist die große Differenz historisch.

WALDEN: Zu seiner Perspektive hat ja nun zu später Stunde Herr Dutschke zum Glück wirklich etwas gegeben, woran man sich halten kann. Er hat gesagt, wir haben die Erscheinung einer sich verändernden Arbeitsmoral. Und in diese Richtung wird es weitergehen.

DUTSCHKE: Neue Selbsttätigkeit wird folgen!

Rudi schaut in die Zukunft:
„Was das heißt — Reich der Freiheit ...“

Wenn die Profitseite nicht mehr kommt ...

WALDEN: Nun hab ich sehr viel Sympathie für Ihre Schilderung, daß die Menschen erkennen: Arbeit ist nicht das ganze Leben, sie wollen weniger arbeiten und mehr Zeit zum arbeitsfreien Leben, was ja weiß Gott auch legitim ist. Nur sehe ich es nicht als Öffnung zu neuen erstrebenswerten Zielen allein, sondern es ist eine Frage des Maßes. Wenn einer drauf verzichtet, zu rackern und zu ackern, bis er alt und krumm ist, dafür aber seine Bedürfnisse einschränkt und dann seinen Lebenssinn mehr erfüllt sieht, ist die Sache gut. Wenn es aber über dieses Maß hinausgeht, wenn Leistungsfeindlichkeit und Arbeitsverweigerung im Übermaß eintreten, dann wird zunächst einmal der Betroffene, wenn die anderen nicht für ihn arbeiten, in ein Elend verfallen. Wenn der Bauer nicht mehr arbeitet, indem er ackert, pflügt und sät und erntet, gibt’s nichts mehr zu essen.

COHN-BENDIT: Wenn die Journalisten mal aufhören würden, zu schreiben ...

WALDEN: Wenn die Arbeiter ...

COHN-BENDIT: Was ne Befreiung!

WALDEN: ... gar nicht mehr arbeiten, dann werden keine Krankenhäuser mehr gebaut, es wird nicht mehr für die Alten zu sorgen sein. Die ganzen sozialen Errungenschaften, die ja nicht nur errungen und erkämpft, sondern auch erarbeitet werden mußten, nicht mehr zu halten sein. Das heißt, diese Veränderung von bitte weniger Arbeit und mehr Leben ...

COHN-BENDIT: Aber maßvoll!

WALDEN: ... muß irgendwo ein Ende haben ...

DUTSCHKE: ... wenn das Wertgesetz ins Schwanken geraten ist! Wenn die Profitseite nicht mehr kommt.

WALDEN: Gerade die sozialen Errungenschaften, die Sie ja beide gut finden, wieder vor die Hunde gehen ...

DUTSCHKE: Sehen Sie soziale Errungenschaften als Profit? Ist halt keine Gemeinsamkeit.

WALDEN: Ich war fertig, Herr Nenning, danke.

COHN-BENDIT: Also ich kann das nur zum Teil ernst nehmen, der Rudi ist da — also ich bewundere dich manchmal, deswegen will auch Herr Sontheimer gern mit ihm diskutieren, er vermittelt und vermittelt ...

DUTSCHKE: Mit den Christen mußt du doch wenigstens —, da gibt’s keine Vermittlung, sondern es gibt aber noch Hören, und das muß man können. Is ne wichtige Sache.

COHN-BENDIT: Jaja, gut, is mein Problem, is mein Problem. Sehr oft hör ich nicht zu. O.k.? Aber was ich sagen will (zu Herrn Sontheimer): Niemand hatte vor 68 das Ausmaß der Krise der französischen Gesellschaft messen können. Und ich sage: Ihr Instrumentarium mißt nicht das Ausmaß der Ablehnung, nicht nur bei Intellektuellen. Ablehnung nicht nur der Arbeitsmoral, sondern des Arbeitswahnsinns, des Leistungswahnsinns unserer Gesellschaft. Und wir stehen hier 1978, Anfang der achtziger Jahre vor einer Eruption, wo das Ende der sechziger Jahre nur ein Vorspiel war.

WALDEN: Der sogenannte Leistungswahnsinn hat unter anderem Ihre 900 Mark Arbeitslosengeld ...

COHN-BENDIT: Ja, die 900 Mark Arbeitslosen waren meine Leistung, viereinhalb Jahre habe ich geschafft wie’n Idiot und da Geld gegeben, damit es rauskommt. Also das steht mir nur zu ...

WALDEN: Jetzt zahlen die anderen!

DUTSCHKE: Na sehen Sie.

COHN-BENDIT: Laß doch mal, laß doch mal. Der Herr Walden soll zahlen mit seinen Fünftausend im Monat vom Fernsehen, das stört mich nicht, wenn er dafür zahlt. Das Problem ist, sag ich, und das ist nicht mehr kommunikabel, ich kann’s nur deklamatorisch sagen, ich will auch niemand überzeugen, die Geschichte wird überzeugen: Die Personifizierung im Moment von diesem Wahnsinn in unserer Gesellschaft sind die Kernkraftwerke. Ich sag nicht, daß es sie sind. Aber das ist für viele ein Symbol davon. Aber diese Kernkraftwerke sind nur die Spitze eines Eisbergs. Wirklich einer Gesellschaft, die nicht nur ihre Werte verloren hat, sondern ihre Legitimität, nämlich die Entwicklung von Produktivkräften, nicht mehr zur Befreiung ...

DUTSCHKE: Zu Destruktivkräften!

COHN-BENDIT: Ja, zu Destruktivkräften. Nicht mehr zur Befreiung der Menschen, sondern zu ihrer totalen Knebelung und zu ihrer Zerstörung. Das ist die Diskussion. Was produziert man? Wofür? Ich kann mich überhaupt nicht identifizieren wofür! Das ist die Krise dieser Gesellschaft. Daß die Menschen materiell bis jetzt etwas zu gewinnen hatten, hatten aber eine Identität verloren. Und immer wichtiger wird ihre Identität.

DUTSCHKE: Die Neugewinnung von Identität ...

COHN-BENDIT: Die Neugewinnung von Identität — und die kann materiell nicht abgewogen werden. Das ist die Krise dieses Systems, wo Sie als Kommentator die Augen zumachen.

Dany (zu Sontheimer):
„Für oder gegen Berufsverbote?“ Sontheimer: „Gegen!“

Schießbude Liberalismus

DUTSCHKE: Auf die Dauer nicht zumachen können.

NENNING: Die haben die Augen schon offen: Sie schrecken sich ja.

COHN-BENDIT: Ja gut, das ist mir egal, ob die sagen, wir sind viel oder weniger. Nicht Sie muß ich überzeugen, sondern die andern, die Zuschauer. Die beiden sind mir eigentlich egal.

DUTSCHKE: Ich würde für wichtig halten, jetzt noch mal so’n bißchen darüber nachzudenken, was heißt: Reich der Freiheit, und was: Reich der Notwendigkeit. Sie berührten ein Reich der Notwendigkeit. Ich bin auch der Meinung, allerdings mit ganz anderen Voraussetzungen, daß es ein Reich der Notwendigkeit als Voraussetzung gibt, um das Reich der Freiheit entfalten zu können. Conditio sine qua non -— ohne diese Vorbedingung von Arbeit gibt’s keine Freiheit. Das heißt aber nicht, daß das Reich der Freiheit verschwindet, sondern sich erst recht entwickeln kann. Und die Reduktion von Arbeitszeit ist Voraussetzung dafür, daß neue Lebensbedürfnisse frei werden. Was ist denn der Kampf von den Unternehmern anderes, als immer wieder zu verhindern, daß die Arbeitszeit verkürzt wird. Der Kampf um den Achtstundentag, wie lang hat denn der gedauert?

COHN-BENDIT: Herr Walden ist ein Vorkämpfer ...

DUTSCHKE: Ich würde sagen, Sie sollten sich als Liberaler mit dem Begriff der Freiheit noch mal neu beschäftigen, ob’s nicht darum geht, ein Reich der Freiheit zu entwickeln und nicht, es Stück für Stück zu eliminieren. Und unser Innenminister, einer aus der FDP, der inzwischen geflogen ist, Maihofer, zeichnete sich ja grade dadurch aus, daß er alles, was von Liberalität überhaupt denkbar war, liquidierte.

SONTHEIMER: Immer dann, wenn der Liberalismus als Schießscheibe dienen muß ...

COHN-BENDIT: Zurückschießen?

SONTHEIMER: ... und als Buhmann für alle negativen Entwicklungen, dann braut sich etwas zusammen. Und darum würde ich immer sehen, wie man innerhalb der bestehenden Verhältnisse ...

DUTSCHKE: Sie stehen ziemlich auf dem Boden der Gegenwart.

SONTHEIMER: Ja, ja, ja, ja. Ich meine ...

NENNING: Historisch war der Liberalismus nicht immer dort, er war revolutionär.

DUTSCHKE: Darum sind wir auch libertäre Sozialisten! Das ist der Punkt!

Dauerten wir unendlich ...

COHN-BENDIT (flüsternd zu Dutschke): Gedicht vorlesen ...

SONTHEIMER: Ich fand diese Diskussion darum auch wichtig, und hab auch gar nichts dagegen gehabt, daß also grade auch unsere beiden ehemaligen Studentenführer Dutschke und Cohn-Bendit hier so viel zu Wort gekommen sind, weil sie sind ja historische Figuren in einem Prozeß gewesen ...

COHN-BENDIT: Maske!

DUTSCHKE: Sehen Sie! Wir leben!

COHN-BENDIT: Ich hoffe, daß wir noch leben.

SONTHEIMER: Ich bin nicht überzeugt, daß es dahin kommt, wo Sie hoffen. Ich würde meine beschränkte politische Einwirkungsmöglichkeit durch Publizistik immer darauf verwenden ...

DUTSCHKE: ... daß es nicht dahin kommt!

SONTHEIMER: ... sich auseinanderzusetzen mit Ihren Positionen, aber in Freiheit und in Öffentlichkeit.

DUTSCHKE: Einspruch!

NENNING: Bitte jetzt gibt’s nur zwei Möglichkeiten ...

COHN-BENDIT: Vierzeiler!

NENNING: Ganz kurz!

COHN-BENDIT: Vierzeiler! ‚„Dauerten wir unendlich, so wandelte sich alles, da wir aber endlich sind, bleibt vieles beim Alten.“ Vom alten Brecht.

NENNING: Schön.

COHN-BENDIT: Und dann will ich Ihnen noch was sagen, weil Sie immer von Freiheit ... zu den Berufsverboten: ja oder nein?

NENNING: Geht nicht mehr. Das ist die nächste Diskussion.

COHN-BENDIT: Is fertig? Ja oder nein? Für oder gegen Berufsverbote? Quizfrage! Kulenkampff.

SONTHEIMER: Gegen Berufsverbote aber ich würde denn sagen, der Terminus Berufsverbote ist für das, was Sie meinen, nicht der adäquate Ausdruck ...

DUTSCHKE: Das heißt, die gibt’s gar nicht.

COHN-BENDIT: Hahaha! Das sind die Meisterfreiheiter.

NENNING: Es beginnt die nächste Diskussion, aber nicht mehr heute!

COHN-BENDIT: Ich wollt nur ein’ Beweis stellen, daß die Freiheit ein Schein is.

Was für ein Saujud

Anrufe beim Fernsehen

Eine Frechheit, Dutschke überhaupt im ORF reden zu lassen, genauso wie Cohn-Bendit. Wenn die Sendung nicht sofort eingestellt wird, geschieht etwas! Nenning gehört abserviert! Eine Zumutung für das österreichische Publikum, diese Verbrecher um unser Geld im österreichischen Fernsehen zu zeigen bzw. reden zu lassen (Dkfm. Reisner). So etwas nährt entsetzlich den Antisemitismus: Dieser eklige Cohn-Bendit soll sich einmal in die Badewanne setzen. Erquickend angenehm zu sehen, welche Rotzbuben Dutschke und Cohn-Bendit sind: Die Herrschaften sollen sich ordentlich hinsetzen. Eine Freude, daß der ORF aufzeigt, was für ein Saujud Cohn-Bendit ist. Protest gegen die „Deutsche Mischpoche“ im heutigen Club (Hr. Holzer, Dr. Hübner, Linz). Pfui, ORF! Wo bleibt der Informationscharakter über das eigentliche Thema, derzeit sieht es wie ein Tribunal aus, wo Herr Walden zwei Anklägern gegenübersitzt, sich aber nicht verteidigen kann. Herr Nenning soll doch die anderen Leute auch sprechen lassen. Kulturschande für Österreich. Diese verdreckten, arbeitsscheuen Kerle, so etwas darf doch nicht wahr sein, die haben doch keine Ahnung, wo den Arbeiter der Schuh drückt. Nenning soll die beiden keine Monologe halten lassen. Skandal, Verbrecher, die in Deutschland nicht sprechen dürfen, bringt man in den ORF. Wir brauchen weder einen Hitler noch einen Nenning. Nenning braucht nicht immer seinen Linksdrall bekunden, das weiß ja sowieso jeder. Zumutung, was einem da an Blödheit und Frechheiten geboten wird (Dr. Zecholinsky, Graz). Cohn-Bendit sollte sich schämen, 900 DM zu nehmen von einem Land, das er verurteilt. Eine der anregendsten Sendungen seit langem. Nenning soll in A... gehen! Ja nicht abbrechen, es soll nur weitergehen bis in die frühen Morgenstunden. Bei so interessanten Gästen sollte der Club nie enden. Gemeinheit. Eine ungeheure Chuzpe, diese heutige Sendung. Diese Brüder sollen lieber arbeiten gehen. Kommunisten im Fernsehen, Frechheit. Dutschke und diese Brut beleidigend! Jusogesindel soll nach Deutschland gehen. Sollen nach Moskau-Sibirien gehen. Die Geschichte geht uns nichts an. Warum setzt man nicht Terroristen hin? Führen sich auf die Wahnsinnige. Frechheit, solche Banditen zu bringen. Nenning soll in Rußland debattieren. Müssen wir uns das Wilhelm-Busch-Paar einhandeln? Nenning hebt sich einmal ab: Krawatte! Auslandsprobleme bei uns, warum? Nenning bringt Verbrecher mit. Solche Rotzbuben reden im Fernsehen! Leute dort nicht gesellschaftsfähig. Preußen sollen terroristische Gedanken zu Hause aussprechen, waschen sich nicht einmal. Schlechter Geruch dringt durch Fernsehen herein! Großmaulige Juden sind Rotzbuben. Cohn-Bendit redet ununterbrochen drein. Cohn-Bendit soll richtiges Deutsch lernen. Cohn-Bendit ist ein widerlicher Kerl, deutscher Jude. Cohn-Bendit soll Füße von Bank nehmen. Wirrköpfe reden ununterbrochen. Dutschke reißt alles an sich. Lümmel, Strolche, bleibt zu Hause! Proletarische Sendung. Man weiß nichts gegen Terrorismus. Geistig unter Dreißigjährigen Maul stopfen. Welche Proletenversammlung! Nenning protegiert eine Seite eindeutig. Werde die linke Brut abschießen. Schmierige deutsche Kommunisten. Diese Typen in die Luft sprengen! Solche Figuren gehören in ein Lustspiel. Wer braucht diese Stänkerer? Soll einmal einrücken und Krieg mitmachen. Dutschke ist ein schwachsinniger Mensch. Widerliche Parolen beleidigen uns. Cohn-Bendit macht einem fertig. Nenning unfähig als Diskussionsleiter. Cohn-Bendit ist diskussionsunfähig. So unsachlich, unmöglich. Solche Menschen müßte man verhaften. Österreicher sollten keine Gebühren zahlen. Die zwei würde ich einsperren. Cohn-Bendit gehört auf den Mond. Irrsinnig gut! Mitteleuropäischer Skandal. Nenning öffnete mir die Augen! So ein Lumpengesindel. Die zwei Jungen sind so weise! Jemand soll den Deutschen den Mund zuhalten. Wurde Dutschke zu Rede oder Diskussion eingeladen ? Warum wird mit Terroristen so lange verhandelt? Danebengegangen, Nenning müßte übersetzen. Großartig, daß Zeit nicht beschränkt ist. Diese beiden Leute haben etwas zu sagen. Terroristen sind für Moro verantwortlich. Provokation. Lausbüberei. Könnte bis 4 Uhr weitergehen. Antisendung mit zwei Volltrotteln. Benehmen nicht zum Anschaun! Soll die zwei in ein Arbeitslager schicken. Ausgezeichnet. Es schauen sicher noch viele Leute und wir wollen schlafen gehen. Soll Entlausungsmittel für die beiden bereitstellen! Nenning ist ein Wurschtl. Schade, daß Broda nicht dabei. Warum geht Cohn-Bendit nicht nach Israel? Zeitgeschichtlich interessant und wertvoll. Uns stört es nicht, wenn man um 7 Uhr zur Arbeit gehen muß! Die A... sollen daheim bleiben. Walden muß sehr hungrig sein, ißt ununterbrochen! Da müßte Dr. Zilk als Diskussionsleiter her, der würde die zur Disziplin rufen! Großartig, daß der ORF auch das bringt. Walden und Sontheimer sollen auch zu Wort kommen. Linksradikalismus bis zum Exzeß! Verhinderte Terroristen! Zeigt, was uns noch weiter links erwarten würde. Ein Psychiater würde Dutschke gern übernehmen. Schmutzige, schmierige Ratten! So etwas sollte man nicht nach Österreich lassen. Walden ist bewundernswert. Nur Piefkes; und das unter Nenning! Dutschke läuft an der Leine von Cohn-Bendit. Zwei Halbstarke, die ewig studieren. Hoffentlich kommt Hitler bald wieder! Da kann man Antisemiten verstehen. Das ist der Dünnsch... Europas! Dreckige Saujuden! Diese Hunde gehören hinausgeschmissen. Man geniert sich, Mitglied der SPÖ zu sein. Dieses Gesindel gehört ins KZ! Die Deutschen gehören durch Genickschuß entfernt! Anruf von der Sendeleitung: Haben zwei begeisterte Anrufe aus Deutschland bekommen.

Die Anrufe wurden vom ORF-Kundendienst stichwortartig protokolliert. Während der Sendung am 13. Juni 1978 riefen 435 Zuseher an.

[1Am 2. Juni 1967 besuchte der Schah von Persien West-Berlin. Bei den Demonstrationen wurde der Student Benno Ohnesorg von dem Polizisten Karl Heinz Kurras in eine Seitengasse getrieben und erschossen. Kurras wurde von einem Berliner Gericht freigesprochen.

[2Rudi Dutschkes Dissertation ist bereits in Druck erschienen: Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Über den halbasiatischen und westeuropäischen Weg zum Sozialismus. Lenin, Lukács und die Dritte Internationale, Berlin 1974 (Wagenbach-Verlag, 349 Seiten, DM 13,50, öS 105,30)

[3Kongreß von 20.000 deutschen Sponti-Linken, 27. bis 29. Jänner 1978 in Berlin (siehe Michael Hopp: Unreine Jugend, NF März/April 1978)

[4Benjamin Disraeli (1804-1881), konservativer britischer Premierminister (1874-1880), erfand die Hypothese von den zwei Nationen.

[5Kursbuch 14, August 1968

[6Über Peter Urbach siehe Horst Mahlers Verteidigungsrede vor Gericht: Horst Mahler: Polizei als Bombenleger, NF Mai/Juni 1971; sowie Bommi Baumann: Wie alles anfing, München 1975 (Trikont-Verlag), Seiten 27, 47, 63. — Die S-Bahn in Berlin ist Eigentum der DDR und exterritorial. Die SEW (Sozialistische Einheitspartei West-Berlins) ist ein Ableger der SED.

[7Zu Peter-Paul Zahls Geschichte siehe seine Gefängnistexte und Gerichtsreden (NF Dezember 1973, NF Mai/Juni 1976, NF November 1976)

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1978
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

Rudi Dutschke:

Rudi Dutschke ist Soziologe und gilt als Wortführer der Studentenbewegung. Als Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) engagiert er sich gegen den Vietnamkrieg, gegen die Notstandsgesetze und ist Redner auf zahlreichen Demonstrationen und Kongressen. Bei einem Attentat aus rechtsextremen Kreisen wird Dutschke schwer verletzt und stirbt Jahre später an den Folgen.

Daniel Cohn-Bendit:

1945 in Frankreich als Sohn deutscher Eltern geboren, die 1933 vor dem Nationalsozialismus nach Frankreich geflohen waren, ist Student der Soziologie an der Fakultät von Nanterre. Er ist zum wichtigsten Führer der „rebellischen Studenten“ von Nanterre geworden.

Kurt Sontheimer:

Matthias Walden:

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen