FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1982 » No. 337/338
Cheryl Benard • Edit Schlaffer

Durchsuchung, Bewegung, Spaltung

Deutschland im Herbst

Mit dem Intercity durch 25 Städte. Der Intercity, das ist eine eigene Kultur, eine segregierte: Geschäftsmänner reisen darin, aufgereiht wie im Flugzeug. Manchmal betrinkt sich einer und muß vom Zugpersonal auf den Bahnsteig gehoben werden, wenn er angekommen ist, routiniert und ohne Aufhebens. Im Restaurant kann man auf den vorgedruckten Belegen ankreuzen, ob man als Herr oder als Firma die Bestätigung braucht. Im Intercity Klo drückt ein Männerschuh vorbildhaft auf die Boden-Spülungstaste.

Im Speisewagen unterhalten sich die Männer. Einmal schreiben wir mit — phonetisch, da wir kein Wort verstehen: »Ich bin ein Verfechter des ... (unverständlich)prozeses. So nach Hauer-Thökmann. Zink. Blei. Staub. Man kann ja zwei Filter verwenden, A3 und 5 meinetwegen. 20, 25. Dann kann ich die Lösungen teilweise noch gebrauchen.«

Die Städte spiegeln den politischen Augenblick. »Es gibt Krieg«, steht an der Mauer des Bonner Hauptbahnhofs. In Frankfurt greifen Polizisten wahllos Reisende heraus und durchsuchen ihr Gepäck. Plastiksäcke sind besonders verdächtig. Vor dem Bahnhof stehen zwei Panzer.

In Köln spricht man über eine Panne im Frühwarnsystem amerikanischer Radaranlagen. Durch eine Fehlleistung irgendeiner Anlage sah es so aus, als würden sich aggressive Feinde verdächtig bewegen. Reagan war wütend, daß er nicht früher geweckt wurde, als diese Signale eintrafen, er verlor damit drei entscheidende Stunden zum Handeln. In diesen drei Stunden allerdings hat sich alles aufgeklärt. Das erzählt ein junger Mann in der U-Bahn, und die Mitfahrenden schütteln den Kopf.

Es schein, daß in Deutschland eine Demonstrationswut ausgebrochen ist. Wo man hinkommt, werden Busse organisiert, bilden sich Aktionsgruppen, werden Vertretungen entsandt, Schlafstätten gesucht, Transparente bemalt. In Göttingen spaltet sich die Frauengruppe anläßlich der Bonner Friedensdemo. Eine Gruppe will hinter einem Transparent marschieren, auf dem steht: Schluß mit dem patriarchalen Rüstungswahn. Die andere Gruppe findet, daß das Wort »patriarchal« zu spalterischen Tendenzen innerhalb der Friedensbewegung, führen könnte, die ja eine einheitliche sein soll. Da spaltet sich dann doch lieber die Frauenbewegung.

Es gibt auch Frauendemos. Der Oberste Gerichtshof hat anläßlich von zwei Vergewaltigungsurteilen eine neue Gewaltdefinition erarbeitet. Demnach ist es noch nicht Gewalt, wenn man eine Frau an einen entlegenen Ort, wo sie keine Hilfe erwarten kann, bringt oder wenn man sie in einen Raum sperrt und in Worten mit Mord droht. Ein Lehrling, der vom Arbeitgeber in einen Wald gefahren und vergewaltigt wurde, wurde daher gar nicht vergewaltigt. Und eine Frau, die eingesperrt, bedroht und vergewaltigt wurde, wurde auch nicht vergewaltigt.

Zugleich hat der Gerichtshof eine neue Gewaltdefinition für das Verhalten von Studenten erarbeitet. Demnach ist es bereits Gewalt, wenn Studenten die Abhaltung von Vorlesungen durch Pfeifen, Klatschen und Zwischenrufe stören. Diesen Widerspruch greift eine Bamberger Männergruppe in Briefen an Zeitungen auf. Sie beenden die Briefe mit dem Ruf nach Bestrafung von Männern, die Frauen auf der Straße belästigen. In diesem Zusammenhang wirkt ihr sonst überzeugender Brief wie eine Persiflage.

Man fragt sich, warum die politische Begabung der Männer gerade immer in der Frauenfrage niederbricht. Eine Männergruppe erzählt von ihrem Plan, nach einem Jahr theoretischer Arbeit mit Flugblatt- und Sprühaktionen gegen Pornographie an die Öffentlichkeit zu treten. Das Austeilen von Flugblättern wurde von der Stadtverwaltung nicht genehmigt, also unterließ man es. Die Sprühflaschen liegen noch im Kasten, da man sich nicht einigen konnte, wie man die Aktion am gefahrlosesten durchführen könne. Dieselben ängstlichen Männer waren in Gorleben der Polizei gegenübergetreten und hatten an illegalen Demos gegen die Startbahn West teilgenommen. Warum versagt die Zivilcourage gerade an diesem Punkt? Boshafte Interpretationen drängen sich auf.

Die Untergangsstimmung legt sich an der österreichischen Grenze. Stern-Berichte über Pershing und MIRV erscheinen schlagartig in einem abstrakteren Licht.

In Österreich ist schon Winter.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1982
, Seite 15
Autor/inn/en:

Cheryl Benard:

Cheryl Benard wurde 1953 in New Orleans geboren, studierte Sozialwissenschaften an der Universität Wien und leitet seit 1982 gemeinsam mit Edit Schlaffer die „Ludwig-Boltzmann-Forschungsstelle für Politik und zwischenmenschliche Beziehungen“ in Wien.

Edit Schlaffer:

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