FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1972 » No. 226/227
Michael Siegert

Die Randdeutschen

Am Beispiel Hans Steinachers, des Gründers des Kärntner Heimatdienstes

I. Nationale Minderheiten als Binnenkolonien

Hans Steinacher (1892-1971) vereinigt in seiner Person alle Züge, die den völkischen Imperialismus ausmachen: Grenzlandlehrer, Weltkriegsoffizier, Freikorpskämpfer, Auslandsdeutschenfunktionär in der Weimarer Zeit und unter Hitler, eingeschränkte Weiterbetätigung in dieser Richtung nach dem Krieg unter christdemokratischer Führung. [1] Der Sohn eines Bleiberger Bergwerksbeamten war in der traditionell großdeutschen unteren Mittelschicht aufgewachsen, als mithelfendes Familienmitglied zunächst, dann mit einem Stipendium des Deutschen Schulvereins Südmark an der Lehrerbildungsanstalt in der Sprachinsel Bielitz in Österreichisch-Schlesien. Als Junglehrer begann er 1911-1914 in Meran den Kampf gegen die „Verwelschung“. Im Ersten Weltkrieg erwarb er die goldene Tapferkeitsmedaille und kehrte 1918 als Oberleutnant nach Klagenfurt zurück.

Die Herrschaftsfunktion der „Randdeutschen“ ergibt sich aus der Struktur der europäischen Kaiserreiche: das Klassensystem war mit einer nationalen Ausbeutung überschichtet. Die Preußen saßen parasitär auf den Polen, die deutschsprachigen Österreicher auf den Slawen und die Großrussen auf ihren Hilfsvölkern. Während das Zentralgebiet sich zur Fremdnationalität verhielt wie die Metropole zur Kolonie, spielten die Randbewohner der Herrschaftsgruppe die Rolle von Kolonialbeamten. Steinacher: „Es war richtig, was die Slawen uns vorwarfen. Die gehobenen Stellungen in Südkärnten waren, abgesehen von den katholischen Geistlichen, fast ausschließlich von Deutschen und Deutschgesinnten besetzt. Das hatte sich aus dem zwanglosen natürlichen Gang der Entwicklung ergeben.“ [2] Daß dies „natürlich“ sei, ist allerdings schon Bestandteil jener Pan-Ideologien (Pangermanismus, Panslawismus), die den Überbau zu den kontinentalimperialistischen Reichen bilden.

Die Grenzlanddeutschen sind die strukturellen Träger des deutschen Kontinentalimperialismus, seine „Jingos“, in Analogie zur Kolonialpartei, die Hobson im britischen Überseeimperialismus analysiert; der liberale Kritiker fürchtet, daß die Kolonialmethoden auf das „Mutterland“ zurückschlagen (Bürokratie, Militarismus). Die Analogie wäre die Rolle der Flottenvereine vor dem 1. Weltkrieg, der Schulvereine in der Zwischenkriegszeit und der Vertriebenenverbände in Deutschland nach 1945.

Die Organisationen der Randdeutschen sind der Überbau über der ökonomischen Ausbeutung der Fremdnationalen. Steinacher beschreibt die Situation gegen Ende des Weltkrieges: die Slawen seien laufend desertiert „in den Kavernenlöchern mußten die Unverläßlichsten im innersten Teil schlafen. Unsere Kärntner schliefen am gefährlichsten Platz beim Ausgang ... In der eigenen Truppe waren wir in vorderster Front Kerkermeister für die Nichtdeutschen.“ [3]

Der Positionsverlust der Randdeutschen nach dem Ersten Weltkrieg (soweit sie außerhalb der neuen Reichsgrenzen verbleiben, werden sie von der beherrschenden Schicht zur „Volksgruppe“ degradiert) radikalisiert die völkische Bewegung: ihre defensive Schutz-Ideologie (die den Herrschaftsstand bewahren wollte) verwandelt sich in eine aggressive Reichseroberungs-Ideologie. Die Zurückdrängung des Herrschaftspersonals aus den fremdnationalen Gebieten in das ethnisch-geographische Zentrum bewirkt dort eine Verformung des liberalen Systems: die Völkischen (Schulvereine, Freikorpsleute) „wissen“ als erste, daß nur eine radikale Militarisierung der Gesellschaft die alten Positionen zurückerobern kann. Völkische und militärische (Freikorps-) Bewegung wirken als Hebel, sie übertragen den äußeren Druck auf die Zentrale, um diese in die aktuell erforderliche Gestalt des Imperialismus umzuformen (Zerschlagung des Liberalismus, schließlich der Arbeiterbewegung).

Die Freikorpskämpfe waren ein Versuch, die territorialen Kriegsziele unterhalb der Schwelle eines nationalen Krieges weiterzuverfolgen. Das militärische Scheitern dieses Unternehmens am West- wie am Ostrand des deutschen Reiches 1920 (in Deutschösterreich im Süden 1919) war ein Lehrstück für die Beteiligten mit der Nutzanwendung, daß die Machtstruktur mit politischen Mitteln zu verändern sei.

Steinacher war Kompaniekommandant der Kärntner Volkswehr in den Kämpfen von Dezember 1918 bis Juni 1919. Nach der militärischen Niederlage und der Besetzung Unterkärntens durch die Jugoslawen gründete er im Auftrag der Landesregierung im August 1919 die „Landesagitationsabteilung“, die im März 1920 in „Kärnter Heimatdienst“ umgetauft wurde. Der Offizier wird zunächst staatlich gelenkter Propagandist für die Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920. Von da an taucht er überall auf, wo Grenzlandabstimmungen stattfinden: im Frühjahr 1921 in Oberschlesien, dann in Tirol (Abstimmung über den Anschluß an das Deutsche Reich am 24. April 1921, gegen den Willen der Wiener Regierung abgehalten), in Ödenburg/Burgenland (Herbst 1921), im Ruhrgebiet als Agitator und Geheimagent (französischer Einmarsch im Jänner 1923), und schließlich als Kämpfer gegen den rheinischen Separatismus (1923). 1925 war Steinacher vorübergehend Geschäftsführer des Deutschen Schulvereins Südmark in Wien. 1926-1930 fungierte er in nicht ganz durchsichtiger Weise im preußischen Innenministerium im Rang eines Ministerialrates als Grenzlandreferent, zugleich als „Wirtschaftsberater“ der deutschen Volksgruppen sowie der österreichischen Anschlußbewegung, und brachte in dieser Richtung verschiedene Geldquellen zum Fließen. 1930 stellte ihn der Vorsitzende des „Vereins von Freunden und Förderern der Mittelstelle für das deutsche Auslandsbüchereiwesen“, der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, als Geschäftsführer an. [4] Der Verein war ein Instrument des Außenamtes.

II. Kooperation mit Hitler

War Steinacher die Volkstumspolitik der Weimaraner zu lasch, so kam seine große Zeit unter Hitler. Am 30. April 1933 wurde er zum „Reichsführer“ (später „Bundesleiter“) des „Vereins für das Deutschtum im Ausland“ (VDA) gewählt (der VDA war 1881 als „Allgemeiner deutscher Schulverein“ gegründet worden; 1934 wurde er in „Volksbund für das Deutschtum im Ausland“ umgetauft). Der VDA unterstand Hitlers Stellvertreter Heß, und dieser machte Steinacher Ende Oktober 1933 noch zum Geschäftsführer des „Volksdeutschen Rates“. Hier hatte Steinacher zwischen den verschiedenen Gruppen der Auslandsdeutschen zu vermitteln, insbesondere zwischen konservativen Altvölkischen und radikalen jungen Nationalsozialisten. In der Anfangsphase brauchte man Konservative wie den Senatspräsidenten von Danzig, Hermann Rauschning, oder den Sudetenführer Konrad Henlein, ursprünglich ein Geschöpf des österreichischen Spann-Kreises, also der völkisch-ständischen Heimwehrideologien. Solange er ihrer bedurfte, vermied Hitler ganz bewußt, diese Leute vor den Kopf zu stoßen.

Rauschning schildert eine Zusammenkunft volksdeutscher Führer mit Hitler im Frühsommer 1934, wo die Ziele und Mittel ganz offen ausgesprochen wurden. [5] Hitler: „Nicht um Gleichberechtigung geht es uns, sondern um Herrschaft. Wir halten uns nicht mit Minoritätenschutz und sonstigen ideologischen Ausgeburten steriler Demokraten auf.“ Für die aggressiven Pläne war die völkische Defensiv-Ideologie unbrauchbar. „Darum kann ich in unserem Kreise auch keine Vertreter der alten parlamentarischen Arbeit gebrauchen.“ (1933 hatte Steinacher den alten VDA-Vorsitzenden, den früheren Reichsminister Gessler, abgelöst.) „Es ist zweckmäßig“, betonte Hitler, „daß es wenigstens zwei Vereinigungen des Deutschtums in jedem Lande gibt. Die eine muß sich immer auf ihre Legalität berufen können. Sie hat die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verbindungen zu pflegen. Die andere mag radikal und revolutionär sein.“

Solange die völkische Einheitsfront mit den Konservativen gewahrt werden mußte, gebrauchte man „Beinahe-Nazis“ wie Steinacher als Kitt; vom Typ her waren sie meist Freikorps-Leute, an militärische Disziplin gewöhnt, und durch den Kampf von 1918 schon geil auf den Vorstoß ins Feindesland — allerdings nur bis zur Volkstumsgrenze (darin unterscheidet sich der echte Völkische vom echten Faschisten). In diesem Schwebezustand wurde Steinacher von Heß gegen konkurrierende Unternehmen der verschiedenen NS-Organisationen gehalten. Die Rangeleien mit Bohles „Auslandsorganisation der NSDAP“ (AO) und der „Volksdeutschen Mittelstelle“ (VOMI) des SS-Obergruppenführers Lorenz (übrigens der Schwiegervater von Axel Cäsar Springer) muten wie Rivalenkämpfe eines Feudalreiches an.

Als Steinacher und andere VDA-Funktionäre im Dezember 1933 von Hitler empfangen wurden, kündigte ihnen dieser an, „daß in den nun bevorstehenden Jahren des Aufbaues der Wehrmacht im Reiche gerade die Grenz- und Auslandsdeutschen besonderem Druck ausgesetzt sein würden“. [6] Nach Vollendung der Aufrüstung nahm Hitler am 5. November 1937 Kurs auf den Krieg (Hoßbachprotokoll). Im Zusammenhang damit wurden alle Elemente, die irgendwie, durch konservative Bedenken etwa, hinderlich sein konnten, ausgeschaltet: im Juli 1937 wurde das Leitungsmitglied des VDA, Theodor Oberländer, der dem von Rosenberg protegierten „Bund deutscher Osten“ (BDO) vorstand, abgelöst, am 19. November 1937 mußte Steinacher gehen (er hatte sich in Südtirol völkisch „weiterbetätigt“, Mussolini hatte sich beschwert und Hitler mußte auf den Verbündeten hören). Im Februar 1938 kam es zur Fritsch-Blomberg-Krise: die konservativen Militärs gingen Hitler mit ihrem Zögern auf die Nerven, spielten wohl auch mit Putsch-Ideen — also warf er die Spitzen hinaus und marschierte in Österreich ein (März 1938), mit äußerer Dynamik die inneren Gegner überspielend. Nun begann in der Auslandsarbeit die Phase der Knopfdruck-Aktionen in der ÖSR und in Polen, die auf kurzfristige militärische Pläne abgestimmt waren. Da konnte man die alte Garde der Vereinsmeier nicht mehr brauchen.

Man kann also drei Phasen der Auslandsdeutschenarbeit unterscheiden:

  1. Phase: In den Mitteln im wesentlichen defensiv, man beschränkt sich darauf, das zu halten, was man hat, wobei der Hoffnungshorizont eine Grenzverschiebung bis zur Volkstumsgrenze ist (bis 1933).
  2. Phase: Aktiv und expansiv, auf verschiedenen Ebenen wird die Position der deutschen Minderheiten mit legalen und illegalen Mitteln ausgebaut; Autonomieforderungen steigern sich bis zum Anspruch auf Selbstbestimmungsrecht mit dem Ziel einer friedlichen Wiedereingliederung unter Druck nach dem Modell „München“ (1933-1938).
  3. Phase: Militärstrategische Instrumentalisierung der Volkstumspolitik, die Rücksicht auf konservative Bündnispartner wird fallengelassen, offene militärische Aggression (1938-1939).

III. Nochmal von vorn

Hans Steinacher brachte es im Krieg bis zum Oberstleutnant, wurde Festungskommandant von Kirkenes, geriet 1945 in englische Gefangenschaft, wurde 1946 entlassen. Der nunmehrige biedere Landwirt trat 1949 als Leitungsmitglied der „Jungen Front“ des Grafen Strachwitz in die ÖVP ein [7] und wurde stellvertretender ÖVP-Obmann in Kärnten. 1953 ernannte ihn Außenminister Gruber zum österreichischen Generalkonsul in Mailand (Pensionierung 1958), wo er die Interessen der Südtiroler wahrzunehmen hatte und als Berater der Südtiroler Volkspartei gleichsam an die Stätte seines ersten Wirkens zurückgekehrt war.

Die Politik der völkischen Vereine befindet sich wieder in Phase 1: bezüglich der Grenze ist sie defensiv, man begnügt sich damit, die Minderheiten im eigenen Land zu karnifeln. In der Adenauer-Ära wurde sogar der VDA neu gegründet: als „Frankfurter Arbeitskreis für Volkstumsfragen“ im November 1952; [8] den Vorsitz führte Steinacher: „Zunächst geht es darum, das eigene Volkstum in seiner Einheit und Ganzheit zu bejahen.“ [9] VDA- und BDO-Oberländer wurde Adenauers Vertriebenenminister. Alle sind wieder da: Max Hildebert Boehm, der ein dreibändiges Werk über „Die Vertriebenen in Westdeutschland“ herausgeben durfte, Johann Wilhelm Mannhardt, der seine Marburger Burse neu eröffnete, und viele andere. Geld floß reichlich, die Phantasie der Vertriebenen war beschäftigt, man wählte CDU, und das utopische Fernziel auf der Linie Selbstbestimmungsrecht war die Rückeroberung der DDR.

Slowenisches Plakat 1920

In Österreich wurde der „Kärntner Heimatdienst“ 1955, vier Tage nach dem Staatsvertrag, neu gegründet. Ein Sammelsurium von Vereinen gehört ihm an, allen voran der Schulverein Südmark. Besonders eng verflochten ist der Kärntner Heimatdienst (KHD) mit den Kameradschaftsbünden, eine Art Kartell dieser Vereine bildet die „Ulrichsberggemeinschaft“ (Vorsitzender Dr. Karl T. Mayer vom Österreichischen Marinebund, zugleich beim KHD und auch Chef der Kärntner Offiziersgesellschaft), die alljährlich auf dem Ulrichsberg große Abstimmungsfeiern veranstaltet. Auf der heurigen Treuekundgebung (10. Oktober), an der auch der sozialistische Bürgermeister von Klagenfurt, Außerwinkler, teilnahm, war der Kommandant der Gruppe II des Bundesheeres, General Bach, der Hauptredner. Er sagte: „Der Geist der Abwehrkämpfer muß weiterleben, denn wir brauchen ihn für ein freies und ungeteiltes Kärnten!“ [10] Wenige Tage später schied Bach aus dem Bundesheer aus; gemessen an dem von ihm beschworenen „Geist“ kam es ihm wie harmlose „Soldatenspielerei“ vor.

General Bach und Bürgermeister Außerwinkler hatten übrigens schon bei der Einweihung des Heimkehrerkreuzes auf dem Ulrichsberg 1959 teilgenommen. Außerwinkler sagte damals: „Unsere Generation ... läßt sich von niemandem das Recht nehmen, Kameradschaft zu pflegen und derer zu gedenken, die im Kampfe gefallen sind!“ [11]

Ein anderer zeitgenössischer Abwehrkämpfer ist der General Anton Holzinger, der 1960 Schlagzeilen machte, als er — damals Oberst und Landeskommandant von Kärnten — in einer Rede Hitlers Überfall auf Narvik, an dem auch die Kärntner Gebirgsjäger teilgenommen hatten, als „kühnstes Unternehmen der Kriegsgeschichte“ bezeichnete. [12] Es stellte sich heraus, daß der Ritterkreuzträger Mitglied des Bundes sozialistischer Akademiker (BSA) war; er trat dort aus und in den ÖVP-Bund ÖAAB ein. [13] Im Juni 1967, nach seiner Pensionierung, wurde Holzinger zum Obmann des Kärmtner Kameradschaftsbundes gewählt (sein Vorgänger, der Kärntner ÖVP-Landtagsabgeordnete Walter Fritz, kommandiert übrigens ein Reservebataillon des Bundesheeres). [14] Auf der Abstimmungsfeier des Jahres 1966 hatte Holzinger auf dem Ulrichsberg erklärt, „daß es zwischen den Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges keinen Unterschied gibt. Sie taten nichts anderes, als die Soldaten unseres Bundesheeres, wenn das Gebot der Stunde sie ruft, wieder tun würden.“ [15]

Weitere Kameraden, die sich heuer in Kärnten getroffen haben, sind die ehemaligen Waffen-SSler, die sich hinter dem Namen „Österreichischer Soldatenverband — Kameradschaft IV“ verbergen; in einem Rundschreiben [16] heißt es: „Sonntag 1.10. um 10 Uhr Feierstunde auf dem Ulrichsberg, danach traditionelles ‚Muldentreffen‘ mit unseren Kameraden aus verschiedenen europäischen Ländern.“ Der einladende Obmann, Anton Bergermayer, ist zugleich Wiener Verlagsbeauftragter des NPD-Organs „Deutsche Wochen-Zeitung“. Es ist auch kein Zufall, daß die Vereinspostille der Waffen-SSler, „Die Kameradschaft“, in Klagenfurt erscheint.

Die völkischen Vereine sind im Kärntner Heimatdienst durch den langjährigen KHD-Obmann (bis 1972) Heribert Jordan vertreten. Jordan war zugleich Landesgeschäftsführer der FPÖ, Chefredakteur der „Kärntner Nachrichten“, Obmann der Kärntner Landsmannschaft und stellvertretender Vorsitzender der Ulrichsberggemeinschaft. Vor dem Krieg war er Sekretär des Kärntner Landbundes gewesen, in der NS-Zeit Funktionär der Landesbauernschaft Südmark. [17] Die enge Verfilzung all dieser Organisationen bewirkt, daß das Alldeutschtum wie ein bleierner Deckel über der Kärntner Landschaft lastet.

Der größte bisherige Erfolg des KHD ist die Zerschlagung des zweisprachigen Schulunterrichts in Südkärnten. Hatte die Kärntner Landesregierung im Oktober/November 1945 noch aus Angst vor den Jugoslawen die Zweisprachigkeit in Südkärnten verordnet, [18] so erreichte nach dem Staatsvertrag (1955) und der Einrichtung eines slowenisches Gymnasiums (Herbst 1957) eine deutsch-völkische Kampagne mit Schulstreik usw. im Herbst 1958 einen Erlaß des Landeshauptmanns, daß die Eltern im gemischtsprachigen Gebiet ihre Kinder vom zweisprachigen Unterricht abmelden können. Mit einem Schlag verließen mehr als 80 Prozent der Volks- und Hauptschüler die zweisprachigen Klassen. [19] In einem Gebiet mit mindestens 43 Prozent Slowenen besuchten nur 19 Prozent der Kinder den slowenischen Unterricht. [20] Weniger als die Hälfte, wahrscheinlich sogar nur ein Viertel der slowenischen Kinder bekommt Unterricht in der Muttersprache. Das ist das Resultat des völkischen Terrors.

IV. Neuer Nationalismus, neuer Rassismus

Die gegenwärtige Unruhe der völkischen Kleinbürger in Kärnten hat ihre letzte Ursache in einer verschärften Kapitalskonkurrenz, welche den Kärntner Mittelstand bedroht. So wie das „Negerproblem“ kein Problem der Schwarzen ist, so hat auch die Slowenenfrage nur indirekt mit den Slowenen zu tun. Wenn man das auslösende Moment sucht, so ist der österreichische EWG-Anschluß mit Jahresbeginn 1973 wahrscheinlich ein wichtigeres Datum als die Aufstellung von zweisprachigen Ortstafeln. Ein anderes Indiz für die wachsenden Klassenspannungen sind die Ergebnisse der steirischen Betriebsratswahlen vom Herbst 1972, wo die kommunistischen Stimmen stark zugenommen haben, weil dort die Arbeiter über die Umstrukturierung der verstaatlichten Industrie besorgt sind. Der Süden fürchtet, daß man ihn vergessen könnte. Das wirtschaftliche (und das politische) Kärntner Strukturproblem wird man durch „Fremdenverkehr“ und mit dem Hongkong-Schmäh (leicht wieder auflösbare Assembling-Betriebe) nicht lösen. Der beunruhigte Mittelstand könnte, wie schon einmal, arbeiterfeindliche Kader stellen.

So war Franz Oberegger, der Führer der Akademischen Legion der Grazer Hochschulen, die im Mai 1919 kurz in die Kärntner Kämpfe eingegriffen hat, später als Ingenieur der Alpine Montan Gesellschaft in Donawitz Gründer der gelben Heimwehrgewerkschaften (nach dem Krieg wurde Oberegger Generaldirektor der Alpine). Auch diesmal sind die steirischen deutschvölkischen Organisationen stark in Kärnten engagiert (Errichtung des Grenzlandheimes Bleiberg, häufige Grenzlandfahrten der Burschenschaften, Sommerlager, Hilfsfonds für Eindeutschungsmaßnahmen usw.).

Burgers NDPler waren bei den Ortstafel-Ausschreitungen Mittäter. Das Hauptthema der NDP ist gegenwärtig die Einbürgerung von Gastarbeitern, Jugoslawen vor allem. Man weiß, welchen Erfolg konservative Politiker wie James Schwarzenbach (Schweiz), Enoch Powell (Großbritannien) und George Wallace (USA) mit xenophoben und rassistischen Kampagnen haben. Der neue Rassismus ist der Klassenhaß der unteren Mittelschicht gegen die Arbeiter-Unterschicht.

Überall in Europa brechen die Gegensätze in den Nationalitätenzonen wieder auf, weil diese Randgebiete der Staaten in der Regel auch wirtschaftlich-strukturell unterentwickelt sind und bei einer Zuspitzung der Handelskonkurrenz als erste erliegen (die Iren in Großbritannien, die Bretonen in Frankreich, die Flamen in Belgien).

In den Nationalitätenkämpfen der Peripherie entwickelt die absinkende Mittelschicht der Herrschaftsnation die faschistischen Kader, die dann bei einem Weitergreifen der Krise auf das Zentrum die Funktion eines Büttels gegen die Arbeiterbewegung übernehmen können.

[1Hans-Adolf Jacobsen (Hg.), Hans Steinacher. Erinnerungen und Dokumente, Boppard am Rhein 1970, S. XI ff.

[2Hans Steinacher, Sieg in deutscher Nacht, Wien 1943, S. 245.

[3Ebenda, S. 15.

[4Jacobsen, a.a.O., S. LXIII f (Fotokopie des Anstellungsvertrages).

[5Hermann Rauschning, Gespräche mit Hitler, New York 1940, S. 135 ff.

[6Jacobsen, a.a.O., S. XLII.

[7Neue Ordnung, Februar 1971.

[8Verpflichtendes Erbe, Kiel 1954, S. 3.

[9Ebenda, S. 66.

[10Die Kameradschaft, Klagenfurt, November 1972.

[11Die Kameradschaft, Juni 1959.

[12Die Kameradschaft, Dezember 1960.

[13Neue Ordnung, August 1965.

[14Die Kameradschaft, Juli/August 1967.

[15Die Kameradschaft, November 1966.

[16Österreichischer Soldatenverband, Kameradschaft IV, im September 1972.

[17Neue Front, 25. März 1967.

[18Theodor Veiter, Das Recht der Volksgruppen und Sprachminderheiten in Österreich, Wien 1970, S. 700 ff.

[19Ebenda, S. 706.

[20Ferdinand Velik, in: Kärntner StudentenInformation, Wien, 23. November 1972 (Hg. Bund Kärntner Studenten).

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1972
, Seite 35
Autor/inn/en:

Michael Siegert:

Geboren am 12. Oktober 1939 in Reichenberg (Liberec), gestorben am 23. Oktober 2013 in Wien; studierte längere Zeit Naturwissenschaften und Geschichte an der Universität Wien; 1963 Vorsitzender der Vereinigung demokratischer Studenten; später Mitarbeiter der sozialistischen Studentenorganisation; war von 1973 bis 1982 Blattmacher des FORVM.

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