FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » No. 174-175
Giulio Girardi • Lucien Goldmann • Eduard Goldstücker • José-Maria Gonzáles-Ruiz • Robert Kalivoda • Günther Nenning • Rudi Supek • András Szennay

Die neue Revolution

Die Internationale Redaktion des Neuen FORVM/DIALOG diskutiert mit 1000 Studenten im Hörsaal 1 der Universität Wien, 5. April 1968.

Gesprächsteilnehmer:

  • Giulio Girardi SDB, Prof. d. Päpstlichen Universität der Salesianer, Rom; Philosoph und Theologe.
  • Lucien Goldmann, Prof. d. École Pratique des Hautes Études, Paris; Soziologe, Marxist.
  • Eduard Goldstücker, Prof. und Rektor der Karls-Universität, Prag, Präsident des ČS-Schriftstellerverbandes; Marxist.
  • José Maria González-Ruiz, Prof. d. Hochschule f. Soziologie, Madrid (suspendiert); kath. Theologe.
  • Robert Kalivoda, Prof., Akad. d. Wissenschaften, Prag; Historiker, Philosoph, Marxist.
  • Rudi Supek, Prof., Chefred. d. Zeitschrift „Praxis“, Zagreb; Philosoph, Marxist.
  • András Szennay OSB, Prof. d. kath.-theolog. Fakultät, Budapest.
Nenning: Meine Damen und Herren, wir haben uns auf diese Veranstaltung nicht vorbereitet, weil eine Vorbereitung nicht möglich war. Wir wissen nicht, wie wir in solchen Massen (1000 Menschen) Dialog machen sollen. Es gibt gewisse Betätigungen, die sich ab einer gewissen Vielzahl von Personen nicht mehr recht durchführen lassen. Wir müssen versuchen, experimentell vorzugehen, zumal wir außerdem — das ist ein noch größerer Wahnwitz — diese Veranstaltung bezeichnet haben als eine gründende Versammlung der Studentensektion der Paulus-Gesellschaft. Das kann sich bei dieser Masse nicht anders vollziehen, als daß Sie bitte jenen Zettel, den Sie auf ihrem Sitz vorfinden — falls Sie ihn vorfinden —, an sich nehmen und dann entweder wegwerfen oder ausfüllen. Die gründende Versammlung der Studentensektion ist hiemit geschlossen (Gelächter). Alles weitere wird sich finden. Wenn wir etwa in genügender Anzahl Anmeldungen bekommen sollten, würden wir die Interessenten wieder zusammenrufen. [*]

Nun zu unserem Versuch dieses Dialogs fünf oder sieben Sätze:

Wir haben das Gefühl, daß „Friede und Revolution“ nur scheinbar ein abstraktes Thema ist. Wir meinen es jedenfalls mit Bezug auf konkrete Probleme. Erstens im sogenannten Westen: Welche demokratischen Strukturreformen brauchen wir zwecks Revolutionierung einer bestehenden, nicht sehr vollkommenen Gesellschaft, und dies im Dienste des Friedens. Zweitens im sogenannten Osten: Was bedeutet die sogenannte Liberalisierung und Demokratisierung mit Bezug auf Revolution und Frieden? Drittens: Was bedeuten Reform und/oder Revolution in der sogenannten Dritten Welt, wiederum mit Bezug auf Frieden?

Girardi

Girardi: Man merkt heute in vielen christlichen Kreisen eine neue Haltung gegenüber der sozialen Revolution. Es ist wichtig für uns Christen, das Neue dieser Haltung zu verstehen im Zusammenhang mit einigen Grundbegriffen unserer Tradition. Ich möchte besonders von dreien dieser Grundbegriffe einiges sagen: u.zw. Schöpfung, Liebe, Bekehrung.

Erstens: Die Schöpfung ist heute wie gestern für den Christen eine Handlung Gottes, aber sie kann nur als eine Handlung Gottes oder auch als eine menschliche Aufgabe verstanden werden. Im ersten Fall bleibt der Christ gegenüber Welt und Gesellschaft in einer passiven und konservativen Haltung. Er muß das Werk Gottes, wie es ist, annehmen und bewundern. Im zweiten Fall übernimmt der Christ eine aktive und verantwortliche Haltung. Er hat die Welt und die Gesellschaft nicht bloß anzunehmen, sondern zu kritisieren und umzuformen. Die Entdeckung der Gegenwart Gottes in der Geschichte ist für ihn nicht ein Schluß, sondern ein neuer Beginn. So daß die religiöse Haltung eine schöpferische, eine revolutionäre Wendung nimmt.

Zweitens: Die Liebe zu den Menschen ist heute wie gestern das eigentliche Christentum, seine Neue Botschaft, in einem gewissen Sinn seine einzige Botschaft. Man kann aber den anderen lieben innerhalb der Gesellschaft und der Strukturen, wie wir sie finden; die Liebe für die Armen äußert sich dann besonders durch Werke der Barmherzigkeit. Heute aber entdecken wir mehr und mehr die sozialen und strukturellen Implikationen der Liebe. Wir können nicht mehr den Menschen lieben, ohne die Menschheit zu lieben. Und wir können nicht die Menschheit lieben, ohne daran zu arbeiten, die Welt umzuformen. Die Liebe geht nicht mehr nur vom Menschen zum Menschen, sie geht den Weg über die gesellschaftlichen Strukturen. Die Botschaft der Liebe wird Botschaft der aktiven und radikalen Umformung der Welt und deswegen Botschaft der Revolution. Die Synthese der Gebote von Gottesliebe und Nächstenliebe wird zur Synthese von Religion und Befreiung, von Religion und Revolution. Unsere Zeit ist aufgerufen, alle sozialen und weltweiten Implikationen dieses Appells zu entwickeln.

Drittens: Die christliche Bekehrung ist und bleibt eine persönliche Umwandlung, eine Umwertung der Werte, eine radikal neue Haltung zum Leben. Wir verstehen aber heute, daß ein neuer Mensch eine neue Welt fordert. Das Christentum kann nicht neue Menschen bauen, ohne zur Erneuerung der Welt beizutragen. Die neue Welt ist zugleich Wirkung und Ursache der neuen Menschen. Revolution ist zugleich Wirkung und Ursache der inneren Konversion. Wenn es wirklich so ist, wird das Christentum eine Quelle der Hoffnung nicht mehr nur für den Einzelnen, sondern auch für die Menschheit, nicht nur für den Himmel, sondern auch für die irdische Zukunft. Der großzügige Entwurf des Konzils wird ein geschichtliches Ereignis, um neue Menschen zu erwecken, die fähig sind, eine neue Menschheit aufzubauen (Applaus).

Nenning: Prof. Supek hat bei Lektüre der Schriften von Prof. Girardi entdeckt, wie er mir sagte, daß Prof. Girardi eine jugoslawische Auffassung des Marxismus habe (Gelächter). Hat sich Ihre Auffassung heute bestätigt, Prof. Supek?
Supek

Supek: Ich möchte die Gedanken von Prof. Girardi interpretieren, aber nicht mißhandeln. Einige wesentliche Ideen der europäischen sozialistischen Revolution wurden von ihm niedergeschrieben, [1] z.B., daß für einen dauernden Frieden eine Revolution als Vorbedingung nötig ist. Weiters schreibt Prof. Girardi von einer Revolution, die auf die ökonomischen Wurzeln abzielt, auf das also, was man heute nennt, in soziologischer Terminologie, radikale Strukturveränderung in unserer Gesellschaft. Ich glaube, daß das richtig ist. Aus marxistischer Sicht sagen wir, daß es um Abschaffung des monopolistischen Kapitalismus geht, d.h. eines Kapitalismus mit ungeheurer Konzentration der Entscheidungsmöglichkeiten über alle Menschen.

Wenn man wirklich Sozialismus haben will, dann müssen die Menschen die Möglichkeit haben, in alle Momente des gesellschaftlichen Lebens einzugreifen. Haben wir statt dessen eine bürokratische, technokratische oder monopolistische Struktur der Gesellschaft, dann gibt es keine Möglichkeit für die Menschen, über ihr Leben selbst zu entscheiden. Das bedeutet, konkreterweise, und das ist der nächste Gedanke von Prof. Girardi, daß alle Leute, besonders die arbeitenden Menschen, die Möglichkeit haben müssen, eine effektive Kontrolle über die gesellschaftlichen Strukturen auszuüben. Ich glaube, zwecks solcher Kontrolle muß man zu einem Selbstverwaltungssystem kommen, d.h. zu einer direkten Demokratie.

Die sogenannte parlamentarische Demokratie hat so viele Umwege und Zwischenspiele, daß eine effektive Kontrolle seitens der arbeitenden Menschen, überhaupt seitens der Bürger, nicht möglich ist. Sondern es soll eben in der neuen Struktur zu einer richtigen direkten Demokratie oder Selbstverwaltung kommen.

Wie kommt man zu einer solchen Demokratie? Prof. Girardi schreibt, daß diese Revolution nicht auf gewalttätige Aktion begründet sein soll und muß. Ich glaube dies auch. Revolution bedeutet eine Umwandlung auf globaler Ebene in der Führung der gesellschaftlichen Dinge. Eine solche Umwandlung kann mit Gewalt kommen, aber auch ohne Gewalt. Und ich meine besonders, daß für Europa diese Umwandlung ohne Gewalt kommen kann.

Es geht z.B. zunächst darum, daß die Arbeiter direkt in die Struktur, in die Verwaltung der Betriebe eingreifen können. Der sogenannte moderne Betriebssyndikalismus ist besonders in Italien entwickelt, jetzt auch in Frankreich. Aber die Arbeiter sollen nicht nur ein Mitbestimmungsrecht haben — das, was man in England „Joint Consultation“ nennt —, sondern richtiges Selbstverwaltungsrecht in den Betrieben. Und das ist möglich, auch in der heutigen gesellschaftlichen Struktur. Natürlich ist das noch keine Revolution. Aber solche Maßnahmen können zu genügenden strukturellen Veränderungen führen, die dann eines Tages oder in einem gewissen Moment noch weitergehen, z.B. wenn sich zusätzlich viele andere Fragen unserer Gesellschaft stellen und gelöst werden müssen, besonders die Fragen der Konsumgesellschaft und der Massenkommunikationsmittel. Dann ist die Basis viel breiter, dann geht es nicht nur um die Arbeiterklasse, es geht um alle Menschen, um ihre authentischen, humanistischen Werte. Auf dieser Basis kann man die Bedingungen schaffen für eine revolutionäre Umwandlung der Gesellschaft (Applaus).

Nenning: Das war ein Sonderfall von Dialog, denn in der Geschichte des Dialogs gab es sehr oft eine Aneinanderreihung von Monologen. Daß ein Dialogist nun tatsächlich auf den anderen Bezug genommen hat, ist ein gewaltiger Fortschritt. Wir könnten dort anknüpfen, wo die Rede war von Revolution, insbesondere auch gewaltfrei, insbesondere in Europa. Vielleicht sollten wir unseren Freund aus Spanien zu diesem Problem befragen (Gelächter).
González-Ruiz

González-Ruiz: Ich bin nicht nur Spanier, sondern sogar Andalusier, aus Sevilla. Dennoch versuche ich etwas über gewaltlose Revolution zu sagen (Gelächter).

Es ist wahr, daß wir uns im Zeitalter des Dialogs befinden. Aber hier ereignet sich das Gleiche wie mit allen großen Worten der Menschheit. Alle sprechen vom Dialog, aber sehr oft ist es gekünstelt. Ein Dialog ist die Begegnung zweier Personen oder Gruppen, die sich unvollkommen fühlen und die einander suchen in der Absicht, sich zu bereichern. Der Teilnehmer am Dialog ist ein unsicherer Mensch, antidogmatisch, bereit, Argumente und Formulierungen zu akzeptieren, die ihm von seinem Partner angeboten werden. Eine Person, die einen wirklichen Dialog führt, weiß nie, wie dieses Abenteuer enden wird. Wenn der Dialog ernst ist, muß man immer neue Standpunkte beziehen. Kaum daß ein Abschnitt des Zwiegesprächs beendet ist, haben sich die Partner verändert, gegenseitig beeinflußt. Sie sollen nicht mehr die gleichen sein; die anfangs streng dualistische Haltung weicht einer neuen gemeinsamen Wirklichkeit, in der die klar definierten Gegensätze des ersten Augenblicks dialektisch überwunden sind.

Man kann also den Dialog nicht institutionalisieren. Es wäre sein Tod. Der Dialog ist dialektisch, d.h. ein Weg durch Gegensätze zu einer Synthese, die nie endgültig ist. Wir Bewohner der westlichen Welt sind gegenüber der Dialektik nervös. Unsere eschatologische Ungeduld drängt uns, die schönen Augenblicke der Geschichte zu verewigen, auf Erden Paradiese zu schaffen, die von uns vollkommen kontrolliert werden. Als Christ denke ich an die Versuchung der drei Begleiter Christi auf dem Berg Tabor: Es ist gut für uns, hier zu bleiben. Wenn du also willst, werde ich hier deine Zelte errichten. Eines für dich, eines für Moses und eines für Elias. — Auch heute auf dem Weg zum Sozialismus zeigt sich die alte taboristische Versuchung, man errichtet Zelte, für jeden eines. Und man vergißt die weite Strecke, die noch zu durchwandern ist.

Diese jungen Rebellen sind der neue Adam

Aber der revolutionäre Geist der Menschheit erlischt nicht. So erklärt sich die allgemeine Verehrung gegenüber jenem großen Dialektiker, der das kubanische Zelt verließ, um unter anderem, wolkigem Himmel zu enden: Ernesto Ché Guevara (starker Beifall). So hat Herbert Marcuse den Aufruhr der Studenten erklärt, die sich unter so verschiedenen Bedingungen wie in den Vereinigten Staaten, England, Frankreich, Deutschland, Italien, Tschechoslowakei, Polen oder Spanien im Grunde genommen gleichen. Sie wollen gleichzeitig moralischen, politischen und sexuellen Aufstand. Eine totale Rebellion (starker Beifall). Sie hat ihren Ursprung im Inneren des Einzelnen. Diese Jugendlichen glauben nicht mehr an die Werte eines Systems, das alles uniformieren und aufsaugen will. Um ein von den endlich befreiten Lebensinstinkten geleitetes Leben führen zu können, ist diese Jugend bereit, viele materielle Vorteile zu opfern. Diese Jungen Rebellen sind der neue Menschentyp, der neue Adam.

Und dieser Adam steht gegen die Institutionalisierung des Dialogs. So versteht man, daß die neue Etappe des Dialogs nicht mehr die Gegenüberstellung der verschiedenen Ideologien sein kann, sondern eher die Kooperation angesichts großer Ereignisse, die die menschliche Gesellschaft zwingen, eine sehr konkrete, effektive Haltung einzunehmen. Heute muß man sich mehr als zuvor von den alten ideologischen Vorurteilen befreien; ich spreche auch von religiösen Vorurteilen.

Die Anerkennung oder Ablehnung Gottes sollte kein Hindernis sein, sich für den Sozialismus einzusetzen. Wir wollen nicht noch einmal ein Reich, in dem die Bewohner wegen ihres Glaubens diskriminiert werden. Die traurige Erinnerung an eine Christenheit, in der nur Christen Bürger erster Ordnung waren, sollte im Geist der Sozialisten lebendig sein, damit sie nicht wieder in einen atheistischen oder auch christlichen Sozialismus absinken (Applaus).

Das Problem Gottes sollte das Zusammenleben in sozialistischer Praxis nicht vergiften. Ich möchte sagen, daß sich der Dialog zwischen Gläubigen und Ungläubigen von jetzt an auf die Mußestunden erstrecken sollte, nicht auf die gemeinsame Arbeitszeit (Applaus).

Ich glaube, daß der aufrührerische Schrei der neuen Jugend alle klassischen Fronten ideologischer, politischer, sozialer und wirtschaftlicher Art durchstößt. Die traditionelle Linke findet bei den Studenten nicht viel Sympathie, weil sie mit großem Mißtrauen das Verschmelzen von Kapitalismus und Sozialismus zu einer gemeinsamen technologischen Gesellschaft beobachten. Eine neue Klasse Unterdrückter entsteht. Es ergibt sich die Existenz eines Kommunismus der Armen, der von reichen Kommunisten ebenso mißtrauisch betrachtet wird wie von Kapitalisten (Applaus).

Die Studenten fühlen instinktiv, daß es jetzt ihre Aufgabe ist, die Fackel revolutionären Protestes in die Hand zu nehmen. Einst, so erklärt Rudi Dutschke, einst waren es die Arbeiter, die protestierten, aber jetzt haben sie bekommen, was sie wollten. Ihre Gegenwart ist vernebeltes Bewußtsein. Die Parteien verteidigen Interessen und nicht Werte. Die Kommunisten akzeptieren das Spiel mit der gleichen Fügsamkeit wie die anderen. Deswegen sind die Studenten heute die einzigen, die protestieren, die aufrührerisch sind, die das System in Frage stellen.

Die Zusammenarbeit von Christen und Marxisten ist heute also notwendig, weil weder die einen noch die anderen den Anspruch erheben können, die wirksame Methode zur Bildung der Gesellschaft gepachtet zu haben. Die Stunde der Erniedrigung der Institutionen ist gekommen. Nur eine selbstmörderische Mystik kann dies übersehen.

Die Unterdrückung läßt sich nicht friedlich beseitigen. Die Unterdrücker sind keine freundlichen Herren, die ihre Fehler eingesehen haben und nun die Forderungen der Unterdrückten akzeptieren.

Bisher ist es den Unterdrückern gelungen, in den Anschauungen des Volkes eine schreckliche Vorstellung der Revolution zu schaffen. Es ist also dringend notwendig, Wort und Konzept ‚‚Revolution“ wieder aufzuwerten. Die Revolution ist nichts anderes als der chirurgische Eingriff, den man am Kranken vornimmt, nachdem friedliche Mittel nicht wirksam waren.

Bibellektüre genügt, um revolutionäre Stimmung zu schaffen. Aber schon im 2. Jahrhundert hat man versucht, den revolutionären Drang der Bibel hinter gewissen spiritualistischen Formen zu verbergen. [2] Marcion gründete eine Sekte, die von der Kirche mit Gewalt unterdrückt wurde. Sein Grundprinzip war: Das Neue Testament widerspricht dem Alten. Das Neue mildert die Härten des Alten. Das Neue Testament bietet die Doktrin passiver Resignation, unendlicher Toleranz, während das Alte aggressiven und aufrührerischen Geist zeigt, in den Psalmen, Propheten und der Chronik des Exodus.

Revolutionslied der Jungfrau Maria

Es gibt auch modernen Marcionismus. Aber es ist unmöglich, einen Gegensatz zwischen Altem und Neuem Testament zu fixieren. Das Evangelium ist auch eine Botschaft der Diskriminierung, wie sie von der Jungfrau Maria ausgedrückt wird, die sich am Alten Testament inspiriert: Gott hat die Mächtigen von ihren Thronen gestürzt und die Erniedrigten erhoben, hat die Hungernden mit Gütern überhäuft und die Reichen mit leeren Händen zurückgeschickt. Was ist das, wenn nicht Diskriminierung zwischen Reich und Arm, Unterdrückern und Unterdrückten? Das Evangelium kann nicht als großer Purpur angesehen werden, der die menschliche Wirklichkeit zudeckt, den Unterschied zwischen Unterdrückten und Unterdrückern verdeckt. An der Tafel des brüderlichen eucharistischen Mahls können nicht der grausame Diktator, die gewiegten Anhänger des Neokapitalismus, neben den Armen, den Unterdrückten, den narkotisierten Fernsehzuschauern und den Proletariern eines neuen Pseudosozialismus unterschiedslos Platz nehmen.

Der Dialog ist ein Abenteuer, das alle Menschen vereint, die versuchen, sich von der Sklaverei der Systeme zu befreien, auch von den großartigsten und ruhmreichsten; die neuen Grenzen des Dialogs sollten immer genau mit den neuen Grenzen menschlicher Unterdrückung zusammenfallen (Applaus).

Nenning: Ich möchte demagogischerweise bei den von Prof. González-Ruiz erwähnten Ereignissen am Berge Tabor anknüpfen und das Wort an Prof. Goldstücker weitergeben. Ich weiß nicht, wieviele Zelte errichtet wurden in seinem Land. In einem der Zelte wohnte vermutlich Novotný (Gelächter). Es wäre sehr interessant zu hören, wie es so ist mit dem Abbrechen der Zelte und dem Aufbruch in eine neue und noch ein bißchen ungewisse Zukunft.
Goldstücker

Goldstücker (Ovation): Ich habe die taboritischen Zelte bei uns nicht gezählt, ich weiß nur, daß einige abgerissen wurden (starker Applaus). Für mich, um an die letzten Worte von Prof. González-Ruiz anzuknüpfen, ist der Dialog wirklich ein Abenteuer, ich nehme an ihm zum ersten Mal teil. Ich könnte mit demselben Satz beginnen wie Prof. Girardi, nur ein wenig abgeändert: Man merkt heute unter den Marxisten eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber der sozialen Revolution (Gelächter und Applaus).

Ich werde einfach versuchen, zu sagen, was wir in der Tschechoslowakei heute über die Revolution denken. Ich nehme an, Sie wissen, daß es sich in unserem Fall um eine sozialistische Revolution handelt (Gelächter).

Die sozialistische Revolution, die Praxis der sozialistischen Revolution ist über fünfzig Jahre alt in der Welt. Vor fünfzig Jahren und einigen Monaten hat eine sozialistische Revolution in Rußland gesiegt, die erste in der Welt, die ihre gewonnene Macht auch aufrechterhalten hat. Und wenn z.B. unsere Jugend, besonders unsere intellektuelle Jugend, diese fünfzigjährige Geschichte des Sozialismus betrachtete, kam es ihr immer so vor, als ob der Begriff des Sozialismus mit etwas ziemlich Zurückgebliebenem identifiziert werden müsse. Der Sozialismus, von seinen Begründern als ein System gedacht, das eine viel höhere Organisation der menschlichen Gesellschaft bringen sollte, ist in der Wirklichkeit, dort, wo er praktiziert wurde — relativ zur Entwicklung der Welt, ihres Bewußtseins, ihrer Erkenntnis —, zu etwas Zurückgebliebenem geworden.

Sozialismus heißt mehr Freiheit als je

Mir kommt es vor, als ob uns, diesem kleinen Land da — von Wien aus betrachtet bitte nicht im Osten, sondern im Norden (Gelächter und Applaus) — als ob uns zugefallen wäre, zu versuchen, einen neuen Typus des Sozialismus zu verwirklichen, einen Sozialismus, der im vollen und besten Sinn des Wortes modern ist, was das Niveau seiner technisch-wissenschaftlichen und administrativen Entwicklung betrifft. Es soll ein Sozialismus sein, der zu verwirklichen versucht — oder doch um einen Schritt weitergeht zum großen Ziel, das die Begründer des Sozialismus im Sinn hatten, nämlich zum Ziel, den Bürgern der sozialistischen Gesellschaft ein größeres Maß an Freiheit zu geben als jedes beliebige Regime in der vergangenen Geschichte.

Denn nur in dem Augenblick, wo der Sozialismus den Menschen in einer sozialistischen Gesellschaft größere Freiheit sichern kann als jede beliebige Organisation in der Vergangenheit nur dann wird man von Sozialismus in definitivem Sinn sprechen können (Applaus).

In unserem Land haben wir eine sozialistische Entwicklung von zwanzig Jahren hinter uns. Die sozialistische Revolution ist vor zwanzig Jahren geschehen, in dem Sinne, daß die revolutionäre Kraft, die eine sozialistische Gesellschaft aufbauen wollte, zur Macht kam. Zur absoluten Macht. Zwanzig Jahre hat diese Kraft die Macht im Staat mit niemandem geteilt.

Im Jahre 1948 haben wir aus sehr evidenten historischen Gründen (wenn ich ‚‚wir“ sage, meine ich die damaligen Kommunisten) geglaubt — nein, das ist nicht das richtige Wort, wir haben automatisch angenommen, daß der einzige Weg zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft der ist, den das revolutionäre Rußland vorgezeichnet hat. Wir haben automatisch angenommen, daß es nur ein einziges Modell einer sozialistischen Gesellschaft oder einer sozialistischen Gesellschaft in statu nascendi gibt, nämlich das russische Modell. Die historischen Gründe für diese automatische Annahme werde ich jetzt nicht erörtern, es würde zu weit führen.

Wir haben also versucht, das einzige bis dahin in Wirklichkeit existierende und als einzig gültig angenommene Modell auf die tschechoslowakischen Verhältnisse zu applizieren. Durch Erfahrungen, von denen manche nicht angenehm waren, sind wir daraufgekommen, daß man ein fertiges Modell einer gesellschaftlichen Struktur von einem Land ins andere nicht übertragen kann (Applaus).

Es sind jetzt Bedingungen zusammengekommen, die uns erlauben, diesen Grundfehler zu korrigieren. Wir versuchen ein Modell der sozialistischen Gesellschaft zu verwirklichen, das den historisch-gesellschaftlichen Verhältnissen unseres Landes entsprechen soll. Wir versuchen, zweitens, die sehr ernsthaften, schrecklichen partiellen Deformationen, die in unsere gesellschaftliche Struktur hineingeraten sind, zu entfernen.

Sobald wir als falsch erkannten, Kopie des deformierten Modells eines anderen Landes sein zu wollen, versuchten wir, ein neue wirtschaftliche Organisation unserer Gesellschaft zu entwerfen. Das war schon vor vier, fünf Jahren. Aber wir sahen, daß dieses neue ökonomische System keine besonderen Fortschritte machte. Immer wieder wurde es versucht, immer wieder wurde es beschlossen, immer wieder wurde beteuert, daß wir das neue System schon haben. Aber es funktionierte nicht. Und wir sind am Ende daraufgekommen, daß die Wirtschaft nicht funktionieren kann ohne eine wichtige Bedingung, nämlich ohne wesentliche Demokratisierung unserer ganzen Gesellschaft (Applaus).

Der Rückweg aus dem Terror

Dazu kam dann, was im Mittelpunkt der Erörterungen von Prof. González-Ruiz stand: die immer lauter werdende Forderung der Intellektuellen, Künstler, Studenten nach den grundlegenden Freiheiten und Rechten, die sich die Menschheit in ihrer Entwicklung erkämpft hat. Und die ein so wichtiger, so integraler Bestandteil des modernen Lebens geworden sind wie die grundlegenden materiellen Forderungen. Wir sind daraufgekommen, daß man eine Gesellschaft auf die Dauer nicht so regieren kann, als ob es eine Armee unter Kriegsbedingungen wäre (Applaus).

Jede Revolution, nachdem sie die Macht erkämpft und gegen den inneren Feind erfolgreich verteidigt hat, kommt zu einem Augenblick, wo sie die zeitweilig außer Geltung gestellten grundlegenden Rechte und Freiheiten der Bürger in die Struktur der Gesellschaft zurücktragen muß (Applaus). Das scheint mir das schwerste Problem jeder Revolution zu sein. Im Vergleich damit ist es nicht so schwer, an die Macht zu kommen, nicht so schwer, die erkämpfte Macht erfolgreich zu verteidigen. Aber es ist sehr schwer, den Übergang von der revolutionären Diktatur zu einem Regime der garantierten grundlegenden Freiheiten und Rechte zu finden (Applaus).

Wenn wir die Geschichte der Revolutionen verfolgen, werden wir leicht erkennen, daß die meisten an diesem Problem gescheitert sind. Ich zitiere nur das klassische Beispiel, die jakobinische Diktatur. Robespierre war nicht imstande, dem Terror der Revolutionsdiktatur ein Ende zu machen und statt dessen etwas anderes in die gesellschaftliche Praxis hineinzubringen. So kam er in eine fatale Lage; das einzige, was er machen konnte, war, die Diktatur immer mehr zu verstärken, bis dadurch alle an die Revolution sich bindenden Hoffnungen enttäuscht waren, die Revolutionsenergie der Gesellschaft zunichte war. So daß eines schönen Tages der Konterrevolution ein winziger Putsch genügte, um der Revolution ein Ende zu machen. Der Thermidor.

Ich spreche von der jakobinischen Revolution und Diktatur deshalb, weil wir in der fünfzigjährigen Geschichte des Sozialismus bereits analoge Beispiele haben. Im Jahre 1956 zeigte sich das klar. Ich werde nichts verschweigen (Gelächter).

Chruschtschow mußte sehr klar spüren, daß die Maschinerie der sowjetischen Gesellschaft in einer Art Paralyse war, als er den XX. Parteitag der KPdSU eröffnete Er mußte etwas machen, um wieder eine Injektion von revolutionärer Energie oder doch irgendwelchen Dynamismus in die Gesellschaft zu bringen. Und da unternahm er eine kräftige, kritische Distanzierung von den Folgen des sogenannten Personenkults.

Der Unterschied zu Ungarn 1956

Damals haben wir in der Tschechoslowakei die Linie des XX. Parteitags offiziell und feierlich übernommen. Damals hatten wir bereits die Chance jenes Weges, den wir jetzt betreten haben. Aber bevor wir einen wesentlichen Schritt machen konnten, kamen die ungarischen Ereignisse.

Sie liefern, meines Erachtens, ein sehr klares Beispiel. Rákosi wußte nicht (die Gründe werden wir hier nicht untersuchen, es wäre eine Dissertation) — Rákosi wußte nicht, daß die Zeit gekommen war, wo er jenen Übergang von der revolutionären Diktatur zu einem demokratischeren Regime vollziehen mußte. Ungarn war in einem schrecklichen Zustand. Man hat mir gesagt (ich kann es nicht kontrollieren), daß ein Drittel des Landes unbebaut dalag. Der Druck der Unzufriedenheit wurde täglich größer. Rákosi und die Seinen, statt diesem Druck nachzugeben, statt sich an die Spitze einer freiheitlichen Entwicklung zu stellen, haben, wie der selige Robespierre, die Diktatur immer mehr verstärkt.

Die Folge war, daß sich dieser angehäufte Druck löste in einem spontanen Ausbruch gegen die historisch bereits überlebte, nicht mehr notwendige, also hinderliche Diktatur des Typus Rákosi. In diesen spontanen Ausbruch hat sich sofort hineingeschoben, was wir wissenschaftlich mit Recht Konterrevolution nennen. Rákosi hatte durch seine Blindheit die sozialistische Revolution in Ungarn an den Rand eines Thermidor gebracht.

Man spricht heute viel über Vergleiche zwischen dem, was in der Tschechoslowakei geschieht, und den ungarischen Ereignissen 1956. Ich möchte auf den wesentlichen Unterschied hinweisen, daß sich bei uns an die Spitze dieser Bewegung des Übergangs zu einem demokratischen Sozialismus das ZK der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei gestellt hat. Dadurch hat es den Bestrebungen und Wünschen der ganzen Bevölkerung entsprochen und diese um sich geschart.

Das ist der Unterschied. Also keine Analogie. Im Gegenteil. So sind wir also in eine Situation geraten, wo wir, nolens volens, einen neuen Typus des Sozialismus, eine neue Etappe der sozialistischen Revolution verwirklichen sollen.

Eine neue Etappe der sozialistischen Revolution: ich sage es, ich wiederhole es. Denn ich möchte unterstreichen, was, glaube ich, sehr klar verstanden werden sollte in der Welt: was bei uns geschieht, ist keine restaurative Bewegung (Applaus), sondern eine gesetzmäßige Weiterführung der Revolution, der sozialistischen Revolution.

Wie können wir eine höhere Phase der sozialistischen Gesellschaftsorganisation verwirklichen? Theoretisch ist das ganz einfach. Wir müssen in einer Gesellschaft ohne antagonistische soziale Klassen — und da sollen wir uns nicht beirren lassen durch große antagonistische Gegensätze zwischen Lohnarbeiter und Universitätsprofessor; ich meine, soziologisch gibt es keine antagonistischen Klassen — wir müssen in einer solchen Gesellschaft, in der eine Partei die führende ist und die Macht innehat, wir müssen in einer solchen Gesellschaft ein System von wirksamen Machtkontrollen schaffen.

Jede unkontrollierte Macht degeneriert

Das ist das Problem. Ein System von wirksamen Machtkontrollen. Ein System, das uns die Sicherheit bieten wird, daß die Macht nie mehr mißbraucht werden kann. Denn wir haben gelernt, nicht nur theoretisch, sondern wieder ein wenig tiefer, teilweise auf eigener Haut, daß eine jede — eine jede unkontrollierte Macht die Tendenz in sich birgt, zu degenerieren (Applaus).

Dieses System von Machtkontrollen stelle ich mir — ich weiß nicht, ich bin kein Spezialist auf diesem Gebiet ungefähr, sehr kurz gefaßt, wie folgt vor: die erste Bedingung, meiner Ansicht nach, ist eine grundlegende Demokratisierung der Partei an der Macht — in ihrem inneren Leben, in ihrem inneren Wesen. So daß die Kommunistische Partei wieder zurückfindet zu dem, was sie werden sollte nach den Vorstellungen von Marx und Lenin. Nämlich eine Gemeinschaft von Menschen, die freiwillig sich zusammenschließen, um ein Programm, das sie für richtig halten, zu verwirklichen. Marx und Lenin stellten sich die revolutionäre Arbeiterpartei als Partei vor, wo die entwickeltsten Elemente der Arbeiterklasse ausschlaggebend sein werden. Und wo ein jedes Mitglied, gleichberechtigt mit allen anderen, imstande sein wird, das ganze Leben der Partei, ihre Beschlüsse, ihre Politik zu beeinflussen. Das heißt auch: Funktionäre zu wählen, abzusetzen, zu kontrollieren.

Die zweite Bedingung betrifft, meiner Ansicht nach, das Parlament. Das Parlament hat in unserem System bisher eine sehr schattenhafte, formelle Existenz gehabt. Es handelt sich darum, dem Parlament den vollen Wert und Inhalt dessen zu geben, was es sein soll: die oberste gesetzgebende Institution der Gesellschaft und die Kontrolle der Regierung.

Die Partei soll von der direkten, unmittelbaren Leitung der Staatsangelegenheiten abgesondert sein. Die Regierung soll wirklich regieren, d.h. niemand soll da sein, hinter den Kulissen, der die Regierungsbeschlüsse im voraus vorbereitet und nur formell zur Bestätigung vorlegt.

Weiters ist es notwendig, alle bestehenden Organisationen innerlich und wesenhaft zu demokratisieren und sie wieder zu vollberechtigten Vertretern der Interessen ihrer Mitglieder zu machen. Vor allem die Gewerkschaften, die auch nur eine formelle Existenz führen; die Organisationen der Jugend; die Kulturorganisationen usw. Eine weitere wichtige Institution unseres öffentlichen Lebens, die nur eine formelle Existenz fristete, war die Nationale Front; sie muß wieder — muß endlich, das ist besser gesagt als ‚‚wieder“ — volle Geltung im gesellschaftlichen Leben haben, einschließlich der nicht-kommunistischen Parteien (Applaus).

Und vor allem muß die Meinungsfreiheit gesichert werden. (Applaus). Im gegebenen Augenblick, meine Damen und Herren, wo wir diese institutionellen Veränderungen noch nicht durchgeführt haben, ist die Meinungsfreiheit in unserem Lande die wirksamste Machtkontrolle, die wir haben (Applaus).

Das, meine Damen und Herren, sind die praktischen Gedanken, die wir uns über unsere Revolution machen. Ich wäre nun fast versucht, Worte Lenins abzuwandeln und zu sagen: Obzwar ich jetzt zu Ihnen spreche, ist es doch immer interessanter, Revolution zu machen, als von der Revolution zu sprechen (Ovation).

Nenning: Ich glaube, es liegt nicht nur geographisch nahe, sondern auch inhaltlich: sozusagen zum Vergleich — wenn wir jetzt Prof. Szennay, Budapest, das Wort geben.
Szennay

Szennay: Daß der Dialog ein Abenteuer ist, kann ich auch mit meiner Person beweisen. Vor ein paar Stunden wußte ich noch nicht, daß ich an einer öffentlichen Diskussion teilnehmen werde; Dr. Nenning hat mich als Beobachter eingeladen, und ich habe gedacht, daß Beobachter zu beobachten und kein Wort zu sprechen haben. No ja, so war das üblich während der letzten Tagung der Paulus-Gesellschaft.

Also Prof. Goldstücker hat über die Vergangenheit, über eine gewisse Phase der Geschichte gesprochen. Ich möchte einen Blick in die Zukunft richten. Ich meine, das ist sehr wichtig, und ich freue mich sehr, daß ich hier so viel Jugend sehe.

Auf die Jugend hören

Vor einem Jahr war ich in Marienbad, bei der Tagung der Paulus-Gesellschaft, und in einer Pause sprach ich mit französischen, tschechischen und deutschen Studenten. Und die jungen Herren sagten: Ja, das ist sehr interessant, was wir da hören, und wir lernen sehr viel. Aber wir wären sehr froh, wenn die Herren Professoren auch auf uns hören möchten und auch wir unsere Gedanken vorbringen könnten. Ich hoffe sehr, daß hiezu Gelegenheit sein wird für unsere Jugend — ich kann ruhig sagen unsere Jugend; ob sie nun marxistisch oder christlich eingestellt ist, gläubig oder nicht, es ist unsere Jugend. Das ist die Zukunft, und nicht wir alten Professoren mit 40, 50, 60. Ich hoffe sehr, daß vielleicht im nächsten Jahr unter den alten Professoren auch Junge Assistenten und Studenten sitzen werden. [3]

Wir sprechen hier von Revolution, und heutzutage, Gott sei Dank, können wir als christliche Philosophen und Theologen schon ruhig sozusagen christlich über Revolution sprechen. [4] Aber es wird nie echte Revolution geben ohne persönliche Bekehrung, d.h. ohne Engagiertsein für die Wahrheit, die persönlich erkannt und anerkannt wurde. Wenn jemand die Wahrheit in seinem Gewissen anerkannt hat, dann wird er ein desto besserer Revolutionär sein. Das heißt Bildung, das heißt Bauen der Zukunft, und ich hoffe sehr, daß unsere Jugend, in Ungarn und überall auf der Welt, unsere gemeinsame Zukunft mit dieser Wahrheit verwirklichen wird (Applaus).

Nenning: Prof. Goldstücker sprach davon, daß ein Modell der Revolution aus einem Land nicht in ein anderes übertragbar ist. Sozialismus in entwickelter moderner Gesellschaft ist etwas Spezifisches, etwas Spezielles. Nun, Frankreich ist ein sehr spezielles Land. Wie sieht die Revolution aus, von Paris betrachtet, Prof. Goldmann?
Goldmann

Goldmann: Ich will Ihnen sagen, warum ich, als Soziologe, aus soziologischen Überlegungen diese Einladung angenommen habe. Ich habe schon öfters geschrieben und gesagt, daß durch die Entwicklung der heutigen modernen Gesellschaft eine Annäherung zwischen allen echten Marxisten und echten Christen notwendig ist und praktisch entstehen wird. Nicht nur, weil es eine gemeinsame Tradition gibt: die christliche Tradition der Hoffnung auf eine bessere Welt, aus der dann unter Ausschaltung und Ablehnung der Transzendenz der Marxismus entstand. Sondern vor allem, weil heute in den westlichen, entwickelten Gesellschaften immer mehr gemeinsame Probleme auftauchen, die uns einander näher bringen.

Die moderne westliche Industriegesellschaft ist nicht mehr dieselbe, die Marx analysierte. Die entscheidenden Änderungen bestehen darin, daß es heute nicht mehr nur um die ökonomischen Fragen geht, auf die der Sozialismus traditionell zentriert war und die auch tatsächlich damals in der westlichen Gesellschaft so wichtig waren, Verelendung des Proletariats, immer stärker polarisierte Zweiklassengesellschaft. Es wissen alle Soziologen, daß im Westen die Entwicklung sich verändert hat, daß es der modernen kapitalistischen Gesellschaft gelungen ist, eine relative Verbesserung der Lage der Arbeiterschaft und eine relative Integrierung der Arbeiterklasse zu verwirklichen.

Gleichzeitig aber — und das ist das Entscheidende — geht die Veränderung dahin, daß die Schicht, die die Entscheidungen zu treffen hat, immer kleiner wird. So daß die große Masse unserer Gesellschaft immer weniger an den Entscheidungen teilnimmt, über immer weniger Probleme zu entscheiden hat. Man gibt ihr die Möglichkeit, etwas besser zu leben, Ferien zu haben, einen Standard also, der höher ist als im 19. Jahrhundert; aber gleichzeitig wird sie zum rein exekutierenden Organ. Sie führt aus, andere befehlen.

Die Entwicklung dieser Gesellschaft geht auf die Herrschaft einer kleinen technokratischen Schicht. Wenn ich „technokratisch“ sage, meine ich nicht nur Techniker, sondern eben jene kleine Schicht, die auf allen Gebieten politisch, kulturell, an den Hochschulen, ökonomisch die Beschlüsse faßt, mit denen die gesellschaftliche Organisation geleitet wird. Es entwickelt sich anderseits eine Schicht von spezialistischen Analphabeten, die in ihrem Fach viele Kenntnisse haben, daher auch für die Gesellschaft wichtig sind und eine stärkere Machtposition haben als der frühere unqualifizierte Arbeiter, den man leicht ersetzen konnte. Diese Spezialisten haben aber außerhalb ihres Faches nichts zu entscheiden und werden daher in ihrem Horizont immer beschränkter.

Diese Entwicklung stellt entscheidende Fragen, sowohl für Christen wie für Marxisten.

Die Marxisten entdecken, daß es in ihrem Kampf nicht nur darum geht, daß die Menschen nicht mehr hungern und etwas besser leben, sondern auch darum, daß es eine entwickelte menschliche Persönlichkeit gibt, daß die Fragen des Geistes sich erst recht stellen, wenn die ökonomischen Fragen weniger akut werden.

Eine Gesellschaft spezialisierter Idioten

Ich nehme an, daß die Christen gleichzeitig entdecken, daß der Geist nicht unabhängig ist von den sozialen und materiellen Bedingungen und daß es eine gesellschaftliche Situation geben kann, bei der überhaupt die geistigen Fragen verschwinden, wenn man die sozialen und ökonomischen Fragen nicht stellt.

Heute, angesichts der technokratischen Entwicklung, angesichts der Gefahr einer Industriegesellschaft, in der die meisten Menschen zu passiven Exekutanten werden, stellt sich die Frage für Christen und für Sozialisten so ziemlich auf verwandter Ebene (ich würde nicht sagen: auf gleicher Ebene).

Die Frage der Entwicklung des Menschen zur Persönlichkeit muß man unbedingt, wenn man sie wirklich stellen will, auf sozialem, ökonomischem und geistigem Gebiet stellen. Ich schließe mich dem an, was Supek gesagt hat: es gibt keine andere Lösung als die, daß jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft die Möglichkeit hat, an den Entschlüssen dieser Gesellschaft teilzunehmen, d.h. die soziale und ökonomische Demokratie, die Selbstverwaltung. Und in dieser Frage geht die Front nicht zwischen Christen und Sozialisten, sondern zwischen Menschen gegen die Technokratie und Menschen, die auf seiten der Technokratie stehen, die diese Technokratie verteidigen, sei es, weil sie zur Technokratie gehören, sei es, weil es ihnen genügt, wenn sie etwas besser leben können.

Sie kennen die berühmte Analyse von Herbert Marcuse „Der eindimensionale Mensch“. Die große Gefahr ist eine Entwicklung, in der von den zwei großen Dimensionen des menschlichen Seins — Anpassung an das Gegenwärtige und Hoffnung auf eine andere Zukunft — die zweite Dimension, die Tendenz, die Welt zu verändern, zu verbessern, verschwindet. Pascal sagte: Der Mensch ist größer als der Mensch. Das hört sich auf, wenn die zweite Dimension verschwindet, jene zweite Dimension, zu der die gesamte Kultur gehört, zu der die Persönlichkeit gehört.

Es gibt im sozialistischen Denken, wie Sie wissen, ein sehr scharfes theoretisches Gespräch über diese Entwicklung. Es wird die Frage gestellt: Gibt es noch Kräfte innerhalb unserer Gesellschaft, die auf eine Veränderung hinzielen?

Ich selber glaube, daß innerhalb der entwickelten technokratischen Gesellschaft die Veränderung vom unqualifizierten zum qualifizierten Arbeiter, die Vergrößerung der technischen Schicht, die Erhöhung der Kultur, die Vergrößerung der Zahl der Studenten für diese bestehende Gesellschaft zweischneidig ist. Einerseits gibt es Anpassung durch größeren und immer noch steigenden Lebensstandard, anderseits gibt es aber zusätzlich die Tatsache, daß man sich mit diesem beschränkten eindimensionalen Leben, das sich da entwickelt, nicht zufrieden gibt. Je höher der ökonomische Standard ist, desto mehr stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach der Kontrolle der Gesellschaft.

Sind heute die Studentenbewegungen nur Studentenbewegungen, die sich auflösen, wenn die Studenten dann in die Produktion kommen, sich anpassen und anderen Studenten Platz machen? Oder sind das die ersten Symptome des Aufkommens einer neuen Schicht?

Ich würde dies die Schicht der ‚‚Techniker“ nennen — im Gegensatz zur Schicht der Technokraten. Techniker sind Leute, die im allgemeinen keine Beteiligung an den gesellschaftlichen Entschlüssen haben, aber dennoch in der Gesellschaft sehr bedeutend sind und eine Machtposition haben, weil die Erkenntnisse unerläßlich sind, die sie vermitteln, und weil folglich die Gesellschaft ohne sie nicht funktionieren kann. Und diese neue Schicht stellt eines Tages die Frage: Wie können wir in dieser Gesellschaft leben? Wie sollen wir, wie wollen wir in dieser Gesellschaft leben?

Das ist also das Problem, ob die heutigen Studentenbewegungen nicht die ersten Symptome der Entwicklung einer solchen neuen Schicht sind. Natürlich ist es leicht, zu sagen, daß viele Forderungen der Studenten utopisch sind, unverwirklichbar, usw. Auch die ersten Arbeiterbewegungen stellten utopische Forderungen, stürmten die Maschinen usw. Dennoch könnten die Studentenbewegungen die ersten Symptome einer entscheidenden Tendenz sein in Richtung auf Demokratisierung der Gesellschaft, Änderung der Gesellschaft im Sinne einer größeren Verantwortung des Einzelnen.

Auch hier ist die Frontstellung nicht Christ oder Sozialist, sondern Preisgabe oder Verteidigung der Möglichkeit einer individuellen Entwicklung des geistigen Lebens, der menschlichen Dignität und Verantwortung.

Natürlich darf man darüber nicht vergessen, daß ein großer Teil der Menschheit statt dessen einfach vor dem Problem des Hungers steht.

Desgleichen nicht, daß es Länder gibt, in denen man vor dem Problem der politischen Freiheit, d.h. der politischen Demokratie steht, worüber Prof. Goldstücker gerade gesprochen hat. Hier genügt es nicht, daß man die Meinungsfreiheit hat. Herbert Marcuse und die Frankfurter Schule haben uns scharf gezeigt, daß in einer technisch entwickelten Gesellschaft die Meinungsfreiheit nicht ausreicht, damit Freiheit da ist. Man muß auch die Möglichkeit haben, zu denken. Man kann das Denken verbieten; man kann aber auch den Blickwinkel der Gesellschaft so verändern, daß die Leute, weil sie nichts zu beschließen haben, einfach zu denken aufhören und sich auf Konsum und Organisation ihrer Freizeit beschränken.

Das zentrale Problem, ein Problem der Kultur, ist hier die Möglichkeit einer menschlichen Entwicklung in der industriellen Gesellschaft durch Kontrolle der Ökonomie, Kontrolle der Gesellschaft. Es ist heute klar, daß sich hier die Entwicklung nicht in der traditionellen, von Marx gezeichneten Form abspielt: das Proletariat verarmt, die zwei Klassen trennen sich extrem, es entstehen zwei Pole, dann kommt die politische gewalttätige Revolution, und die ökonomische Problematik kommt erst nachher. Heute lauten die entscheidenden Fragen ganz anders.

In der Entwicklung der Welt gibt es auch die bedeutende Hoffnung, die unglaubliche Hoffnung der sozialistischen Umwandlung. Und die Studentenbewegungen sind wahrscheinlich die ersten Kräfte einer neuen Entwicklung. Es geht darum, diesen Kräften eine praktisch mögliche Form zu geben, eine Form, die aktiv zur gesellschaftlichen Veränderung beiträgt. In diese Richtung drängt heute alles, was irgendwie interessiert ist am Menschen, an seiner geistigen Entwicklung, an der Entwicklung des Individuums. Die beste christliche und die beste marxistische Tradition haben diese Werte immer verteidigt, wenn sie auch in bestimmten Punkten auseinandergingen, ich würde sagen: in Fragen, die heute weniger wichtig sind, angesichts jener dringenden Probleme unserer Welt. Wir haben dieselben Probleme, dieselben Gegner und dieselben Freunde (langanhaltender Applaus).

Nenning: Als letzter Redner, Prof. Kalivoda.
Kalivoda

Kalivoda: Meine Damen und Herren, liebe Freunde, ich möchte einige Bemerkungen beifügen zum Hauptthema der heutigen Diskussion, also zur Kooperation von Christen und Marxisten in den Fragen des Friedens und der Revolution.

Ich glaube, früher wurde vom marxistischen Standpunkt das Christentum und die Religion überhaupt erkenntnistheoretisch als ein Blödsinn aufgefaßt. Das war eine aufklärerische, eine freidenkerische Auffassung, wie z.B. in der Französischen Revolution, und diese Auffassung ist auch in den Marxismus eingedrungen, zumindest in eine Art des Marxismus.

Man sah nur die konservative Linie im Christentum. Man wollte nicht zugestehen, daß die Situation im Christentum komplizierter ist, daß im Christentum eine geschichtliche Dialektik besteht, daß im Christentum nicht nur eine konservative Linie, sondern auch eine progressive Linie besteht, eine Linie, die auch die Bedingungen schuf zur Entstehung des Sozialismus und des Marxismus. [5]

Was das Christentum betrifft, sah die Kirche im Marxismus, überhaupt im Sozialismus etwas, was das Christentum, was die Religion verdirbt, und den Menschen überhaupt und im allgemeinen. Das war die vorherrschende, die offizielle Linie im Christentum.

Was hat sich diesbezüglich jetzt geändert? Meiner Meinung nach hat sich geändert, daß wir im Marxismus jene aufklärerische, jene freidenkerische Auffassung und Deutung des Christentums überwinden. Das ist noch nicht ganz durchgesetzt, aber es ist auf dem Wege und wird immer stärker. Man sieht jetzt schon, daß man das Christentum nicht so flach rationalistisch auffassen kann, als bloßen Blödsinn, daß vielmehr das Christentum und die Religion überhaupt etwas vorstellt, was mit der existentiellen Lage des Menschen in der Welt zusammenhängt.

Marx als Ideologe der Freiheit

Dies gilt auch praktisch, nicht nur theoretisch. Wenn man z.B. eine richtige Vorstellung über die freie sozialistische Gesellschaft hat, dann muß man meiner Meinung nach ganz scharf und hundertprozentig die früher vorherrschende Auffassung ablehnen, daß mit der Entwicklung des Sozialismus das Christentum automatisch abstirbt. Das ist meiner Meinung nach ein Blödsinn, ein aufklärerischer Blödsinn (Gelächter und Applaus).

Das widerspiegelt meiner Meinung nach nicht die existentielle Situation des Menschen auch in einer freien sozialistischen Gesellschaft. Auch in einer Gesellschaft, wo in sozialer Hinsicht der Mensch maximal befreit ist, auch dort gibt es notwendigerweise und naturgemäß bei einer Gruppe der Menschen das Transzendenz-Ideal in irgendeiner Weise, ob christlich oder nichtchristlich. In der freien sozialistischen Gesellschaft muß man damit rechnen, daß das Marxsche irdische Ideal vom Leben des Menschen und das transzendente christliche Ideal in einer freien Konfrontation miteinander leben werden.

Meiner Meinung nach ist offen, welches Ideal siegt; meiner Meinung nach wird diese Frage nie gelöst, niemals. Der Mensch ist nicht etwas Mechanisches, der Mensch ist etwas so Kompliziertes, daß man die Transformation seiner Psychik gar nicht auf irgendeine Weise moderieren kann (Applaus).

Was dieses Freiheitsideal betrifft, so muß man sich wieder bewußt werden, daß Marx ein Ideologe der Freiheit ist. Das wurde in der Zeit des Stalinismus ganz in den Hintergrund gestellt, es wurde ganz verdorben. Marx ist ein Ideologe, und wenn irgendeine konstante Ideologie bei ihm existiert, dann ist dies die Ideologie der Freiheit. Die Problematik der Freiheit erfaßt er in der Entwicklung der Menschheit als einer Klassengesellschaft, aber das ist eine historische Periode, das Endziel, die Essenz seiner Ideologie ist die Freiheit.

Bei Marx hat die Freiheit zwei Aspekte. Der eine Aspekt ist die Vorstellung von der totalen Entwicklung der Eigenschaften des Menschen, der zweite Aspekt ist die freie Wahl. Daß im Marxismus die Freiheit als erkannte Notwendigkeit aufgefaßt ist, ist ganz falsch. Das entspricht nicht dem authentischen Marxismus; die Vorstellung von der Freiheit als erkannter Notwendigkeit ist nicht marxistisch. Marx entwickelt das Ideal der freien Wahl. Auch in der sozialistischen Gesellschaft muß das Marxsche irdische Lebensideal im freien Spiel mit anderen Lebensidealen Boden gewinnen.

Nun zu der Veränderung im Christentum. Ich glaube, es ist eine weltbedeutende Veränderung. In der ganzen bisherigen Geschichte des Christentums konnte man eine nonkonformistische, progressive Tendenz in der Deutung der christlichen Ideale nur bei den christlichen Minderheiten feststellen; die Tendenz, die als maßgebend in der Gesellschaft herrschte und auch die Gesellschaft gestaltete, war konservativ; das ist in der ganzen Geschichte des Christentums zu beweisen. Heute kommt es zu einer solchen Veränderung, daß auch die herrschende Linie des Christentums, die früher konservativ war, sich wandelt. Das ist etwas Neues in der Geschichte des Christentums.

Kritik von der Päpstlichen Universität

Nur ein kleines Beispiel: Auf der Marienbader Tagung der Paulus-Gesellschaft — Sie haben auch im „Neuen FORVM“ darüber gelesen [6] — sprach Prof. Girardi von der Päpstlichen Universität in Rom und kritisierte unser sozialistisches Land. Aber er hat nicht kritisiert, daß wir sozialistisch sind, sondern, daß wir zu wenig sozialistisch sind (Gelächter). Und das war eine richtige Kritik der Bürokratie im Sozialismus, z.B. in der stalinistischen Form des Sozialismus. Also eine solche Kritik ist uns eine Hilfe. Und sie kommt von einem Professor der Päpstlichen Universität in Rom (Gelächter und Applaus).

Darin sehe ich also die Wandlung, die wirklich eine reale Möglichkeit schafft, nicht nur dialogisch sich zu konfrontieren, sondern zu einer Kooperation zu kommen. Marienbad — das war zum ersten Mal eine Tagung der Paulus-Gesellschaft in einem sozialistischen Land. Und es war nicht leicht, nicht wahr. Es war nicht leicht, es bei uns durchzusetzen. Es war wirklich ein Sieg der progressiven Kräfte bei uns. Sie waren damals noch gar nicht in der Mehrheit, sie wuchsen, aber hatten noch nicht die Mehrheit. Also das war damals wirklich ein Sieg auch im Inneren unseres Staates, daß es zur Marienbader Tagung kam.

Bei der Marienbader Tagung haben wir den Gedanken des Dialogs und der Kooperation von unserer tschechoslowakischen Seite entfaltet. Besser gesagt: wir bemühten uns, ihn zu entfalten. Aber es ging nur theoretisch. Jetzt hingegen kann man bei uns auch einen Fortschritt in der Praxis sehen, eine Umwandlung der konkreten Verhältnisse. Das alles ist am Anfang und ist im Gange, nicht wahr, auch die Beseitigung der Folgen falscher Handlungen gegen die Christen, gegen die christlichen Priester. Die Zeit der Rehabilitierungen beginnt.

Ein Schritt nach vorwärts ist meiner Meinung nach, daß Frau Kadlecová, die als Soziologin und Mitarbeiterin der Akademie der Wissenschaften die Marienbader Tagung vorbereitete, nun für eine Zeitlang die leitende Funktion übernommen hat in unserem Kultusministerium, Abteilung für kirchliche Angelegenheiten (Applaus).

Also das zeigt, glaube ich, daß wirklich etwas geschieht und daß da auch wirklich die machtpolitischen Bedingungen hiefür allmählich schrittweise entstehen, d.h. Bedingungen, um die Situation zu ändern in dem authentischen Marxschen Sinn.

Was war die Tragödie des Sozialismus? Daß die erste Phase der Gewalt durch den Stalinismus ganz verdorben wurde und dadurch dem Sozialismus im internationalen Maßstab der schwerste Schlag versetzt wurde. Der Stalinismus hat dem Sozialismus den schwersten Schlag versetzt. Aber er war nicht tödlich, meine Freunde. Wenn Sie z.B. die erste Periode der sozialistischen Revolution in der Sowjetunion betrachten, also die Leninsche, die Zwanzigerjahre, dann ist das etwas ganz anderes, es ist Terror, aber es ist nicht verdorben. Nur zum Vergleich: Stalin hat seine nächsten Mitarbeiter totschlagen lassen; was hat Lenin mit Martow gemacht? — und das war ein Gegner! Er hat ihn nicht einkerkern lassen, er hat die Möglichkeit geschaffen, daß Martow emigrieren konnte. Das ist Lenin. Und wenn Sie die kulturelle Situation betrachten in den Leninschen Jahren: die sowjetische Avantgarde, die so viel der ganzen modernen europäischen Kultur brachte, nahm ihren großen Aufschwung gerade in diesen Zwanzigerjahren. Das war eine große Periode der sowjetischen Kultur, und der ganzen europäischen Kultur. Also das wollte ich nur deswegen sagen, um zu zeigen: es liegt keine Zwangsläufigkeit, meiner Meinung nach, im Stalinismus. Deswegen ist es noch eine größere Tragödie, daß es zum Stalinismus kam und daß diese erste große Periode so verdorben wurde.

Aber jetzt haben wir schon mehr als zehn Jahre lang einen Prozeß der Entstalinisierung. Es begann zuerst einmal in Jugoslawien. Dann kam die Tragödie in Ungarn. Es kam zum polnischen Oktober — und es ist auch eine Tragödie, was jetzt so in Polen zu sehen ist (starker Applaus).

In diesem Zusammenhang will ich jetzt da in Wien betonen, also im Mittelpunkt des alten Österreich, daß gerade Länder, die zum alten Österreich gehörten — no ja, Jugoslawien nicht ganz (Gelächter) — daß also gerade die Tschechoslowakei und Jugoslawien jetzt Schulter an Schulter, wenn auch unter verschiedenen Bedingungen, eine zweite, neue Phase der sozialistischen Revolution realisieren wollen. Und es wäre schön, wenn sich auch Österreich (Gelächter und Applaus) dazu entschließen könnte, wir hätten dann das neue sozialistische Großösterreich (Gelächter und starker Applaus).

Nenning: Ich vermute, daß das eine geeignete Note ist für den Abschluß der Podiumdiskussion.

[*Das ist unterdessen am 27. Mai geschehen. Die erste Arbeitssitzung wird am 18. Oktober, 19.30 Uhr in den Räumen des FORVM stattfinden, mit dem Thema „Student und Demokratie: außerparlamentarische Opposition und Gewalt“.

[1Vgl. Giulio Girardi, Christliches Ja zur Revolution, Neues FORVM, Oktober 1967; ausführlicher jetzt: ders., Through Revolution to Peace, DIALOGUE (engl. Ausgabe des Neuen FORVM), Spring Issue 1968.

[2Vgl. in diesem Heft: Ernst Bloch, Wildes Altes Testament.

[3Die Paulus-Gesellschaft plant eine nächste Tagung als „Kongreß der jungen Generation“. Das Wiener Zentrum der Paulus-Gesellschaft hat eine Studentensektion gegründet.

[4Vgl. J. B. Metz, Religion und Revolution, Neues FORVM, Juni/Juli 1967; Giulio Girardi, Christliches Ja zur Revolution, ebd., Oktober 1967; Peter Diem, Christliches Revolutionsjahr 1967, ebd., Januar/Februar 1968.

[5Vgl. Robert Kalivoda, Christentum als Vorläufer des Marxismus, Neues FORVM, Januar/ Februar 1968.

[6Marienbader Protokolle, Neues FORVM, Juni/Juli 1967.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1968
, Seite 403
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

Giulio Girardi:

Mitglied des Salesianerordens, Italiener aus Kairo gebürtig, ist dem NEUEN FORVM als Mitglied des Redaktionsbeirates langjährig verbunden, desgleichen der Paulus-Gesellschaft, als Stardialogist der christiich-marxistischen Konferenzen Salzburg 1965, Herrenchiemsee 1966, Mariánské Lázně (Marienbad) 1967. Herausgeber einer monumentalen Enzyklopädie über modernen Atheismus, diesbezüglicher Berater und Vertrauter des Kardinals König, verfiel Girardi blitzartig in Ungnade, sobald er sich als Christ und Marxist definierte. Verlor seine Professur an der Päpstlichen Universität der Salesianer in Rom, wurde nach Paris ins Exil geschickt, verlor nun auch seine Professur ebendort. Was er nicht verlor, ist Sympathie und Solidarität einer großen Zahl von Christen, die in ihm mit Recht einen bahnbrechenden Theologen und seine Theologie auch praktizierenden Christen sehen.

Robert Kalivoda: Dr. Robert Kalivoda, Mitglied unseres Internationalen Redaktionskomitees, gehört zu den streitbarsten jungen Philosophen in der CSSR. Er ist Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften in Prag und war einer der profiliertesten Partner des Marienbader Dialoges der Paulus-Gesellschaft, April/Mai 1967, vgl, Marienbader Protokolle, Neues FORVM, Juni/Juli 1967.

Lucien Goldmann:

Eduard Goldstücker:

José-Maria Gonzáles-Ruiz:

1916 Sevilla, Dr. theol. Gregoriana Rom, Lizentiat der Bibelwissenschaften Päpstliches Bibelinstitut Rom, Griechischprofessor am Priesterseminar Sevilla, Pfarrer im Vorort Triana Sevilla, seit 1948 Kanonikus der Kathedrale Malaga. Professor der Religionssoziologie Madrid (1968 von der Regierung suspendiert). Bisher sieben Buchpublikationen (deutsch: Marxismus und Christentum zum neuen Menschen 1962, Christentum ist kein Humanismus 1966).

Rudi Supek:

András Szennay:

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