FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1990 » No. 433-435
Friederice Beyer

Die Geheimnisse des SS-Sturmbannführers Wilhelm Höttl

Österreich II

Während das „heldenhafte deutsche Volk“ noch im „Schicksalskampf um Sein und Nichtsein“ stand und in „unerschütterlicher Treue zum Führer“ an „Vorsehung“ und „Endsieg“ glaubte, trafen österreichische Nazi-Führer bereits Vorkehrungen für die Zeit „danach“: sie biederten sich Ende 1944 heimlich den Amerikanern an und schlugen die Bildung einer „neutralen“ österreichischen Regierung vor. Die Nazis bewiesen „Weitblick“ — eıner ihrer „Ministerkandidaten“ wurde später tatsächlich Bundeskanzler. FORVM zitiert aus geheimen US-Dossiers ...

Der „Superman“ im RSHA

Als Dr. Ernst Kaltenbrunner, Österreicher, Jurist, Führer der illegalen SS und „Staatssekretär für Sicherheit“ im Kabinett Seyss-Inquart, 1943 zum Nachfolger Heydrichs als „Chef“ des allmächtigen „Reichssicherheitshauptamtes“ (RSHA) avancierte, hatte der Kriegsberichterstatter der SS-Elite-Division „Prinz Eugen“, der Wiener Historiker Dr. Wilhelm Höttl, allen Grund zum Jubeln. Schon während der „Systemzeit“ war Höttl ein „enger persönlicher Freund und Mitarbeiter“ Kaltenbrunners gewesen und hatte sich als „Kirchenspezialist“ und SD-Spitzel verdient gemacht. Nach dem „Anschluß“ wurde er zum „SS-Hauptsturmführer“ und Leiter des SD-„Kirchenreferats“ (Amt II/1) im „Leitabschnitt Wien“ befördert. Eine „Traum-Karriere“ zeichnete sich ab.

Dann aber — zumindest gab Höttl das bei seiner Vernehmung durch amerikanische „special agents“ am 31. Mai 1945 so an — wurde er wegen „weltanschaulicher Unzuverläßlichkeit“ zunächst (1938) ins „Amt Ausland, Abteilung Südost“ und schließlich (1942) zur Waffen-SS „an die Front“ versetzt. Er „diente“ unter dem legendären SS-General Phleps und verfaßte Jubelberichte über die „Heldentaten“ der SS im besetzten Jugoslawien.

Allzu gravierend dürften seine „weltanschaulichen Mängel“ aber nicht gewesen sein -— denn kaum war „Freund“ Kaltenbrunner „oben“, ging’s auch mit Höttl wieder „bergauf“: er wurde Kaltenbrunners Chefberater in allen „Südost“-Angelegenheiten, zum Leiter der RSHA VI-Referate „Ungarn“ (Referat 2), „Kroatien und Serbien“ (Referat 3), „Albanien und Montenegro“ (Referat 4) und zum stellvertretenden Leiter der gesamten „Südost-Abteilung“ ernannt. Ende 1944 brachte er auch — wie er später aussagte — die „remaining referate, viz. Rumania, Bulgaria and Greece under his hat“ Aber damit nicht genug, wurde er von Kaltenbrunner auch noch mit „special duties“ betraut ...

Kaltenbrunners neuer „Spionage- und Abwehrchef für den Südosten“ erwies sich als Meister seines Faches: in Windeseile verbesserte er das SS-Spionage-Netz im gesamten Balkanraum, bereitete 1944 persönlich den Sturz Horthys in Ungarn vor, half dem „Kollegen“ Kappler, dem „Schlächter von Rom“ (und späteren Zellennachbarn des durch seinen „Handschlag“ mit Frischenschlager „berühmt“ gewordenen Major Reder) beim Aufbau des italienischen SD-Netzes und fand auch noch Zeit, sich um „finanzielle Angelegenheiten“ der SS zu kümmern. So „half“ er beim „Transfer“ beträchtlicher Gold- und Devisenmengen aus Ungarn und den Balkanländern, verwaltete Geheimkonten und verschiedenste „Spezialfonds“, SS-Konten in der Schweiz, brachte gefälschte Pfundnoten in Umlauf und „rettete“ einen Teil des (Falsch-)Geldes auch in die Nachkriegszeit ...

Als im Büro des Ex-RSHA-Referenten Ende März 1953 in Zusammenhang mit der „Spionageaffäre Ponger“ (der US-Offizier Ponger wurde gemeinsam mit seinem Freund Verber der Spionage für die Sowjets beschuldigt und zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt) CIC-Agenten eine Hausdurchsuchung vornahmen, stellten sie neben gefälschten Pässen, einer „Walther Automatic, Cal 7.65, Mod PPK, No. 41720 SK“, „5 blank Austrian Identity Cards“ und zahlreichen Akten und Briefen auch „1495 English Pounds (counterfeit)“ sicher. Im RSHA genoß Höttl einen ausgezeichneten Ruf: er galt als „Spezialist“ für Sondermissionen aller Art und genialer „politischer Kopf“, dem eine große Zukunft prophezeiht wurde.

Aber seine „größte“ Zeit sollte erst kommen ...

Ende 1944 war es soweit: der Zeitpunkt des endgültigen „Zusammenbruchs“ war absehbar, der Traum vom „Endsieg“ ausgeträumt. Den Machthabern im Hitlerreich drohten bittere Zeiten. In Casablanca hatte sich bereits 1943 eine „Kriegsverbrechenskommission der Vereinigten Nationen“ (UNWCC) konstituiert und die Alliierten ließen keinen Zweifel, daß nach Kriegsende „jene deutschen Offiziere und Mitglieder der Nazi-Partei, die für Grausamkeiten, Massaker und Exekutionen verantwortlich gewesen sind oder an ihnen zustimmend teilgehabt haben, in jene Länder zurückgeschickt werden, in denen ihre abscheulichen Taten ausgeführt wurden, um vor Gericht gestellt und bestraft zu werden“. Den Kameraden im RSHA — viele waren für „Judenfragen“, „Bandenbekämpfung“, innere oder äußere „Sicherheit“ zuständig, für KZs, Deportationen und Massenerschießungen — schwante Fürchterliches. In den Ministerien und Gauleitungen, aber auch bei der Wehrmacht war die Stimmung nicht besser. Viele gerieten in Panik — wie Major „S“ der Adjutant General Löhrs in Saloniki oder der Leiter des „Kroatien-Referats“ im Wiener „Glaise Horstenau-Institut“, Dr. Lujo Toncic-Sorinj: „... the present OeVP Nationalrat of Salzburg deserted to Tito’s guerrillas (Red Army)“, heißt es dazu lakonisch im US-„Hoettl-Akt“ und — an anderer Stelle — „Toncic-Sorinj, born 18 Apr 1915 in Vienna, was with Tito in the Third Red Army in the summer of 1944“. Andere wieder blieben „stur“ bis zuletzt: die Gauleiter Eigruber (Oberösterreich) und Rainer (Kärnten) oder Eichmann, Murer und Globocnik ...

Die Kameraden waren ratlos. Kaum einer, der sich vorstellen konnte, wie es „danach“ weitergehen sollte, wie der NS-Einfluß auch nach „Eintritt des Unvermeidlichen“ — wie die bevorstehende Kapitulation umschrieben wurde — aufrechterhalten werden könnte. Höttl, Kaltenbrunners „politisches Hirn“ wußte einen Ausweg. Gemeinsam mit sorgfältig ausgewählten Landsleuten, meist Parteigenossen aus der „Kampfzeit“, entwickelte er einen einfachen, aber höchst genialen Plan — das „Austrian Project“.

Höttls „Wunderwaffe“

Ein wenig erinnert Höttls „Austrian Project“ an die taktische Konzeption der osteuropäischen „Stalinisten“ der Gegenwart: „freiwillig“ wird ein Stück Macht abgegeben, die „Verantwortung für Staat und Gesellschaft gerechter verteilt“ — man mimt „Pluralismus“ — und hofft, die eigene Position zu konservieren. Freilich — im Gegensatz zu Krenz & Co mußten Österreichs Nazi „freie Wahlen“ nie fürchten — auch 1945 nicht. Denn 20 oder 30 Prozent — in „guten“ Zeiten auch mehr — sind in der „Heimat des Führers“ für die „Braunen“ immer „drinnen“ ...

Aber noch ging es nicht um Prozente. Was die „rot-weiß-rot“ gewordene Höttl-Clique bereits 1944 anstrebte, war der Fortbestand einer Nazi-Partei auch im „neuen“ Österreich. Die reformierte, „von innen heraus erneuerte Partei“ (Höttl) sollte kein Machtmonopol mehr innehaben, sondern für ein „independant, democratic (!), anti-bolshevist, properly parlamentarian Austria“ eintreten. Es war daher auch eine repräsentative, alle politischen Spektren umfassende Palette von Persönlichkeiten, die Höttl & Parteigenossen dem US-Geheimdienst als neue — provisorische — „Friedensregierung“ für das wiederentdeckte Österreich zu servieren gedachten ...

Aber noch war es nicht so weit. Zunächst galt es, innerhalb der österreichischen NS-Prominenz „geeignete“ Persönlichkeiten für den Plan zu gewinnen. Das war gar nicht einfach: erstens waren die „Kameraden“ untereinander meist hoffnungslos zerstritten, zweitens sollten die „neuen“ Führer für das „Volk“, aber auch für die Alliierten akzeptabel sein, und drittens durfte man nicht an den „Falschen“ geraten. Denn natürlich gab es auch 1944 noch genügend „Allzeitgetreue“, die Höttls geplante Zusammenarbeit mit „dem Westen“ auch als „Hochverrat“ hätten mißverstehen können ...

Aber Höttl, durch jahrelange SS-Ränke im RSHA selbst zum Meister der Intrige gereift, war raffiniert genug, um in keine Falle zu tappen. Er ging mit äußerster Vorsicht ans Werk. Nur engste Freunde wurden in die geheimen Pläne eingeweiht, „only the central members of the movement knew of Hoettl’s real plans, or of his trips to Switzerland ...“

Der „österreichische“ Geheimzirkel

Auf hunderten Seiten dokumentieren verschiedene „US-Agencies“ Höttls geheime „activities“ und gewähren auch Einblick in seinen Freundeskreis, wenngleich viele Akten bzw. Aktenteile — aus verständlichen Gründen — noch immer unter Verschluß gehalten werden. Daß Höttl, der inoffizielle „SS-Geheimdienstchef für den Balkanraum“, in seinem „Austrian Movement“ insbesondere viele „Balkan-Spezialisten“ versammelte, ist nicht überraschend. Da der „Führer“ der Ansicht war, daß seine Landsleute aus „historischen Gründen“ eine besondere Beziehung zu den Balkanstaaten hätten, wurden sie dort auch bevorzugt eingesetzt — und standen jahrelang in einem sehr engen „dienstlichen“ Kontakt zu Höttl. Dies trifft vor allem für Angehörige der deutschen Besatzungsbehörden, Wehrmachts- und Geheimdienstleute zu. Auch hatten die im Kampf gegen „kommunistische Banden“ erprobten Österreicher den Vorteil, daß sie den Amerikanern — einigermaßen glaubhaft sogar — als besonders eifrige „Anti-Bolschewisten“ und mögliche Bündnispartner verkauft werden konnten. Zudem verfügten sie über detaillierte Kenntnisse über die verschiedenen politischen, religiösen und „völkischen“ Gruppierungen Jugoslawiens, unterhielten ein bestens funktionierendes Spitzel- und Informantennetz und hatten tausende Spezialdossiers über Politiker, Kirchenführer und „leading personalities“ aller Art. Kurzum — Höttl und seine Südost-Spezialisten verfügten über ein Wissen, das die Amerikaner zweifelsohne nicht hatten und das für den Westen noch nützlich werden konnte. Höttl und seine Freunde waren auch bereit, dieses Atout — zum gegebenen Zeitpunkt — auszuspielen ...

Höttl war ein routinierter Geheimdienstmann, der wußte, wie ein derartiges „network“ aufzuziehen war: „It appears that his movement had no specific membership“, und Höttl vermied eine straffe Organisation. „The whole conspiracy was built up on a personal basis, with occasional meetings among the main figures, probably not oftener than once a month“. Über die „main figures“ geben die (freigegebenen) US-Unterlagen einigermaßen erschöpfend Aufschluß: eine der einflußreichsten Figuren im Höttl’schen Nazi-„network“ war zweifelsohne Edmund Glaise-Horstenau. Bereits vor dem „Anschluß“ spielte der ehemalige Direktor des Wiener Kriegsarchivs eine wichtige Rolle in Österreichs Innenpolitik, danach durfte er sogar eine Hauptrolle spielen. Als überzeugter Katholik und Freund des CV-Mitglieds Dr. Arthur Seyss-Inquart zählte er in der Dollfuß- und Schuschnigg-Ära zur Gruppe der „evolutionären“ Nationalsozialisten (die als durchaus „salonfähig“ galten) und verfügte über beste Beziehungen zu Heimwehr und Klerikalfaschisten. Er war Staatsrat, Innenminister und dann sogar Vizekanzler, ehe er als „Generalbevollmächtigter“ zum Herrn über das besetzte Jugoslawien avançierte.

Ebenfalls im Höttl-„Movement“ vertreten: Ing. Hermann Neubacher, ein ursprünglich den Sozialisten nahestehender „Wirtschaftsführer“, der nach dem „Anschluß“ zum Wiener Bürgermeister befördert wurde und schließlich ebenfalls am Balkan landete — als Hitlers „Sonderbotschafter“. Zum engsten Kreis zählte auch der Salzburger Kajetan Mühlmann. Mühlmann war gemeinsam mit Höttl bereits SD-Funktionär in der „Systemzeit“. Auch er hatte beste Beziehungen zum „katholischen Lager“ und war ein enger Freund des Salzburger „Heimatdichters“ Heinrich Waggerl sowie des austro-faschistischen „Staatsdichters“ und Ministers „ohne Portfeuille“ Guido Zernatto. Auch Mühlmann wurde schließlich „Experte“ für „Balkan-Völker“ und „koordinierte“ erfolgreich die verschiedenen Quisling-Gruppierungen in Serbien. Jetzt, Ende 1944, war es seine Aufgabe, seinen Freund Hofer, den Gauleiter von Tirol, im Sinne Höttls zu präparieren („... had the task of working on Hofer, who as Gauleiter of Tyrol had a central part in the resistence scheme ...“).

Prominent vertreten war das Höttl’sche „movement“ auch in der Wehrmacht, insbesondere in der Heeresgruppe E, Hitlers Balkan-Armee. Wieder sind es die Österreicher, allen voran Waldheims Ex-Chef, Alexander Löhr, und General Rendulic (beide sind übrigens verurteilte Kriegsverbrecher — Löhr, laut Weidlinger „jener Wehrmachtsgeneral, der am stärksten in den Holocaust involviert ist“, wurde zum Tod, Rendulic zu 20 Jahren Kerker verurteilt), die mit Höttl kollaborieren: „Hoettl’s best military contact was with Austrians, e.g. Gen. LOEHR ...“, hielten die US-Agenten fest. Daß Höttls Kontakt zu Löhr besonders innig war, beweist auch die Tatsache, daß er ihn sogar über seine geheimen Reisen in die Schweiz informierte. Über Mittelsleute ließ er ihn und Rendulic auch fragen („... sounded out through middlemen whether they would consider discontinuing the fight ...“), ob sie zum Beenden der Kampfhandlungen bereit wären. Immerhin — „... Loehr and Rendulic declared their willingness to take matters in their own hands ...“, lautete die Antwort. Beide, Löhr und Höttl, wären nach Kriegsende fast auch „Nachbarn“ geworden: während Höttl, Kaltenbrunner, Eichmann und andere Nazi-Promis sich zu Kriegsende ins Ausseerland absetzten, wollte General Löhr ins benachbarte Ennstal, nach Ramsau bei Schladming. Löhr hat es dann zwar nicht geschafft (er wurde von Titos Partisanen verhaftet), aber — wie der Zufall so spielt — einer seiner „Mitarbeiter“ sollte schließlich doch noch in die romantische, versteckt gelegene Ramsau gelangen — Kurt Waldheim ...

Aber zurück zu Höttls „Austrian movement“: „A very active connection“ bestand auch zu „intellectual circles“ — zu Intellektuellen vom Schlage eines Prof. Heinrich Srbik oder Prof. Taras Borodajkewycz, der als Organisator des Katholikentages 1933 auch Träger hoher päpstlicher Auszeichnungen und Orden war. Aber auch der Doyen der österreichischen Zeitgeschichte, der hochdekorierte Hitler-Jugend-Führer Prof. Ludwig Jedlitschka wird in den US-Akten als „close personal friend of Hoettl“ beschrieben. Die Freundschaft übertrug sich sogar auf Jedlitschkas Schüler: Dozent Manfred Rauchensteiner, der „führende“ Militärhistoriker Österreichs und „Spezialist“ für die „Heeresgruppe E“, zählt auch heute noch zu Höttls Freundeskreis, und es ist jammerschade, daß er nicht — wie ursprünglich vorgesehen — zum „Generalsekretär“ der Waldheimschen „Historikerkommission“ bestellt wurde.

Von den ostmärkischen Gauleitern wird insbesondere der Tiroler Gauleiter Hofer, der seinerseits „some contact“ mit „Christian Social persons“ pflog und der auch mit dem späteren Außenminister Gruber in Kontakt gewesen sein dürfte, zur Höttl-Gruppe gezählt. Auch Juri „was favourable“, während es zu Eigruber („stubborn and yielding“), Uiberreither oder Schirach keine Beziehung gab. Dafür wurden — aus offenbar taktischen Gründen — geheime Kontakte zu Oppositionsgruppierungen, vor allem aber zu kirchlichen Kreisen hergestellt.

So traf Höttl im März 1945, bei seiner „1. Schweizer Reise“, in Zürich mit „Prince Auersperg, a prominent member of the Austrian Freedom Movement, acting in behalf of Mr. Dulles“, zusammen, hielt den deutschen Vatikan-Referenten im Auswärtigen Amt, Dr. Hofmann informiert und durfte auch „Prince Rohan who had contacts with the General of the Jesuit Order at Rome“ und dessen Schwager, Fürst Apponyi (der sich später auch in Aussee niederließ), sowie „Dr. Schmied, a V-Mann for the Vatican“, zur Gruppe zählen. Wohl informiert wurde auch der Salzburger Erzbischof Rohracher, von dem es in den US-Akten heißt, „Glaise told Höttl that Rohracher approved their ideas ...“

Aber auch „Father Laiber S.J., the Pope’s German Counselor“ zählt zu Höttls Kontaktleuten („... they frequently exchanged notes ...“), und es scheint, daß die Höttl-Gruppe insgesamt auf die Kirche setzte: „There tended to be a strong Catholic tinge to the movement“, befanden zumindest die Amerikaner.

Nicht ganz einfach war es, den „Chef“, Kaltenbrunner selbst, von den Höttlschen Plänen zu überzeugen, da dieser — zu Recht, wie sich beim Nürnberger Prozeß herausstellen sollte — eine gewisse Scheu vor den Amerikanern zeigte und das Kriegsende lieber auf einer versteckten Almhütte im Toten Gebirge abwarten wollte. Aber Höttl verstand sein Metier: zunächst wurde Mühlmann auf Höttls Vorschlag „Kaltenbrunner’s personal adviser, in hope of having him work on Kaltenbrunner“. Und schließlich gelang es, „under combined persuasion of Muelmann, Neubacher, Hoettl, and Kaltenbrunner’s mistress, den mißtrauischen Kaltenbrunner als Verbündeten zu gewinnen. Nur zögernd gab der RSHA-Chef seine Zustimmung zu Höttls Reise in die Schweiz, wo Allan Dulles, der US-Geheimdienstchef, sein damaliges Hauptquartier hatte. „Hoettl had radioed Kaltenbrunner at Berlin that he expected to go to Switzerland“ hielten die US-Geheimdienstler fest, „and finally got Kaltenbrunner’s somewhat grudging approval“.

Die Ministerliste der SS

Jetzt stand Höttls großem Auftritt nichts mehr im Wege: ausgestattet mit einem gefälschten Paß — „No. 186, issued by the Principality of Liechtenstein on 12 November 1940“ lautend auf „Hans Eberhard Mayer“ — fuhr Höttl zwischen März und Mai 1945 insgesamt dreimal zu seinen neuen „Freunden“ in die Schweiz und nach Liechtenstein. Auf Vermittlung von Prinz Auersperg, mit dem er bei seiner ersten Reise konferiert hatte, durfte er beim zweiten Mal mit den Amerikanern direkt verhandeln. Ein „Mr. Leslie, who had been slated to accompany the Allied control Commission to Austria“ wurde Höttls Gesprächspartner.

Das „Angebot“ der österreichischen SS- und Nazi-Clique klang gut: die „Anglophile group“ (so Höttl über sich und die Seinen) schlug zunächst die Bildung einer Übergangsregierung, „a neutral Austrian government“ vor. Die Ministerliste des „so-called Kaltenbrunner government“ enthielt laut US-Dossier folgende Namen: Dr. Andreas Rohracher, Erzbischof von Salzburg; „Engineer“ Julius Raab, Ex-Führer der nö. Heimwehr, der bereits in der „Fünften Regierung Schuschnigg“ als Minister für Handel und Verkehr Regierungserfahrung gesammelt hatte (in dieser am 16. Feber 1938 vorgestellten Regierung waren auch Seyss-Inquart und Glaise-Horstenau vertreten gewesen); ein „Socialist“ namens Dr. Doppler; Engineer Neubacher, „former Nazi Burgermaster of Vienna“, und „Dr. Ernst Kaltenbrunner himself“. Und offenbar um zu beweisen, daß es den österreichischen Nazis tatsächlich um Versöhnung ging, wurde auch ein „representative of concentration camp inmates“, ein gewisser Rafael Spann, in die SS-Ministerliste aufgenommen.

Höttls „Kaltenbrunner-Government“ stieß auf wenig Sympathie: denn der Name Kaltenbrunner stand zu diesem Zeitpunkt schon auf allen Fahndungslisten der Alliierten. Das hatte auch Kaltenbrunner selbst geahnt, wie Höttl später den Amerikanern gestand: „Kaltenbrunner had told Hoettl that he would undoubtedly be on the list of war criminals“, protokollierten die „Special Agents“ im Sommer 1945.

Kaltenbrunner wußte, wovon er sprach: die von ihm begangenen und initiierten Verbrechen gegen die Menschlichkeit waren dermaßen abscheulich, daß sich beim Nürnberger Prozeß selbst sein eigener Verteidiger weigerte, ihm die Hand zu geben.

Unter Kaltenbrunners Leitung hatte das RSHA eine führende Rolle bei der „Endlösung des jüdischen Problems“ gepielt. Noch wenige Wochen vor Kriegsende ordnete er persönlich die Ermordung von hunderten KZ-Häftlingen an und ließ sich anläßlich eines „Lagerbesuchs“ im KZ Mauthausen die „drei Arten der Hinrichtung — Erhängen, Erschießen und Vergasung“ — demonstrieren. Kaltenbrunner war einer der übelsten Nazi-Schlächter, auch wenn er in Nürnberg pathetisch erklärte: „Ich habe meinem Volk und meinem Vaterland mit heißem Herzen gedient, ich habe nur meine Pflicht nach den Gesetzen meines Vaterlandes getan!“

Höttl scheiterte zwar mit seinem „Austrian Project“, aber er hatte noch andere Asse im Ärmel: er und sein Kreis, bot er den Amerikanern an, würden alles unternehmen, um eine rasche Beendigung des Krieges zu erreichen. „He offered the Western powers his collaboration“, heißt es in den US-Dossiers und die Dulles-Leute nahmen an. Denn Höttl hatte den Amerikanern mit großem Geschick eingeredet, daß eine gigantische „Werwolf-Bewegung“ zur Verteidigung der Alpenfestung im Aufbau sei. „The Werewolf was to be directed from the Reduit, and Hoettl was given the job of penetrating it for the Americans“, notierten die Amerikaner. Höttl kehrte mit neuen Aufgaben heim: „He returned to Germany with a clearly defined mission, vis. to prevent by means of sabotage and to keep the Allies posted on German plans to erect a center of resistance in the Austrian and Bavarian Alps“. Höttl war wieder im Geschäft.

Er versprach seinen neuen Auftraggebern, in die „last fortress of German resistance“ zurückzukehren und „wireless contact“ mit „competent American agencies“ zu halten. Dies fiel Höttl nicht schwer, denn in Steyerling hatte der ihm loyal ergebene SS-Mann Neunteufel ohnehin schon einen Geheimsender stehen. „Via the Swiss Military Police, represented by Hauptmann Dr. Linnert“, sollten alle „informations about the German war potential in its military and political aspects“ zu den Dulles-Leuten in die Schweiz gefunkt werden.

Höttl hatte sich glänzend verkauft. Es war ihm gelungen — wenige Wochen vor Kriegsende —, sich rasch noch das Vertrauen der naiven US-Geheimdienstler zu erschleichen.

Zurückgekehrt in die „Alpenfestung“ trieb Höttl ein perfektes Doppelspiel: Kaltenbrunner wurden Hoffnungen auf ein Treffen mit Dulles, ja sogar mit Präsident Truman gemacht, obwohl die Amerikaner klar zu erkennen gegeben hatten, an Kaltenbrunner oder einem von Kaltenbrunner geführten „Austrian Government“ nicht interessiert zu sein. „Hoettl naturally concealed what the actual results of his mission had been“, steht in den US-Files.

Trotzdem wurde der Glaube an die „Austrian solution“ genährt und die Höttl-Gruppe entfachte hektische Aktivitäten. Tatsächlich galt es, sich spät, aber immerhin doch, so nützlich wie nur möglich zu erweisen. Jetzt wurden sogar Leben gerettet — aus Tirol wurde ein abgeschossener US-Bomberpilot mit SS-Hilfe in die Schweiz gebracht, im Ausseerland wurden Widerstandskämpfer vor bevorstehenden Strafaktionen gewarnt — und aus Steyerling wurden, wie in der Schweiz vereinbart, „Lageberichte“ über die Entwicklung in der Alpenfestung gefunkt. Freilich über Versuche, auch die Ermordung der KZ-Häftlinge in Mauthausen oder Ebensee zu verhindern, ist nichts bekannt. Aber möglicherweise wäre das wohl zu gefährlich gewesen ...

Wissen ist Macht

Trotzdem — als die amerikanischen Truppen Aussee erreichten („... entered Bad Alt Aussee.“ [sic!]), konnte Sturmbannführer Höttl vergleichsweise beruhigt sein. Während Kaltenbrunner, Eichmann und viele RSHA-Kameraden, die sich ebenfalls nach Aussee zurückgezogen hatten, es vorzogen unterzutauchen, stellte sich der SS-Geheimdienstchef für den Südosten freiwillig den Amerikanern. Zuvor hatte er sich der Widerstandsbewegung zur Verfügung gestellt (... immediately put himself at the disposal of the Austrian resistance movement ...“), jetzt wies er einen einmarschierenden US-Offizier an, Bern über seine Anwesenheit zu unterrichten („... informed the nearest American post of his presence, asking them to notify Bern ...“). Ähnlich verhielten sich Höttls SS-Funker in Steyerling, „where Hoettl’s deputy delivered a letter to the local American Commander“. Höttl wurde dann zur Einvernahme nach Freising und später auch nicht als Angeklagter, sondern als Zeuge nach Nürnberg gebracht. Abermals gelang es ihm, sich perfekt in Szene zu setzen: er dozierte über die Geschichte der deutschen Geheimdienste, verfaßte umfangreiche Abhandlungen über Aufbau und Organisation des RSHA, brillierte mit verblüffenden Details und erteilte den staunenden US-Boys Nachhilfeunterricht in effizienter Südost-Spionage ...

Ex-Kameraden, wie beispielsweise Eichmann oder Kaltenbrunner, die ihm nie mehr nützlich sein konnten, belastete er — „... by furnishing to A.W. Dulles information concerning the number of Jewish nationals exterminated in concentration camps“ — andere wiederum deckte er. Sich selbst präsentierte er — mittlerweile völlig zum „österreichischen Patrioten“ mutiert — als völliges Unschuldslamm, und Genaueres wollten First Lieutenant R. Phelps, der „Untersuchungsoffizier“ in Freising, und die CIC-Leute über ihre „most valuable source“ offenbar auch gar nicht wissen, zumindest bis Anfang der 50er Jahre nicht ... Im Gegensatz zu anderen seines Schlages wurde der ehemalige SD-Chef jedenfalls nicht als Kriegsverbrecher angeklagt, sondern „continued living in great manner“.

In Linz gründete er 1946 zunächst den „Nibelungen-Verlag“ — wo er den späteren FPÖ-Nationalrat Emil van Tongel („...joined the NSDAP in 1932 ... worked for illegal NSDAP-newspapers ... and the German Propaganda Ministry in Vienna ...“) als Geschäftsführer beschäftigte, betätigte sich als „Journalist“ („National Zeitung“) und Buchautor (unter dem Pseudonym „Volker Hagen“), frischte alte Kontakte aus seiner „Vergangenheit“ auf und machte sich nützlich — für die verschiedensten Geheimdienste ebenso wie für den mittlerweile doch zum Minister avançierten Julius Raab und die ÖVP.

Geheimtreffen mit Julius Raab

Höttl lebte von seinem geheimdienstlichen Wissen, von seiner Kenntnis über die „Vergangenheit“ vieler und blieb — im Regelfall gegen ein nicht allzu kärglich bemessenes Honorar — vielseitig verwendbar. Schon in den frühen 30er Jahren, als er an der Universität Wien Geschichte, Geographie und Germanistik studierte, hatte er sich bemüht, einen Ausgleich zwischen katholischen und nationalen Studentengruppen herzustelllen („... his endeavor was to bring about a rapprochement berween a diversity of groups within the Studentenschaft, namely the national and the Roman-Catholic groups ...“). Jetzt, im Österreich des Jahres 1949 waren solche Vermittlerdienste wieder gefragt: für den 9. Oktober waren Nationalratswahlen angesetzt und die Erfolgsaussichten der beiden Großparteien hingen sehr vom Wahlverhalten der mehr als 500.000 erstmals wieder wahlberechtigten Nazis und ihres Anhangs ab. Julius Raab — wer sonst? —, jener Mann, der bereits Höttls „SS-Ministerliste“ geziert hatte (ob mit oder ohne seine Zustimmung, ist ungeklärt), wurde daher von der ÖVP beauftragt, das Gespräch mit den Nazis zu suchen. Raab suchte und — fand: einen Ex-Nazi-Journalisten namens Dr. J. Manfred Jasser, der schon zuvor bei der ÖVP angeheuert hatte — seine Aufgabe war „to lure the newspapers of VdU which are in financial difficulties to the OeVP. Jasser received 600.000 ANS for this purpose ...“ —, und Kaltenbrunners ehemaligen Süd-Ost-Experten Dr. Wilhelm Höttl. Jasser und Höttl organisierten nun ein geheimes „Gipfeltreffen“ zwischen prominenten (Ex-)Naziführern und Julius Raab. „Hoettl had an influential part in the arrangement of the conversations of the Oberweis in 1949“, hielten auch die Amerikaner fest.

Am 28. Mai 1949 — vier Monate vor den Nationalratswahlen — war es soweit: in der „Villa Thonet“ in Oberweis bei Gmunden, die den Schwiegereltern des späteren Nationalratspräsidenten Maleta gehörte, trafen sich ÖVP- und Nazi-Spitzen zu „Verhandlungen zwecks Erweiterung der Wahlbasis der ÖVP“, wie es später offiziell hieß. Seitens der ÖVP waren Julius Raab, Maleta, der oberösterreichische ÖVP-Landesparteiobmann Dr. Schöpf, sowie der steirische Nationalrat Brunner als Vertreter Alfons Gorbachs gekommen. Aber auch die ehemaligen Nazi-Bonzen waren in prominenter Besetzung erschienen: neben Dr. Jasser, der später noch eine steile Karriere in der Industriellenvereinigung machen sollte, und Dr. Höttl — dessen Engagement auch nicht unbelohnt bleiben sollte — waren noch Kaltenbrunners Adjutant, Theo Wührer, der prominente NS-Rechtsanwalt Dr. Erich Führer, der Wiener HJ-Führer Walter Pollak und „Delegierte“ aus Graz, Linz und Braunau anwesend. So der Jurist Dr. Hermann Raschhofer aus Braunau — Ex-Ratgeber der Sudetendeutschen Partei und laut US-Dossier „thus becoming a friend of Hermann Frank“. Später — „early in 1949, Austrian Foreign Minister Karl Gruber assigned Raschhofer the task of aiding in the drafting of the official treatise on Carinthia“ und die „OeVP utilized Raschhofer for advice to bring the former Nazis into the folds of OeVP“. Offenbar kannten sie jenen Agentenbericht nicht, laut dem Raschhofer „in Oberst Wine House, Braunau, in the company of Anton Ries, Karl Kowarik, Muehlberger and an unidentified woman“ nicht allzu freundliche Worte für die ÖVP fand: „... he uttered derogatory remarks concerning both Austrian Government Parties and Engineer Figl, whom he called ‚an outspoken idiot‘ (ausgemachter Depp)“.

Und noch ein prominenter Ex-Nazi war zugegen: Dr. Taras Borodajkewycz, Träger des päpstlichen „Pro Ecclesia et Pontifice“-Ordens und ein alter Freund Dr. Höttls — „... Hoettl fosters his connection with Professor Dr. Borodajkewycs ...“ —, der nach dem Krieg allerdings für die Sowjets arbeitete („... who assigned him to search in Vienna archives for documents of interest for the USSR ...“) und als Belohnung „for his services rendered to the Soviets“ das „Stern scholarship of the Moscow University“ erhielt.

Es war also ein illustrer Kreis, der sich da in Oberweis zusammengefunden hatte. Jasser und Höttl hatten das Treffen perfekt vorbereitet und Borodajkewycz hatte auch ein „Programm“ ausgearbeitet: demnach sollten die „Ex-Nazis“ 25 Parlamentssitze für ihre Wahlstimmen bekommen, den Posten des Landeshauptmanns in der Steiermark, und Viktor Band, ein Ex-SA-General vom Reichsarbeitsdienst sollte ein ständiges „Verbindungskomitee“ leiten. Außerdem sollte der parteilose Justizminister Dr. Josef Gerö, der laut Höttl und seinen Freunden die Abschaffung der Entnazifizierungsgesetze verschleppte, abgelöst und durch Dr. Mannlicher, einen deutschnationalen Ex-Sektionschef aus dem Justizministerium ersetzt werden. Und last but not least sollte auch ein gemeinsamer, auch für die „Nationalen“ akzeptabler Kandidat für die nächsten Bundespräsidentschaftswahlen nominiert werden ...

Die von Höttl seit jeher angestrebte Versöhnung zwischen Nazis und dem „christlichen Lager“ wäre fast geglückt — wäre das so sorgsam vorbereitete Treffen nicht publik geworden. In der Meinung, das Oberweiser Treffen sei eine „neo-nazistische Verschwörung“, verhaftete die Staatspolizei einen Teil der teilnehmenden Nazis. Das Treffen wurde publik, ein „Skandal“ war die Folge ... Die von den Teilnehmern des „Oberweiser Gipfelgesprächs“ geplante Liaison aller „bürgerlichen Kräfte“ fand nun doch nicht statt, die „Ehemaligen“ kandidierten bei den Wahlen am 9. Oktober 1949 erstmals wieder als „eigenständige Kraft“: als WdU (Wahlverband der Unabhängigen) erreichten sie 489.273 Stimmen und etablierten sich mit 16 Mandaten im „Hohen Haus“ ...

Die U.S.A. lassen Höttl fallen

Im Gegensatz zur ÖVP, die Höttl trotz der Pleite von Oberweis nie wirklich fallen ließ und ihm Anfang der 50er Jahre die Gründung eines riesigen Privatschul-Imperiums gestattet, kamen die Amerikaner spät — aber immerhin doch — dahinter, daß der „rot-weiß-rote Patriot aus Kaltenbrunners Reichssicherheitshauptamt“ kein geeigneter Partner für sie war. Wurde er Ende der 40er Jahre für seine geheimdienstlichen Aktivitäten noch — wie Höttl selbst in einem Schreiben vom 29. März 1953 an „Mr. Brix, Salzburg C.I.C.“ ausführte — relativ fürstlich entlohnt, bekam er Anfang der 50er Jahre den Laufpaß und wurde im Zuge der „Affäre Ponger“ sogar inhaftiert. Jetzt erst dämmerte den Amerikanern, daß Höttl sie jahrelang an der Nase herumgeführt hatte und seine „Informationen“ primär aus heißer Luft bestanden hatten. Denn sein tatsächliches Wissen behielt der geheimnisvolle SS-Sturmbannführer für sich. Vor allem Höttls „financial background“ begann zu interessieren. Die C.I.C.-Leute kamen aus dem Staunen nicht heraus: „The following funds, mostly hard currency were sored in the saltmines of Altaussee“, heißt es in einem der Berichte, „the founds of the RSHA Headquarters, the half-year quota of the RSHA Department VI/E (Hungary) funds, the RSHA Department IV (Jewish) funds and the funds of the Prague, Berlin and Vienna Main Offices of the RSHA Department IV“. Daß Höttl sich aus diesem „fund“ bedient hatte, war für die Amerikaner jetzt zwingend: „He draws money from the socalled Kaltenbrunner Treasure“, hielten sie fest. Auch seine Reisen in die Schweiz — Anfang 1945 — erschienen jetzt in einem anderen Licht: „Hoettl lives on money he had deposited during World War II in Switzerland, by order of the Gestapo“.

Seitens der Amerikaner war 1945 „in the Kerri Villa — last Kaltenbrunner’s Headquarters“ nur „a fraction of said funds“ konfisziert worden, „whereas the rest vanished“. Auch ein Gespräch zwischen Kaltenbrunner und „Kaltenbrunner’s wife“ — kurz vor dessen Hinrichtung — erhielt jetzt eine andere Bedeutung. „Kaltenbrunner reputedly conforted his wife, not to worry about the future as Hoettl would take care of her and her children“. Aber 1948, „being directly questioned by Kaltenbrunner’s wife, Hoettl, however, professed to be unaware of such an arrangement“. Ein Zeuge, Dr. Praxmarer, gab vor seinem Tod auch an, „that in 1945 he had observed in the Kerri Villa, Iris Scheidler (Hoettl’s divorced wife) and Friedl Hoettl (nee Zelenka, Hoettl’s present wife) dividing large sums of British, US and Swiss currency“. Ein Teil des Geldes, so mutmaßten die US-Behörden 1953, sei von seiner Frau 1945 dafür verwendet worden, um in Nürnberg C.I.C.-Agenten zu bestechen („Friedl Hoettl allegedly spent part of the money in 1945 for bribing CIC-Agents ...“). Noch eine mögliche Geldquelle entdeckten die Amerikaner: „... Hoettl lives on money given to him by the late Fritz Westen“. Westen — aus einer „wealthy Yugoslav Family“ stammend — hatte für den SD gearbeitet und kurz vor Kriegsende mit Höttls Hilfe sein gesamtes „mobile property“ nach Österreich geschafft. Höttl „allegedly“ bekam eine Belohnung: 600.000 A.S. „in cash“ und zusätzlich Schmuck. „In 1951“, recherchierten die US-Agenten, soll Höttl dann den Schmuck um 150.000 Schilling verkauft haben. Der „mediator of that transaction was Dr. Otto Schott“ (van Tongels Ko-Geschäftsführer in Höttls „Nibelungen-Verlag“), im „Casa Picolo Cafe“ in Wien soll der „deal“ abgewickelt worden sein. Freilich — Höttl erklärte seinen Wohlstand anders:

„Immerhin hatte ich durch mehrere Jahre des Krieges ein Auslandsgehalt von 700 Dollar monatlich — ohne Repräsentationsspesen und erst recht ohne Sachspesen — bezogen, von dem ich mir beträchtliche Ersparungen gemacht hatte“, schrieb er 1953 aus dem Salzburger Gefängnis an Mr. Brix, und das Ersparte hätte er in Schmuck, Antiquitäten, Teppichen und Fotoapparaten angelegt ...

Wieder hatte Höttl Glück: selbst mit dem Lügendetektor war ihm nicht beizukommen — „technically Hoettl is not physiologically testable by polygraph. He has low blood pressure and a circulatory defect which makes the recording of changes in his puls rate and blood pressure almost meaningless. It was characteristic of his reactions on the polygraph machine that the strongest response was made to a question in which we absolutely knew that he was not lying“, protokollierten damals resignierend die Untersuchungsbeamten.

Jetzt beginnen sie sich neuerlich für ihn zu interessieren.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1990
, Seite 12
Autor/inn/en:

Friederice Beyer:

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