FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1987 » No. 406-408
Jürgen Langenbach

Deutsche Wertarbeit

Noch eine fast vergessene Erbmasse des Nationalsozialismus: Die Kriege seit 1945 wurden und werden mit Waffen ausgefochten, die großteils auf den Reißbrettern des Dritten Reichs ersonnen worden waren. Noch vor Kriegsende setzte ein heftiges Werben der militärischen Sieger um die wahren Sieger ein, um die großdeutschen Waffenkonstrukteure.

Im Korea-Krieg, in dem die ehemaligen Aliierten erstmals aufeinander schossen, mußten die Jagdflieger der US-Air-Force unauffällige Erkennungszeichen ersinnen. Anders waren Freund und Feind nicht zu unterscheiden, die russische Mig 15 und die amerikanische F 86 sahen einander zum Verwechseln ähnlich. Und nicht der Zufall hatte Pate gestanden, die Zwillinge waren in ein und denselben Bureaus entwickelt worden, bei Junkers, Messerschmitt, BMW und wie sie alle heißen, die Denkfabriken des Dritten Reichs.

Denn die großdeutschen Wunderwaffen waren kein Propagandagespenst, sie standen bereit, und dies in Qualität und Quantitäten, die einen nachträglich noch das Gruseln lehren. Die Flugzeugproduktion beispielsweise lief, je länger der Krieg dauerte, auf desto höheren Touren (1939: ca. 9.000 Stück, 1944: ca. 50.000), und die Triebwerke hielten mit. 1944 rollten die ersten Düsenjäger der Weltgeschichte vom Band, im Januar 1945 wurden diese Me 162, denen die Alliierten nichts Vergleichbares entgegenzusetzen hatten, an die erste Stelle der deutschen Rüstungsaufgaben gereiht. „Zu spät ... zu spät“, weint „Das Buch der deutschen Fluggeschichte“*) und führt als Zeugen die Generale Galland und Kesselring an, die im nachhinein noch überzeugt waren, ein „Massenjagdeinsatz der Me 162“ hätte „einen grundsätzlichen Wandel in der deutschen Luftverteidigung gebracht“, gar „dem Kriegsausgang ein anderes Gesicht gegeben“.

Mythen? „If Germany will not been beaten before July 1945“, wird in den Akten des britischen Luftfahrtministeriums gewarnt, „she will have dominance in the air over Germany.“ Die Briten hatten die deutsche Produktionskapazität für den Juni 1945 auf 214 Stück allein der Me 162 hochgerechnet, denen die englische Flugzeugindustrie im selben Monat insgesamt 50 (propellergetriebene) Maschinen würde entgegenschicken können.

Wie bei den Flugzeugen, so bei den U-Booten, bei den Giftgasen, beim Radar, sogar Luft-Luft-Raketen hatten sie schon erfunden, nur hießen sie damals noch „Gleitbombe“. Seit ihrer Machtübernahme hatten die Nazis gigantische Forschungslaboratorien aus dem Boden gestampft, teils im Verborgenen, teils vor aller Welt Augen. Aber die Welt hatte nicht hingesehen, hatte nicht hinsehen wollen: 1939 wurde den Engländern der sogenannte „Oslo-Report“ zugespielt, der sie umfassend über den Stand der deutschen Hochrüstung informierte, auch über die Entwicklung der V1 und V2 in Peenemünde. Aber das britische Selbstbewußtsein wollte die märchenhaften Neuigkeiten nicht wahrhaben, schon im Geheimdienst blieb der „Oslo-Report“ hängen: „If we can’t produce it, than the Germans cannot either!“

Um so größer waren die Sorgen nach dem Erwachen: Insonderheit die Sorge um die einzige Wunderwaffe, die die Deutschen nicht hatten: die Atombombe. Daß die Deutschen sie nicht hatten, wußten die anderen nicht. Und warum die Deutschen sie nicht hatten, ist bis heute umstritten. W. Heisenberg, die Zentralfigur, hat nach eigener Erinnerung den Bombenbau nach Kräften verzögert und hintertrieben, wahrscheinlich ist jedoch, daß seine Gruppe sich in einer technischen Sackgasse festgelaufen hatte. Über die Entwicklung eines Forschungsreaktors im Jahr 1944 sind sie jedenfalls nicht hinausgekommen.

Von außen gesehen war allerdings alles vorhanden, was man für die Bombe braucht, die Deutschen hatten Uran und Schweres Wasser. Ob sie auch das Know-how hatten, sollte eine Sondereinheit der amerikanischen Geheimdienste („Alsos“) herausfinden. Sie zog unmittelbar hinter, bisweilen auch vor den alliierten Truppen durch die befreiten Lande und brachte alle Funde — ob Uranvorräte in Toulon, ob Kernphysiker an der Universität Straßburg — schnellstmöglich und verschwiegen in Sicherheit.

In Sicherheit vor wem? Vor ihren Verbündeten, den Franzosen.

Denn nun war die Jagd offen, und das brüchige Bündnis zerfiel, bevor noch der Krieg zu Ende war. Jeder gegen jeden, jeder der Alliierten gegen die anderen drei, jede Waffengattung des einen Alliierten gegen die anderen Waffengattungen desselben Alliierten, privatindustrielle Interessen gegen militärische, Handstreiche auf eigene Faust einzelner Kommandeure, „Alsos“ war nur der Anfang.

Aber beispielgebend. Wieder einmal überholen sie die Front und setzen die Hauptgruppe der deutschen Kernphysiker samt ihrem Versuchsreaktor in Haigerloch gefangen, einem Dorf, das unglücklicherweise in der künftigen französischen Besatzungszone liegt. In aller Eile wird alles abtransportiert, nach Heidelberg, ins Hauptquartier der US-Truppen. In den dortigen Verhören wird der deutsche Forschungsrückstand bald offenkundig, den Bombenmonopolisten haben sie nichts zu bieten. Aber sie sind immerhin die Crème (Heisenberg, v. Weizsäcker, v. Laue, Hahn etc.) und könnten den atomaren Habenichtsen helfen, das britisch-amerikanische Monopol zu brechen. Also werden sie auf ein Jahr in irgendeiner englischen Einöde interniert (und dann entlassen mit der Maßgabe, sich von der sowjetischen Besatzungszone fernzuhalten). Bleibt nur noch ein Problem, eine Fabrik nahe Berlin, in der künftigen sowjetischen Zone. In ihr lagert das den Deutschen gegen Kriegsende noch verbliebene Uran. Ein amerikanischer Bombenangriff inklusive Täuschungsmanöver für die Russen schafft Abhilfe.

Freilich nicht auf Dauer, die Russen haben erstens ihre eigenen Kernphysiker, zweitens ihre Atomspione, und drittens hat im Großdeutschen Reich noch einer an der Atombombe gewerkelt, der Baron von Ardenne, bald bekannt als „Roter Baron“, weil er in sowjetische Dienste wechselt.

Und die genarrten Franzosen? Sie hatten eine Bataille verloren, lernten aber schnell. Die Triebwerkspezialisten von BMW etwa wurden von den Amerikanern nahe Magdeburg gegriffen und kurz vor dem Eintreffen der Roten Armee in die scheinbare Sicherheit von München gebracht. Dort bieten ihnen die Amerikaner schlechte Arbeitsverträge an, die Franzosen gute, und kurz darauf schleicht sich bei Nacht und Nebel ein französischer Militärkonvoi in die französische Zone. Er bleibt nicht der einzige, die Franzosen nutzen ihre geographische Nähe und haben obendrein auch während der deutschen Besatzung die Kontakte nicht abreißen lassen (vulgo: Kollaboration). Ihre Rekrutierungstrupps arbeiten in jeder Hinsicht generös und diskret, sie verpflichten beispielsweise R. Engel, einen Raketenspezialisten und SS-Offizier, der sich 1940 im Raum Straßburg seine Meriten bei der Bekämpfung der Résistance erworben hatte.

Von mehr Skrupeln geplagt waren die Briten, von denen gleich zwölf konkurrierende Geheimdienste ins Rennen gingen, sich aber allesamt so lange mit der widerspenstigen Öffentlichkeit herumschlagen mußten, bis die anderen abgeräumt hatten. Unter den Brosamen verblieb den Briten vor allem der U-Boot-Konstrukteur H. Walter. Er galt als Genie („W. v. Braun des Schiffbaus“), war ein alter Nazi und hatte niemanden über seine Gesinnung im Unklaren gelassen. Zwei Tage nach der Besetzung seiner Kieler Fabrik durch US-Truppen fragt er beim Kommandeur an: „Wann lassen Sie mich endlich weiterbauen — damit wir gegen die Russen kämpfen können“?

„Mein Land hat zwei Weltkriege verloren. Das nächste Mal möchte ich auf der Seite der Sieger stehen“, echot im Bayrischen der echte W. v. Braun. Er hat sein Peenemünder Raketenteam geschlossen nach Süden geführt und pokert dort mit den US-Militärs um Arbeitsverträge und Aufenthaltsgenehmigungen für sich und die Seinen. Liebend gern würden sie ihn in die USA holen, verfügen diese doch im Unterschied zur Sowjetunion („Stalin-Orgeln“) über keinerlei Erfahrung im Raketenbau.

Aber die USA haben damals schon eine watch-list, die alten Nazi und Kriegsverbrechern die Einreise untersagt. Und der SS-Mann mit dem symbolischen Namen — von Braun — hatte seit 1940 gleich vier Beförderungen aufzuweisen. Schlimmer noch: Nach Bombenangriffen auf Peenemünde war die deutsche Raketenproduktion nach Nordhausen im Harz verlegt worden, in den sogenannten „Mittelbau“, eine unterirdische, bombensichere Fabrik, in die Erde gewühlt von 60.000 Sklaven aus dem KZ Buchenwald (20.000 gingen dabei zugrunde), betrieben von Zwangsarbeitern, verwaltet von der SS. V. Braun persönlich war mit dabei, als am 6. Mai 1944 die Verschleppung französischer Zwangsarbeiter nach Nordhausen beschlossen wurde. Deren Überlebende berichteten, daß die SS allwöchentlich mitten in den Fabriksstollen ein Hängen veranstaltete und die Erhängten zwecks Abschreckung tagelang hängen ließ, „die deutschen Zivilisten (die Wissenschafter J. L.) gingen an ihnen vorbei, ohne sie auch nur anzuschauen“. Als die amerikanischen Truppen, unter ihnen ein gewisser Sergeant Rozanus, die Fabrik besetzen, finden sie Leichenberge, Verhungernde, Verrücktgewordene.

Da muß es sich gleich mehrfach günstig treffen für v. Braun und seine Gesellen. Der erste Glücksfall ist ein Todesfall, der technische Direktor des „Mittelbau“ ist in den Nachkriegswirren ums Leben gekommen und kann als Sündenbock mit den Sklaven und Ermordeten bepackt werden. Der zweite Glücksfall ist der US-Anwerber, der sich in Nordhausen für anderes interessiert als für die Leichen: „My side of things was technical. These were brilliant men, geniuses who were twenty-five years ahead of us down the road.“ Und so beginnt am 19. Juli 1945 die „Operation Overcast“, die die ersten deutschen Raketenbauer halböffentlich in die USA schleust, v. Braun kommt im September.

Inzwischen ist aber auch die Öffentlichkeit in den USA hellhörig geworden, Wissenschafter und Veteranenverbände protestieren, der Verteidigungsminister beschwört die neue Zeit („the laboratories of America have now become our first line of defense“), aber zu viele Flecken der alten Zeit verunzieren die whitecollars der Raketenbauer. K. Debus etwa hatte in Peenemünde zu oft seine SS-Uniform getragen und zudem einen Kollegen bei der Gestapo denunziert, A. Rudolph wurde nach Geheimdienstverhören als „100% Nazi, dangerous type“ eingeschätzt, W. Dornberger, der mit Weitsicht anno 1932 (noch im Rahmen der Reichswehr) das ganze Projekt ins Leben gerufen hat, äußert in seinen Verhören „extrem views on German domination and wishes for Third World War“, täglich werden neue Schrecken bekannt.

Und in der amerikanischen Einwanderungsbehörde aufmerksam registriert. An der Schlüsselstelle sitzt ein Einzelkämpfer, Samuel Klaus, er lehnt all jene Visa-Anträge ab, die der watch-list zuwiderlaufen, also: alle. Klaus reizt die Militärs zur Weißglut („Get the little Jew off the committee!“), kann aber noch während des ganzen Jahres 1946 verhindern, daß auch nur ein einziges Visum für die „Operation Overcast“ erteilt wird. Dann hat die bislang unentschlossene US-Regierung ihren Kurs neu festgelegt und sieht nicht mehr im Faschismus, sondern im Kommunismus das Reich des Bösen (Klaus erhält unter McCarthy ein Verfahren wegen Sympathisantenverdachts). Trotzdem ist die watch-list in Kraft und bewacht die USA vor solchen Biographien, wie die deutschen Raketenbauer sie aufweisen. Sie sind zwar längst im Land, aber nicht innerhalb der Legalität.

Hilft nur eines. Wenn die watch-list nicht aus der Welt gebracht werden kann, dann müssen die Biographien aus der Welt gebracht werden. Die „Operation Overcast“ wird umgetauft in die „Operation Paperclip“, das Unternehmen Bureauklammer: Die Personalpapiere der Wunschkandidaten — bzw. der von v. Braun benannten Kandidaten — werden mit dem unscheinbaren Accessoire gekennzeichnet und den Kriterien der watch-list angepaßt: A. Rudolph verwandelt sich gleich manchem seiner Kollegen von einem „ardent (glühend, eifrig J. L.) Nazi“ in „not an ardent Nazi“, v. Braun wird vom SS-Offizier und „potential security threat“ zum Mitläufer („opportunist“) gewaschen, nur über Debus hat sich zuviel herumgesprochen, er muß noch eine Weile warten. Ansonsten tut da einer im Geheimdienst seine Pflicht und hat obendrein noch seinen Spaß dabei: Ausgerechnet jener Rozanus, der bei der Eroberung von Nordhausen mit dabei war, schreibt nun die Leichen von Nordhausen und die anderen Makel aus den Biographien heraus: „I felt, that by changing a sentence or two, we could use these people. I’ve seen sentences changed many times and it makes the difference between black and white. It was a smart thing to do.“

Aber auch vor der Doppelmoral kommt das Fressen. Die US-Militärs brachten ihre deutsche Klientel zwar am Gesetz vorbei, nicht aber am mangelnden Geld. Vor allem die zunächst in Deutschland zurückgebliebenen Familien der Raketenbauer werden nicht wie versprochen versorgt, der Unmut unter den Deutschen wächst und spricht sich bei denen, die noch einen neuen Brotherren suchen, herum.

Inzwischen schläft Väterchen Stalin auch nicht. Sein Gegenstück zu „Paperclip“ heißt „Osvakim“ und ist, wie bei Diktaturen und Stalins Humor üblich, um einiges bedachter angelegt als die chaotische Improvisation der Westalliierten. Vor allem ist es besser dotiert, die Russen bieten gute Arbeitsverträge, und sie halten sie auch, eine Zeitlang. Sie kaufen sich rund 5.000 Wissenschafter und Ingenieure zusammen — gegenüber ca. 500 ım Rahmen der „Operation Paperclip“ —, sie lassen sie an ihren alten Arbeitsplätzen in der sowjetischen Zone arbeiten. Dort werden sie gut bezahlt, gut verpflegt und gut untergebracht, ganze Stadtviertel sind für sie und ihre Familien reserviert.

Am 22. Oktober 1945 um 4 Uhr früh sind diese Stadtviertel von sowjetischen Soldaten umstellt, und ihre Bewohner werden so höflich wie bestimmt zum raschen Kofferpacken aufgefordert, die Eisenbahnzüge stehen schon bereit. Irgendwo in der Sowjetunion warten auf die 15.000 Entführten neue Siedlungen, dort warten auch die mitgenommenen und wiedererrichteten Fabriken. Dort warten endlich immer neue Planziele, deren Erfüllung die Heimreise verspricht und nicht hält, erst Anfang bis Mitte der fünfziger Jahre haben die Mohren ihre Schuldigkeit getan.

Bald gibt es auch in den USA kein Halten, auch die schwersten Verbrecher erhalten erst Visa, dann die Staatsbürgerschaft, schließlich die höchsten Ehren. Beispielsweise die Luftfahrtmediziner, deren Zweig der Wissenschaft außer bei den Deutschen weltweit vernachlässigt worden war. Die neuen Geschwindigkeiten und Flughöhen der Düsenjäger, gar der Raketen, bringen für die Piloten Belastungen, die sich nicht so einfach in der Theorie durchspielen lassen: Im KZ Dachau sterben Versuchspersonen in Unterdruck- und anderen Folterkammern gleich reihenweise. Aber den verantwortlichen Ärzten winkt dasselbe Schicksal wie den Peenemündern, einer bringt sich um, alle anderen haben von Menschenversuchen nichts gewußt und machen, unter Führung des Doktor Strughold, bei der NASA Karriere.

Und die Deutschen selbst? „Berlin war noch nicht erobert, und schon arbeiteten wir für die Amerikaner“, erinnert sich für alle einer aus dem BMW-Triebwerks-Team. In Kiel ging der Wunsch des U-Boot-Fabrikanten Walter alsbald in Erfüllung, in Cuxhaven setzten Raketenspezialisten V2‘s für England zusammen, alles noch während des Krieges. Allerorten hatten die Alliierten Grund, sich über die „erstaunliche Bereitschaft“ der Deutschen zur Zusammenarbeit zu wundern.

Natürlich sind nicht alle diese Deutschen eingeschworene Opportunisten, die bei erster Gelegenheit die Seite wechseln. Das Problem liegt tiefer: Sie wechseln in Wahrheit die Seite nicht. Denn ihre Seite ist weniger der politische Faszismus und mehr die Faszination ihrer jeweiligen technischen Aufgabe. Daß letztere ihnen als unpolitisch gilt, ist ein ander Ding und ein Irrtum, der heute noch in jenen Köpfen herumspukt, die sich an der Unschuld der Produktivkräfte erbauen.

Die Ausnahme von der Regel heißt Ferdinand Brandner, geboren 1903 in Wien, 1921 ins Freikorps „Oberland“ eingetreten und dafür später mit dem Titel eines SA-Obersturmbannführers belohnt. 1930 gründet der junge Ingenieur bei Simmering in Wien eine NSBO (Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation), 1935 wird der inzwischen illegale Nazi rechtzeitig vor seiner Verhaftung gewarnt und flieht ins Reich, gleich nach dem Anschluß ist er wieder da, bringt die „Flugmotorenwerke Ostmark“ nach Wiener Neudorf und kommt nach dem Krieg allerhand in der Welt herum.

Die erste Station ist die Sowjetunion. Brandner geht nicht freiwillig, er wird verschleppt, findet sich aber bald in die neue Situation hinein und konstruiert mit seinem Junkers-Team in der Sowjetunion das damals stärkste Flugzeugtriebwerk der Welt. Natürlich steht er unter äußerlichem Druck — als Lohn winkt die Heimkehr —, entscheidend aber ist nicht der äußerliche Druck, sondern ein innerlicher: „Nur die Begeisterung, eine große, vielleicht sogar etwas abenteuerliche Aufgabe zu lösen, (war) der einzige und kein politischer Beweggrund unseres Hierseins.“ Die Passage zielt auf Kritik aus den eigenen Reihen, Brandner hatte sich — „als Stachanow hingestellt“ — bei seinen Mitarbeitern so unbeliebt gemacht, daß ihm auf späterer Arbeitssuche in der Bundesrepublik die Türen vor der Nase zugeschlagen wurden. Der Nazi von einst wurde der Sympathien für den Kommunismus verdächtigt.

Aber Brandner war mitnichten Kommunist geworden, er war geblieben, was er war, ein Kleiner Diktator, dem die Großen Diktatoren imponieren, weil sie ihren Staat regieren wie er seine Mitarbeiter. Und weil sie ihren Staat regieren, auf daß er und seinesgleichen in seinem Bereich regieren können: Brandner lernt, erst bei Hitler, dann bei Stalin, daß der totale Staat den optimalen Rahmen für den technischen Fortschritt abgibt vorausgesetzt: (a) er hat genügend Geld, mit dem er (b) die Spielwiesen für die technische Intelligenz ausstattet und diese (c) sich austoben läßt: sie erfinden dann (d) ganz von alleine. Die Wahlverwandtschaft zwischen Kleinen und Großen Dikatoren wird gestiftet vom ganz großen Diktator, von der Technik selbst.

Wes Brot ich eß? Brandner ißt nicht jedermanns Brot. Die Zweite Republik belohnt in den fünfziger Jahren des alten Parteigenossen Verdienste um die Luftfahrt mit dem Direktionssessel der Austrian Airlines, aber der neue Direktor nimmt bald seinen Hut, er hat bemerken müssen, daß in einer Aktiengesellschaft ein Aufsichtsrat existiert und der Geschäftsführung dreinredet.

Die Diktaturen gehen so rasch nicht aus, Brandners nächster Brotherr heißt Nasser und bei der Aufrüstung der ägyptischen Luftwaffe geht es fast wieder so perfekt zu wie in alten Zeiten; der ägyptische Bauleiter der Triebwerksfabrik ist nach Brandners kundigem Lob „ein Architekt, wie ihn die Organisation Todt (Hitlers Spezialisten für Großbaustellen J. L.) nicht besser hätte hervorbringen können“. Aber die Arbeit in Ägypten macht zu viel internationales Aufsehen — der israelische Geheimdienst verschickt an Brandner und seine Mitarbeiter Briefbomben — und kommt ohnehin nur schleppend voran, die Flugzeugkonstrukteure, ihrerseits von der alten BMW-Mannschaft angeworben, können mit den Triebwerkkonstrukteuren nicht Schritt halten, die fertigen Triebwerke können deshalb nicht erprobt werden.

In seiner Not entsinnt sich Brandner seines alten Kollegen Kurt Tank, der so schwer als Nazi belastet war, daß ihm und seinesgleichen nur der argentinische Diktator Peron einen freundlichen Empfang bereitet hatte. Nach dem Sturz Perons findet Tank sein Unterkommen in Indien, die dortige Luftwaffe braucht auch Düsenjäger. Just eine Maschine dieses von Tank konstruierten Typs leihen die Inder nun freundlicherweise an die Ägypter aus, auf daß Brandner an ihr seine Triebwerke auf ihre Tauglichkeit erprobe. Aber dann verlieren die Ägypter 1967 den Krieg gegen Israel und bald darauf — auf sanften Druck der Sowjets, die lieber ihre Flugzeuge made by Brandner exportieren — die Lust an einer eigenen Flugzeugproduktion, Brandner kann 1969 seine wohlverdiente Pension antreten.

Und drei Jahre genießen. Dann läßt er sich von den Chinesen verpflichten.

„Hatte ich mir nicht geschworen, nie wieder dem Krieg zu dienen?“ fragt Brandner, zu Beginn seiner Jahre in Ägypten, sich und den Leser. Er selbst hat vor lauter Triebwerkbauen weder Zeit zur Antwort noch Gespür für Meineide, keiner von ihnen hat dergleichen Gespür, solange die Zeit ihnen nicht aufgezwungen wird.

„Den Erfolg unserer Arbeit verdankten wir Tausenden von Technikern, die wir mit der Verantwortung ganzer Sparten der Rüstung betrauten. Das weckte ihren verschütteten Enthusiasmus ... Im Grunde nutzte ich das Phänomen der oft kritiklosen Verbundenheit des Technikers mit seiner Aufgabe aus“, besinnt sich Hitlers Architekt und Rüstungsminister Speer irgendwann während der 20 Jahre Haft, die er im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis absitzt. Aber erst gegen Ende der Zwangsruhe entschlüsseln sich ihm die Chiffren „Enthusiasmus“, „kritiklose Verbundenheit“ etc., am 19. Februar 1964 notiert Speer in sein Tagebuch: „Was war der eigentlich bestimmende Antrieb meines Lebens, der Motor allen Handelns? ... Ich war kein Antisemit, das Rassedenken schien mir stets eine Schrulle; ich hielt auch nie etwas von der darwinistischen Totschlagstheorie ...

Was aber war es dann tatsächlich? Zuallererst war da die Person Hitlers ... Aber stärker noch war das Rauschempfinden, das Hitler in mir erzeugte, die ungeheuren Selbststeigerungen, zu denen er mich befähigte und die ich bald benötigte wie der Süchtige die Droge.“ Noch rascher steigende Produktionsziffern, noch leistungsfähigere Triebwerke, Raketen mindestens bis zum Mond: Die Technik macht sie besoffen. „Von nun an“, so Speer an anderer Stelle, „hatte die Arbeit mich — und nicht ich sie.“

∗) Quellen:

  • Hauptquelle ist die höchst detaillierte, bisweilen überakribische Recherche von Tom Bower: „The Paperclip Conspiracy“, London (Michael Joseph Ltd) 1987

Zur Ergänzung wurden herangezogen:

  • Michel Bar-Zohar, „Die Jagd auf die deutschen Wissenschafter“, Ullstein 1970
  • Georg Brütting, „Das Buch der deutschen Fluggeschichte“, Band 3, Stuttgart (Drei-Brunnen-Verlag) 1979
  • Ferdinand Brandner, „Ein Leben zwischen Fronten“, Verlag Welsermühl, 19762
  • Ganz am Rande, aber als Beleg, daß es unter den deutschen Wissenschaftern auch andere gab: Arnold Kramish, „Der Greif. Paul Rosbaud — Der Mann, der Hitlers Atompläne scheitern ließ“, Kindler, 1987. Rosbaud war mit hoher Wahrscheinlichkeit der Verfasser jenes Oslo-Reports, der die Briten über den Stand der deutschen Aufrüstung informieren sollte.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1987
, Seite 23
Autor/inn/en:

Jürgen Langenbach:

Geboren 1950 in Lahr (Deutschland). Studierte Philosophie und Sozialwissenschaften in Freiburg im Breisgau und schloss 1980 seine Dissertation an der Uni Wien ab. Als Wissenschaftsjournalist arbeitete er u.a. für „Falter“ und „Standard“. Seit 2002 schreibt Langenbach für „Die Presse“ und ist auch als Buchautor tätig, unter anderem über den Philosophen Günther Anders.

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