FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1985 » No. 374
Susanne Zanke

Das dritte Auge

Niemand im ORF zensuriert.
Es gibt keinen Rotstift, keine Schere.
Es gibt bloß ein Gebot zur Objektivität im ORF-Gesetz.

Im folgenden soll von freien Mitarbeitern, nicht von ORF-Angestellten, die Rede sein. Nicht, daß ich glaube, die Situation träfe für die Angestellten nicht in der gleichen Weise zu — ich bin überzeugt, daß sie noch viel schwieriger ist — aber ich möchte nicht für andere sprechen. Nur eine subjektive Beobachtung erlaube ich mir: Freie Mitarbeiter, die in ein Angestelltenverhältnis zum ORF treten, verändern sich in kürzester Zeit; Sie passen sich an, resignieren, manche läßt der verschärfte Druck erst recht zu Kämpfern werden, andere — leider nicht wenige — gehen zugrunde.

Ich bin 1969 in den ORF gekommen: 1. Bacher-Ara (ab 1967). Der Anspruch Bachers, den ORF zum „wesentlichsten Stilisten des Landes zu machen“, hat sehr viele „Macher“ auf den Plan treten lassen. Die Verantwortlichen — Intendanten, Hauptabteilungsleiter, Redakteure — waren Männer zwischen 30 und 40, progressiv, dynamisch, damals noch mit Phantasie, weniger sachlich, alles Programm-Macher, die Lust daran hatten, Neues zu entwickeln, neue Sendungen, verschiedene Formen zuzulassen, Phantasie und Kreativität bei den Mitarbeitern war gefragt.

Es herrschte auch so etwas wie ein „Kreatives Chaos“, die Schematisierung, das Kartelldenken, die Durchstrukturierung war noch nicht sehr weit fortgeschritten. Daher war allerhand möglich.

Statt Programm ...

Der ORF heute: Von all dem ist nichts mehr vorhanden. Die Form hat über den Inhalt gesiegt. Phantasie und Kreativität sind dem Schema und dem Infratest gewichen. Statt Programm wird Personalpolitik gemacht. Da letzteres zur Hauptbeschäftigung geworden ist, ist es für einen Mitarbeiter fast unmöglich, nicht mitzuspielen. Dem entsprechend ist klar, daß es im ORF keine Anstellung oder Berufung ohne Parteibuch gibt. Nicht der qualifizierteste Mitarbeiter wird ausgewählt, sondern das richtige Parteibuch. Der letzte Angestellte ohne Parteibuch, Intendant Wolf In der Maur, muß jetzt gehen. Damit ist der Superproporz im ORF besiegelt.

... wird Personalpolitik gemacht

All das hat den ORF zu einer Hochburg von Angst und Paranoia werden lassen, was auch gar nicht anders möglich ist, wenn ich jeden Morgen erst schauen muß, ob nicht über Nacht mein Sessel angesägt worden ist. AuBerdem bin ich morgens erschöpft, weil ich selber des nachts fünf andere Sessel angesägt hab.

Der ORF spiegelt in der oben genannten Struktur nichts anderes, als die allgemeine Politik und insbesondere die Medienpolitik aller Parteien wieder. Letzteres ist hierzulande ein Trauerspiel. Personenschacher, Machtblockbildung, Allianzen zur Gewinnung oder Absicherung von Terrain und Pfründen ersetzen die Erarbeitungen von kulturpolitischen Programmen oder Konzepte, von einem Bildungsauftrag an den ORF ganz zu schweigen. Auch hier: der Infratest zeigt, was der Wähler sehen will, wozu dann noch eine Auseinandersetzung über Qualität.

Ein Beitrag über Manipulation ...

Ich bin 1969 in die damalige Jugendredaktion eingetreten. Die Redaktion bestand aus engagierten Leuten, alle 68erbewegt, die — einschließlich ihres Leiters — das Massenmedium Fernsehen vor allem als Aufklärungsmedium verstanden. Inhaltliche Schwerpunkte waren Aufklärung über gesellschaftliche Zusammenhänge und Aufdeckung von Problemen und Mißständen jeglicher Art. Filme über Erziehungsanstalten, alternative Erziehungsmodelle und -projekte, Gastarbeiter, erste Emanzipationsbeiträge entstanden, politische Liedermacher, wie Biermann oder Degenhart wurden vorgestellt, oder Theatergruppen, die politisches Theater machten, zum Beispiel Dieter Haspels „My Lai“-Stück und so fort.

Auf der formalen Ebene wurde viel experimentiert — und zu Beginn war das auch möglich. Trickfilme, Fotocollagen, Spielszenen waren nicht nur dazu da, den Unterhaltungswert der Beiträge zu heben, sondern die Inhalte, die transportiert werden sollten, verständlicher, transparenter zu gestalten.

Ein entscheidender Faktor war die Geschlossenheit der Redaktion, sie war geschlossen nach außen hin, mit großer Verantwortlichkeit nach innen. In Wochenendklausuren suchten wir gemeinsame Zielsetzungen, entwarfen Programmrichtlinien für längere Zeiträume, alle Exposés wurden genau diskutiert, die fertigen Filme von der gesamten Redaktion abgenommen und diskutiert. So war es auch möglich, für jede Sendung eine Gesamtverantwortung herzustellen. Die Filme waren nicht gezeichnet, im Abspann hieß es: Eine Sendung der Jugendredaktion. Dadurch wurde immer die gesamte Redaktion zur Verantwortung gezogen. Sanktionen gegen einen einzelnen für einen besonders kritischen Beitrag waren nicht möglich.

... verschwand im Archiv

Klar, daß das der springende Punkt war, wo ein Unternehmen wie der ORF einhaken muß. Nach heftigen Kämpfen mußten wir die einzelnen Beiträge zeichnen, gleichzeitig wurde unser Leiter, der in diesen Kämpfen unser Vorreiter war, ausgetauscht. Erstmals wurden Beiträge nicht ausgestrahlt, verschwanden im Archiv. Bezeichnenderweise war darunter auch ein Beitrag zum Thema Manipulation. Wir hatten aus ein- und demselben Filmmaterial drei verschiedene Filme mit verschiedenen Aussagen geschnitten: Transparenz des Mediums; Aufforderung zur Skepsis gegenüber dem Medium. Das war einer der ersten Beiträge, die der Zensur zum Opfer fielen. Die Folge war ein Zerfall der Redaktion.

Jeder ging in eine andere Richtung. Ich emigrierte nach Deutschland.

Paradies im Exil

Ich habe 2 Jahre am Südwestfunk Baden-Baden Spielfilm und Unterhaltungsprogramme für Kinder gemacht. Paradiesische Zustände, sowohl was die Produktionsbedingungen betrifft, als auch die inhaltlichen Möglichkeiten, wobei die Filme in breiten Querschnittsuntersuchungen in Schulen auf ihre Wirkung untersucht wurden. Ein Feedback, wovon man als TV-Autor und Regisseur sonst nur träumen kann.

Es ist alles nicht wahr

Nach meiner Rückkehr habe ich versucht, die positiven Erfahrungen aus dem Ausland, im ORF an den „TV-Mann“ zu bringen. Ich bin kläglich gescheitert. Der erste Spielfilm für Kinder, den ich gemacht habe, durfte erst ausgestrahlt werden, nachdem ich die ganze Geschichte in eine Traumhandlung verpackt habe. Also: der Held hat das ganze nur geträumt — es ist alles nicht wahr.

Eine Kinderbuchserie „Was Kinder gerne lesen“ wurde nach der 3. Folge abgesetzt. Begründung: Ich spreche mit den Kindern im Dialekt, das ist pädagogisch nicht vertretbar. Meiner Meinung nach waren es die Inhalte der Bücher, die ich vorgestellt habe, die das Mißfallen der Verantwortlichen erregt haben.

Da ich meine Ideen nicht mehr verwirklichen konnte — sie wurden einfach nicht angenommen, beschloß ich, den Beruf zu wechseln.

Zwei Jahre Zielgruppentheater mit Jugendlichen brachten mir soviel Erkenntnisse über ihre Probleme, Ängste, Wünsche und Hoffnungen, daß ich mich verpflichtet fühlte, für die Interessen der Jugendlichen eine breite Öffentlichkeit herzustellen.

Objektivität und Zensur

Inzwischen war die 1. Bacher-Ära zu Ende gegangen. Die Umstrukturierung des ORF brachte Liberalisierungstendenzen an die Oberfläche. Die Jugendredaktion erstarkte, wurde wieder zum Anwalt der Jugendlichen. Filme über die Jugendzentrumsbewegung, über Schülerzeitungen, Burggarten, Arena, Lehrlingsausbildung, alternative Bewegungen (Longo Maï etc.), politische Aufklärung speziell für Jugendliche (über den Februar 1934 etc.), Zivildienst, kritische Soldatenkomitees, Frauenbewegung, Gastarbeiter in der 2. Generation, Partnerschaftsprobleme und Lösungsmöglichkeiten wurden angeboten.

Formal wurde der kritische Beitrag meist zwischen zwei kulinarische verpackt, zu Beginn etwa: Wie bastel ich eine Lautsprecherbox, dann: Zensur bei Schülerzeitungen und was macht man in solchen Fällen, zum Abschluß: Ein Musikbeitrag.

Die Redaktion war wieder relativ geschlossen. Allerdings war es nicht möglich, die Kennzeichnung der einzelnen Beiträge wieder abzuschaffen.

Bald erwies sich der Objektivitätsparagraph des Rundfunkgesetzes als der, was er ist, als verschleierter Zensurparagraph. Eine eindeutige Parteinahme für die Jugendlichen wurde dadurch allmählich unterlaufen, da wir gezwungen wurden, immer auch die „Gegenseite“ zu Wort kommen zu lassen. Bald traten die ersten Politiker in den Jugendsendungen in Erscheinung, und da man, wenn man einen befragt, auch die Vertreter der anderen Parteien dazu befragen mußte, wurde den Betroffenen selbst immer weniger Platz eingeräumt.

Die Redaktion hat sich dagegen gewehrt, hat den Kampf aber verloren, da wir meist schon vor der Sendung die Beiträge der ORF-Rechtsabteilung vorführen mußten.

Die 2. Bacher-Ära:

Nach Wiederwahl Bachers wurde die Schraube noch mehr angezogen. Unter dem Deckmantel von Ausgewogenheit und Objektivität wurden persönliche Meinungen, Standpunkte und Stellungnahmen fast zur Gänze eliminiert. Den Rest besorgte das Schema. Viele wurden abgelehnt, weil „es leider nirgends reinpaßt“. Es gab und gibt einfach keine Sendeplätze für Nicht-Genormtes. Zu bestimmten Zeiten wurden bestimmte Inhalte überhaupt verboten, etwa Zwentendorf, Polizeieinsätze bei Räumungen von besetzten Häusern.

Und wieder einmal wurden „unbeugsame“ Verantwortliche ausgetauscht. Die Folge: Die Redaktion zerfiel zum zweiten Mal. Aus der Überzeugung, daß es unmöglich geworden war, einen parteilichen Beitrag zu machen, ging ich in die Unterhaltung — um bald zu merken, daß auch hier die Schraube da war. Inhaltlich und formal wurde herumgedoktert, solange bis ein allgemein (un)genießbarer Einheitsbrei entstand, den alle Zuschauer vertrugen: Siehe Infratest.

Letzter Ausweg: der Spielfilm. Da Fiktion, fällt er nicht unter das Objektivitätsgesetz. Diesen letzten Freiraum sehe ich allerdings durch die kommende Funktionslösung ebenfalls bedroht.

Die Entstehung des dritten Auges

Vorweg nochmals die Methoden der Zensur:

  1. Einschränkung der Meinungsfreiheit unter dem Deckmantel der Ausgewogenheit und Objektivität.
  2. Vorwürfe an den Gestalter: einseitige Darstellung, Mißachtung des Rundfunkgesetzes, Verdrehung der Tatsachen, Unterstellung gesellschaftsfeindlicher Tendenzen (,„Gehen’s doch rüber, in den Osten!“)
  3. Vorladungen vor Intendanten, Rechtsabteilung, Hörer- und Sehervertretung mit verhörähnlichen Situationen.
  4. „Psychologische Kriegsführung“: Unwilligkeit und demonstratives Desinteresse der Verantwortlichen bei Abnahmen (telefonieren, während der Film läuft, ständiges Unterbrechen etc. um zuletzt festzustellen: „Das versteht ja keiner.“ oder „Ist langweilig“).
  5. Der Beitrag muß verändert werden: Nachdrehen zwecks „Objektivierung“; ein entsprechender Co-Regisseur, damit „nichts schiefgeht“; ein objektiver (= nivellierender) Kommentar muß darübergelegt werden. Bei Nichtbefolgen: Beitrag wird nicht gesendet.
  6. Drohung mit Prozessen und Nichtbeschäftigung.

Ich habe darauf reagiert: „Zunächst mit Wut und Empörung, habe um Inhalte und Parteilichkeit gekämpft — und jeden Kampf verloren. Die Frustration über diese verlorenen und damit sinnlosen Schlachten ist bald einer Erschöpfung und Verzweiflung gewichen. Ich habe mich zurückgezogen, was oft mit schweren Depressionen gekoppelt war. Irgendwann nach meiner ersten Emigration habe ich begonnen, auf bestimmte Inhalte zu verzichten. Das dritte Auge war plötzlich da.

Ich kann mich noch erinnern, wie Jugendliche zu mir gekommen sind, und mir von einem Prügelkommissariat erzählt haben, von dem ich sogar schon gewußt habe. Ich hab sie weggeschickt. Ich habe gar keinen Versuch unternommen, darüber zu berichten. Ich wußte, außer Schwierigkeiten bringt mir so ein Film nichts ein. Er würde auch nicht gesendet werden.

Heute könnte ich 100 Themen aufzählen, die mich meine Selbstzensur einfach verdrängen läßt. Ich würde sie nie vorschlagen: weder einen Beitrag über Zwentendorf, noch einen über Lateinamerika. Es ist klar, wie oft mich meine Selbstzensur auch die Augen vor politischen Realitäten verschließen läßt: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß! Wenn ich mich da mit mir 1969 vergleiche —!

Der Versuch, das, was man eigentlich sagen will, doch zu sagen, aber so, daß es die Verantwortlichen nicht merken, entlarvt sich rasch als Selbstbetrug. Wenn sie es tatsächlich nicht „merkten“, „merken“ es die Zuschauer natürlich auch nicht.

Also was solls.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1985
, Seite 3
Autor/inn/en:

Susanne Zanke: Susanne Zanke war jahrelang freie Mitarbeiterin im ORF. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet.

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