FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1966 » No. 150-151
Friedrich Torberg

Brief von der Schwiegermutter

Wenn mit schöner, traditionsgesättigter Unregelmäßigkeit am jeweils Monatsfünften oder Monatsneunten das jeweils neue Heft des Neuen FORVM erscheint, geht mit mir eine so unheimliche anatomische Veränderung vor, daß die Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde sich daneben wie ein harmloser Gschnas ausnimmt: ich verwandle mich beim Anblick des Neuen FORVM aus einem Vater in eine Schwiegermutter. Mit scheelen, aufsässig prüfenden Augen betrachte ich das Kind, das ich einst in die Welt gesetzt hatte — und das seit sechs Monaten nicht mehr mein Kind ist. Aufgezogen habe ich’s, großgezogen habe ich’s, zwölf Jahre meines Lebens habe ich ihm geopfert — und jetzt hat es einen andern geheiratet. Es heißt ja auch anders.

Tatsächlich: ich brauche jedesmal eine kleine Weile, um mich darauf zu besinnen, daß ich es ja selber zur Heirat gedrängt und ihm sogar den Mann ausgesucht habe; daß dieser Mann schon jahrelang in unsrem gemeinsamen Haus gelebt und während der letzten Jahre das Haus geführt hat; und daß ich meinem Kind gar keinen bessern Herrn im Haus wünschen könnte als ihn. Ich gratuliere ihm. Und ihm. Ich gratuliere dem Neuen FORVM zum Dr. Nenning und dem Dr. Nenning zum Neuen FORVM.

Übrigens ist der Anlaß meiner Gratulation etwas ebenso Einmaliges wie das oben erwähnte anatomische Wunder. Noch nie in der Geschichte der europäischen Publizistik hat eine Zeitschrift mit ihrem 6. Heft das Jubiläum des 150. Heftes begangen, und zwar berechtigtermaßen. Möge sie in gleicher Frische mit ihrem 156. Heft das Jubiläum des 300. Heftes begehen. Das wäre nicht nur eine große Bestätigung für sie und den Dr. Nenning; es wäre auch für Österreich und für alles, was wir uns unter „Freiheit“ und „Demokratie“ vorstellen, gar nicht so schlecht.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1966
, Seite 315
Autor/inn/en:

Friedrich Torberg:

1908 in Wien geboren, war Erzähler, Essayist, Kritiker und Übersetzer. Bis 1938 als Publizist und Theaterkritiker in Prag und Wien tätig, flüchtete über die Schweiz nach Frankreich und 1940 in die USA, wo er als Drehbuchautor in Hollywood und New York lebte. 1951 Rückkehr nach Wien; 1954 Mitbegründer und bis 1965 Herausgeber des FORVM, Herausgeber der Werke von F. von Herzmanovsky-Orlando. Torbergs Bekanntheit gründet sich vor allem auf den Roman Der Schüler Gerber hat absolviert und die beiden Erzählbände um die Tante Jolesch. Torberg erhielt 1976 das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, 1979 den Großen Österreichischen Staatspreis. Friedrich Torberg starb 1979 in Wien.

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