FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1975 » No. 263/264
Dinis de Almeida • Cornelia Frey

Blutige Geburt

Revolution und Konterrevolution marschiert in Portugal. Ein Interview

Das leichte Artillerieregiment Nr. 1 (RAL 1, die „RALIS“) in Sacavem, einem nördlichen Vorort Lissabons, ist die Rote Garde der portugiesischen Revolution. Der Kommandant dieser linksten Einheit der portugiesischen Armee ist Major Dinis de Almeida, 29. Unsere Mitarbeiterin Cornelia Frey interviewte ihn am 23. Oktober 1975 in seiner Kaserne, welche die strategisch wichtigen Objekte Flugplatz und Verbindungsstraße nach Madrid beherrscht.

Major Dinis de Almeida, RALIS-Kommandant:
Siegt die Linke im Gegenschlag?

Die starke Führung kommt — von rechts oder von links?

Major Almeida, man spricht heute in Portugal einerseits von der Möglichkeit eines faschistischen Putsches und andererseits von einem möglichen Versuch der Linken, noch vor dem 11. November, dem Tag der Unabhängigkeit von Angola, an die Macht zu kommen, um in Zusammenarbeit mit der MPLA zum Sozialismus voranzuschreiten. Welche Strategie schlägt der revolutionäre Teil der portugiesischen Streitkräfte vor?

Almeida: Meiner Meinung nach gibt es keine einheitliche Strategie, sondern mehrere, verschieden je nach sozialer Herkunft und Informationsgrad, verschieden nach Partei und Organisation. Diese Zersplitterung spiegelt den Mangel einer zentralen Macht wider. Wir haben keine Führer im revolutionären Prozeß — deswegen die scheinbare Anarchie, die nicht den Soldaten angelastet werden darf. Die Soldaten übernehmen sehr oft die Führung des revolutionären Prozesses, weil die wenigen vorhandenen revolutionären Offiziere nicht in den Entscheidungszentren postiert sind.

Werden die Soldaten weiterhin nur im Gegenschlag aktiv sein wie bei den Regimentern CICAP und RASP in Porto, oder gibt es eine aktive Strategie zur Verteidigung des Proletariats in Fabriken, Kasernen, Kooperativen und Büros?

Almeida: Ich kann nicht im Namen der Soldaten sprechen, höchstens im Namen einiger weniger revolutionärer Offiziere. Hier gibt es eine bereits veröffentlichte Strategie. Könnte sie durchgeführt werden, hieße das: Rückkehr der Streitkräfte in die Kasernen; politische Bewußtseinsbildung der Soldaten; Durchführung der Allianz Volk -MFA; keine militärische Intervention im Volk zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung — dafür wären alleine die Guarda Naçional Republicana (GNP) und die Sicherheitspolizei (PSP) zuständig. In der Regierung gäbe es nur zivile Elemente, die Repräsentanten der Mehrheitsparteien. Diese Strategie scheint von einigen Parteien und Bevölkerungsgruppen gewünscht worden zu sein.

Mittelfristig könnte sie zwar ihre positiven Effekte haben. Doch die Maßnahmen der Regierung wurden immer repressiver. Denn eine Sozialdemokratie, wie sie in Schweden oder Deutschland existiert, ist hier nicht möglich, weil es keine Reichtümer zu verteilen gibt. Wir haben keine multinationalen Firmen, die andere Nationen ausbeuten. Damit Schweden und die BRD ihren Lebensstandard erreichen konnten, mußten anderswo Menschen verhungern. Da wir nicht ausbeuten, werden wir ausgebeutet.

Hier ist ein Ort für ein System mit starker Führung, für ein diktatorisches System. Das Wort Diktatur hat aber nicht nur den repressiven Aspekt, den ihm die Rechte normalerweise aufprägt. Entweder wird der revolutionäre Prozeß durch die Arbeiterklasse in eine Diktatur des Proletariats geführt, oder eine Minderheit übt eine Rechtsdiktatur aus. Wir erleben in Portugal im Augenblick eine sozialdemokratische Situation mit Spannungen, die sich bei einem weiteren Rechtsruck mehr und mehr verschärfen werden. Die Regierung wird unweigerlich zu sehr repressiven Maßnahmen greifen. Wenn diese von der Nationalgarde (GNP) oder der Sicherheitspolizei (PSP) durchgeführt werden, dann wird die Armee einschreiten müssen.

Soldaten sind die bewußteren Proletarier

In Form eines Aufstands?

Almeida: Sehen Sie, die Soldaten, also die Proletarier in Uniform, waren seit dem 25. April 1974 einer intensiven Informationskampagne unterworfen, mehr als ihre Eltern und Brüder, die auf dem Lande geblieben sind. Der Soldat ist heute der bewußte Proletarier, während sein Vater, seine Mutter, seine Geschwister einem Landproletariat angehören, das durch die lokalen Kaziken in Ignoranz gehalten wird. Der Bewußtseinsvorsprung der Soldaten läßt sie bereits erkennen, wo die Ausbeuter und wo die Ausgebeuteten sind. Sie sehen, was ihre Eltern, Freunde und Geschwister in der Provinz nicht sehen können. Viele scheuen sich sogar, ihre Ideen zu äußern, wenn sie nach Hause aufs Land kommen ...

Wie kommen die Kontakte der Soldaten mit den Organen der Volksmacht zustande, mit den Arbeiter- und Einwohnerkommissionen, den Kooperativen und Dorfversammlungen?

Almeida: Die Soldaten hier, die in der Kaserne zusammenleben, versuchen sich mit den anderen Kasernen zu verbinden. Und von dem Augenblick an, wo es ums Überleben geht, beginnen sie zu fragen, wofür sie ihr Leben einsetzen. Das Interesse der Soldaten für das Kamptziel ist gerechtfertigt. Doch sie brauchen auch Unterstützung seitens revolutionärer Offiziere, und da gibt’s nur wenige.

Mit Berufsoffizieren werden keine proletarischen Revolutionen gemacht! Die gehören nämlich zu einer Klasse, die höchstens bereit ist, mit dem Faschismus Schluß zu machen und eine bürgerliche Revolution durchzuführen. Für mich bedeutet Revolution die gewaltsame Übertragung der Macht von einer Klasse auf die andere. In Portugal dominierte das Großbürgertum. Heute befindet sich die Macht in den Händen des Kleinbürgertums. Sie muß dem Proletariat übertragen werden. Gerade unter den wenigen Berufsoffizieren, die aus dem Proletariat kommen, trifft man oft die größten Reaktionäre aufgrund persönlicher Ambitionen, durch Ehe usw. errungene soziale Position ...

Verbindungen zwischen den Kasernen stellen die revolutionären Offiziere her, auch die Reserveoffiziere und die Soldaten, die einander über selbstgebildete Kommissionen kontaktieren. Die Anarchie, die wir in Portugal sehen, stammt daher, daß dieser Prozeß noch im embryonalen Stadium steckt. Außerdem werden die Soldaten konsequent daran gehindert, diese Verbindungen zu konsolidieren — man versetzt die fortschrittlichen Elemente, bestraft sie, stellt ihre Motive in Frage und schickt die fortschrittlichen Soldaten immer öfter nach Hause — in „Wartestellung“.

Welche Perspektiven hat ein Aufstand?

Almeida: Nur die Volksfront selbst könnte sich für einen Aufstand entscheiden. Die Kontrolle eines Aufstands, die Perspektiven, die psychologische Situation, die zu einem Aufstand führt — diese Aspekte gehen im Augenblick über meine analytische Kapazität.

Angola — das Vietnam Afrikas?

Sind die Voraussetzungen für einen Aufstand nicht jetzt teilweise gegeben, wo die 6. provisorische Regierung den revolutionären Prozeß stoppen will, wo die Unabhängigkeit von Angola vor der Tür steht bzw. die MPLA (Movimento Popular de Libertaço de Angola) vor ihrer entscheidenden Schlacht?

Almeida: Die politischen Prozesse in Portugal und Angola sind miteinander verflochten. Sicher gibt es geheime Pläne und Pakte. Nehmen wir an, die USA stellen für ein Wirtschaftsdarlehen von x Milliarden Escudos die Bedingung, daß Angola am Tag der Unabhängigkeit an die UNITA, die FNLA oder an alle drei Bewegungen zusammen übergeben wird oder daß man die Unabhängigkeit gar verschiebt oder daß es zu einem Rechtsputsch kommt, der den USA genehm wäre. Nehmen wir weiter an, daß die in der portugiesischen Regierung vertretenen Parteien oder die Elemente, die diese Kontakte mit den USA aufgenommen haben, an einem Darlehen mit derartigen Bedingungen interessiert wären. Diese Personen werden alles daransetzen, den Entkolonialisierungsprozeß in eine bestimmte Richtung zu lenken, die ihren politischen Vorstellungen entspricht. Es werden Söldner, also Rassisten, Anti-MPLA-Leute ins Herz von Luanda eingeschleust, damit sie die MPLA im Rücken — wie ein Krebs — angreifen, statt sie zu verteidigen.

Die Coups werden derzeit hinter dem Rücken des Volkes vorbereitet. Zweifellos werden wir für bestimmte Machenschaften benutzt, ohne daß wir den Endzweck kennen. Da ich in den revolutionären Prozeß eingeschaltet bin, kenne ich nicht die für Angola vorbereiteten Coups. Trotzdem kann mein Leben davon abhängen. Denn wenn ich mobilisiert werde, kann ich mich vor Situationen gestellt sehen, die von Personen gelenkt werden, die ihr eigenes Leben natürlich nicht riskieren.

In welcher Situation werdet Ihr, der revolutionäre Flügel in den portugiesischen Streitkräften, Waffen an das Volk verteilen?

Almeida: Wenn die Faschisten einen gewaltsamen Angriff machen. Dann werden die Soldaten dieses Regiments sowie der Mehrheit der Regimenter, mit denen wir kameradschaftliche und politisch-militärische Verbindungen unterhalten, Waffen an die Arbeiter verteilen, und zwar an alle, egal welcher Partei sie angehören, denn im kritischen Augenblick, in der Stunde der Wahrheit, werden die Arbeiter sicher die Option ihrer Klasse der Option ihrer Partei, also ihrem Parteifanatismus, vorziehen.

Werden sich die Arbeiter verteidigen können?

Almeida: Wir sind sicher, daß die Arbeiter selbst am besten in Krisensituationen ihre Ideen, ihre Fabriken, ihren Klassenkampf verteidigen können. Außerdem sind sie eine wichtige militärische Stütze für die revolutionären Einheiten. Denn unsere Soldaten haben bereits einen ziemlich hohen politischen Bewußtseinsgrad erreicht; das genügt aber noch nicht, um einen revolutionären Prozeß bis zum Ende durchzuführen. Man kann sich noch immer täuschen. Wir haben dafür den Beweis des 11. März [1975].

Unter demokratischer, gar revolutionärer Maske können Soldaten äußerst reaktionäre Haltungen einnehmen. Sie brauchen heute noch die Unterstützung des Volkes, verkörpert durch die Menschen auf der Straße, die mit den Waffen in der Hand ihre Ideen verteidigen. Bei einer Auseinandersetzung lediglich unter Truppen könnten sie Zweifel bekommen. Auch wenn sie nur agitierende Volksmassen, von den Parteien gespalten, auf der Straße sehen, können Zweifel in ihnen aufkommen. Unsere Soldaten könnten eine Massenversammlung vor sich haben, die nicht die Interessen der Mehrheit der portugiesischen Arbeiter repräsentiert — schließlich wurde ihnen doch eine Hemmung anerzogen, auf die Bevölkerung zu schießen.

Wodurch unterscheidet sich die revolutionäre Volksarmee von der faschistischen Armee?

Almeida: Der Unterschied ist, daß die Offiziere revolutionär sind. Die Disziplin unterscheidet sich nicht so sehr von der faschistischen. Doch der Soldat weiß, wofür er kämpft, und durch sein politisches Bewußtsein und die Haltung der revolutionären Offiziere hat er eine Art Vertrauen. Die Volksmiliz ist eine Ergänzung und Verstärkung der revolutionären Streitkräfte.

Regierung klaubt Faschisten auf

Gibt es Anzeichen für einen geplanten faschistischen Angriff?

Almeida: Die gegenwärtige Regierung, die sehr stark von rechten Elementen infiltriert ist, versucht Söldner als Killer anzustellen. Diese Söldner, die — entgegen den offiziellen Dementis — in absoIuter Landsknechtsmanier rekrutiert werden, stattet man mit größtmöglicher Macht und hoher Bezahlung aus.

Wozu soll nun diese von der 6. provisorischen Regierung formierte militärische Interventionsgruppe AMI (Agrupamento Militar de Intervençao) dienen?

Almeida: Das unmittelbare Ziel war, dem COPCON-Kommandanten General Otelo Saraiva de Carvalho das legale Kommando über bestimmte militärische Einheiten zu nehmen, was formal bereits durchgeführt wurde. Es geht ihnen darum, das COPCON seiner Truppen zu entblößen, um es schließlich der AMI zu unterwerfen. Das würde die endgültige Vernichtung des COPCON bedeuten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die AMI stark genug ist, um das COPCON zu vernichten.

Und warum hat man auf Söldner zurückgegriffen?

Almeida: Weil die zwei für die AMI bestimmten Kommandoeinheiten von den beiden fortschrittlichen Hauptleuten Lorenco und Apolinario kommandiert werden und man nicht sicher ist, ob sich die beiden Kompanien an gegen die Bevölkerung gerichteten Unterdrückungsakten beteiligen werden.

Für die AMI werden nicht etwa Arbeitslose oder auf Abruf heimgeschickte Soldaten angeworben, sondern speziell dafür ausgesuchte Personen. Es heißt zwar: für Angola — doch das ist eine Lüge. Die Söldnertruppen sind für die Metropole bestimmt. Nach Angola wird man wahrscheinlich die beiden fortschrittlichen Einheiten der „Comandos“ abschieben, weil sie sich dem Prozeß hier nicht anpassen. Natürlich kann sich das noch ändern. Ich möchte aber lieber als Denunziant gelten, indem ich diesen Coup aufdecke, als erlauben, daß es dazu kommt.

Anfang Oktober beschlossen die Bezirks- und Arbeiterkommissionen im Osten Lissabons zusammen mit den RALIS die Bildung eines provisorischen Sekretariats, das der Schaffung einer Volksversammlung dient. Soll damit die traditionelle Stadtverwaltung durch eine „Kommune Lissabon“ ersetzt werden?

Almeida: Eine schwere Geburt behandelt man nicht mit einer Pinzette! Die Allianz Volk—MFA erfordert die Verbindung zwischen militärischen und zivilen Delegierten. Doch zugleich mit der Inangriffnahme dieses Projektes begann auch die Attacke aller rechten Kräfte, einbegriffen die PS, die darin die Gefahr eines Fortschreitens zum Sozialismus hin sahen, das von einem bestimmten Punkt an irreversibel gewesen wäre. Man trachtete also mit allen Mitteln die Verwirklichung dieser Volksversammlungen und die Verbindung zwischen Arbeiter- und Soldatenkommissionen zu verhindern. Die revolutionäre Linke hingegen trachtet eben das zu beschleunigen.

Dinis de Almeida

Die Oberen sind die Anarchisten

Aus diesem Gerangel entsteht Anarchie in den hohen militärischen Rängen, mit häufigen disziplinären Auseinandersetzungen, wobei die Basisfraktionen mal die einen, mal die anderen unterstützen. Zusammenstöße an der Spitze werden diplomatisch kaschiert, während sie an der Basis oft einen illegalen Anschein haben. Da die Spitze rechts und die Basis links ist, macht man natürlich die Linke verantwortlich. Statt dessen müssen wir die Disziplinlosigkeit an ihrer Wurzel suchen: Sie ist die Folge, nicht die Ursache der Anarchie in den hohen Rängen der Armee. Gäbe es Unterstützung seitens der militärischen und zivilen Entscheidungszentren, dann hätten die Organisationen der Volksmacht längst ihren eigenen Rahmen.

General Carlos Fabião als Heeresstabschef erlaubte den revolutionären Soldaten der Armeefahrschule CICAP in Porto, unter ihrem Kommandanten Major Aragao die erste „revolutionäre Armee-Einheit von Porto“ zu bilden. Auch das Kampfkomitee der revolutionären Soldaten blieb bestehen. Bedeutet diese Legalisierung der revolutionären Aktionen nicht eine Gefahr für die Rechte?

Almeida: Eine sehr große Gefahr. Weil dadurch der Kampf und die Einigung der Soldaten der verschiedenen Kasernen fortschreitet und weil dieser Kampf in den Hochburgen der Reaktion stattfand, zu denen die Linke bisher keinen Zugang hatte. Die Linke hat ein starkes Eindringvermögen, und es gibt ziemlich große Volksmassen, die diese Form des Kampfes unterstützen.

Was halten Sie vom Ruf des Premierministers nach „Disziplin, Disziplin“?

Almeida: Ich antworte mit einer Frage: Warum haben die Spitzen der Hierarchie nicht Disziplin gefordert, als man sich während der 5. Regierung auf oberster Ebene disziplinlos und widersetzlich verhielt? Warum hat die PS, die an allen Regierungen außer an der 5. teilnahm, während der ganzen Zeit der 5. Regierung die Erlässe von General Vasco Gonçalves sabotiert? Wer hat die zivile Disziplinlosigkeit geschürt, die Überfälle auf die kommunistischen und anderen linken Parteilokale im Zentrum und im Norden des Landes? Wer hat die Darlehen für die Betriebe, die von Arbeitern geführt werden, sabotiert? Wer hat kriminelle Banden aufgestachelt, Selbstverwaltungsläden zu überfallen?

„Wenn die RALIS sterben müssen ...“

Ihr Regiment und Sie selbst sind in den letzten Wochen in den portugiesischen Zeitungen heftiger Kritik ausgesetzt gewesen.

Almeida: Wenn die Armee am Rechtsruck teilnimmt, wird sie alle linken Offiziere entfernen, die versuchen, sich diesem Prozeß zu widersetzen. Ich erkannte bereits nach dem 11. März, wohin ein Übermaß an militärischem Verfügungsrecht führen kann, daher mein Argument von der Rückkehr in die Kasernen. Die Linken erkannten nicht die Idee, die dahintersteckt, und hielten es für eine Begünstigung der Rechten. Am stärksten jedoch wurde ich von der Rechten attackiert.

Wie einst in Chile werden fortschrittliche Offiziere und Soldaten diffamiert. Man lançiert Verleumdungskampagnen, um sie weiter zu isolieren. Man hat eine Menge Varianten entdeckt, um die RALIS in Mißkredit zu bringen, um seine Offiziere zu isolieren. Es gab Provokationen: So wurden zum Beispiel zwei Militärfahrzeuge von uns, die Kinder transportierten — wir bringen die Kinder in Museen, an den Strand usw. —, aus einem Auto beschossen, das anschließend flüchtete.

Dann die Sache mit dem Helikopter, der während der Mittagspause plötzlich im Sturzflug auf unsere Kaserne niederging ...

... und auf den Sie angeblich eine „provokatorische Salve“ abgefeuert haben?

Almeida: Eine Anzahl von Soldaten suchten in den Gräben Zuflucht. Als der Helikopter ein zweites Mal im Sturzflug über die Kaserne kam, gab ich einen Warnschuß in die Luft ab: um den Piloten aufmerksam zu machen, daß er eine ziemlich große Verwirrung in der Einheit stifte und um den Soldaten in den Gräben zu zeigen, von wo der Befehl im Falle einer Selbstverteidigung käme. Nach meinem Telefonanruf beim COPCON hörte die Provokation auf. Ungefähr eine halbe Stunde später erschien ein „Mann aus dem Volk“ draußen beim Wachtposten und sagte, daß wir alle eines Tages ins KZ kämen und daß das Regiment mit Bomben niedergestreckt würde. Man hat ihn vorgeführt und identifiziert: es war Major Costa Andrade, Kommandant des Hubschraubergeschwaders von der Luftbasis Nr. 6 in Montijo, von wo der Helikopter aufgestiegen war.

Alle möglichen Vorfälle werden dazu benutzt — sei es die Sache in Beirolas, [1] sei es das beliebte Gerücht vom linken Putsch [2] sei es die Zerstörung der spanischen Botschaft [3] —, um die Bevölkerung auf die Niederschlagung der RALIS vorzubereiten. Man setzt Militärs, die Verwaltung oder die Psychologie ein, man versucht die politische Richtung des Regiments zu verändern. Was mit den RALIS passiert, geschieht mit allen fortschrittlichen militärischen Einheiten der Welt: Sie werden immer vom rechten Flügel der Presse diffamiert, welche die kapitalistischen Interessen schützt. Sollten wir Opfer dieser Denunziation werden, so wie Chile ein Opfer wurde (ein Beispiel, das wir analysieren müssen!), dann muß berichtet werden, was geschehen ist. Denn die RALIS können vernichtet werden, aber der revolutionäre Prozeß geht weiter. „Wenn eine Schwalbe stirbt, ist der Frühling nicht zu Ende.“

RALIS: 24 Irrtümer in Chile

Das Nachfolgende ist ein Zirkular der RALIS an andere Militäreinheiten, als Grundlage für eine Diskussion, wie man aus Chile lernen kann. Dieses Dokument trägt den Stempel erfrischender Originalität — trotz eines gewissen Militärtechnizismus (Vernachlässigung der politischen Seite) und einiger Irrtümer (Punkt 10, Verteidigung der Fabriken: Das war der einzige bemerkenswerte militärische Widerstand in Chile; ein Bürgerkrieg kann kein Bewegungskrieg sein).

—Red.
  1. Säuberung und Degradierung von Offizieren, die der legalen Regierung [Allende] loyal gegenüberstanden.
  2. Die Sender wurden von den Faschisten kontrolliert.
  3. Verleumdungskampagne der Zeitungen im Dienste der Reaktion.
  4. Mangelhaft ausgebildete Bewaffnete wurden überrascht und erschossen.
  5. Fehlen eines Informationsdienstes, mangelhafte Überwachung der Vorbereitungen der Faschisten.
  6. Keine Kontrolle über die verbrecherischen Elemente in der Armee (Aktive, Reserve, Ausgeschiedene).
  7. Keine Kontrolle der wichtigen Faschisten, Kapitalisten, des CIA, der Provokateure, des Großkapitals, der den Faschisten gehörenden Fabriken und der Verbindungen ins Ausland.
  8. Schlecht vorbereitete, isolierte und unkoordinierte Bürgermilizen.
  9. Keine Verbindungen zwischen den (unorganisierten) Volksmassen und der loyalen Teile der Armee.
  10. Verteidigung der Fabriken.
  11. Verteidigung der Stadtzentren (die schlechtestmögliche Strategie).
  12. Allende-treue Soldaten waren in wenigen Kasernen konzentriert (die noch dazu allgemein bekannt waren).
  13. Schlechte und langsame Kommunikation.
  14. Kein Plan für einen sofortigen Gegenschlag.
  15. Wenig oder keine Kampferfahrung der Volksstreitkräfte.
  16. Zerstrittene Parteien, teils passiv, teils mit Verrätern durchsetzt.
  17. Allgemein bekannte und daher verwundbare Sammelpunkte.
  18. Gut vorbereitete Putschisten; wissenschaftliche und militärische Planung (im US-Stil) sowie Unterstützung durch verräterische Militärpersonen.
  19. Fehlschlag beim wirksamen Einsatz des spontanen Volkswiderstandes, kein Training durch loyale Soldaten.
  20. Ungestörte Kommunikation und keine Sabotage des Transports bei den militärischen Verrätern.
  21. Schwacher und zersplitterter Volkswiderstand in isolierten Nachbarschaften.
  22. Isolierter, nichtkoordinierter nächtlicher Widerstand.
  23. Keine geheimen Waffen- und Munitionsdepots (panzerbrechende Waffen wie Kanonen, Bazookas, Minen etc.).
  24. Mangel an geheimen Funkverbindungen im Widerstand.

Studiert den besten Weg, diese Irrtümer zu vermeiden!

inprecor (Brüssel)
23. Oktober 1975

[1In Beirolas verteilte ein mit der Rechten sympathisierender, mit dem CIAC-Regiment befreundeter Offizier 3.000 Stück Feuerwaffen an CIAC, anstatt, wie für leichte Einheiten vorgesehen, 1.000. Der Offizier gab an, die Waffen seien für die „Fischer von Cascias“, das aber ein Zentrum der Reichen und der Luxusquartiere ist. Dinis de Almeida, der zufällig gerade im Waffendepot von Beirolas war, kritisierte den Offizier. Von Teilen der Presse wurde dann behauptet, Almeida habe diesen Offizier zum Duell gefordert. Das CIAC-Regiment besteht auf „unnachgiebiger Verteidigung“ der 6. Regierung, während sich die RALIS nur auf „legale Unterstützung“ beschränken.

[2Ein anderer Fall: Ein Waffentausch zwischen CIAC, dem Regiment der Comandos und der Infanterieschule, den man ohne Wissen des zuständigen Kommandanten des Lissaboner Militärbezirks Otelo de Carvalho durchführte, wurde damit gerechtfertigt, daß die RALIS angeblich einen Linksputsch planten.

Soldaten des CIAC, die den damals noch versiegelten Sender Radio Renascença in Buraca bewachten, hörten folgendes: Ihr Hauptmann telefonierte mit dem Belem-Palast und verlangte „einen gewissen Herrn Melo Antunes“, dem er mitteilte, daß mit Radio Renascença nichts zu machen wäre, weil sich die Soldaten des CIAC mit den Arbeitern verbündet hätten. Offiziell wurde das Gespräch später geleugnet.

[3Die RALIS hatten vom COPCON den Befehl, die spanische Botschaft am 27. September 1975 zu verteidigen, wenn die Sicherheitspolizei sie rufen würde. Doch die Sicherheitspolizei (seit dem 25. April 1974 völlig passiv) forderte erst nach der totalen Zerstörung des Kanzleigebäudes Verstärkung: „Die vom 25. April sollen sich darum kümmern.“ Doch der herbeigerufene Kommandant, ein Sozialdemokrat, weigerte sich, einzuschreiten. Einige Zeitungen gäben den RALIS die Schuld, insbesondere Major Almeida. Er selbst war aber gerade derjenige gewesen, der zur Ausführung des COPCON-Befehls gedrängt hatte. Almeida: „Nicht die Linke, sondern die Rechte in der MFA ist schuld“, daß die Botschaft zerstört werden konnte.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1975
, Seite 24
Autor/inn/en:

Cornelia Frey:

Dinis de Almeida:

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