FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1965 » No. 142
Unbestreitbare Liberalisierung

Bericht aus Warschau

Das Stadtgericht in Warschau hat den 75jährigen Schriftsteller Jan Nepomuzen Miller zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er sich erlaubt hat, kritische Betrachtungen über die rückläufige Bewegung in der polnischen Innen- und Kulturpolitik zu veröffentlichen, und zwar im Ausland, namentlich in einer polnischen literarischen Wochenzeitung in London.

Als Zeugnisse unbestreitbarer Liberalisierung der polnischen Graphik drucken wir mit Gratulation an die Zeichner und kollegial erbetener Genehmigung der Zeitschrift „Radar“, Warschau, eine Arbeit von Lenica, eine von Slawomir Mrozek (dem Dramatiker) und nochmals eine von Lenica.

Die kommunistischen Behörden haben Miller und andere Schriftsteller zu solchen Veröffentlichungen im Ausland provoziert. Sie bedienten sich dabei eines Kollaborateurs aus dem Zweiten Weltkrieg, der von der polnischen Widerstandsbewegung wegen Verbindungen zur Gestapo zum Tode verurteilt worden war und nur durch Zufall der Vollstreckung dieses Urteils entgangen war. Später soll dieser Mann, der den Namen Ketling trägt, auch von den kommunistischen Behörden wegen Kollaboration mit den Deutschen zur Verantwortung gezogen worden sein, trat dann aber in die Dienste des Regimes ein und führte sich in der stalinistischen Zeit unrühmlich auf. Später verschwand er für einige Zeit, tauchte aber in Warschau wieder auf und erschlich sich die Freundschaft der freiheitlich gesinnten Schriftsteller. Er bot sich als Überbringer ihrer Artikel an im Ausland erscheinende Zeitschriften an, übermittelte die Aufsätze, stellte aber zugleich Photokopien für die Geheimpolizei her. Nachdem die Staasanwaltschaft gegen die Schriftsteller Jan Nepomuzen Miller, Stanislaw Cat-Mackiewicz und January Grzedzinski Anklage erhoben hatte, versuchte man die Spuren des Agenten dadurch zu verwischen, daß man Ketling wegen angeblicher Veruntreuungen einsperrte.

Der Prozeß gegen Miller war die erste Abrechnung des Regimes mit den unbeugsamen Autoren. Ihm sollen noch andere Verfahren solcher Art folgen. So ist zum Beispiel der nach seiner Rückkehr aus dem Westen sehr gefeierte Chefredakteur der Wochenzeitung „Schwarz auf Weiß“, Grzedzinski, von der Geheimpolizei in einem nervenaufreibenden Verfahren mehr als zwanzigmal verhört worden, obwohl die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen ganz belangloser Natur. sind. Der greise Publizist und Schriftsteller kritisierte das Regime in Privatbriefen, die er an seine geschiedene, im Westen lebende Frau schrieb. Der Dritte in diesem Bunde, der einstige Ministerpräsident der polnischen Exilregierung in London, Cat-Mackiewicz, wurde wochenlang unter Bewachung gestellt; Geheimpolizisten saßen in der Wohnung des Schriftstellers, wo sie jeden Besucher kontrollierten. Einige Bekannte von Cat-Mackiewicz wurden stundenlang verhört und Leibesvisitationen unterzogen. Mackiewicz ließ sich aber nicht einschüchtern. Er hat einen sehr kritischen Bericht über die in Polen herrschenden Zustände in der Pariser Zeitschrift „Kultura“ unter dem Pseudonym Gaston de Cerizay veröffentlicht. Offensichtlich läßt er es auf eine Kraftprobe ankommen.

Der Prozeß gegen Miller fand unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Lediglich der erwachsene Sohn des Autors und ein Vertreter des Schriftstellerverbandes durften dem Verfahren beiwohnen. Die beiden Verteidiger Millers haben auf die Verdienste hingewiesen, die er sich im Kampf der Linken gegen das Vorkriegsregime und dann gegen die Deutschen erworben habe. Sie haben auch die bedeutende Rolle Millers in der modernen polnischen Literaturkritik hervorgehoben. Doch wurden diese Argumente von dem Gericht zurückgewiesen. Allerdings braucht Miller nicht die volle Strafe abzubüßen, denn die Haftzeit wird auf Grund der noch geltenden Amnestie vom vergangenen Jahr automatisch auf 18 Monate reduziert. Als Miller nach der Verkündigung des Urteils den Gerichtssaal verließ, soll er vor dem Publikum in den Wandelgängen eine temperamentvolle Verteidigungsrede vorgelesen haben, in der er seine Ankläger zu Angeklagten machte.

„Neue Zürcher Zeitung“
vom 19. September 1965

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1965
, Seite 444
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