FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1978 » No. 293/294
Günther Nenning

... aber bitte auf die Füße stellen

Wien, 6. April 1978

Lieber Horst,

das mit dem notwendigen Überziehen eines Arguments zwecks Überwindung (s)eines Standpunktes sehe ich ein, und Ausdifferenzieren ist immer gut. Aber sehr weit würdest Du dabei nicht kommen, denn Dein Malheur ist, daß Du vom guten alten Hegel ausgehst, als er noch kopfstand; aber Marx hat ihn inzwischen auf die Füße gestellt, und nur so ist er brauchbar. Die idealistische Abstraktion, Staat sei der allgemeine Wille, muß man historisieren: der heutige parlamentarisch-demokratische Staat im Kampf gegen die Anarcho-Terroristen verkörpert in der Tat den „allgemeinen Willen“, aber nicht, weil dies das Wesen des Staates ist, sondern weil es ein gemeinsames, gegen den Terrorismus gerichtetes Interesse der beiden großen Kräfte gibt, die diesen Staat tragen und bis auf weiteres brauchen; er ist ein „Komitee der zwei Klassen“ (Trotzki) — das ist der „allgemeine Wille“, der Rest ist philosophische Spinnerei.

Was Deine totale, d.h. abstrakte Verneinung der Bürokratie betrifft, so stimmt sie schlecht überein mit Deiner totalen, d.h. abstrakten Bejahung des Staates („Staatsprinzip“). Es ist in der Tat nicht wahr, daß jeder Staat schlecht ist; ebensowenig wahr ist aber auch, daß jede Bürokratie schlecht ist. Auch hier geht’s nicht um philosophische Prinzipienreiterei, sondern um historische Relativierung. Immer wieder in der Geschichte gibt es Bürokratie, die Fortschrittliches leistet, z.B. einer neuen ökonomischen Formation zum Durchbruch verhilft. Die Bürokratie des absoluten Fürsten hat den Kapitalismus hochgepäppelt; insoferne war sie emanzipatorische Bürokratie. Die Bürokratie der Arbeiterbewegung, erst in deren eigenen Institutionen, dann hineingeschickt in die staatliche und wirtschaftliche Bürokratie, leistet Wesentliches zur Überwindung des „rein“ kapitalistischen Systems; insoferne ist sie emanzipatorische Bürokratie.

Der Kampf gegen eine alte Bürokratie kann sich bis auf weiteres gar nicht anders abspielen als mittels einer neuen Bürokratie. Die Bürgerklasse, auf Anforderung und im Interesse des absoluten Fürsten, schickte ihre Klassengenossen in die entstehende Herrschaftsmaschine des Absolutismus, und diese zerschlugen als zentralistische neue Bürokratie die alte tausendfach zersplitterte Feudalbürokratie. Die Arbeiterklasse, auf Anforderung und im Interesse der Kapitalistenklasse, schickt ihre Klassengenossen in die Herrschaftsmaschine des Kapitalismus, und diese verändern dort drin die Funktionen der alten Bürokratie, sie verwandeln die „rein“ profitorientierte Maschine in eine mit gemeinwirtschaftlichen Akzenten. Ohne ihre Bürokratie — in Ministerien, Parlamentsklubs, Sozialversicherung, Arbeitsämtern — könnte die Arbeiterbewegung gar nichts zustande bringen. Insoferne ist es nicht richtig, daß sich Proletarier sofort und restlos in Bürokraten verwandeln, genau so schlecht oder schlechter als die alten. Es gibt emanzipatorische Bürokratie.

Was natürlich nicht heißt, daß diese Bürokratie nicht auch Herrschaftsinstrument ist und daher überwunden werden muß. Hier hast Du wiederum recht. Nur Deinen historisch nicht vermittelten, insoferne idealistisch anarchistelnden Zugang zum Bürokratie-Problem will ich hiermit in Frage stellen.

Herzlichst
Dein Günther Nenning

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1978
, Seite 19
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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