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Tilly Spiegel

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Eric Rouleau • Tilly Spiegel (Übersetzung)

Wenig Tauben in Israel

Besuch im Jahre 3 nach dem Blitzsieg
No. 191/II
November
1969

Bei Parlamentswahlen in Israel verlor die Koalition der Arbeiterparteien 5 Sitze (58 statt 63); sie gingen an die Koalition der Rechten („Gahal“, „Heruth“ plus Liberale: 27 statt 22). Über den Hintergrund berichtet E. R., Nahostspezialist von „Le Monde“, in der folgenden Serie, welche FORVM in (...)

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Tilly Spiegel, eigentlich: Ottilie, verehel. Marek (geboren am 10. Dezember 1906 in Novoselica, Bukowina, Österreich-Ungarn; gestorben 1988) war eine österreichische Publizistin und Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus, die der Résistance angehörte. Nach der NS-Zeit zählte sie zu den ersten Forscherinnen, die zur Opfergeschichte des NS-Regimes arbeiteten. Ihre beiden Buchpublikation werden häufig zitiert und gelten als frühe Standardwerke in diesem Forschungsgebiet.[1][2][3][4][5]

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ottilie Spiegel wurde als Tochter des Kaufmanns Karl Spiegel (1880–1941) und seiner Frau Hilde (1883–1941) in Novoselica in der Bukowina geboren. Der Ort lag nahe Czernowitz an der Grenze zum Russischen Reich. Ihre Eltern wurden vom NS-Regime im Ghetto Izbica ermordet. Ihren Geschwistern Betty (* 1909), Antonie (* 1910), Dina (* 1912), Hermann (* 1914) und Leo (* 1920) gelang die Emigration.

Spiegel absolvierte Matura und Studium in Wien. Von 1925 bis 1933 hatte sie verschiedene Anstellungen, u. a. als Turnlehrerin. Ab 1927 war sie Gewerkschaftsmitglied, 1930 schloss sie sich der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) an und wurde rasch Funktionärin in der Bezirks- und in der Wiener Stadtleitung. Nachdem die Partei 1933 vom austrofaschistischen Regime verboten worden war, übernahm sie die Leitung des Kreises IV. Im Februar 1935 wurde sie verhaftet und im November desselben Jahres zu 18 Monaten schweren Kerkers verurteilt. Die Revision des Urteils im März 1936 senkte die Strafe auf 14 Monate. Im Herbst 1937 ging Spiegel in die Schweiz und organisierte dort den Grenzübertritt von Spanienkämpfern aus Österreich über die Schweiz nach Spanien. Wegen dieser illegalen Tätigkeit wurde sie von den Schweizer Behörden im Dezember 1937 verhaftet, verurteilt und schließlich im Mai 1938 ausgewiesen. Daraufhin emigrierte sie nach Paris.

Im November 1938 begründete sie – gemeinsam mit Marie Pappenheim – den Cercle Culturel Autrichien,[6] engagierte sich in der Flüchtlingshilfe und finanzierte ihren Unterhalt als Turnlehrerin.[7] Gesichert scheint, das sie auch während der Besetzung Frankreichs durch das NS-Regime in Paris lebte, dem kommunistischen Flügel der Résistance angehörte und sich an der extrem gefährlichen Travail allemand beteiligte,[8][9] so wie Gundl Herrnstadt-Steinmetz, Herta Ligeti, Irma Schwager, Selma Steinmetz und Ester Tencer.

Nach der NS-Zeit kehrte Spiegel nach Wien zurück, übernahm Aufgaben in der Wiener Stadtleitung der Kommunistischen Partei Österreichs[10] und beteiligte sich an der Aufbauarbeit des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW).[11] In dieser Institution arbeitete sie eng mit Herbert Steiner, dem wissenschaftlichen Leiter des DÖW, sowie mit Bruno Sokoll, Selma Steinmetz und Friedrich Vogl zusammen.[12] Gemeinsam mit Jonny Moser, Selma Steinmetz und Herbert Rosenkranz zählte Spiegel in den 1960er Jahren zu den ersten NS-Forschern Österreichs, die sich mit der Geschichte der Opfer befassten. Moser untersuchte die Judenverfolgung während des NS-Regimes in Österreich, Steinmetz die der Roma und Sinti, Spiegel befasste sich mit Frauen und Mädchen im Widerstand und Rosenkranz bearbeitete die Novemberpogrome 1938 in Österreich.[13] In den 1960er Jahren scheint sie massive innerparteiliche Kritik am Kurs des Kommunismus geübt zu haben: Tilly Spiegel stellt die ganze Institution und mit ihr die Leninsche Parteikonzeption in Frage. Daß sie damit die materielle und psychische Sicherheit vieler Genossen gefährdete, zeigte die Reaktion: ‹kaum Argumente, nur Empörung, Erstaunen, eisige Ablehnung›.[14]

Ihre Ehe mit dem kommunistischen Intellektuellen Franz Marek wurde 1974 geschieden.[15] Spiegel wurde mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet. Weitere Angaben über ihr späteres Leben fehlen.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Frauen und Mädchen im österreichischen Widerstand. Europa-Verlag, Wien, Frankfurt Zürich 1967
  • Österreicher in der belgischen und französischen Resistance. Monographien zur Zeitgeschichte, Europa Verlag, Wien, Frankfurt, Zürich 1969
  • Mitzi – Zum Tod von Maria Frischauf. In: Wiener Tagebuch, September 1966

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Susanne Blumesberger, Michael Doppelhofer, Gabriele Mauthe: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. bis 20. Jahrhundert. Band 3: S–Z, Register. Hrsg. von der Österreichischen Nationalbibliothek. Saur, München 2002, ISBN 3-598-11545-8, S. 1292 (Nr. 9914) (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Werner Röder, Herbert A. Strauss: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. Saur, München 1980, ISBN 3-598-10087-6, S. 715, Digitalisat

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dolly Steindling: Hitting Back. An Austrian Jew in the French Résistance. University Press of Maryland 2000
  2. Wiebke Krohn, Domagoj Akrap: Beste aller Frauen. Weibliche Dimensionen im Judentum. Jüdisches Museum der Stadt Wien, 2007
  3. Rezension in: Weg und Ziel. 1970, 31
  4. Architektur, Gesinnung und Weltanschauung. ORF, 2. Februar 2012
  5. Österreichische Frauen im Widerstand: Kurzbiografie Emilie Tolnay. verfasst von Karin Nusko, abgerufen am 16. Mai 2015
  6. Kristina Pfoser-Schewig: Frankreich als Transit- und Niederlassungsland. In: Vertriebene Vernunft. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft. 2. Internationales Symposium, 19. bis 23. Oktober 1987 in Wien. Jugend und Volk, Wien 1988, S. 940
  7. Friedrich Stadler: Vertriebene Vernunft. LIT Verlag Münster, S. 949
  8. Rita Thalmann: Jewish Women Exiled in France After 1933. In: Sibylle Quack: Between Sorrow and Strength. Women Refugees of the Nazi Period. S. 61
  9. Helmut Kopetzky: Die andere Front. Europäische Frauen in Krieg und Widerstand 1939 bis 1945. Pahl-Rugenstein 1983, S. 110, 115–116
  10. Alfred-Klahr-Gesellschaft: Mitteilungen. Ausgabe 3/2010, S. 18
  11. Lucyna Darowska: Widerstand und Biografie. Die widerständige Praxis der Prager Journalistin Milena Jesenská gegen den Nationalsozialismus. transcript Verlag, 2014, S. 524
  12. Johannes Schwantner, Andreaş Schwantner, Thekla Schwantner: Ideologie und Wirklichkeit des Nationalsozialismus. Hermann Langbein Symposium 2007, S. 81
  13. Renée Winter: Geschichtspolitiken und Fernsehen: Repräsentationen des Nationalsozialismus im frühen österreichischen TV (1955-1970). transcript Verlag 2014, S. 152
  14. Günter Hillmann: Selbstkritik des Kommunismus. Texte der Opposition. Rowohlt 1967, S. 218, vgl. [1]
  15. Werner Röder, Herbert A. Strauss: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben, Saur, München 1980, ISBN 3-598-10087-6, S. 475, Digitalisat

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