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Ludwig Fels

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Ludwig Fels

Lyrik

No. 237/238
September
1973

Ludwig Fels bei Wikipedia

Ludwig Fels bei seiner Lesung aus dem Roman Reise zum Mittelpunkt des Herzens im Jahr 2007 in der „Blue Box“ des Staatstheaters Nürnberg

Ludwig Fels (* 27. November 1946 in Treuchtlingen; † 11. Januar 2021 in Wien[1][2][3]) war ein deutscher Schriftsteller. Er lebte seit 1983 in Wien.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ludwig Fels wuchs in seinem Geburtsort Treuchtlingen, einer Kleinstadt in Franken, auf. Die gesellschaftliche Ausgrenzung, der er und seine Halbgeschwister als uneheliche Kinder ausgesetzt waren, und die prekäre Situation der Familie prägten seine Kindheit und Jugend. Er betrachtete sich als Außenseiter. In der Enge dieser Verhältnisse war die Lektüre der Schlüssel zu einer erträumten Welt. Aus Mangel an anderen Büchern stand zunächst die Bibel im Zentrum, der Schüler las jeden Tag seiner Mutter daraus vor.

Nach Abschluss der Volksschule wurde Fels zu einer Malerlehre gezwungen. Durch harte Arbeit sollte ihm sein "Anderssein" ausgetrieben werden. Doch die Literatur war existenziell für ihn geworden. Am Feierabend und an den Wochenenden schrieb er Gedichte. Die Malerlehre brach er kurz vor der Gesellenprüfung ab. Der zweite Bildungsweg war ihm verwehrt. Er arbeitete in Jobs, die gerade vakant waren, um die Familie finanziell zu unterstützen. In der Lyrik der Beat Generation und der Musik von Underground-Bands fand er sich wieder, vor allem die Musiker und Autoren um Allen Ginsberg waren prägend.

1970 heiratete er und zog mit seiner Frau nach Nürnberg.

1973 debütierte der 27-jährige mit dem Gedichtband Anläufe, er erscheint in der Reihe Luchterhand Typoskript. Dazu hielt Fels fest: „Ich habe den Unterschied zwischen Ehrentribüne und Stehplatz bemerkt, darum gibt es auch nicht die geringste Möglichkeit, meine Gedichte mit Kunst zu verwechseln. Ich bin kein Arbeiter’dichter‘. Auch dieses Buch gehört zur Familie der Papierhelme, die zwar ein bisschen vor dem Regen schützt, aber niemals vor der Traufe.“

Dem Werkkreis Literatur der Arbeitswelt trat er zwar bei, doch da er sich nicht vereinnahmen lassen wollte, trat er schnell wieder aus. Er fühlte sich einer schonungslosen Wahrhaftigkeit verpflichtet, die Vorstellung einer Literatur, die operative Funktionen zu erfüllen hat, war und blieb ihm fremd.

1974 erschien der Erzählungsband Platzangst, 1975 sein erster Roman „Die Sünden der Armut“, in dem er mit expressionistischer Wucht, kühnen Metaphern und aphoristischen Zuspitzungen, der Wut über die, in Kindheit und Jugend erlebte Misere, Ausdruck verlieh.

Fels wurde 1981 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.

Der Roman Ein Unding der Liebe erschien 1981 und wurde zu Ludwig Fels‘ bisher größtem Erfolg. Die Idee dazu entstand in Anlehnung an die Erzählungen eines Freundes, der als Koch im Restaurant des Nürnberger Hauptbahnhofs arbeitete. Der Protagonist Bleistein, der nicht geliebt wird und nicht lieben darf, der keinerlei Anerkennung findet, verliert zunehmend den Halt und gerät in eine Abwärtsspirale. Der Filmemacher Sohrab Shahid Saless schrieb 1982 dazu an Fels: „Ich habe Ihnen erzählt, dass ich ,Ein Unding der Liebeʻ mindestens dreimal gelesen habe. Jedes Mal intensiver gelesen und optischer gesehen. Georg Bleistein ist mittlerweile ein Freund von mir geworden. Wenn es ihn friert, friere ich mit ihm. Wenn er frühmorgens zur Arbeit geht, sitze ich mit ihm im Bus und sehe seinen Nacken an. Und als er ausbricht, weiß ich, dass Bleistein und ich beide nie mehr ein Zuhause finden werden.“[4] Saless erwarb die Filmrechte.

1983 zog Ludwig Fels mit seiner Frau nach Wien. Im selben Jahr wurde Lämmermann, sein erstes Theaterstück, in Hamburg uraufgeführt. In seiner lyrischen Wut, der expressiven Trauer und den satirischen Hassausfällen, erinnere es an Wolfgang Borchert, so Hellmuth Karasek im „Spiegel“.[5]

1987 erschien der Roman Rosen für Afrika, für den Saless wieder die Rechte erwarb.

In der autobiographischen Prosa Der Himmel war eine große Gegenwart. Ein Abschied (1990), schlug Fels leisere Töne an. Es geht um das lange Sterben der krebskranken Mutter, einer ehemaligen Bauernmagd, um die Fremde zwischen den beiden, den Versuch einer nachgetragenen Liebe und einer rettenden Phantasie: Die Mutter erscheint als „letztmöglicher Weg zurück in die Kindheit [...] in der man nie war“. Und weiter heißt es: „Wenn du tot bist, bin ich nirgendwo daheim.“[6]

1992 hatte die im Auftrag von Hans Joachim Kulenkampff entstandene Komödie Sturmwarnung in Frankfurt Premiere. Kulenkampff spielte, das ihm auf den Leib geschriebene Stück, zwei Jahre lang erfolgreich auf deutschen Tourneetheaterbühnen.[7]

Nach etwas ruhigeren Jahren meldete sich Fels 2006 mit Reise zum Mittelpunkt des Herzens eindrucksvoll zurück. Der Roman erzählt von einer Liebe am Rande des Todes, es ist eine Dreieckskonstellation: Der schwerkranke Tom, seine Frau und sein bester Freund. Eifersucht und Misstrauen treffen auf Todesangst und unterhöhlen alles. Der Roman wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert.[8][9]

2009 folgt mit Die Parks von Palilula ein Tage- und Erinnerungsbuch. Es erzählt von Fels‘ doppeltem Rettungsversuch: An einem afrikanischen Kind und an sich selbst. Im Versuch, dem Mädchen eine Zukunft zu ermöglichen, dringt er „tief hinunter in die Kasematten einer sich widerwillig demokratisch gebärdenden Gesellschaft“. Getragen ist dieser Bericht von der Utopie, einer Welt, die groß genug ist „für jeden Glauben, jede Rasse, jedes Volk“.[10]

In Die Hottentottenwerft (2015) blickt Fels auf die kurze, aber gewalttätige deutsche Kolonialgeschichte, auf den Widerspruch zwischen zivilisatorischer Mission und ausgeübter Barbarei. Hier zeigt sich besonders deutlich, was für sein gesamtes, sprachgewaltiges Werk gilt: Es ist bestimmt vom Zorn über individuelle und strukturelle Unterdrückung in jeglicher Form.[11][12] „Fels hatte nie ein (Schreib-)Programm, dafür immer eine Existenz. Seine Romane sind Desillusionierungs-Maschinen. Seine Stärke war, glaubhaft-schonungslose Biografien von Marginalisierten und Underdogs zu entwerfen. Ihnen gehörte seine Sympathie, ihren Träumen baute er sprachmächtig Tabernakel aus Poesie“, wie Hans-Peter Miksch schrieb.[13]

Sein letzter Roman Mondbeben, wurde von der Kritik als spätes Echo auf Ein Unding der Liebe gelesen, doch es ist kein mildes Alterswerk, noch einmal hält Fels der Gesellschaft den Spiegel vor.[14] Mit seinem letzten Gedichtband Dou di ned o, kehrt er in die Sprache seiner Kindheit zurück.[15]

„Insbesondere mit seinen Gedichten“, so Mattias Ehlers in seinem Nachruf, „hat Ludwig Fels es über die Jahre geschafft, dem Bildungsbürgertum die alleinige Definitionshoheit über Lyrik zu entreißen, wovon etliche Gedichtbände zeugen. Auch wenn es ein abgegriffener Topos ist: Mit Ludwig Fels verliert die deutschsprachige Literatur einen wahrhaft großen Dichter.“[16]

Ludwig Fels starb im Januar 2021 im Alter von 74 Jahren in Wien.

Er war verheiratet und hat eine Tochter.

Auszeichnungen und Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lyrik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anläufe. Darmstadt u. a. 1973
  • Ernüchterung. Erlangen u. a. 1975
  • Alles geht weiter. Darmstadt u. a. 1977
  • Ich war nicht in Amerika. Erlangen 1978
  • Ludwig Fels. Kürbiskern-Zeit-Gedichte, München 1979
  • Vom Gesang der Bäuche. Darmstadt u. a. 1980
  • Der Anfang der Vergangenheit. München u. a. 1984
  • Blaue Allee, versprengte Tataren. München u. a. 1988
  • Egal wo das Ende der Welt liegt. Salzburg, Wien 2010, ISBN 978-3-902497-79-6
  • Letzter Versuch, die Welt zu umrunden. 2012
  • Hinterm Spiegel. Bregenz 2013
  • Dou di ned o. Mundartlyrik. ars vivendi verlag, Cadolzburg 2020, ISBN 978-3-7472-0194-7

Erzählungen und Romane[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörspiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kaputt oder Ein Hörstück aus Scherben. 1973
  • Die bodenlose Freiheit des Tobias Vierklee oder Stadtrundgang. 1974
  • Lehm. 1975
  • Der Typ. 1977
  • Wundschock. 1979
  • Vor Schloß und Riegel. 1980
  • Mary. 1980
  • Frau Zarik. 1984
  • Heldenleben. 1985
  • Lämmermann. 1985
  • Ich küsse Ihren Hund, Madame. 1987
  • Soliman. 1989
  • Schwarzer Pilot. 1989
  • Nach diesen kalten Sommern der Liebe. 1997
  • Der tausendundzweite Tag. 1997
  • Nachts an den Feuern – Calamity Jane. 2000
  • Öl auf dem Mond. 2000
  • Robot. 2000
  • Keiche. 2001
  • Lappen hoch! Eine Theaterschwadronade. 2003
  • Jack kommt dann vorbei, um uns zu fotografieren. 2006
  • Hello, I’m Glen Sherley. 2006
  • Freetown nonstop – Ein Verwirrspiel mit ungleichen Paaren. 2009
  • Der Himmel war eine große Gegenwart – Ein Abschied. 2015, Hessischer Rundfunk, Bearbeitung und Regie: Ulrich Lampen

Theaterstücke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lämmermann. 1983
  • Der Affenmörder. 1985
  • Lieblieb. 1986
  • Soliman. 1991
  • Sturmwarnung. 1992
  • Die Hochzeit von Sarajewo. 1994
  • Corpus Christi, Texas, Good Friday. Frankfurt am Main 1996
  • Öl auf dem Mond. 2000
  • Tillas Tag. 2002

Die Theaterstücke sind im Verlag der Autoren erschienen.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Autor Ludwig Fels ist tot. In: ORF.at. 11. Januar 2021, abgerufen am 11. Januar 2021.
  2. Jan Wiele: Dichter Ludwig Fels gestorben: Es ging ums Leben. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 12. Februar 2021]).
  3. Autor Ludwig Fels ist tot. 12. Januar 2021, abgerufen am 12. Februar 2021.
  4. Von Behrang Samsami: Ich will doch nur, dass ihr mich liebt - „Ein Unding der Liebe“, nach einem Drehbuch von Sohrab Shahid Saless, ist auf DVD erschienen : literaturkritik.de. Abgerufen am 30. März 2021 (deutsch).
  5. DER SPIEGEL: Vor der Tür. Abgerufen am 30. März 2021.
  6. Ludwig Fels: Der Himmel war eine große Gegenwart (HR 2 Kultur). Abgerufen am 30. März 2021.
  7. Sturmwarnung - Fels, Ludwig. Abgerufen am 30. März 2021.
  8. Von Mario Alexander Weber: Nicht mehr atmen - Ludwig Fels' großartiger Roman über die letzten Stunden : literaturkritik.de. Abgerufen am 30. März 2021 (deutsch).
  9. SILVIA HESS: Todesart eines Liebenden. In: Die Tageszeitung: taz. 17. Juni 2006, ISSN 0931-9085, S. 1006 (taz.de [abgerufen am 30. März 2021]).
  10. Sabine Doering: Ludwig Fels: Die Parks von Palilula: Manche Frauen sind direkt von Gott geschaffen. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 30. März 2021]).
  11. 11 12 2015 um 18:38 von Wilhelm Hengstler: „Ich lasse auf sie schießen“. 11. Dezember 2015, abgerufen am 30. März 2021.
  12. Außenministerium der Republik Österreich: Ludwig Fels: Die Hottentottenwerft. Abgerufen am 30. März 2021.
  13. Hans-Peter Miksch, Weißenburger Tagblatt vom Montag, 22. Februar 2021
  14. Bernadette Conrad: Buchkritik - Schmerzhaft und magisch schön: "Mondbeben" von Ludwig Fels. Abgerufen am 30. März 2021.
  15. Michael Merschmeier, Der Theaterverlag: Artikel "Undinge, Abgründe, Anläufe". Abgerufen am 30. März 2021.
  16. "Rich Man Blues" von Ludwig Fels. 21. Januar 2021, abgerufen am 30. März 2021.
  17. Weißenburger Tagblatt Nr. 142 vom 23. Juni 1995

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