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Joseph Scholmer

Joseph Schölmerich (literarisches Pseudonym: Scholmer), geb. 1913. Unter Einfluß sozialdemokratischer und kommunistischer Ärzte wie Pro. Grotjahn, Moses, Hodann, Friedrich Wolf Medizinstudium unter sozialpolitischen Aspekten. Arzt in Aachen (Landesbad), Heilbronn (Stadtkrankenhaus), Assistent, später Oberarzt am Institut für Röntgenologie und Radiologie der Universität Leipzig. Kein Militärdienst. 1945 Mitarbeiter der Zentralverwaltung für Gesundheitswesen in der sowjetischen Besatzungszone, 1946 oberster Personalchef für das Gesundheitswesen (Ministerialdirektor). 1948 wegen Widerstandes gegen Stalinisierung enthoben, 1949 wegen „Nationalkommunismus“ verhaftet, wegen „Spionage“ durch Fernurteil aus Moskau 25 Jahre Zwangsarbeit. Bis 1954 Workuta, dann im Rahmen der ersten großen Amnestie für Ausländer entlassen. Sein Buch „Die Toten kehren zurück. Arzt in Workuta", erschien in 11 Sprachen und 18 Ländern. Seitdem politischer Publizist. Politische Entwicklung: Seit 1930 Sozialist. 1932 im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands und in der kommunistischen Studentengruppe der Universität Bonn. 1933 Emigration in die Schweiz wegen akut drohender Verhaftung. 1934 Rückkehr nach Deutschland. Mitglied der kommunistischen Resistance. 1944 Mitglied des Leipziger „Nationalkomitee Freies Deutschland“, von der Gestapo verhaftet. Volksgerichtshof. Bis Kriegsende in Haft. Mitglied der KPD, später SED. 1949 Ausscheiden aus der SED. Seitdem parteilos. Politische Position links der SPD.

Beiträge

Joseph Scholmer

Streit der weißen Götter

Der deutsche Arzt beginnt zu zweifeln
No. 251
November
1974

Joseph Scholmer

Profitmedizin

Am Beispiel der BRD
No. 216/I/II
Dezember
1971

Im österreichischen Wahlkampf, Oktober 1971, gab es ungeheure Aufregung, als Vizekanzler, Sozialminister und ÖGB-Spitzenfunktionär Häuser von Verstaatlichung zu sprechen wagte, und dabei den Arzneimittelsektor erwähnte. Der Mann hat überwältigend recht, wie u. a. — auf die BRD bezogen — der (...)

Joseph Scholmer bei Wikipedia

Joseph Scholmer, eigentlich Joseph Schölmerich (* 19. August 1913 in Obercasbach, Landkreis Neuwied; † 1. April 1995 in Husum) war ein deutscher Humanmediziner, Sozialist und Sachbuchautor. Er war ein Opfer des Nationalsozialismus und des Stalinismus.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Joseph Schölmerich wurde 1913 in der Gemeinde Obercasbach, die in der Bürgermeisterei Linz lag, geboren. Er wurde Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands (KJVD). Schölmerich studierte Medizin an der Universität Bonn, wo er im Jahr 1933 der Sozialistischen Arbeitsgemeinschaft (SAG) angehörte, einer KPD-nahen Oppositionsgruppe gegen den Nationalsozialismus, die nach der Machtübernahme Hitlers verboten wurde.[1] Da die Mitgliederliste im Rektorat hinterlegt war und Schölmerich mit seiner Verhaftung rechnete, emigrierte er 1933 für ein Jahr in die Schweiz und setzte an der Universität Basel sein Studium fort. Nach dem Studium war er ab 1940 am Institut für Röntgenologie und Radiologie der Universität Leipzig tätig. Im August 1944 verhaftete ihn die Gestapo wegen der Zugehörigkeit zur antifaschistischen Untergrundorganisation Nationalkomitee Freies Deutschland. Es folgte die Verurteilung durch den Volksgerichtshof und die Haft im Gefängnis Plötzensee.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebte Schölmerich in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und trat der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei. Nach der Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED wurde er Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Er wirkte als Direktor des Krankenhauses in Döbeln und ab Oktober 1945 als Ministerialdirektor in der im sowjetischen Sektor Berlins gebildeten Deutsche Zentralverwaltung für das Gesundheitswesen. Aus Protest gegen die Stalinisierung der SBZ und die Verhaftung des Vorgesetzten Paul Konitzer trat er im Jahr 1948 aus der SED aus.

Im April 1949 wurde Schölmerich wegen seiner Opposition gegen den Stalinismus vom sowjetischen Ministerium für Staatssicherheit (MGB) in Ost-Berlin verhaftet und in dessen zentraler Untersuchungshaftanstalt, dem „U-Boot“, inhaftiert. Ausweglosigkeit und permanenter Schlafentzug brachten ihn so weit, dass er zugab, amerikanischer, englischer und ehemaliger Gestapo-Agent zu sein.[2] Ein Fernurteil einer sicherheitsdienstlichen Sonderkonferenz (OSO) des MGB in Moskau verurteilte ihn gemäß Artikel 58 des Strafgesetzbuches der RSFSR wegen „Spionage“ und „Sabotage“ zu 25 Jahren Zwangsarbeit.[3] Es folgte im Juli 1950 die Deportation in das Arbeitslager Workuta zum Steinkohleabbau unter Tage.[4]

Mitte Dezember 1953 verließ Schölmerich mit einem Gefangenentransportzug Workuta. Der Transport kam am 21. Januar 1954 im Entlassungslager Fürstenwalde in der DDR an. Aus der Gefangenschaft entlassen, flüchtete Schölmerich umgehend nach West-Berlin, wo er sich als Heimkehrer anmeldete. Im April 1954 heiratete er in Berlin Ursula Rumin, die ebenfalls aus dem Arbeitslager Workuta entlassen worden war.

Im Jahr 1954 veröffentlichte Schölmerich, der sich nun Joseph Scholmer nannte, unter dem Titel Die Toten kehren zurück. Bericht eines Arztes aus Workuta beim Verlag Kiepenheuer & Witsch den ersten Zeitzeugen­bericht eines deutschen Nachkriegshäftlings über das sowjetische Arbeitslager­system Gulag. Im Jahr 1963 erschien das Buch erneut unter dem Titel Arzt in Workuta. Bericht aus einem sowjetischen Straflager. Beide Bücher erreichten mehrere Auflagen und wurden in verschiedene Sprachen übersetzt.

Scholmer zog 1955 in seinen Geburtsort Kasbach am Rhein, arbeitete fortan als freier Autor sowie Publizist und engagierte sich beim Kongress für kulturelle Freiheit (CCF).

Nach der Scheidung von Ursula Rumin im Jahr 1959 heiratete Scholmer 1963 zum dritten Mal und gründete eine Familie. In Kasbach und Linz am Rhein lebten mehrere DDR-Flüchtlinge, die zum Bekanntenkreis von Jo Scholmer gehörten, wie Wanda Bronska-Pampuch, Peter Jokostra, Wolfgang Leonhard, Herbert Kasten, Carola Stern, Hermann Weber sowie Ingrid und Gerhard Zwerenz. Auf Scholmers Anregung begann damals die junge Ute Erb den Roman Die Kette an deinem Hals zu schreiben, der, während sie im Kibbutz Gal’ed arbeitete, im Jahr 1960 in der Bundesrepublik erschien.[5]

Scholmer trat in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) ein und publizierte als Joseph Scholmer und Jo Scholmer für den Vorwärts, das Deutsche Ärzteblatt sowie in der Zeitschrift Der dritte Weg, die von 1959 bis 1964 erschien. Die Zeitschrift trat für ein demokratisch-sozialistisches Deutschland ein und setzte sich kritisch mit der Adenauer’schen Restaurationspolitik in der Bundesrepublik und der unter Walter Ulbricht im Dogma des Marxismus-Leninismus erstarrten DDR auseinander. Im Jahr 1970 schrieb er einige Texte für den Deutschlandfunk in Köln. In den Jahren von 1971 bis 1984 verfasste er drei kritische Bücher über die zunehmende Kommerzialisierung des Gesundheitswesens in der Bundesrepublik Deutschland und nahm als Delegierter des SPD-Bezirks Rheinland-Hessen-Nassau am Bundesparteitag der SPD 1973 in Hannover teil.

Ein langjähriger guter Bekannter Scholmers war der Historiker Hermann Weber, der ihn nach dem Schlaganfall mehrmals besuchte, die Grabrede am 6. April 1995 hielt und in dem Buch Leben nach dem „Prinzip links“ erwähnte.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Toten kehren zurück. Bericht eines Arztes aus Workuta. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1954.
  • Arzt in Workuta. Bericht aus einem sowjetischen Straflager. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1963.
  • mit Winfried Ridder: Die DKP. Programm und Politik. Herausgegeben von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Verlag Neue Gesellschaft, Bonn-Bad Godesberg 1970.
  • Die Krankheit der Medizin. Luchterhand, Neuwied 1971.
  • Patient und Profitmedizin. Das Gesundheitswesen in der Bundesrepublik zwischen Krise und Reform. Westdeutscher Verlag, Opladen 1973, ISBN 3-531-11237-6.
  • Das Geschäft mit der Krankheit. Eine Bilanz unseres Gesundheitssystems seit 1970. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1984, ISBN 3-462-01651-2.
  • Einer der „leichteren“ Fälle. Der Arzt Joseph Scholmer berichtet aus seiner Arbeit im Widerstand. In: Demokratisches Gesundheitswesen. Band 3, 1986, S. 14 f.
Texte für Deutschlandfunk
  • Nach der Befreiung. Deutsche Genossen und sowjetische Besatzungsmacht. Deutschlandfunk, Köln 1970.
  • Das zweite „Ich“ von Karl Marx. Vor 75 Jahren starb Friedrich Engels. Deutschlandfunk, Köln, 1970.
  • Die Besitzer einer Datscha. Notizen über die Sowjetgesellschaft. Deutschlandfunk, Köln 1970.

postum:

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ralf Forsbach: Die medizinische Fakultät der Universität Bonn im „Dritten Reich“. Oldenbourg, München 2006, ISBN 978-3-486-57989-5, S. 598 f.
  2. Von der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen (Memento des Originals vom 17. Juni 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.stiftung-hsh.de veröffentlichter Textausschnitt aus: Joseph Scholmer: Arzt in Workuta. Bericht aus einem sowjetischen Straflager. München 1963, S. 15–24.
  3. Eine OSO war ein quasigerichtliches Verwaltungsinstrument unter Federführung des MGB, das nach geheimpolizeilicher Aktenlage ohne Anhörung des Betroffenen Urteile fällte, wenn das Untersuchungsorgan keine Beweise nutzen konnte, „obwohl die Schuld [des Verhafteten] unzweifelhaft ist“. Siehe dazu Andreas Hilger, Mike Schmeitzner und Ute Schmidt (Hrsg.): Sowjetische Militärtribunale. Band 2: Die Verurteilung deutscher Zivilisten 1945–1955 (= Schriften des Hannah-Arendt-Instituts 17). Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2003, ISBN 3-412-06801-2, zur OSO S. 61 f., 111 ff., zu Scholmer S. 280, 653.
  4. Joseph Scholmer: Arzt in Workuta. Deutsche Zeitgeschichte, 8. Juli 2012, archiviert vom Original am 10. Juni 2015; abgerufen am 10. Juni 2015. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.deutsche-zeitgeschichte.de
  5. Ute Erb – Biographie. Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV), 2006, abgerufen am 11. Juni 2015.

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