FORVM » AutorInnen

Georg Scheuer

Beiträge

Karl Pfeifer • Georg Scheuer

Unwissenheit oder Etikettenschwindel? / Grenzstreit

No. 458/459
März
1992

Georg Scheuer bei Wikipedia

Georg Scheuer, Foto der Staats­polizei Wien, 5. November 1936

Georg Scheuer (auch Georges Scheuer; 8. Dezember 1915 in Wien, Österreich-Ungarn15. September 1996 ebenda) war ein österreichischer Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, Journalist und Publizist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Georg Scheuer wurde 1915 in Wien als Sohn von Heinrich Scheuer, einem Redakteur der amtlichen Nachrichtenagentur in Wien, und dessen Frau Alice, geborene Leimdörfer aus Temesvár, geboren. Georg Scheuer wurde früh Mitglied beim Verband Sozialistischer Mittelschüler (VSM) und bei der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), war 1930 Gruppenführer bei den Roten Falken und wechselte 1931 zum Kommunistischen Jugendverband der KPÖ. 1935 gründete er die trotzkistischen Revolutionären Kommunisten Österreichs (RKÖ). Im November 1936 wurde Scheuer verhaftet, im sogenannten Trotzkistenprozess im August 1937 verurteilt, und war bis zu einer Generalamnestie im Februar 1938 im Gefängnis.[1][2]

Im September 1938 bildete er mit seinem Freund, dem RKÖ-Mitglied Karl Fischer, die österreichische Delegation bei der Gründung der Vierten Internationale in Paris; beide stimmten dort aber gegen die Proklamation der Internationale, da sie die Weltlage anders einschätzten. In der Folge trennten sich die Revolutionären Kommunisten Österreichs auch organisatorisch von der Vierten Internationale und begannen, die Einschätzungen der Internationale und Trotzkis zu kritisieren.[3]

In Wien ahnte Scheuer die kommende Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich und reiste nach Tschechien und später nach Frankreich, wo er bei Kriegsbeginn interniert wurde. 1940 floh er nach Montauban in das unbesetzte Frankreich und war bis 1944 mit einer Gruppe der Revolutionären Kommunisten (RK) in der Résistance aktiv.[1][2] 1943 konnten sie in einer spektakulären Kommandoaktion in Marseille die ein Jahr zuvor inhaftierte RK-Aktivistin Melanie Berger befreien.[4] Die Mitglieder der RK, unter denen sich auch ein Wehrmachtsoldat befand, gaben sich dabei als Nazi-Funktionäre aus.[5]

Scheuers Eltern wurden 1942 von den Nationalsozialisten in das Vernichtungslager Maly Trostinez deportiert und unmittelbar nach der Ankunft ermordet. Zu ihrer Erinnerung wurde im Jahr 2009 die Wohnanlage der Stadt Wien in der Neulinggasse 39 (erbaut in den 1930er Jahren, Architekt Armand Weiser) – im Rahmen der Aktion Steine des Gedenkens – in Alice und Heinrich Scheuer-Hof umbenannt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Georg Scheuer in Frankreich und arbeitete vor allem in Paris als Journalist und Korrespondent diverser Zeitungen, u. a. der Arbeiter-Zeitung.[6] Für die letzten Jahre seines Lebens kehrte er mit seiner Frau, der Publizistin, Journalistin und Übersetzerin Christa Scheuer-Weyl (1941–2006)[7], von Frankreich nach Österreich zurück und wohnte bis zu seinem Tod in Wien.[8]

Er ist im Urnenhain der Feuerhalle Simmering in Wien bestattet. Sein Grab zählt zu den ehrenhalber gewidmeten bzw. ehrenhalber in Obhut genommenen Grabstellen der Stadt Wien.[9]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Von Lenin bis ...? Die Geschichte einer Konterrevolution. Verlag nach Dietz, Berlin 1957, DNB 454336969.
  • Marianne auf dem Schafott. Frankreich zwischen gestern und morgen. Europa Verlag, Wien 1966, DNB 458831093.
  • Oktober 1917. Die russische Revolution. J. H. W. Dietz Nachf., Hannover 1967, DNB 458831107
  • Genosse Mussolini? Wurzeln und Wege des Ur-Fascismus. Geschichte 1915-1945, Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1985, ISBN 3-900351-48-1.
  • Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem Dreissigjährigen Krieg 1915 - 1945. Autobiographie 1915-1945, Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1991, ISBN 3-85115-133-X.
  • Vorwärts – und schnell vergessen? Jahrhundert zwischen Traum und Trauma. Mit einem Vorwort von Heinz Fischer, Picus, Wien 1992, ISBN 3-85452-236-3.
  • Mussolinis langer Schatten. Marsch auf Rom im Nadelstreif. Geschichte 1946-1996, Neuer ISP-Verlag, Köln 1996, ISBN 3-929008-84-X.
  • Seuls les fous n'ont pas peur. Ed. Syllepse, Collection Utopie critique, traduit par Geneviève Hess et Christa Scheuer-Weyl, Paris 2002, ISBN 2-913165-62-1.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kurt Lhotzky: Who was Georg Scheuer, what was the Revolutionary Workers League?. In: Revolutionary History, Vol. 7, Nr. 1 London 1999.
  • Fritz Keller, Kurt Lhotzky: In memoriam Georg Scheuer. In: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, Band 15, 1998, S. 475

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Georg Scheuer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Georg Scheuer Collection International Institute of Social History.
  2. a b Georg Scheuer: Sind wir Trotzkisten?, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes.
  3. Georg Scheuer. Serie: Köpfe der ArbeiterInnenbewegung (Memento vom 20. Oktober 2013 im Internet Archive).
  4. Wolfgang Neugebauer: Bewaffneter Widerstand - Widerstand im Militär: Ein Überblick. In: Christine Schindler (Red.): Schwerpunkt: Bewaffneter Widerstand - Widerstand im Militär. Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands 2009, Hrsg. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, LIT, Wien Berlin Münster 2009, ISBN 978-3-643-50010-6, S. 21.
  5. Karin Nusko:BERGER, Melanie, (verh. Volle) Schneiderin, im Widerstand der Arbeiterbewegung (KPÖ) / Widerstand im Exil, "Österreichische Frauen im Widerstand", Dokumentationsstelle Frauenforschung, Institut für Wissenschaft und Kunst Wien.
  6. Christine Schatz, Daniel Löcker, Matthias Flödl: Auf verlorenem Posten. Georg Scheuer im Gespräch (Memento vom 11. März 2002 im Internet Archive) Video-Film, Lehrveranstaltung Kommunikationswissenschaftliche Methodenlehre (Oral History) mit Manfred Bobrowsky, Wien 1992.
  7. Nachruf auf Christa Scheuer-Weyl (1941–2006) (PDF) In: DÖW Mitteilungen. Folge 177, Juli 2006, S. 5: doew.at, abgerufen am 14. Oktober 2018.
  8. Fritz Keller, Kurt Lhotzky: Obituary Georg Scheuer (1914–1996) Encyclopedia of Trotskyism On-Line (englisch).
  9. www.friedhoefewien.at – Ehrenhalber gewidmete Gräber im Friedhof Feuerhalle Simmering (PDF 2016), abgerufen am 7. März 2018.

Diese Seite weiterempfehlen

Werbung