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Maria Szécsi

Zur Pathologie der Utopie

Gerd-Klaus Kaltenbrunner, Mutmaßungen über Marcuse, Neues FORVM, Januar/Februar 1968

Die geistige Bewegung, die sich als „Neue Linke“ präsentiert, ist die totale Revolte gegen die klassische Tradition des Marxismus. Sie hat, in wenig mehr als einem Jahrzehnt, eine geschlossene Gedankenwelt produziert, die in jeder Weise die verkehrte Matrix dieser Tradition darstellt. Das geht zusammen mit dem Rückgriff vom alten auf den jungen Marx, von der Ausbeutung auf die Entfremdung, von der soziologischen Methode auf die reine Dialektik, vom Rationalismus auf die Romantik und von der Wissenschaft auf die Utopie.

Mit dieser Wendung war so mancher positive Ansatz verbunden. Sie begann im und mit der Entstalinisierung als Akt der Befreiung von einem unbrauchbar gewordenen Dogma, mit frischem Blick auf die Wirklichkeit der modernen gesellschaftlichen Formationen, aktivem humanistischem Engagement, Öffnung zur pluralistischen Auffassung der Demokratie im Sinne der liberalen Tradition. Eine Sternstunde marxistischer Erneuerung schien unter dem Motto eines weltoffenen „sozialistischen Humanismus“ anzubrechen. Wer heute — im Westen zumindest — das Feld überblickt, wird solche Hoffnungen kaum mehr hegen.

Der geistige Raum der neuen Bewegung wird zusehends von jener entfesselten, fanatischen Sozialromantik besetzt, für die Herbert Marcuse federführend zeichnet. [1] Damit wird der eben erst gefundene Kontakt zur Wirklichkeit durch ein neues doktrinäres Schema verbaut, das konkret-humanistische Engagement einer neuen ideologischen Besessenheit geopfert und die Türe zu einer demokratischen Befriedung der Industriegesellschaft zugeschlagen.

Diese Entwicklung hängt nicht zufällig mit der Wiederbelebung des „Geistes der Utopie‘‘ zusammen. Denn dieser, sosehr er mit philosophischer Würde und ethischem Glanz ausgestattet ist, neigt seit je zur Fusion mit einer gänzlich unfruchtbaren, letztlich terroristisch-nihilistischen Radikalität. Die sozialistische Utopie trägt ihre Gegenutopie in sich.

Marx als Utopist

Nach klassisch-marxistischer Auffassung hat Marx die Utopie überwunden. (Engels’ „Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ lieferte hierzu den niemals angezweifelten Text.) Nach neomarxistischer Auffassung hat er sie — die Formulierung stammt von dem stets glücklichen Formulierer Ernst Fischer — wohl ‚‚aufgehoben“, aber in jenem Doppelsinn, der zugleich ‚‚aufbewahren“ bedeutet. [2] Meines Erachtens hat Marx vielmehr die eigentliche sozialistische Utopie überhaupt erst geschaffen.

Sofern man unter Utopie den Entwurf eines idealen gesellschaftlichen Zustands versteht, hat es vor Marx keine echte Utopie gegeben, jedenfalls keine, die die moderne Arbeiterbewegung hätte inspirieren können. Erst Marx hat an die Stelle der finsteren Karikaturen eines kommunistischen Zwangsstaates seiner „utopischen“ Vorläufer jene lichte Vision des sozialistischen Endziels gesetzt, die dem Streben nach Freiheit, Gleichheit und Solidarität gerecht wird. Erst Marx hat den magischen Kreis geschlossen, in dem die Ziele der Geschichte mit der Arbeiterklasse zusammenfallen mit dem vollendeten Reich der Freiheit. Erst diese Utopie hat die Massen mobilisiert und die linke Intelligenz fasziniert.

Die ideale Vollkommenheit des Marxschen Entwurfes wurde um den Preis jeder Konkretheit der historischen Vermittlungen zum fernen Endziel; dieses wurde nicht als zu verwirklichendes Ideal postuliert, sondern als bloße Aufdeckung des Resultats, dem die dialektische Bewegung der Gesellschaft ganz von selbst, über die Bewußtwerdung des Proletariats, zustrebt.

Diese metahistorische Dimension des Marxschen Ansatzes erlaubte die praktische Bewältigung der naiv-utopischen Radikalität, die sich zu Marx’ Zeiten längst hemmend auf die Arbeiterbewegung auswirkte. Sie hatte gleichsam einen Sterilisierungseffekt. Das ‚‚Endziel“ lag in so weiter Ferne, daß man es in der täglichen, theoretischen wie politischen Arbeit besten Gewissens aus den Augen verlieren konnte; zudem erschien die Herbeiführung dieses Ziels nicht mehr als Auftrag bestimmter Menschen, sondern war dem wunderbaren Mechanismus der historischen Notwendigkeit überantwortet.

So gewappnet konnte sich die Sozialdemokratie im Hier und Nun auf die dringenden Aufgaben der kapitalistischen Industriewelt konzentrieren. Gleichzeitig durften ihre Anhänger den Glauben an die Utopie weiter im Herzen tragen, ohne daß dies den Glauben an die strenge Wissenschaftlichkeit der Marxschen Gesamtkonzeption störte. Das Verhältnis der klassischen Marxisten zur Utopie war fest, aber geheim. Die Dame konnte jederzeit verleugnet werden.

Die „Neue Linke“ — von Bloch [3] bis Marcuse — hat dieses geheime Verhältnis in ein offenes umgewandelt. Sie „bekennt“ sich zur marxistischen Utopie als Summe der ethischen Ziele des Sozialismus. Sie präsentiert eine Fülle von Deutungen dieses zwiespältigen Begriffs: Hoffnung, Möglichkeit, Entwurf, Modell sind die am häufigsten auftauchenden Chiffren.

Aber welche Chiffre auch verwendet wird, um die Kluft zwischen Wirklichkeit und Ideal irgendwie zu überbrücken, und sosehr sich manche Vertreter dieser Richtung der mit solcher Schwärmerei verbundenen Gefahr des Realitätsverlustes bewußt sind: das einmal ausgesprochene Wort läßt sich nicht mehr an die Leine legen, es aktiviert die grenzenlosen Sehnsüchte und Leidenschaften; mit dem wissenschaftlichen Überbau der klassischen Interpretation wird auch die echte wissenschaftliche Disziplin weggeschwemmt, die in dieser Tradition immerhin gepflegt wurde.

Die einbekannte Utopie drängt zur Verwirklichung, aber diese ist praktisch wie gedanklich unmöglich, ohne mit ihren eigenen Zwecken in unlösbaren Widerspruch zu geraten. Daran sind die naiven Utopisten der vormarxistischen Ära spektakulär gescheitert. Mir scheint schon heute evident, daß ihre modernen Nachfahren, trotz ihrer gewaltigen philosophischen Überlegenheit, aus denselben Gründen zum Scheitern verurteilt sind.

Diktatur über die Bedürfnisse

Soweit die klassischen Marxisten die Zukunftsstaatsmodelle ihrer kommunistischen Vorläufer inhaltlich kommentieren (ihr Haupteinwand war gegen den Versuch solcher „aus dem Kopf konstruierter“ Entwürfe überhaupt gerichtet), nahmen sie vor allem deren offenbare Naivität aufs Korn. Allzuwenig beschäftigten sie sich mit der inneren Logik hinter dieser Naivität. Was übrigens auch von Bloch gilt, der gerne von der wieder einzufangenden „Liebeswelt“ der utopischen Sozialisten (zum Beispiel Weitlings) spricht, aber übersieht, daß diese Liebeswelt merkwürdig Orwellsche Züge trägt.

Man führe sich die Aufgabe vor Augen. Zu konstruieren ist das Modell einer eigentums-, geld- und marktlosen Naturalwirtschaft, in der „jeder nach seinen Fähigkeiten“ zum gesellschaftlichen Produkt beiträgt und ‚‚nach seinen Bedürfnissen“ empfängt. (Diese Formulierung stammt nicht von Marx, sondern von Saint-Simon. Sie war auch Cabet geläufig). Wie können Entscheidungen über Produktion, Arbeitspensum, Zuteilungsration zustande kommen?

Marx umging die Frage ökonomisch durchaus folgerichtig, indem er das Ende der Knappheit als Vorbedingung des „vollendeten Kommunismus“ postulierte, ohne allerdings die darin implizierte Annahme über die Natur der Bedürfnisse näher zu beleuchten. Wer aber die Antwort innerhalb eines absehbaren Zeitraums sucht, kann zu keinem anderen Resultat kommen als die in diesem Punkt außerordentlich realistischen ‚‚Utopisten“: Die Entscheidungen können nur von einem Gremium der Höchstqualifizierten Besten, Weisesten, Gebildetsten — im Lichte der Vernunft getroffen werden. Man könnte sich heute etwas laxere Bedingungen ausdenken, aber das würde wenig an dem Hauptprinzip ändern, daß die Befriedigung der Bedürfnisse von der Entscheidung der Planer abhängt. Die persönliche Freiheit muß der Gleichheit geopfert werden.

So entpuppte sich schon zu diesem frühen Zeitpunkt die leidige Frage der Bedürfnisse als die Kardinalfrage einer kommunistischen Ökonomie. Es ist erstaunlich, wie wenig Neues sich die „Neue Linke“ (oder auch die alte) seit damals zu diesem Problem hat einfallen lassen. Marcuses simple Zweiteilung in ‚‚vitale“ und alle anderen Bedürfnisse findet sich in einer ganzen Reihe kommunistischer Frühschriften, sehr säuberlich z.B. beim Schuster Weitling, der für die notwendigen ‚‚Genüsse“ Arbeitspflicht verlangt, während die unnötigen durch freiwillige Mehrarbeit erlangt werden können. [4]

Wie die ganze „Neue Linke“, übrigens auch viele gar nicht Linke, versprach sich schon Thomas Morus eine Begrenzung der Bedürfnisse durch Indoktrinierung der Bürger zur Verachtung des unvernünftigen Luxus und Schaffung asketischer Leitbilder bzw. nicht-materieller Anreize. Niemand zweifelte, daß man irgendwie zwischen vernünftigen und unvernünftigen Bedürfnissen unterscheiden könne. Bei diesem vagen „irgendwie“ blieb es bis heute in der ganzen reichen kulturkritischen Literatur betreffend die Konsumgesellschaft. Heute wie damals endet jeder, der von den „vernünftigen“ Bedürfnissen ausgeht, bei der Diktatur über die Bedürfnisse und damit über die Menschen, die Bedürfnisse haben.

Führer zum Glück

Eine vollkommene Gesellschaft kann nicht mehr verbessert werden. Freiheit ist daher ein überflüssiges, die Harmonie des Ganzen störendes Element. Eine solche Gesellschaft bedarf keiner Spielregeln zur Beilegung von Konflikten, weil es in ihr keine legitimen Konflikte geben kann. Sondern höchstens Mangel an Einsicht, behebbar durch Erziehung (stets der Deus ex machina der fehlenden Soziologie).

So präsentieren sich sämtliche utopischen Modelle im Geiste Platos als elitäre Herrschaftsformen, bestenfalls im Geiste Rousseaus als plebiszitäre und deshalb undemokratische Demokratien, wo ein abstrakter „allgemeiner Wille“ über den konkreten Willensäußerungen der Menschen steht. In jedem Fall steht ein totalitär-geschlossenes Staatswesen am Ende der Suche nach dem vollkommenen Glück. „Anhänger der Gleichheit!“ — so heißt es in den Reden von Enfantin über die Lehre seines Meisters —

Saint-Simon sagt, daß Lenker an Eurer Spitze stehen werden ... Aber diese Führer werden Euch lieben, sie werden am besten in der Lage sein, Eure Gefühle anzusprechen, Euren Verstand zu bereichern, Eure Güter zu mehren ... sie werden Euch sozusagen ohne Euer Wissen zu Eurem Glück lenken, weil sie darüber nachsannen und es vor Euch entdeckt haben. [5]

Demselben Muster folgen Weitlings „Fähigkeitswahlen“, d.h. die Ermittlung der Führer durch objektive Prüfungen in den Künsten und Wissenschaften, oder auch Cabets Plan, alle Bücher verbrennen zu lassen, die durch bessere und neuere ersetzt werden können, und nur „geprüfte Poeten“ zuzulassen. [6] Es bedarf keiner großen Phantasie, um die Brücke zur Gegenwart zu schlagen und in den Auffassungen Saint-Simons implicite die Ideologie des Bolschewismus wiederzuerkennen: die elitäre Konstruktion der Partei, ihre Erhebung zum höchsten Tribunal in allen Fragen des Wissens und der Moral.

Utopie kontra Demokratie

Was in der Französischen Revolution als Herrschaft der abstrakten Vernunft begann, wird bei den vormarxistischen Kommunisten zur Herrschaft der Vernünftigen, im verwirklichten Kommunismus zur Herrschaft der von der marxistischen Wissenschaft mit Einsicht in die Vernunft der Geschichte ausgestatteten Parteiführung. Die „Volksmassen“, die „Proletarier“, sind hier wie dort nur Rollenträger im großen Plan der Vernunft (oder der Geschichte), ohne daß ihre konkreten Willensäußerungen diesen Plan bestimmen könnten.

Da jede soziale Utopie ein Heilsplan ist, muß sie zur antidemokratischen Gegenutopie entarten. Der Fehler der naiven Utopisten war nur, daß sie — mangels gründlicher hegelianischer Bildung — noch nicht imstande waren, dieses fundamentale Dilemma dialektisch zu vernebeln. In dieser Hinsicht hat Marcuse ihnen alles voraus.

An dieser Stelle ist der Einwand fällig, daß die „Neue Linke“ im Gegensatz zu Saint-Simon und dem etablierten Kommunismus weder die Vernunft noch die historische Mission des Proletariats zum Vehikel ihrer Forderung macht, sondern direkt und vehement auf das „Reich der Freiheit“ losgeht, auf die volle individuelle Autonomie, die allen Repressionen ein Ende setzen soll.

Gewiß ist noch nie ein kompletterer Freiheitskatalog präsentiert worden als von Stürmern und Drängern der heutigen jungen Generation. Doch ist es mit diesem grenzenlosen Freiheitsstreben wie mit jedem anderen Streben nach Vollkommenheit. Die Mao-Plaketten an der Brust der jungen Kommunarden mögen vorderhand als eine Art von Happening gedacht sein; sie zeigen nichtsdestoweniger, wie leicht der Funke von der totalen Freiheit zur totalen Unfreiheit überspringt. Wie die historische Erfahrung zeigt, kann diese sehr leicht verwirklicht werden, die Möglichkeit jener muß hingegen erst bewiesen werden.

Prinzip Hoffnungslosigkeit

Wer sich Ziele ohne Grenze setzt, sagte schon Durkheim, verurteilt sich zur Negation, im Extremfall zur Negation seiner selbst, zum Selbstmord. Denn der Abstand zu einem im Unendlichen liegenden Ziel bleibt immer der gleiche, man kommt nicht näher, was immer man tut, und man kann die ewig sich wiederholenden Enttäuschungen nicht ertragen. [7]

Diese scharfsinnige Diagnose hat Marcuse bestätigt. Auch er sieht den Zusammenhang von Utopie und Negativität („Unser Denken muß noch utopischer und noch negativer werden“). Er kennt keine Brücke zwischen Gegenwart und (von ihm erdachter) Zukunft, keine Mittel, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Er kommt zum gleichen Schluß wie Durkheim: für die Anhänger seiner „kritischen Theorie“ gibt es keine Hoffnung auf Erfolg, sie können nur „jenen die Treue halten, die ohne Hoffnung ihr Leben der Großen Weigerung hingegeben haben und hingeben“. [8]

Hoffnungslos leben oder Selbstmord. Auf solch dünnem Seil vollzieht sich der Balanceakt der utopischen Logik zwischen dem Blochschen Prinzip Hoffnung und dem Marcuseschen Prinzip Hoffnungslosigkeit („dialektisch“ gesehen sind die beiden vermutlich identisch).

Liegt das Ziel im Unendlichen, bleibt nicht nur der Abstand zu ihm im Ablauf der Zeit immer der gleiche, sondern es haben auch alle Punkte, die im Endlichen liegen, den gleichen Abstand von ihm. Jagt man Utopia nach, verschwindet jeder Unterschied zwischen verschiedenen Graden der Unvollkommenheit auf dieser unvollkommenen Erde. Es gibt keine größeren und kleineren, tragbaren und untragbaren Übel, nur mehr das Übel an sich. Damit wird gleichgültig, welche neuen Übel durch die eigene Aktion in die Welt gesetzt werden könnten; sie alle sind gleich groß, gemessen am eigenen, überdimensionalen Ideal.

So reproduziert die utopische Logik die Haltung der Kommunisten bis zum Sieg Hitlers (Ablehnung der Politik des „kleineren Übels“); sie trug, wie heute wohl von niemandem bestritten wird, ihr gerütteltes Maß an Schuld für die große Katastrophe. Man mag verstehen, daß die Jugend über diesen Abgrund hinwegsieht; nicht aber, daß Intellektuelle der älteren Generation, denen die dreißiger Jahre tief in den Knochen sitzen, bewußt davor die Augen verschließen.

Sublimierte Sklaven?

Die Maßlosiskeit der Kritik der „Neuen Linken“ am modernen Wohtlfahrtsstaat westlicher Prägung bewirkt einen Distanzverlust im Feld der realen Möglichkeiten. Die „totale“ Kritik läßt keine Steigerung der Empörung übrig, keine Reserven an Leidenschaft zur Abwendung des wirklich Untragbaren. Was bleibt für den echten, erlebten Totalitarismus in all seiner Brutalität, wenn auch die heutige Demokratie nichts anderes ist als eine besonders heimtückische Form der „totalitären Besetzung“, deren „scheinbare“ Freiheiten ‚‚repressiven“ Charakter haben, deren Menschen nichts sind als „sublimierte Sklaven“ oder „total verwaltete Objekte“?

Diese Begriffe sind inhaltsleer, weil sie praktisch alle realistisch denkbaren Tatbestände umfassen, weil sie niemals definiert, abgegrenzt, operabel gemacht werden. Darüber kann man lange und mit beliebigem Aufwand an Gelehrsamkeit diskutieren. Sie sind aber überdies darauf angelegt, den Unterschied auszulöschen zwischen jener Art von Zwang, die zum Tod in Auschwitz oder in der Lubjanka führte, und dem Zwang des ‚‚repressiven Bedürfnisses“ nach einem Auto mit einer überflüssigen Schwanzflosse. Das kann nur mittels einer Psychopathologie der politischen Leidenschaften begriffen werden.

Dasselbe gilt für den selbstmörderischen Gedanken einer Revolution der ‚‚Outsider“, mit dem Marcuse zwar esoterisch, aber doch kokettiert. Weigert sich das Proletariat, die ihm von der Geschichte zugewiesene Rolle zu spielen, glaubt es fälschlicherweise, sein Glück selbst entdecken zu können — dann müssen eben die unterdrückten Minoritäten, die „Ausgestoßenen“, die Kriminellen das wahre Glück der Menschheit vom Himmel holen. Muß man schon den Hamlet ohne den Prinzen von Dänemark spielen, will man doch auf das blutige Ende nicht verzichten.

Bruch mit der Femme Fatale

Die utopische Logik hat mit Marcuse ihren End- und Nullpunkt erreicht: eine dialektisch vollendete, in sich geschlossene, von außen unangreifbare, weil jeder empirischen Verifizierung oder Falsifizierung entrückte Ideologie des Nihilismus. Es wäre eine Illusion, zu glauben, daß man die beschworenen Geister durch eine Blochsche Utopie „mit Maß und Bestimmung“ zur Ruhe bringen könnte. Es liegt in der Natur des utopischen Denkens, jedes Maß zu verlieren und jede Orientierung auf bestimmbare Ziele zu verweigern.

Das humanistische Ziel des Neomarxismus konnte vielleicht nur über den „Geist der Utopie“, über die Wiederbelebung des jungen Marx, den Durchbruch durch die klassische Tradition erzielen. Aber in Wirklichkeit bedarf es dieser romantischen Verklärung nicht. Eine auf den konkreten Menschen bezogene, sozialistische Wertordnung ist ohne „Utopia“ möglich. Sie erfordert geradezu den endgültigen Bruch mit dieser zwielichtigen Femme fatale des Sozialismus. In Wirklichkeit ist, wie im Grunde kaum jemand bezweifelt, die Unvollkommenheit der Menschen und der von ihnen geschaffenen gesellschaftlichen Zustände eine unaufhebbare Condition humaine.

Daher ist verantwortungsvolles gesellschaftliches Handeln nur im Bewußtsein dieser Beschränkung möglich. Es hört auf, wo die Entsprechung von Mittel und Zweck nicht mehr aus historischer Erfahrung abgeleitet werden kann. Eine solcherart auf menschliches Maß reduzierte Perspektive bedeutet den endgültigen Verzicht auf irreale Zielvorstellungen wie „Reich der Freiheit“, „Aufhebung der Entfremdung“, ‚‚Selbstverwirklichung des Menschen“, „Absterben des Staates“. Keineswegs bedeutet dies den Verzicht auf Radikalität, Kritik, Widerstand. Diese menschliche Perspektive ist kein Aufruf zum Konformismus oder zur Integration in das Bestehende. Sie soll nur vor dem Amoklauf der utopischen Logik bewahren.

[1Vgl. Herbert Marcuse, Die Gesellschaft als Kunstwerk, Neues FORVM, November/Dezember 1967.

[2Ernst Fischer, Kunst und Koexistenz, Hamburg 1967, S. 51.

[3Vgl. Ernst Bloch, Der Mensch als Möglichkeit, Neues FORVM, August/September 1965; desgl. Oktober 1962, Juli/August 1963, Dezember 1963, Februar 1964, Januar 1967, Februar 1967, August/September 1967.

[4Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, Neuwied 1966, S. 68 u.a. — Vgl. Wilhelm Weitling, Garantien der Harmonie und Freiheit (1843).

[5Die Lehre Saint-Simons, hg. von Gottfried Salomon Delatour, Neuwied 1962, S. 219.

[6Etienne Cabet und der ikarische Kommunismus, hg. von Dr. H. Lux, Stuttgart 1894, S. 150ff.

[7Emile Durkheim, Über die Anomie, in: Klassiker der Soziologie, hg. von C. W. Mills, Frankfurt 1966, S. 395f.

[8Herbert Marcuse, op.cit., S. 268.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1968
, Seite 325
Autor/inn/en:

Maria Szécsi: Redakteurin von „Arbeit und Wirtschaft“, dem Organ des Österreichischen Gewerkschaftsbundes und der Arbeiterkammern, Ko-Autorin des Werkes „Die NS-Justiz in Österreich“, publiziert in einer Reihe österreichischer Periodika.

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