FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1966 » No. 146
Otto Bauer

Wir Bolschewiken

Aus der „Arbeiter-Zeitung“ vom 23. Oktober 1932

Der Bundeskanzler hat mir Freitag zugerufen: „Sie sind ein Bolschewik! Sie haben sich nie ehrlich zur Demokratie bekannt!“ Ich habe dem Bundeskanzler im Parlament nicht antworten können. Man kann nicht Gesinnungsbekenntnisse ablegen angesichts jener grinsenden und tobenden Ignoranz, deren Urinstinkte der Kanzler mit so handgreiflichem Erfolg gegen mich aufzupeitschen suchte. Aber ich will dem Bundeskanzler an dieser Stelle antworten. Nicht um seinetwillen, sondern um der Tausende junger Arbeiter, Angestellten, Studenten willen, die auf mich hören und von denen ich nicht mißverstanden sein will.

Auf dem ungeheuren Raum zwischen der Ostsee und dem Japanischen Meer leben mehr als hundertsechzig Millionen Menschen. Ihre Zahl wächst jährlich um dreieinhalb Millionen — in zwei Jahren um mehr, als unser Österreich Einwohner hat. Auf diesem Gebiet vollzieht sich seit fünfzehn Jahren eine Revolution, die Wirtschaft und Staat, individuelle Lebensführung und geistiges Leben noch viel tiefer umgewälzt hat als die gewaltige Englische Revolution des siebzehnten und die gewaltige Französische Revolution des achtzehnten Jahrhunderts. Was immer das schließliche Resultat dieser Revolution sein wird — sie bleibt das ungeheuerste Geschehen unserer Zeit. Der Historiker, der in fünfzig Jahren die Weltgeschichte unserer Zeit erzählen wird, wird der Russischen Revolution mehr Bände widmen als allem, was nach dem Kriege in unserem Österreich geschehen ist, Zeilen. Jeder denkende Zeitgenosse ringt mit den ungeheuren Problemen des Bolschewismus. Nur Spießern ist das Wort Bolschewik nicht mehr als ein Schimpfwort.

Ich sehe die weltgeschichtliche Größe dessen, was in der Sowjetunion geschieht. Ich bemühe mich seit fünfzehn Jahren, es gewissenhaft zu studieren. Aber ich bin kein Bolschewik. Was mich vom Bolschewismus scheidet, sind nicht etwa bloß taktische Erwägungen darüber, daß die Methode der Bolschewiken, in der Geschichte und in der sozialen Struktur Rußlands begründet, in West- und Mitteleuropa nicht nachgeahmt werden kann. Was mich vom Bolschewismus scheidet, ist etwas viel Wesentlicheres als alle taktischen Erwägungen, ist etwas Grundsätzliches, etwas, was in meiner ganzen Auffassung der Entwicklung der menschlichen Kultur begründet ist: ist meine Schätzung des unersetzlichen Wertes der individuellen, der geistigen Freiheit.

In jahrhundertelangen Kämpfen, in denen die Besten der Menschheit Freiheit und Leben geopfert haben, haben die europäischen Nationen dem Staat und der Kirche die Bürgschaften der individuellen, der geistigen Freiheit abgerungen.

Es gäbe keine Wissenschaft, vor allem keine moderne Naturwissenschaft, ohne die schwer erkämpften großen Siege im Kampfe um die geistige Freiheit. Und ohne die moderne Naturwissenschaft gäbe es keine moderne Technik, Medizin, Hygiene, keine moderne Zivilisation.

Es gäbe kein modernes öffentliches Leben, kein Ringen der großen Geistesströmungen um die Seele der Völker, ohne jene schwer erkämpften Errungenschaften der individuellen, der geistigen Freiheit — nicht jene große Schule, in der allein die Völker zur Selbstbestimmung reifen können.

Es ist meine Überzeugung, daß der Sozialismus die Bürgschaften der individuellen geistigen Freiheit nicht zerstören soll, sondern sie, das kostbarste Erbe des Zeitalters der bürgerlichen Revolutionen, hinüberretten muß in die sozialistische Gesellschaft der Zukunft, in der sie erst, von aller kapitalistischen Verfälschung und von allen kapitalistischen Fesseln befreit, ihre volle Entfaltung finden, ihre volle Schöpferkraft bekunden werden.

Wenn ich lese, daß die russische Diktatur Männer wie Sinowjew, Kamenjew, Uglanow ausstößt und mundtot macht, nur weil sie über die oder jene Einzelfrage anderer Meinung sind als der Diktator, und daß für diese Männer nicht die geringste Möglichkeit besteht, in Wort oder in Schrift für ihre abweichende Meinung im russischen Volke zu werben oder sie vor dem russischen Volk zu rechtfertigen; wenn ich sehe, wie auf einen Wink des Diktators alle Gelehrten im weiten Rußland ihre soziologischen, ihre philosophischen Überzeugungen bei Strafe der Amtsentsetzung, der Verhaftung, der Verbannung verleugnen oder revidieren müssen; wenn ich sehe, wie jeder russische Arbeiter, Bauer, Beamte, der eine der Regierung mißliebige Meinung zu äußern wagt, ohne gerichtliches Verfahren, auf administrativem Wege verhaftet und schwersten Strafen unterworfen werden kann, dann fühle ich: da kann ich nicht mit! Da scheidet mich vom Bolschewismus meine Schätzung des Wertes der individuellen geistigen Freiheit.

Um der individuellen geistigen Freiheit willen bin ich Demokrat. Die Demokratie — das ist mir etwas mehr als der Parlamentarismus, mehr als eine Summe juristischer Institutionen. Sie ist mir die Staatsverfassung, die die bestmöglichen Bürgschaften der individuellen, der geistigen Freiheit gibt. Sie ist mir das kostbare Gefäß der geistigen Freiheit.

Meine demokratische Überzeugung hat also, Herr Dr. Dollfuß, etwas tiefere Wurzeln als die demokratischen Bekenntnisse derer, die sich mit der Demokratie „abgefunden“ haben, als sie nicht mehr anders konnten, und nach der Autokratie wieder auszulugen beginnen, sobald sie eine Konjunktur für sie wittern.

Haß und Hoffnung

Aber wenn ich die geistige Freiheit schätze, so hasse ich mit unauslöschlichem Haß den Kapitalismus. Ich hasse diese Gesellschaftsordnung, deren Mechanismus unabwendbar in jedem Jahrzehnt einmal Millionen Menschen in furchtbarste Not schleudert, nicht weil es an Gütern fehlte, sie mit allem Notwendigen zu versorgen, sondern weil es nicht profitabel ist, diese Güter zu erzeugen. Ich hasse diese Gesellschaftsordnung, die die Könige des Goldes zu Herren der Welt macht und alle demokratische Selbstbestimmung der Völker verfälscht, indem sie alle Staaten und alle Regierungen hundertfältig abhängig macht.

Und sehen Sie nun, Herr Dollfuß: wenn die Diktatur des russischen Bolschewismus gewaltsam gestürzt würde, dann würde die Menschheit für geraume Zeit den Glauben an die Möglichkeit einer anderen, einer höheren Gesellschaftsordnung als der des Kapitalismus verlieren; dann würde dadurch die Lebensdauer der kapitalistischen Barbarei verlängert.

Deshalb, Herr Dollfuß, setze ich meine Hoffnung nicht auf den Sturz der russischen Diktatur, sondern darauf, daß es ihrem zähen, heroischen Ringen schließlich doch gelingen wird, die riesenhaften Schwierigkeiten, mit denen sie kämpft, zu meistern.

Glaube ich, daß dann, wenn das dem russischen Bolschewismus gelänge, die anderen Völker nichts zu tun haben werden, als das russische Vorbild zu kopieren? Nein, das glaube ich nicht. Nur die Naivität von Menschen, die keine Geschichte gelernt oder nichts aus der Geschichte gelernt haben, kann glauben, daß sich die soziale Umwälzung des zwanzigsten Jahrhunderts in allen Ländern in der gleichen Weise, mit denselben Methoden, nach demselben Schema vollziehen werde.

Vergesse ich, wenn ich Hoffnungen auf die russische Revolution setze, was mich vom Bolschewismus scheidet? Nein! Aber ich bin überzeugt: wenn die Sowjetdiktatur gewaltsam gestürzt würde, dann würde in Rußland nicht die individuelle, nicht die geistige Freiheit siegen, sondern die rote Diktatur nur von einer weißen Diktatur abgelöst werden. Wenn dagegen der Sowjetdiktatur das Werk des sozialistischen Aufbaues gelingt, wenn es ihr allmählich gelingen wird, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu meistern, die Ernährung und die Güterversorgung der russischen Arbeiter und Bauern zu verbessern, wenn sich damit die gefahrvollen Spannungen, die heute das Aufbauwerk gefährden, allmählich lösen werden, wenn eine junge Generation, in sozialistischen Schulen erzogen, die alte, deren Geisteszustand noch in der bürgerlichen Welt wurzelt, abgelöst haben wird, dann wird die Diktatur überflüssig geworden sein und abgebaut werden können. Dann wird sich die russische Arbeiterschaft, ohne irgend etwas von dem Sozialistischen im Wirtschaftsleben, das die Diktatur aufzubauen versucht, in Gefahr zu bringen, die individuelle, die geistige Freiheit wieder erobern, ohne die echter Sozialismus nicht sein kann.

Das, Herr Dollfuß, ist meine Stellung zum Bolschewismus. Sie ist, ich gestehe es, zu subtil, als daß sie jener Ignoranz verständlich sein könnte, die Ihrem „Sie sind ein Bolschewik!“ entzückt grinsend applaudiert hat.

Aber ich spreche nicht zu jener Ignoranz. Ich spreche zu jenen Tausenden jungen Arbeitern, Angestellten, Studenten, die zu echter sozialistischer Gesinnung zu erziehen ich für die wichtigste Aufgabe des im öffentlichen Leben wirkenden Sozialdemokraten halte.

Zu echter Gesinnung, die in einer großen einheitlichen Auffassung der Kulturentwicklung der Menschheit fest begründet ist. Denn nur eine beständige, in Grundsätzen verwurzelte, sich selbst unerschütterlich treue Gesinnung kann alles Wirken in der Tagespolitik, das täglich taktische Wendungen und täglich Kompromisse mit der Wirklichkeit zwingend erheischt, als dienendes Mittel zu dem in der Gesinnung begründeten Ziele rechtfertigen und adeln.

Darum bemühe ich mich, unsere Jugend zum Verständnis des Wertes solcher in fester Weltanschauung begründeter Gesinnung zu erziehen.

Als Seipel starb, habe ich das Bild seiner Persönlichkeit in der „Arbeiter-Zeitung“ nicht mit den Augen des Gegners, der ihm tausendmal kämpfend gegenübergestanden ist, sondern mit den Augen des Historikers darzustellen versucht. Manche meiner Genossen haben mir darum gegrollt. Ich habe trotzdem nie bedauert, es getan zu haben. Denn ich wollte diese Gelegenheit benützen, unsere Jugend die Achtung vor jeder echten Gesinnung, auch vor der Gesinnung unseres schärfsten, haßerfülltesten, gefährlichsten Feindes zu lehren, wenn nur seine Gesinnung im ganzen Wesen des Mannes, in seiner ganzen Weltanschauung begründet ist. Aber eben weil ich unsere Jugend die Achtung vor jeder echten Gesinnung lehren will, deshalb lehre ich sie die Gesinnungslosigkeit verachten — Gesinnungslosigkeit, die sich in Respektsbezeugungen, in Freundlichkeiten, in Wünschen nach Zusammenarbeit überbietet und dann in dem Augenblick, in dem sie um den Beifall der grinsenden Unwissenheit wirbt, demselben politischen Gegner öffentlich zuschreit: „Sie sind ein Bolschewik!“

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1966
, Seite 89
Autor/inn/en:

Otto Bauer:

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