FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1961 » No. 87
Marian Kamil Dziewanowski

Wiedersehen mit Osteuropa

Nach zwanzig Jahren wieder Jugoslawien und Polen zu besuchen, ist ein interessantes Erlebnis. Aber nach vierzig Jahren aus Amerika nach Rußland zu kommen, ist ein Abenteuer. Vierzig Jahre sind eine lange Zeit und vierzig nachrevolutionäre Jahre erst recht. Es heißt, daß Kriegsjahre doppelt zählen. Wenn dem so ist, dann zählen Revolutionsjahre dreifach oder vierfach. Außerdem handelt es sich in Rußland um die gründlichste Revolution der Weltgeschichte.

Das Land, an das ich mich erinnerte, war das Rußland des Bürgerkriegs, gesehen durch die Augen eines Kindes. Das Land, in das ich jetzt wiederkam, war das Rußland der Sputniks und des Siebenjahrplanes. Nach der nahezu babylonischen Atmosphäre New Yorks die nahezu puritanische von Leningrad und Moskau. Dort eine wirblige, lebenslustige Gesellschaft, in der Vergnügungssucht und Verschwendung beinahe als Tugenden gelten und jedenfalls als Merkmal des Erfolges; hier eine spartanische Nüchternheit, für die es nichts Höheres gibt als Arbeit und Disziplin. Dort eine schwelgerische Prosperität, hier eine streng auf das Nötigste abgestellte Lebensform. Dort werden jährlich zwei Milliarden Dollar allein für die Verpackung der Konsum-Luxusgüter ausgegeben, hier hebt man das Zeitungspapier sorgfältig auf, um Nahrungsmittel darin einzuwickeln ... Es kommt beinahe einer interplanetarischen Reise gleich, innerhalb weniger Tage mit diesen beiden Welten konfrontiert zu werden.

Die Sowjetunion wirkt auf den Neuankömmling am ehesten wie ein einziger, riesiger Bauplatz. Auf Schritt und Tritt sieht man neu entstandene oder neu entstehende Fabriken, Wohnhäuser, Straßen, Flughäfen und Kanäle, und das ist ein gewaltiger Eindruck. Man könnte den Kran als das Symbol des neuen Rußland bezeichnen. Die Bevölkerung scheint mit grimmiger Entschlossenheit an der Arbeit zu sein. Die noch sichtbaren Kriegsschäden sind auffallend geringer als in Polen, obwohl der westliche Teil der Sowjetunion vom Krieg ebenso stark mitgenommen worden war. Die Bemühungen der Sowjetwirtschaft, den Lebensstandard zu heben, werden deutlich zur Schau gestellt — deutlich, aber nicht immer mit bester Wirkung. Der Unterschied zwischen den imposanten Industriebauten und der Kleidung der Durchschnittsbürger ist gar zu groß, und der kleine Lebensmittelladen neben der großen Stahlfabrik nimmt sich gar zu armselig aus.

Es dauert nicht lange, bis man unter der neuen, vom Kommunismus geschaffenen Oberfläche die ersten Züge des alten unvergänglichen Rußland entdeckt. Sie sind noch so zahlreich vorhanden, daß George F. Kennan, der bedeutende Sowjetexperte, auf die Frage nach der besten ihm bekannten Schilderung des neuen Rußland ohne Zögern antworten konnte: „Das Tagebuch des Marquis de Custine“ (es stammt aus dem 18. Jahrhundert).

Das nächste, was dem Betrachter auffällt, ist der kompakte, durch nichts gelockerte Ernst, der von den Menschenrudeln auf den Straßen ausgeht. Alle diese Menschen scheinen nichts anderes im Sinn zu haben als ihre Arbeit, ihre Pflichten, ihren niemals wechselnden Alltag. Auch wenn sie nicht wirklich traurig sind: sie wirken so. Graf Ségur, der zur Zeit Katharinas II. als französischer Botschafter in St. Petersburg war, schrieb in seinen Tagebüchern von den „düsteren Mienen, der ausdruckslosen Physiognomie und der fast apathischen Ratlosigkeit“ der russischen Bevölkerung, und Peter Tschadajew, eine Art Pasternak des 19. Jahrhunderts, klagte in seinen französisch erschienenen „Philosophischen Briefen“ über „die traurige Stummheit unserer Gesichter“. Daran hat sich offenbar bis heute nichts geändert. Wer das jedoch für einen Ausdruck der geheimnisvollen „slawischen Seele“ hielte, wäre im Irrtum, und schon ein kurzer Aufenthalt in Jugoslawien oder Polen würde ihn eines anderen belehren. Im Vergleich zu Rußlands „dumpfen, einsamen Massen“ wirken die quicklebendigen, redefreudigen Polen und die lächelnden, heftig gestikulierenden Jugoslawen wie ein sorgloser, glücklicher Menschenschlag.

Bei einem Besuch in diesen drei Ländern wird man nicht nur drei verschiedene Stadien des kommunistischen Experiments kennenlernen, nicht nur drei verschiedene Ausprägungen der gleichen Doktrin, sondern schlechtweg drei verschiedene Lebenshaltungen. In Rußland ist die Herrschaft der Kommunistischen Partei am tiefsten verankert. Auch in Jugoslawien ist sie, wenngleich in einer anderen Spielart, allgemein akzeptiert. Nicht so in Polen. Ich habe mich fünf Wochen lang in Polen aufgehalten und habe in dieser Zeit kaum jemals eine rote Fahne, einen Sowjetstern oder das Hammer-und-Sichel-Emblem zu sehen bekommen. Die öffentlich ausgehängten Fahnen zeigen die rot-weißen Nationalfarben Polens. Bilder von Gomulka sah ich nur in den Parteilokalen, wogegen Jugoslawien mit Tito-Portraits geradezu übersät ist, in weit größerer Anzahl als Rußland mit den Bildern Chruschtschews. Kein Zweifel, daß Gomulkas persönliche Bescheidenheit mit ein Grund ist, warum er so wenig in Erscheinung tritt. Doch spielt da ebenso gewiß auch die Abneigung der Polen gegen jede Art von Personenkult eine Rolle. Selbst auf dem Höhepunkt der stalinistischen Machtfülle gab es in ganz Polen kein einziges Stalin-Monument. Zwar wurden zahlreiche Konkurrenzen veranstaltet und zahlreiche Preise ausgeschrieben, aber vor den Augen des polnischen Parteiführers Boleslaw Bierut fand keines dieser Projekte Gnade: „Nicht schlecht“, pflegte er zu sagen, „aber unser großer Stalin verdient etwas viel besseres!“ Und so veranstaltete man noch einen Wettbewerb, und dann noch einen, und Stalin starb, ohne im größten seiner Satellitenländer ein einziges Denkmal bekommen zu haben.

Auch in bezug auf den totalitären Druck des Regimes unterscheiden sich die drei Länder sehr erheblich. Die Polen bekommen diesen Druck im täglichen Leben kaum zu spüren, und die Angehörigen der polnischen Miliz tragen denn auch nicht annähernd das Selbstbewußtsein ihrer sowjetischen und jugoslawischen Kollegen zur Schau. Man könnte sagen, daß Polen eher ein autoritärer als ein totalitärer Staat ist. In Rußland ist das Regime allgegenwärtig: die strengen, unnachgiebig ernsten Gestalten der blau-rot Uniformierten, die Torwachen an den Hauseingängen, die hochbusigen Schlüsselbewahrerinnen in jedem Hotel-Stockwerk, die genau notieren, um welche Zeit der Schlüssel behoben und zurückgestellt wird, die Ausweispapiere für den internen Reiseverkehr und eine Unzahl anderer, bis ins kleinste Detail berechneter Maßnahmen gestatten dem Regime, das Leben der Untertanen auf Schritt und Tritt in Evidenz zu halten.

In Polen kann man frei reisen und frei reden. Die polnischen Kommunisten haben kein übermäßiges Vertrauen zum Ansehen ihrer Partei und sind, anders als die sowjetischen und jugoslawischen, keineswegs stolz darauf, der Regierungspartei anzugehören; ja man hat nicht selten den Eindruck, als wollten sie sich dafür entschuldigen: „Ja gewiß, ich bin Parteimitglied, aber ich war niemals Stalinist ...“, oder „Sie müssen bedenken, daß ich dem revisionistischen Flügel der Partei angehöre ...“, oder dergleichen Auskünfte mehr, die dem neugierig fragenden Besucher zuteil werden.

Zu den vergnüglichsten Erlebnissen meines Aufenthaltes in Osteuropa zählten die Theaterabende und die diversen Volkskunst-Darbietungen. Sie sind in Rußland wie in Polen für gewöhnlich sehr gut, in Jugoslawien hingegen viel schlechter. Rußland besitzt überdies eine Reihe von einzigartigen Marionettentheatern; jenes in Moskau, das „Eremitage“-Theater, gehört zu den besten, die ich je gesehen habe. Die Theaterkultur ist in Moskau wie in Warschau auf einem hohen Stand; was freilich nichts Neues ist, denn beide Städte verfügen schon seit Generationen über erstklassige Theater. Auch hat ihr derzeitiger Stand nichts Einzigartiges an sich; eine Aufführung des „Kirschgarten“ im Old Vic oder im Pariser Odéon ist ebenso gut wie die im Moskauer Künstlertheater.

Einzigartig und alle Erwartungen übertreffend ist hingegen die Blüte der Satire und des satirischen Theaters in Polen. Was hier geboten wird, ist Vorkriegsqualität, wenn nicht noch besser, und vor dem Krieg war das satirische Theater in Polen sehr gut. Die meisten derartigen Kabaretts sind heute Studentenbühnen, und sie alle haben Überschuß an Vitalität, Individualismus und Witz. Viele von ihnen besitzen jene Bohême-Atmosphäre, die an das Quartier Latin oder an Greenwich Village erinnert, aber die Mehrzahl der Besucher wird von seriösen Durchschnittsbürgern gestellt, die darauf aus sind, einmal in freierer Luft zu atmen und Beifall zu klatschen, wenn auf die Regierung losgegangen wird. Diese Art von Satire ist die eigentliche Existenzgrundlage der polnischen Kabaretts, und die Studentenbühnen bezeugen dabei mehr Mut als jene, die mit Berufsschauspielern arbeiten. Im Danziger Studentenkabarett „Bim Bom“ leistet man sich Scherze von der Art des folgenden: Ein Mann in einem schäbigen Konfektionsanzug typisch sowjetischen Stils sitzt an einem Kaffeehaustisch und liest aus der „Prawda“ die Sätze: „In der Sowjetunion haben wir nun den Liberalismus. Wer nicht liberal ist, wird eingesperrt.“ Wenn dies beim Publikum, wie in der Regel, statt Gelächter bloß unsicheres Schweigen produziert, betritt der Conférencier die Bühne und sagt: „Warum lachen Sie nicht? Wissen Sie nicht, daß Sie jetzt lachen dürfen? Genauer gesagt, müssen Sie jetzt sogar lachen!“ Auch im Kabarett „Szpak““ („Sternchen“) hört man Sketche von verblüffender Offenheit: Zwei Männer diskutieren über die Schwierigkeiten des polnischen Alltags. Der eine kommt zu dem Schluß, daß unter dem Kommunismus das Leben unerträglich sei. „Was ist die beste Art, Selbstmord zu begehen?“, fragt er seinen Gesprächspartner. „Weißt du das nicht?“ repliziert dieser, „du springst einfach in den Abgrund, der die Partei vom Volk trennt.“

Die polnische Zensur hat an der Kritik, die in den Kabaretts geübt wird, keine Freude, duldet sie jedoch als das relativ ungefährlichste Ventil für die aufgestaute Unzufriedenheit und die wachsende Enttäuschung über die seit 1957 sich mehrenden Unterdrückungsmaßnahmen. Gomulka befindet sich in einer heiklen Lage; die meisten Polen geben zu, daß er der Moskauer Zensur Rechnung tragen muß, welche durch ihre Agenten jedes in Polen gedruckte Wort sorgfältig überwacht. Seit Oktober 1956 wurde das Büro des sowjetischen Kulturattachés in Warschau beträchtlich erweitert — weil eben die Sowjetunion darauf besteht, alles, was die polnische Zensur passiert, neuerlich zu prüfen. Daher wird schon die polnische Zensur mit großer Sorgfalt gehandhabt, wobei Veröffentlichungen volkstümlichen Charakters schärferen Maßstäben unterliegen als literarische oder wissenschaftliche Publikationen.

Seit der Oktoberrevolution hat sich das damals errungene Maß kultureller Freiheit ohne Zweifel sehr stark vermindert. Dennoch ist Polen, verglichen mit der Sowjetunion und sogar mit Jugoslawien, immer noch ein relativ freies Land. In jeder größeren polnischen Stadt sind Bücher aus dem Westen erhältlich, ebenso ein halbes Dutzend englischer oder französischer Zeitungen und Zeitschriften, vor allem der „Manchester Guardian“ und „Le Monde“, bisweilen die „Times“, ferner die Pariser Ausgabe der „New York Herald Tribune“ und sogar Magazine wie „Vogue“. Hingegen sind in Rußland keine ausländischen Zeitungen und Zeitschriften (außer den kommunistischen) erhältlich und in Jugoslawien nur wenige. Polen jedoch ist durch den kulturellen Austausch seit 1956 auf geistigem Gebiet wiederum mit dem Westen integriert worden.

In Jugoslawien ist der Freiheitsraum beträchtlich kleiner als in Polen; es gibt so etwas wie „Freiheit der Konversation“, aber die Gesprächspartner üben sie mit Vorsicht. Der Unterschied zwischen den beiden Ländern besteht, einem beliebten Witzwort zufolge, darin, daß man in Jugoslawien alles gegen Rußland sagen darf, aber nichts gegen Tito, und in Polen nichts gegen Rußland, aber alles gegen Gomulka. Der Unterschied zwischen der Sowjetunion und Polen besteht hingegen darin (einem andern Witzwort zufolge), daß in der Sowjetunion niemand frei reden darf außer Chruschtschew, und in Polen jedermann außer Gomulka.

In Rußland ist auch jene „Freiheit der Konversation“ kaum vorhanden. Im Gespräch mit einem etwa fünfzigjährigen Taxichauffeur, der mich zum Leningrader Flughafen brachte, benutzte ich die Tatsache, daß so viele Gebäude der Stadt nach dem 1934 (vermutlich auf Befehl Stalins) getöteten Kirow benannt sind, zu der unschuldigen Frage: „Wer ist eigentlich dieser Kirow?“ Der Chauffeur erklärte es mir, und ich fragte weiter: „Und wer hat ihn nach Ihrer Meinung getötet?“ Nach einer Pause kam die Antwort: „Das weiß eigentlich niemand so recht. Ich glaube, es ist besser, nicht darüber zu reden.“

Vier Jahre nach Chruschtschews Rede auf dem XX. Parteikongreß und trotz der unterdessen durchgeführten Entstalinisierungskampagne schien es diesem Mann klüger, einem Fremden gegenüber mit seiner Meinung zurückzuhalten. Das sowjetische Regime hat demnach allen Grund, seiner selbst gewiß zu sein; das russische Volk steckt seit mehr als vier Jahrzehnten in der Zwangsjacke und hat sich diesem Dasein so sehr angepaßt, daß es auch heute noch keinen tieferen Atemzug wagt als in der Zeit des Stalinismus. Heute wie damals hält man sich an das Prinzip „Wer nicht auffällt, überlebt“.

Während meines Aufenthaltes in Rußland hörte ich nur zwei einigermaßen gute Witze, und beide wurden mir von Teenagern erzählt. Der eine betraf Bulganin, der damals gerade seiner letzten Würden verlustig ging: Bulganin ist wie eine Weltraumrakete; er hat Chruschtschew auf die richtige Bahn gebracht und ist wieder hinuntergefallen. Der andere betraf den Sozialistischen Realismus: Es war einmal ein mächtiger Herrscher, der kein rechtes Auge und keine rechte Hand hatte. Er befahl den besten Malern des Reiches, sein Portrait anzufertigen. Ein Maler portraitierte den Herrscher, wie er war, einarmig und einäugig; der Mann wurde wegen „bourgeoisem Formalismus“ hingerichtet. Ein zweiter malte den Herrscher mit zwei Armen und zwei Augen; er wurde wegen „bourgeoisem Idealismus“ hingerichtet. Ein dritter malte den Herrscher im Profil, so daß man bloß den linken Arm und das linke Auge sah; er bekam den Staatspreis für Sozialistischen Realismus.

In der Sowjetunion wurde der Sozialistische Realismus jene kommunistische Version einer Pirandellesken Einheit von Sein und Schein — auch während des „Tauwetters“ — kaum ernstlich erschüttert. Hingegen hat er in Polen sein Ansehen so gut wie gänzlich eingebüßt und wird kaum noch praktiziert. Die polnischen Künstler und Intellektuellen kämpfen erbittert, und trotz stetig sich steigerndem Druck nicht ohne Erfolg um die Bewahrung ihrer im Oktober 1956 errungenen Freiheit bei der Wahl ihrer Ausdrucksmöglichkeiten.

Im Verlauf meines Aufenthalts an sechs polnischen Universitäten (wo ich über amerikanisch-europäische Beziehungen vortrug) konnte ich mit zumindest hundert Professoren sprechen. Sie alle, ob Kommunisten oder nicht, ob in Gesellschaft ihrer Kollegen oder unter vier Augen, trugen keine Bedenken, sich in aller Freiheit zu äußern. In Jugoslawien war dies nicht der Fall. Ich traf mehrere Kollegen, aber sie ermangelten jener Kontaktfreude, die für Polen charakteristisch ist. Ein Professor für Geschichte an der Universität Belgrad (ehemals jugoslawischer Botschafter in einer europäischen Hauptstadt) antwortete mir: „Ich würde gewiß gerne mit Ihnen sprechen, aber, verstehen Sie, es gibt da einen jungen Mann, der sich gerade für jene Themen interessiert, die auch uns am Herzen liegen. Haben Sie etwas dagegen, wenn er an unserem Gespräch teilnimmt?“ Natürlich hatte ich nichts dagegen. Der ehemalige Diplomat, dessen Englisch besser war als das meine, bestand darauf, serbokroatisch zu sprechen. Der interessierte junge Mann spielte den Dolmetscher.

Vor meiner Reise nach Rußland nahm ich am Internationalen Kongreß für Geschichtswissenschaften in Stockholm teil. Ich traf dort mehr als ein Dutzend sowjetischer Kollegen. Ich stellte mich jedem von ihnen vor, erzählte ihnen von meinem bevorstehenden Aufenthalt in der Sowjetunion und seinem Zweck (archivalische Forschungsarbeiten in Moskau und Leningrad) und fragte schließlich, ob es möglich wäre, sie in Rußland wiederzusehen. Die meisten von ihnen waren höflich, aber reserviert, und alle fanden irgend einen Vorwand, um meinen Wunsch abzuschlagen. Sie würden zu dem betreffenden Zeitpunkt gerade nicht da sein, ihre Frauen oder Kinder seien krank, oder ihre eigene Arbeit halte sie so gefangen, daß sie auch keinen Augenblick sich freimachen könnten. Durch Zufall begegnete ich in Leningrad zweien dieser Vielgeplagten. Zuerst gaben sie vor, mich nicht wiederzuerkennen, dann gelang es mir zwar, sie in ein Gespräch zu verwickeln, doch blieb es von belangloser Kürze und fand keine Fortsetzung.

Was mich in Polen besonders beeindruckte, war die ungeheure Beliebtheit der Musik, Literatur, Filme und Theaterstücke westlicher Provenienz. In einem großen Warschauer Theater sah ich eine Aufführung von Williams’ „Endstation Sehnsucht“. Das Bühnenbild zeigte zu meinem Erstaunen ein hochmodernes Appartement; in solcher Umgebung schien der darzustellende soziale Konflikt ohne viel Überzeugungskraft. Nach der Vorstellung sprach ich darüber mit dem stellvertretenden Direktor und einigen Schauspielern. Als ich darauf hinwies, daß die Handlung in den Slums spielt, wurde ich mit erbitterten Protesten überschüttet; eine Schauspielerin verlangte sogar, ich solle ihr meine Mitgliedskarte der Kommunistischen Partei Amerikas zeigen. Sobald ich jedoch meine polnischen Gesprächspartner mit beträchtlicher Umständlichkeit davon überzeugt hatte, daß auch in einer Gesellschaft des Überflusses die Armut nicht ausstirbt, versicherte mir der stellvertretende Direktor: „Wir können es uns, offen gestanden, einfach nicht leisten, eine polnisch-amerikanische Familie als arm darzustellen. Man würde es für eine Fortsetzung der anti-amerikanischen Propaganda halten, die zur Zeit des Stalinismus im Schwange war. Wir würden damit die Aufführung ruinieren.“

Die Jugoslawen teilen das brennende Interesse der Polen gegenüber allem, was aus dem Westen kommt, doch sind die Objekte ihres Interesses weniger Kunst und Literatur als die Mode und andere zivilisatorische Annehmlichkeiten (Italien scheint ihr Ideal zu sein). Hingegen konnte ich in der Sowjetunion nur bei sehr jungen Leuten ein Interesse am Westen wahrnehmen, und in vielen Fällen beschränkte es sich auf Dollar, welche sie zu Schwarzmarktkursen eintauschen wollten, wozu ich jedoch nicht bereit war. Insgesamt schien mir die Haltung der Bevölkerung kühl (mein Besuch fiel in die Zeit nach dem Schauprozeß gegen den US-Piloten Powers) und bisweilen sogar unfreundlich. Gleichwohl hatte ich nur ein einziges wirklich bedrückendes Erlebnis. Vor einem Theaterbesuch wollte ich mir die Schuhe putzen lassen und wartete in einer Schlange von etwa einem Dutzend Männern, zumeist Soldaten (bei der Roten Armee ist Stiefelputzen augenscheinlich beliebter als Rasieren). Als ich an die Reihe kam, betrachtete der Stiefelputzer erst meine Schuhe, dann mich, und fragte schließlich: „Wo kommen Sie her? Aus Amerika?“ Als ich dies bejahte, sagte er: „Einem amerikanischen Imperialisten putze ich nicht die Schuhe! Hinaus mit Ihnen!“ Ehe ich seiner Aufforderung Genüge tun konnte, spuckte er mich an.

Die Schlange der Wartenden war unterdessen recht lang geworden, und ich passierte sie in ziemlicher Verlegenheit. Die Menge gab in aktiver Form weder ihre Zustimmung noch ihre Ablehnung kund, aber das Schweigen zeugte eher von bedrückender Feindseligkeit. Draußen ging ich langsam weiter, in meine Gedanken versponnen. Erst der Anblick einer anderen langen Schlange vor dem alten Stanislawsky-Theater brachte mich wieder in jenes Gleichgewicht, welches der russischen Realität gerecht wird.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1961
, Seite 95
Autor/inn/en:

Marian Kamil Dziewanowski: Ein aus Rußland gebürtiger Publizist, dessen Familie vor 40 Jahren nach den USA ausgewandert ist, lebt und lehrt in Cambridge, Massachusetts. Er unternahm kürzlich eine ausgedehnte Reise nach Osteuropa, deren Höhepunkt ein erstes Wiedersehen mit seiner Heimat war, die er als Kind verlassen hatte.

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