FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1992 » No. 462-464
Karl Pfeifer

Wer assimiliert die Ungarn?

Rassismus

Die gut gekleidete, ältere ungarische Dame bückt sich im Autobus und zischt ins Ohr des Nigerianers Osa: „Warum gehst Du nicht nach Hause, Nigger?“

Laut Aussagen afrikanischer und arabischer Studenten sind solche rassistischen Belästigungen seit der Wende vor zwei Jahren in Ungarn alltäglich. Die Situation hat sich insbesondere seit Jänner 1992 verschärft, als ein Nigerianer einen 16jährigen angreifenden Ungarn niederstach.

Die Martin Luther King-Gesellschaft hat in den ungarischen Universitätsstädten seit 1991 achtzig rassistische Angriffe registriert, doch wahrscheinlich ist die Dunkelziffer höher. Diese Gesellschaft, deren Ehrenpräsident das Staatsoberhaupt Arpád Göncz ist, macht für die meisten Zwischenfälle Skinheads verantwortlich. Doch die Gesellschaft kritisiert auch die Polizei, die bis vor kurzem gegenüber rassistischer Gewaltanwendung gleichgültig blieb. Präsident Arpád Göncz bat wegen der „schändlichen Insulte“ die Afrikaner und Araber öffentlich um Verzeihung.

In Ungarn gibt es — laut Auskunft der Polizei — einen harten Kern von viertausend Skinheads. Viele Skinheads tragen Tränengasspray oder Totschläger mit sich. Der Athiopier Taye wurde seit 1985 zweimal angegriffen, einmal hat man ihm drei Zähne ausgeschlagen. Nachdem das ungarische Fernsehen ein Interview mit ihm ausgestrahlt hatte, kamen erboste Skinheads in das Wohnheim und forderten die Auslieferung des Athiopers. Obwohl der Portier ihn beschützte, ist Taye in eine ruhigere Gegend umgezogen. Die Martin Luther King-Gesellschaft kennt den Fall eines Studenten, der bereits sechzehnmal angegriffen wurde, und einen anderen Fall, als ein Student während eines Tages zweimal geschlagen wurde. Skinheads zerschlugen das Auto einiger sudanesischer Jungen mit Eisenstangen.

Der Angolaner Carlos, der an der Debreczener Universität Medizin studiert, kritisiert die ungarische Presse, weil diese nicht über die Lage der Afrikaner und Araber berichtet. „Wenn eine ungarische Zeitung über einen Schwarzen einen Artikel veröffentlicht, dann kann das zwei Gründe haben: entweder ist er ein bekannter Amerikaner oder er hat AIDS. Wenn ein Ungar einen Schwarzen anschaut, dann sieht er einen AIDS-Kranken.“ Die Skinheads behaupten, daß die Schwarzen den Ungarn die Studienplätze wegnehmen, obwohl die meisten an speziellen englischsprachigen Lehrgängen teilnehmen, wofür sie Devisen bezahlen müssen.

Der stellvertretende Polizeichef Ungarns, Antal Kacziba, erklärt: „In der Aktivität der Polizei darf sich kein Vorurteil manifestieren. Wenn es trotzdem dazu kommt, so ist es strafbar. Auf alle Fälle gibt es unter den Leitern der Polizei sicher keine Vorurteile.“ (Magyar Hirlap, 31.3.1992)

Die ungarischen Skinheads haben auch Beschützer, die sich öffentlich für sie einsetzen. So wurde unlängst im »Verein für historische Gerechtigkeit«, der 1988 gegründet wurde, um die Ehre des Volksaufstandes 1956 herzustellen, ein rechtsgerichteter Putsch der mit dem MDF (Ungarisches Demokratisches Forum, größte Regierungspartei) sympathisierenden Kräfte durchgeführt. Anläßlich der Generalversammlung dieses Vereins am 28. März sprach ein Radioreporter mit Istvan Jänos Porubszky (Kispest) und fragte:

Wie soll dieser Verein für historische Gerechtigkeit wirken?

Porubszky: Er muß die historische Gerechtigkeit vertreten, bitte schön, und er soll Sachen vertreten, die wir auch in unserem, jetzt in Kispest eröffneten Büro vertreten. Die Interessenvertretung der vielen unglücklichen 56er, außerdem das, was gegenwärtig für viele Menschen keine sympathische Sache ist, aber das ist der Wunsch meiner Seele und meines Herzens: wir möchten dort, in Kispest, die Interessenvertretung der sogenannten Skinheads, der glatzerten ungarischen Kinder übernehmen. Das hat irgendwie noch niemand auf sich genommen, doch wir wollen das sehr, sehr, weil diese doch alle Kinder von ungarischen Müttern sind, und hier kann man nur Schlechtes von ihnen hören, obwohl das gar nicht so ist. Ich sah, ich weiß auch nicht auf welchem Platz, daß diese glatzerten Kinder die zerbrochenen Bierflaschen aufgeklaubt haben, die nicht von den Skinheads zerbrochen wurden, doch sie haben diese aufgeklaubt, damit die kleinen ungarischen Kinder nicht ihre Hände, ihre Füße schneiden.

Sind Sie mit den politischen Absichten der Skinheads einverstanden?

Porubszky: Ja, im großen und ganzen bin ich mit ihnen einverstanden, bitte schön, wir haben uns deswegen in Kispest formiert, damit wir unser Politisieren in den Verein hereintragen können. Und wenn Sie gestatten, bitte schön, damit beende ich auch, was ich sagen will. Von mir kann ich nur sagen, daß ich Ungar bin. Das lernen Sie bitte und lehren Sie es auch ihre kleinen Kinder. Ich bin Ungar, weil ich als Ungar geboren wurde, weil die Amme über mir ungarische Lieder sang, weil meine Mutter mich gelehrt hat, ungarisch zu beten, und dich, meine teure ungarische Heimat, zu lieben. Danke schön.

(168 ORA, 31.3.1992)

Freilich hört man auch andere Stimmen: Dr. Tamäs Lukács, Abgeordneter der christ-demokratischen Volkspartei und stellvertretender Präsident der Menschenrechtskommission des ungarischen Parlaments, war selber Zeuge, als man in Erlau versuchte, eine Jugendgruppe der »Christlich-Nationalen Union« zu gründen und dazu Skinheads in ein Restaurant einlud. Lukács kritisierte, daß staatliche Gelder für diese Einladung verwendet wurden und zweifelte an den „christlichen“ und „nationalen“ Werten dieser Gruppierung. Er sah, wie diese Skinheads Roma-Kinder jagten. Aladár Horváth, SZDSZ (Freie Demokraten) Abgeordneter, berichtete, wie eine Gruppe von Skinheads am 15. März vor dem Gebäude des Fernsehens einer Aktivistin des Romavereins »Phralipe« die Kokarde mit Schreien „Wie wagt ihr das anzuheften!“ von der Brust rissen. (-168 ORA, 31.3.1992)

An allem sind die Juden schuld

Adam Michnik, aber auch viele andere sehen im osteuropäischen Nationalismus „eine Falle für die Demokratie“, der in der postkommunistischen Ära die Funktion hat, die Verantwortung für den Kommunismus auf andere abzuwälzen: „Wie einfach ist es, wenn ein Russe sagt, daß der Kommunismus in Rußland von Ausländern, von Juden, von Polen oder von Letten geschaffen wurde. Wie einfach ist es, wenn ein Pole sagt, daß an allem die Russen schuld waren; wenn ein Rumäne sagt, daß die Ungarn, und wenn die Ungarn sagen, daß die Juden an allem schuld seien.“

Gegen den Vorwurf, Nationalismus und Antisemitismus in der Regierungspartei MDF gewähren zu lassen, reagieren ungarische Regierungskreise empfindlich. Weil die meisten von ihnen während des Kadarregimes nicht benachteiligt und sich zum Teil damals gründlich kompromittiert haben, scheint nichts einfacher, als die Schuld für das Kadarregime gerade jenen in die Schuhe zu schieben, die sich damals in der demokratischen Opposition befanden. Dabei schrecken sie vor keiner Peinlichkeit zurück.

Ein Beispiel aus einer regierungsnahen Tageszeitung; Der MDF-Abgeordnete Zoltán Szokolay drückte im Parlament den Abstimmungsknopf seines Nachbarn. Zeugen dafür waren auch Abgeordnete seiner eigenen Partei. Wegen dieses Schwindels erklärte er, als Abgeordneter zurücktreten zu wollen. Nun ist Szokolay nicht irgendein gewöhnliches Mitglied der Regierungspartei, sondern war Vizepräsident der parlamentarischen Kommission für nationale Sicherheit. Szokolay macht für seinen Schwindel die liberale Opposition SZDSZ verantwortlich, er qualifiziert in seiner Erklärung (»Pesti Hirlap«, 4.1.1992) den Schriftsteller und SZDSZ-Abgeordneten Miklós Haraszti als „Ehrenoppositionellen der Aczel-Periode“ ab. Miklós Haraszti wurde wegen seines Buches »Stücklohn« seinerzeit inhaftiert und jahrelang von der politischen Polizei schikaniert. Es ist pikant, daß ausgerechnet Szokolay, ehemals Sekretär des Kommunistischen Jugendverbandes in der Schriftstellervereinigung, von einer Aczelperiode spricht, war doch György Aczel nur Mitarbeiter von Kadar, aber, im Gegensatz zu seinem Chef, jüdischer Abstammung. Doch Szokolay hat auch den Grund allen Übels in Ungarn entdeckt: „Meiner Meinung nach hat es in Ungarn im wissenschaftlichen, kulturellen Leben, bzw. in den Massenmedien keinen Systemwechsel gegeben. Man hat ja auch Sandor Csóori fast gesteinigt, weil er wagte davon zu sprechen, daß sich im Land umgekehrte Assimilationsbestrebungen zeigen.“ Szokolay beruft sich auf einen Artikel des MDF-Gründers Sándor Csóori, eines angesehener Dichters, der sich — trotz nicht einmal einem Prozent Juden in der Bevölkerung —- zu der erstaunlichen Behauptung verstieg: „Das liberale ungarische Judentum will das Ungartum in Geist und Denkweise assimilieren“. Diese Behauptung ist zwar nicht neu, der Nazidiplomat Edmund Veesenmayer betonte in einem 1943 verfaßten Bericht (The New Hungarian Quarterly, V, Autumn 1964, pp. 146-153), daß es den Juden gelungen wäre, die Ungarn zu assimilieren, doch naive Gemüter lassen sich auch heute noch davon überzeugen. Szokolay wurde nach seinem Verzicht auf das Mandat zum Kabinettchef des Innenministers ernannt. Als solcher war er dann auch an der Vorbereitung der Demonstration vor dem Gebäude des ungarischen Fernsehens am 15. März 1992 beteiligt:

Am Jahrestag der Revolution von 1848, die u.a. für Pressefreiheit eintrat, forderten 5- bis 6000 Menschen vor dem Gebäude des Fernsehens in Budapest lautstark ein „nationales Fernsehen“ und „christliche Medien“. Anläßlich dieser Demonstration, an der auch Rechtsradikale und Skinheads teilnahmen, kam es zu Ausschreitungen und antisemitischen Schmähungen. Roma [1] wurden ebenfalls belästigt.

Einer der Redner bemerkte die Anwesenheit des Schriftstellers Istvan Eörsi und machte die Demonstranten auf den liberalen Schriftsteller aufmerksam. Stolz berichtet »Uj Magyarország« (am 16. März 1992), daß die Demonstranten „Pfuj Eörsi! Pfuj Eörsi! Pfuj Verräter! Pfuj Verräter!“ skandierten. György Konrad, der Präsident der internationalen Schriftstellervereinigung PEN, und der Filmregisseur Károly Makk wurden ebenfalls von Demonstranten insultiert. Ein hochrangiger uniformierter Reserveoffizier erklärte den Demonstranten, daß, wenn notwendig, auch Waffen verteilt würden. Gegen wen die Waffen gebraucht würden, sagte er nicht.

Die Regierungsparteien haben sich von diesen Ausschreitungen nicht distanziert, der Innenminister, der vor der Demonstration mit den Skinheads und den Rechtsextremen sprach, leugnete alles ab.

„Raffendes Kapital und alltäglicher Schweiß“

Eine beliebte Taktik der Rechtsextremen und der mit ihnen verbündeten sogenannten konservativ-liberalen Kräfte ist es, die Kollektivschuldthese, der kein ernsthafter Politiker oder Journalist anhängt, zu widerlegen. Wer es wagt, die Umtriebe der Rechtsextremen und ihrer Verbündeten zu kritisieren, dem wird unterstellt, er/sie hätten das ganze ungarische Volk als „faschistisch“ oder „pfeilkreuzlerisch“ gebrandmarkt. Jedoch konnte man in der regierungsnahen Wochenzeitung Ring (17.3.1992) beispielsweise lesen:

Die mit dem ausländischen raffenden Kapital verflochtene neureiche kommunistisch-kosmoliberale ökonomisch führende Schicht — schon aufgrund ihrer Wirtschaftsmacht — die Massenmedien, das kulturelle und künstlerische Leben, die geistige Blutzirkulation der Nation fast ausschließlich in den Händen hält, das staatliche Radio und Fernsehen sind unter ihrer strengen Kontrolle, wie auch die Zeitungen mit großer Auflage. Neben ihrer heimtückisch erworbenen wirtschaftlichen Überlegenheit halten sie die Bewußtseinsbildung in ihrem Eigentum, sie wollen sogar unsere Gedanken kolonisieren. Bisher bedienten sie die Weltherrschaftsbestrebungen des sich auf Waffen stützenden russischen Reiches, jetzt verkaufen sie das Land der rücksichtslosen, kosmopolitischen New Yorker Bankherrschaft, unseren alltäglichen Schweiß.

Am 3. März 1992 publizierte die mit öffentlichen Geldern gegründete, regierungsnahe Budapester Tageszeitung »Uj Magyarország« einen Artikel, der die rechtsextreme Zeitschrift »Hunnia« in Schutz nimmt, so wie das zuvor Politiker der MDF im Parlament getan hatten. Die Zeitung informiert über eine »Hunnia«-Ausgabe unter anderem folgendermaßen:

Von den 60 Millionen Opfern des Zweiten Weltkrieges waren (nur) 1,5 Millionen Juden, von denen 1,2 Millionen den Sowjets und 300.000 den Nazi zugeschrieben werden können. [...] Auch die Anzahl der jüdischen Opfer in Ungarn war nicht in der Größenordnung von Hunderttausenden, sondern von Zehntausenden. [2]

Der darauf erfolgte Protest des Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde wurde mit einer redaktionellen Stellungnahme beantwortet, die die Gleichbehandlung der seriösen Geschichtswissenschaft mit der geschichtsfälschenden Holocaust-Verharmlosung der »Hunnia« befürwortet und diese legitimiert.

In »Uj Magyarország« kann man lesen: „Das Ungartum — mit oder ohne Hitler — [hat] an der Ostfront einen gerechten Kampf“ geführt. Die rechtsextreme Zeitschrift »Hunnia« kann Lesungen in Lokalen der Regierungspartei MDF veranstalten und prominente MDF-Mitglieder sind Mitarbeiter der »Hunnia«.

Gegen Pressefreiheit

Am 14. März 1992 gründeten „rechtsextreme Schreiberlinge“ im Einvernehmen mit regierungsnahen Kreisen eine neue Journalistenvereinigung. Den Vorsitz führte der 77jährige Psychiater Dr. Istvan Benedek, der sich auch als Opfer des Kadarregimes sieht, weil er damals für seine schriftstellerische Tätigkeit keinen Staatspreis erhalten hatte. Benedek, der während der Kadarperiode 35 seiner Bücher (eines davon in 11 Auflagen) in Ungarn veröffentlichen konnte, erregte während der letzten Jahre hauptsächlich durch antisemitisch-autoritäre Publizistik Aufmerksamkeit. Benedek wurde am 15. März 1992 gleich mit zwei Nationalpreisen belohnt. Er qualifizierte die politische Opposition als „Feind“ und unterstellte ihr, „sie hasse die Nation“. Benedek erklärte: „Wir wollen keine Pressefreiheit, weil aus dieser unerträgliche Beschmutzung kommt, wir wollen keine Redefreiheit, weil daraus Beschmutzung wird.“

Der greise Psychiater: „Wir sind zusammengekommen, weil wir wissen, daß wir von äußeren und inneren Feinden umgeben sind“ (sic!). Benedek beschimpfte die Medien, die es wagen, die Regierung zu kritisieren: „Es ist nicht wahr, daß das Land verarmt ist, und es ist nicht wahr, daß das Land sich nach unten bewegt! Das behauptet, schreibt, verbreitet der innere Feind“. Er beendete seine Rede: „Wenn Sie einen Neuen Bund schaffen, dann können Sie vielleicht das Wort des Alten Bundes ersticken“ (Lang anhaltender Beifall). Wer ist wohl mit dem „Alten Bund“ gemeint?

Der Psychiater als Agitator

In einer in »Magyar Nemzet« (16.3.1992) erschienenen Laudatio wird der 77jährige Benedek als das „Gewissen der Nation“ gewürdigt. Es kennzeichnet die Atmosphäre Ungarns, daß dieser feine Herr und Fachmann für die französische Aufklärung während der letzten Jahre eine massiv antisemitische Publizistik veröffentlichen konnte. Tatsächlich war die Judenfrage nach der kommunistischen Machtergreifung (1948) tabuisiert. Während der Kadarperiode wurden zwar sporadisch belletristische Werke veröffentlicht, die sich mit der Stellung der Juden in der Gesellschaft beschäftigten, doch über die Geschehnisse nach 1945 wurde nur ganz wenig publiziert. Nach dem Zweiten Weltkrieg kann in Ungarn von den Juden nicht mehr als spezifischer Schicht gesprochen werden. Juden konnten Beschäftigung in Berufen finden, die ihnen vor 1945 verschlossen waren. István Bibó hat bereits 1947/48 ın einem klassischen Essay »Zur Judenfrage. Am Beispiel Ungarns nach 1944« (Verlag Neue Kritik, 1990) die Probleme der Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden analysiert. Leider befolgen die heutigen „Volksnationalen“ nicht die Ratschläge Bibós, der gläubiger Christ war und aus einem völkischen Milieu stammte.

In Ungarn leben in den jüdischen Gemeinden 25.000 bis 30.000 Mitglieder, insgesamt schätzt man die Anzahl der Juden auf 80.000 bis 100.000, das ist weniger als ein Prozent der Einwohner. Fast ausnahmslos handelt es sich um Menschen, deren Muttersprache Ungarisch ist. Viele von ihnen leben in Mischehen und sind dem Judentum total entfremdet. Doch scheint für Benedek diese heterogene Menschengruppe und die „Judenfrage“ eines der wichtigsten Probleme Ungarns zu sein.

In seinem Artikel »Für die Integration« (alle folgenden Benedek-Zitate stammen aus seinem Buch: »Hetvenhet«, Budapest 1991) teilt er die Juden in drei Teile: Die guten, die sich vollständig assimiliert haben. Zu dieser Kategorie zählt er zwei Literaten, die dem Judentum total entfremdet waren und während der deutschen Besetzung Ungarns ermordet wurden. Tote Juden sind gute Juden. „Ich habe aber auch andere jüdische Bekannte. Diese positionieren sich sehr geschickt, halten imponierenderweise zusammen, sind immer in führenden Positionen und produzieren mit ihrer höhnischen Ungarnverachtung den Antisemitismus. Natürlich sind sie reicher, einflußreicher, geschickter als der ungarische Durchschnitt, daher lösen sie auch dort Neid aus, wo sie schon durch ihre Fähigkeiten ihre Sache besser erledigen als die Nichtjuden.“ (S. 127)

Leo Löwenthal [3] schreibt:

Die Liste der Züge, die der Agitator den Juden zuschreibt, enthält einige, die angeblich ihren Charakter darstellen — z.B. ihre Freiheit von den Schranken der puritanischen Moralität, ihre Bereitschaft, sich gegenseitig zu helfen, ihre beträchtliche Dynamik, ihre Ausdrucksfähigkeit, ihre Schlauheit. Alle diese Eigenschaften werden als hassenswert dargestellt; sie ließen sich freilich auch anders interpretieren, nämlich als erwünschte Vorzüge im Existenzkampf des Individuums. Bei manchen Gelegenheiten zeigt der Agitator fast offen, daß er die Juden für Leute hält, die aus ihrem Leben mehr zu machen verstehen als andere.

L.L.

Benedek:

In die dritte Gruppe gehören die immerfort-Juden. Man kann keine zehn Wörter mit ihnen sprechen, ohne daß jüdische Beschwerden und jüdische Überheblichkeit (im Original betont) aus ihnen hervorkommen. Nach ihnen hat nur der Jude unschuldig gelitten, jeder Ungar (war) Faschist, man muß an ihnen (an den Ungarn) Rache üben — und sie tun das schon mehr als vierzig Jahre

Die Idee von der jüdischen Kollektivschuld dient ihm dazu, seine Haltung zu rationalisieren. Der Agitator ist so sehr ein Gegner des Antisemitismus, daß er die Juden beschwört, die Anlässe dazu aus der Welt zu schaffen, und ihnen Ratschläge erteilt, wie sie das bewerkstelligen könnten. Dadurch aber beweist er nur, daß die »bösen« Juden ihre destruktive Tätigkeit nur unter dem passiven Schutz der »guten« ausüben können, und so schmuggelt er die Vorstellung von der Kollektivschuld ein ...

L.L.

Benedek wirft den Juden vor, ihre Eigenart bewahrt zu haben und stellt fest: „Sie wollten sich überhaupt nicht mischen“. (S. 129) Doch schon zwei Seiten weiter (S. 131) heißt es „Tatsächlich haben sie sich kreuz und quer mit dem christlichen Ungarntum verheiratet“.

Die Juden sind nicht dazu bereit, sich anzupassen; wenn der Agitator diese allgemein übliche Anklage erhebt, spricht er als der ernsthafte Volkserzieher, der jeden Staatsbürger auffordert, sich in die Große Front einzureihen. Als solche ärgern ihn Snobismus und prätentiöses Zurschautragen von Überlegenheit. Er versucht, aus der uralten Tatsache der jüdischen Isolierung Kapital zu schlagen, indem er sie einfach als Folge eines jüdischen Charakterzuges darstellt, indem er andeutet, daß die Juden deshalb von der Gemeinschaft ferngehalten werden müßten, und indem er sie zugleich wegen ihres Sichabschließens diffamiert. Der Jude muß irgend etwas getan haben, was die allgemeine Aversion gegen ihn verdient erscheinen läßt, und wäre es auch nur, daß er von Natur unassimilierbar ist ...

L.L.

Die offensichtlichen inneren Widersprüche seiner Aussagen und Behauptungen stören sein Publikum nicht. Und Benedek entlastet: „Horthy [4] kann nicht der Judenverfolgung beschuldigt werden, er widerstand, soweit es ihm seine schwache Kraft gestattete.“

Benedek macht, wie schon andere zuvor, die Juden für den Pluralismus, den er verabscheut, verantwortlich: „Im Zeichen des Pluralismus nimmt die Zerrissenheit zu und entwickelt sich“. Wer ist schuld?

In diesem Land gab es immer auch gescheite Juden, die wußten, was man tun muß und dazu auch den passenden Menschen gefunden haben.

Das Ressentiment gegen die Juden als die intellektuellen Machthaber wird noch durch die dunkle Vorstellung genährt, daß solche Macht zutiefst prekär ist; der Agitator versteht es, glauben zu machen, daf die Erfolge der Juden ihnen gefährlich werden können ...

L.L.

Benedek weiß, was sein Land braucht: „... es braucht keine Liberalen und Scheindemokraten, sondern eine starke Hand, ungarisches Gefühl, Anstand ohne parteiische Voreingenommenheit“. (S. 156)

Fotoreportage

„Drei Millionen Galizianer“

Benedek warnt: „Ungarn! die Heimat ist in Gefahr!“ (S. 157) Er warnt vor Klerikalismus. „Doch gibt es eine größere Gefahr“ (S. 158) Das ist die rumänische Armee unter Ceausescu, die angeblich nur darauf gewartet hat, Ungarn zu überfallen. Und er steigert: „Es gibt eine noch größere Gefahr“. Benedek erinnert, daß die Medien während der deutschen Besatzung über Deutschland und während der sowjetischen Besatzung ständig über die Sowjetunion berichteten. „Und jetzt? Kein Tag, ohne zwei, drei Nachrichten, die in Verbindung mit Israel stehen. Außer ihm [Israel] gibt es noch fünfhundert oder fünftausend Länder auf der Erde, in denen sicher auch etwas passiert, doch deren Kunde gelangt nicht bis zu uns, nur die [Nachricht] aus Israel“. Und Benedek weiß, was dahinter steckt: im Inland wird eine „Hetzkampagne“ gegen einige MDF-Politiker und den Chefredakteur der rechtsextremen Zeitschrift »Hunnia« und gegen Benedek geführt, die man ständig beschuldigt, Antisemiten zu sein. „Anders ist die Lage mit den ausländischen Herolden, die unverantwortlich die fremdsprachige Presse mit ihren antisemitischen Pseudonachrichten volltrompeten. Das sind Vaterlandsverräter, „zufällig“ alles ehemalige große Bolschewiken, die absichtlich dem Land schaden möchten“. Doch Benedek wäre nicht der führende Intellektuelle der Rechten, wenn er nicht dahinterschauen würde. „Ich sage, das ist nicht die Gefahr. Das ist nur ein Vorhang. Hinter dem Vorhang sind die drei Millionen galizianischen Juden, von denen die Sowjetunion sich befreien will. [5] Israel würde sie auch hereinlassen, wenn es Platz für sie hätte. Doch vorläufig hat es kaum Platz für sich selbst, und hat deswegen eben genug Schwierigkeiten mit den Palästinensern. Was kann man daher erwarten? Daß die sowjetische Tür sich öffnet, die Galizianer sich in Richtung Israel bewegen, sie kommen in Ungarn an und bleiben hier, weil die anderen Länder Europas sie nicht hereinlassen.“

Benedek kann kein Antisemit sein, wird er doch von der rechtsextremen und der regierungsnahen Presse als Kronzeuge zitiert, der selbst „jüdischer Abstammung“ sei. „Doch was fangen wir an in diesem Tropfen Heimat mit drei Millionen Fremden, die auch nicht Ungarn sein wollen und hier nur irgendwie steckenbleiben?“ Benedek prophetisch: „Dann erst wird es einen Neid und Antisemitismus geben, wird es Streit mit Israel und Minderheitenunterdrückung geben — denn man sollte es wissen, es wird das dann schon nur ein Kind habende Ungartum unter den sich schnell fortpflanzenden Galizianern eine Minderheit sein. Dann wird Ungarn schön langsam aufhören [Ungarn zu sein], es wird zum Halicz-Banat“ (S.160). Wer aber trägt dafür die Verantwortung? Natürlich die Opposition, die das Land kaputtmachen will. „Sei es um den Preis, daß der Klerus wieder herrscht, die Rumänen einmarschieren oder daß wir die Tür den Galizianern öffnen.“

Gewöhnlich hält man ihn für einen harmlosen Verrückten, dessen Anziehungskraft und Ziele weder etwas mit wirtschaftlichen und politischen Zuständen noch mit Haltungen und Einstellungen der Bevölkerung zu tun haben.

L.L.

Doch Benedek ist nicht verrückt. Die Behauptungen, er wäre verrückt, erinnern mich an meine Tante Juliska, die eine „echte Ungarin“ als Köchin und eine „Galizianerin“ als Wäscherin und Büglerin während der dreißiger Jahre beschäftigte. Nachdem Pfeilkreuzler eine Handgranate in die Dohanysynagoge geworfen hatten, hörte sie die beiden miteinander diskutieren. Die Köchin sagte: „Die sind doch alle verrückt“. Die „Galizianerin“ antwortete: „Wenn verrückt, warum nicht Bombe in Kathedrale geworfen?“

[1In Ungarn leben ungefähr eine halbe Million Menschen, die von der ungarischen Gesellschaft als Roma (Zigeuner) definiert werden. Ungefähr 40.000-50.000 Roma leben in Elendsquartieren. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Ungarn ist 63 Jahre, der ungarischen Roma aber nur 55 Jahre. Die Hälfte der Romajugendlichen absolvieren nicht die obligaten acht Schulklassen bis zum 16. Lebensjahr. 1971 schätzte man, daß 38,5 Prozent der Roma Analphabeten seien. 1989 waren 70 Prozent aller Arbeitslosen Roma. Eine während der achziger Jahre durchgeführte Meinungsforschung zeigte, daß 52,8% der Befragten eine negative Meinung über die Roma hatten, nur 36,6% hatten etwas positives über sie zu sagen.

[2Wolfgang Benz (Hg.) geht im Sammelband Dimensionen des Völkermords; Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus (München 1991) von einem „Minimum von 5,29 Millionen und einem Maximum von knapp über sechs Millionen“ jüdische Opfer aus (S. 17). „Der Holocaust in Ungarn forderte mindestens 550.000 jüdische Opfer“ (S. 351).

[3Alle hier kursiv mit L.L. gekennzeichneten Zitate stammen aus der 1940 entstandenen Arbeit Leo Löwenthal, Falsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitatation, in: Leo Löwenthal, Untergang der Dämonologien, Studien über Judentum, Antisemitismus und faschistischen Geist, Reclam Taschenbuch Leipzig, 1990

[4Zwischen Horthy und der Naziführung gab es Gegensätze, freilich ließ er die Deportation erst am 7. Juli 1944 stoppen, als die überwiegende Mehrheit der ungarischen Juden bereits nach Auschwitz-Birkenau deportiert war. Mehr über dieses Thema in Randolph L. Braham: The Politics of Genocide, The Holocaust in Hungary, I-II, Columbia University Press, New York, 1981

[5Es leben weniger als drei Millionen Juden auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Obwohl Ungarn seit einigen Jahren Transitland für aus diesen Gebieten auswandernde Juden ist, haben nur sehr wenige von diesen den Wunsch geäußert, in Ungarn zu bleiben.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1992
, Seite 42
Autor/inn/en:

Karl Pfeifer:

Karl Pfeifer, Jahrgang 1928. Im Alter von 10 Jahren Flucht mit seinen Eltern nach Ungarn. Mit 14 gelingt ihm die Auswanderung nach Palästina, wo er nach einer Ausbildung im Kibbuz im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpft. 1951 kehrt er nach Europa zurück, arbeitet seit 1979 als Journalist in Wien, schreibt u. a. für die Wiener Illustrierte Neue Welt und die Berliner Wochenblätter Jüdische Allgemeine und Jungle World.

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