FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1966 » No. 154
Norbert Leser

Was bleibt vom Austromarxismus?

Zur Bilanz einer politischen Idee (III)

Die marxistische Romantik der austromarxistischen Sprache und Agitation wirkte intern als Ersatz- und Ausweichlösung, als Entschädigung für den ausgebliebenen gesellschaftlichen Erfolg, nach außen als scheinbare Bestätigung derer, die dem Austromarxismus immer schon bolschewistische Intentionen nachgesagt hatten. Der damals noch zur Sozialdemokratie gehörige, nach den Ereignissen des 12. Februar 1934 zum Bolschewismus abgewanderte Literat Ernst Fischer charakterisierte die Spannungslage des Austromarxismus einmal treffend mit den Worten: „Eine Gefahr besteht, die jeder Enttäuschung an der Wirklichkeit innewohnt: Romantik und Resignation sind ihre Pole.“ [35]

In dem Maße, in dem der Austromarxismus auf dem Terrain der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zurückweichen mußte, steigerte er die Dosis der romantischen Betäubung, die er seinen Anhängern verabreichte, ohne daß ein Punkt zu fixieren wäre, an dem es sich als möglich erwiesen hätte, diesen Zirkel der Selbsttäuschung zu durchbrechen. Eine solche Durchbrechung hätte auch einen Bruch mit marxistischen Grundannahmen notwendig gemacht. Gerade diese Annahmen aber waren tabu. Selbst Karl Renner, der die Dogmen des Marxismus meritorisch zweifellos überwand, rang sich nicht zu einer formellen Absage an den Marxismus durch, sondern versuchte in jedem einzelnen Falle, die Übereinstimmung mit ihm nachzuweisen, einen Versuch, den Professor Kelsen allerdings schon 1920 als „aussichtsloses Beginnen“ [36] bezeichnete.

Die „messianische Periode“ des Sozialismus, die Renner bereits überwunden glaubte, herrschte im Bewußtsein der Führer der Partei und ihrer Gefolgschaft noch so sehr vor, daß eine adäquate Erfassung der Realität einfach nicht möglich war. Die Agitation der Sozialdemokratie, die über die gegenwärtige Demokratie hinausgriff, wenn sie sich in der Praxis auch an sie klammerte, erleichterte es den Bürgerlichen, auch an sich unverdächtige und eindeutige Stellungnahmen zu Fragen der Demokratie und Diktatur zu verfälschen und ihnen einen weder durch den Wortlaut noch durch die Intentionen der Formulierer dieser Erklärungen, wohl aber durch die Vulgärform des pseudorevolutionären Alltags gedeckten Sinn zu geben. So hieß es im berühmten Linzer Programm 1926, dem klassischen Dokument des Austromarxismus, zur Frage der Eroberung der Staatsmacht unmißverständlich:

Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei wird die Staatsmacht in den Formen der Demokratie und unter allen Bürgschaften der Demokratie ausüben ... Wenn sich die Bourgeoisie gegen die gesellschaftliche Umwälzung, die die Aufgabe der Staatsmacht der Arbeiterklasse sein wird, durch planmäßige Unterbindung des Wirtschaftslebens, durch gewaltsame Auflehnung, durch Verschwörung mit ausländischen gegenrevolutionären Mächten widersetzen sollte, dann wäre die Arbeiterklasse gezwungen, den Widerstand der Bourgeoisie mit den Mitteln der Diktatur zu brechen. [37]

Trotz dieser rein defensiven Interpretation der Rolle der Gewalt wurde das Linzer Programm von den Vertretern des Bürgertums immer wieder zur Bestätigung der These von den Diktaturgelüsten der Sozialdemokratie herangezogen. Die böswillige Ignoranz, die sich hinter diesem gewollten Mißverständnis verschanzte, hatte allerdings immer wieder Zufallszeugen aus dem sozialdemokratischen Vereins- und Versammlungsleben zur Hand, die in Verfolgung der beschriebenen Taktik der Überkompensation eingetretener Realverluste der neurotischen Ersatzbefriedigung huldigten.

Max Adler, als Hüter der marxistischen Orthodoxie, verteidigte die Marx’sche Staatsauffassung in ihrer striktesten Form 1922 in seinem Werk „Die Staatsauffassung des Marxismus“ gegen alle revisionistischen Durchlöcherungen und insbesondere gegen Kelsen. Er trat am Parteitag 1926 als Linksaußen auf und verlangte die Aufnahme der Formel von der „Diktatur des Proletariats“ in das Parteiprogramm. [38] Otto Bauer erwiderte ihm, daß der Begriff Diktatur seit der russischen Revolution einen neuen Sinn erhalten habe. [39]

Illusionen der Demokratie

Max Adler kritisierte die Illusionen des „Demokratismus“, weil sie die Massen zu einem „Verbleiben in der bürgerlichen Denkweise“ verführten. Er stand auf dem der marxistischen Orthodoxie zweifellos entsprechenden, von den Bolschewiken theoretisch und praktisch rehabilitierten, von Karl Kautsky, dem großen Lehrmeister der deutschen Sozialdemokratie und Hüter des Marx’schen Erbes, trotz aller Verbalerklärungen bereits verlassenen Standpunkt, daß nur die „soziale Demokratie“ der klassenlosen Gesellschaft den Namen Demokratie verdiene. Die existierende bürgerliche Demokratie sei eine Form der Klassenherrschaft, die durch die Diktatur des Proletariats abgelöst werde. [40] Die Übernahme der Staatsgewalt durch das Proletariat bedeute die Ersetzung der Diktatur einer Minderheit durch die mit einem höheren Legitimitätsgrad versehene Diktatur der Mehrheit, die als Übergang zur staatslosen Gesellschaft des Kommunismus notwendig sei.

Obwohl sich Otto Bauer gegen die Adler’schen Formulierungsvorschläge wandte, war er in seiner eigenen theoretischen Überzeugung von dieser Position nicht allzuweit entfernt. Was Max Adler die Illusionen des „Demokratismus“ nannte, bezeichnete Bauer in einem anderen Zusammenhang als die Auffassung „kleinbürgerlicher Vulgärdemokraten“, [41] die die Demokratie über den Sozialismus setzten.

Das marxistische Klassen- und Staatsdogma verstellte selbst einem Mann vom Format Otto Bauers die Sicht auf die Probleme einer Gesellschaft, die mit dem Marx’schen Schema schon längst nicht mehr erklärt, geschweige denn gemeistert werden konnte. Der Bannkreis marxistischen Denkens verleitete auch dort, wo nach der Sachlage kein Anlaß bestand, zu marxistischen Assoziationen und gab gewissen Worten einen für die politische Praxis bequemen, für die Fernwirkung aber verhängnisvollen Doppelsinn.

Zeigte man beim Gebrauch des Wortes „Diktatur“ noch einigermaßen Vorsicht, so gefiel sich der Austromarxismus doch im häufigen Gebrauch des Wortes „Revolution“, wobei man unter Revolution nicht viel mehr als das „In-Freiheit-Setzen der Elemente einer neuen Ordnung“, [42] also eine unblutige, aber schöpferische gesellschaftliche Tat verstand. Tatsächlich hat aber das Wort „Revolution“ im täglichen Sprachgebrauch, der sich mit dem überwiegenden Gebrauchssinn dieses Wortes bei Marx deckt, bis auf den heutigen Tag die Assoziation mit physischer Gewalt und Durchbrechung der Legalität zur Folge.

Wie leicht konnte eine Agitation, die sich des Wortes „Revolution“ zur Erhöhung des eigenen Selbstgefühls und zur Charakterisierung der Qualität des eigenen Wollens bediente, in den Geruch kommen, zum gewaltsamen Umsturz der bestehenden Gesellschaft aufzurufen! So sagte Karl Renner auf dem Parteitag 1927, der nach den Ereignissen des 15. Juli einer Grundsatzdebatte über die Strategie der Partei gewidmet war, mahnend:

Als Sozialisten und Marxisten ist uns die Revolution das hervorragendste Mittel der Entwicklung der Gesellschaft, die Lokomotive der Geschichte. Zugleich muß man in Österreich sagen, daß hier in diesem Land eine Revolution auf absehbare Zeit ein Ding der Unmöglichkeit ist. Man muß also das rhetorische Pathos des Vordersatzes im Nachsatz aufheben. Es ist eine Gefahr und ein Widerspruch, immer von Revolution zu reden und zugleich behaupten zu müssen, daß man sie nicht machen kann, ein Widerspruch, der von uns die höchste Vorsicht in dieser Art Propaganda erfordert ... Und es heißt deshalb die Arbeiterschaft ganz falsch erziehen, wenn man ihre Seele zu sehr einspinnt in das Äußere revolutionären Getues und nicht einstellt auf die positive revolutionäre Tat der Verwaltung. [43]

Gegenüber diesem Vorwurf äußerte sich Otto Bauer wiederholt abwehrend im Sinne seiner Theorie, so 1930 in einem Artikel im „Kampf“, indem er Österreich als „Bourgeois-Republik“ charakterisierte:

Da wird seit 1927 in ermüdender Wiederholung und immer wieder gesagt: Die Ausdrucksweise unserer Redner und unserer Zeitungen habe das Machtbewußtsein der Arbeiterklasse übersteigert und die Gegner gereizt und zusammengeschweißt. Das Geschäft des Parlamentariers ist das Reden, das Geschäft des Zeitungsschreibers das Schreiben; beide sind daher immer geneigt, zu glauben, daß die Rede- und Schreibweise den Gang der Geschichte bestimme. Aber sind es nicht sonderbare Marxisten, die auf die Phraseologie zurückführen, was das unentrinnbare Resultat eines allgemeinen historischen Gesetzes ist? [44]

Und in einem im selben Jahr an Renner gerichteten Brief faßte Bauer seine Meinung in die lapidaren Worte zusammen: „Die Kapitalistenklasse bleibt, welche Sprache immer wir sprechen, unser unversöhnlicher Gegner.“ [45]

Renner teilte schon einmal die soziologische Beurteilung der Situation in Österreich nicht, er definierte Österreich nicht als Bourgeois-Republik, sondern als „kleinbürgerlich-bäuerliche Republik“ und einen „von kirchlichen Einflüssen beherrschten Bund“. [46] Er wandte sich daher gegen die „Versimpelung“ und „Verknöcherung“ der Klassenkampflehre, gegen die Theorie von der „reaktionären Masse“ und gegen die Theorie der „Pause“, wonach die Arbeiterbewegung in der Zeit zwischen einer bereits stattgefundenen und einer kommenden revolutionären Situation zum Abwarten und zur Hoffnung auf bessere Zeiten verurteilt sei. [47]

Renner contra Bauer

Die Theorie der Pause hing aufs engste mit der Spontaneitätstheorie des Marxismus zusammen, aber auch mit der Erwartung des Hervortretens der vorübergehend verhüllten historischen Notwendigkeit. Dies war für Renner, der als optimistischer Mann der Praxis die Möglichkeiten der Gestaltung vielleicht überschätzte, „eine trostlose, entnervende Auffassung vom Sozialismus“. [48] Er setzte dem historischen Zwangsläufigkeitsglauben Otto Bauers seine Überzeugung entgegen:

Ich hege den Fatalismus eines solchen Gesetzes nicht ... Ich lese nun aus der Erfahrung der Nachkriegszeit: Das Proletariat sucht sich allüberall des Staates zu bemächtigen — in der Idee wie in der Praxis! ... Der Staat, das sind tatsächlich wir, rechtlich sind der Staat aber die anderen! Ein Verhältnis, das wir in Ordnung zu bringen haben ... Sozialismus ist in meinen Augen vor allem aufbauende Gemeinschaftsarbeit, das sagt sein Name! [49]

Und im selben Zusammenhang gab er seiner Überzeugung Ausdruck, daß die Rede- und Schreibweise als Mittel der Massenbeeinflussung sehr wohl Bedeutung für den Erfolg einer Politik habe: „Ich halte die Art und Weise, wie man spricht, für nicht so gleichgültig wie manche unserer Genossen.“ [50]

So veranschaulicht der Austromarxismus in seiner grandiosen Mißlungenheit das allgemeine Schicksal der marxistischen Gesellschaftsidee, die auszog, um eine überreife industrielle Gesellschaft in den Sozialismus zu überführen, die aber historisch nur dazu benützt wurde, um als Wegweiser für rückständige Gesellschaften zu dienen, die ihre eigene Problematik auf den Marxismus übertrugen und ihn sowie den Sozialismus überhaupt mit einer Hypothek belasteten, die bis heute nicht abgelöst werden konnte.

Dort, wo sich der Marxismus als adäquates Erklärungsschema darbot und das Handeln im revolutionären Sinn legitim instrumentieren wollte, wurde von ihm kein Gebrauch gemacht, weil die Möglichkeiten der bürgerlichen Demokratie ausreichend schienen, um die gewünschten Reformen durchzusetzen. Dort verhinderte das Nachwirken der Marxistischen Theorie aber auch, die revisionistische Praxis mit gutem Gewissen auszuüben und sich realistisch auf die Probleme einer durch die eigene Tätigkeit pluralistisch gewordenen Gesellschaft einzustellen.

Da die marxistische Theorie in den revisionistisch handelnden Parteien des Westens einfach nicht zu Ende zu denken und in die Tat umzumünzen war, führt sie ein mit der Praxis scheinbar unverbundenes, sie aber doch ständig verdunkelndes Schattendasein.

Wo der Marxismus hingegen ernst genommen wurde und der Form nach in die politische Praxis einging, wie im Bolschewismus, war das Ergebnis weit davon entfernt, dem Ideal des Kommunistischen Manifests von einer Gesellschaft zu entsprechen, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“

Das Marx’sche Freiheitsideal, das das Grundmotiv seiner Jugendschriften und seines ganzen Lebenswerkes bildet, geriet praktisch überall in Konflikt mit den empfohlenen Mechanismen, die noch dazu unter keineswegs idealen Bedingungen angewendet wurden. Freilich ist diese historische Tragik nicht allein Schicksal des Marxismus, sondern fast aller großen Ideen der Menschheitsgeschichte, die den Händen ihrer Schöpfer entglitten und eine deren Intention souverän ignorierende Eigengesetzlichkeit entfalteten.

Die Tragik des Marxismus ist aber auch keine zufällige, sondern eine im Wesen seines Systems wurzelnde. Im Gegensatz zu seiner Selbsteinschätzung hat er sich gerade zur Erklärung und Bewältigung der Wirklichkeit, der er als Kur auf dem Leib geschrieben war, als unfähig erwiesen. Der Kapitalismus ist mit den Widersprüchen, die nach Marx längst zu seinen Zusammenbruch hätten führen müssen, nicht zuletzt durch die Einschaltung der politischen Arbeiterbewegung fertig geworden.

In den rückständigen Ländern des Ostens diente der Marxismus als Legimation eines fanatischen politischen Wollens einer entschlossenen Minderheit und als Fata Morgana einer vollkommenen Zukunftsgesellschaft, die mit der unter marxistischen Vorzeichen tatsächlich etablierten nicht die geringste Ähnlichkeit aufweist.

Der Marxismus hat sich also nirgends als eine im Sinne seiner Grundvorstellungen und -werte zielführende politische Theorie bewährt, wohl aber als willkommene Drapierung einer durch die verschiedensten Umstände determinierten Praxis.

Der Marxismus als wissenschaftliche Theorie ist heute in der freien Welt so sehr im Abstieg begriffen, daß ein Autor, der sich mit dem Marxismus im klassischen Land des Kapitalismus, den Vereinigten Staaten, befaßt, seine Untersuchung mit der eines Anthropologen vergleicht, der einer aussterbenden Gattung nachspürt. [51] Ist der Marxismus als wissenschaftliche Theorie ständig gezwungen, neue Ersatztheorien und Hilfskonstruktionen zu entwickeln, um das Ausbleiben der Marx’schen Fundamentalannahme des Zusammenbruchs des Kapitalismus zu „erklären“, so sieht sich auch eine vom politischen Marxismus belastete Praxis immer wieder in der unangenehmen Lage, zu Ausflüchten und Doppeldeutigkeiten, zu Vertröstungen und Vereinfachungen greifen zu müssen, um den Schein des marxistischen Anstandes wahren zu können.

Dabei soll nicht verkannt und geleugnet werden, daß der historische Marxismus tatsächlich einen kritischen Gehalt birgt, der nicht verlorengehen darf und auch dem politischen Wollen des Sozialismus wertvolle Dienste leisten kann. Die marxistische Kritik der Ideologie als einer Form der prätentiösen Verbergung von Gruppeninteressen fällt ebenso in die Kategorie des Erhaltenwerdens wie die Kritik am Privateigentum als historisch gewordene Kategorie.

Das ideologiekritische Anliegen ist in die moderne Wissenssoziologie eingegangen, hat sich dort aber teilweise gegen den Marxismus selbst rückgewendet. Die historische Kritik des Eigentums wiederum hat sich von den spezifisch marxistischen Grundannahmen der Arbeitswertlehre und den daraus abgeleiteten Theoremen emanzipiert; sie hat für eine moderne Gesellschaftspolitik sozialistischer Prägung keine dogmatische Bedeutung, sondern nur noch funktionalen Wert. Zu Unrecht werden diese, das allgemeine fortschrittliche Bewußtsein der Menschheit durchdringenden Elemente des Marxismus mit dem Marxismus schlechthin identifiziert.

Was nach Ausscheidung der in größere Zusammenhänge aufgegangenen, historisch vom Marxismus vermittelten wertvollen Impulse als spezifisch marxistisch übrigbleibt, ist eine Reihe zusammenhängender, aufeinander abgestimmter und auf das Finale des Zusammenbruchs des Kapitalismus hin komponierter Annahmen und Theorien, die insgesamt auf eine Polarisierung der gesellschaftlichen Kräfte hinarbeiten und eine dramatische Zuspitzung der gesellschaftlichen Konflikte erwarten. Diese marxistische Grundannahme ist der eigentliche gesellschaftspolitische Motor des marxistisch instrumentierten Handelns.

Was ist vulgär?

Mit der Vorstellung vom Zusammenbruch des Kapitalismus und der rettenden Wende eines zeitlich fixierbaren Fundamentalaktes hängen eine Reihe von mehr oder minder eingestandenen, in der Praxis des Marxismus höchst wirksamen Vorstellungen zusammen, die auch dadurch nicht aus der Welt geschafft und entschärft werden können, daß man sie in Verfolgung einer apologetischen Immunisierungsstrategie als „vulgärmarxistisch“ abtut und fallenläßt. Denn selbst wenn sich nicht — wie es tatsächlich möglich ist — in jedem einzelnen Falle nachweisen ließe, daß das „vulgäre“ Verständnis seine guten Gründe in den Worten der Klassiker hat, würde der Rekurs auf die Schrift gegenüber der Macht der Tradition nichts ändern, denn nicht der Marxismus als toter Buchstabenglaube, sondern als geschichtsmächtig gewordene historische Vision im von Max Weber als „genial-primitiv“ [52] bezeichneten Sinn des Kommunistischen Manifests steht zur Diskussion.

Aller historisch relevant gewordene Marxismus hat, durchaus in Übereinstimmung mit dem Haupttrend der marxistischen Theorie selbst, mit der Annahme einer unversöhnlichen Gegensätzlichkeit in der Gesellschaft, mit der Vorstellung eines Klassenkampfes operiert, bei dessen Ende es eindeutige Sieger und eindeutige Besiegte geben werde. Deshalb ist der Marxismus auch völlig ungeeignet, als Vorbereitung und Einübung für die Probleme einer pluralistischen Demokratie zu dienen, deren Wesenselement das dauernde Vorhandensein von Konflikten ist, die im Einzelfall jeweils optimal entschärft werden, und deren geistiger Lebensraum der Relativismus ist, also die dem Marxismus gerade zuwiderlaufende Annahme, daß es keinen absolut vorgezeichneten Weg der gesellschaftlichen Entwicklung gibt und daß es mangels einer absoluten Orientierung Sache der Menschen selbst ist, die Inhalte ihres Zusammenlebens zu bestimmen.

Der Marxismus als gesellschaftspolitische Ausrichtung belastet den Sozialismus aus seinem Erbgut heraus mit einer für die sozialistische Glaubwürdigkeit und das sozialistische Selbstverständnis unerträglichen Mentalreservation gegenüber den Formen und dem Geist der pluralistischen Demokratie. Diese soll keineswegs idealisiert und mit dem Marx’schen Zukunftsbild gleichgesetzt werden. Sie nimmt es sich aber auch nicht vor, alle menschlichen Konflikte zu harmonisieren, sondern lediglich, sie unter Beachtung gewisser Vorrangwerte, die der Entscheidung der Gemeinschaft obliegen, zu kanalisieren.

Der Marxismus, der eine historische Einkleidung und auf weite Strecken auch eine Beschleunigung des sozialistischen Wollens war, wird zunehmend zu einer Beengung und Belastung der wirkungsvollen Präsentation dieses Wollens; er wird aus einem Motor zu einer Hemmung.

Die Konservierung der marxistischen Ideologie im Rahmen der sozialistischen Bewegung wird nicht selten mit dem Hinweis auf die Nützlichkeit, ja Unentbehrlichkeit der „marxistischen Methode“ begründet, auf die sich der Marxismus angeblich reduzieren lasse. Dieses marxistische Rückzugsgefecht dient offenbar dazu, um unter dem Deckmantel der Methode die liebgewordenen und für unersetzlich gehaltenen gesellschaftspolitischen Grundannahmen mitzuschleppen, die man in Form der Phrase zur Verklärung eines oft recht opportunistischen Alltags beschwören kann.

Bei näherem Zusehen stellt sich heraus, daß es keineswegs um die Erhaltung oder Anwendung einer wissenschaftlichen Methode geht, sondern um die Außerstreitstellung der meritorischen Aussagen des Marxismus, von denen man sich im Einzelfall gerne zurückzieht, die man insgesamt aber doch nicht aufgibt. Dieses tieferliegende Motiv ist auch verständlicher, denn kann es wirklich Aufgabe einer politischen Bewegung sein, über den Wert einer wissenschaftlichen Methode zu entscheiden?

Und was soll man von einer Methode halten, deren Schöpfer selbst zu Sachbefunden und Voraussagen gelangt ist, die von der Wirklichkeit keineswegs bestätigt, sondern Punkt für Punkt widerlegt wurden? Freilich gibt diese Methode auch die Möglichkeit, die eingetretenen Abweichungen vom Schema marxistisch zu begründen, jedoch immer bloß als nachträgliche Rechtfertigung und Akkomodation an die der Theorie davongelaufene Praxis.

Die marxistische Methode, die in der Kurzformel „Das Sein bestimmt das Bewußtsein“ enthalten ist, erlaubt es, jede beliebige eingetretene Entwicklung als Bestätigung des Marxismus zu reklamieren. Sie ist damit von ebenso beruhigendem Wert wie die metaphysische Annahme der Entelechie, die sich auch immer erst nachträglich auf Grund der Ergebnisse herausstellt, oder wie die theologische Formel vom „unerforschlichen Ratschluß Gottes“, die alles Geschehene deckt, es aber nicht gestattet, die Zukunft besser zu überblicken oder zweckmäßiger zu beeinflussen.

Zum Unterschied von diesen in ihrem Bereich durchaus legitimen metaphysischen Annahmen legt der Marxismus aber auf strenge Wissenschaftlichkeit Wert. Gerade nach den Kriterien dieser von ihm selbst gewählten Bezugsgröße kann er mit seinem methodischen Anspruch nicht bestehen. Nach Karl Popper, der die möglichen Aussagesätze wissenschaftstheoretisch analysiert hat, steht der Spielraum und der Informationsgehalt eines Satzes im umgekehrt proportionalen Verhältnis; der Informationsgehalt ist um so geringer, je größer der Spielraum der gestatteten Möglichkeiten ist. [53]

Der Nachteil des geringen Informationsgehaltes wird im Bewußtsein der Anhänger solcher Leerformeln durch die ihm korrespondierende schwere Widerlegbarkeit verdeckt. Nun nähert sich die marxistische Methode mit ihrer Formel „Das Sein bestimmt das Bewußtsein“ bedenklich einer Aussage mit totalem Spielraum, die aber notwendig leer ist. Als Beispiele aus der politischen Praxis können fast sämtliche unter Berufung auf Marx getroffenen Fehlprognosen herangezogen werden, die demonstrieren, daß der Marxismus weder imstande war, eine realistische Einschätzung der jeweiligen Situation zu vermitteln, noch auch die richtige Taktik zur Beinflussung der Wirklichkeit, bzw. zur Abwehr der drohenden Gefahren zu geben.

Am Beispiel des Faschismus

Als Beispiel für viele möge aus der Spätphase des Austromarxismus eine von vielen Marxisten, z.B. lange Zeit von den deutschen Kommunisten, geteilte Beurteilung des Faschismus herausgegriffen werden, die angesichts der tatsächlich eingetretenen Entwicklung vor und nach dem Zweiten Weltkrieg geradezu grotesk anmutet. Max Adler schrieb 1932 in seinem „Lehrbuch der materialistischen Geschichtsauffassung“:

Der Sieg nationalsozialistischer Politik würde zwar zum Beispiel mit Hilfe gerade von Massen irregeleiteter und indifferenter Proletarier und tatsächlich mit dem Proletariat bereits gleich interessierter, aber dies verkennender Beamter, Angestellter, Mittelständler, Intellektueller usw. eine Herrschaft des Privilegs aufrichten, das in Wahrheit nur dem großen Kapital zugutekäme; aber gerade die Enttäuschung und Empörung, welche das so geschaffene Dritte Reich hervorrufen müßte, würde, wenn auch auf einem langen und furchtbaren Umweg, doch zur Revolutionierung der Massen führen und sie schließlich in den Weg des proletarischen Klassenkampfes einmünden lassen. [54]

Angesichts dieser „Methode“ versagt auch der Einwand, daß der Irrtum auf den einzelnen zurückfalle, der von dieser Methode falschen Gebrauch gemacht habe. Es gibt keine Möglichkeit und Hoffnung, diese Methode mit ihrer Unbestimmtheit zu verbessern und von der Subjektivität des Anwendenden und seiner Interessen unabhängig zu machen. Ihre Anziehungskraft besteht gerade darin, unter dem Titel der Wissenschaftlichkeit jede gewünschte Prognose stellen und jede beliebige Politik propagieren zu können.

Selbst wenn — wie im Falle der zitierten Adler’schen Vorhersage — die Realität die marxistische Prognose brüsk desavouiert, treten zusätzlich marxistische Überlegungen auf den Plan, die auch die Abweichung marxistisch interpretieren und das System um den Preis jedes konkreten Aussagegehaltes unangetastet lassen.

So lassen sich sowohl der Sieg als auch die Niederlage des Faschismus marxistisch erklären. Hätten sich die Mittelschichten gemäß der Marx’schen Voraussage dem Proletariat, in das sie ja soziologisch hinabgefallen waren, angeschlossen, so wäre dies eine „glänzende Bestätigung“ der marxistischen Theorie gewesen. Da sie es tatsächlich vorzogen, sich entgegen ihrem wahren Interesse der Bourgeoisie anzuschließen und dem Faschismus zum Sieg zu verhelfen, bestätigten sie den Marxismus, indem sie durch Auflehnung gegen ihr soziologisches Schicksal die Existenz dieses Schicksals anerkannten. Ihr „Sein“ hat also, was immer sie auch taten oder getan hätten, ihr „Bewußtsein“ bestimmt.

Der Aussagegehalt dieser Formel reduziert sich aber in Wahrheit auf die Feststellung einer in jedem Falle unbestreitbaren Beziehung zwischen den Handlungen von Gruppen und dem Lebensraum der Gesellschaft, in dem sich diese Handlungen abspielen. Diese Formel ist aber außerstande, gerade die spezifisch marxistische Determination in Richtung auf die Erfüllung der Marx’schen Gesamtprophetie nachzuweisen. Wenn die deutschen Mittelschichten, die sich dem Faschismus verschrieben haben, den Satz „Das Sein bestimmt das Bewußtsein“ bestätigt haben, so nicht minder den umgekehrten „Das Bewußtsein bestimmt das Sein“, denn war es nicht eine falsche Bewußtseinslage, die um ein Haar zu einer gigantischen Neuordnung des „Seins“ auf globaler Ebene geführt hätte?

Der problematische Wert der marxistischen Methode erweist sich auch an den Versuchen der Analyse des Bolschewismus. Diese Analyse ist für die Technik dieser Methode besonders aufschlußreich, weil es sich beim Bolschewismus um ein Objekt handelte, dem der Austromarxismus aus innen- und außenpolitischen Gründen nicht unbeteiligt gegenüberstehen konnte, dessen Analyse also eigene Interessen und Gefühle ins Spiel brachte.

Der Sieg der Oktoberrevolution in Rußland brachte den Terminkalender und den historischen Atlas des Marxismus einigermaßen in Unordnung. Während es nach Marx in den fortgeschrittenen Industriestaaten des Westens zum Sieg der proletarischen Revolution kommen sollte, kam es tatsächlich in dem überwiegend agrarischen, keineswegs kapitalistisch präformierten Rußland erstmals zu diesem Sieg.

Die Reaktion auf das Phänomen des Bolschewismus war hinsichtlich seiner außerrussischen Wirkungen in den Reihen der marxistischen Sozialdemokratie einhellig ablehnend. Alle Austromarxisten betrachteten die von den Kommunisten verlangte Übertragung spezifisch russischer Methoden auf Länder mit anderen Entwicklungsstufen als indiskutabel. Sie bekämpften daher den Bolschewismus und seine Putschversuche im eigenen Land, indem sie ihm die Gewalt der eigenen Organisation entgegensetzten und durch revolutionäre Phraseologie den Wind aus den Segeln nahmen.

In bezug auf die internationale Einschätzung des Bolschewismus und seine indirekte Wirkung auf das Schicksal des Sozialismus herrschte bei den Marxisten durchaus keine einheitliche Beurteilung. Zunächst gab Karl Kautsky, den Lenin in einem eigenen Pamphlet als „Renegat“ beschimpft hat, als Papst der marxistischen Orthodoxie und internationaler Repräsentant des marxistischen Zentrums, der stets enge Beziehungen zur österreichischen Arbeiterbewegung, aus deren Heimatland er stammte, unterhalten hatte, mit seiner strikt ablehnenden Beurteilung den Ton an. Karl Kautsky verurteilte den Bolschewismus von allem Anfang als terroristische Entartung, der jede marxistische Legitimationsbasis fehlte, da die Diktatur des Proletariats im Marx’schen Sinn nur einer Periode des ausgereiften Kapitalismus nachfolgen könne. Kautsky blieb diesem unnachgiebigen Standpunkt Zeit seines Lebens treu und konnte sich niemals zu einer auch nur neutralen, geschwige denn einer wohlwollenden Haltung gegenüber der Sowjetunion entschließen. [55]

Otto Bauer und Max Adler wandelten in ihren ersten Stellungnahmen zur Februar- und Oktoberrevolution noch durchaus in den Spuren ihres Lehrmeisters Kautsky. So charakterisierte Max Adler, der später zu einem der begeistertsten Bewunderer Lenins und der bolschewistischen Revolution werden sollte, den Bolschewismus als „akuten Rückfall in den utopischen Sozialismus“ und als „selbstmörderischen Fortschritt des Sozialismus von der Wissenschaft zur Tat“. [56] Auch Otto Bauer, der die offizielle Parteiversion gegenüber dem PBolschewismus vertreten sollte, bekannte sich im Oktober 1919 noch ausdrücklich zum Anathema Kautskys. [57] Doch schon in dem 1920 erschienenen Buch „Bolschewismus oder Sozialdemokratie?“ modifizierte Otto Bauer seine Ablehnung beträchtlich, so daß sie bei aller Kritik an der konkreten Erscheinungsform des Bolschewismus und bei aller Ablehnung seiner Nachahmung doch fast ins Gegenteil umschlug.

Hände weg vom Kommunismus

So hieß es in dem Vorwort zu dieser grundsätzlichen Stellungnahme bereits enthusiastisch: „Zum erstenmal hat das Proletariat die Herrschaft über einen großen Staat an sich gerissen.“ [58] Im Gegensatz zur internationalen Bourgeoisie, die ihren Krieg gegen die proletarische Revolution führe, „schlagen die Herzen der Proletarier aller Länder für das russische Proletariat“. [59] Die später entwickelte Theorie Otto Bauers vom „integralen Sozialismus“ scheint nach dem Motto „Getrennt marschieren, vereint schlagen“ in diesem Vorwort bereits vorweggenommen: „Aus der Erkenntnis der Grundverschiedenheit der Kampfbedingungen begreifen wir, daß auch die Kampfmethoden grundverschieden sein müssen, obwohl wir hüben und drüben für dieselbe Sache, die Sache des Proletariats kämpfen, nach demselben Ziele, dem Ziele des Sozialismus, ringen.“ [60]

Otto Bauer vertrat innerhalb der österreichischen Partei und auch im Rahmen der Internationale den Standpunkt „Hände weg von der Sowjetunion“, womit er meinte, daß man das russische Experiment, das eine sozialistische Gesellschaft, wenn auch eigener Art, zum Entstehen bringe, nicht stören und nicht auf seinen Sturz hinarbeiten solle. [61] Als Marxist mußte sich Otto Bauer allerdings mit dem unerbittlichen Kautsky’schen Argument auseinandersetzen, daß in Rußland die Voraussetzungen für eine sozialistische Gesellschaft noch gar nicht gegeben seien. Er glaubte, um diese Schwierigkeit durch eine eigene, angesichts der Faktizität der siegreichen proletarischen Revolution entwickelte Theorie vom „despotischen Sozialismus“ herumzukommen, der eine „transitorische Notwendigkeit“, ein „unentbehrliches Instrument des historischen Fortschritts“ [62] darstelle. Er berief sich auf Marx und Engels, die im Kommunistischen Manifest die Möglichkeit eingeräumt hätten, daß die bürgerliche Revolution „nur das unmittelbare Vorspiel einer proletarischen Revolution“ sein könne. „In Rußland, auf der Basis eines noch halbfeudalen Kulturniveaus der Volksmassen kann sich die Diktatur des Proletariats nur in einem despotischen Sozialismus verwirklichen.“ [63]

Der Verlauf der russischen Revolution bestätigte nach Otto Bauer „die Genialität der Marx’schen Konzeption von 1847“. Allerdings war Otto Bauer mit Max Adler der Meinung, daß die so etablierte Diktatur des Proletariats nicht die normalen Gesetzlichkeiten einer solchen demonstrieren könne, sondern den Marxismus, über dessen Terminkalender sie sich eigentlich hinweggesetzt habe, indirekt bestätige, indem die subjektiven Ziele dieser Diktatur in Widerspruch zu ihren objektiven Wirkungen gerieten, welche durch die ökonomischen Schranken der Entwicklung bestimmt seien.

Da das Proletariat nur mit Unterstützung der agrarischen Massen siegreich sein konnte, sei die Diktatur gezwungen, den Bauern die Wiederherstellung des Freihandels zuzugestehen. Außerdem werde sie durch den mangelnden Reifegrad der kapitalistischen Entwicklung gezwungen, nach Beseitigung der Reste des Feudalismus und des Absolutismus den Industrialisierungsprozeß nachzuholen. [64] Die NEP-Politik Lenins ordnete sich also wieder in das marxistische Schema ein, ohne daß zureichend erklärt worden wäre, wieso es überhaupt zum Sieg der proletarischen Revolution in Rußland gekommen war.

Die Theorie vom „despotischen Sozialismus“ war also wiederum nichts anders als eine nachträgliche Umdeutung einer nicht dem Marx’schen Schema entsprechenden Entwicklung, damit diese nicht umhin könne, den Marxismus zu bestätigen.

An der differenzierten Haltung Karl Kautskys und Otto Bauers gegenüber der bolschewistischen Revolution werden die Möglichkeiten sichtbar, die den Handhabern der marxistischen Methode je nach Bedarf und Neigung zur Verfügung stehen. Karl Kautsky hielt den Standpunkt durch, daß nicht sein kann, was marxistisch nicht sein darf und in jedem Mißerfolg des Bolschewismus ein Symptom der Auslöschung der systemwidrigen Existenz erblickte. Otto Bauer hielt sich an die ebenso gut marxistische, auf Hegel zurückgehende These „Alles, was ist, ist vernünftig“ und rechtfertigte damit unter Einführung neuer Hilfsbegriffe und unter Beschreitung neuer Umwege den Bolschewismus.

Allerdings waren sich Kautsky und Bauer, wenn auch mit verschiedenen Vorzeichen und diametral entgegengesetzten Gefühlen, darin einig, daß der weitere Verlauf der Revolution und Diktatur den Marxismus bestätigen müsse; handelte es sich im einen Fall um Bestätigung der ein für allemal feststehenden Verwerfung, im anderen Fall um Sichtbarmachung der über Umwege führenden Erwählung.

Auch hier drängt sich der Vergleich mit dem religiösen Dogma geradezu auf. Während nach der strengen Prädestinationslehre der Verworfene den Heilsplan erfülit, indem er sich verzweifelt gegen ihn auflehnt und seiner Verdammung dennoch nicht entrinnt, wird der Sünder nach der milderen Auffassung trotz seiner ursprünglichen Untat dem Heil zugeführt und dem Heilsplan einverleibt.

Die marxistische Dialektik bietet, wie die Stellungnahme zweier derselben Denktradition entstammender und dasselbe Instrumentarium beherrschender Marxisten zeigt, die ideale Möglichkeit, jeder gewünschten politischen Stellungnahme eine marxistische Unbedenklichkeitsbescheinigung zu erteilen. Daher ist es müßig, eine Antwort auf die Frage zu suchen, ob Kautsky oder Bauer die marxistische Auffassung vom Bolschewismus hatten; die eine ist so marxistisch oder unmarxistisch wie die andere. Es fehlt eben jede logische und historische Möglichkeit, die marxistische Analyse an objektiven Kriterien zu orientieren und sie unabhängig von den Resultaten dessen, der sie jeweils anwendet, als objektive Disziplin im Sinne der Logik oder im Sinne eines anderen vermittelbaren Bestandes bleibender Einsichten zu konstituieren.

Die spätere Entwicklung Otto Bauers angesichts des siegreichen Faschismus macht vollends deutlich, daß bei den marxistischen Analysen in der Regel der Wunsch der Vater des Gedankens ist. In seinem 1936 erschienenen Werk „Zwischen zwei Weltkriegen?“ entwickelt er die Theorie vom „integralen Sozialismus“ mit ihrer optimistischen Erwartung der Wiedervereinigung und konvergierenden Entwicklung der Arbeiterbewegung des Westens und des Ostens nach Niederringung des Faschismus; diese Theorie beruhte nicht auf einer Analyse der konkreten Situation der Sowjetunion, die zur Zeit der Abfassung des Buches im Zenit des Stalin’schen Terrors stand, sondern entsprang der Verzweiflung eines internationalen Sozialisten, der seine Welt zusammenbrechen sieht und nach einer Hoffnung Ausschau hält.

Integraler Sozialismus — heute

Dies schließt nicht aus, daß sich diese Theorie Jahrzehnte später — wenn die optimistischesten Einschätzungen der Liberalisierungstendenzen im Ostblock Recht behalten — als anwendbar erweisen könnte.

Auch dort, wo der Austromarxismus in seiner konkreten Aussage irrte und wo sein konkret beschrittener Weg versagte, war er doch immer von einem Anliegen beherrscht, das es aus der Zeitgebundenheit herauszulösen und als sein Wertvollstes und Eigentlichstes festzuhalten gilt. Der Wille zur Überwindung des Konfliktes und zur Heilung des Bruches zwischen demokratischem Sozialismus und Bolschewismus sowie das Bestreben, einen dritten Weg zwischen Reformismus und Bolschewismus zu weisen, bleiben auch dann anerkennenswert und gültig, wenn ihm im Rahmen des Marxismus unaufklärbare Mißverständnisse zugrunde lagen.

Die Heilung des Bruches zwischen Sozialdemokratie und Bolschewismus kann nicht durch einfache Konvergenz zustandekommen, sondern bliebe einer Entwicklung vorbehalten, in der die Emanzipationsbewegung innerhalb des Bolschewismus von der Quantität in die Qualität umschlägt und den Charakter dieser Bewegung verändert. Eine solche Entwicklung ist nicht kurzfristig anzusetzen, und sie tritt möglicherweise auch nie ein, sie ist aber andererseits — der Geist weht, wo er will — nicht auszuschließen. Deshalb ist die Entwicklung des Kommunismus ohne vorschnelle Erwartungen, aber auch ohne Belastung durch ein abschließendes Urteil, kritisch und aufmerksam zu verfolgen.

Die Austromarxisten haben durch ihre Analyse des Bolschewismus zwar nicht die Überzeugung von der Überlegenheit der marxistischen Methode bestärkt, wohl aber den Blick für die gesellschaftspolitischen Wandlungen des welthistorischen Phänomens des russischen Kommunismus geschärft.

Der Austromarxismus hatte ferner das richtige Gefühl, daß eine politische Bewegung, die an sozialistische Traditionen anknüpft, mehr bieten muß als tagespolitische Zweckmäßigkeitserwägungen. Sie muß über Grundsätze und Ideale verfügen, die über den Tag hinausweisen und den Alltag erhellen. Soweit sich der Austromarxismus als historisch-sittliche Idee gegen den bloßen Praktizismus einer den Einzelforderungen der Stunde verhafteten Politik wandte und die Menschen in seiner Organisation zu einem besseren Leben, ja zu „Neuen Menschen“ [65] im Sinne Max Adlers erziehen wollte, hat er ein unvergängliches Verdienst erworben. Er hat auf eine bleibende Funktion des Sozialismus aufmerksam gemacht, die auch dann nicht verlorengehen darf, wenn alle Annahmen rund um diesen humanistischen Kern des Sozialismus fallengelassen werden müssen.

Der Austromarxismus ist somit, gleich dem Marxismus, als eigene Theorie und als Versuch einer systematischen Deutung und Bewältigung der Wirklichkeit untergegangen und aufgehoben. Gleichzeitig aber sind seine zeitlosen Impulse und Beiträge als aufgehobene Momente im anderen Sinn des Hegel’schen Wortes in einen größeren Zusammenhang eingegangen. Der historische Körper in seiner spezifisch marxistischen und österreichischen Beschaffenheit ist in Staub und Asche gesunken, die Seele des Austromarxismus als kultureller Aufschwungsbewegung aber ist zeitlos wie der Aufschwung und die Sehnsucht des Menschen nach dem besseren Leben selbst.

[35Ernst Fischer: Die Pause, in: „Der Kampf“, Jg. XXI, Jänner 1928, S. 5.

[36Hans Kelsen: Sozialismus und Staat — Eine Untersuchung der politischen Theorie des Marxismus, Leipzig 1920, S. 68.

[37Die österreichische Sozialdemokratie im Spiegel ihrer Programme, S. 43.

[38Protokoll des sozialdemokratischen Parteitages 1926, S. 286 ff.

[39A.a.O., S. 269 ff.

[40Vgl. Max Adler: Politische oder soziale Demokratie. Ein Beitrag zur sozialistischen Erziehung, Berlin 1926.

[41Otto Bauer: Die Zukunft der russischen Sozialdemokratie, in: „Der Kampf“, Jg. XXIV, Dezember 1931, S. 518.

[42Max Adler: Die Staatsauffassung des Marxismus, Wien 1922, S. 116.

[43Protokoll des sozialdemokratischen Parteitages 1927, S. 139, 143.

[44Die Bourgeois-Republik, S. 198.

[45Otto Bauer: Ein Brief an Karl Renner, in: „Der Kampf“, Jg. XXIII, August 1930, S. 307.

[46Ein anderes Österreich — Dem Entscheidungskampf entgegen, in: „Der Kampf“, Jg. XXIII, Juni-Juli 1930, S. 254.

[47Karl Renner: Einige Erfahrungen praktischen Klassenkampfes, in: „Der Kampf“, Jg. XXI, April 1928, S. 149 ff.

[48Karl Renner: Wege der Verwirklichung, Berlin 1929, S. 19.

[49Ein anderes Österreich, S. 245, 251.

[50A.a.O., S. 254.

[51Lewis A. Coser: USA-Marxists at Bay, in: „Revisionism — Essays on the History of Marxist ideas“, hg. v. Leopold Labedz, London 1962, S. 351.

[52Max Weber: Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher Erkenntnis, in: „Max Weber. Soziologie. Weltgeschichtliche Analysen. Politik.“, Stuttgart 1956, S. 207.

[53Karl R. Popper: The Logic of Scientific Discovery, London 1959.

[54Max Adler: Lehrbuch der materialistischen Geschichtsauffassung, Band 2, 1. Teil, Berlin 1932, S. 229.

[55Vgl. Karl Kautskys Schriften: Terrorismus und Kommunismus, Berlin 1919; Von der Demokratie zur Staatssklaverei. Eine Auseinandersetzung mit Trotzki, Berlin 1921; Die proletarische Revolution und ihr Programm, Berlin 1922; Die Internationale und Sowjetrußland, Berlin 1925; Der Bolschewismus in der Sackgasse, Berlin 1930.

[56Max Adler: Sozialiimus und Kommunismus, in: „Der Kampf“, Jg. XII, Mai 1919, S. 255.

[57Otto Bauer: Karl Kautsky und der Bolschewismus, in: „Der Kampf“, Jg. XII, Oktober 1919, S. 661 ff.

[58Bolschewismus oder Sozialdemokratie?, Wien 1920, S. 3.

[59A.a.O.

[60A.a.O., S. 5.

[61Vgl. Melvin Croan: Perspektiven der sowjetischen Diktatur — Otto Bauer, in: „Der Revisionismus“, Köln 1965, S. 474 ff.

[62Bolschewismus oder Sozialdemokratie?, S. 63.

[63A.a.O., S. 71.

[64Otto Bauer: Der „neue Kurs“ in Sowjetrußland, Wien 1921.

[65Max Adler: Neue Menschen. Gedanken über sozialistische Erziehung, Berlin 1924.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1966
, Seite 612
Autor/inn/en:

Norbert Leser: Geb. 1933, studierte Jus und, als Schüler des katholischen Ideologiekritikers August Maria Knoll, Soziologie in Wien, Politologie an der London School of Economics, Lehrauftrag für Ideengeschichte des Marxismus an der Universität Salzburg, seit 1970 Professor für Politische Wissenschaften ebendort. Förderungspreis der Stadt Wien. Zweimal Theodor-Körner-Preis. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft. N. L. war Mitherausgeber des „Neuen FORVM“.

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