FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1973 » No. 232
Peter Aschner (Übersetzung) • Michel Bosquet • Jean Daniel • Herbert Marcuse

Voraussetzungen der Revolution

Gespräch
Seit Sie vor zehn Jahren den „Eindimensionalen Menschen“ schrieben, hat sich vieles geändert, auch Sie selbst. In Ihrem jüngsten Buch, „Konterrevolution und Revolte“, gehtes weniger um Integrierung der Menschen ins System, als um deren Abkehr von der sich zersetzenden kapitalistischen Gesellschaft.

Ja, aber ich habe nicht gesagt, daß die Zersetzung des Systems von selbst zu dessen Zusammenbruch führen wird. Auch nicht, daß die Abkehr vom Kapitalismus die Menschen zu Revolutionären macht: sie befähigt, das System umzustürzen und eine befreite Gesellschaft aufzubauen.

Im Gegenteil: ich sage, daß das System sich der ihm drohenden Gefahren besser bewußt ist als je zuvor und daß es den sich entwickelnden subversiven Kräften eine Art präventive Konterrevolution entgegensetzt. Diese Konterrevolution ist um so furchtbarer, als sie an keine herrschende Ideologie gebunden ist: die bürgerliche Ideologie liegt in Trümmern. Die traditionellen bürgerlichen Werte — Familie, Arbeit, Sparsamkeit — sind Relikte, die die Bourgeoisie selbst nicht mehr ernst nimmt. Das soziale Gefüge — um mit Marx zu sprechen: die bürgerliche Gesellschaft — ist vom Kapital selbst zersetzt worden. Es hat seine Herrschaft auf alle Lebensbereiche ausgedehnt und alle sozialen Beziehungen zwischen den Menschen in Warenbezeichnungen verwandelt.

Die Verteidigung des Systems kann sich also weder auf ein Wertsystem noch auf eine andere Rationalität stützen als jene der Produktion um der Produktion willen, die immer zerstörerischer und vergeuderischer wird. In den hochentwickelten Ländern zumindest ist der Kapitalismus total verrückt geworden. Die Verteidigung der bestehenden Ordnung beruht nur noch auf Herrschafts- und Kontrolltechniken psychologischer und polizeilicher Art. Diese sind — namentlich in Vietnam zeigte sich das — völlig barbarisch, vergleichbar nur den Nazigreueln.

Sie schreiben, das System sei bereit, sich mit faschistischen Mitteln zu verteidigen: Errichtung eines neuen Faschismus, der an das Irrationale in den Menschen appelliert. Dies sind Leitmotive in Ihrem Werk. Sie meinen, die Gegenwart enthalte ebenso viele Gefahren des Rückfalls in die Barbarei wie Chancen der Befreiung. Ist dieser Pessimismus nicht das Ergebnis Ihrer eigenen Lebensgeschichte?

Nicht meiner Lebensgeschichte, sondern einfach der Geschichte: des Aufstiegs von Faschismus und Nazismus, des Triumphes der Konterrevolution. Die üblichen Erklärungen erscheinen mir zu simpel und zu schematisch: sie übersehen die strukturellen Veränderungen in der Entwicklung des Monopolkapitalismus, in den individuellen Motivationen, an die der Kapitalismus appelliert. Der Marxismus ist schnell verkalkt. Die Theorie von Marx wurde auf allgemeine Schemata reduziert, seine dialektischen Begriffe auf Klischees. So verlor der Marxismus die Fähigkeit, den Bewegungen der Wirklichkeit Rechnung zu tragen.

Wann hat Ihr politisches Engagement begonnen?

1918 — ich war damals zwanzig Jahre alt — bin ich Mitglied eines Soldatenrats gewesen. Ich trat aus, als der Rat beschloß, Offiziere aufzunehmen. Das war, soweit ich mich erinnere, drei Wochen nach der Gründung. Das zweite wichtige Ereignis war die Ermordnung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts. Damals begann ich an der Sozialdemokratie zu zweifeln; für diese Morde waren Sozialdemokraten verantwortlich. Nach der Niederlage der Revolution in Deutschland suchte ich mit Hilfe von Marx und Freud das Geschehene zu begreifen: die konterrevolutionäre Destruktion und Gewalt; die SA und SS; die Gründe, warum eine Revolution, die notwendig schien, nicht von den Massen in die Hand genommen wurde.

Sie sagen, mit Hilfe von Marx und Freud. Marxismus und Psychoanalyse erschienen Ihnen also damals nicht unvereinbar?

Nein. 1923 lasen wir Korsch und Lukács, also Marxisten, die dem Leninismus kritisch gegenüberstanden, für die der Marxismus auch eine Philosophie war, nicht nur eine ökonomische Theorie. Aber das entscheidende Ereignis war die Veröffentlichung der „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ des jungen Marx im Jahre 1932: Dies war wahrhaftig ein Gegengift gegen den Stalinismus.

Der Kommunismus, um den es ging, bedeutete nicht nur die Revolutionierung der materiellen Verhältnisse, sondern auch und vor allem die radikale Emanzipierung des Menschen — seiner Sinne, seiner Sensibilität — und die Revolutionierung seines Bewußtseins und seines Unbewußten.

Diese vernachlässigte Dimension des Marxismus beschäftigte mich. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, als ich Freud genauer studierte. Denn nach 1945 wiederholte sich die Geschichte: neuerlich Aufstieg und Niederlage der Revolution; McCarthyismus; Kalter Krieg, Degeneration des Sowijetregimes. Damals wurde mir klar, zweifellos unter dem Einfluß der Frankfurter Schule, daß der Marxismus einen fundamentalen Aspekt vernachlässigt hatte: eine der Voraussetzungen der Revolution, nämlich einen radikalen Wandel im Bewußtsein und Unbewußten der Menschen, in ihrer Psychologie, ihren Bedürfnissen, ihren Aspirationen.

Man kann von der Revolution keinerlei qualitative Veränderung erhoffen, wenn die Menschen, die die Revolution machen, in ihrer Denkweise, ihren Bedürfnissen und Aspirationen von der Klassengesellschaft konditioniert und geformt sind. Wenn die Revolution nicht das Werk eines neuen Menschentyps ist, wird auch der Übergang zum Sozialismus keinen radikalen Wandel in den Produktionsverhältnissen und in den Beziehungen zwischen Mensch und Natur hervorbringen.

Das zentrale Problem ist nach meiner Meinung: wie man vor der revolutionären Veränderung der grundlegenden sozialen und politischen Institutionen jenen radikalen Wandel der Menschen herbeiführen kann.

Der Kapitalismus befriedigt die materiellen und kulturellen Lebensbedürfnisse der Mehrheit der Bevölkerung. Aber innerhalb des Systems entstehen neue subversive Bedürfnisse und Aspirationen. So kam es beispielsweise sehr rasch zum Bewußtwerden der Tatsache, daß es zur Reproduktion der Gesellschaft nicht notwendig ist, die ganze Zeit mit entfremdeter Arbeit zu verbringen; die Auffassung, wonach die Arbeit eine Pflicht, das Leben Mühe und Opfer, Lust Sünde — diese ganze alte Moral geht in Stücke, zugleich mit der Heuchelei von der bürgerlichen Familie.

Die Erfahrung von Freude ohne Schuldgefühl, Leben ohne Verzicht, Sieg der Solidarität über Egoismus, all dies kommt einer Ablehnung und Umstürzung der Lebensmoral des Kapitalismus gleich.

Im „Eindimensionalen Menschen“ erwarteten Sie diese Ablehnung und Umstürzung der kapitalistischen Lebensweise vor allem von Minderheiten oder von verfolgten, an den Rand der Gesellschaft verdrängten Schichten.

Aber ich habe nie gesagt, daß die Arbeiterklasse als Subjekt und Träger der Revolution durch Minderheiten oder Randschichten ersetzt werden könnte. Das ist unmöglich. Solange die Arbeiterklasse die Mehrheit der Bevölkerung bildet, wird es und kann es keine Revolution geben, deren Träger nicht die Arbeiterklasse ist.

Gewiß hat die Arbeiterklasse sich geändert. Sie hat sich ausgedehnt und große Teile der früheren Mittelschichten in sich aufgenommen. Sie hat sich auch qualitativ gewandelt: sie ist nicht mehr das elende Proletariat, das Arbeit und Brot fordert. Wenn die Arbeiterklasse revolutionär werden soll, so kann dies nur geschehen kraft des vitalen Bedürfnisses nach einer grundlegend anderen Lebensweise, befreit von den kapitalistischen Werten, gegründet auf Selbstbestimmung und die Erhebung des Lebens zum Selbstzweck.

Sie haben jedoch gesagt, die Arbeiterklasse sei ins System integriert und die Entstehung eines revolutionären Bewußtseins, die radikale Weigerung würden zuerst von außen kommen.

Das gilt immer noch, soweit es die Formulierung eines revolutionären politischen Willens betrifft. Doch es gilt nicht für die Ablehnung der kapitalistischen Moral und des kapitalistischen „Geistes“; diese Ablehnung und Auflehnung sind bereits in der Arbeiterklasse vorhanden oder im Entstehen begriffen, besonders bei den jungen Menschen. Sie verweigern die Arbeit, sie sabotieren sie, sie identifizieren sich nicht mit ihrem „Job“. Arbeit — man muß hinzufügen: solche Arbeit, d.h. Arbeit für Geld — erscheint ihnen nicht als natürliche und nicht einmal als gesellschaftliche Notwendigkeit. Das ist das Anzeichen einer Befreiung ...

Der entwickelte Kapitalismus ist hinaus über das Stadium, in dem die volle Arbeitszeit nötig war zur erweiterten Reproduktion des Systems. Heute ist offenkundig, daß die kapitalistische Produktion nicht mehr die volle Arbeitszeit der Arbeiter erfordert. Diese Erkenntnis verbreitet sich und hat potentiell revolutionäre Bedeutung. Die amerikanische Presse ist voll von alarmierenden Berichten über die „Demoralisierung“ der Arbeiterklasse, über angewiderte, vor Langeweile kranke Arbeiter, die ihren „Job“ derart hassen, daß sie mitten am Tag alles hinschmeißen, sich krank schreiben lassen, usw.

Die herrschende Klasse ist beunruhigt. Nixon selbst hat vor der Gefahr gewarnt, die diese Demoralisierung für das kapitalistische System darstellt. Er fordert die Rückkehr zur alten puritanischen Ethik der Arbeit und des Verzichts. Es gibt heute eine erhebliche Anzahl von Gruppen, die hartnäckig versuchen, auf ganz andere Art zu leben. Ich meine damit nicht speziell die Kommunen, sondern alle Männer und Frauen, die in ihrem Verhalten und ihrer Lebensauffassung die Kardinalwerte des kapitalistischen Systems zurückweisen: Gewinnstreben, Konkurrenz, Aggressivität, Selbstbestätigung, Männlichkeit.

Wenn man ein junges Paar sieht, kann man auf den ersten Blick nicht erkennen, wer der Bursch und wer das Mädchen ist; in den meisten Fällen irrt man sich.

Die Werte der aggressiven Produktivität und der profitablen Repression werden ersetzt durch die Werte des Genusses, der schöpferischen Arbeit — das sind entschieden antikapitalistische Werte.

Sie beschreiben eine Art existentieller Abkehr. Diese schwächt den ideologischen Halt des Systems. Aber beeinträchtigt sie sein Funktionieren?

Die Weigerung, eine entfremdende Arbeit auszuführen; die Sabotierung dieser Arbeit; das Fernbleiben von der Arbeit, das in den Betrieben stark zunimmt — all dies beeinträchtigt auch das Funktionieren des Systems.

Aber all das kann auch vom System bewältigt werden: Da gibt es die Arbeitsbereicherung (job enrichment), die biologische Ernährung, die Pop-Mode usw.

Es gibt nichts, oder fast nichts, was das System nicht bewältigen könnte. Das ändert aber nichts an dem subversiven Inhalt und Potential der neu entstehenden Werte. Selbst Marx wird bewältigt, insofern man seine revolutionären Schriften im Drugstore kaufen und an den Universitäten Vorlesungen darüber hören kann. Das ändert jedoch nichts an der Substanz der marxistischen Theorie und Praxis.

Hinter der marxistischen Theorie gibt es eine Praxis. Aber die Subversion, von der sie sprechen, ist ein Verhalten, eine „Gegenkultur“. Wie kann diese sich in revolutionäre Praxis umsetzen?

Sie haben völlig recht: Wenn die Gegenkultur nicht mit revolutionärer politischer Praxis verbunden ist, degeneriert sie zu neuen Formen des Egoismus, zur Suche nach individuellem Glück, zur Flucht vor der Wirklichkeit, zum Drogengenuß. Eben weil diese Formen der Verweigerung das System nicht am Existieren und Handeln hindern, ist diese Gesellschaft schizophren: auf der einen Seite die Hippies, auf der anderen Gewalt und Völkermord.

Man hat behauptet, ich sei der Vater des „Spontaneismus“. Man hat mir vorgeworfen, im Subproletariat und in den Studenten die entscheidende revolutionäre Kraft zu sehen. Das sind Dummheiten. Spontaneität an sich ist nicht revolutionär. Sie kann reaktionär sein, kann aus der Aneignung von Bedürfnissen stammen, die im Interesse der bestehenden Ordnung geschaffen wurden. Die intensive Indoktrinierung, der die Menschen heute ausgesetzt sind, muß durch eine ebenso intensive Gegenerziehung und Gegenorganisation bekämpft werden. Ich bin mehr als je von der Notwendigkeit einer Avantgarde überzeugt, die imstande ist, das Bewußtsein der Massen zu vertiefen.

Die spontante Verweigerung bedarf der Organisierung. Es wird keine Revolution geben ohne individuelle Befreiung, aber es gibt auch keine individuelle Befreiung ohne kollektive Befreiung. Die individuelle Befreiung besteht nicht einfach darin, daß man sich den Zwängen der kapitalistischen Gesellschaft entzieht, indem man mehr oder minder isoliert in einer „Kommune“ lebt. Die wahre individuelle Befreiung ist die effektive Überwindung der bürgerlichen Individualität, der Trennung zwischen Privatleben und geselischaftlicher Rolle. Aber dies geschieht nicht, indem man die gesellschaftliche Rolle zugunsten des Privatlebens ablehnt. Das geschieht auch nicht durch das Umgekehrte, das eine andere Form der Flucht ist: durch die Ablehnung jedes Privatlebens im Namen der revolutionären Sache.

Die glückliche Einheit des Individuums ist in unserem Gesellschaftstypus nicht möglich. Man muß das akzeptieren und die Spannungen, die dies hervorbringt, hinnehmen: Die individuellen Wünsche und Aspirationen sind nicht unmittelbar politisch, und die politischen Ziele und Handlungen fallen nicht sofort mit den individuellen Wünschen zusammen.

Die wichtigste Aufgabe der Neuen Linken ist heute, meiner Meinung nach: neue Formen der Selbstdisziplin und der Organisation finden. Vor allem wird es sich um dezentralisierte, aber lokale und regionale Formen handeln. Denn die Konzentration der Repressionskräfte ist so groß, daß es unmöglich ist, ihnen zentral entgegenzutreten, das heißt, in Gestalt einer zentralisierten, bürokratisierten Partei, die den Anspruch erhebt, die Massen zum Sturm gegen die Zentralgewalt zu führen.

Worauf spielen Sie an? Auf Putschismus oder auf terroristische Attentate?

Vermutlich auf das, was sie Putschismus nennen.

Und die terroristischen Kommandos, wie Baader-Meinhof, Schwarzer September, Weathermen usw.?

Für den Marxismus ist die einzige revolutionäre Gewalt die Gewalt der revolutionären Massen. Daher ist isolierte Gewalt, ohne Basis in der Bevölkerung, keine revolutionäre Gewalt. Die Weathermen haben übrigens eingesehen, daß der Terrorismus in der amerikanischen Situation keinen Sinn hat: sie haben ihren Kurs geändert.

Haben Sie sie verurteilt, als sie in New York Bomben legten?

Nein, ich habe sie nicht öffentlich verurteilt, das hat schon das Establishment besorgt. Ich hatte schon lange vorher geschrieben, daß jene, die eine unmenschliche, repressive Ordnung und unmenschliche Destruktion nicht ertragen können, ein natürliches Recht auf Widerstand haben. Mir, der ich in meinem Sessel hinter dem Schreibtisch sitze, steht es nicht zu, Attentate zu verurteilen und damit durchblicken zu lassen, daß es richtig sei, die Attentäter zu bestrafen.

Sie haben vorhin die Notwendigkeit einer Avantgarde betont. Wer könnte Ihrer Meinung nach diese Rolle spielen? Und wie?

Ich wiederhole: Auch heute noch sind vor allem die Studenten die Avantgarde der radikalen Opposition, namentlich in Lateinamerika, in den anderen Ländern der Dritten Welt, in den Vereinigten Staaten. Die Repression trifft vor allem die Studentenbewegung. In dieser Hinsicht haben die Fakten bestätigt, was ich vor zehn Jahren geschrieben habe. Aber außer in der Dritten Welt stößt die Verbindung der Arbeiterbewegung mit den Studenten und radikalisierten Intellektuellen überall auf große Schwierigkeiten.

In den Vereinigten Staaten sind die Intellektuellen geradezu verhaßt. Aber die Zusammensetzung der Arbeiterklasse ändert sich: der Anteil der Angestellten mit „höherer Bildung“ steigt unaufhörlich. Und der Unterschied zwischen manueller und geistiger Arbeit wird kleiner.

Was nicht hindert, daß die intellektualisierte Arbeit ebenso — oder noch mehr — entfremdend wird, als die manuelle Arbeit es vor der Mechanisierung war. Und zwar, weil sie die intellektuellen Fähigkeiten frustriert, die sie dennoch erfordert. Die kapitalistische Arbeitsorganisation entwertet nach wie vor die Arbeit als solche. Man kann aber den Sozialismus nicht auf Geringschätzung der Arbeit gründen, sondern nur auf deren Befreiung und Rehabilitierung.

Das, glaube ich, geschieht in China. Ich bin nicht dort gewesen und weiß es daher nicht aus eigener Anschauung, aber ich habe die Berichte gelesen. Es scheint, dort hat der Charakter der Arbeit sich geändert: sie ist, dank der Einführung von anderen Organisations- und Produktionstechniken, nicht so entfremdend und knechtend wie bei uns; sie gewinnt oder bewahrt ein schöpferisches Wesen.

Sind nicht die geistigen Arbeiter, welche die Bildung und die Rolle akzeptieren, die ihnen die Schule vermittelt, der kapitalistischen Arbeitsteilung angepaßt und deren revolutionärer Veränderung abgeneigt? Schafft das System sich nicht die Intellektuellen, die es braucht?

Das ist eine sehr komplizierte Frage. Die Universität ist Kampfplatz zweier entgegengesetzter Tendenzen. Einerseits sind die Universitäten wahrhaft Säulen der bestehenden Ordnung. Darum sagte ich auch — obwohl ich für die Erhaltung der Universitäten bin —, man müsse die Erziehung, den Schulunterricht inbegriffen, radikal umgestalten. Das heißt: Bruch mit der akademischen Tradition, die konformistisch geworden ist, Ersatz durch eine Erziehung, die auf die Lösung der Probleme dieser Gesellschaft und deren mögliche Umwandlung hinzielt. Eine solche nonkonformistische Erziehung könnte gerade in reformierten, umstrukturierten Universitäten stattfinden.

Aber dort, wo die Universitäten zu einer solchen pädagogischen Autonomie tendieren, ist eine zweite Tendenz am Werk: Diese trachtet — im Interesse der bestehenden Ordnung — jede wahrhafte Erziehung abzuschaffen, das heißt jede Erziehung, die imstande ist, Bewußtsein und Wissen der Menschen zu entwickeln. Die Losung „Die Universität zerschlagen“ hat daher einen schrecklichen Doppelsinn. Sie ist eine Losung der Linksradikalen. Aber sie spielt der herrschenden Klasse in die Hand. Auch diese will keine Hochschulen, welche ihren Interessen so schlecht dienen.

Man sieht dies deutlich beispielsweise in Kalifornien, wo es schon wiederholt in offiziellen Berichten geheißen hat: „Es ist unsinnig, daß die Studenten humanistische Fächer wählen, denn das führt zu nichts, das ist Luxus. Man muß die traditionelle Bildung durch eine Berufsausbildung ersetzen, die es den Leuten ermöglicht, im bestehenden System einen Job zu finden.“

Kurz, Sie betrachten die Universitäten als Stätte der permanenten kulturellen Herausforderung des Systems?

So ist es. Diese Herausforderung kommt ganz leicht zustande, wenn man nur die Studenten wahrheitsgemäß über die Gesellschaft von heute informiert. Man braucht sie durchaus nicht zu indoktrinieren, um sie zur Auflehnung zu bewegen. Es genügt, ihnen die Fakten zu geben. Diese sprechen für sich selbst.

Darum neigt die akademische Erziehung dazu, die Fakten zu entstellen oder zu ignorieren. Man lehrt — zumindest in den Vereinigten Staaten — eine Geschichte, der das Wesentliche fehlt: die Geschichte der Häresien, der Revolutionen, der Ausbeutung und der Unterdrückung.

Das eben meine ich mit „umgestalten“: den Menschen die geistigen Waffen geben, damit sie ihre spontane Revolte in den gesellschaftlichen und historischen Prozeß eingliedern und in politische Ziele, in organisierte Aktionen umsetzen.

Die Losung „Die Universität zerschlagen!“, d.h. die Ablehnung jeglicher Hochschulbildung, ist Ausdruck eines Antiintellektualismus, der für die gesamte revolutionäre Arbeiterbewegung äußerst schädlich ist. Die revolutionäre Bewegung ist stets von Intellektuellen geleitet worden. Wenn die Arbeiterbewegung die Intellektuellen aus ihren Reihen verjagte, hat ihr dies stets geschadet.

Für Sie sind Intellektuelle nicht die geistigen Arbeiter im Produktions- und Distributiönsapparat, sondern Menschen, die „Bewußtsein“ produzieren und entwickeln: Ohne sie wäre der Rückfall in die Barbarei nicht mehr fern.

Das politische Bewußtsein der Arbeiterklasse entwickelt sich nicht von selbst. Man muß es schaffen. Das ist Aufgabe der revolutionären Partei. Die Partei hat kein Recht, ihre Kompromisse oder Kapitulationen zu entschuldigen, indem sie sagt: „Wir können nichts anderes tun, weil das politische Bewußtsein der Massen noch nicht genügend entwickelt ist: die Arbeiterklasse ist noch nicht reif für eine andere Politik.“

Die Aufgabe der Partei besteht gerade darin, das Bewußtsein der Arbeiterklasse reif zu machen. Das wird ihr nur gelingen, wenn sie sich an die Spitze der Arbeiterklasse stellt und eine militante Politik betreibt, nicht aber, indem sie demagogisch den Vorurteilen und Iliusionen der Arbeiter schmeichelt, wie es die kommunistischen Parteien heute tun.

In ihrer Ideologie und der Propaganda fahren diese Parteien fort, zu Klischees gewordene Konzepte einer marxistisch genannten Theorie wiederzukäuen. In ihrer politischen Praxis und Strategie haben sie sich damit abgefunden, daß die Massen im fortgeschrittenen Kapitalismus nicht revolutionär sind. Aber sie tun nichts, um die Massen zu revolutionieren, im Gegenteil. In ihrer heutigen Gestalt sind die großen bürokratisierten und zentralisierten Massenparteien zu Hindernissen für die Entwicklung des Bewußtseins geworden.

Sie sagen: Die Massen sind nicht revolutionär; um ihr politisches Bewußtsein zu entwickeln, bedarf es. einer Avantgarde-Organisation, einer Partei neuen Typs. Woher soll sie kommen? Die Intellektuellen können doch nicht eine politische Avantgarde dekretieren? Diese muß wirklich existieren.

Es ist nicht absolut notwendig, daß die Avantgarde eine „Partei neuen Typs“ ist. Sie könnte auch die Form von Arbeiterräten, Wohnviertelräten, Studenten-, Techniker-, Frauenräten usw. annehmen. Nie setzen sich die Massen spontan für revolutionäre Ziele in Bewegung. Man muß sie für solche Ziele gewinnen. Damit erst werden sie revolutionär.

Kurz, Sie sehen in Räten Instrumente der Organisierung und Leitung der Massen, nicht Machtorgane der Massen. Glauben Sie nicht, daß die Massen imstande sind, sich selbst zu organisieren und eigene Initiative zu entfalten?

Das hängt davon ab, wofür sie kämpfen und wer ihren Kampf ausgelöst hat. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Wenn die Massen sich in Bewegung setzen, um Juden oder Neger umzubringen, dann haben Sie eine Massenaktion, eine spontane Aktion, die in den Vereinigten Staaten gar nicht so unwahrscheinlich ist. Man kann sogar sagen, daß eine solche Aktion gegen das System gerichtet wäre, denn es liegt keineswegs im Interesse des Systems, diese Art von Rassenkonflikten zu verschärfen. Die Massen stellen sich nicht von selbst die richtigen Ziele, ihre Kämpfe müssen durch eine theoretische und praktische Erziehung vorbereitet werden.

Wer soll die Massen erziehen? Sie scheinen autonomen Aktionen und Initiativen der Massen zu mißtrauen, nicht aber den Intellektuellen, die die Massen nach Ihrer Meinung „in Bewegung setzen“ und leiten sollen. Wer aber garantiert Ihnen, daß diese Führer „gute Erzieher“ sind und nicht reprimierte, repressive Männer, hervorgegangen aus dem Machtkampf innerhalb der Apparate, die sich der Massen bedienen, um an deren Stelle die Macht zu ergreifen? Glauben Sie nicht, daß die Garantie nicht von den Führern kommen kann, sondern nur von der befreienden Erfahrung, die ein langer revolutionärer Kampf den Massen und den aus ihren Reihen hervorgehenden Führern vermittelt?

Es gibt keine Garantie. Es gibt nur Chancen, mehr oder minder reale. Aber letztlich haben Sie recht: Die Chancen einer sozialistischen Revolution hängen von der „befreienden Erfahrung des revolutionären Kampfes“ ab. Nur: in den Vereinigten Staaten, wie übrigens auch in Deutschland und Großbritannien (also in den am weitesten fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern) muß der revolutionäre Kampf erst angefacht, entfesselt, organisiert werden. Zu diesem Zweck muß man den Menschen das Bewußtsein der objektiven Bedingungen vermitteln, ein sozialistisches Bewußtsein formen.

Ich bin durchaus nicht der Meinung, daß man diese Aufgabe einer „Elite“ oder, um einen Ausdruck Lenins zu gebrauchen, einer „selbsternannten Avantgarde“ anvertrauen soll. Ich meine vielmehr, daß diese Aufgabe von Personen und Gruppen übernommen werden soll, die aus allen Klassen — jawohl! — kommen, welche in ihren Zusammenstößen mit der Gesellschaft „befreiende Erfahrungen“ gewonnen haben: an den Hochschulen, auf der Straße, in den Warenhäusern, in den Ghettos.

Diese Personen und Gruppen, die im Feuer des Kampfes zu militanten Sozialisten geworden sind, wissen, daß die Massen nicht Sozialisten sind. Man muß das Bewußtsein aller Menschen heben, nicht nur das der Betriebsarbeiter. Die politische Erziehung muß theoretisch und praktisch sein.

Wer erzieht die Erzieher? Die Antowrt ist recht einfach, vorausgesetzt, man befreit sich von der perfiden antiintellektuellen Propaganda, die in Ihrer Formulierung enthalten ist: Die Erzieher erziehen sich selbst. Die Theorie existiert, die historische Tradition und Erfahrung existiert, und man kann sie erlernen und weitergeben.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1973
, Seite 13
Autor/inn/en:

Herbert Marcuse:

Geboren 1898 in Berlin, gestorben 1979 in Starnberg. Philosoph, Politologe und Soziologe, Schüler von Edmund Husserl und Martin Heidegger. 1930 war er neben Heidegger und Erich Fromm Mitbegründer des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Zwei Jahre später siedelte Marcuse angesichts der politischen Entwicklung in Deutschland in die USA über. In New York schloss er sich dem Institut für Sozialforschung an der Columbia University an. 1940 wurde er US-amerikanischer Staatsbürger.

Michel Bosquet: Pseudonym von André Gorz, unter dem dieser in seiner journalistischen Tätigkeit auftrat.

Peter Aschner:

Jean Daniel:

Foto: By Ministry of the Presidency. Government of Spain, Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=91462134

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Themen dieses Beitrags

Desiderate der Kritik