Politik soll Werte erhalten und neue schaffen. Das ist die Vorstellung, die wir haben von unseren Politikern.
Wertschöpfung hat in der Welt schon stattgefunden, bevor die Menschen da waren. Das ist gerade das, was die Leute, die sich hier versammeln, finden, daß nämlich so wunderbare, wertvolle Dinge in der Welt sind, die wir bedrohen, die wir kaputtmachen.
Also hat die Welt es offensichtlich geschafft, Werte zu entwickeln, schon bevor die Menschen da waren. Wie hat sie das eigentlich gemacht und nach welchen Gesetzen? Es ist ganz erstaunlich, denkt man darüber nach, kommt man auf ganz simple Gedanken, die einen zum Schluß wieder optimistisch werden lassen. Weil nämlich diese Gedanken so einfach sind, daß man die Hoffnung hat, eigentlich kann jeder einigermaßen gutwillige und einigermaßen gebildete Mensch das ohne weiteres verstehen. Und da wir ja in einer demokratischen Welt leben, die Mehrheit bestimmt, was geschehen soll, ist es also nur ein Erziehungsproblem. Wir müssen nur verstehen, was die richtigen Gesetze der Wertschöpfung sind. Wenn die Leute das verstanden haben, dann gibt es Hoffnung, daß sie es richtig machen und all den Unsinn bleiben lassen, den wir jetzt tun.
Ich habe mich, wie schon damals hier vor Zwentendorf, gefragt, woran liegt es eigentlich, daß die Wissenschaft soviel Schaden anrichtet? Die Wissenschaftler tun ja das fast alle mit gutem Willen, was sie machen. Es ist nicht richtig, daß da eine kleine Clique von Böswilligen die Welt ruiniert. So ist das nicht. Sondern die Leute, selbst diese Machteliten, von denen George Wald spricht, das sind ja keine Teufel, die leben ja meistens subjektiv auch in der Meinung, daß sie der Welt was Gutes tun, daß sie die Welt retten.
Woran liegt das nun, daß also diese Leute nun mit Hilfe der Wissenschaft die Welt kaputtzumachen drohen? Nun, da habe ich angefangen: „Kein Zweifel, zur effizienteren Organisation des Krieges haben Wissenschaftler zu allen Zeiten hervorragend beigetragen ...“ Und heute arbeitet fast jeder zweite Wissenschaftler direkt oder indirekt an der Entwicklung von Kriegstechnik. Und die meisten behaupten, das diene der Friedenssicherung, und manche glauben das sogar und wollen damit einer besonderen Verantwortung des Wissenschaftlers gerecht werden. Das stimmt bei vielen meiner Kollegen so. Andere fordern neuerdings, jeder Wissenschaftler solle einen verallgemeinerten hypokratischen Eid leisten, daß er seine Entdeckung niemals gegen das Leben anwenden würde. Aber was sollte das nützen? Die Anwendungen werden ja nicht von den Entdeckern gemacht, und wenn durch Anwendungen Macht gewonnen werden kann, dann werden sich eben Anwender finden.
Wissenschaften führen zwangsweise zu Machenschaften.
Sollen wir also einen Eid leisten, keine Wissenschaften mehr zu treiben? Das würde natürlich auch nichts helfen, denn dann treten bloß andere an unsere Stelle, Wissenschaft ist ja bekanntlich durch Wiederholbarkeit gekennzeichnet. Bliebe also noch zu fordern vielleicht, daß Wissenschaft gesellschaftlich geächtet wird, weil sich ihr Mißbrauch grundsätzlich nicht verhindern läßt. Aber selbst das würde nichts helfen, weil ja — wo Macht gewonnen werden kann — sich Menschen finden würden, sogar ganze Gesellschaften, die das ausnützen. Schließlich sind ja auch Mord und Folter geächtet worden, von den — geistigen — Führern der Menschheit, und das hat nichts an ihrer Awendung geändert.
Deshalb könnten wir also annehmen, daß die Naturwissenschaft eine Naturkatastrophe ist, der die Welt zum Opfer fallen muß.
Wie George Wald das gesehen hat, läge die einzige Hoffnung darin, die Entstehung von solchen Machtcliquen, die Entstehung und das Anwachsen von Macht zu verhindern. Zuverlässig zu verhindern.
Dafür sind die Naturwissenschaftler natürlich nicht zuständig, nicht kompetent.
Dabei habe ich sogar etwas geschwindelt. Es ist nicht der böse Wille, der die Welt bedroht. Das Schlimmste ist der gute Wille. Die Wissenschaftler, die die Welt kaputtmachen, die glauben meistens, sie könnten die Welt verbessern. Nicht nur das, sondern die ganze Welt rennt ihnen hinterher und bittet sie darum, die Welt zu verbessern. Das ist auch von der anderen Seite her das Problem: man erwartet von uns, daß wir doch irgendwie die Welt retten können.
Erst ging die Wissenschaft um den Schutz der Mitmenschen vor Naturkatastrophen. Deshalb hat sie soviel Macht gewinnen können, weil sie Wege gewiesen hat, wie man die Menschen vor Naturkatastrophen schützen konnte. Vor Nöten und Krankheiten. Und auch vor den Feinden natürlich. Da wurden eine Menge Probleme gelöst. Nach einiger Zeit jedoch, heute, geht es vor allem um Probleme, die durch diese Lösungen neu erzeugt worden sind. Die durch Problemlösung erzeugten Probleme sind’s, die uns heute über den Kopf wachsen. Sowas nennt man eine Instabilität, wenn ein System bei einer kleinen Ablenkung aus seinem Zustand nicht Kräfte aufbaut, die dieser Auslenkung entgegenwirken, sondern Kräfte, die das weiter antreiben. Das fängt alles an mit dem Entdecken. Das Wort Apokalypse hat merkwürdigerweise nur seinen schrecklichsten Sinn behalten. Gefährlich wird es, wenn Erkennen mit Können verwechselt wird. Und diese Verwechslung entspringt nicht dem Erkennen, sondern einem Mangel an Erkenntnis. Eigentlich ganz gewöhnliche Dummheit.
Die offizielle Wissenschaft und Technik steht heute überall in der Welt mit der herrschenden Ideologie im Bunde, diese herrschende Ideologie ist überall in der Welt dieselbe: Wir stehen vor gewaltigen Problemen, und selbst wenn diese Probleme erst der Anwendung von Wissenschaft entsprungen sind, gibt es doch nur einen einzigen Ausweg — mehr Forschung, mehr Technik, sofortigen Technologietransfer in die Produktion, noch schnellere Innovation, also vorwärtsstürmen mit aller Kraft, so schnell wie möglich. Große Probleme sind immer große technische Probleme, und das heißt, sie brauchen großtechnische Lösungen.
Das ist die Ideologie, die unsere Welt beherrscht. Und wer dagegen auch nur einen Gedanken anmeldet, der wird sofort als irrational — wie heißt das — abgestempelt? Das ist jetzt ein direktes Zitat was ich gerade gehört habe von unsrem Außenminister: „irrationale Zukunftsangst und blinde Technologiefeindlichkeit“ heißt das. Ein Symptom dieses Wahns ist die wachsende Instabilität der militärischen Systeme. Wenn man genau hinschaut, würde ich sagen, moderne Techniken haben die Welt, die Menschen und das ganze Leben auf unserer Erde viel mehr geschädigt als die Kriege. Wenn auch jetzt die Militärs natürlich gerade zu einem ganz gewaltigen Endspurt ansetzen und alles kaputt machen können. Aber bisher ist der Schaden größer geworden durch die friedlichen Technologien.
Das sehen die jungen Leute heutzutage, wie die Erben der Aufklärung in diesem Wettlauf dahinrasen und wollen das Wort „Rationalität“ nicht mehr hören. Begreiflicherweise. Es wird einem schlecht dabei, wenn man das Wort „Rationalität“ aus dem Mund von Politikern und Wissenschaftlern hört.
Ich bin also ein altmodischer Aufklärer. Ich habe mir deshalb auch heute eine Krawatte angezogen, zum erstenmal seit Jahren, glaube ich, um besser die konservative Aufklärung vertreten zu können. Ich glaube, dieses Poblem des Mißbrauchs der Wissenschaft und der Macht überhaupt kann mit den Ideen der Aufklärung gelöst werden. Wir brauchen nur den Aberglauben zu überwinden, daß wir mit dem Verständnis von Naturgesetzen auch deren Anwendbarkeit garantieren können. Der Grundgedanke der Aufklärung war, daß gewisse Erfahrungen und Gedankengänge sich als wiederholbar erweisen und daß es deshalb Bereiche der Welt gibt, über die sich alle Menschen durch Überzeugen einigen können. Und daß diese Bereiche immer mehr erweitert werden. Ich will jetzt nicht sagen, daß dies die einzig mögliche Art ist, die Welt zu betrachten, sie ist vielleicht eine sehr ehrliche Art. Aber glücklicherweise reicht für die Lösung dieses Problems selbst diese simple Art, die Welt zu betrachten, aus. Deshalb kann man den Schaden, den die Wissenschaftler anrichten, wie ich hoffe mit wissenschaftlichen Methoden verhindern, indem man wirklich mit dem wissenschaftlichen Denken selbst einsieht, was die Wissenschaft anders machen muß.
Wenn wir etwas angeblich nützliches basteln, dann stellt es sich oft als schädlich heraus, weil es nicht in das ganze Geflecht des Lebens hineinpaßt. Der Schaden ist meistens irreversibel, denn wenn man versucht, solche Wunden zu heilen, dann stellt man mit noch größerer Wahrscheinlichkeit neue, noch schwerere Schäden an. Die Frage ist, muß das so sein, woran liegt es?
Es muß wirklich so sein. Es ist auch nicht erstaunlich. Das liegt eben im Wesen komplexer Systeme. Ein Komplexes System nennen wir eben gerade eines, wo wir nicht fähig sind, die gesamten Zusammenhänge zu durchschauen und wenn wir dann an einer Stelle eingreifen, ist die Wahrscheinlichkeit, daß wir Schaden anrichten einfach größer als die, daß wir was Nützliches anrichten, weil die Zahl der schädlichen Möglichkeiten größer ist als die der nützlichen. Das ist eine simple Wahrscheinlichkeitsbetrachtung. Wie sind dann all die komplexen Lebewesen, all die komplexen Kulturen alle auf der Erde entstanden? Sie sind eben nicht durch Planung entstanden. Es gibt den schönen Spruch „Planung ersetzt den Zufall durch den Irrtum“. Wenn man darüber nachdenkt, dann steckt da schon alles drinnen, was wichtig ist.
Wir haben das Gefühl, daß jetzt etwas schiefläuft und daß wir die Welt simplifizieren. Wir schaffen zwar auch dauernd Komplexitäten, aber gleichzeitig machen wir ständig Dinge kaputt. Alles das, was also im Laufe von Jahrmilliarden und jetzt im Verlaufe der letzten Jahrtausende in der Kultur usw. gewachsen ist, machen wir mit einer ungeheuren Geschwindigkeit kaputt.
Woran liegt das?
Es liegt natürlich daran, daß wir nicht Zeit haben festzustellen, was wirklich gut ist und was nicht. Es geht zu schnell. Das Wesen von Evolution ist, daß an der Front der Evolution, wo wirklich der Fortschritt passiert, natürlich immer genügend Zeit sein muß, um festzustellen, ob denn nun etwas ein Fortschritt ist oder nicht. Und wieviel Zeit braucht man dafür?
Man kann das so sagen: An der Front der Evolution sind irgendwelche Lebewesen — das sind jetzt natürlich wir — die ausprobieren müssen, ob etwas für sie und für ihre Einbettung in das Ganze gut oder schlecht ist. Die Zeitskala ist gegeben durch die Lebensdauer dieser Individuen. Also durch unsere eigene Lebensdauer. Wenn wir Dinge tun, die wesentlich schneller ablaufen, wenn wir die Welt schneller verändern als in unserer eigenen Lebenszeit, dann ist diese Bedingung der Evolution nicht erfüllt. Dann haben wir stattdessen eine Instabilität. Dann passiert genau das — daß die durch Problemlösung erzeugten Probleme noch größer sind als die, die man lösen wollte.
Zweitens: Wenn man ausprobieren will, ob etwas besser ist, dann muß man eine große Möglichkeit von Auswahl haben. Die Evolution hat früher immer dadurch funktioniert, daß eine ungeheure Vielfalt in der Lebewelt vorhanden war. Wir glauben jetzt aber, wir haben etwas Tolles entdeckt, breiten das sofort auf der ganzen Welt aus, sagen, das ist der Fortschritt und beseitigen dadurch die Vielfalt auf der Welt. Dadurch, daß die Vielfalt so klein geworden ist, durch Einfalt ersetzt worden ist, geht es noch schneller. Die zweite Vorbedingung — daß es nicht schnell gehen darf — wird auch verletzt. Und diese beiden Dinge schaukeln sich gegenseitig auf.
Wenn man fähig ist, Atatistik zu verstehen, dann ist man fähig, diesen einfachen Gedanken zu verstehen. Wir müssen erreichen, daß die Wissenschaftler nicht glauben, sie könnten mit ihrem Wissen über die Naturgesetze die Welt verbessern. Die Naturgesetze sind etwas ganz phantastisches, ich bin sehr fasziniert davon, das zu entdecken, was da passiert. Aber dann den Schluß daraus zu ziehen, daß wir dann die Welt damit verbessern können, wenn wir die Gesetze kennen, ist ein ganz primitiver Irrtum. Das können wir eben nicht, wenn wir nicht die Bedingungen für Evolution erfüllen.
Und die Bedingungen von Evolution sind Vielfalt und Gemächlichkeit.
Wir werden immer von den Nachtcliquen und den Bankleuten kritisiert: ja ihr wollt zurück in das vorige Jahrhundert, ins Mittelalter oder in die Steinzeit, ihr wollt weg von der Arbeitsteilung, ihr wollt, daß wieder jeder auf seinem Stückchen Land sein eigenes Korn anbaut, ihr wollt also den ganzen Fortschritt kaputtmachen. Jeder Fortschritt in der Welt ist doch entstanden durch Arbeitsteilung und dann durch Zusammenarbeit der Leute, die sich spezialisiert haben.
Das ist natürlich richtig; genauso ist das in der lebendigen Evolution auch gegangen. Aus den Einzellern sind hochkomplizierte Lebewesen geworden und das liegt genau daran, daß bestimmte Zellen sich darauf spezialisiert haben, nun einen Blutkreislauf zu übernehmen.
Die Bankleute, die Wirtschaftsleute glauben, sie tun genau dasselbe. Die sagen auch, ja das hat keinen Sinn, daß alle diese Leute in Mexiko dasitzen und ihren eigenen Mais in ihrem Gärtchen anbauen. Das können wir ja viel besser. Wir spezialisieren uns mit Hilfe von Kapital darauf, Mais in ungeheuren Mengen zu produzieren. Das ist dann das „Maisbildungsorgan“. Die mexikanischen Bauern sind sozusagen vergleichbar mit den Einzellern. Das war zwar auch was Schönes, aber offensichtlich ist doch der Mensch etwas Höheres.
Schon der Frosch ist was Höheres. Sicher, Evolution besteht immer darin, daß etwas Altes kaputtgeht. Und durch Neues ersetzt wird.
Im Prinzip könnte man ja über sowas reden. Der Haken dabei ist, daß diese Leute die Bedingungen für Evolution verletzen. Weil sie alles zu schnell wollen und die Vielfalt verletzen. Deshalb entstehen nur Scheinlösungen.
Daß es Scheinlösungen sind, zeigt sich eben darin, daß das Ergebnis Strukturen sind, die für sich Scheinwerte darstellen, nämlich die Weltwirtschaft oder ähnliches, und die Menschen haben gar nichts davon. Genauso, wie die Menschen auch von Hainburg nichts haben würden. Hainburg soll gebaut werden, damit Österreich mehr Strom exportieren kann. Brauchen tun sie ihn gar nicht. Es wird ihnen weisgemacht, daß sie ihn brauchen. Die Menschen würden etwas ganz anderes brauchen.
Das ist eben jetzt die Frage: Was brauchen Menschen? Darüber müssen sich natürlich die Menschen klar werden, nicht die Machtcliquen. Was wollen wir eigentlich? Was brauchen wir eigentlich? Was sind wir eigentlich? Wenn wir uns diese Fragen ernstlich stellen, müssen wir zugeben, daß wir uns ungeheuer ärmlich aufführen. Es ist geradezu absurdes Theater, was wir machen. Wenn wir uns nur einen Moment darauf besinnen, daß wir in Kürze sterben müssen, daß die Menschen vor uns das ja immer schon gewußt haben und in einer menschenwürdigeren Weise reagiert haben, als wir das tun, dann — wir können uns eigentlich bloß schämen.
Professor Peter Kafka ist Atomphysiker am Max Planck-Institut in München.
