FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 211
Nancy Lipton u. a.

US-Wettrüsten mit sich selbst

der vorliegende aufsatz ist dem buch „the pentagon watchers“ von nancy lipton, l. s. rodberg u.a. entnommen. die darin gesammelten untersuchungen über den „national security state“ basieren auf der arbeit einer studentengruppe, die im sommer 1969 sämtliche aspekte der amerikanischen verteidigungsplanung und praxis kritisch geprüft hat. der hier betonte gesichtspunkt der us-raketenrüstung als „wettlauf mit sich selbst“ erscheint insbesondere in der jüngsten entwicklung der salt-gespräche und im hinblick auf die wirtschaftlichen schwierigkeiten der usa interessant. l. h.

senator john f. kennedy sah bereits 1958 eine „raketenlücke“ der usa. kennedy stützte sich auf die meinung des journalisten joseph alsop, wonach die usa bis 1961 bloß 70 interkontinentalraketen gegenüber 500 russischen besitzen würden. diese lücke, meinte alsop, werde sich bis 1964 auf 130 amerikanische interkontinentalraketen gegenüber 2000 der sowjetunion vergrößern. kennedy verkündete: „zwischen 1960 und 1964 wird sich das abschreckungsverhältnis mit größter wahrscheinlichkeit zu unseren ungunsten verändern. die raketenmacht der sowjets wird der schild sein, hinter dem sie langsam vorstoßen werden, um die peripherie der freien welt nach und nach anzuknabbern.“ diese projektion amerikanischer unterlegenheit war der treibstoff für kennedys präsidentschaftswahlkampf.

unmittelbar nach seiner amtsübernahme entdeckte kennedy, daß von einem rückstand der usa hinter der sowjetunion auf diesem gebiet nicht die rede sein konnte. vielmehr war die wahrscheinlichkeit groß, in kurzer zeit einen wesentlichen vorsprung zu erreichen. in einer sonderbotschaft an den kongreß, märz 1961, gab kennedy danach seine entscheidung bekannt, die produktion von minuteman- und polarisraketen zu beschleunigen. man plante den bau von 1000 minuteman-abschußrampen. die polaris-flotte wuchs zu ihrer gegenwärtigen stärke von 41 u-booten mit insgesamt 656 raketen heran.

nach einer äußerung von jerome wiesner, dem wissenschaftlichen berater kennedys, rechtfertigte verteidigungsminister mcnamara den antrag auf den bau einer so großen anzahl von raketen mit dem argument: „dies ist die kleinste zahl von raketen, die ich verlangen kann, ohne vom kongreß erschlagen zu werden.“ die luftwaffengeneräle wollten nämlich, einigen berichten zufolge, 3000 minuteman-raketen. mcnamara hatte offensichtlich angst, sich mit einer zu niedrigen raketenforderung in den senat zu wagen.

mcnamara mußte später zugeben, daß die sowjetunion lediglich ein sehr kleines arsenal von interkontinentalraketen besaß, als er das verteidigungsministerium übernahm. in einer rede im jahre 1967 machte er folgendes eingeständnis: „unser einigeln gegen eine damals nur theoretisch mögliche atomare übermacht der sowjets verleitete uns zu entschlüssen, die sich nun zahlenmäßig in unserer gegenwärtigen überlegenheit an sprengköpfen und megatonnen ausdrücken lassen. die nackte wahrheit ist, daß wir kein so großes nukleares arsenal hätten anlegen müssen, wie wir es heute besitzen, wenn damals unsere informationen über die strategische streitmacht der sowjetunion exakter gewesen wären.“

gemäß mcnamara wurde die zahl der us-raketen nicht auf grund aktueller informationen über den tatsächlichen zuwachs des sowjetischen raketenarsenals beschlossen; die entscheidung basierte vielmehr auf einer hypothetischen schätzung des „theoretisch möglichen rüstungsaufwandes“ der sowjetunion.

ob die phrase von der „raketenlücke“ absichtliche manipulation war oder ungenaue schätzung oder beides, ist nicht klar. die „raketenlücke“ wurde jedenfalls wesentlicher bestandteil der amerikanischen strategischen planung.

die doktrin, man brauche eine größere menge raketen als die größte zu erwartende bedrohung, stützt sich auf die annahme, der feind werde seine gesamte produktionskapazität für rüstung aktivieren. dazu müßte er aber sein rüstungsbudget wesentlich erhöhen. obwohl diese schätzung offensichtlich irreal ist, wird sie weiterhin zur planung der wichtigsten strategischen kräfte der usa herangezogen. allain enthoven, ehemaliger assistent für systemanalyse des verteidigungsministers, erklärte, wie die berechnung vorgenommen wird: „wir gehen von der schätzung aus, die von den spionagediensten der verschiedenen waffengattungen und dem cia gemeinsam erstellt wird. wir machen aber einen voranschlag, der über die geschätzte tatsächlich drüben vorhandene rüstung weit hinausgeht. wir entwickeln eine wesentlich größere bedrohung als die schätzung unserer spionagedienste. das ergebnis wird dann dem generalstab vorgelegt.“

da man von der größten überhaupt zu erwartenden bedrohung ausgeht, d.h. einfach von der gesamten produktionskapazität des feindes, ist es verhältnismäßig leicht, die zustimmung der vertreter der verschiedenen waffengattungen im generalstab zu gewinnen. dadurch wird ein großer teil der internen kämpfe um höhere budgets vermieden, da es sich ohnehin um die höchsten irgendwie denkbaren handelt. für die rechenmethode müssen allerdings die steuerzahler aufkommen.

der auf einer irrealen drohung basierende voranschlag rechtfertigt die entwicklung neuer waffensysteme auch dann, wenn für sie kein unmittelbarer militärischer bedarf besteht. ein ehemaliger verteidigungsminister sagte dazu: „obwohl die angenommene bedrohung weit über der von den spionagediensten geschätzten liegt, müssen wir damit rechnen, daß sie tatsächlich zutreffen könnte. wir müssen daher in der lage sein, immer eine oder alle bedrohungen abzuwehren.“ damit hat das pentagon eine rationale begründung für die gleichzeitige entwicklung von waffen auf allen gebieten der strategischen kriegsführung gefunden. demgemäß werden die realen rüstungsanstrengungen der usa mit den vagen prognosen über die theoretischen möglichkeiten der sowjets begründet: die usa führen neue, größere raketen mit mehrfachsprengköpfen ein, weil die sowjetunion ein raketenabwehrsystem installieren könnte; sie bauen das abm-system, da die sowjets mehrfachsprengköpfe einsetzen könnten; die luftwaffe konstruiert einen neuen bemannten bomber, weil die sowjetische luftabwehr erweitert werden könnte; und die usa stärken ihre luftabwehr, da ein neuer bemannter bomber von der sowjetunion gebaut werden könnte.

die absichtsvollen ängste der amerikanischen rüstungsplaner werden zu sich selbst erfüllenden prophezeiungen, weil washington moskau zwingt, auf die doktrin der größten zu erwartenden bedrohung und die danach entwickelten waffen seinerseits mit erhöhter rüstung zu antworten.

die „suche nach gewißheit“ verführt die usa dazu, immer größere waffen von immer größerer zerstörungskraft zu bauen. im pentagon meint man, daß „jede ungewißheit über die strategischen kräfte der sowjets, die unsere atomare streitmacht angreifen könnten, notwendigerweise einen proportionalen ausbau unseres potentials erzwingt, um diese ungewißheit zu reduzieren“.

um ein neues waffensystem zu rechtfertigen, gebrauchen die militärplaner gerne das argument, das system werde die russen in ungewißheit versetzen und überhaupt „aus dem konzept bringen“. der oberkommandierende der luftwaffe john p. mcconnel meinte, das amerikanische abm-system sollte gebaut werden, obwohl die sowjets jedes raketenabwehrsystem durchbrechen können, weil dadurch „amerikas offensivkräfte insofern erhöht werden, als in die planung des feindes ungewißheit gebracht werde, die zielfindungsprobleme der sowjets vervielfältigt würden und sich der feind gezwungen sehe, seine reserven von anderen lebenswichtigen gebieten abzuzweigen.“

was den meisten als trotziges und gefährliches spiel mit dem feuer eines atomkrieges erscheint, ist das tägliche brot der militärplaner: „je mehr ungewißheit wir bei den russen schaffen können, desto wahrscheinlicher ist es, daß wir einen nuklearen schlagabtausch vermeiden können“ (harold johnson, oberkommandierender der armee).

die eskalation der raketenrüstung in den frühen sechziger jahren kann weder durch die politische logik kennedys noch die strategische unlogik des pentagons allein geklärt werden. als weiterer punkt kommt die technologische fortschrittsmythologie hinzu: wenn die usa etwas bauen können, dann müssen sie es auch bauen. technisch mögliche entwicklungen, die andere länder aus sparsamkeit oder wegen der möglichen konsequenzen nicht realisieren, werden in amerika aus dem blickwinkel der rivalisierenden waffengattungen und der mit ihnen zusammenarbeitenden rüstungsbetriebe als herausforderung betrachtet.

waffen, deren konstruktion in der öffentlichkeit mit einer potentiellen bedrohung gerechtfertigt wird, werden hergestellt, bevor eine derartige gefahr real auszumachen ist. wie mcnamaras erklärung zum raketenwettrüsten zeigte, erfolgt die militärische rechtfertigung oft erst im nachhinein. die einzige grenze im höhenflug der waffenentwicklung ist die technologische phantasie.

die usa haben seit dem zweiten weltkrieg in der waffentechnologie einen ständigen vorsprung vor der sowjetunion. sie entwickelten sowohl propeller- als auch düsengetriebene interkontinentalbomber vor den sowjets; amerika installierte lang vor den russen radarwarnanlagen; die usa hatten früher eine militärisch relevante interkontinentalraketenmacht in stellung; das raketenabwehrsystem, dessen bau in der sowjetunion 1966 begonnen wurde, ist mit dem vorangegangenen amerikanischen nike-zeus-system vergleichbar, das bereits 1962 in den usa durch eine bessere konstruktion abgelöst wurde. der forschungschef des pentagons hat mit recht behauptet, daß die usa in jedem bereich der nuklearen rüstung „den sowjets überlegen sind“.

seit dem beginn des kalten krieges haben die usa ihre technologische überlegenheit konsequent dazu eingesetzt, den rüstungswettlauf anzukurbeln. die gleichen experten, die die waffen der usa entwickeln, entwerfen in den regierungsausschüssen die prognosen über die sowjetischen fortschritte; sie sagen voraus, daß die russen die züge nachmachen werden, welche die amerikaner vorausmachen. obwohl die sowjets hinter den vorhersagen weit zurückhinken, preschen die usa auf dem gebiet der atomaren rüstung vorwärts, als ob die prognosen 100prozentig stimmen würden. es ist ein resultat dieser ideologie, daß — wie jerome wiesner meint — „die usa einen rüstungswettlauf mit sich selbst austragen“.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1971
, Seite 11
Autor/inn/en:

Nancy Lipton u. a.:

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