FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 307/308
Heinz Lutter

Stadt aus Eis

Die Wiener Randsiedlung „Trabrenngründe“
Fotos aus den Trabrenngründen: Elisabeth Kmölniger

1 Das häßliche Wien

Die „Trabrenngründe“ sind eine Stadtrandsiedlung im wahrsten Sinn des Wortes. Sie liegen am äußersten Rand der Stadt, im Norden, dort, wo Wien am unbeliebtesten ist. Der Süden und der Westen der Stadt sind attraktiver und werden bevorzugt — in jeder Hinsicht. Die Siedlung liegt neun Kilometer vom Zentrum entfernt, jenseits der Donau, erreichbar über die Wagramer Straße. Neun Kilometer: das bedeutet im besten Fall 20 Minuten mit dem Auto. Für Arbeitende am Morgen und am Abend ein bis zwei Stunden, je nach Lage des Arbeitsplatzes. Mit der Straßenbahn (Linie 25) braucht man in jedem Falle mindestens 50 Minuten, meistens viel länger.

Wer die Wagramer Straße über die Donau stadtauswärts fährt, spürt die Stadt bis zur UNO-City, Neubau der Reichsbrücke, Bau der Donauinsel, aber dann reißt es plötzlich ab. Alte, miese Wohnverbauungen, Betriebsansiedlungen, typische Neubauten der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre überall dort, wo man auf billigen Grundstücken billigst für möglichst viele bauen konnte, dazwischen „Gstetten“, Donauzentrum — Einkaufszentrum und Treffpunkt für alle, die jenseits der Donau wohnen. Letztes Aufflackern städtischen Lebens am Kagraner Platz, dahinter Ende der Stadt, dahinter die Trabrenngründe.
 
 

WOHNHAUSSIEDLUNG
DER GEMEINDE WIEN
ERBAUT IN DEN JAHREN 1973-1978
 
 

dahinter Land, Felder. Hier berühren einander Stadt und Land in einer Zone, wo die Stadt keine Stadt mehr ist und wo das Land noch kein Land und keine Landschaft ist. Es gibt keinen natürlichen Übergang. Stadt und Land kehren einander den Rücken zu. Wenn die Spekulation will, wird weitergebaut werden, wenn es nicht profitabel erscheint, wird alles so bleiben, wie es jetzt ist.

Aneinandergereihte Wohnhochhäuser praktisch ohne Anfang und ohne Ende, ungefähr 15 bis 45 Meter hoch und 15 Meter tief, umschließen drei hintereinander anliegende Höfe rechts und links eines sogenannten Zentrums. Da die Höfe eine Ausdehnung von ungefähr 100 mal 100 Metern haben, ergibt die Wohnbebauung eine in sich geschlossene Gebäudelänge von zwei Kilometern mit einer einzigen wesentlichen Unterbrechung, nämlich der beim Zentrum.

Als äußere Orientierungsmöglichkeit (und um zu den Wohnungen zu gelangen) wurde die ganze Anlage in 57 „Stiegen“ aufgeteilt mit durchschnittlich je 47 Wohnungen. Das ergibt 2.700 Wohnungen, das bedeutet 10.000 Einwohner. Manchmal sind diese Stiegenhäuser innerhalb der Gebäude in den einzelnen Stockwerken miteinander verbunden, durch Gänge, die 1,5 Meter breit, 2,5 Meter hoch und 70 bis 80 Meter lang sind. Diese Gänge haben kein Tageslicht, sie sind künstlich beleuchtet. Wenn man diese endlosen Schläuche entlanggeht, glaubt man mehr und mehr die Orientierung zu verlieren.

Von außen läßt sich die Unterteilung in Stiegenhäuser nicht bemerken. Hier zieht sich eine senkrechte Betonwand rund um die Höfe. Gegliedert sind diese Betonwände durch horizontale Fensterbänder und durch vertikal übereinanderliegende Loggien oder Balkone. Sonst sieht man nur Betonflächen (Betonfertigteile). Die Fenster der gesamten Verbauung sehen mit kleinen Unterschieden alle gleich aus, die Balkone und Loggien auch, ebenfalls die Betonfertigteile der Wände. Von einem Hof aus kann man 2.500 gleiche Fenster, 400 gleiche Balkone und 5.000 Quadratmeter graue Fassadenflächen sehen. Das alles wiederholt sich in sechs Höfen sechsmal.

2 Betonlandschaft

Die Höfe sind als Freiflächen für die Bewohner der Siedlung gedacht. Das sieht so aus: zwei Kleinkinderspielplätze, ungefähr 30 mal 30 Meter, mit einer Sandkiste 5 mal 5 Meter, dazu zwei Rutschen, zwei Klettergerüste, fünf Schaukeln, noch eine Sandkiste, rund, Durchmesser 10 Meter, ein paar Bänke zum Sitzen, dazwischen Grasflächen, oft eingezäunt.
 
 

BETRETEN VERBOTEN
BALLSPIELEN VERBOTEN
RADFAHREN VERBOTEN
 
 

dazu geometrisch angeordnete Bäume, rund 50 Stück, 4 bis 5 Meter hoch, Durchmesser 5 bis 10 Zentimeter, alle noch sehr jung. In dreißig Jahren werden es hoffentlich stattliche Bäume sein. Dazu asphaltierte Wege, die zu den Eingängen der Stiegenhäuser und von einem Hof in den anderen führen. Diese Wege durchschneiden die Höfe, schnurgerade, auch über 100 Meter lang. Wo ein Weg auf eine Hausfront anstößt, ist ein Loch, ein Durchgang in den nächsten Hof. Dort das gleiche Bild: wieder Kleinkinderspielplatz, Sitzplätze für Jüngere, Sitzplätze für Ältere, wieder Grasflächen, wieder
 
 

BETRETEN VERBOTEN
BALLSPIELEN VERBOTEN
RADFAHREN VERBOTEN
 
 

wieder endlos sich kreuzende Asphaltwege. In einem Hof sind vor den Häusern die obligaten Grünflächen, dann ein Asphaltweg, dann ein künstlich aufgeschütteter und eingezäunter Grashügel, dahinter ein Betonplatz mit Bänken und Tischen aus Holz wie beim Heurigen. Da sollen die Bewohner im Sommer Heurigenstimmung herstellen. Ein Betonplatz mit Hochhauspanorama! Heurigengärten sehen anders aus. Dem Planer war das egal, der hat seinen Heurigen bestimmt nicht in der Trabrennsiedlung.

Einer der Höfe ist anders. Er ist nur an drei Seiten von Gebäudewänden umschlossen, die vierte Seite ist offen, sie gibt den Blick auf die Umgebung frei, auf ein kleines Seelsorgezentrum und auf die umliegenden Gstetten.

Dieser Hof wird pompös „Festplatz“ genannt. Er ist rechteckig, 100 mal 100 Meter groß, davon über die Hälfte betoniert, angelegt in verschiedenen Niveaus. Verschieden große, etwas höher oder tiefer gelegene kleine Plätze, die mittels Stufen (Sitzstufen?) oder Rampen verbunden sind, selbstverständlich alles betoniert, asphaltiert oder mit Steinplatten belegt. Der Zweck des Ganzen? Der Name Festplatz läßt auf Festveranstaltungen schließen. Hier könnten die Bewohner den Aufstand proben, die entsprechenden Kulissen wären vorhanden. Zur Zeit nützen Kinder die Betonflächen, Rampen und Wege zu Radfahrkunststücken, obwohl Radfahren verboten ist.

An der Rückseite des Platzes führen aufwendige Treppen und Rampenanlagen auf das höher gelegene „Plateau“, das sogenannte Zentrum der Trabrenngründe, welches eigentlich nur aus einer Ladenstraße besteht. Ein paar Geschäfte, Blumentröge, Kioske, Bäume, die aus dem Beton sprießen, eine sinnlose Plastik (von Goeschel, Werbedesigner, zur Zeit Hochschulprofessor an der TU Wien), die üblichen Beleuchtungskörper ...

Einkaufszentren sehen alle gleich aus. Sie dienen hauptsächlich Profitinteressen und werden dementsprechend geplant. Es gibt nur kleine Unterschiede. In den Stadtkernen sind Prestige- und Profitinteressen viel größer, daher wird für die Planung und Ausgestaltung des Grabens oder der Kärntner Straße weit mehr investiert als für die Einkaufsstraße der Trabrenngründe, wo „nur“ Insassen von Gemeindewohnungen einkaufen.

Die Ladenstraße der Trabrenngründe umfaßt 18 Einzelgeschäfte: eine Konsum- und eine Sparfiliale (aus Proporzgründen?), ein Friseur, eine Apotheke, ein Obst- und Gemüsegeschäft, ein Geschenkartikel- und Lederwarengeschäft, ein Uhr- und Juwelengeschäft, ein Fleischhauer mit Imbißstube, ein Blumengeschäft, ein Bäcker, ein Haus- und Küchengerätegeschäft, eine Parfümerie und Drogerie, eine Putzerei, ein Bastler-, ein Zuckerlgeschäft, ein Kinderspielwarengeschäft, ein Damen- und Kindermodengeschäft und ein Schuhservice. In einer Siedlung mit zehntausend Einwohnern gibt es also nur 18 Geschäfte, dazu noch ein Gasthaus (das „Trabrennstüberl“) und eine Polizeistation.

Gemeinschaftseinrichtungen, Versammlungsräume, Kaffeehäuser, Kinos, Tanzlokale usw. fehlen überhaupt. Es gibt keine Orte oder Plätze, wo man sich treffen kann. Die Auswahl der Einkaufsmöglichkeiten ist sehr klein. Wie weit muß man zum nächsten Schneider, Tischler oder Elektriker gehen? Wo ist der nächste Markt, das nächste Kino? Alles sehr weit weg.

Die burgenländische Hauptstadt Eisenstadt, zum Beispiel, hat ungefähr gleich viel Einwohner wie die Trabrenngründe. Aber in Eisenstadt gibt es — unter anderem — vier Bäcker, einige Fleischhauer, über zehn Lebensmittelgeschäfte, vier Schuhmacher, sieben Elektrogeschäfte, sieben Automechaniker, vier Friseure, dazu Modegeschäfte, unzählige Kleingewerbebetriebe, einige Kaffeehäuser, über 20 Wirtshäuser und Restaurants ... Sicherlich, eine Landeshauptstadt ist etwas anderes als eine Stadtrandsiedlung. Tatsache bleibt, daß für 10.000 Einwohner eine bestimmte Infrastruktur und ein besseres Angebot an kommunalen Einrichtungen unbedingt notwendig wären. Für die Bewohner der Trabrenngründe liegt das im Reich der Träume.

Wie viele Plätze, Straßen, Gassen, Hinterhöfe, wie viele verschiedene Hausformen, schöne und häßliche, alte und neue, wie viele menschliche und unmenschliche Dimensionen bietet eine Stadt? Gerade diese Widersprüche machen eine Stadt erst faßbar, anschaulich, erlebbar, erlauben wenigstens die Chance einer Auseinandersetzung, einer Entwicklung und Veränderung. Die Architektur der Trabrenngründe erinnert an die Pyramiden. Wie trostlos sind diese immer wiederkehrenden monotonen Bauformen, die gleichen Hofflächen, die gleichen Asphaltwege, die gleichen Rasenflächen.

Nirgends hat man das Gefühl, man könne stehen bleiben. Nur schnell überqueren, weiterrennen, über endlos gerade Asphaltwege marschieren oder heimgehen.

Ich habe sehr selten jemanden beim Spazieren oder Flanieren gesehen.

Eine Stadt kann ich hassen, das heißt, ich habe noch Gefühle, es gibt noch Bindungen, vielleicht können neue geschaffen werden. Die Siedlung in den Trabrenngründen mit ihren zehntausend Einwohnern hat zwar die Größe einer Stadt, ist aber keine, ist nur das Anhängsel einer Großstadt, eine Randsiedlung, ein Satellit ohne eigene Laufbahn, nicht integriert, nicht veränderbar, selbständig nicht funktionsfähig, total abhängig vom Zentrum, mit diesem aber nur durch eine Straße verbunden. Nicht einmal die geplante U-Bahn wird bis zu der Siedlung geführt werden.

3 Welt aus Glas

In den Trabrenngründen wohnen rund 5.000 Kinder und Jugendliche, sie machen die Hälfte der Wohnbevölkerung aus. Wo können Kinder spielen, außer auf den öden Alibispielplätzen, die von Verbotsschildern eingerahmt sind. Zum Leben und Wachsen von Kindern gehört das Sammeln immer neuer Erfahrungen, das Ausprobieren überraschender Situationen, die Konfrontation mit einer Umwelt, die Anregungen und Raum gibt für die Förderung der Phantasie, Autonomie, der geistigen und physischen Potenzen. In der Umwelt dieser Trabantenstadt ist die Benachteiligung der Kinder vorgeplant. Man weiß heute sehr wohl, daß Phantasie und Kreativität nicht angeboren sind, sondern erst stimuliert werden müssen. In dieser Betonwüste? Alles ist hart, glatt, farblos, erweckt bestenfalls Aggressionen.

Wenn Kinder beim Spielen unten im Hof aufs Klo gehen müssen, kann daraus eine kleine Tragödie entstehen. WC-Anlagen gibt es keine, mit den Aufzügen dürfen sie allein nicht fahren. Sie müssen zu Fuß in ihre Wohnung hinaufgehen, eventuell bis in den 14. Stock.

Am Rande der Siedlung wurde ein Fußballplatz geplant. Gewiß, eine Errungenschaft. So viel preiswert verkäufliche Grundfläche, die den Kindern und Jugendlichen fürs „Ballestern“ zur Verfügung steht. Letztlich aber nur eine Vortäuschung durch die Verantwortlichen und Planer, die damit ein „soziales Engagement“ heucheln. Getäuscht werden die Eltern, die diese Großzügigkeit dankbar anerkennen: „Ein Fußballplatz, das ist schon was.“ Fußball ist weit mehr etwas für Erwachsene vor den Fernsehern, für einige Profis und für die Sponsoren. Getäuscht werden auch die Kinder und jungen Leute. Erstens ist ein Fußballplatz nichts für Mädchen (darf und soll er ja gar nicht sein), dient also nur der einen Hälfte der Jugend. Zweitens genügt es nicht, Kinder auf einen Fußballplatz abzuschieben, damit sie sich dort austoben. Die Erlebniswelt von Kindern ist vielfältiger, und sie beweisen das auch. Am Fußballplatz gibt es kein Gedränge, nur wenige spielen dort.

Jugendliche der Trabrenngründe haben wenige Plätze, wo sie sich aufhalten wollen und dürfen. Eine Möglichkeit ist das Jugendzentrum. Dort können sie, bei freiem Eintritt, wenigstens Schallplatten hören oder Tischtennis spielen. „Da ist nicht viel los“, sagen die Jugendlichen, aber was sollen sie sonst machen? Zum nächsten Kaffeehaus ist es sehr weit, die Konsumation teuer. Alternative ist das Jugendzentrum allerdings keine. Den Produkten der Disco-Industrie wird wenig entgegengestellt. Dafür gibt es doch Diskotheken. Das Nachäffen der Disco-Welle ist nicht der Sinn eines Jugendzentrums.

Es fehlt an Konzepten, was man für die spezielle Situation der Jugendlichen in Stadtrandsiedlungen tun könnte. Überdies sind Sozialfälle, schwierige Jugendliche eher nicht erwünscht. Als im Jugendzentrum Donaustadt Drogen entdeckt wurden, hat man es einfach zugesperrt. Für schwierige Situationen sind die Jugendbetreuer nicht ausgebildet. Ein paar engagieren sich ehrlich, aber es fehlt an Rückendeckung. Der „Verein Wiener Jugendzentren“, der alle Jugendzentren betreibt, wird von der Gemeinde Wien subventioniert (ziemlich schlecht übrigens). Um die Subventionen nicht in Frage zu stellen, kann er sich keine Konflikte leisten.

Als Erfolge im „Verein“ zählen die sogenannten „Frequenzzahlen“. Je mehr Jugendliche in ein Jugendzentrum kommen (das wird penibel gezählt), um so größer ist der Anspruch auf Subvention. Das läßt sich natürlich am einfachsten mit Disco-Betrieb erreichen.

Im Sommer treffen die Jugendlichen einander in den Hausdurchgängen oder am „Plateau“, wie sie das Zentrum nennen. Da wie dort erregt jedes laute Wort Ärgernis, weil man alles hört, weil alles glatt ist, alles Beton ist, weil der Schall überall hin kann.

Zu den traurigen Grotesken der Planung gehört auch die Tiefgarage genau unter dem Zentrum. Damit man diese Garage auch sehen, hören, riechen kann, hat man zum Zentrum hin, mitten in die Ladenstraße hinein, große Öffnungen gelassen. Wird in dieser Garage ein Auto oder gar ein Moped gestartet, steigt der Lärm bis zum Zentrumsplatz und weiter hinauf bis zum 16. Stockwerk. Die Betonfassaden wirken wie ein Schalltrichter.

Hier kann alles gesehen und gehört werden. Hier fühlt man sich andauernd beobachtet. Das hat noch ganz andere Dimensionen als die altbekannte Lärmbelästigung zwischen den Wohnungen wegen schlechter Schallisolierung (auch die Bauten der Trabrenngründe sind notdürftigst isoliert). Sechs Riesenhöfe sind leichter zu überschauen als eine Vielzahl kleiner Höfe, Ecken, Winkel, Plätze, Gassen, Straßen. Die Möglichkeiten der sozialen Kontrolle sind immens. Jedes Kind, das verbotenerweise in der Anlage Ball spielt, kann von tausend Menschen gleichzeitig beobachtet werden. Eltern werden oft angezeigt.

Die Bewohner wehren sich nicht gegen das Ballspielverbot oder gegen die blöden Spielplätze, sondern gegen die Ball spielenden Kinder.

Tatsache ist, daß verschiedene Tätigkeiten in den Höfen eine Belästigung darstellen. Aber das ist nur die zwangsläufige Folge dieser Architektur. Gegen sie und ihre Planer kann man sich allerdings viel schwerer wehren. Die Schuldigen sind nicht greifbar, die Kinder schon.

Wie öffentlich und kontrollierbar werden Handlungen, die in anderen Umgebungen ganz harmlos sind, in einer solchen Siedlung aber zu Konfliktsituationen ausarten? Wie öffentlich ist ein Besoffener, der das „Trabrennstüberl“ — das einzige Lokal der Siedlung — verläßt und mit viel Hallo heimwärts wankt?

Wie öffentlich sind Jugendliche nach 21 Uhr am Zentrumsplatz?

Wie schnell greift die Polizei ein?

Wie schnell wird ein Konflikt zu einem Delikt?

Wie schnell wird diskriminiert?

Wie schnell wird kriminalisiert?
Wie schnell kommt die ganze Siedlung in Verruf?

Natürlich wird hier gestohlen, lassen sich Leute scheiden, saufen, nehmen Drogen ... Nur wird in so einer Siedlung ganz anders gewertet, falsch und übertrieben gewertet. Das abschreckende Beispiel haben die Bewohner der Trabrenngründe vor ihren Augen, nämlich die Großfeldsiedlung, die nur zehn Minuten entfernt ist. Das wissen die Bewohner, sie haben Angst davor, sie wollen sich schützen. Wenn es nicht anders geht, dann durch die Polizei, durch Bestrafung. Von den wahren Mißständen wird abgelenkt, man sucht sich ein paar harmlose Schuldige, eben jene, die sich am wenigsten wehren können.

Kriminalität, Ehescheidung, Trunksucht und Drogen gibt es überall, und das hat seine notorischen Gründe. Sozial höhere Schichten sind mit gleichen Anteilen davon betroffen, sie haben aber mehr Möglichkeiten, sich gegen den staatlichen Zugriff und gegen moralische Diskriminierung zu verteidigen. Die Menschen, die in den Trabrenngründen oder in einer anderen Stadtrandsiedlung hausen, sind teilweise sicher sozial bedürftiger, sie werden aber nicht sozialer behandelt.

4 Der asoziale Wohnbau

Das Soziale am sozialen Wohnbau ist offensichtlich nur die Bereitstellung einer Wohnung. Schön und gut, aber damit hört sich anscheinend das soziale Engagement auf.

Weiche Berufe haben die Bewohner der Trabrenngründe? Hauptsächlich sind es kleinere Angestellte, kleinere Beamte, Arbeiter, Hilfsarbeiter. Frauen arbeiten, sofern es die Kinder und ihre Betreuung erlauben, in den umliegenden Betrieben, meistens in Teilzeitbeschäftigung, meistens im Akkord, oft nur kurze Zeit. Die Bewohner fallen in die unteren Einkommensstufen. Es gibt eine inoffizielle Hierarchie zwischen den „anständigen Leuten“ und dem „Gsindel“.

Was kostet

eine 81 Quadratmeter große Gemeindewohnung?
in Schilling
Grundzins 1.440,—
Grundsteuer 32,40
Betriebskosten 178,—
Wasser 4,05
Aufzug 97,20
Hausbesorger 81,65
Materialkosten 8,51
Zuschlag für Hausgemeinschaftseinrichtungen 24,30
Umsatzsteuer 157,03
Gesamtsumme im Monat 2.023,14

Dazu kommt noch ein Baukostenzuschuß von 57.348 Schilling, der in Raten abgezahlt werden kann. Das war 1975. Im Moment beträgt die monatliche Miete 2.400 Schilling. Pro Jahr ist sie somit um 100 Schilling gestiegen. 2.400 Schilling sind ein Drittel des Nettomonatseinkommens. Die Gemeinde zahlt nach Einkommenshöhe Mietzinsbeihilfe. Zu diesen Ausgaben kommen noch Stromkosten, das sind rund 500 bis 600 Schilling (mit Strom muß gekocht werden), sowie Heizungskosten in der Höhe von rund 700 Schilling pro Monat. Insgesamt also mindestens 3.600 Schilling, das ist rund ein Viertel der durchschnittlichen Monatsverbrauchsausgaben pro Haushalt.

In den Trabrenngründen wohnen fast nur kinderreiche Familien (oft bis zu zehn Kinder). Schließlich sind Kinder eine Hauptbedingung für die Zuteilung einer Gemeindewohnung. Viele Bewohner leben aufgrund ihrer Situation (Kinder, weit entfernter Arbeitsplatz, niedriges Einkommen) unter den schwierigsten finanziellen und psychischen Bedingungen. Wer nun glaubt, eine Gemeindewohnung mache alles gut, der irrt gewaltig. Miete, Strom und Heizung machen zusammen 3.600 Schilling im Monat aus (siehe Tabelle). Trotz Mietzinsbeihilfe ist das keine Kleinigkeit.

Mit den Heizkosten hat es übrigens eine eigene Bewandtnis. Mieter haben mir erzählt, daß sie alle Radiatoren bis auf einen abdrehen, um zu sparen. Das nützte aber nichts. Die Kosten blieben gleich hoch. Rechnung gibt es keine. Der Verbrauch wird von Geräten abgelesen, die auf jedem einzelnen Radiator fix befestigt sind. Das Gerät sieht aus wie ein Thermometer mit einer Skala und einer Flüssigkeit im Röhrchen. Bei Wärme verdampft die Flüssigkeit. Der Wärmeverbrauch läßt sich auf der Skala ablesen. Im Sommer entsteht aber auch Wärme an den Außenwänden durch Sonnenbestrahlung. Die Mieter behaupten, daß dadurch die Flüssigkeit im Verbrauchsanzeiger verdampft. Beschwerden und Anfragen haben bisher nichts erreicht. Es macht doch hoffentlich niemand Experimente, wie man Sonnenenergie messen und den Verbrauchern berechnen kann?

Wem die Zentralheizung zu teuer ist und wer deshalb mit Öfen heizen möchte, der kann das gar nicht. In der gesamten Anlage gibt es keine Kamine! Ist jemand nicht imstande, seine Miete zu bezahlen, kann er delogiert werden. Und es wird delogiert. Auch wenn die Familie dadurch in eine Katastrophe schlittert.

Stadtrandsiedlungen sind das Resultat ganz einfacher kapitalistischer Überlegungen. Wo kann noch mit Grundstücken spekuliert werden? Wo kann noch profitabel gebaut werden? In den Stadtkernen sind die Grundstücke rar und teuer, also bleibt nur der Stadtrand übrig. Der Westen und der Süden werden für Eigentumswohnungen, der Norden und Osten für Gemeindebauten bevorzugt. Das hängt mit den Grundstückspreisen zusammen.

Ein weiterer Grund: Die politischen Parteien sehen sich nicht in der Lage, Wohnbauprobleme in den Stadtkernen anständig zu lösen. In der Innenstadt sind die Profitinteressen noch mächtiger. Assanierungsgebiete werden festgelegt, in rote und schwarze aufgeteilt, wobei die Dringlichkeit nur eine Nebenrolle spielt. In den einzelnen Bezirken werden Wohnbauten, Pensionistenheime, Parks und anderes mehr aus wahlstrategischen Gründen durchgesetzt oder blockiert. Prestigeobjekte in der Innenstadt (Blutgassenviertel, Spittelberg) bringen wenig Nutzen für die Bevölkerung. Die Wohnungen dort sind meistens sehr teuer. Aber mit den Wohnsilos am Stadtrand kann man wenigstens einen quantitativen Erfolg nachweisen.

5 Das Kapital schlägt zu

Zuerst werden Wohnungen gebaut. Viel später soll die Infrastruktur nachgeliefert werden. Mit den Wohnungen wird Geld verdient. Für die nötigen öffentlichen Verkehrsmittel müßte Geld ausgegeben werden. Eine U-Bahn nach Kagran ist geplant. Wann wird sie fahren? Auf jeden Fall ist beim Donauzentrum Endstation. Bis zu den Trabrenngründen sind es dann immer noch zweieinhalb Kilometer. Man wird beim Donauzentrum umsteigen müssen, in eine Straßenbahn oder in einen Autobus, um nach Hause zu kommen. Die Planer wollen eine „Umsteigerelation“ schaffen.

Dahinter steckt folgender Gedanke. Die Innenstadt wird viel zu stark überlaufen (sie ist zu „umsatzträchtig“). Die Bewohner der Außenbezirke und Stadtrandsiediungen sollen dazu verführt werden, in ihren eigenen Bezirken einzukaufen.

Auch die Bewohner der Trabrenngründe kommen zu oft ins Zentrum. Das Warenangebot in ihrer Umgebung ist zu klein und zu teuer, weil ohne Konkurrenz. Beim Donauzentrum sollen Kaufhäuser mit möglichst großem Warenangebot entstehen (ein „Einkaufszentrum“). Weil man an dieser Stelle sowieso umsteigen muß, wäre die subtile Aufforderung zum Einkauf vorhanden. Die Frage ist nur, ob die notwendigen Kaufhäuser jemals am richtigen Standort stehen werden. Die Kaufhausketten (meistens Multis) suchen ihre Plätze kaum nach den Bedürfnissen der Konsumenten oder den Wünschen der Planer aus. Sie wählen ihre Standorte vielmehr dort, wo man anderen Kaufhäusern Kunden wegnehmen kann, also in der Nähe des Zentrums, wo sich die meisten Menschen erreichen und der Konkurrenz abspenstig machen lassen.

Die Stadtplanung träumt von Dezentralisierung, die Konzerne aber gewinnen ihre Profite weiterhin dort, wo sie wollen. Der Bewohner einer Stadtrandsiedlung bleibt übrig.

Wie sieht es mit den Arbeitsplätzen aus? Auch sie sind keineswegs „dezentralisiert“. Auf hundert Einwohner kommen in Wien durchschnittlich 48,8 Arbeitsplätze. Im 21. Bezirk (Floridsdorf) und im 22. Bezirk (Donaustadt) zusammen nur 26,4 Arbeitsplätze. Im 22. Gemeindebezirk allein nur 24,5. Die Prognosen bis 1985: für ganz Wien 51,8 und für den 22. Bezirk 32,3 Arbeitsplätze auf hundert Einwohner. Bei den vorausgesagten 32,3 Arbeitsplätzen für die Donaustadt sind die Jobs in der UNO-City mitgerechnet. Dort aber werden nur wenige Kagraner arbeiten, höchstens als Fensterputzer, Liftwarte oder Portier. Qualifizierte Arbeitsplätze wird es kaum geben.

Betriebe mit hochqualifizierten Arbeitsplätzen siedeln sich schwerlich im Norden an. Sie suchen sich Gegenden aus, wo die Infrastruktur und die Wohnqualität am günstigsten sind, wo also anspruchsvolle Arbeitskräfte gerne wohnen. Im Süden oder Westen gibt es die besten Verkehrsbedingungen und die schönsten Grundstücke. Betriebe mit vorwiegend unqualifizierten Arbeitsplätzen suchen billige Arbeitskräfte und ebenso billige Grundstücke — das ist jenseits der Donau in Hülle und Fülle vorhanden. Die Donau bildet also eine geographische Klassengrenze, die Wien in zwei verschiedene soziale Regionen aufteilt.

Bewerber um eine Gemeindewohnung haben wenig Geld. Wer wenig hat, kriegt auch weniger. An den Investitionen für die Verbesserung der Infrastruktur, für Spielplätze, Parks usw. wird gespart. Alles verfügbare Geld geht zur Zeit in die spektakulären Großprojekte wie Allgemeines Krankenhaus, U-Bahn, Donauinsel und UNO-City. Von den meisten dieser Projekte haben die Menschen in den Trabrenngründen sehr wenig. Von der SPÖ können sie sich immerhin eine Standardwohnung erwarten, sonst nichts. Von der ÖVP haben sie gar nichts zu erhoffen, da draußen liegen nicht die Jagdgründe dieser Partei.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1979
, Seite 49
Autor/inn/en:

Heinz Lutter:

Heinz Lutter, Jahrgang 1945, Studium der Architektur an der Wiener TU, Stadtteilarbeit in den Trabrenngründen zwischen 1977 und 1978.

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