FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1992 » No. 462-464
Robert Jungk • Klaus Kufner

Staatsfeind & Demokratievernichter

Telefoninterview mit Robert Jungk
Wir wollen uns im nächsten Heft nochmals mit dem Herrn Haider befassen.

Robert Jungk: Das ist wirklich notwendig!

Und da hätten wir natürlich gerne eine Stellungnahme von Ihnen, wie Sie das sehen und ...

Was sehen, den Haider oder was?

Die ganze Angelegenheit, Sie sind doch in den Medien nicht sehr gut wiedergegeben worden.

Ja das stimmt.

So hab’ ich halt den Eindruck. Also würde ich Sie bitten, eine kurze Stellungnahme abzugeben.

Jetzt müssen Sie sich nur genauer definieren, ist es nun eine Stellungnahme zum Haider, oder zu der unverschämten Art, wie er vorgegangen ist? Schauen Sie, er hat da etwas völlig umgedreht ...

Bevor Sie weiter sprechen, Herr Professor, muß ich Ihnen etwas sagen: ich hab’ jetzt ein Band mitlaufen, weil ich ein Telefoninterview mit Ihnen machen möchte, das müssen Sie wissen.

Schauen Sie, der Herr Haider hat einen Sammelband, mit Artikeln, die ich in der Emigration geschrieben und 1990 wieder herausgegeben habe, in der Pressestunde des ORF als „Jubelbroschüre“ für das Dritte Reich bezeichnet. Ich hätte dieser Publikation nie zugestimmt, wenn da irgendetwas gewesen wäre, was mich aus dieser Zeit belastet hätte. Im Gegenteil: ich wollte zeigen, daß man selbst in dieser gefährdeten Situation damals gegen das Dritte Reich öffentlich Stellung nehmen konnte. Das war besonders wichtig in der Schweiz, weil die überwiegende Mehrzahl der schweizer Zeitungen damals sehr angepaßt geschrieben hat. Und die Zürcher »Weltwoche«, für die ich das geschrieben habe, war die einzige, die sich getraut hat, kritische Stellungnahmen zum Dritten Reich zu veröffentlichen. Ich habe das natürlich so machen müssen, daß ich an der schweizer Militärzensur vorbeikommen konnte. Infolgedessen habe ich mich vor allen Dingen darauf beschränkt, belastende Zitate aus deutschen Zeitungen und besonders Fachzeitschriften zu bringen, um zu zeigen, wie sehr die Deutschen unter Druck waren, daß die Dinge nicht so gut standen, wie das Propagandaministerium behauptete. Das war der große Erfolg dieser Artikel. Sie waren damals in der Schweiz die fast einzige, offene, kritische Stimme gegen das Dritte Reich und sind auch so empfunden worden. Herr Haider hat diese Artikel vermutlich gar nicht gelesen, sondern nur aus dem Zusammenhang gerissene Zitate. Sie, lieber Herr Interviewer, hätten sich den Band beschaffen müssen, wenn Sie darüber schreiben. Der ist ja zu haben im Handel. Warum haben Sie das eigentlich nicht getan?

Ich habe es deswegen nicht getan, weil ich von vornherein Ihnen glaube und nicht dem Herrn Haider ...

Ja, aber Glauben genügt nicht. Ich habe als erster über die Deportationen geschrieben, die ja verschwiegen wurden, ich habe z.B. als erster über die Auslöschung von Lidice geschrieben, ich habe all das publik gemacht, was damals von der schweizer Presse verschwiegen wurde, unterschlagen wurde. Und zwar auf Grund der deutschen Quellen selber. Und der Haider kann den Band überhaupt nicht gelesen haben, denn sonst wüßte er, daß er gegen die Nazis gerichtet war.

Sie haben ein Strafverfahren wegen übler Nachrede gegen den Herrn Dr. Haider eingebracht, wie ist da momentan der Stand der Dinge?

Das weiß ich nicht, da müssen sie den Anwalt fragen, der sitzt in Salzburg.

Sie wissen, daß vor Jahren der ehemalige Altbundeskanzler Bruno Kreisky Dr. Haider als gefährlichen Nazi, als lebensgefährlichen Nazi bezeichnet hat und dafür zu 30 Tagessätzen a 700 öS nach dem Strafgesetz, auch wegen übler Nachrede, vorbestraft worden ist — übrigens eine seiner ersten Vorstrafen die er jemals in seinem Leben bekommen hat. Jetzt wurde das FORVM verurteilt, weil der Gerhard Oberschlick gesagt hat: Er wird erstens Haider keinen Nazi nennen, sondern zweitens einen Trottel. Das hat er auch begründet und wurde dafür verurteilt, die richterliche Begründung war: er hätte »trottelhaft« schreiben dürfen, aber ihn nicht als »Trottel« bezeichnen.

Ich bin ja darüber noch hinaus gegangen. Ich habe ja gesagt, ich halte den Haider in der heutigen Weltsituation für noch gefährlicher als seinerzeit die Nazis. Ich habe ihn allerdings nicht allein genannt, sondern zusammen mit Le Pen und Schönhuber. Denn ich halte die heutige faschistische Hetze für besonders gefährlich, weil sie einen viel größeren geographischen, einen weiteren Weltkreis erfaßt. Heute ist Fremden- und Ausländerhetze auch eine Dritte-Welt-Hetze, und das könnte einen neuen Weltkrieg anstiften.

Sehen Sie die Gefahr tatsächlich so?

Ja. Ja, die sehe ich wirklich so. Ich habe ja viele Verbindungen nach der Dritten Welt und dort wird heute schon diese Hetze als Kriegsvorbereitung angesehen.

Welche politisch-demokratischen Möglichkeiten sehen Sie, Menschen wie den Dr. Haider politisch zu verhindern?

Da gibt es immer noch die Möglichkeit der schonungslosen Aufklärung und auch der entschiedenen Ausgrenzung. Nun gibt es ja Leute, die behaupten, diese Ausgrenzung sei taktisch falsch. Das halte ich für sehr sehr gefährlich. Es muß verhindert werden, daß Haider weiterhin als möglicher politischer Partner behandelt wird. Ich sehe aber immer öfter, daß die großen Parteien Haider als einen normalen Politiker behandeln und sogar an mögliche Koalitionsformen denken. Das ist eine ganz gefährliche Tendenz. Ich habe ja miterlebt, wie der Hitler aufgestiegen ist. Er ist raufgekommen, weil die SPD sich nicht entschieden und scharf genug gegen ihn abgegrenzt hat. Sie hat damals versucht, sich national zu geben, und damit hat sie die Wahl des nationalistischen Generals Hindenburg ermöglicht. Ich sehe aus dieser historischen Erfahrung eine mögliche ähnliche Entwicklung hier und heute in Österreich. Das Schielen nach rechts und die Versuche, sich irgendwo mit Rechts zu arrangieren und sich nach rechts hin zu legetimieren, halte ich für den verhängnisvollen Anfang eines vergrößerten Einflusses der Rechten.

Das heißt, daß Sie die Möglichkeit der Verhinderung der Rechten in Österreich durch Ausgrenzung sehen. Welche tatsächlichen realen Möglichkeiten sehen sie für eine erfolgreiche Ausgrenzung?

Ja ich sehe eben die Möglichkeit, daß man in keiner Weise auch nur die Möglichkeit einer Koalition mit dieser FPÖ als Möglichkeit ansieht. Die große Gefahr ist meiner Ansicht nach nicht der Haider selber, sondern die Tatsache, daß z.B die ÖVP bereit wäre, mit ihm zu koalieren. Und das kann man nur verhindern, indem man den Haider als Staatsfeind und Demokratievernichter erkennt. Nun gibt es andere, die sagen, der Hitler ist gemacht worden durch die Presse, die ihn als gefährlich hinstellte. Da ist ja was dran. Das behauptet der Nenning: „Redets nicht so viel vom Haider, dann wird er nicht so hochgejubelt, so populär.“ Ich halte das für nicht unbedingt unrichtig, aber totschweigen kann man ihn leider nicht mehr.

Aber der Nenning hat doch auch gemeint, Nation ist gut und Sozialismus ist gut, wie gut muß erst Nationalsozialismus sein.

Naja, das ist ja unbegreiflich, das ist ja ganz falsch und ich möchte das für eine Art Originalität des Nenning halten, weil er immer gegensteuert, ganz gleich, wogegen er steuert. Ich würde, wenn ich nicht mitten in einer terminierten Bucharbeit drinnenstecken würde, so oft wie möglich gegen diese neue totalitäre Gefahr öffentlich auftreten, so kann ich nur ab und zu dagegen schreiben. Es ist aber mit dem Protest alleine leider nicht getan. Ich bin dafür, daß man die zur Zeit Ratlosen, insbesondere aber junge Menschen, zu anderen Perspektiven hinführt. Man kann das Monopol der Perspektiven, das Monopol der Faszination, das Monopol der radikalen Kritik doch nicht dem Verführer Haider überlassen!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1992
, Seite 34
Autor/inn/en:

Klaus Kufner:

Journalist. Arbeiten für Spiegel-TV, ORF, ARD, BBC, ABC, CNN, EBU, Jazz Welle Bayern, Linksrheinischer Rundfunk, Radiodienst Bonn, Radio Gong 2000, Volksstimme, FORVM, Ganze Woche, Öko-Trends, Profil, TAZ. Herausgeber des Magazins „MV-TIMES“. Bücher: Raus aus der Sackgasse, Sex & Kaugummi, Kriegsschauplatz Jugoslawien, Schlachtfeld Nahost, Die Vermessung der Freiheit.

Robert Jungk:

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