FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1980 » No. 315/316
Josef Dvorak

SP- & KP-Bauer

Michael Genner: Mein Vater Laurenz Genner. Ein Sozialist im Dorf, Veröffentlichung des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung. Nachwort von Karl R. Stadler, Europaverlag, Wien 1979, 326 Seiten, DM 38, öS 270

Laurenz Genner,
ein Bauer in der österreichischen Arbeiterbewegung

Österreichische Zeitgeschichte, aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel erzählt. Laurenz Genner (1894-1962), der „ungekrönte König des Waldviertels“, ist revolutionärer Bauernpolitiker gewesen, ein Exponent der Landarbeiter, Kleinbauern, der Pächter ohne eigenes Land, der dörflichen Armut. Allerdings, das bloße Wort „Bauernpolitiker“ erregt zweifelhafte Assoziationen an eine konservative, ständische Ideologie, hinter der sich bornierte Eigentumsinteressen verbergen. So stark wirkt das semantische Vorurteil. Schuld daran sind eine städtisch orientierte Geschichtsschreibung und eine Gesellschaftstheorie, für die allein die Fabrik das Bethlehem des Fortschritts ist.

Die Pariser Kommune 1871, der Wiener Februar 1934 — was im Gedächtnis hängen bleibt, ist das suggestive Bild der roten Metropole, die von reaktionären Bauernheeren belagert wird. Tatsächlich starten Revolutionen zwar in den Städten, entschieden werden sie aber in den Dörfern; oft zu deren Nachteil. Ein frisches Beispiel dafür ist Portugal, wo der Gegensatz zwischen den Landkommunen des Südens und den Mittelbauern des Nordens die Revolution bremst. In Mitteleuropa werden die Bauern rundweg der politischen Rechten zugeschlagen.

Michael Genner, der aus Dokumenten die Biographie seines Vaters lebendig und anschaulich (in manchen Details freilich etwas ungenau) zusammengestellt hat, weist auf das Österreich des Jahres 1933 hin. Damals liquidierte Dollfuß das Parlament, um die politische Kontrolle über die Bauern nicht an die Sozialdemokratie zu verlieren. Im Frühjahr 1933 schien ein proletarisches Bündnis zwischen Stadt und Land (ökonomisch begründet durch die Ausschaltung des Zwischenhandels) vor der Tür zu stehen.

Einige Wochen vor der dramatischen Selbstlähmung des österreichischen Nationalrats im März 1933 — Rücktritt der drei Parlamentspräsidenten — hatte der junge Abgeordnete Laurenz Genner dem christlichsozialen Landwirtschaftsminister prophezeit: „Die Kleinbauern werden Sozialdemokraten werden! Sie werden erkennen, daß sie klassenmäßig zu uns gehören.“ (p. 79)

Sein Lebenslauf ist typisch. Ein aufgewecktes, aber blutarmes Landkind, Tbc-krank, wie durch ein Wunder von einem Philanthropen dem Elend entrissen. Victor Adler war’s, nicht nur Parteigründer, sondern auch Armenarzt, der den zwanzigjährigen Bauernburschen aus dem Waldviertel um 1914 in Wien aufgelesen und in die Redaktion der Arbeiterzeitung eingeführt hat.

Genner, der sich zu einem erfolgreichen Journalisten und Agitator entwickelte, war auch ein geschickter Organisator und bemerkenswerter Schriftsteller (seine Kurzgeschichten erinnern an die Lyrik Theodor Kramers und an die bayrische Prosa Oskar Maria Grafs).

Wichtig an dieser Biographie ist, daß sie eine große, doch fast vergessene soziale Schicht wieder zu Wort kommen läßt, daß sie Erfahrungen aufbewahrt, die voreilig unter dem Klischee des unaufhaltsamen „technisch-industriellen Fortschritts“ begraben wurden.

Jener Klassenkampf auf dem Lande, den Genner zwischen 1920 und 1950 in Niederösterreich gegen den klerikalen und aristokratischen Großgrundbesitz geführt hat, wiederholt sich heute im Maßstab des „Weltdorfs“: gegen das amerikanische Agrobusiness im Iran und in Zentralamerika, gegen die europäische Kolonisation im Nahen Osten und im südlichen Afrika.

Daß die österreichische Arbeiterbewegung überhaupt auf dem Dorf Fuß fassen konnte, ist Genners Werk, der von Victor Adler einmal die ungeduldige Antwort erhielt: „Für die Bauern haben wir gar keine Zeit.“ (p. 32)

Schon um 1890 hatte der Waldviertler Josef Steininger eine Bauernpartei initiiert, die — vergeblich — den Anschluß an eine desinteressierte Arbeiterbewegung suchte. Eine gleichgültige Haltung, die allerdings in Zeiten von Krieg, Krise, Revolution unmöglich wird.

Dann stellt sich nämlich mit dem Problem der Ernährung auch die Frage der Neuordnung der Beziehungen zwischen Stadt und Land. Obwohl Genner den Großteil seines Lebens in Wien verbracht hat, ist das Waldviertel seine politische und moralische Basis geblieben; dort gründete er die sozialdemokratische Organisation. Trotzdem war er weit mehr als nur ein „Agrarspezialist“. 1938 zur KPÖ übergewechselt, übernahm er im Widerstand eine Rolle, die seine übermenschliche Schmerz- und Todesverachtung beweist.

Doch das politisch interessanteste Kapitel seiner Karriere spielt nach 1945. Zuerst als Unterstaatssekretär im Kabinett Renner, später als kommunistischer Landesrat in Niederösterreich versuchte Genner nachzuholen, was 1933 und schon 1918 versäumt worden ist.

Er leitete die Aufteilung des Großgrundbesitzes an Bauern ohne Land ein, eine Bodenreform, die sofort nach dem Abzug der sowjetischen Besatzungsmacht wieder annulliert wurde. Der Kampf mit dem Bauernbund, die Auseinandersetzungen mit der niederösterreichischen ÖVP (Genner war ein persönlicher Feind Victor Müllners) — das erlaubt einen tiefen Blick in die Struktur der österreichischen Gesellschaft. Hier kann man nachlesen, wie die Machtpositionen aufgebaut, wurden, die noch das Österreich von 1980 prägen. Der zentrale Streitpunkt: Genner widersetzte sich dem Marshallplan, der schließlich die hiesige Landwirtschaft von den Futtermittelimporten aus den USA abhängig gemacht hat.

Eine linke Bauernpolitik, vielleicht die letzte Chance Mitteleuropas, sich vom Zugriff der zwei Hegemonien zu befreien. Michael Genner vergleicht seinen Vater mit Lászlo Rajk, das Programm des Waldviertlers mit der ungarischen Bodenreform von Imre Nagy. Sowohl Nagy als auch Rajk sind den Stalinisten zum Opfer gefallen.

Auch Laurenz Genner wurde — trotz seiner praktischen Erfolge — von der KPÖ-Führung an den Rand gedrängt. Nach der ungarischen Revolution ist er anscheinend aus der Partei ausgetreten. Die Biographie des „Sozialisten im Dorf“ dokumentiert, wie die soziale Bewegung der Bauern systematisch zerrieben, eine ganze Klasse zum Rohstoff der Industrialisierung degradiert wurde.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1980
, Seite 67
Autor/inn/en:

Josef Dvorak:

Jahrgang 1934, gelernter Theologe und Tiefenpsychologe. Langjähriger Gerichtsreporter und außenpolitischer Redakteur bei Tageszeitungen, von 1973 bis 1995 Mitglied der Redaktion des FORVM. Er ist heute freier Forscher und Publizist und beschäftigt sich vor allem mit der Geschichte der Psychoanalyse, des Okkultismus und ideologischer Minderheiten.

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