FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » No. 178
András Hegedüs

Sozialismus in der Phase der Selbstkritik

In den vergangenen 15 Jahren haben sich im Leben der sozialistischen Staaten Europas tiefreichende Veränderungen durchgesetzt — in fast allen Bereichen, von der Ökonomie bis zur Kultur. Bei aller Verschiedenheit haben diese neuen Züge — Anlaß zu so vielen Diskussionen und noch mehr Mißverständnissen — eine gewisse Gemeinsamkeit. Sie haben eine gemeinsame Ursache. Die Dynamik der in diesen Staaten vor sich gehenden Veränderungen ist so lange unbegreiflich, solange wir uns nicht bewußt machen, das heißt als Tatsache anerkennen, daß die sozial-ökonomische Entwicklung dort bereits einen bestimmten Reifegrad erreicht hat, oder doch im Begriff ist, ihn zu erreichen. Dieser Reifegrad besteht darin, daß die innere Analyse, oder nach den Worten von Marx: die Selbstkritik in dieser Gesellschaftsformation nicht nur zur historischen Möglichkeit geworden ist, sondern zur historischen Notwendigkeit.

Der Höhepunkt dieses Prozesses ist noch lange nicht erreicht, nämlich die endgültige Überwindung einer Situation, in welcher die innere Identifikation mit dem Sozialismus, konfrontiert mit der äußeren Kritik am Sozialismus, dazu führen müßte, die jeweils erreichten Strukturen des Sozialismus zu verteidigen, und dies oft mit bewaffneter Hand.

Die Zeiten sind nahe, wo ein solches Verhalten als bloße Apologetik zu klassifizieren sein wird — als Apologetik, die, in ihrer objektiven Funktion betrachtet, weniger der Ausdruck eines Engagements für den Sozialismus ist, als vielmehr Ausdruck obstinaten Beharrens auf partikulärem Interesse am Überleben von Formen, die bereits überholt sind.

Um die gegenwärtige Situation zu verstehen und die von ihr hervorgebrachten Veränderungen als historische Notwendigkeit zu akzeptieren, bedarf es zunächst der Rückerinnerung an die erste Periode in der Entwicklung der sozialistischen Staaten. Damals wurden die sozialistischen Eigentumsverhältnisse etabliert; zugleich wurde jedoch, im Gefolge von Umständen besonderer Art, bereits nach einer außerordentlich kurzen Zeitspanne der weitere Weg blockiert; die Blockade erstreckte sich auf jeden Versuch, die neue Ordnung zu analysieren. So entstand jener Zustand, dessen Überwindung unser heutiges Problem ist.

In den sozialistischen Bewegungen Europas vor der Oktoberrevolution erzeugte die aktive Negation des Kapitalismus die unausweichliche Überzeugung, daß man eine Gesellschaft errichten kann und muß, die radikal anders und in jeder Hinsicht besser ist als die kapitalistische — eine Gesellschaft, welche die würdigsten Bedingungen für das menschliche Leben hervorbringt, und dies binnen relativ sehr kurzer Frist.

Dieser Glaube stützte sich anfänglich auch auf die Überzeugung, daß der Sozialismus zunächst in den am meisten entwickelten Ländern siegen werde, und überdies nicht nur in einem einzigen Land. Diese Überzeugung gründete sich auf die wissenschaftliche Analyse der bestehenden Verhältnisse. Man rechnete nicht mit der Möglichkeit, daß der Sozialismus in einer relativ zurückgebliebenen Weltgegend, und nur in dieser, zur Macht gelangen könnte. Aus diesen historischen Gründen erwies sich ein Teil der anfänglichen Vorstellungen der sozialistischen Bewegung als Chimäre, zumindest für eine Zeitlang. Jedoch läßt sich nicht leugnen, daß diese Vorstellungen eine grundsätzlich positive Rolle spielten; sie halfen der Menschheit vorwärts im Kampf um eine neue, menschlichere Gesellschaft.

Fiktion contra Realität

An sich war es nach 1917 möglich geworden, die Fiktionen mit der Wirklichkeit zu vergleichen; aber das war eine theoretische Möglichkeit, die sich praktisch noch nicht realisieren ließ. Denn bald nach Etablierung der neuen sozio-ökonomischen Verhältnisse nahm die Geschichte eine Wendung, wie schon mehr als einmal und gewiß auch in Zukunft: die Selbstkritik der neuen Gesellschaft wurde unmöglich. Angesichts der äußeren Kritik von seiten der obstinaten Verteidiger des Althergebrachten und wegen der vom Krieg verursachten Zerstörungen in einem der zurückgebliebensten und ärmsten Länder Europas wurde es gewissermaßen unvermeidlich, daß die meisten anfänglichen Vorstellungen zu unangreifbaren Dogmen erstarrten.

In dieser ersten Periode schien die Zerstörung von Illusionen — auch in Fragen zweiten Ranges und bei Ausschaltung aller Subjektivität — ein Attentat gegen die neue Gesellschaft; und vom Standpunkt des wirksamen Funktionierens dieser Gesellschaft konnte man tatsächlich dieser Auffassung sein. Denn in der jungen Sowjetunion und später zum Teil auch in den Ländern der Volksdemokratie während ihrer ersten Entwicklungsphase war die Situation derart, daß alle Objektivität dahin führte oder zumindest dahin zu führen schien, den Elan des Kampfes gegen die alte Ordnung zu schwächen; alle Objektivität galt als getarnte Konterrevolution. Man zeterte — notwendigerweise — nicht nur gegen jene, die direkt oder indirekt in Opposition zur revolutionären Transformation standen, sondern auch gegen jene, die nichts weiter forderten als eine tiefere, nuançiertere, realistische Analyse.

Lenin hatte die fundamentale Alternative dieser Jahre formuliert: „Jeder muß Stellung beziehen, auf unserer Seite oder auf der anderen. Keine Stellung beziehen kann zu nichts führen als zu Niederlage und Schande.“

Was zu Lenins Zeiten richtig war, führte später zu einer außerordentlichen Einengung der Handlungsfreiheit und Wahlmöglichkeit des Individuums und spielte eine sehr bedeutsame Rolle bei der Entstehung jener Phänomene, für die sich heute die Bezeichnung „Fehler des Persönlichkeitskultes“ eingebürgert hat.

Lenins Alternative entsprach vollkommen den Erfordernissen der damaligen historischen Situation. Nach dem Sieg der Revolution war das Hauptproblem: an der Macht bleiben oder die Macht durch Schwäche verlieren. Im Vergleich damit waren alle anderen Fragen nebensächlich, einschließlich der Optimalisation und Humanisation der neuen Ordnung.

Die spezifischen Verhältnisse produzierten ein spezifisches Dilemma: Bestand die nächstliegende Aufgabe in der Verstärkung der zentralisierten Administration, die sich ohnehin rapide entwickelte, oder in der Ausdehnung der demokratischen Rechte? — Die spezifischen Verhältnisse bestimmten auch die spezifische Antwort. In schärfster und vielleicht auch tragischester Form gab diese Antwort der X. Kongreß der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, im Schatten der Revolte von Kronstadt. Bis dahin war die Frage „Welchen Weg sollen wir weitergehen?“ im wesentlichen noch offen; durch den Aufstand der von den Anarchisten mißbrauchten und in die Irre geführten Matrosen sahen sich die sowjetischen Führer gezwungen, die demokratischen Freiheiten zu beschränken. Auf Vorschlag Lenins betonte man nachdrücklich den vorübergehenden Charakter dieser Maßnahmen; später wurde daraus eine Formel, die für eine lange Periode gültig blieb.

Der Idealtyp ging verloren

In der Folge ging der Idealtypus des Sozialismus mit relativ großer Geschwindigkeit verloren, insbesondere seit den dreißiger Jahren, als die formalen Elemente Schritt um Schritt über die essentiellen siegten; durch den Tod Lenins wurde der schon im Gang befindliche Prozeß nur beschleunigt.

Jahrzehnte hindurch dauerten die Institutionen und Methoden, die in einer bestimmten komplizierten historischen Situation entstanden waren, in fossilisierter Form weiter. Ob es sich um das System der planwirtschaftlichen Vorschriften handelte oder um die Normierung der individuellen Leistung oder um den sozialistischen Realismus oder um die Autorität der Funktionäre — alles wurde in den Rang der Unantastbarkeit erhoben. Und die europäischen Volksdemokratien übernahmen das alles als fix und fertiges Modell. Die einzige Ausnahme war Jugoslawien.

Natürlich konnte die Erkenntnis nicht ausbleiben, daß die Institutionen, die nach dem Triumph des Sozialismus entstanden waren, deutlich verschieden waren von jenen, die man während des Kampfes für jenen Triumph entworfen hatte. Aber die von Lenin nach 1917 begonnenen kühnen Korrekturen der unbezweifelbar chimärischen Vorstellungen aus der Zeit des Kampfes wurden Stück um Stück ausgelöscht.

Zunächst — ich kann das nicht genug betonen — war all das durchaus sinnvoll und genau im Interesse des neuen Regimes; es war ein Prozeß — zumindest in dieser Hinsicht und bis zu einem bestimmten Augenblick —, den man kaum für etwas anderes halten kann als für den historisch unausweichlichen Weg zur Rettung einer neuen Gesellschaft, die unter außerordentlich schwierigen Umständen geboren worden war.

Es hat in der Geschichte noch keinen revolutionären Kampf gegeben, in welchem die zu erkämpfende Zukunft nicht besser, schöner und menschlicher dargestellt worden wäre, als dies die nachfolgende Wirklichkeit dann zuließ. Solche Illusionen führen dazu, daß jene übermenschlichen Opfer gebracht werden, welche der Preis des Sieges und der Festigung des Neuen sind, wovon den wirklichen Gewinn erst die folgenden Generationen haben können. Jedoch produziert die Geschichte nach Festigung einer neuen Ordnung häufig und relativ rasch einen tragischen Rollenwechsel: Die Illusionen, die sich von nun ab nicht mehr auf den zukünftig erwünschten Stand der Dinge beziehen, sondern auf den bereits erreichten, beginnen eine radikal andere Funktion zu erfüllen. Sie dienen nicht mehr dem Kampf für den Fortschritt; sie liefern vielmehr die Basis für eine manchmal sehr primitive Apologetik der bestehenden Situation und der zugehörigen versteinerten Institutionen. Früher oder später, aber unentrinnbar, kommt das Ende jener Periode, während welcher die Illusionen über den Zustand nach dem „Sieg“ noch eine positive Rolle spielen, weil sie den „Sieg“ konsolidieren; in dem Maße, in dem sich diese Konsolidierung vollzieht, wird die Apologetik des „Neuen“ reaktionär. Sie behindert die Entwicklung, weil unterdessen die Konfrontation zwischen Illusionen und Realitäten zum Rang einer historischen Notwendigkeit herangereift ist. Auf der Basis der inneren Analyse der neuen sozio-ökonomischen Organisation werden neue Ziele formuliert, formiert sich der Marsch in den Kampf für die Realisierung dieser Ziele. Auch diese neue Situation ist nicht frei von Illusionen über die Möglichkeiten der Entwicklung; aber diese Illusionen betreffen nun wiederum die Zukunft und nicht mehr die etablierte Situation.

Die Verwandlung der progressiv wirkenden alten Illusionen in ein Hindernis der Entwicklung — dieser tragische Rollenwechsel, bisweilen in ein und derselben Generation — ereignet sich, sobald Herkules vom schwachen Kind zum Manne aufwächst. Die Illusion ist das Lied des Kindes, das angsterfüllt und allein durch den Wald geht; sie stärkt dessen Kräfte und hat daher, auch wenn sie im täglichen Leben überhaupt nicht zu rechtfertigen ist, eine progressive Funktion. Aber das Kind wächst; es kommt die Zeit, wo der Erwachsene jenes alte imaginäre Universum nicht mehr bewahren kann, außer um den Preis eines gewissen Infantilismus.

Die Erfahrungen des täglichen Lebens erzwingen die Konfrontation der alten Vorstellungen mit der Realität. Schon im Leben des einzelnen Menschen ist ein solcher Prozeß nicht einfach; denn die vom Erwachsenen erkannte Realität ist in der Regel ärmer und trüber als die imaginäre Welt des Kindes. Und jener Prozeß ist noch schwieriger im Leben der Völker; der „Verlust der Illusionen“ und das Anlangen bei einer realistischen Erkenntnis der Gesellschaft vollziehen sich im Verlauf von vehementen sozialen Kämpfen. Denn wie kurz auch die Zeit sein mag seit Errichtung der neuen Ordnung: die gesellschaftlichen Gruppen, die an der Aufrechterhaltung der Illusionen über den wirklichen Zustand der Dinge interessiert sind, haben sich bereits formiert, desgleichen jene Gruppen, die nach Überwindung solcher Illusionen streben.

Der Wechsel von der Illusion zur Realität kann historisch erst aktuell, das heißt Wirklichkeit und Notwendigkeit werden, wenn der Sozialismus konsolidiert ist, im Inneren wie im Äußeren; der Wechsel kann erst stattfinden, wenn die Alternative „Erhaltung der Macht oder Verlust der Macht“ nicht mehr besteht, sondern ersetzt ist durch die komplexe und äußerst widersprüchliche Aufgabe der Optimalisation und Humanisation der neuen Ordnung. Damit dies möglich wird, muß die Situation so gefestigt sein, daß alle Aspirationen auf Rückkehr der kapitalistischen Gesellschaft völlig illusorisch geworden sind. Es muß praktisch unmöglich geworden sein, die Fabriken, die Banken, den Großgrundbesitz ihren einstigen Eigentümern zurückzugeben. Sobald dieses Stadium erreicht ist, sobald die Ziele der Reaktion jede reale Chance eingebüßt haben und nur noch eine blinde Hoffnung kleiner Gruppen sind, dann — und nur dann — wird es möglich, weiterzuschreiten zu einer neuen Optik, zu einem neuen Dilemma: Optimalisation und Humanisation auf der Basis des „Neuen“ — kritische Stellungnahme zu den existierenden Formen dieses „Neuen“.

Eine andere Bedingung für diese neue Optik besteht darin, daß die Leitung der sozio-ökonomischen Organisation durchaus stabil sein muß. Ansonst wird jede objektive Analyse in den Verdacht geraten, daß sie auf diese oder jene Person abzielt; daß ihr wahrer Zweck nicht darin besteht, die gesellschaftliche Situation vorwärtszubringen, sondern Veränderungen in der Führungsschichte durchzusetzen.

In der Anfangsperiode der neuen Ordnung vermischte sich der Wille, die Stellung von Funktionären zu erhalten, mit der Verteidigung der von diesen Funktionären geleiteten Institutionen, deren Bewahrung identifiziert wurde mit den fundamentalen Interessen der Gesellschaft und deren weiterer Entwicklung. Durch dieses Doppelspiel der falschen Identifikation stieß jeder Versuch einer realistischen Analyse der bestehenden Formen von Anfang an auf intransigente Zurückweisung, auch dann, wenn diese Analyse im Zeichen des totalen Engagements für die Sache des Sozialismus erfolgte.

Dies zeigte sich insbesondere in den Gesellschaftswissenschaften, welche in erster Linie berufen sind — zumindest in der Theorie —, die Antworten auf die wirklichen Probleme der gesellschaftlichen Entwicklung zu liefern. In jener Anfangsperiode der sozialistischen Gesellschaft war den Gesellschaftswissenschaften eine einzige Aufgabe zugedacht: Propaganda für den jeweiligen politischen Kurs und für die „gesetzlich geschützten“ Strukturen. Wer sich dieser Reglementierung nicht fügte, zog sich die Anklage zu, ein Reaktionär zu sein und den Standpunkt der Bourgeoisie zu verteidigen. Wissenschaftliche „Objektivität“, und wenn sie noch so erfüllt war vom Engagement zugunsten des sozialen Fortschritts, galt als Feindseligkeit gegen den Sozialismus und verfiel der vollen Strenge des Gesetzes.

Marxismus als Fossil

Infolgedessen befand sich der Marxismus, und vor allem die marxistische Soziologie, sehr bald in einer beinahe ausweglosen Situation; ihre Entwicklung kam zum Stillstand, die meisten ihrer Thesen erstarrten zu Dogmen, sie mußten sich in fast allen Bereichen Postulaten akkommodieren, die als sakrosankt anzusehen waren.

Es ist klar, daß diese starren und mythisierten Postulate geeigneter schienen, die bestehenden Strukturen zu bewahren, als die marxistische Soziologie, die auf kreative Weise die rezenten Fakten der gesellschaftlichen Entwicklung und die Fortschritte in den anderen Wissenszweigen berücksichtigt.

Gerade das erklärt aber auch, warum die bedeutsamen historischen Veränderungen, die sich heute vollziehen, zunächst in der marxistischen Soziologie ein besonderes Aktionsfeld fanden: es ging um die ideologischen Hindernisse in Form eines versteinerten und dogmatischen „Marxismus“, der den Fortschritt der neuen Elemente am stärksten beeinträchtigte.

Aber auch hier müssen wir uns vor einer oberflächlichen, unhistorischen Betrachtungsweise in acht nehmen. In der Sowjetunion hat der Marxismus während der zwanziger und sogar dreißiger Jahre als leitende Ideologie eine unvergleichlich bedeutsame und grundsätzlich positive Rolle bei der Verteidigung des Sozialismus und beim Aufbau einer zentralen Organisation gespielt. Zugleich hat aber diese gesellschaftliche Funktion und die damit verknüpfte besondere Bedürfnisstruktur auch den Marxismus selbst umgeformt; es kam zu schweren Mißbildungen, welche es in bestimmten Perioden praktisch unmöglich machten, Ideologie und wissenschaftlichen Fortschritt sowie Ideologie und gesellschaftliche Wirklichkeit miteinander zu konfrontieren.

Man könnte jedoch keinen größeren Irrtum begehen, als wenn man dies für einen subjektiven Fehler hielte, der sich bestimmten Personen zuschreiben ließe. Hier von besonderen gesellschaftlichen Strukturen der sozialistischen Länder abstrahieren zu wollen, wäre schlechte Soziologie. Die Isolierung des Marxismus von den Resultaten der Wissenschaft und von den Fakten des täglichen wirklichen Lebens beruhte auf objektiven gesellschaftlichen Grundlagen. Desgleichen beruht die nunmehrige Konfrontation des Marxismus sowohl mit den Erkenntnissen der Wissenschaft wie mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit auf objektiven gesellschaftlichen Grundlagen. Diese neuen Züge des Marxismus treten auf, sobald die gesellschaftliche Entwicklung sie notwendig macht, und zwar unter Mißachtung der subjektiven Wünsche und partikulären Interessen gewisser Leute.

Die Arbeit für das neue ökonomische System — ich denke insbesondere an die ungarische Lösung, die mir am meisten vertraut ist — hat nicht nur deshalb Gewicht, weil sie auf wissenschaftlicher Analyse beruht und weil diese Analyse Dinge in Frage stellt, die zuvor als unantastbar dekretiert worden waren. Durch die Arbeit am neuen ökonomischen System wurde überdies, ausgehend von der ökonomischen Infrastruktur der Gesellschaft, eine Synthese aller Einzelanalysen vollzogen, so daß nun die Richtung der Aktion und somit die künftige Entwicklung im allgemein gesellschaftlichen Maßstab vorausbestimmt ist.

Es ist wichtig, das zu betonen; denn die innere Analyse des Sozialismus hat nur dann wirklichen Effekt auf die Entwicklung der Gesellschaft, wenn sie sich nicht auf partielle Untersuchungen und die daraus erfließende Bewegung von Details beschränkt; die Selbstkritik muß die Vorstellungen vom Ganzen der Gesellschaft dynamisieren und eine umfassende neue Perspektive darbieten. Nichts ist natürlicher und wünschenswerter als ein Fortschritt, der vom neuen ökonomischen System weiterführt zu gesellschaftlichen Reformen, die in größere Tiefe reichen und immer umfassendere Gebiete des nationalen Lebens einbeziehen, einschließlich des politischen und des kulturellen Bereichs.

Natürlich besteht eine solche Veränderung darin, daß neue gesellschaftliche Konflikte ausgetragen werden; jeder Versuch, den in der Vergangenheit erreichten Zustand zu überwinden, führt zur Konfrontation zwischen den Verteidigern des alten und den Partisanen des neuen.

Getrieben von ihren partikulären Interessen und in der Absicht, sich für ihre Ziele die geeigneten Waffen zu besorgen, haben einige Leute die neue Etappe der Selbstkritik des Sozialismus mit Verleumdung bedacht; sie bedienen sich hiezu einer falschen Interpretation der historischen Alternative, die einst darin bestand, daß man, um der Sache des Sozialismus zu dienen, sich zugleich mit der Verteidigung der etablierten Formen identifizieren mußte. Dieses Mißverständnis führte zu der Vorstellung, daß nunmehr der Sozialismus „auseinanderfalle“. Damit schreiben die alteingefleischten Gegner des sozialen Fortschritts dem Sozialismus eine Schwäche zu, welche im Gegenteil ein Beweis seiner Stärke, das heißt seiner Entwicklungsfähigkeit ist. Und unter Hinweis auf diese gegnerische Vorstellung vom „Auseinanderfallen“ des Sozialismus versuchen einige andere Leute jene einzuschüchtern, welche eine realistische innere Analyse fordern, aber durchdrungen sind von der Treue zum Sozialismus, dem sie alle ihre Kraft Tag für Tag widmen.

Jene, die ihre Hoffnungen auf ein „Auseinanderfallen“ des Sozialismus gründen, und jene anderen, die in dieser Hinsicht eine hysterische Angst entwickeln, scheinen sich in einer Gemeinsamkeit zu finden, die dem Zusammenwirken zweier ständig rotierender Mühlsteine gleicht, zwischen denen die Hoffnung auf Erneuerung zerrieben wird, als ohnmächtiges Spielzeug im Kampf überlegener Mächte.

Aber wir wollen nicht, zunächst Opfer unserer eigenen Illusionen, nunmehr jenem Pessimismus verfallen, der so oft die Folge des Verlustes von Illusionen ist. Wir müssen vor allem verstehen, daß die neue Selbstkritik eine historische Notwendigkeit im Zuge des gesellschaftlichen Fortschritts ist, und nicht einfach eine „Rebellion der Intellektuellen“ oder irgendeine „Verschwörung“, die von auswärtigen „reaktionären Kräften“ dirigiert wird. Vielmehr handelt es sich um das elementare Interesse der sozialistischen Gesellschaften in Europa, welche die Ausbreitung und Vollendung des gegenwärtigen historischen Prozesses wollen. Die progressiven Intellektuellen können hiebei nichts anderes tun, als die Wünsche und Interessen der Massen formulieren zu helfen. Wollten sie sich dieser Aufgabe entziehen, so würden sie ihre schönsten Hoffnungen selber zunichte machen.

Wer bremst?

Selbstverständlich wäre es ein schwerer Fehler, wenn man glauben wollte, daß die auswärtigen reaktionären Kreise — die aus dem einen oder anderen Grund entschlossene Gegner des sozialen Fortschritts sind — dem Auftreten der inneren Kritik im europäischen Sozialismus nur passiv zusehen würden. Meines Erachtens entsteht jedoch hier in Mitteleuropa die Hauptschwierigkeit nicht durch die Aktivität der alteingefleischten Reaktionäre, sondern durch Mißverständnisse, welche die Entwicklung des europäischen Sozialismus betreffen und die auf seiten jener auftreten, welche subjektiv dem sozialen Fortschritt sich verpflichtet fühlen. Die Fortdauer dieser Mißverständnisse wird auf schwerwiegende Weise durch partikuläre Interessen begünstigt. Hier liegt heute das hauptsächliche Hindernis für eine raschere Entwicklung, wie sie von der inneren Analyse der sozialistischen Theorie im Stadium ihrer heutigen Reife gefordert wird.

Im Vorstehenden habe ich mich zu zeigen bemüht, daß die Selbstkritik des europäischen Sozialismus ein Prozeß ist, der den besonderen sozio-ökonomischen Verhältnissen der sozialistischen Länder entspringt und dessen Fortführung — zumindest in diesem Teil der Welt — eine historische Notwendigkeit ist. Es wäre jedoch irrig zu glauben, daß dieser Prozeß nur eine innere Angelegenheit der sozialistischen Länder Europas sei. Ich glaube vielmehr in meiner Schätzung nicht fehlzugehen, daß es sich hier um etwas Entscheidendes im Gesamtprozeß des menschlichen Fortschritts handelt. Die innere Analyse des europäischen Sozialismus wird dessen revolutionäre Ausstrahlung vergrößern; die Ideen und die Praxis, die dieser Analyse entspringen, werden die wesentlichen Züge des Sozialismus wieder ans Licht bringen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1968
, Seite 623
Autor/inn/en:

András Hegedüs:

Foto: Von Autor unbekannt - [1] Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANEFO), 1945-1989 bekijk toegang 2.24.01.09 Bestanddeelnummer 908-0945, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37189467
Als sehr junger Mann Ministerpräsident vor Imre Nagy, hat sich unterdessen zum führenden progressiv-marxistischen Soziologen Ungarns gemausert.

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