FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » No. 179-180
Peter Horvath

Sex im Vormärz

Über Anastasius Grün

Das Wien der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war von der Atmosphäre einer Lebensfreudigkeit durchdrungen, in der sich Religion und Geschlechtlichkeit miteinander verquickten. Lady Mary Wortly Montagus (1698-1762) Reise in das Reich der heiteren Sinnlichkeit begann wohl Anfang September 1716 im barocken Wien. Hier begegnete sie — vor allem in der Oper und im Theater — elementaren Lebensmächten des Bios, die ihr ein menschenfeindlicher Puritanismus aus dem Bewußtseinsleben verdrängt hatte, „I have so far wander’d from the Discipline of the Church of England“, schrieb sie am 14. September an Alexander Pope, „to have been last Sunday at the Opera ..., I have not yet repented my seeing it.“ Und über die Aufführung eines österreichischen Amphitrion bekennt sie: „I never laugh’d so much in my Life.“ Obzwar der gute Anstand Distanz verlangt zu einer Episode, blieb sie dennoch nicht unerwähnt: „But I could not easily pardon the Liberty the Poet has taken of Larding his play with not only indecent expressions, but such grosse words ..., and the 2 Sosias fairly let down their breeches in the direct view of the Boxes which were full of people of the first Rank that seem’d very well pleas’d ...“ [1] Lady Montagu war mit einer Sinnenfreudigkeit und zugleich mit den üblichen Fäkalien bekanntgeworden, welche unbewußt die Psyche vor einer Gefährdung durch zerstörerische Mächte schützen. Man ahnte, daß der lebensspendende Gott Dionysos auch als Rächer der unterdrückten Natur auftrat.

1761 sah sich Justus Möser (1720-1794) gezwungen, einen sonderbaren Aufsatz zu schreiben: „Harlekin oder Die Verteidigung des Grotesk-Komischen.“ Die Aufklärung fing an, sich allenthalben breitzumachen, und mit ihrem Vordringen wurden Dionysos und das Mysterium zusehends aus dem Bewußtsein des Menschen verbannt. Ein denaturierter Eros wurde als Ideal hingestellt. Das Österreich, das einst der Lady Montagu zu ihrer seelischen Unbefangenheit mitverholfen hatte, machte die Zeitmode mit. Die unterdrückten Mächte traten immer häufiger als Neurosen an die Oberfläche, und am schwersten bedroht waren immer diejenigen, denen der Glaube mit seinem Mysterium verlorengegangen war. Generationen später entdeckte man den verlorenen Dionysos — im Hades.

Für eine „Aufklärung“ im westlichen Sinne bestand beim Österreicher schon von Anfang an kein tiefes seelisches Bedürfnis. [2] Er lieh sein Ohr den Franzosen und Norddeutschen und ließ sich in den Aberglauben hineinreden, daß der Verstand König sei. Sein Leben hatte sich in einer berauschenden Sinnenpracht abgespielt, und nun sollten, gepaart mit einem reinen Zweckdenken, nur mehr kalte Verstandesverhältnisse gelten dürfen. Vom Staate erhielt ein lebens- bzw. sinnenfeindlicher, doch antimetaphysisch ausgerichteter Reformkatholizismus Unterstützung. Wie in allen Lebensbereichen, so richtete sich auch im kirchlichen Raum die Tendenz gegen die natura creatrix (die weibliche Potenz als anima oder Eros). Der Marienverehrung z.B. stand man durchaus ablehnend gegenüber, und es war bezeichnenderweise des Kaisers allerhöchster Wille, der den Bräuten des Herrn das Tragen von Korsetten ein für allemal verbot. Die Seele sah gewiß recht verdutzt drein, als ihr der neue Geistliche etwas über die Pferdezucht, gegen die Kontrabande und für die Konskription vorpredigen mußte. In der Bürokratie erstand ein neuer Orden. Hierzu gehörte Graf Sedlnitzky, der zur Zeit des Vormärz ein Herz-Jesu-Büchlein unterdrückte „wegen der ... mystisch-pietistischen Tendenz“. [3] Man hat jedoch dem Verstande zu Unrecht eine Zersetzungskraft zugeschrieben, die „sich je nach Natur als Nörgelsucht, Krittelei oder Hypochondrie äußerte“. [4] Es war vielmehr das Rachewerk der unterdrückten Sinne am Verstandesmenschen.

Wonach sich der Österreicher am meisten sehnte, war wohl die weibliche Potenz, die ihm der gängige Rationalismus als Ausdruck eines sterilen männlichen Prinzips (animus) auf Jahrzehnte hin vorenthielt. Recht verräterisch ist der Hang der Zeit zur Posse und zum Zauberstück. Denn hier drang die Sehnsucht nach einer durch die Sinnlichkeit und das Wunder regenerierten und erlösten Welt durch. Der Possenreißer, d.i. auch der Liebe Augustin, der Nachkomme des Harlekins, ist dem Unterbewußtsein als Fruchtbarkeitsdämon bekannt, der gelegentlich aber auch gefährlich werden kann. Gewalt tat ihm z.B. der Hochliberalisimus und Pessimismus eines Anzengruber (1839-1889) an, da er ihn um eines diesseitigen Paradieses willen Steine klopfen und räsonieren ließ; dieser naturverbundene Pan hätte wohl gern etwas ganz anderes getan. Aber Anzengruber hatte böse Erfahrungen mit der Frau gemacht.

Auffallend ist die Tatsache, daß Menschen wie A. Grün (1806-1876), F. Grillparzer (1791-1872) und Nikolaus Lenau (1802-1850) letzten Endes im Eros bzw. Sexus Zuflucht suchten vor Mächten, welche auf eine verstandesmäßige Wirklichkeitsbewältigung pochten. Die Fäkalien von einst erschienen jetzt oft affektbeladen als „Obszönitäten“: In einer Tagebucheintragung von Anfang 1847 wehrt sich Grillparzer gegen den Intellektualismus Hegels, der ihm die Dichtkunst verdorben habe. Dafür ist ihm Hebbels Maria Magdalena (1844) ein Musterbeispiel. Indem er das Stück „animiert“, kann er mit dem Gedanken fertig werden:

Eine Schweinerei nach Hegelschen Prinzipien. Er wollte sich die Befriedigung seiner selbst verschaffen und versuchte daher als Begierde sie aufzuheben. Sie aber war noch einfach Negazion und hielt die Röcke über dem Knie zusammen. Endlich aber erkannte sie in seinem Ansich ihr eigenes Fürsich, negierte ihre Negazion und hob sich selbst auf. Nun reflektierten sie sich ineinander und gingen in die Einfachheit der Gattung über. Die Verdoppelung aber trat erst neun Monate später ein. [5]

Angesichts des verhaßten Konkordates muß er einen heftigen Affekt auf dem Wege der psychopathia sexualis abreagieren: Indem der Staat (d.i. der Vater) seine Dienerin, die Kirche (d.i. die Konkubine, die mißbrauchte anima), mit sich gleichstellt, wird sie zur bedrohenden Mutterfigur und „kastriert“ den Staat. Darin liegt viel seelisches Unvermögen der weiblichen Potenz gegenüber. [6]

Bei Anastasius Grün (Anton Alexander Graf Auersperg) dringen die unterdrückten Mächte in traumähnlichen Visionen an die Oberfläche. Über seine seelische Not schrieb N. Lenau am 28. September 1837 ein eigentümliches Wort: Es fehle Grün

der geistige Halt in dieser schlimmen Lage, weil ihm die geistige Heimat fehlt und er immer gewohnt war, vor der Stimme des Ernstes ins Fleisch zu flüchten, dieses schlechte, verwesliche Asyl. [7]

All diesen Menschen geriet die „geistige Heimat“ ins Wanken, weil sie nicht auf dem Fundament chthonischer Mächte ruhte. Als alle Spekulationen sich schließlich in das Nichts verflüchtigten, suchte auch Lenau, von Furien gehetzt, im „Fleisch“ Halt und Geborgenheit (Don Juan, 1847).

A. Grüns Antiklerikalismus z.B. hat nichts mit Haßgefühlen zu tun: Er sehnte sich nach der Sicherheit des Glaubens. Aber da war die Furcht des Rationalisten (Obervorstellungen), alles könne ja nur Theater sein, [8] und das Gefühl (Unterbewußtsein), daß dem Katholizismus in seiner josephinischen Prägung zu sehr die elementaren und sinnlichen Kräfte abgingen, die allein eine seelische Regeneration und metaphysische Geborgenheit ermöglichten. — A. Grün ist weniger als Einzelperson interessant, um so mehr aber als Teil eines Ganzen, das sein Wesen unbewußt zu erkennen gibt. Nimmt man seine Aussagen buchstäblich, so gewinnt man wenig. Seine Dichtung ist verschlüsselte Kulturgeschichte. Versteht man diese als Geheimschrift der Psyche zu entziffern, so treten Triebkräfte zutage, welche die seelische Struktur des Österreichers auf Jahrzehnte hin bestimmten. Bei A. Grün, dies sei vorausgeschickt, thront die graue Eminenz vorerst noch recht harmlos im Unterbewußtsein. Sie wartet aber auf ihre große Stunde.

Im Banne der chiliastischen Hoffnungen und den Beglückungstendenzen des noch nachwirkenden Aufklärungszeitalters stehend, träumte A. Grün den schönen Traum von einem kommenden Paradies auf Erden. Er war Sensualist und verbat sich ganz energisch jedwelche Störung des Genusses; darin ging er so weit, daß er sich weigerte, Kritiken zu schreiben. Er setzte es sich aber zum Ziel, alle Feinde des Fortschrittes zu entlarven und zu vernichten. Zu diesen gehörten die bösen „Pfaffen“. Was nun wahre und falsche Diener Gottes sind, berichten die Spaziergänge eines Wiener Poeten (1831):

Priester sind’s, die’s bittre Sterben uns mit Wundertrost versüßen,
Pfaffen sind’s, die’s süße Leben bitter uns zu machen wissen;
Priesterherz, o See voll Klarheit, der den Himmel spiegelnd hält,
Pfaffenseele, ekle Pfütze, füllend dich vom Kot der Welt!
Religion! Der Priester huldigt weihevoll dem Götterweib!
Doch der Pfaff’ umschlingt im Taumel einer Gassendirne Leib.
Nehmt ein Glas des besten Weines auf der Priester Wohl zur Hand!
(S. 130/131) [9]

Weniger poetisch ausgedrückt, „Pfaffen“ sind vornehmlich diejenigen Geistlichen, die vom Staatskirchentum nichts wissen wollen, der Etablierung eines irdischen Paradieses äußerst skeptisch gegenüberstehen, auch eine Hölle kennen und in dem Tod eine unabänderlich-grausame Tatsache sehen. Auffallend ist schon in diesem Frühwerk A. Grüns die Diesseitsbesessenheit mit einer überwältigenden Todesfurcht. Der immer wieder vorkommende Gedanke, Tod und Verwesung ermögliche ein neues Leben, ist letztlich poetische Verbrämung, nicht aber Bewältigung einer furchtbaren Wahrheit. Allmählich scheinen dem Dichter Weltverneinung und Christentum identisch zu sein. Und schließlich stellt er Christi Himmelfahrt als Priestertrug, die Bibel als Larifari, das Christentum als Opium für die Menschheit und den Patriotismus als Teil einer neuen Religion hin.

In der Schutt-Dichtung (1836) werden Bilder aus der Entwicklung und dem Verfall eines Klosters entfaltet. Wie in Traumgesichten, so fehlt auch hier der Zeitbegriff. Das Vergangene hat seinen kulturförderischen Zweck erfüllt, so auch die Askese, da die schweren Zeiten vorbei sind; Ansätze einer neuen Religion machen sich bereits bemerkbar. Rosenstöcke blühen aus dem Schutt hervor. Vormals habe es auf Golgatha im Zeichen des Christentums nur Kampf, Zwiespalt und Vernichtung gegeben, zukünftig werde man dort nur Fülle, Glanz und Glückseligkeit antreffen. Und auf der Leidensstätte, „in eines Gärtchens Mitte, / Da wohnt ein Pärlein, Glück und Lieb’ im Blick“ (S. 273). Das ist also für den dreißigjährigen Dichter Sinn, Zweck und Endpunkt der Weltgeschichte. [10] Als dann noch ein Schwert und ein Kreuz gefunden werden, weiß niemand etwas Rechtes damit anzufangen: so brav und dumm war die Menschheit in der Zwischenzeit geworden. Dem Papalismus wird der Garaus gemacht: Sankt Peter habe seine Schlüsselgewalt verloren, ruhen seine Ansprüche doch nur auf einem „Felsen von Löschpapier“ (S. 219), und nicht zu lange darauf brennt er bereits „wie eine Fackel!“ (Pfaff, S. 215). Trotz ihrer Fortschrittsfeindlichkeit will der Dichter die Mönche nicht dem Schwerte überantwortet sehen (Schutt, S. 208). Als er nun Abbildungen der Äbte eines Klosters betrachtet, starren ihm durch Leibesschinderei entstellte Fratzen entgegen. Und doch, resümiert der Dichter, wären es Menschen gewesen, die im Leben viel hätten leisten können. Der wahre Abt aber ist das größte Weinfaß. Der Saft der Rebe flöße ihm den Geist ein. Er sehnt sich nach seiner Mutter, der Erde, möchte wieder Rebe sein und seine Schwester umarmen (S. 217)!

Finster erscheint die Gestalt eines Priesters im Beichtstuhl, sein Herz ist „ein Eisfeld“, „eine Wüste“, darin Gott sich „einsam, düster, grau und unbelebt“ erhebt. Erst der Eintritt einer drallen Dirn — sie hat eben einen jungen Mann beglückt — bringt etwas sinnliche Wärme in den Beichtstuhl (S. 209). — Satan ist durch den Rosenstrauch und nicht durch Christus erlöst worden. Und er hält fortan eine Rose, nicht mehr ein Schwert, in der Hand (S. 213).

Heilige mit Schellenhüten

Ein Zug bahnt sich im Schutt („Eine Fensterscheibe“) an, der im Pfaff vom Kahlenberg (1850) sehr deutlich hervortritt: etwas Unflätiges und Gotteslästerliches, dem zugleich etwas Traumhaftes anhaftet: Bei einem Puppenspiel verkauft Satan als Schenke Wurst und Wein. Der macht- und habgierige Puppenspieler (als Vertreter der hohen Geistlichkeit) greift gierig danach. Und so kommt es, daß die Wurst an Stelle der Puppe Christus in den Himmel fährt (Schutt, S. 220). Sonne und Mond treten als Gegenspieler der finstren Mönche auf. Christus wird unter Benutzung einer Brille mit der Papierschere beschnitten (S. 219). Auch im Pfaff wird den Mönchen beides zugleich vorgeworfen: Askese und Ausschweifung. Wein und Brevier seien für den Klostermann unzertrennliche Begriffe. Noch 1876 versicherte er im Herrenhaus, das Leben der Mönche wäre von „jener harmlosen Mönchsregel“ bestimmt, „welche im Mönchslatein beiläufig lautet: Sedere post fornacem, cum omnibus habere pacem, semper bene loqui de patre Priore, omnia sinere vadere, sicut vadunt bibere bonum vinum et laudare nomen divinum.“ [11] Dann heißt es aber, die strenge Ordensregel sollte wenigstens einmal im Jahre gemildert werden, und so müßte es in der Kirche zugehen: Leitkuhschellen machen einen Heidenlärm, Buhl- und Schelmenlieder werden gesungen und Sohlen im Rauchfaß verbrannt. Der Abt erscheint mit verdrehtem Gebetbuch, die Ministranten essen Wurst, nagen an feisten Braten und füllen auf dem Altar den Wein in mächtige Humpen. Gottvater hat sein Haupt mit einer Schlafmütze bedeckt, und die Statuen der Heiligen tragen auf ihren Häuptern Schellenhüte. Laienbrüder, in umgekehrten Meßgewändern und mit „leichten Dirnen“ umgeben, erfreuen sich des Kartenschlagens. Auf der Kanzel schneidet ein Frater Grimassen. Der Pater Prior genießt sein Amt als Narrenbischof, und der Frater Büchermaler träumt von der nackten Eva. „Es lebt im Elend qualenvoll, / Wer, was er liebt, nicht sehen soll!“ (Pfaff, S. 202.) Frater Büchermaler ist entzückt von „der Bibel, die er hat zu malen, / Und drin des ersten Initialen, / Der Eva, des süßen Weibes, / Der runden Brüstlein, des weißen Leibes“ (S. 233). Das Ganze ist sehr unschuldig. Die Psyche des Frater Büchermalers hat erst die Stufe des Beguckens und Betastens erreicht. Die Augenglut bietet ja auch ein Ergötzen, alles geht ohne Komplikationen ab, denn es sind ja nur Brüstlein, und der Leib ist so unschuldig-unsinnlich weiß. — Den Novizen dient Vidal als Festbrevier. „Ein Narrenfest“, heißt es, „umtost, umrankt / Ringsum und um die heilige Handlung“ (S. 201) usw. Mit großer Geste werden die Statuen der zwölf „Krüppelmänner“ verbrannt. Eine neue und naturnahe „heil’ge Mannschaft“ (S. 215) sei an ihre Stelle getreten. Mit dem dürren Scheinwissen des Mittelalters sei es endgültig vorbei (S. 98). [12]

In Wort und Tat läuft die Religion des Pfaffen Wigand (vom Kahlenberg) auf ein Umdeuten des traditionellen Glaubensgutes in sein Gegenteil: „Zum Schmerz nicht hat uns Christ befreit“, selbst am Kreuz floß ihm ein „Lächeln“ um den Mund (S. 64). Den Sterbenden solle man an sein vergangenes Leben, an „Kuß und Ring und Locken“ erinnern, denn das löse „sein Herz so wundersam“ (S. 217). [13]

„Visionen“ dieser Art können sowohl im Traum- als auch im Wachezustand auftreten. Man hat es A. Grün zum Vorwurf gemacht, daß er seine Bilder nicht auf Ideen abstimme, d.h., sie nicht durch den Verstand filtriere. [14] Bei ihm kommen sie direkt aus dem Unterbewußtsein und haben einen ganz besonderen Wahrheitsgehalt. Schon Aristoteles hat auf diese Art der Besessenheit als schöpferischer Akt hingewiesen. Richard von Kralik bemerkte einmal, daß „die schönsten Gestalten und Ergebungen Grüns ... durch den Zopf pedantischer Aufklärung verunstaltet“ wären. [15] Der Zopf, von dem Kralik spricht, ist aber nichts anderes als ein gepuderter Pferdeschwanz, vor dem die Alchemisten warnten: „Ab eo, quod nigram candam habet abstine, terrestrium enim deorum est.“ C. G. Jung deutet den Traum eines hochintelligenten Taufscheinkatholiken, dessen Rationalismus ihn angesichts schwerer seelischer Konflikte und einer bedrohlichen Außenwelt im Stiche läßt. Erst im Traum findet er einen Ausweg: Er führt ihn über den Glauben seiner Kindheit zu einem prächristlichen, prälogischen und präkausalen Lebensgefühl zurück. Die Neurose wird dabei zwar nicht beseitigt, ihre Symptome aber aufgezeigt. Jung bringt die Traumgeschichte dieses Patienten in Zusammenhang mit zwei kurz skizzierten Träumen zweier mit religiösen Problemen beschäftigter Personen (einer ist Geistlicher), und diese Träume weisen eine noch verblüffendere Ähnlichkeit mit gewissen „Visionen“ A. Grüns auf. [16]

In protestantischen Kreisen war man von den Grünschen Torheiten noch mehr entsetzt als in katholischen. Dem Protestantismus nämlich war der Gott Dionysos weit fremder geworden als dem katholischen Kirchenrationalismus. Das Unterbewußtsein jedoch hat nichts mit „Obszönität“ zu tun. Die natura creatrix drängte sich in einer ihrer vielen Formen wieder an die Oberfläche. [17] — Auch A. Grün kehrt, wie so mancher andere Zeitgenosse, immer wieder in das Paradies seines Kindheitsglaubens zurück: in die schöne Zeit, da der gute Kaiser Joseph II. und seine brave Mutter herrschten. In diesem Glauben halten sich noch animus und anima die Waage, und die „Gottheit“ zeigt sich archaisch als Hermaphrodit. Das erinnert an den Wunsch des Weinfasses (als Rebe), die Schwester wieder umarmen zu dürfen. Interessanterweise fangen Grüns Zukunftsvisionen — trotz anhebender Massengesellschaft — kein Industriezeitalter ein, sondern ein poetisch verbrämtes Mittelalter. Als Sensualist ist der Dichter seiner Welt von Rosen, Wein und Eros so verhaftet, daß ihm ein kommendes wissenschaftliches Zeitalter genauso wesenfremd sein muß wie das vorhergehende der Aufklärung. In psychologischer Sicht: Grün geht es um eine psychische Gesundung und nicht um eine Erhöhung der Erzeugung im wirtschaftlichen Sektor. Sein Widersacher ist weniger ein mittelalterlich-barockes Christentum als vielmehr ein denaturiertes und erstarrtes gesellschaftliches und kirchliches Leben. Der neue Zeitgeist tendierte obendrein dazu, das Verhältnis von Mensch durch unnatürliche Bindungen zu regeln. [18]

Sexus als Kulthandlung

Auersperg hat nun das Leben ohne viel Qual durchgemacht, weil in ihm die Obervorstellungen des Verstandes immer reinlich von seinem Seelenleben getrennt blieben und nie ernstlich kollidierten. Seine Dichtungen versuchen, unbewußt Gegensätze nebeneinander zu dulden, nicht aber aufzulösen, denn das wäre mit Gefahr verbunden. Als symbolische Form (des Unterbewußtseins) steht die Ruine für biologische Verstümmelung. Eine gemütliche Atmosphäre aber verdeckt alle seelische Unausgegorenheit. Nur wenn bestehende Gegensätze wie Leben und Tod, Freude und Leid, Jugend und Alter, Eros und Impotenz ins Bewußtsein treten, schreckt Grün auf und verdrängt sogleich den bevorstehenden Konflikt, indem er entweder den Teufel („Pfaffen“) leibhaftig herbeizitiert oder ihn als lustigen Gesellen ins Burleske abwandelt. Zusehends verlieren auch die „Pfaffen“ ihren ominösen Charakter, besonders da ihnen immer mehr die überragende Intelligenz eines Luzifers abgesprochen wird (was aber nicht der Fall bei den Jesuiten ist). Leid und Tod werden verharmlost: Christi Lächeln am Kreuze oder Christus habe uns nicht zum Schmerz befreit. Die unterdrückte Furcht äußert sich als Lebensgier. Wer über das „bittere Sterben“ spricht, wird verdächtigt. Es ist eine neurotische Reaktion eines sehr sensitiven Epukuräers. Wein und Rosen werden gegen die Angst des Nichtseins und gegen das lähmende Gefühl der Vergänglichkeit heraufbeschworen. Der Rausch läßt die Angst vergessen, und der Eros (als Sterbesakrament) berichtet von einer vergangenen Seligkeit und garantiert als Zeugungskraft die Ewigkeit (allerdings nur als Gattung). Golgatha wird zum scharf umgrenzten Ort der Liebe. Das Gärtchen ist Tabubezirk, temenos, aus dem der Tod verbannt ist, jedenfalls als Bewußtseinstatsache. Der Mensch kennt eigentlich nur sich selbst: sein eigenes Ich und als Ergänzung das Du. Der Schritt zu drei wird nicht gewagt (nur zu den unpersönlichen vielen): der „Schritt über die dunkle Schwelle, vor der die Zahl noch tief ım Seelischen wurzelt, hinaus in die nüchterne, aber auch klare Luft der Sachlichkeit“. [19] Es ist die natura creatrix, die hier waltet. Der Ring läßt den Ort gar nicht in Schutt verfallen. Als magisches Mittel, das die Jugend erhält, kommt ihn eine ebensogroße Bedeutung zu wie den Rosenstöcken. Das Auge, der Spiegel im Märchen, zwingt die erwünschte Zukunft herbei, d.i. ein irdisches Paradies auf ewig. Eros (Rose) und nicht Agape (Leid, Christus) bezwang Satan. Dem Leid wird also jeder Sinn abgesprochen. Der Phallos (Wurst, Hostie) und Orgasmus (Wein, Blut, Rausch), nicht Christus (logos, Weisheit, Verstand, der Sonnengott) führt in die Ewigkeit. Der Priester huldigt dem „Götterweib“ (natura creatrix); der Pfaffe aber umschlingt eine Gassendirne (Sterilität). Die Geistlichen tragen ihre Gewänder verkehrt, d.h., die Hose öffnet sich dort, wo es beim zeugungsfähigen Manne erwünscht ist. Und die Dirnen wissen ganz genau, was sie wollen.

Der Kreis ist eine perfekte Form (Sonne, Mond, Weinfaß); als Gegenstück erscheint die Pyramide, also ein unverständliches abstraktes Gebilde rein maskuliner Natur, ein Stein ohne Lebenswärme. [20] Für den Asketen ist Gott eine Pyramide. Der alttestamentliche Gott späterer Zeiten hatte bereits die Sophie (anima) als Gefährtin und Ergänzung. Der Stoizismus der Josephiner hatte die Bedeutung der Mutter Gottes (anima) herabgemindert. Wo immer die weibliche Potenz fehlte, wurde die Religion entweder zum starren Gebilde oder verfolgungssüchtig über alle Maße hinaus (Kalvinismus). Grüns Unterbewußtsein mußte, hier, wo es sich um ein religiöses Geschehen handelte, auch gegen das verknöcherte Staatskirchtum reagieren. Er sehnt sich nach dem „Götterweib“. Der neuaufblühende Marienkult des 19. Jahrhunderts mußte notwendigerweise auf die innerkirchliche Aufklärung folgen. Man denkt hier unwillkürlich an den Pietismus und Methodismus — beide larmoyant-weibliche Ausdrücke der Frömmigkeit —; es sind Reaktionserscheinungen auf erstarrte Systeme. Man denke zudem an den „sweet Jesus“ der Amerikaner, der einem unbarmherzigen Jehova die Waage hält. A. Grün hat allerdings den Traum nicht bis zu Ende geträumt, denn das hätte beunruhigt. Gegen den Eros als einziges Attribut Gottes hätte er auch die Vergänglichkeit des Individuums als Besonderung der Gattung anerkennen müssen. Eros ohne Thanatos gibt es nicht. Grün hätte eventuell zugeben müssen, daß sein Diesseitsglaube nur der Gattung, nicht aber dem Individuum Dauer garantiere. Erst eine spätere Zeit gestand die Wahrheit ein: „Der einzelne ist nichts, das Volk ist alles!“ — Der Frater Büchermaler bringt seine Initialen (!) ın Verbindung mit der nackten Eva: in initio erat eros. Erst durch die Liebe wird der Mensch zur Person. Das Unterbewußtsein will den toten Buchstaben durch das glühende Eros zum lebendigen Geiste erwecken.

Grüns Psyche gelangt schließlich zur Stelle, von welcher ihn die anima nicht mehr zu Gott führt, sondern von ihm weg, ad inferos. Ein Erlebnis wird vorbereitet, dem die Askese fremd ist. Irgendwie spielt die Höllenfurcht noch eine Rolle, denn selbst bei Glaubensverlust bleibt als Restbestand diese übrig, auch wenn Gott selbst für tot erklärt wird. Die „Krüppelmänner“ sind impotent, und die anima kann sich nicht mehr mit ihnen abgeben. Der „Fels von Löschpapier“ besagt: alle Dogmatik und Autorität machten keinen Eindruck mehr. Gott Vater hat eine Schlafmütze auf, heißt: das Gewissen schweigt und kann durch Worte von oben (Himmel, Kanzel) nicht mehr beeinflußt werden. Noch ist das Gewissen nicht tot. Man spielt Karten in der Gegenwart leichter Mädchen: alles ist Zufall, Glück und eigene Geschicklichkeit. Diese Mächte im Vereine mit der Sexualität bestimmen das Leben. Gott Vater als Repräsentant des kollektiven Bewußtseins ist nicht mehr gefragt. Der Weg führt zu Dirnen, dem kollektiven Unterbewußtsein, das noch keine Differenzierung und Integrierung kennt. Satan mit der Rose in der Hand entpuppt sich also als Dionysos! Der Genuß des Weines weiht und vergeistigt den bald einsetzenden sexuellen Vorgang zur Kulthandlung. Das Kartenschlagen weist auf die Unpersönlichkeit der biologischen Fortpflanzung. Buhl- und Schelmenlieder erwecken den Gott der Zeugung. Die Leitkuhschelle läutet die neue Zeit ein. Der Gestank der im Rauchfaß verbrennenden Sohlen verrät, woher die Triebkräfte kommen: aus der Unterwelt. (Weihrauch gehört den Sonnengöttern, Apollo und Christus, und kommt niemals mit der Erde in Berührung.) Die Statuten der Heiligen in ihren Schellenhüten entlarven sich als Fruchtbarkeitsdämonen; so auch der Narrenbischof. Der Gott der Zeugung ist im Phallos und im Rausch gegenwärtig. Die ganze Natur ist an diesem Schauspiel beteiligt. Die letzte Wahrheit bleibt aber unterdrückt: auch der Gott des Rausches muß leiden und sterben.

Das Geschehen im Pfaff bewegt sich nicht aus dem sakralen Gebäude hinaus, es verliert deshalb auch nicht seinen kultischen Charakter. Der Unterschied zum Christentum wird aber deutlich durch die dionysisch-mithräische Symbolik: Wein, Dirnen, Kuhschellen, Narreteien: alles Elemente der gefährlichen göttlich-rauschhaften Ergriffenheit dieser archaischen Kulte. Es scheinen paradoxerweise auch die Triebkräfte eines rationalistischen Zeitalters zu sein, das sich einem diesseitigen Chiliasmus verschrieben hatte. Denn der kalte Verstand brauchte die Antipode. Von hier aus ist auch Grüns zwiespältiger Kampf gegen das Ordenswesen (und das Christentum) teilweise zu verstehen. Als Bewußtseinsmenschen gelten ihm die anerzogenen Obervorstellungen. Also erscheinen ihm die Mönche als ein genußsüchtiges und abergläubisches Pack („die Dicken“). Kommen die Triebkräfte jedoch aus den Bezirken des verdrängten Dionysos und der natura creatrix, dann erscheinen diese wiederum als weltfeindliche Asketen („die Dünnen“). Als Rationalist mußte er alle religiös-mystischen Regungen unterdrücken. Das Unterbewußtsein aber fordert eine dem Verstande entgegengesetzte Kompensation, die aber auch in ihrer antiasketischen Komponente nicht nur gegen den Rationalismus, sondern auch gegen den apollinischen Kultus des Christentums gerichtet ist. Das Unbewußte versucht hier also, das Grotesk-Komische, Panisch-Unflätige des archaischen Mysteriums nicht nur an die spezifisch christlich-religiöse, sondern auch an eine durch die Aufklärung entgötterte und des Mysteriums beraubte Welt anzuschließen.

Infantiler Antisexualismus

Der Patriotismus erscheint unbewußt als Religionsersatz: Pfaff Wigand erscheint als treuer Diener seines irdischen Herrn. In der Wirklichkeit ging es aber nicht so einfach zu. Indem der Staat die Kirche nach seinem Ebenbild formte, ging auch die spirituelle und weibliche Potenz verloren. Der Staat übernahm notgedrungen — als Summe des einzelnen — auch die seelische Problematik des einzelnen. Die Suche nach einem wahren Spiritualismus ging weiter, wurde aber im Zeitalter der Massen und Maschinen in gefährliche Regionen abgedrängt. Extremer Intellektualismus mußte eine gegenteilige, chthonische Kraft provozieren. Dem Atomisierungsprozeß der modernen Gesellschaft mußte durch eine kollektive Macht Einhalt geboten werden. In der Schutt-Dichtung erscheint als Gott-Symbol der Mond: schön und klar, in seinem erborgten Licht jedoch ohne die Kraft zu wärmen. Der alte Gott ist noch immer in seiner Schöpfung gegenwärtig, lebensspendende Kraft jedoch besitzt er keine mehr. — Einige Jahre darauf, im Pfaff, erscheint er nur noch als ein abstraktes Gebilde, als ein Neutrum („das Göttliche“), und um lebensfähig zu bleiben, muß er sich in jedem einzelnen inkarnieren und aus den dunklen Zonen der menschlichen Seele seine Kraft hernehmen. „Sein eigen Sein nur hat verklärt / Der Mensch im Göttlichen, das er ehrt“ (Pfaff, S. 97), ist mehr als Auflösung der Religion in Athropologie. Wenn das Ich sich nun ins Göttliche ausweitet, so verklärt es sich auch zur Gottheit als Kollektivwesen. Dieser „sterbliche Gott“ (Hobbes) ist nun der Staat, und der Patriotismus in all seinen Schattierungen wird zur letzten Sinngebung des Lebens. Wie nun, wenn sich der einzelne (innerhalb der Masse) als etwas Einmaliges empfinden und — unter Spiritualisierung der leiblichen Bedürfnisse und unausgegorener Affekte — die Etablierung eines Paradieses fordern sollte, das ihm jedoch die „andern“ zu verwehren scheinen?

Indem der Rationalismus und Puritanismus die natura creatrix aus fast allen Lebensbereichen verjagt hatten, wandelte sich auch das Wesen des Eros. A. Grün wollte noch den Hades durch diesen in Schranken halten. Wo sich noch ein Restbestand des Eros erhalten hatte, erschien er als fahler Sexualismus, der keine dauerhafte Bindung ermöglichte. In Schnitzlers Reigen (1900) flüchten sich gefühlsarme und beziehungslose Menschen in den Tabubezirk des Sexus, wo sie angesichts des Nichts der Sterilität einen Totentanz abhalten. Grüns „Visionen“ wurden von einem aufkommenden Massenmenschtum immer mehr korrumpiert. Der neue Mensch sehnte sich nach starken Gefühlen. Gar so niedliche Kerle waren die „taumelnden Gesellen“, die da kommen sollten, nun nicht. Und der Dichter erschrak vor den Ultras seines Lebensabends. Der fortschreitende Glaubensverlust (Christentum wie auch sein Abklatsch: der liberale Chiliasmus) setzte zwar die Psyche frei, da sie aber schutzlos war, fiel sie elementaren und zerstörerischen Naturgewalten zum Opfer. Der sterile Moralismus der Kirchen und das lebensfeindliche Schaffen der Intellektuellen (Asketen der Moderne), der infantile Antisexualismus des Bürgertums und verängstigter Geistlicher haben die Pforten der Hölle weit geöffnet. Farblosigkeit, Nüchternheit, Gefühlsarmut und Phrasendrescherei im Gefolge eines reinen Zweckdenkens erreichten zur Zeit des Hochliberalismus ihren Höhepunkt. Der liberale Humanismus krankte im selben Spital wie sein Vorfahre, der Josephinismus. Die Zeit für die Würgengel am Verstande war reif. Richard von Kralik fühlte ganz dumpf, welche Mächte dem Kirchentum abgingen. Auch er sehnte sich nach der natura creatrix und dem Dionysos, und er glaubte, beide in einem Mysterienkatholizismus Wagnerscher Inspiration unterbringen zu können.

Der Moderne blieb es aber versagt, echte Bindungen mit den ursprünglichen Lebensmächten einzugehen. Der Gott Dionysos mußte durch die Pforten des Hades diese Welt betreten. Im deutschen Sprachraum begrüßte man ihn unter dem Namen Wotan. Hitler hatte 1936 eine Wotansvision, als er vom Wiener Rathausplatz seinen Blick von den begeisterten Massen himmelwärts richtete.

[1The Complete Letters of Lady Mary Wortley Montagu (Hg. R. Halsband). Bd. 1 (1708-1720). Oxtord: Claredon Press, 1965, S. 626 und 264. — Herrn Univ.-Prof. Peter Branscombe, University of St. Andrews, Schottland, verdanke ich den Hinweis auf Lady Montagus Wiener Erlebnis.

[2Siehe Nagl-Zeidler-Castle. Deutsch-Österreichische Literaturgeschichte. 4 Bde. 1891-1937. Bd. 2. S. 252.

[3Zit. nach Joseph Hilgers. Der Index der verbotenen Bücher, Freiburg/Br.: Herder, 1904. S. 318.

[4Nagl-Zeidler-Castle. A.a.O, S. 252-253.

[5Franz Grillparzer. Sämtliche Werke (Hg. August Sauer). Wien, 1909. Bd. 2., Tgb. 2, 11, S. 132.

[6Franz Grillparzer. Werke (Hg. Stefan Hock). Berlin (1911-1913). Bd. 2, S. 309. „Konkordat.“

[7Anastasius Grüns Werke (Hg. Eduard Castle). Berlin (1909). Teil 1. Zit. auf S. XLII.

[8Siehe dass., S. LXXXVII. Über. Diesbezügliches über Grillparzer, siehe Nagl-Zeidler-Castle, Bd. 2. S. 344; auch: Josef Nadler. Franz Grillparzer. Wien: Bergland-Verlag, 1952. S. 87.

[9Alle Seitenangaben finden sich im Text. Für die Spaziergänge und den Schutt (1836) dient die oben erwähnte Ausgabe von E. Castle; für den Pfaff vom Kahlenberg (1850) dagegen die von Anton Schlossar herausgegebenen Sämtlichen Werke. Leipzig (1907).

[10Vgl. hierzu Lenau: Am 17. Februar 1832 schrieb er: „Bei uns, Bruder, ist die Zeit der Liebe ... vorüber. Vorüber ist die schöne Zeit, wo die ganze Sehnsucht unserer Seele von einem Beben Weibe gefesselt wird, und wir uns mit ihr einschließen in eine Hütte seliger Genügsamkeit. Der Ernst des höheren Lebens hat uns ergriffen, ...“ (Nikolaus Lenaus sämtliche Werke. Hg. E. Castle. 1910-1923. Bd. 3, S. 138.) Lenau war zu dieser Zeit von der Furcht geplagt, das Individuum sei bloß Kanal der Gattung.

[11Politische Reden und Schriften. (Hg. Stefan Hock). Schriften des literarischen Vereins in Wien. Wien, 1906. S. 425 (34. Sitzung am 17. Jänner 1876). Ebenda meinte er, die Mönche wären gegenwärtig schon ehrwürdige Greise, die „man nicht, wie die Wilden es tun, zu erschlagen pflegt, sondern nur ...“ (S. 427/428.) Es lohnt sich, die ganze Rede zu lesen: Als der Nationalitätenkampf an allen Ecken und Enden loderte, hielt er eine gewaltige Rede gegen die staatsgefährlichen Jesuiten.

[12Dahinter steckt auch das Zweck- und Nützlichkeitsdenken der Neuzeit. Schon der Altjosephiner Pezzl (1756 bis 1823) hatte den Mönchen vorgeworfen, sie läsen den Einfaltspinsel Plato und versäumten dabei nützlichere Dinge (Briefe aus dem Novizzitat. 1780-1783).

[13Grün (wie auch Bauernfeld) enttäuschte viele in seiner Sterbestunde; er empfing bei vollem Bewußtsein die Sterbesakramente. Das Gerücht wurde darauf ausgestreut, er hätte sich dagegen sehr gesträubt. Unter steigender Atemnot und Angst leidend, lallte der im Todeskampf liegende Dichter: „Tod, Tod, nein, nein, o nein!“ (Anastasins Grüns Werke. Hg. E. Castle. S. CXXXIIL)

[14Sie dass., S. CXXXV.

[15Zit. nach Nagl-Zeidler-Castle A.a.O., S. 759.

[16Psychologie und Alchemie. 2. Auf. Zürich: Rascher, 1952. S. 200. 17. Traum. Zu einer ausführlichen Deutung kommt es in Psychology and Religion: West and East (übers. v. F. C. Hull). Bollinger Series XX. Bd. 11. Pantheon Books. (1958). S. 24-33. Siehe u.a. auch S. 117.

[17Ähnliches widerspiegelt sich in zwei Werken des Mittelalters: Bernhard Silvestris De universitate mundi (1145 bis 1153) und in dem Rosenroman (um 1235)!

[18Vgl. die „Philemon und Baucis“-Episode (Faust II). Mit feinem Spürsinn hat Karl Marx den ganzen Teufelsspuk durchschaut: „Die Bourgeoisie ... hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen, und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen, als das nackte Interesse, als die gefühllose bare Zahlung“ (Das Komm. Manifest. 1918. S 22 ff.).

[19Siehe Ernst Cassirer. Philosophie der symbolischen Formen. Bd. 1, S. 204 bis 208.

[20Siehe Hans Sedlmayr. Verlust der Mitte (1956). S. geht hier auf Kants „gestirnten Himmel“ usw. ein.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1968
, Seite 775
Autor/inn/en:

Peter Horvath: Associated Professor an der University of Arizona. Er veröffentlichte zur österreichischen Literaturgeschichte u.a. in den „Neuen Deutschen Heften“, im „Rheinischen Merkur“, in „New Directions“, in „Literatur und Kritik“.

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