FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1976 » No. 268
Gerhard Hoffmann • Reinhard von der Marwitz

Schwanz & Ordnung

Ist Homosexualität zu heilen?

1 Normal ist, was Männern Spaß macht

Alles Sexuelle zwischen Mann und Frau, das nicht eindeutig auf Vermehrung gerichtet ist, und selbstverständlich alles Homosexuelle gilt als nicht natürlich, als zwecklos. So richtet sich z.B. das Verbot des Analverkehrs in bestimmten Staaten der USA gegen Homosexuelle wie Heterosexuelle.

Heterosexuelle Männer, die ihre sexuelle Befriedigung im Vaginalverkehr haben, erfanden den Mythos vom „vaginalen Orgasmus“. [1] Entsprechend dieser männlichen Vorstellung ist es einzig natürlich, wie ein Genosse des Kommunistischen Bunds/Westdeutschland (KBW) während einer Podiumsdiskussion gegen die Schwulen argumentierte, daß ein Schwanz als „Schlüssel für das Loch einer Frau“ betätigt werde ...

Frauen, die sich zunehmend selbst entdecken und dadurch die Heteronormalität der „naturwüchsigen Stoßrichtung“ in Frage stellen, werden als „bornierte Sektenstifterinnen“ [2] diffamiert. Die autonome Frauenbewegung, die den „Mythos vom vaginalen Orgasmus“ zerstörte, stellt auch die patriarchal-kodifizierte Einheit von Mann und Frau und damit die ausschließliche Heterosexualität als „entscheidendes Machtmittel der Männer im Geschlechterkampf“ [3] zur Diskussion.

Durch Pille und Abtreibungsdiskussion wird die grundlegende Richtung der Heterosexualität, die Zurichtung der Frauen für die Männer, nicht verändert — ihre „Normalität“ nicht angetastet. Weibliche Passivität und Unterwerfung sowie männliche Aktivität und Beherrschung gelten nach wie vor als „natürliche“ Eigenschaften. Genauso wie der Vaginalverkehr die alleingültige, da „natürliche“ Komponente sexueller Befriedigung bleibt.

Normal ist, was Männern Spaß macht. So wird der biologische Unterschied zum Vorwand für gesellschaftlich produzierte Eigenschaften wie „männlich“ und „weiblich“. Die so fixierte Inferiorität der Frauen, ihre Nützlichkeit für die Gesellschaft als Gebärmaschinen und Reproduktionshilfen, bildet die Grundlage für ihre sexuelle und ökonomische Ausbeutung.

Artikulieren Frauen ihre Unterdrückung, wird der Phallus zum sichtbaren Symbol der Herrschaft. Wie in Portugal, wo die Männer es nicht wahrhaben wollten, daß auch die Frauen mehr als nur formale Gleichberechtigung verlangen können und ihre Objektrolle in Gestalt von Symbolen den Flammen übergaben. Bei dieser Aktion verprügelten die Männer die Frauen, „machten ihren Hosenschlitz auf, holten ihren Schwanz raus“, [4] um sich kollektiv ihrer Potenz zu versichern.

Die bürgerliche Gesellschaft trennt Privatsphäre und Öffentlichkeit: Alles, was seinen „Sinn“ verfehlte, wurde nun nicht mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt, sondern mit dem Rationalisierungsargument „wahnsinnig“ aus der Gesellschaft in Anstalten verbannt.

Voraus ging die begriffliche Trennung von „Vernunft“ und „Unvernunft“, synonym für Gesundheit und Krankheit. „Unvernünftig“ ist die Frau, die sich ihrem Mann verweigert, „sittenlos“ der Homosexuelle, der den „Sinn“ der Sexualität verfehlt — beide wurden mittels der Kategorie „moralischer Wahnsinn“ dem Strafvollzug unterworfen. [5]

Die herrschende soziale Schicht, die jeweils definiert, welche „abweichenden“ Verhaltensweisen den „gesunden“ widersprechen, bestimmt sich und ihre Norm als das „Gesündeste“.

Wulff, der das Konzept der Randgruppentherapie kritisiert, lehnt einen Ansatz der Psychoanalyse, der die Grenzen zwischen normal und pathologisch auflöst, nach der „auch der scheinbar Gesündeste“ analysierbar ist, mit der Frage ab, „ob er tatsächlich auch analysiert werden sollte“. [6]

2 Heteroterrorist Borneman

Ernest Borneman, der sich selbst ein „aktives Mitglied der Frauenbewegung“ [7] nennt, versucht sich in seinem Wälzer „Das Patriarchat“ mit einer platten Rechtfertigung des „gesunden Sexualstreben(s) des reifen Heterosexuellen“. [8] Homosexualität firmiert in seiner Behandlung der patriarchal-deformierten Sexualität als konkretester Ausdruck des „entfremdeten“ sexuellen Verhaltens: So soll sie einmal das „ästhetische Bewußtsein“ des herrschenden Geschlechts sein, weil nach Borneman „alle Gesellschaftsordnungen, in denen das eine oder andere Geschlecht eine herrschende Rolle spielt ... zur Homosexualität (tendieren), einerlei, ob das männliche oder weibliche Geschlecht herrscht“. [9] Unausgeführt bleibt, ob es sich um eine in der Verdrängung gehaltene latente Homosexualisierung der Gesellschaft handelt oder ob Homosexualität tatsächlich ohne Sanktionen aufleben darf. Die Realität aller bürgerlich-patriarchal strukturierten Gesellschaften widerspricht dem.

Um das Auftreten gleichgeschlechtlicher Sexualität auch im unterdrückten Geschlecht fassen zu können, nimmt der Autor eine ödipale Konstruktion zu Hilfe: „Da sich Kinder aber fast immer an dem dominanten Elternteil orientieren, erzeugen Gesellschaftsordnungen, in denen das eine oder andere Geschlecht dominiert, aber auch stets Homosexualität im unterdrückten Geschlecht. In einer männerrechtlichen Gesellschaft orientiert sich die Frau an dem Mann und lernt seine sexuellen Attribute auch im eigenen Geschlecht zu schätzen ...“ (ebenda).

Um den Widerspruch der eigenen Argumentation, die zwischen herrschaftsbedingter Verachtung des Gegengeschlechts und psychischer Verkrüppelung schwankt, „materialistisch“ lösen zu können, hilft sich Borneman damit, den Sinn „sexuelle(r) Abweichungen als Teil eines biologischen Regelsystems“ [10] aus der „Natur“ abzuleiten.

Als „fortschrittlicher“ Nachfolger von Malthus und Darwin stellt Borneman ein biologisch-rassistisches Modell „der sozialen Funktion der Homosexualität“ auf, „die fast stets als ökologischer Mechanismus wirkt“. [11] Das ökologische Kreislaufmodell, das sexuelles Verhalten auf den Fortpflanzungstrieb und die Rolle der Frau auf eine Gebärmaschine reduziert, stellt sich unter „Betonung der erogenen Zonen“ folgendermaßen dar:

Eine solche Betonung, wenn sie ihren Zweck erfüllt, führt zur Paarung. Je höher der Anreiz, desto größer die Anzahl der Paarungen. Je mehr Paarungen, desto mehr Geburten. Je mehr Geburten, desto mehr Münder. Je mehr Münder, desto weniger Essen. Je weniger Essen, desto weniger Überlebende. Um dies zu verhindern, setzt sich meist ein anderer Zyklus in Bewegung: Geschlechterdifferenzierung führt zu Geschlechtertrennung, Geschlechtertrennung führt zum Zusammenschluß mit Geschlechtsgenossen, Zusammenschluß mit Geschlechtsgenossen führt zur Homophilie, die Homophilie reduziert die Geburtenziffer, die reduzierte Geburtenziffer spart Nahrung, und dieser Vorgang dauert an, bis sich das ökologische Gleichgewicht wieder hergestellt hat. [12]

Dieser Vorgang sei „auf den unteren Stufen der menschlichen Entwicklung notwendig ... Wollen. wir aber jemals ein höheres Stadium der Sozialentwicklung erklimmen, so müssen wir bewußt und gezielt unsere Geburten regulieren.“ [13]

Die Vision eines demokratisierten Geschlechterverhältnisses in einer „sich selbst verwaltende(n) Gesellschaft der Freien, der Gleichberechtigten und der Gleichmächtigen“ [14] wird nicht als gesellschaftliche Auflösung der Geschlechterpole gedacht, sondern läuft auf eine kollektive Verhinderung der Enifaltung gleichgeschlechtlicher Sexualität hinaus. Außerhalb eines Modells von Übervölkerung, Hunger und Geschlechtertrennung — jenseits von Klassengesellschaften —, für die wir eine Auflösung der Kategorien Hetero-, Homo- und Bisexualität erhoffen, wird nach Borneman die „soziale Funktion“ gleichgeschlechtlicher Sexualität nutzlos.

Gesellschaftliche Veränderung unter der Ägide solchen Bewußtseins macht uns Angst, da sie Lesben und Schwule mit als erste zu „politischen“ Opfern einer bewußten (nicht mehr ökologischen) Selektion bestimmen würde. Unbewußt scheint bei Borneman die „Zuchtwahl“ Houston Stewart Chamberlains Pate gestanden zu haben, der in seiner Rassentheorie die Prinzipien der „künstlichen Züchtung im Pflanzen- und Tierreich“ für die Aufzucht von Herrenrassen empfiehlt. [15]

3 Linke und Schwule — ein Versteckenspiel

Doch auch die „undogmatische Linke“ bewahrt gegenüber der Homosexualität eine distanzierte Haltung, die sich offiziell höchstens wohlwollend so weit einläßt, die „allgemeine Problematik der Homosexuellen als unterdrückte Minderheit“ [16] in den eigenen Blättern ansprechen zu lassen.

Die sich darin ausdrückende Haltung des „Wir wollen uns nun auch der Problematik der Schwulen gegenüber aufgeschlossener zeigen“ (nachdem sich die Schwulen auf Teach-ins gewaltsam Gehör verschafft hatten) setzt eine ausschließlich heterosexuelle Leserschaft voraus. Sich selbst, den eigenen Sex, halten die Genossen dabei schön heraus, und die sogenannten „Abweichenden“ stehen unter dem Rechtfertigungsdruck, sich mit ihrer „persönlichen Problematik“ politisch auszuweisen.

Eine solche Haltung gesteht den Schwulen eigentlich nichts zu, weil grundsätzlich an der moralischen Überlegenheit der Genossen festgehalten und nur ein „allgemein menschliches Interesse“ aufgebracht wird.

Politisch ist offenbar das, was „richtige Männer“ tun — und richtigen Männern ist es nicht erlaubt, miteinander ins Bett zu gehen, denn dafür ist die Frau da, die selber keine eigene Sexualität besitzen darf: Sie ist nur das „Loch für die geschlechtlichen Interessen des Mannes“. [17]

Zur Homosexualität wird höchstens ein aufgeklärt human-bürgerliches Interesse gemimt, hinter dem allemal als Bezugspunkt „ein natürliches sittliches Gemeinwesen — die Familie“ — [18] steht. Denn der „bestimmte Gegensatz der zwei Geschlechter, deren Natürlichkeit zugleich die Bedeutung ihrer sittlichen Bestimmung enthält“, [19] bildet auch die Mitte bürgerlich-sozialistischer Familien(Denk-)Struktur.

In ihrem Sinne können sich die „benachteiligten“ Mitglieder der Gesellschaft stabilisieren. So wird das Probiem der Homosexualität selten als eigenes Problem der Sexualunterdrückung verstanden. „Linke Männer fallen wohl nie aus ihrer Rolle. Und wer durch diese Gesellschaft zum Außenseiter gemacht wurde, der bleibt auch in der Linken Außenseiter.“ [20]

Seit dem vorigen Jahrhundert kämpfen Homosexuelle in Deutschland gegen die Diskriminierung der Homosexualität und deren strafrechtliche Verfolgung, wobei sie das gleichgeschlechtliche Verhalten entweder konstitutionsbiologisch erklärten oder — als Abklatsch des herrschenden Männlichkeitsideals — die Männerliebe zum natürlichen Verhalten des „virilen, charakterfesten Männerhelden“ stilisierten (Hans Blüher). [21]

Homosexualität ist aber weder die sexuelle Praxis eines „dritten Geschlechts“, das sich seinen Platz neben den beiden anderen Geschlechtern als „Zwischenstufe“ [22] erobern will, noch der Sexus einer frauenfeindlichen Männerelite.

Wir würden für die Homosexualität keine weitere Rechtfertigung liefern, wenn auch das „ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für das Weib (als) ein der Aufklärung bedürftiges Problem“ [23] angesehen würde. Homosexuelle unterscheiden sich aber nicht durch körperliche Merkmale, wie Beckengröße, Fettpolster oder Hormone von „Normalen“, sondern nur durch ihr soziales Verhalten, dessen Schutzmechanismen und Kommunikationsstrategien körperlicher, psychischer und sozialer Art durch jahrtausendelange Gettoerfahrungen erzeugt wurden.

Auch in der bürgerlich-liberalen Gesellschaft leben Schwule in einer Gettosituation; dieses Dasein umschreibt ihre Einsamkeit, das aufgezwungene Doppelspiel in der Umwelt wie ihre beruflichen Chancen und Vorstellungen. Der soziale Ort zur Kontaktaufnahme ist das Dunkel der Bars, Saunen und Bedürfnisanstalten. Dort stellen die Mehrzahl der Schwulen ihre kurzen Kontakte her. In einer „Notsituation“ taucht dort auch ab und zu ein Heteromann auf, der sich dann das Vergnügen leistet, einen Schwulen „in die Scheiße zu orgeln“. Er selber gilt dabei immer noch als „normal“, da ja nur der „Umgedrehte“ schwul ist.

Am nächsten Morgen beginnt wieder die Normalisierung: Der permanente „Heilungsversuch“ der Gesellschaft scheint täglich geglückt, solange sie ihre Perversen in der Aussonderung isoliert. Die Schwulen passen sich an, üben Selbstzensur.

Der Ort ist auswechselbar. Ein offener Abend im Schwulenzentrum. Wir unterhalten uns mit einem Mann, der zum zweitenmal hier ist. Er ist Mitglied einer linken Partei. Er hält die Organisierung von Schwulen für eine Interessenorganisation. Aber er sucht Kontakte. Er wirft uns vor, daß wir den allgemein-gesellschaftlichen Zusammenhang nicht erkennen. Die Partei ist für ihn Mittelpunkt politischer Arbeit. „Als Schwuler fühle ich mich nicht unterdrückt!“ Wir fragen ihn, wie offen er sich zu seiner Sexualität verhalten kann. Weder seine Eltern noch seine Genossen wissen, daß er schwul ist: „Die würden mich sonst nicht mehr ernst nehmen!“ Er verachtet effeminierte Männer, die Tunten.

4 Kopf- & Schwanzverbot — ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts

Wirtschaftskrise und verstärkte politische Repression werden auf diejenigen angewandt, die eine geschriebene oder ungeschriebene „freiheitlich-demokratische Grundordnung oder das Sittengesetz“ (Art. 2 Abs. 1 GG) verletzen. Wer von Kopf bis Schwanz zu Zweifeln Anlaß gibt, darf nicht in den öffentlichen Dienst. So wird dem Lehrer Reinhard Koepp in West-Berlin die Beendigung seiner Ausbildung verwehrt, weil er angeblich „bei der Wahrnehmung des Dienstes die Rolle des femininen Homosexuellen, die er offenbar in seinem Sexualbereich übernommen hat“, [24] im Schulunterricht eingesetzt hätte. Dem kirchlichen Gemeindehelfer Klaus Kindel wurde ebenfalls in West-Berlin die Arbeitsstelle gekündigt, da er Unterschriften für die endgültige Abschaffung des § 175 gesammelt hat.

Aber nicht nur in den pädagogischen Berufen wird versucht, Schwule auszuschließen, auch in der Privatwirtschaft werden „ledige Männer“ mit als erste gekündigt. [25]

Die Schwulen müssen sich asexuell verhalten. Ausgrenzungsmechanismen werden erst dann wirksam, wenn beispielsweise ein Erzieher das verlangte Doppelleben zu durchbrechen wagt oder wenn durch Bespitzelungen oder Erpressung seine „Intimsphäre“ ruchbar wird.

Noch 1957 wurde in der BRD vom Bundesverfassungsgericht die Homosexualität als sogenanntes Vergehen wider das „Sittengesetz“ eingestuft. Wenn Schwulen dennoch nicht das Lebensrecht bestritten wird, dann geschieht dies zur höheren Ehre der Verfassung unter dem Titel „Toleranz“. Aber auch dies ist höchst fragwürdig angesichts der Praxis gegenüber Transvestiten und Transsexuellen, die weder arbeitsvermittelt werden noch Arbeitslosengelder erhalten, sondern quasi zu Nicht-Menschen abgestempelt werden. [26]

Zwar wurde bei der Liberalisierung des § 175 im Jahre 1969 die Forderung nach einem sittenbildenden Strafrecht fallengelassen, insoweit es sich um sexuelle Beziehungen zwischen erwachsenen Männern handelt, [27] jedoch darf sich diese „Veränderung“ nicht in der Pädagogik auswirken. Jugendlichen der BRD darf in der Sexualerziehung über Homosexualität nur im Rahmen „sexueller Vergehen (z.B. Empfängnisverhütung, Promiskuität, Prostitution, Homosexualität, Vergewaltigung ...)“ berichtet werden.“ [28] Die Reform des Paragraphen bewegt sich innerhalb der Grenzen des Verfassungsgerichtsurteils von 1957; nach diesem ist homosexuelles kein „sozial verantwortliches Verhalten“. An der naturrechtlich wie christlich-abendländisch geprägten Normierung von Ehe und Familie und dem daraus abgeleiteten Geschlechterverhältnis findet die freie Entfaltung der Persönlichkeit der Schwulen ihre Grenze.“ [29]

Typisch für die Berufssituation der Schwulen sind die verschleierten Berufsverbote, die durch Arbeitsämter und Personalbüros verhängt werden. [30] Die Anwendung des neuesten Bundesverfassungsgerichtsurteils in Sachen „Radikale im öffentlichen Dienst“ durch das Verwaltungsgericht von Schleswig-Holstein, daß es Pflicht eines Beamten sei, sich „durch sein ‚gesamtes Verhalten‘ zur freiheitlich demokratischen Grundordnung zu bekennen“, [31] eröffnet anderen Gerichten die Möglichkeit, Schwulen auch außerhalb der Strafprozeßordnung die materielle Existenzgrundlage zu rauben.

Im Kontext mit der Kriminalisierung der Frauenzentren der BRD, die ihr Selbstbestimmungsrecht zur Unterlaufung des § 218 in Anspruch nehmen, signalisiert die Verschärfung des Sexualrechts im Umschlagen zur offenen politischen Verfolgung der „Minderheiten“.

Die Schwulen, denen das BVG schon 1957 bescheinigte, daß ihr Verhalten „gegen das Sittengesetz verstößt und nicht eindeutig festgestellt werden kann, daß jedes öffentliche Interesse an ihrer Bestrafung fehlt“, stehen damit an einem Scheideweg: Sie können entweder

  • den verzweifelten Rückzug in die Anonymität antreten oder
  • die Herausforderung des „Sittengesetzes“ annehmen und seine Hüter zu einer allgemeinen Diskussion über sexuelle Fragen zwingen.

5 „Heilung“ durch Entmannung

Der „wissenschaftliche“ Interpret des autoritären Staates in Fragen der Sexualität ist Helmut Schelsky, der in seiner „Soziologie der Sexualität“ (Hamburg 1973, 20. Auflage) die „Funktion der Moral im sexuellen Verhalten für den einzelnen und die Gesellschaft“ zu bestimmen sucht; [32] er meint, daß die Moral der „anerkannten Sitte“ zu folgen habe.

Zur Homosexualität äußert er sich so:

Die homosexuelle Geschlechtsbeziehung entspricht in ihrer Verfehlung des gegengeschlechtlichen Partnerbezugs, ihrem autistischen und narzistischen Verharren beim eigengeschlechtlichen Leibe und ihrer biologischen und sozialen Zwecklosigkeit wohl am offenbarsten unserer Kennzeichnung des abnormen Sexualverhaltens. [33]

Die Homosexualität als sexuelle Fehlform per se sei deshalb auch nicht durch

willkürliche Normsetzung der Gesellschaft nur in der öffentlichen Meinung und im Sozialbewußtsein zu einer Außenseiterrolle verdammt worden, sondern das Normverdikt ist die Feststellung einer Kultur, daß diese Gruppen die in der jeweiligen Kultur oder dem jeweiligen Sozialgefüge angelegten höheren Seinsformen der Person oder der Gesellschaft zu erreichen nicht fähig sind. [34]

Der Göttinger Hirnchirurg Roeder glaubt, er könne die „Krankheit Homosexualität“ wegoperieren. Gegen die Utopie einer freien Entfaltung der Sexualität mobilisiert nicht nur die bürgerliche Wissenschaft Elektroschocks und Anstaltseinweisungen, auch in sozialistischen Ländern rückt man auf diese Weise einer Dekadenzerscheinung der bürgerlichen Gesellschaft zu Leibe. [35]

Schon unter Hitler dachte man 1940 an eine „medizinische Endlösung“ der Homosexuellenfrage: „Die strafrechtliche Bekämpfung der Homosexualität allein wird nicht genügen, die Homosexuellen bedürfen medizinischer Behandlung, der Fürsorgemaßnahmen und der rassehygienischen Betreuung.“ [36] Für Rückfalltäter (!) wurde die Internierung und „ärztliche und psychotherapeutische Behandlung“ empfohlen, während der die Homosexuellen freiwillig ihre „Entmannung“ [37] beantragen sollten. — Noch 1965 referiert Klimmer in seinem Buch „Die Homosexualität“ eine Vielzahl solcher wissenschaftlich untermauerter Heilungsvorschläge. [38]

6 Film: Schwul = faschistisch?

In „Rom — offene Stadt“, einem der ersten Filme der Nachkriegszeit (1946), bewältigt der Neoversist Roberto Rosselini das Faschismusproblem am Beispiel der deutschen SS durch stereotype homosexuelle Gestik und Körpersprache bzw. durch Vorführung einer lesbischen Agentin. So hatten schon in den dreißiger Jahren Stalinismus und Faschismus den jeweiligen politischen Gegner als „schwul“ diffamiert.

Noch 1975 werden in dem preisgekrönten griechischen Antifaschismusfilm „Die Wanderschauspieler“ von Angelopoulos Homosexuelle zur äußeren (England) und inneren (Faschisten) Feindbildzeichnung eingesetzt.

Besonders peinlich ist die Behandlung des Themas in dem Film „Kleiner oder alle“ von Bellocchio u.a. (1974). Der politische Anspruch dieses Films ist die Enttabuisierung der Geisteskrankheiten in der demokratischen Psychiatrie Italiens und die Darstellung der Arbeit von ehemaligen Patienten, ihrer Umwelt und ihrer Integration. Leider verfallen die Autoren auf die unglückliche Idee, das ehemalige kirchliche Pflegepersonal als schwul zu denunzieren.

Den umgekehrten Fehler zur Gleichung Perversion = Faschismus begeht der Film „Cabaret“, der den schwulen Entertainer „positiv“ als Exotikum präsentiert.

Weshalb Homosexuelle nur die transvestitenhafte Narrenrolle im bürgerlichen Kulturbetrieb übernehmen dürfen und weshalb sie sich diese aneignen, bleibt Beobachtern, die nur den Flitter eines entfremdeten Schwulenlebens aufnehmen können, verborgen. Selbst Schwule hegen die verkehrte Vorstellung, daß „die Probleme sich jetzt von selbst zu lösen beginnen“, [39] wenn man die „Normalen“ zum Lachen oder Mitleiden bringt. Dies ist jedoch ein masochistischer Trugschluß, denn das in der Stripshow kurzzeitig erlaubte Vorzeigen des schwulen Zipfelchens trägt schon im voraus das Stigma „schwul-deviant-delikat“.

Die Angst vorm und gleichzeitige Lust am verdrängten Unbekannten wird im Lachen hinabgewürgt, und mit ihm jeglicher Ansatz zur Bewußtwerdung, die das darunterliegende Elend erkennen würde. Mit dem Hineinschlüpfen in den eigenen Mantel am Ausgang des Theaters ziehen die Voyeure den Trennungsstrich zwischen sich und den „Exoten“ und bleiben die normalen Spießer, die sie schon vorher waren. Wehe dem Schwulen, der ihnen im Alltagsleben zu nahe treten würde. Schon immer waren bei den liberalen Bourgeois die Feste der Homosexuellen beliebt. Der Spiegel beschreibt sie als „irritierend kunstvoll, unheimlich, entwaffnend, unverschämt, abstoßend und faszinierend zugleich“. [40]

7 KZs oder Solidarisierung aller Minderheiten?

Während die Gesellschaft durch verschiedene Ausgrenzungsmechanismen die „Homosexualitäten“ verzweifelt zu normieren sucht, kommen die Schwulen dem durch Selbstzensur entgegen.

Die heterosexuellen Wertmuster bestimmen — verzerrt — die innere Kommunikationsstruktur des Schwulengettos, wo sich die Tunten, die angepaßten Homosexuellen oder die Lederkerle genauso fremd gegenüberstehen wie Heterosexuelle den Schwulen insgesamt.

Die absurde Vorstellung des „Gentleman-Deviant“ (Goffman), die „hysterische Tunte“ sei die wahre Ursache der Vorurteile der Allgemeinheit, oder die Selbstverleugnung, man würde gar nicht anal verkehren, brächte es zustande, daß die Homosexuellen sich als quasi geschlechtliche Neutren in die Gesellschaft integrieren könnten, ist ein weitverbreiteter Irrtum der Schwulen.

Denn in der Auffassung der Außenwelt sind wir unterschiedslos „Tunte“, die eine weibliche Seele im männlichen Körper besitzt. Mit der vertikalen Gliederung der Homosexuellen untereinander, die ihre eigenen Sündenböcke innerhalb der „Minderheit“ schaffen, erhoffen sie sich „ein wenig Sonnenschein von ihren Verfolgern erkaufen zu können“. [41] Die Homosexuellen selbst sprechen einander hinterrücks schuldig, daß es überhaupt Homosexuelle gibt, die dem „bösen Kapital“ eine Handhabe liefern, innerhalb der Arbeiterklasse Vorurteile zu aktivieren, die jene vom Erkennen des Grundwiderspruchs in der Klassengesellschaft ablenken würden.

In der „Homosexuellenfrage“ schließen sich die Regierungen der UdSSR oder Kubas an die reaktionäre bürgerliche Wissenschaft an, die sich bruchlos in die stalinistische Sexualpolitik einverleiben läßt.

Im Augenblick sind es vor allem die homosexuellen Frauen und Männer in den lateinamerikanischen Staaten, die unsere Solidarität und die der gesamten sozialistischen Bewegung brauchen. Seit dem Putsch der Militärs in Chile im September 1973 sind Homosexuelle mit anderen politisch und rassisch Verfolgten in KZs interniert. In Argentinien wurde im Organ des „Wohlfahrtsministeriums“ zu einem allgemeinen Lesben- und Schwulenprogrom aufgerufen. Die argentinische Rechte sieht den Ursprungsort „sexueller Abweichungen“ im marxistischen Ausland: „Die Marxisten exportieren Homosexualität, sind aber sehr darauf bedacht, sie nicht bei sich zu Hause zu haben.“ [42]

Noch schweigen die Homosexuellen in den linken Organisationen, wagen nicht, sich als „abweichend“ zu bekennen. In West-Berlin und anderswo schaffen Schwule wenigstens im universitären Raum allmählich den Sprung aus dem Getto der individuellen Isolation.

In der Zeitung des „Aktionskomitees gegen Berufsverbote“ wurde zum ersten Mal formuliert, daß die Genossen bisher die „Frauen- und Schwulenfrage“ verdrängt haben und daß die Homosexuelle Aktion mit Recht dagegen protestiert.

Das ist vielleicht ein Anfang.

[1A. Koedt, Der Mythos vom vaginalen Orgasmus, in: 1. Frauenraubdruck vom Frauenzentrum Berlin, 1975: „Die Vagina ist jedoch kein sensitives Körperorgan. Um einen Orgasmus zustande zu bringen, ist sie physiologisch nicht genügend ausgestattet. Das sensitive Körperorgan ist vielmehr die Clitoris, sie ist die weibliche Entsprechung zum Penis des Mannes.“

[2R. Bellstedt, Fetisch Alice, im SEW-Organ Die Wahrheit, 15./16. November 1975

[3Alice Schwarzer, Der „kleine Unterschied“ und seine großen Folgen, Frankfurt 1975, S. 206

[4Annie Cohen, Ein Monat in Portugal, in: Sexismus in Revolution und Konterrevolution, Haarlem/West-Berlin 1975, S. 18

[5Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft, Frankfurt 1973, S. 131

[6E. Wulff, Richters Konzept der Randgruppentherapie, in: Das Argument 89/1975, S. 26

[7Ernest Borneman, Das Patriarchat, Frank furt 1975, S. 457

[8Borneman, a.a.O., S. 292f

[9Ebenda

[10A.a.O., S. 527

[11A.a.O., S. 526

[12A.a.O., S. 526

[13A.a.O., S. 527

[14A.a.O., S. 527

[15Houston Stewart Chamberlain, Die Grundlagen des XX. Jahrhunderts, Bd. I, München 1903, S. 278

[16Die Redaktion der Westberliner Spontaneistenzeitschrift Langer Marsch in einem Vorspann zu einem Beitrag der Homosexueilen Aktion West-Berlin (Nr. 17/1975)

[17S. Sala, La lesbica nella società fallocratica, in: FUORI!, Nr. 12/1975, S. 59

[18G. W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Werkausgabe Bd. 3, Frankfurt 1970, S. 330

[19A.a.O., S. 338

[20Editorial des Redaktionskollektivs, in: SCHWUCHTEL -— eine Zeitung der Schwulenbewegung, Nr. 1/1975

[21Hans Blüher, Die Rede des Aristophanes, Hamburg 1966, S. 47

[22H. Ahrens u.a., Die Homosexualität in uns, in: Tuntenstreit, Berlin 1975, S. 18ff

[23Sigmund Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Frankfurt 1971, S. 22

[24Bezirksamt Wilmersdorf von Berlin, Schriftsatz im Arbeitsrechtsstreit Koepp/Land Berlin vom 21. Jänner 1975, S. 14

[25Ebenda

[26Spiegel Nr. 48/1975; Frankfurter Rundschau, 6. Oktober 1975

[27G. Gollner, Homosexualität, Berlin 1974, S. 232

[28Empfehlungen zur Sexualerziehung in den Schulen, Kultusministerkonferenz, Oktober 1968

[29H. Lau, Naturrecht und Restauration in der BRD, in: Kritische Justiz Nr. 3/1975, S. 245ff

[30Bestimmte Codes in den Zeugnissen wie „Für die Belange der Belegschaft bewies er (sie) ein umfassendes Einfühlungsvermögen“ (Spandauer Volksblatt, 23. November 1974) kennzeichnen einen Mann bzw. eine Frau als Lesbe oder Schwulen

[31Das „gesamte Verhalten“ zur freiheitlich demokratischen Grundordnung ist gefragt, Frankfurter Rundschau, 24. November 1975

[32Helmut Schelsky, Soziologie der Sexualität, Hamburg 1973, S. 9

[33A.a.O., S. 75

[34A.a.O., S. 62

[35HAW-Info 17 (Homosexuelle Aktion West-Berlin)

[36R. Lemke, Über Ursache und strafrechtliche Beurteilung der Homösexualität, Jena 1940, S. 36

[37A.a.O., S. 43

[38R. Klimmer, Die Homosexualität, Hamburg 1965, S. 203ff (Kapitel „Heilbehandlung“)

[39Spiegel Nr. 48/1975, S. 164ff („Noch irrer aussehen als eine Frau“)

[40A.a.O., S. 164

[41Dannecker/Reiche lt. Spiegel, 12. März 1973

[42Schwuchtel Nr. 1/75

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1976
, Seite 53
Autor/inn/en:

Gerhard Hoffmann:

Reinhard von der Marwitz:

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