FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1975 » No. 256
Heidi Pataki

Schönes sehen, Wohlklang hören

Marginalien zu einem regierungsoffiziellen Kulturbericht

Vor kurzem erschien eine umfangreiche Studie des SPÖ-nahen Instituts für empirische Sozialforschung (IFES) über „Kultur in Österreich“. Anhand von statistischen Daten und Meinungsumfragen bestätigt sie die allgemeine Vermutung, Kreativität und aktive Teilnahme am Kulturleben beschränkten sich auf einen verschwindend kleinen Teil der Bevölkerung — die sogenannte Bildungselite.

In der IFES-Studie waltet der böse Geist jenes Bildungsbürgertums, das zu kritisieren sie vorgibt. Dafür sprechen die penible Trennung in Volkskultur und Hochkultur (was diesen Gegensatz erst recht legitimiert) und die generelle Verachtung der Massenmedien — der Popmusik und des Fernsehens. Diese Hochnäsigkeit ist aber um so gefährlicher, als sie den Verzicht auf eine adäquate Kritik der Medien miteinschließt — soll das Fernsehen doch zum neuen Messias werden!

Wer den allgemeinen Kulturverfall beklagt, müßte eine genaue Vorstellung von dieser Kultur haben. Doch gerade beim Begriff einer „umfassenden Kultur“ verwickeln sich die Autoren der Studie in eklatante Widersprüche: Die Leute hätten heute zwar das fette Huhn jm Topf, das Himmelreich von Kunst & Kultur aber sei ihnen nicht zugefallen. Wohlstand und Bildung allein hätten es nicht geschafft, die Massen von der „Volkskultur“ zu einer „komplexen zeitgenössischen Hochkultur“ zu führen. Ganz im Gegenteil wird ein „Absinken in Passivität und schablonenhaftes Reagieren“ konstatiert. Nun zeigen aber die statistischen Daten des Berichts, daß die Massen ohne Wohlstand und ohne Bildung sind! Ihre Einkommensverhältnisse sind zum Teil katastrophal, ihre Bildung minimal.

Vor dieser düsteren Realität flüchten die Verfasser der Studie in die verflossene ländlich-heitere Idylie, zum Bauernbursch, der fesch sein Liedlein pfeift, zu den „einfachen, aber direkten Ausdrucksformen der Volkskultur“: Plaudern, Singen, Basteln, Feste feiern, Bräuche pflegen und Natur beobachten. „Von einem Bauern am Beginn des 19. Jahrhunderts konnte man mit Sicherheit annehmen, daß er den Sitten und Gebräuchen seines Standes treu war und die Lieder seiner Kultur sang (und wenn er keine geeignete Stimme hatte, sie zumindest mitsummite ...)“ [1] So schwärmt der Romantizismus der Technokratie. Feudalherren, Leibeigene, Pächter und Tagelöhner treulich beim Brauchtum vereint! Die Aufzeichnungen Franz Rehbeins etwa über das „Leben eines Landarbeiters“ vermitteln da ein ganz anderes Bild ... — Was dem kulturellen Werkeltag heute besonders fehle, sei die Möglichkeit zu individueller Kreativität, wie „im Wort-Turnier zu dichten, während der Arbeit oder in freier Geselligkeit Lieder zu singen, im kleinen Kreis Feiern abzuhalten, zu verschiedener Thematik in freier Rede Ansprachen zu halten“. [2] Füllen manche dieser Lücken nicht die großen Konzerne mit ihren Werbe-Preisausschreiben? Im Bericht werden sie jedenfalls indirekt noch mehr dazu ermuntert.

Wie die Vergangenheit, so wird auch die Gegenwart idealisiert — in der Studie ist keinesfalls die Rede von der industriellen Produktion, sondern von den „kulturell komplexeren Betätigungen einer zeitgenössischen Hochkultur: Literatur, Instrumentalmusik, Eigengestaltung und Kennerschaft im Bildnerischen und Sozialen, geistig begründete Teilnahme an der Gesellschaft, bewußte Formung von Geselligkeit und Lebensgenuß, Architektur und Sport als Ergänzung und Durchdringung der Natur.“ [3]

Der Tag der Bourgeoisie ist mit Gutem, Wahrem und Schönem überreichlich ausgefüllt; ihre Hochhäuser und Luxusvillen ergänzen die Natur, ihre Swimmingpools und Golfplätze durchdringen sie ... Wie kläglich nimmt sich daneben aus, was die Massen treiben, von hemmungslosem Konsumdenken verführt — ihre „neuen Kulturformen“, die sie trotz ihres Versinkens in Passivität errangen, sind „das Do-it-yourself, der allgemein verbreitete Skisport, die Urlaubsreisen des Massentourismus, die Ausbreitung des Amateurfotografierens und Amateurfilmens, die Geselligkeit vor dem Fernsehapparat, Beat und Popmusik, die Bürgerinitiativen“, [4] Doch allesamt „unterliegen sie so sehr dem Konsumdenken und wirken so wenig entwickelt und verfeinert, daß sie eher ein Zurücksinken in Ebenen früherer Volkskultur darstellen als eine Höherentwicklung“. [5] Als ob die industrielle Produktion im Kapitalismus etwas anderes anzubieten hätte als Waren. Oder soll man sich seine Flöte selber schnitzen? Hier ergänzt und durchdringt das Reisen und Skifahren keineswegs die Natur: schwarz wimmelt sie von Urlaubern und Skifahrern. Beachtenswert ist, daß auch die Bürgerinitiativen zu diesen neuen Kulturformen gerechnet werden — auch sie vom Konsumdenken angekränkelt?

In dieser „Grundlagenforschung im kulturellen Bereich“ ist niemals die Rede vom Kunstmarkt, der Industrialisierung der Kunst, und von den Arbeitsverhältnissen der Menschen. Es wird nicht gefragt nach der Beschäftigungsart, der Anzahl von Arbeitsstunden, der Länge des Anmarschweges; lapidar wird die Zerstörung einer „Volkskultur“ bei den Massen festgestellt. Doch wie kann man einen „umfassenden Kulturbegriff“ definieren und gleichzeitig die Arbeitssphäre ausschließen? Es muß ein hoffnungsloses Unterfangen bleiben, „Kultur als Ganzes“ sehen zu wollen und sich dabei blind zu stellen gegenüber den Bedingungen, unter denen die Menschen ihr Leben zubringen. Eine derartige Studie beschäftigt sich doch primär mit den Folgen dieser Arbeitsverhältnisse, die gewiß mehr verursachen als bloß „Denkmuster zutiefst zu prägen“. Hier zeigen sich die generellen Widersprüche der empirischen Sozialforschung: sie studiert die Bedingungen des Alltagslebens, aber ihre Daten sind das Produkt dieser Bedingungen.

Als bloßes Hausmittel gegen Streß sollen Kunst & Kultur herhalten — der seelisch Ausgeglichene arbeitet besser und leistet mehr. In der Einleitung zur Studie hebt ein großes Fragen an, „um die gesamte Gesellschaft kritisch zu sichten“: „Gewährt unsere Kultur allen ein befriedigendes Maß an Sinnhaftigkeit?“ Dies sei eine „auch wissenschaftlich durchaus objektivierbare Fragestellung, da sich experimentell nachweisen läßt, daß als sinnvoll betrachtete Belastung weit weniger Streß hervorruft“. [6] Das feige Sichverkriechen hinter irgendeiner Wissenschaft — in diesem Fall wohl die im Bericht angeführte „Streß-Lehre“ —, die erst in mühsamen Laborexperimenten das nachweisen muß, wofür ein Blick in die Bürohäuser und Betriebe genügt, wird noch übertroffen durch den blanken Zynismus der nächsten Frage: „Könnte ein angemessener Leistungswille auch durch ein Motivationsmuster erzielt werden, das weniger Streß erzeugt und soziale Konflikte vermeidet?“ [7]

Das ist die Gretchenfrage der Studie. Aber lebt die Kunst nicht gerade von sozialen Konflikten, indem sie Partei ergreift und mit Lust die alten Schläuche aufschlitzt? So einfach, wie die IFES-Leute es sich vorstellen, geht das nicht — Kunst als harmloses Freizeithobby: ein Druck aufs Knöpfchen, und es werde Kunst; der soziale Konflikt bleibt draußen. Wenn die Verfasser der Studie beispielsweise in der Rockmusik besser bewandert wären, wüßten sie, was dieses verachtete Medium alles an gesellschaftlicher Bewegung ausgelöst hat: die von einem Bob-Dylan-Song (Subterranean Homesick Blues) inspirierten „Weathermen“ hielten mit ihren Terror-Aktionen die USA in Atem, [8] und die „Manson-Family“ schmierte mit dem Blut ihrer Opfer Beatles-Worte an die Wände.

Daß es nicht gerade der soziale Sprengstoff der Kunst ist, der propagiert und „ins Volk hineingetragen“ werden soll, dafür bürgt schon das „Bekenntnis zur pädagogischen Rolle der Kunst“. [9] Gefördert werden soll vor allem die „leicht verständliche und gleichzeitig wertvolle Kunst ... echtes Kindertheater, wertvolle Kinderbücher, naive Kunst“. [10] Das Volk als Kind?

Diese lammfromme Auffassung von Kunst, die hier suggeriert wird, spiegelt sich besonders in dem Kapitel über die „Abdeckung von Bedürfnissen durch Kulturkonsum“. Es wurde nach dem Grad gefragt, in dem die verschiedenen Bereiche der Kunst spezifische Bedürfnisse des Menschen befriedigen — danach also, was den Individuen die Kunst bedeutet und vermittelt. Im Detail der Frage steckt aber schon der Teufel: „Schönes zu sehen / Wohlklang zu hören / von Empfindungen ergriffen zu werden / Erregendes und Spannendes miterleben zu können / nachdenken zu können ...“ [11]

Die empirische Sozialforschung erhebt Anspruch auf Objektivität; sie soll der Prüfstein für willkürlich aufgestellte Behauptungen über die Gesellschaft sein. Aber gerade die empirischen Methoden, die als objektiv gelten, bevorzugen — von rein statistischen Daten abgesehen — das Subjektive: nämlich Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen von Subjekten. [12] Mit der Methode der empirischen Soziologie hängt es zusammen, daß gewisse Klischees eher bestätigt als entkräftet werden: „Vorfixierte Auswahlfragen, die den Befragten gestellt werden, sind dazu bestimmt, common-sense-Meinungen aus der Versuchsperson herauszulocken“; [13] und sie unterstellen eine allgemein verbindliche, allen ohne kulturelle Unterschiede verständliche Sprache. Die Art der Fragestellung ist ein integraler Bestandteil der darauffolgenden Klassifizierung. „Erkundigt sich ein Fragebogen nach musikalischem Geschmack und stellt dabei die Kategorien ‚classical‘ und ‚popular‘ zur Auswahl, so hält er — mit Recht — dessen sich versichert, daß das erforschte Publikum nach diesen Kategorien hört.“ [14] Doch erst die gesellschaftlichen Bedingungen, die derartige Reaktionsformen hervorrufen, könnten den eben nur scheinbar richtigen Befund korrigieren, „daß nämlich die Spaltung musikalischer Erfahrung in ‚classical‘ und ‚popular‘ ein Letztes, gleichsam natürlich wäre“. [15]

Für eine umfassende Kulturanalyse fehlt es nach Meinung der Verfasser lediglich am „erprobten wissenschaftlichen Instrumentarium“ — die Studie resigniert daher mit der „Beschreibung manifester Verhaltensweisen und deklarierter Meinungen“. [16] Dennoch hält sie zwei Eisen im Feuer parat, welche die sogenannte Kulturaufspaltung überwinden helfen sollen: das Fernsehen und die „kulturellen Persönlichkeiten“.

Die vom Konsumdenken geprägten neuen Kulturformen seien nämlich deshalb so schlecht, weil ihnen „weitgehend das Vorbild eines breiten Kreises ‚kultureller Persönlichkeiten‘ fehlt, die im eigentlichen eine Hochkultur tragen (und die nicht mit den kulturschaffenden Spezialisten identisch sind)“. [17] Die Verfasser der Studie möchten zwar alles umkrempeln, aber nirgends anecken. Wenn an manchen Stellen gegen die Elitekultur, gegen die „nationalen Heiligtümer“ polemisiert wird, so klingt das wie Heuchelei. Im Brustton der Überzeugung wird gleich wieder von der unentbehrlichen Funktion der „Kulturspezialisten“ in einer „höher entwickelten Gesellschaft“ gesprochen: „Die Machthaber können ihre Privilegien abgeben, ohne daß die Gesellschaft leidet, Künstler, Denker und andere Kulturschaffende (einschließlich der Organisatoren und Politiker) dürfen hingegen ihrer Schaffensmöglichkeiten nicht beraubt werden, soll Kultur bestehen bleiben.“ [18] Nur keine Bange! Den Politikern wird man schon kein Härchen krümmen. Hauptsache, das Prinzip der Arbeitsteilung bleibt erhalten, ist sie doch für die „Entwicklung hoher Kultur unerläßlich — kein Mensch könnte in allen Disziplinen zugleich Großes leisten“; um so mehr, als die Spezialisten „Kultur auf einer Ebene höheren Bewußtseins“ [19] schaffen.

Dem Moloch Bundestheater soll durch richtiges Marketing zur größeren Popularität verholfen werden: „Gehobene Kunst, vor allem mit Nachwuchskräften neben einigen zugkräftigen Stars, wäre mit aller Vehemenz in die Breite der Bevölkerung zu tragen — vor allem auch durch ein räumlich gestreutes Angebot, verbunden mit einem wirksamen Marketing ... In ihrer Funktion als internationales Aushängeschild und als Symbol nationalen Selbstbewußtseins sind nationale Heiligtümer der Kunst unbedingt zu erhalten.“ [20] Kultur ist also eine Frage der Devisen. Aber wie aus einer im Bericht angeführten Statistik hervorgeht, erwarten sich die Touristen von Österreich eher schöne Landschaften als schöne Künste.

Die soziologische Naivität der Studie zeigt sich vor allem darin, daß sie trotz ihres gesellschaftskritischen Anspruchs ganz brutal die ökonomischen Mechanismen in der Kunst- und Kulturpolitik durchzusetzen versucht. So ist etwa das Starprinzip ein Äquivalent zum wirtschaftlichen Monopol: die Produktion wird auf privilegierte Plätze und Personen konzentriert, die einen immer größeren Marktanteil beherrschen. Gerade darin liegt ja das Unbehagen am gegenwärtigen Kulturzustand, wie es auch in der Studie laut wird, begründet. Aber die Studie will — gut sozialdemokratisch — den Kapitalismus durch noch mehr Kapitalismus bekämpfen. (Ein klarer Fall des kulturellen Monopolkapitalisten ist Herbert von Karajan, dessen Pläne für die Wiener Staatsoper die allerdings längst fällige Integration dieses wurmstichigen Fossils in die internationale Schallplatten- und Kassettenproduktion vorsehen.)

Um zu einer „umfassenden Allgemein-Kultur“ zu gelangen, schlagen die Verfasser vor, der „abstumpfenden Reizberieselung“ (wohl durchs Fernsehen?) eine „Klare Erlebnis-Rhythmik zwischen intensivem Engagement und völliger Entspannung“ entgegenzusetzen. [21] Der dunkle Sinn dieser Worte erschließt sich erst, wo es heißt: „Es wäre daran zu denken, im Fernsehen einen unterhaltungsfreien Tag in der Woche einzuführen, an dem nur informative und bildnerische Sendungen zu sehen sind — und an dem für aktive Kultur geworben wird.“ [22] — Da geht man doch lieber ins Wirtshaus!

Bezeichnenderweise wird das Fernsehen in der Studie gern vom „Konsumdenken“ ausgeklammert. Man rügt zwar sanft das Herumlungern vorm Apparat, verwirft den passiven Kulturgenuß und ruft zu aktiver Kreativität auf — doch stellenweise ähnelt die Studie einer Marktanalyse für die einschlägige Elektroindustrie. Der Farb-TV-Markt ist noch nicht gesättigt! Während der Fernsehapparat Allgemeingut geworden sei, verbreite sich das Farbfernsehgerät erst allmählich in der Bildungsoberschicht und Teilen der Mittelschicht; „im ländlichen Raum und in der städtischen Unterschicht gibt es noch wenig Gelegenheit zum Farbfernsehen, das eine neue Erlebnismöglichkeit für Kunst eröffnet“. [23] Im übrigen gibt es auch für die Möbelindustrie, Einrichtungshäuser und Innenarchitekten nützliche Winke.

Um nur ja nicht in den Geruch eines gesellschaftskritischen Engagements zu gelangen, werden in der Studie soziale Kategorien ängstlich vermieden. Das Resultat sind Mystifikationen wie die „vier unterschiedlichen Kulturmuster“, nach denen die Bevölkerung eingeteilt wird und deren einziges Kriterium die Schulbildung sein soll: der „ländliche Raum“, die „städtische Unterschicht“, die „Mittelschicht“ und die „Bildungsoberschicht“. Ein reiner Euphemismus! Denn hinter diesen „Mustern“ lauern die guten alten Klassen. Verdanken es beispielsweise jene sechs Prozent, die kein einziges Buch im Jahr lesen, nicht lediglich ihrer Zugehörigkeit zur Bourgeoisie, daß sie dennoch zur „Bildungsoberschicht“ gezählt werden? (Haben sie doch Matura.)

Der „ländliche Raum“ und die „städtische Unterschicht“ kommen jedenfalls bei allem am schlechtesten weg: für sie findet „Kultur“ nicht statt. Hochtrabend stellt die Studie fest, ihre Familieneinkommen seien „relativ gering — offenbar so gering, daß die finanziellen Möglichkeiten einer Teilnahme am kulturellen Geschehen deutliche Grenzen setzen“. [24] Ihre einzige kulturelle Aktivität sei das Fernsehen; dadurch würden sie zwar „für die Inhalte der gängigen Kultur stärker erschlossen“, [25] dennoch bedeute ihnen die „offiziell gepflegte Kunst wenig mehr als eine Ausweitung des im Fernsehen gebotenen Unterhaltungsbetriebes ins Seriöse“. [26]

Die „städtische Unterschicht“ wird definiert als „Nachfolge der Proletarierkultur, wobei heute allerdings nicht mehr von einer Arbeiterkultur gesprochen werden kann, da auch manche Angestellte und kleine Gewerbetreibende dieser Schicht angehören, die eher durch mangelnde Bildung und unterdurchschnittliches Einkommen gekennzeichnet ist als durch eine bestimmte berufliche Stellung“. [27] Was diese „Schicht“ eint, ist nicht Kultur, sondern Armut — so drückt man sich vorm Problem der Proletarisierung!

Voraussetzungen für „Kunstgenuß“ wie für „kreative Selbstentfaltung“ sind jedenfalls: Geld — und Muße (wofür die Studie den spitzfindigen Ausdruck „Siesta“ hat). Muße wiederum ist identisch mit einem ziemlich großen Maß an freier Zeit, auch wenn die Verfasser energisch betonen: „Kultur ist nicht an Freizeit gebunden!“ [28] Bezeichnenderweise fehlen aber in der Studie genaue Angaben, über wieviel Freizeit die Österreicher nun tatsächlich verfügen; dieses Manko wird mit Spekulationen gefüllt: die angeführten Daten stammen aus einer internationalen Zeit-Budget-Studie, „The Use of Time“ (1972), an der Österreich nicht teilnahm.

Die städtische Unterschicht hat zwar weder Geld noch Muße, um sich kulturell zu betätigen — dennoch ist bestens für sie gesorgt: „Dem Hilfsarbeiter wird die Notwendigkeit der nun schon seit Generationen bestehenden Arbeiterbildungsbewegung ständig vor Augen geführt. Er wird sich im Sinn der modernen Ideologie der kulturellen Egalität und des Leistungsprestiges nicht mit einer Kultur des Augenblicksgenusses und der spontanen Ausdruckskraft begnügen wollen (wenngleich er diese in seinem Verhalten noch weitgehend beibehält — womit er aber in einen Zwiespalt gerät).“ [29]

Dieses Hirngespinst ist schwer zu entwirren. Soll es vielleicht bedeuten, daß die Sozialdemokratie „den Hilfsarbeiter“ abschreibt? Und zwar zugunsten des Facharbeiters, der „neuen Mittelschicht“, bei der „die Entscheidung über die Zukunft unserer gesamtgesellschaftlichen Kultur liegt“? [30] Besitzt doch sogar der ländliche Raum nach Meinung der Verfasser „bescheidene Reste einer eigenständigen Volkskultur“ [31] — der Prolet hat nicht einmal mehr seine Proletarierkultur. Durch eine großzügige Kulturpolitik wird er nicht zu beeindrucken sein, weil diese ihn kaum erreicht. Um ihm Muße (und Geld) zu verschaffen, wäre allerdings mehr vonnöten, als neue kulturelle Initiativen auszuknobeln: das ginge dann schon an die Basis ...

Übrigens ist die städtische Unterschicht „nicht mehr so vollständig dem Sozialismus verpflichtet, wie man das vielleicht erwartet hätte“ [32] — aber immerhin zu 55 Prozent! Damit stellt diese „Unterschicht“ jedenfalls den stärksten Anteil an „offen deklarierter Präferenz“ für die SPÖ (beim ländlichen Raum sind es 35 Prozent, bei der Mittelschicht 44 Prozent und bei der Bildungsoberschicht 20 Prozent). [33] Bloß gibt es bei der städtischen Unterschicht eine verräterische Lücke von 25 Prozent, wenn man die 20 Prozent pro ÖVP abzieht: sind darunter vielleicht KPÖ-Wähler? — Alles Lob gilt dagegen der Mittelschicht — sie „erhält Zustrom aus beiden politischen Lagern, tendiert aber deutlich zu linken Anschauungen“. [34]

Diese Mittelschicht, bestehend aus „besser qualifizierten Arbeitern und Angestellten“, [35] die „mehr als die Pflichtschule, aber keine Matura“ hat, [36] soll zum künftigen Kulturabnehmer werden. Ist sie doch „ohne ausgeprägte kulturelle Tradition, nach einem adäquaten kulturellen Seibstausdruck suchend, daher sehr uneinheitlich und unsicher, Beeinflussungen stark ausgesetzt“. [37] Dies sei um so bedauerlicher, als sie „durch ihre Größe und Dynamik zur zentralen Sozialschicht unserer Gesellschaft geworden ist“. [38]

Ihre Einkommensverhältnisse sind zwar auch nicht rosig, kaum besser als die der städtischen Unterschicht, aber sie „lassen schon eher Spielraum für nicht lebensnotwendige Ausgaben“. [39] Gemeinsam mit der Bildungsoberschicht erwartet die Mittelschicht „von der Kunst einen deutlichen Beitrag zu ihrem ästhetischen, emotionalen und ethischen Erleben“. [40] Das heißt, Kunst bedeutet hier einen Prestigegewinn und erfüllt eine wichtige Funktion für den sozialen Aufstieg — was die Studie aber nicht ausspricht. Im famosen Erwachsenenbildungs-Projekt des Burgenlands müssen alle, die politische oder sonstige Funktionäre werden wollen, „politische Bildung“ löffeln (Politologie, Soziologengewäsch, Geschichte der Ersten Republik und ähnlichen Stuß, der niemanden interessiert); mit dem politischen Bildungspaß erklimmt man die erste Stufe einer Politikerkarriere.

Zu Schmeicheleien fest entschlossen, schreibt die Studie der unteren Mittelschicht, dieser „offensten Schicht“, beinahe messianische Fähigkeiten zu — sie verkörpere „am weitestgehenden das Ideal einer rationalen, gut ausgebildeten, mit den Lebensformen des Modernen vertrauten und geistig flexiblen Bevölkerung“. [41] Der Kulturbericht schlägt um in Marktforschung: als Wähler und Kulturabnehmer ist die Mittelschicht die wahre Zielgruppe der Sozialdemokratie.

[1Kultur in Österreich. Grundlagenforschung im kulturellen Bereich. Ergebnisse einer Studie des Institutes für empirische Sozialforschung (IFES), durchgeführt im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst. Wien, Februar 1975, p. 115

[2lit.cit., p. 24

[3lit.cit., p. 176

[4lit.cit., p. 177

[5lit.cit., loc.cit.

[6lit.cit, p. 9

[7lit.cit., loc.cit.

[8Ian and Laurie Taylor (ed.): Politics and Deviance. The Case of the Weathermen. Penguin Books Ltd. 1973

[9Kultur in Österreich etc., p. 168

[10lit.cit., loc.cit.

[11lit.cit., p. 20

[12Theodor W. Adorno u.a.: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie (Th. W. Adorno: Soziologie und empirische Forschung). Neuwied und Berlin 1969, p. 84

[13Aaron V. Cicourel: Methode und Messung in der Soziologie. Frankfurt/Main 1970, p. 40

[14Th. W. Adorno, lit.cit., p. 88

[15lit.cit., loc.cit.

[16Kultur in Österreich etc., p. 11

[17lit.cit., p. 177

[18lit.cit., p. 173

[19lit.cit., p. 172

[20lit.cit., p. 168

[21lit.cit., loc.cit.

[22lit.cit., p. 169

[23lit.cit., p. 123

[24lit.cit., p. 122

[25lit.cit., p. 131

[26lit.cit., p. 133

[27lit.cit., p. 114

[28lit.cit., p. 135

[29lit.cit., p. 116

[30lit.cit., p. 134

[31lit.cit., p. 100

[32lit.cit., p. 124

[33lit.cit., p. 123

[34lit.cit., p. 124

[35lit.cit., p. 100

[36lit.cit., p. 117

[37lit.cit., p. 120

[38lit.cit., loc.cit.

[39lit.cit., p. 122

[40lit.cit., p. 133

[41lit.cit., p. 134

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1975
, Seite 11
Autor/inn/en:

Heidi Pataki:

Studierte Zeitungswissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien; Gedichtband „schlagzeilen“, Suhrkamp 1968; Literaturkritik Hessischer Rundfunk u.a. ORF Studio Steiermark (Essays über jugoslawische Literatur „Über die Grenzen“); Übersetzungen aus dem Serbokroatischen, Englischen. Von 1970 bis 1980 Redaktionsmitglied des FORVM. Sie gehörte 1973 zu den Gründungsinitator/inn/en der Grazer Autorinnen/Autorenversammlung, ab 1991 war sie deren Präsidentin.

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