FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1980 » No. 319/320
Gerhard Oberschlick

Riesenzwergerl

Robert K. Merton: Auf den Schultern von Riesen. Ein Leitfaden durch das Labyrinth der Gelehrsamkeit, Syndikat Verlag, Frankfurt 1980, 244 Seiten, 9 Abbildungen, DM 28, öS 215,60

Der Untertitel der amerikanischen Originalausgabe lautet A Shandean Postscript. Aber die Anspielungen auf Laurence Sterne [1] trügt. R. K. Merton [2] ist kein Gentleman, sondern ein seriöser [3] Wissenschafter. Im prallen Staub der Bibliotheken zieht er die Spur seiner methodischen Aberrationen. Routiniert setzt er alle Strategien ein zur Erzielung gelehrsamer Unübersichtlichkeit.

Für die Erhöhung des wissenschaftlichen Nimbus sorgt eine Fülle von beliebigen, jedoch stets mit entlegenen Details prunkenden Fußnoten, die sein auch sonst kongenialer Übersetzer gewissenhaft an den nötigsten Stellen um einige weitere vermehrt, ohne sich mit eigener Skurrilität ungebührlich in den Vordergrund zu drängen.

In einer nach Sachgebieten geordneten, gepflegen Privatbibliothek gehört diese begriffsgeschichtliche Selbstverspottung nach einigen kurzweiligen Nachtkastelwochen in der engeren Umgebung von Feyerabends anarchistischer Methodenlehre eingereiht.

Bei Mertons eigenem methodologischen Schlußkapitel geht allen Adepten ein Licht auf: Er legt eine neue Universalwissenschaft vor, die es erlaubt, aus dem bloßen Herumtappen auf den sicheren Königsweg zu akademischen Würden zu gelangen. Zwei reichliche Indices erleichtern den Silberblick von der Schulter des Riesenzwergerls in die lichte Vorvergangenheit der Zukunft des Menschengeschlechts.

[1The Life And Opinions Of Tristram Shandy, Gentleman. O.O. Erste Auflage 1760. Deutsch wohlfeil bei Philipp Reclam, Stuttgart 1972, Universal-Bibliothek Nr. 1441-46/46a/b

[2Social theory and social structure. The Free Press, Glencoe, III., Dritte Auflage 1957

[3Seriosität einer Wortklauberei in der Leistungsgesellschaft ist die soziale Anerkennung durch die nur teilweise selbstgewählte Kommunikationsgemeinschaft des Wortklaubers. Ausdruck und Maß der sozialen Anerkennung unter geldwirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie unter dem Zwang zur biologischen Selbstreproduktion ist das erzielte Honorar pro Arbeitszeit. Nun erfordern Kurzrezensionen im nicht sichtbaren Teil der investierten Arbeit nur unterproportional weniger Zeit als eine Besprechung, die zur vielseitigen Paraphrase, wenn nicht zum ausführlichen Entwurf einer alternativen Buchproduktion nach dem Muster des vergnügten Schulmeisterleins Maria Wutz in Auenthal werden darf. Dadurch sinkt die Durchschnittsrendite der Arbeitszeit für eine Kurzrezension unter die Selbstkosten.

Die Kurzform bringt die Selbstproduktion der eigenen Genialität nicht befriedigend zur Geltung. Auch hier sinkt die Rendite unter den Durchschnitt, wenn nicht unter das intellektuelle Existenzminimum. Die Absonderung von Agressionen führt dann zur Erleichterung auf Kosten der Rezensierten.

Der Verlag des FORVM sucht daher Leser(innen), die fürs FORVM Kurzrezensionen von Neuerscheinungen verfassen, ohne davon leben zu müssen. Weil die oben beschriebene Lage keinen echten Anreiz erlaubt, erhält jede(r) für seine/ihre erste veröffentlichte Besprechung Alexander Kluges „Lernprozesse mit tödlichem Ausgang“, edition suhrkamp 665, 2. Auflage, Frankfurt 1974, 367 Seiten, DM 10, öS 77, solange beim Verlag lieferbar. Die beste Kurzrezension dieses Buchs wird veröffentlicht.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1980
, Seite 59
Autor/inn/en:

Gerhard Oberschlick:

Herausgeber der Print-Ausgabe des FORVM 1986-1995 und der Online-Ausgabe hier.

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