FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1966 » No. 154
Božena Begović (Übersetzung) • Miroslav Krleža

Requiem für Habsburg

(Schluß des Beitrages aus Heft 152/153)

Ich bin in einer wahren Hamlet-Stimmung. Von der Galerie herab beobachte ich diese ganz gut organisierte kaiserliche und königliche Offiziersmesse — man raucht Zigarren, Frontwitze werden erzählt (hier haben wir soundsoviele Geiseln erschossen, dort haben wir Tausende dieser Schurken und Verräter aufgehängt) und man findet es heute Abend ganz intim und behaglich, geistreich und elegant — wirklich geistreich und gemütlich, denn draußen knistert der Brand des Aufruhrs, die glühenden Schmetterlinge des Feuers fliegen empor und kleine glimmende Fallschirme schweben in funkelnden Spiralen müde und langsam herab, zum Gekläff der Mitrailleusen dieser selben Herren hier, der Herren Kvaternik und Gebrüder, gegen dasselbe kroatische Volk, das noch gestern über die kaiserlichen Menagen Kvaterniks sang: O Kaiser Karl, umsonst suchst du Courage, Gibst du uns nicht die Offiziersmenage!

Aber wie es auch sei: dem Volk nützt alles nichts! Diese Herren Kvaternik haben die Dinge sehr gut zu ihrem eigenen Nutzen und Frommen eingerichtet. Kaiserliche Offiziersmessen haben ihre tiefere Logik!

Dieses irrsinnige, betrunkene Festmahl von der Galerie herab völlig passiv betrachtend, ohne jede, auch nicht die allergeheimste Absicht, in diesen kaiserlich-königlichen karageorgischen Weihnachtskuchen Essig zu tun und so den slawischen Kuchen mit irgendwelcher Byron’scher oder Gribojedow’scher Logik zu versauern, hatte sich mein Denken in Vorstellungen aufgelöst. Meine Vorstellungen waren von ganzen Komplexen historischer Reminiszenzen umnebelt: in Sankt-Petersburg schlägt sich Lenin für die Internationale, der Schatten des Dogen Dandolo ist mit seinen Galeeren vor Zara aufgetaucht, die Italiener rücken in Istrien ein bis zum Quarnero und hier sind die Entente-Truppen aus Saloniki in ihren Gummimänteln eingetroffen; Pferde, Kanonen, Waggons — mit den in Kisten verpackten Opfern des Prozesses von Saloniki [20] —, auf der Riva degli Schiavoni brüllt die Masse, dort bellt d’Annunzio der Menge etwas vor, Laternen spiegeln sich flimmernd im schwarzen, schlammigen Wasser, der Wind pfeift, der Consiglio degli Dieci tagt, der Morlacchia [21] droht wieder einmal der Untergang, im Schweizerflügel der Wiener Hofburg zittert Kerzenglanz, Habsburg liegt aufgebahrt auf dem Katafalk, und hier rücken die Anamiten, Türken und Albaner des Marschalls Franchet d’Espèrey an und tragen auf ihren Fahnen die Konterrevolution. Diese schwarzgelben Kreaturen werden die „Aurora“ versenken, denn unsere kaiserlich-königlichen und königlich-republikanischen Kornilows und Denikins sind eine internationale Pest ...

Habsburgs Untergang ist in der Geschichte des kroatischen Volkes ein wichtiges Datum. Allein durch das Faktum, daß Habsburg heute Abend, vor unseren Augen, hier im Turnsaal, auf seinem Paradebett aufgebahrt liegt, schließt sich der Kreis von vierhundert blutigen Jahren habsburgisch-kroatischer Geschichte. Heute Abend erst stirbt hier vor unseren Augen das Jahr 1527: die Stände und Orden des Königreichs Kroatien waren im Jahr 1526 um Mariae Geburt ohne ihren ungarischen königlichen Herrn geblieben und zu Silvester hatten sie sich schon einen anderen gefunden, wie es der päpstliche Legat der Signoria meldete: „Per trovarsi un’altro Signore.“ Und unsere heutigen Stände und Orden hier (diese Dentisten, Advokaten und Pfaffen) haben ihren König nach vierhundertjähriger Herrschaft voll Blut und Tod kaum verloren, sozusagen erst vorgestern verloren, zu Allerheiligen, und seht nur, sie haben ihn noch gar nicht begraben und trotzdem wollen sie nicht einmal bis zum Advent warten, um Habsburg Zeit zum Erkalten zu lassen, schon heute haben sie der königlichen Croatia einen neuen Freier gefunden. Und dieses Fest ist die kroatische Hochzeit mit den Karadjordjewitsch! Aus diesen besoffenen Hochzeitsgästen hier spricht heute der Branntwein und schreit und brüllt und singt lauter politischer Blödsinn, hält sie alle unter seiner Gewalt und Führung und führt sie schon so, daß sie sich im Wacholderbranntwein und im Zwetschkenbranntwein wälzen wie in einer vollbespienen Arche Noah. Die ganze Galeere des Nationalrates der Serben, Kroaten und Slowenen schaukelt auf den Wogen dieser alkoholischen Sündflut auf und nieder mit ihrer ganzen Last von Giraffen und Affen und alles kreischt, alles blökt und alles brüllt kreuz und quer im ganzen Land, von der Avala bis Czakathurn: addio, Lazar, Milan, Matthias, Anton. Swetosar, schreibt uns, glückliche Reise, „Dort, dort, weit am Meeresstrand —“, „Dort ist Onkel Peters Schloß und er reitet ein weißes Roß —“, „Auf, auf, zum Kampf, die Schwerter aus den Scheiden —“, „Jetzt spreche das Gewehr —“, „König Peter, der Held —“, „Mit festem Schritt und Tritt —“, „Setz’ den Fuß auf, stampfe fest drauf —“, „Frei fliegt der Vogel durch die Lüfte —“ ... und alles überbrüllt der Baßbariton eines schon heiser gewordenen Bruder Liederlich, der das zarte Liedchen vom kleinen Nachen unter Weidenzweigen grölt. Und was braucht es noch der Worte: Nur ein Esel sieht nicht ein, daß dies unser einziger Ausweg ist, Sakrament noch einmal, und alle sind besoffen wie Pferdediebe, denen es gelang, die beste Stute zu stehlen und nach Zigeunerart über die Grenze zu verduften!

Der Branntwein spricht aus dem Bevollmächtigten für Militärangelegenheiten des Nationalrates der Serben, Kroaten und Slowenen, Herrn Doktor Matthias Drinkowitsch, denn wäre er nicht besoffen wie ein illyrischer Gott (hei, seht, die Auferstehung der Götter, der illyrischen Götter!), wie könnte er seinem „ersten Mitarbeiter und Freund“, Herrn Oberstleutnant Kvaternik, als „einem Patrioten“ zutrinken, der „bereit ist, für sein Volk den eigenen Kopf zu opfern, und zwar wann immer es sei und wenn es nötig sein sollte, noch heute abend!“

„Che ubriacone“ [22] — denke ich für mich über unseren Signor Matteo, welcher „geliebte Brüder — wie jeder unter uns, unserem Volke Ehre gemacht hat“ — über diese lächerliche Kreatur von einem Dentister, mit seinem dichten, bürstenartigen Haar gleich einem Stachelschwein, der sich als echter Zivildentist bei diesem kaiserlichen und königlichen Henker einschmeicheln will. Bravo, Signor Matteo! Ich beobachte Herrn Doktor Matthias Drinkowitsch, wie er zutunlich und hündisch-servil um die Gnade dieser kaiserlichen und königlichen Fleischerdogge buhlt, die vier Jahre lang nichts anderes getan hat, als unser Volk abzuschlachten, und die auch heute Abend nichts anderes tut, als dieses selbe Volk umzubringen von Syrmien bis Czakathurn, und ich habe den Eindruck, dieser glorreiche Bevollmächtigte des serbisch-kroatisch-slowenischen Nationalrates sei schon vollständig senil! Sein Liebling, der Schwiegersohn Josua Franks, [23] Oberstleutnant Kvaternik, schmatzt sich jetzt als echtes Chamäleon mit den Offizieren des Königs Peter Karadjordjewitsch ab, bereit, heute Abend jeden zu erschießen, der nicht für König Peter Karadjordjewitsch ist, wie er noch gestern jeden hängte, der für König Peter Karadjordjewitsch war, und so, wie er bei der ersten besten Gelegenheit die Leute wieder für Habsburg und gegen Peter hängen lassen wird oder für Peter gegen Habsburg oder für irgendwen, der irgendwann einmal an den Ufern der Drau oder in den Straßen dieser Stadt auf einem weißen Pferd als Sieger auftauchen wird denn er ist kein Mensch, sondern eine Karikatur aus meiner Antikriegsprosa.

Da mir alle diese Junker und kaiserlichen Magnaten schon bekannt waren — aus meinen eigenen literarischen Werken, mit denen ich schon über ein Jahr lang in den verschiedensten Redaktionen antichambrierte und die keiner drucken wollte — fühlte ich mich wie in einem sonderbaren Traum. Inmitten der Realität einer kaiserlichen Offiziersmesse, inmitten der gespenstischen Kosmogonie, die ich beschrieben — oder, wenn Sie wollen, mir „ausgedacht“ hatte, versuchten mich alle meine Zeitgenossen (fast einstimmig) zu überzeugen, daß ich bei der Beschreibung dieses Henkersgesindels nur erfände und daß die Dinge niemals so schwarz gewesen seien, wie ich sie in meiner tendenziösen Prosa darlegte.

Was ist also wahr: — überprüfte ich meine eigenen Wahrnehmungen. Ist dieser Kvaternik wirklich der Kvaternik, der sich — blöder Ochs von einem Menschen! — als Generalstabschef des österreichischen kaiserlichen und königlichen Gouvernements in Serbien im Jahr 1915 mit einer Zigarette zwischen den Lippen unter den Galgen photographieren ließ, an denen sich die gehängten Serben mitten auf dem Hauptplatz Terasije in Belgrad im Winde wiegten? Ist es derselbe Oberstleutnant Kvaternik, den ich während der elften Offensive am Isonzo in Lovrana beobachtete — bei einer ebensolchen Offiziersmesse, wie sie heute abend hier, gleich einem Vampyr, den serbischen Zaren Lazar und den Bischof Joseph Georg Strossmayer gespenstisch vertretend, wieder aus dem Grabe gestiegen ist?

Hat dieser Oberstleutnant Kvaternik, der seinem Generalissimus Maitressen zuführte, tatsächlich Tausende von Opfern erhängt und erschossen, die wirklich erhängt und erschossen wurden: Hängt und erschießt er nicht auch heute Abend noch immer, und zwar überall in unserem „schönen Vaterland“, und steht nicht dieser ganze Frondienst als Henker, Bordell-Hausdiener und Offiziersmessenleiter in einem paranoiden Verhältnis zu allen Prinzipien menschlicher Logik?

Und jetzt faselt hier dieser besoffene und dumme Provinzdentist Signor Matteo in trunkenen, hurrapatriotischen Superlativen von diesem Henker und das ganze zusammenhanglose und blödsinnige Geschwätz zersetzt sich bis zu vollkommener Schwachsinnigkeit und zerrinnt in ein Etwas, das man den triumphalen Sieg des unitaristischen jugoslawischen royalistischen Gedankens nennt!

Daß solche Figuren gewaltiges Unglück über uns gebracht haben und daß man dieser Schlange den Kopf zertreten müßte, empfand ich — als sicherer Todeskandidat der elften Isonzoschlacht, der ich war — ganz ungewöhnlich intensiv. Das alles sind ja die reinsten Zusammenbrüche des gesunden Menschenverstandes und Inkompatibilitäten jeder Art! Das Land wird den Bischöfen und den Thurn und Taxis zueigen bleiben und diese salonikischen und kajmaktschalanischen Gebrüder werden sich und uns alle „in der brüderlichen Umarmung“ solcher Kvaterniks in neue Abgründe stürzen. Diese Junta der „Weißen Hand“ ist heute Abend in unserer Stadt eingetroffen, mit einem ganzen Transport des Todes: Apis, Malobabitsch, Prinzip, Sarajewo und Saloniki; sie hat in Odessa eine Menge Menschen umgebracht im Namen eines ebenso royalistischen unitaristischen Systems, wie es auch jetzt dieser blöde Matteo und dieser schwarzgelbe Kretin predigen! Diese Junta hat den Betrug von Korfu zusammengebraut, sie wird Spalato und Istrien, „Acquisito Nuovo e Vecchio“, an Venedig verkaufen, sie handelt auf Grund des Londoner Vertrages, ihretwegen verfiel Supilo [24] dem Wahnsinn und schließlich: was kann schon aus so einer teils kaiserlichen und teils königlichen Jugomelange entstehen als die konterrevolutionäre Verneinung alles dessen, was sich „Mensch“ nennt? Diese Serben sind nicht hergefahren, um Fiume zu verteidigen, sondern um jeden zu verhaften, der nicht „Es lebe König Peter!“ brüllt. Wir werden Illyrier sein von Seiner Majestät des Königs Peter Karadjordjewitsch Gnaden und diese besoffenen Mihalowitsch und Matthias und Ante und Pribatz und Budislaw Gregor Andjelinowitsch, aus dem „Ruhmeschor“ unserer intellektuellen Landsmannschaft, werden uns eine solche Konstitution bescheren, daß uns selbst die hier versammelten lieben und herzigen Damen, „Illyriens hochherzige Töchter“, in der nächsten Weltkatastrophe mit allen ihren Rot-Kreuz-Jeanetten nichts nützen werden! Kaum ist es uns gelungen, aus der stinkenden habsburgischen Mäusefalle mit heiler Haut zu entkommen — siehe da! schon wollen uns die hier mit einer neuen, riesigen serbischen Gendarmenmütze zudecken! Und wer denn? Und in wessen Namen? Im Namen welcher politischen Konzeption und welchen Planes? Solche armselige „Zugereiste“ wie dieser Kvaternik und diese kaiserlichen und königlichen Kornilows und Koltschaks, für die der Begriff des Staates nichts anderes ist als der eines Menageriekäfigs! Diese Herren Tierbändiger in ihren Husaren-Attilas, mit Pistole und Knute bewaffnet, betätigen sich als professionelle Dompteure ganzer Völker und im Grunde ist doch alles nur ein besoffener Zirkus und eine läppische Galavorstellung, die vom Teufel gejagt zur Hölle fährt auf Nimmerwiedersehen.

Das Toben dieser Nacht, das Abbrüllen von Liedern, das Jauchzen beim Kolotanzen — ein vehementer Schwachsinn hatte diese Horde zu einer seltsamen, symbolischen Höhe des Taumels emporgerissen, daß mir schien, als schwebten diese Phantome von Zechern einige Zentimeter über dem Erdboden und als wären sie, inmitten dieses tollen Rasens, behext von ihrer Einbildung und lodernd im Feuer des Branntweins, gar nicht wirklich. Das war der Lärm von Hirngespinsten, das klagende Gebrüll der Sinnesverwirrung, des Hochmutes, der sturmgejagte, blutrote Rauch des Brandes, der in dieser Schenke wie eine Wolke dampfte, aus der es zornig, dumpf und irrsinnig donnert: „Hei, Trompeter von der kriegerischen Drina —“, „König Peter, der Held —“, „Jugoslawische Mutter —“, „Auf, auf, Kommitatschis —“, ... als ob jedes alte Weib hier in dieser Nacht ein Schwein gekauft, ihm einen Strick ums Bein gebunden hätte und jetzt mit dem quiekenden Ferkel um die Wette laufe. Bügel, Trense und Zaumzeug sind zerrissen, Rad und Speichen sind gebrochen bei diesem allgemeinen Rollen des gesunden Menschenverstandes in den Abgrund, und der Dümmste von allen Betrunkenen war Doktor Matthias Drinkowitsch, ein alter, kleinbürgerlicher Großkroate.

Als also dieser Minister Signor Matteo, das funkelnde Glas in der Hand, seinen Trinkspruch beendet hatte und nach einem begeisterten (beinahe einstimmigen) Beifall Herrn Oberstleutnant Kvaternik das Wort erteilte (einem ebenso habsburgtreuen Großkroaten), der sich im Namen des kvaternikischen „kroatischen“ Offizierskorps für die Ansprache des „kroatischen“ Kriegsministers bedanken wollte, um im Namen des „kroatischen“ Offizierskorps die Offiziere des siegreichen Heeres seiner Majestät des serbischen (und südslawischen) Königs Peter und des Prinzregenten zu begrüßen, und als Herr Kvaternik inmitten vollkommener Stille aufstand und sein Glas erhob, rief ich von der Galerie herab, wahrscheinlich die intensive Disharmonie dieses dramatischen historischen Augenblicks aufs Tiefste fühlend und aus dem intimen dramaturgischen Bedürfnis, diese — im Drama schon überflüssige — Figur von der Bühne zu entfernen, mit lauter Stimme:

„Nieder mit Kvaternik!“

Meine drei Worte lösten einen gewaltigen Lärm aus. Gleich einem Sturm brach der Beifall los und in dem elementaren Donnern der Füße, Stiefel, Zigarren, Brillen, Messer, Teller, Gläser und schweißfeuchten Handflächen, im Gebrüll blutwangiger Masken hörte man vor allem den Namen Kvaterniks, der im vollen Winde trunkener Begeisterung der anwesenden Matrosen, Sokoln, Detektive und Minister durch den Raum segelte.

Als sich dann unter Gezisch — pssst, pssst! — alles wieder beruhigt hatte und Doktor Matthias Drinkowitsch sich wieder erhob, mit dem Messer an sein Glas klopfte und solchermaßen, ziemlich nervös, mit der Geste eines Tischvorsitzenden dieses patriotische Ungewitter wieder beschwor, hörte man den Herrn Bevollmächtigten für Militärangelegenheiten des Nationalrates der Serben, Kroaten und Slowenen mit der ganzen Würde seiner Autorität, in pathetischen, abgehackten staccato-Sätzen, zum zweitenmal — und dieses Mal schon ein wenig erzürnt — seinem Freund und wichtigsten Ratgeber, dem Kommandanten des kroatischen Heeres, das Wort erteilen:

„Das Wort hat Herr Oberstleutnant Kvaternik!“

Wie auf der Bühne, nach dem Stichwort, rief ich sofort und diesmal schon viel lauter:

„Nieder mit Kvaternik!“

Die goldenen Kragen der Generalität, die hohen Zivilbeamten, die Ordinarien, die Extra-Ordinarien, die Würdenträger, die zahlreichen Schönen als Vertreterinnen des zarten Geschlechts, das rote Futter in den Umhängen der Archimandriten, das Funkeln der goldenen Kreuze und Epauletten, ein Wald drohend erhobener Hände — alles geriet wieder in die wogende Bewegung eines Tumults, einer wahren Empörung, unter Beifallsklatschen, Säbelgerassel und Räuberpfiffen. Man wußte nicht, wer gerufen hatte und woher diese Stimme von oben herabgeflogen war, und die Menschen um mich herum, heroben auf der Galerie, betrachteten mich mit verstörten Blicken wie einen, der sich von Bord eines Schiffes hinabstürzen wolle, um sich in einem Augenblick der Geistesverwirrung zu ertränken. Herr Doktor Matthias Drinkowitsch, ein Zivilist in halbnüchternem Zustand, waffenlos, als echter, neugebackener Kriegsminister sich seiner Rolle und seines Amtes als Tischvorsitzender wohl bewußt, wandte den Kopf hilflos hin und her, suchte die Galerie mit seinen Blicken ab, um die Stelle zu finden, von der dieser Zwischenruf des leibhaftigen Gottseibeiuns erklungen war, um dann mit der Stimme eines wahrhaftigen Kommandanten und Oberkommandierenden des Heeres den Bürgern Ruhe zu befehlen und im Kommmandoton zu erklären, er sei hier „der Älteste“ und er habe Herrn Kvaternik das Wort erteilt.

„Kvaternik ist nicht würdig, hier das Wort zu ergreifen!“ schrie ich den Herrschaften an der könglichen Tafel zu, und nach den Pfiffen zu schließen, die unten im Saale ertönten, riefen meine bedeutungsvollen Worte den Unwillen vieler hervor; aber trotzdem war zu erkennen, daß es hier auf dieser Teegesellschaft auch Leute gab, denen der logische Schluß, Kvaternik sei nicht würdig, heute und hier Trinksprüche auszubringen, nicht so ganz fremd war. Meine Worte hatten den trunkenen Lärm in zwei Teile geteilt. Die einen skandierten: „Drinko! Drinko! Drinko!“ und die anderen riefen: „Hoch! Hoch! Hoch!“ — doch dieses anscheinend einstimmige „Hoch!“ war mit ziemlich vielen „Abzug!“-Rufen vermischt, „Abzug, Abzug, Abzug, Abzuuuug, Kvaternik!“

Den Aufruhr überschrie Signor Matteo Drinkowitsch, jetzt schon sichtlich beunruhigt und wütend:

„Ich fordere diesen Feigling, der uns hier so böswillig und provokant behelligt, auf, sich zu melden! Wir wollen wissen, wer er ist, denn hier muß Ordnung herrschen!“

Ich meldete mich. Mit Vor- und Zunamen, und um mich vor diesen hochkultivierten Würdenträgern auch mit einem gesellschaftlichen Attribut auszuweisen, stellte ich mich als Schriftsteller vor, und zwar als kroatischer Schriftsteller.

Zu meiner größten Überraschung rief mein Name bei einem guten Teil der Anwesenden intensiven und anhaltenden Beifall hervor, worauf ich (als hundertprozentig naives politisches Greenhorn, das ich war) annahm, sie stimmten mir logischerweise zu. „Hoch! Hoch! Hoch!“ Sie aber klatschten mir Beifall nur unter der Voraussetzung, es handle sich um die Zwischenrufe eines royalistischen Porteparole, der nur deshalb weiterlärmte, um aus Begeisterung für den König noch länger brüllen zu können.

Ganz verwirrt durch diesen unerwarteten und stürmischen Applaus wiederholte Matthias Drinkowitsch kurz und streng:

„Ich sagte schon: Das Wort hat Oberstleutnant Kvaternik!“

„Und ich sagte: Nieder mit Kvaternik!“

Mein demonstrativer Protest brachte Signor Matteo um die Fassung, und er begann, im Ton eines besoffenen Dentisten zu brüllen, hier sei er der Befehlshaber, er habe das Recht, Befehle zu erteilen, nur unbedingte Disziplin könne uns retten und nicht Anarchie, und er werde jeden aufhängen, der sich dieser Disziplin nicht unterordnen wolle! Und er werde auch mich aufhängen, ohne Rücksicht darauf, wer und was ich sei, wenn ich mich nicht unterwerfe.

„Sie drohen mir also mit dem Galgen, nicht wahr:“ fiel ich dem Kriegsminister mit erhobener Stimme ins Wort. „Da werden wir doch eher Sie selbst aufhängen! Ich sagte ‚Nieder mit Kvaternik!‘ weil Ihr lieber Kvaternik da im Jahr 1916 Generalstabchef des kaiserlich-königlichen österreichischen Gouvernements in Belgrad war und weil alle jene Leichen an den Galgen auf dem Hauptplatz der Stadt Belgrad Kvaterniks Leichen waren; weil er eine schwarzgelbe Kreatur ist und gerade das vorstellt, was unser Volk zum Aufruhr getrieben hat und heute noch treibt! Ruft doch die Generäle Scheure und Rhemen und Potiorek auch herbei! Auch den Admiral Horthy hättet Ihr einladen können! Er hat Euch ja die ganze österreichische Flotte übergeben und das Ehrenwort seiner Loyalität dazu! Zeichnet doch Horthy für sein Massaker in Cattaro mit dem Orden des Nationalrates der Serben, Kroaten und Slowenen aus! Bravo! Nieder mit den österreichischen Junkern, nieder mit Kvaternik! Diese Dinge könnt Ihr nicht mit Galgen aus der Welt schaffen! Welche Schande!“

Ich feuerte meine Argumente gegen diesen kaiserlich-königlichen Henker ungewöhnlich schnell und temperamentvoll ab. Ich schrie, um Signor Matteo zu überschreien, und war dabei wegen seiner verdammten Galgen in eine aufgeregte Stimmung geraten. Diese Galgen des Herrn Drinkowitsch waren im Moment nicht nur eine Phrase staatserhaltender politischer Kannegießerei irgendeines Unteroffiziers! Diese Galgen waren schon damals tatsächlich das Symbol der royalistischen nationalen Einigung in jenen dramatischen Tagen, als es in den Wäldern von Mitgliedern des „Grünen Kaders“ [25] nur so wimmelte und das ganze Land von politisch sterilen Bränden rauchte.

Nach den von mir mit erhobener Stimme gesprochenen Worten kam es zur völligen Auflösung des betrunkenen und erregten Haufens im Saale.

„Gut spricht er, der Hurensohn“, rief ein volkstümlicher Baßbariton dieser royalistischen Crème und die Minister, Detektive, Bevollmächtigten, Archimandriten, Igumanen, Mönche, Kanoniker, Professoren der Theologischen Fakultät, königliche ordentliche Universitätsprofessoren und Bezirksvorsteher, Sokoln und Matrosen brüllten mit müden, heiseren und vom vielen Schreien rauhgewordenen Stimmen:

Hoch! Hoch! und Nieder! Nieder! Niiiieder!

Oberstleutnant Kvaternik stand unter der Galerie am Tisch der Generäle und Minister, und zwar so, daß ich mich genau über seinem Kopf befand. Äußerst verblüfft und sichtlich völlig geistesabwesend, mit dem Glas in der Hand, stand er halb zur Galerie gedreht und starrte über die Schulter zu ihr hinauf und mit gläsernem Blick mich an, ohne zu ahnen, daß ich mich da oben unsäglich unbehaglich fühlte. Ich schämte mich aufrichtig meiner selbst, ebenso wie ich mich seiner schämte, ich schämte mich für alle in dieser besoffenen Schenke, denn damals war ich noch ein sentimentaler Lyriker, und dieser Henker mit dem Profil eines weißhaarigen Aasgeiers, dieser dumme Raubvogel, der Tausende von Menschenaugen aus ihren Höhlen gehackt hatte, verstand wahrscheinlich von alledem nichts. Für ihn und für eine gewisse Anzahl seiner Trabanten (Detektive, Generäle und Bezirksvorsteher) war das alles nur „Demagogie und Bolschewismus“ ... und im gesellschaftlichen Sinn ein Skandal! Ein bedauerlicher Mangel an Takt und guter Erziehung.

Meine Antwort war eine logische Replik auf die Drohung des Kriegsministers Matthias Drinkowitsch, daß er mich hängen lassen würde, wenn ich nicht aufhörte, Oberstleutnant Kvaternik das Wort abzuschneiden, aber meine mehr oder weniger bekannten Argumente hatten ebenfalls eine dramatische Unruhe in die Menge gebracht und von allen Seiten brüllte man immer lauter, ich müsse das Wort erhalten. Der Kampf um meine Redefreiheit dauerte eine ganze Weile. Dieses Gebrüll nahm völlig trunkene Formen an und wäre fast in eine Schlägerei ausgeartet. Hände, Säbel, Revolver, Gewehre — alles geriet in Bewegung. Unter gellenden Pfiffen schwoll der Lärm immer mehr an. „Das ist wahr, Kvaternik war Generalstabschef des kaiserlichen Gouvernements in Belgrad, hat dort eine Menge Leute aufgehängt — und heute organisiert er die neue jugoslawische Armee! Eine Schande! Nieder mit den österreichischen Generälen, nieder mit Borojewitsch, nieder mit Lipovcak, nieder mit den Henkern!“ „Das sind Lügen! Das ist Demagogie! Kvaternik ist einer der Verschwörer, er gehörte der von Matthias Drinkowitsch geleiteten Konspiration an! Hoch Signor Matteo!“

„Pfui! Pfui! Pfui! Nieder! Nieder! Nieder!“

„Die Konspiration des Matthias Drinkowitsch! Sehr wichtig — allerdings! Sie wollen doch nicht behaupten, Kvaternik habe Österreich zerstört? Kvaternik ist Josua Franks Schwiegersohn! Nieder mit den Frankianern [26]!“

„Das ist alles Demagogie! Das ist nur bolschewistische Propaganda! Werft ihn doch von der Galerie hinunter! Nieder mit dem Kommunismus!“

„Er sagt doch die Wahrheit, wir geben ihn nicht her, man soll ihm das Wort erteilen! Hooooch!“

Ich saß auf der Galerie wie in einer Theaterloge und sah hinab auf die Hände in weißen, gestärkten Manschetten, wie sie sich ausstreckten und drohten, sah hinab auf blitzende nackte Säbel, auf Zigarren, Messer und Gläser, auf dieses betrunkene Gewimmel, das da zu meinen Füßen im raucherfüllten Festsaal wogte, und ich schämte mich. Ich war nüchtern, vielleicht als einziger in diesem Treiben. Der Anblick der dicken Bäuche der Domherren und Archimandriten überwog als fundamentaler Eindruck alles andere in meinem Bewußtsein. In diesem überschäumenden Weingelage, wo aus dem Gekreisch Tobsüchtiger die Weiberstimmen schrillten wie das Gemecker tollgewordener Ziegen, überkam mich der Ekel über diesen blöden Metzgerladen.

Da steht jetzt unter dieser Galerie einer jener arroganten kaiserlichen „Feschaks“, ein geschnürter und gebügelter miserabler Kerl von einem habsburgischen Lakaien und schlauen Kriminellen, der die Menschen umbringt und dazu Champagner trinkt, der angesichts von Galgen blaublütige Märchen vom „Walzerzauber“ träumt, und wenn heute abend dieser Kerl sein Glas zu Ehren Seiner Majestät des Königs Peter erhebt, so lügt er an der Bahre einer blutbesudelten Dynastie und trinkt ebenso verlogen schon einer anderen, ebenso blutigen Dynastie zu, und ich — wie kann ich es denn dieser besoffenen Horde klarmachen, daß sie blind ist und nicht weiß, was sie tut? Das Gebrüll läßt das ganze Gebäude wie bei einem Erdbeben erzittern, und das dumpfe Gedonner der Füße gibt diesem tollen Getöse das Drohende eines zunehmenden Ungewitters ... Immer lauter erklingt es von allen Seiten: Wir wollen ihn hören! Laßt ihn reden, er redet gut, er spricht die Wahrheit!

Matthias Drinkowitsch, sichtlich indigniert über diese peinliche Äußerung allgemeinen Mißtrauens, hielt nochmals ein komplettes Plädoyer zu Gunsten seines Klienten. Er sei ein guter Offizier, ein Generalstabsoffizier und Fachmann, er habe den Treueeid geleistet und sein Offiziersehrenwort gegeben, seinem Vaterland loyal zu dienen. Dabei drohte er mir wieder mit dem Galgen (wenn ich ihn nochmals stören sollte), und so überschrien wir einander und ich erklärte, das sei durchaus keine billige Demagogie, sondern eine prinzipielle Frage und es gehe hier nicht darum, ob Minister Drinkowitsch (persönlich) zu Kvaternik Vertrauen habe oder nicht, weil es eben nicht um Kvaternik persönlich gehe, um Kvaternik als Einzelperson, sondern um Kvaternik als Prinzip! „Kvaternik ist nicht berufen, Kvaternik hat überhaupt keine Qualifikation, heute Abend hier die serbischen Offiziere zu begrüßen, weil Kvaternik die Angehörigen unseres Volkes zum Galgen verurteilte, wenn sie nicht gegen das, was heute Abend als Sieg der Nation gefeiert wird, kämpfen wollten! Ich spreche darüber vollkommen konkret, im Namen der Mannschaft des Agramer 25. Honvedregiments, in dem ich persönlich die skandalösen Gewaltmethoden eben dieser Herren Patrioten hier miterlebt habe! Nieder mit Kvaternik!“

„Wir wollen ihn hören!“ hallte es im ganzen Saal beinahe einstimmig wider. „Hooooch! Hooooch!“

Matthias Drinkowitsch trotzte eine Zeitlang diesem Sturm, um dann resigniert die Achseln zu zucken und mir das Wort zu erteilen, worauf er ergeben in seinen Sessel an der Spitze dieser dummen Bankettafel zurücksank.

Völlige Stille trat ein. Plötzlich spürte man den fernen Duft frischer Fichten. Das kam von den Girlanden aus Fichtenzweigen, und ich roch ferne Wälder mit blauen Lichtungen, Stille und reine Einsamkeit eines anderen weit entfernten Planeten, auf dem es kein Blutvergießen und keine Kvaterniks gibt. Da nahm ich denn das Wort, ohne im Augenblick zu wissen, wie ich mich ausdrücken sollte. Im Geist sah ich die endlose Bildergalerie dieser schwarzgelben Kondottieri bis herauf zu Horthy und Gömbös, dieser Landsknechte, Junker und Militaristen, dieser Henker, die schon seit Jahrhunderten, in fremdem Sold stehend, morden und brennen und denen es völlig gleichgültig ist, wen sie hängen und wem sie die Gurgel durchschneiden, denn sie sind professionelle Henker, berufsmäßig und aus angeborener Neigung. Und es wurde mir ungewöhnlich klar (nicht nur als dem Autor jener königlich-ungarischen Honved-Prosa, deren Thema ich auf Hunderten von Seiten variiert hatte, sondern auch als Kroaten), daß es sich auch hier um einen dramatischen Zusammenprall der Jahrhunderte handle und daß das National- und Kulturbewußtsein dieser Söldlinge auf so tiefer Stufe stehe, daß unabwendbar auf diesem blutigen Ball zwischen den Zylinderträgern, den Archimandriten, den Teilnehmern an der Schlacht bei Kajmaktschalan und den Anhängern der Dynastie Karadjordjewitsch früher oder später ein skandalöser Krawall provoziert werden mußte.

Wie aus Stein gemeißelt stand eine Szene vor meinen Augen: Die hohenzollern’schen Junker gehen von der Bühne ab, aber hier rehabilitieren die provinzlerischen Dummköpfe einen Lümmel von einem Grenzer, diesen Kellner und Zuhälter letzter Sorte! Und warum? Um die Dynastie Karadjordjewitsch der Nation mit Polizeigewalt aufzwingen zu können! Und das alles geschieht unter dem Deckmantel des Kroatentums!

So nahm ich denn das Wort im Namen der zahllosen Toten dieses Gemetzels, die von denselben Kvaterniks umgebracht worden waren. Diese Herren Kvaterniks praßten in solchen kaiserlichen Offiziersmessen wie der gegenwärtigen, während hunderttausende Männer unseres Volkes in Kot und Schnee krepierten.

„Alles habt Ihr zu einer ordinären, besoffenen Offiziersmesse gemacht! Ihr habt wohl Riesling und Burgunder, aber nie einen Gedanken im Kopf getragen, und um Euren Riesling hier in Ruhe saufen zu können und um Eure Würste hier fressen zu können, schlachtet Ihr schon seit vier Jahrhunderten unser Volk ab und auch heute Abend erschlagt Ihr es noch und hängt es um desselben Rieslings und derselben Würste willen! Das ist ja gar keine nationale Einigung, sondern die reinste Schande! Es ist völlig absurd, daß dieser Kvaternik da heute Abend den serbischen Offizieren einen Toast bieten will, den Offizieren desselben Serbiens, dessen Bürger er noch gestern an die Laternenpfähle hängte, um heute Abend, zur Feier der Befreiung und der Nationalen Einigung, hier vor unseren Augen wieder eine kaiserliche und königliche Offiziersmesse erstehen zu lassen! Bringt doch besser alle Eure Torten und Würste den hungrigen serbischen Soldaten, die draußen am Bahnhof in ihren Waggons frieren, weil uns die siegreiche russische Revolution gelehrt hat, daß nicht die Mitglieder des Nationarats, sondern die Soldaten- und Arbeiterräte jener Faktor sind, jener politische Faktor, den Lenin ...“ Lenins Name wirkte in dieser betrunkenen Nacht wie ein Donnerschlag. Nachdem ich die Torten und Würste und die hungrigen serbischen Soldaten und die siegreiche russische Revolution und die Soldatenräte erwähnt hatte, versetzte der Name Lenin die tausend südslawischen, royalistischen Kleinbürger in sinnlose Aufregung und diese besoffene Bande begann, im Gedenken an die nationale Heiligkeit des Sankt-Veits-Tages mit Fäusten, Gläsern und Flaschen auf die Tische zu schlagen; die Offiziere zogen ihre Säbel aus den Scheiden und ihre Revolver aus den Taschen, die Damen begannen zu kreischen und unter Pfiffen, Zischen und Johlen, unter Blitz und Donner der Wut und Entrüstung hörte man sie schreien: „Pfui, pfui, pfui! Nieder! Nieder mit dir, du Hundesohn, du Schwein, marsch hinaus, werft ihn hinunter, es lebe Drinko — Drinko — Drinko! — es lebe die Nationale Einigung, es lebe König Peter Karadjordjewitsch, es lebe Prinzregent Alexander, es lebe Jugoslawien; es lebe die siegreiche serbische Armee, unsere Verbündeten sollen leben, es lebe Franchet d’Espèrey, es lebe Woiwoda Putnik, es lebe Woiwoda Mischitsch, es lebe Serbien, es lebe die Nationale Einigung, es lebe der Regent Alexander, es lebe ...“

Unter dem hysterischen Unisono einer höllischen kompakten demokratischen Mehrheit winkte der Herr Bevollmächtigte Matthias Drinkowitsch mit einer großartigen, eines biblischen Tetrarchen würdigen Geste mit der Hand und überantwortete mich seinen Banditen, indem er ihnen bedeutete, mit mir nach Gutdünken zu verfahren, mich von der Galerie hinabzuwerfen oder aus dem Haus zu schleudern, mich zu zertreten oder niederzusäbeln, weil mich in diesem Augenblick die Sofkas, die Olgas und die Zlatas aus den Reihen unseres Volkes gestoßen hatten, und so wurde ich auf Gnade und Ungnade betrunkenen Matrosen und Sokoln ausgeliefert, durchgeprügelt und in den Straßenkot geworfen. Aus dieser kroatischen Schenke flog ich hinaus und im Nebel auf der Straße fand ich mich wieder. Mit einigen kräftigen gestiefelten Fußtritten in den weicheren Teil meiner irdischen Substanz (der in besseren Prosawerken nie namentlich genannt wird) beehrt, blieb ich ausgepfiffen und niedergetreten, wie ein Glühwürmchen von einer Schweinsklaue, zurück. Ich war völlig ruhig und alles erschien mir äußerst lächerlich. Die Sofkas, Olgas und Zlatas hatten mich ausgepfiffen, ohne mir zu erlauben, daß ich erst meine Arie sänge. — Ich muß sie ganz schrecklich enttäuscht haben.

Deutsch von Bozena Begovic; Copyright bei Stiasny Verlag, Graz

[20Im Juni 1917, im sogenannten Saloniki-Prozeß, wurde der serbische Generalstabsoberst Dimitrjewitsch Apis als Verschwörer und Organisator eines angeblichen Attentats gegen den Prinzregenten Alexander zum Tode verurteilt und mit seinem Mitarbeiter Rade Malobabitsch erschossen. Dieses Opfer des Justizmordes war der Leiter der Verschwörung gegen die Dynastie Obrenowitsch und des Attentates von Sarajewo.

[21Dalmatinisches Küsten- und Hinterland.

[22Was für ein Saufbold!

[23Der Esseger Advokat Josua Frank leitete eine Fraktion der 1860 von Ante Startschewitsch gegründeten Staatsrechts-Partei und spielte innerhalb der kroatischen staatsrechtlichen Bewegung eine agent-provokatorische Rolle. Er wurde als österreichisch-madyarischer Doppelagent entlarvt.

[24Franz Supilo, einer der markantesten kroatischen Politiker vor der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg, Vorkämpfer für eine politische Einigung der Südslawen, im Rahmen des bekannten Friedjung-Prozesses in Österreich als Hochverräter kompromittiert, trat während des Krieges im Exil aus dem revolutionären südslawischen Komitee aus und beendete 1917 in England sein Leben.

[25Seit Ende 1916 flohen Marodeure und Deserteure aller Art in die südslawischen Wälder und zogen als unorganisierte Guerillagruppen durch das ganze kroatische Land. Sie sammelten sich manchmal zu größeren Scharen und führten sogar größere Überfälle auf Gendarmerieposten und Kreisämter durch. Dieser „Grüne Kader“ wurde 1918 beinahe zu einem Volksaufstand und nahm beim Zusammenbruch der Monarchie dramatische Formen an. Massenunruhen von Bauern dauerten noch drei Jahre nach Kriegsende an.

[26Politische Fraktion der kroatischen Staatsrechts-Partei. Vgl. Anmerkung 23.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1966
, Seite 633
Autor/inn/en:

Miroslav Krleža:

Božena Begović:

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