FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1983 » No. 358/359
Reinhold Knoll

Reden wie anderswo

Intellektuelle sind käuflich, verzweifelt oder beides zugleich. Orientieren sie sich an einem besseren Anderswo‚ und sei’s ein Nirgendwo, entsteht geistesgeschichtlicher Fortschritt, dessen Aufprall an der beharrenden Realität sie am schönsten zerbricht. Die Tode Seefranz’ und Heers waren Anlaß für artigen Pharisäismus und Schuldzuweisung an die Toten. Günther Nennings These: Macht verschuldet Krebs durch Kränkung. Antithese von Gerd Bacher: Sinnsucher scheitern an sich.

R. K. unternahm den nachstehend unverkürzten Amoklauf gegen die guten Gründe des Scheiterns im Internationalen Kulturzentrum Wien‚ Annagasse. Ich lese sein Pamphlet als Liebeserklärung an dieses Land. Es wird aber leider nichts nützen — so ist’s nun einmal mit dem geistesgeschichtlichen Fortschritt, hier wie anderswo. Nirgendwo, scheint’s‚ liegt Schuld. G.O.

Wenn es jetzt doch zu dieser Veranstaltung gekommen ist, so riefen die organisatorischen Schwierigkeiten auch eine andere überraschende hervor: Ich bin mir meines Themas nicht mehr sicher und mühsam erinnere ich mich, daß es die 50er Jahre in Österreich behandeln soll. So ist das zumeist mit dem Gedächtnis: je schwächer es ist, desto summarischere Aussagen gibt es her und stürzt die anderen Teile des Gehirns vollends in Verzweiflung, plötzlich Angaben über ein so umfassendes Stichwort zu machen. Ich hoffe, Ihre Enttäuschung über die Ungewißheit des Vortragenden hält sich in den Grenzen, wie auch mein Gedächtnis versucht, Wissenswertes begrenzt wiederzugeben. Kurzum:

Feier • seier

Ich werde Ihnen also nicht eine etwas gelockerte Geistesgeschichte erzählen, sondern das Gegenteil. In meinen Augen verkörpert Österreich seit geraumer Zeit in seinen selbsternannten Eliten und Kapazitäten die traurige wie unverschämte Feier seiner selbst und wenn ich mir Beobachterstatus ausbitte, sehe ich die bedeutendste Kontinuität dieses Landes in der wissenschaftlicherseits angegebenen Abfolge von Austromarxismus und Austrofaschismus, die sich jetzt zu einem Austronarzißmus auftürmen, dessen mediale Verbreitung allen Ernstes glauben macht, Österreich sei so etwas wie ein Sonderfall, dessen Bedeutung wenigstens eschatologisch oder klinisch nichts Gutes erwarten läßt. Ich will also in diesem Kulturzentrum, so diese Selbstbezeichnung irgendwelche Ansprüche institutionalisieren möchte, einen Versuch machen, 10 Jahre zu schildern, die ich bereits erlebt habe und erstmals zähle ich zu denen, die schon etwas mitgemacht haben, was in Österreich sonst nur 70-80jährigen seit alters her zusteht.

Ferner beabsichtige ich, die von unseren segensreichen wie im nachhinein immer heroisch anmutenden Instituten und Forschungsstätten angebotenen Materialien nicht zu verwenden, denn sie sind nicht nur austronarzißtisch, sondern in ihrer Arbeit so verzopft, wie es die nationale Geschichtsschreibung der Schweiz vor 100 Jahren war, und um das wiederzugeben, fehlt mir der ernste Habitus von Historikern, die Heimito von Doderer in den Merowingern vorstellt, oder es geht mir das Heutige ab, wie das die jungen Zeitgeschichtler allemal in Österreich seit Jedlicka besitzen, jenseits von Metern und Sekunden politische Geschichte als Ereignisablauf des Betretens und Verlassens des Ballhausplatzes abzustoppen, empirisch mit dem Sonnenstand zu vergleichen oder gar die Kleidung mit den meteorologischen Bedingungen zu erklären.

Sie merken, ich halte es nicht mit der Genauigkeit, denn seitdem ich eine teure Uhr habe, kommt mir Zeitgeschichte und Zeitmessungen zu kombinieren töricht vor.

Chronologie ist bestenfalls die Methode der Einfallslosen und Begriffsstützigen. Es ist auch noch niemandem eingefallen, die professionellen Historiker um außerösterreichische Phänomene anzugehen, denn hier ist die Welt, die hier zwar immer seltener geprobt wird, aber den Austronarzißten erprobt genug erscheint. Wenn Sie’s nicht glauben, dann lesen Sie unsere Bücher über uns, vor allem jene, die von jenen ediert werden, die man bei jenen Anlässen im Fernsehen bei feierlichen Gedenktagen hinter den Ministern sieht.

Unfreiheit in Geborgenheit

Das alles beweist nichts, es soll nur ein befreiendes Luftschnappen in einem Raum sein, der in einem Land ist, das stolz auf seine intellektuelle Unfreiheit in Geborgenheit ist, denn anders habe ich den Inselcharakter dieses Landes nicht verstanden.

Und diese Unfreiheit hat wirklich eine seltsame Geschichte, die eben unseren Kulturvertretern entgangen ist, denn sie halten das Ausstrahlen ihrer mittelmäßigen Ermunterungen an Landbewohner für Merkmale von Freiheit. Also: die Geschichte kam anders und die 50er Jahre waren die Sattelzeit für ein neues Österreich, dessen Struktur der Institutionen so ambivalent ist wie eh und je, aber nicht mehr mit der Reife und Raffinesse vergangener Österreiche seit dem 18. Jhd. Gestatten Sie, daß ich versuche, gestützt auf ein paar Amerikaner, einen Neuseeländer, einen Italiener, mehreren Deutsche und sehr austrophile Briten, jenen Lächerlichkeiten nachzugehen, die uns so wichtig im Lande erscheinen, daß wir glauben, das sei unsere Geschichte.

Zum Bild Österreichs zählen also geistige Zustände, die wohl den Sarkasmus und den ironischen Sinn ansprechen, aber nicht den Humor. Einem Land, dessen Bewohner eben einen Krieg verloren und diesen nur inoffiziell akzeptieren und damit nur inoffiziell Zehntausende Gefallene und Tote errechnen, fällt das Lachen schwer und die Politiker ergehen sich im ernsten Patriotismus der Leidensgenossen, die in den bezeichnenden neuen Denkmälern am Ring eine groteske Verewigung erhielten.

Sozialgeschichte des Mißtrauens

Die Sozialgeschichte des Mißtrauens in diesem Land erhält eine neue Variante, nach der Phase des demokratischen Konsensheroismus, denn schon in den 50er Jahren werden Betrug und Betrugserwartung epidemisch. Hinter dem soliden Schein der Renovierungen — der Bundeskanzler ist ein Baumeister — taucht die Haltlosigkeit auf, das gebändigte Chaos.

In den kollektiven Lebensgefühlen, in denen die Alltäglichkeit ontologisch erscheint, äußert sich das dumpfe Gefühl von Unfestigkeit der Dinge, von Substanzmangel, Relativität, Wechsel vom unfreiwilligen Flottieren von Übergang zu Übergang. Die Renovierungen der Republik verlassen sich nur kurz auf die Solidität der Bauern und Arbeiter, schnell übernehmen die alten Bürokratien in den alten Palästen das Szepter in die Hand, oder wie das heißen mag, und beginnen mit der Aufweichung des Gefühls fürs Zuverlässige.

Die Koalition, der geeinigte Dissens zweier Parteien, fördert sich selbst durch die Abstützung auf Amt und Würde, die aber schon im Bewußtsein leben, daß die Zeit über sie längst hinweggegangen ist. Daher verbreiten die Behörden eine kollektive Angstwut gegen die Modernität, deren bedeutendster Junker Heinrich Drimmel ist.

In stolzer Dummheit bewohnt man die Adelspaläste des Stadtzentrums, badet sich in den Fresken und Stiegenhäusern der barocken Weltstaat-Architektur, spielt Österreich als Paradigma der Universalität und Weltoffenheit und wendet gleichzeitig den unbequemen Weltzustand ab durch Haß und Willkür. Das ist sicher sehr einseitig formuliert, aber nicht falsch.

Die Universalität Österreichs garantieren die vier Allierten wenigstens bis 1955 und die Elite ist endlich wieder das, was ihr in Nestroy-Stücken so sympathisch ist: ein verschlagener Kammerdiener, der sich am Herrn bereichert; und die Dienermentalität hat Erfolg wie die böhmische Hofkanzlei. Aus ihr wird ein gelungenes Ja zu gesellschaftlich-politischen und ideologischen Bewegungen, die davon leben, daß alles sehr einfach erscheint.

Die Universitäten sind Tummelplätze der Lebensvereinfachung, denn alles, was das Leben so kompliziert machte, ist glücklicherweise ausgerottet oder geflohen. Das ist die Voraussetzung der neuen Stabilität, der neuen Sicherheit. Jetzt ist Österreich wirklich ein Nationalstaat, wie ihn der Westfälische Friede vergeblich anstrebte, absolutistisch, ideologisch-patriotisch geeinigt und antimodern.

Österreich ist ein reaktives Gebilde geworden, das in den 50er Jahren die Reste der überlebenden Intelligenz über die Grenzen treibt — zuerst die technische, dann die ökonomische und schließlich die philosophische. Es gibt nicht einmal ein wirtschaftliches Konkurrenzprinzip, denn die private Industrie ist traditionell schwach und die verstaatlichte, so sinnvoll ihre Gründung gewesen sein mag, wird mehr und mehr der Stabilisator der Entmündigungsverfahren, die bis heute noch nicht abgeschlossen sind.

Das alles ist erfolgreich, weil die Sozialprodukte steigen und in Österreich seit jeher die Tradition der Billigesser dominiert, die auf jede moralische Not antworten, es ist ja eh genug zu essen da. Das Paradigma Österreichs ist ja nicht nur die merkwürdige Katholizität, die Josefinismus-Beglückung und der kaltschnäuzige Bürokratismus, in denen Menschen wie du und ich die Karriere des anonymen Übermenschen antreten, sondern der Resselpark.

Betrug, Irreführung, Hochstapelei, Täuschung, Scharlatanerie sind die österreichischen Strukturen der Selbstvergewisserung. In diesen läßlichen Sünden der Geschicklichkeit entsteht der Zeittypus und der Mythos vom Österreicher, der immer irgendwo einen Ausweg findet. Die 50er Jahre setzen den österreichischen Menschen im Matador-Baukasten zusammen, und der besteht aus modernen Erfahrungen und Leugnungen derselben. Das Antimoderne ist womöglich moderner und die Ablehnung brutaler, zynischer und dumpfer als anderswo.

Kollektive Angstwut

Man spezialisiert sich in den Eliten auf das Leben in Zweitdeutigkeiten — , das ist das, was den Österreichern so oft als Größe ausgelegt wird — und den Erfolg der Defraudanten und Hochstapler begünstigt. Es ist ein Spiel von Fassade und Hintergrund, Oskar Helmer hat hier symbolische Bedeutung in seinem Umgang mit Geschichte, wodurch die Wirklichkeit der Österreicher immer doppelbödig, mehrdeutig und von einer chronischen Komplexitätskrise behaftet erscheint. Hier wurde ja die Psychoanalyse erfunden, nicht in Paris oder Florenz.

Freilich, die 50er Jahre brauchen keine Psychoanalyse, denn jeder Politiker beherrscht sie sozusagen von Natur aus, wie jeder Hochstapler seine Klienten zu übertölpeln versteht. Wichtig erscheint mir, daß weniger der Hochstapler und Defraudant in seinem Rollenspiel zu durchleuchten ist, sondern daß die Tatsache existiert, in diesem Land vorwiegend von Täuschungserwartungen zu leben.

Hier ist das traditionelle Bedürfnis nach Theater verständlich, das in den Festspielzyklen mit der Eröffnung von Burg und Oper eine eigenständige Kulturkriminologie begründet. Im Theater wird der unheimliche Verstellungs- und Verheimlichungstrieb des Österreichers öffentlich modelliert und die renovierten Häuser, durch neue Statik garantiert nicht einsturzgefährdet, versprechen den Zuschauern, daß uns allen nichts geschehen könnte. Und es kann wirklich nichts geschehen.

Der Verstellungstrieb des Publikums ist das historische Rezept zur Selbsterhaltung — und warum soll man den politischen Begriff der Scheinlüge ablegen. Neben dem Theater gibt es im offiziellen Österreich nicht viel.

Der junge Fremdenverkehr gestattet die Ökonomisierung der Schaustellerfähigkeiten bis in die letzten Bergtäler und macht die Akteure so international sympathisch, daß gemäß der Eröffnungsworte der Minister und Beamten „alle kommen“.

Die Herrschaft des österreichischen Lustprinzips beginnt. Die Bühne ist das Leben, die Bretter bedeuten die Welt, die Spiellust und Improvisation korrumpieren das Realitätsprinzip, das es in Österreich nie gegeben hat, denn wir besitzen keinen Kant. In Salzburg gibt es wieder das Welttheater und was sonst überall ein Ding der Unmöglichkeit ist, wird erneut zum Motiv.

Hofmannsthal wird wieder aktuell in den Worten: Merkt auf, merkt auf, die Zeit ist sonderbar, und sonderbare Kinder hat sie: uns. Aber ist das alles Spielerei? Ist wenigstens das Theater gelungen? Schon in den 50er Jahren ist das ein kollektiv geglaubter und von höchster Stelle subventionierter Unfug.

Der Österreicher ist nicht nur Schauspieler und Hochstapler. Don Juan, Heiratsschwindler, Doppelgänger in Beruf, Ehe und Freizeit, sondern auch ein Polizeianthropologe. Die Bürokratie ermächtigt ihn, dauernd nach Beruf, Adresse und Familienstand zu fragen, um sich schon eingangs die Strategie zurechtzulegen.

Eine Wortmeldung in der sogenannten Öffentlichkeit bedeutet die Rückfrage zu provozieren, wo man arbeitet, wer man ist und wieso man dazu kommt, etwas zu behaupten.

Das Abfragen, die Polizeitechnik des Josefinismus, die in der empirischen Sozialforschung in Österreich nun wieder gut entdeckt wurde, will sich der Kontaktperson vergewissern, um sie, wenn es sein muß, nötigen zu können. Und nötigen kann man grundsätzlich nur Inländer. Daher glauben die Ausländer, wir seien freundlich, aber sie interessieren uns nicht, vom Standpunkt der Polizei her gesehen.

Kritik an Österreich im Ausland wird nicht wahrgenommen, denn ein Polizist ist Realist. Wir haben also ein anderes Realitätsprinzip und das befähigt uns zu unglaublicher, empirisch geschärfter Inhumanität. Das macht den Ruf nicht nach Urteil, sondern nach Verurteilung so laut, das ermächtigt uns von Fall zu Fall und je nach Gelegenheit zum rechtlich gedeckten Mord — wir waren die besten Henker der Nazizeit —, und wenn’s nicht anders geht, zur amtlichen Intrige. Darin liegt auch die Ursache, daß man Österreicher-Sein lernen kann, oder darum können wir den Ehrentitel verleihen, dieser oder jener sei gelernter Österreicher.

Diese anthropologisch-ethnische Besonderheit gibt es in keiner anderen Kultur, man stelle sich vor: gelernter Spanier oder gelernter Däne, und diese Karriere danken wir der überragenden Eignung des Österreichers zum Polizisten.

kitsch • bar

Ich muß das Ganze aber besser strukturieren, um Ihnen klar zu machen, daß der österreichische Grundsatz, alles sei ambivalent, höchst gefährlich ist. Der hochgestapelte Weltmann-Charakter des Österreichers, der zu einer eigenen Profession im UNO-Beruf des Österreichers wurde, kennt auch den universell sentimentalen, wehleidigen Kranken. In den 50er Jahren wird diese Doppeldeutigkeit geboren und dort kommen auch jene Träume zur Welt, die heute als unvollendete Architektur schamlos gegenüberstehen, als UNO-City und AKH.

Es ist die Hochstapelei, die einerseits etwas Vergangenes peinlich imitiert, andererseits aufbläht und gigantomanisch gestaltet und die Zwecke aus den Augen verliert. Das wehleidige Phantasieverhalten des Österreichers, das sowohl atmosphärisch die Unabgeschlossenheit von Entwürfen fast geplant erscheinen läßt, als auch — im Eingeständnis zur Unfähigkeit — als letztes Mittel die Brutalität zuläßt, beginnt in den 50er Jahren in der österreichisch-grandiosen Ästhetik des Kitschs.

gesinn • bar

Die architektonischen Monstren spätfaschistischer Stile werden errichtet und jede Einzelheit liebevoll benannt. Die Schwarzen bauen und nennen ihre Genossenschaftshäuschen nach ihren mythologischen Vorläufern, die Roten bauen und adressieren ihre Gemeindebauten mit Namen aus der Archäologie der Bewegung. Institute werden nicht nach ihrer Bestimmung genannt, sondern nach angeblich großen Initiatoren vergangener Mediokritäten.

Kleinste Ecken erhalten ihre Mythologie und versetzen die Gegenwart in einen fortwährenden Erinnerungszustand. Dieses Phänomen ist so weit verbreitet, daß die Interpretation unter den Händen zerfließt. Sentimentale Historisierung, Anhäufung von Versatzstücken, Vortäuschen von Bedeutung und grenzenlose Mythologisierung oder Vergötterung oder Errichtung von Halbgötterbildern zeigen nicht nur eine gespielte Verehrung und Gesinnungsarmut, sondern auch die Verarbeitungstechnik von Geschichte.

Das begann mit der sogenannten Zeitgeschichte, die in den 50er Jahren jenen Leuten, die eigentlich allesamt eine verbrecherische oder gewissenlose Bande verkörperten, historische Größe verlieh — Jedlicka sagte einmal im Kaffee, Vaungoin war wirklich ein großer Mann — und setzte sich fort in Architektur, Kunst und Wissenschaft.

gespielte Größe

Es ist die gespielte Größe, die ihresgleichen in der Geschichte sucht und wenn sie sich im Verzeichnis der Dissertationen der Universitäten umsehen, werden sie erkennen, was ich meine. Das Biographische überwiegt, und je vergessener eine Person scheint, desto wichtigtuerischer wird diese historisch wiederbelebt.

Mit dem Biographischen gewinnt auch das typisch österreichische im Psychologisieren Bedeutung, das mit dem Mittel angewendet wird, eine vormals authentische und historisch kompetente, handlungsfähige Person im Spektrum des Kranken, des letzten-Endes-nicht-Zurechnungsfähigen, Relativen vorzustellen. Und damit beginnen in den 50er Jahren die Austronarzißten Wissenschaft zu betreiben.

alles bewältigt

Jetzt erst entsteht der Austromarxismus im nachhinein, der schon zu seinen Lebzeiten nichts als eine philosophische Imitation war — aber wer kennt die Erlanger-Schule —, jetzt scheint der Austrofaschismus eine heroische Veranstaltung zu werden, der so nichtswürdig war, daß er eigentlich vergessen werden könnte. Aber nein, Austronarzißten, die ihren Umgang mit sich und der Umwelt bereits als Totenbeschwörungen verstehen, als Wiedererweckungen oder als gespielte Wunder politischer Auferstehung, können nicht von der Geschichte lassen, weil sie weder den Charakter historischer Bedeutung verstehen, noch die Geschichte bewältigen können.

Geschichtsbewältigung beginnt in den 50er Jahren eine höchst neurotische Angelegenheit zu werden. Sie sucht, wo nichts zu finden ist und sie verschweigt, was auf der Hand liegt. Das ist der Grund, daß in Österreich Simon Wiesenthal eine so merkwürdige Funktion hat. Das ist der Grund, daß der Faschismus oder Deutschnationalismus eine so virtuelle Kraft behält, denn wir bekommen die Geschichte nicht vom Hals, weil wir es aus Erinnerungssentimentalitat nicht wollen.

Hier sehe ich auch die seltsame Beziehung zu Deutschland, die ebenfalls mit dem Treffen Adenauer-Raab beginnt. Wir haben weiterhin ein fixiertes Verhältnis, das außerstande ist, die Bundesrepublik so zu nehmen, wie sie wirklich ist, ein recht ordentlicher Rechtsstaat mit Freiheitskriterien, von denen wir nicht einmal träumen. Wir sehen noch immer ein imaginäres Deutschland, das eher in unseren als in deutschen Köpfen ist. Daher entwickelten wir einen seltsamen Austriazismus oder behielten den Deutschnationalismus in allen möglichen Formen bei. Aber das nur nebenbei. Daß wir aber überhaupt kein Verhältnis zur Schweiz oder zu Italien entwickelten, ist ja nicht nur Ergebnis besonderer Geschichte, sondern Inhalt unseres geistigen Zustands der Unfreiheit im Neobiedermeier.

Feier • leier

Ich wollte aber weiter vom Kitsch reden. Das erste Kitscherlebnis hatte ich zum 80. Geburtstag von Karl Renner in der Volksschule. Vor einem geschmückten Photo mußten wir auswendig Gedichte Renners aufsagen, gleichsam die Huldigung an ein Götterstandbild und noch heute besitze ich die Erinnerung an den Geruch der Ausspeisung, Bedürfnisanlagen und der dissonanten Feierlichkeit. Das Bild stand auf einem Sessel, der Sessel auf einem Tisch und der Tisch auf dem Podium. Dieser ganze Aufbau war so hilflos wie die Gedichte, die Lehrer so nervös wie es einem Staatsakt eigen ist und wirklich, ein Erstklassler machte vor Spannung und Aufregung in die Hosen. Während sich die Lacke rund um dessen Schuhe ausbreitete, rezitierte ich den unglaublich blöden Vers: Musik ist unserer jungen Menschen Schreiten. Die weitere Folge des Festaktes war freilich von der Beseitigung menschlicher Rührung unterbrochen, wie ich selbst auch nicht mehr weiter wußte — der Verwirrungen wegen. Das war gleich zu Beginn der 50er Jahre. Im Gymnasium lasen wir dann Oskar Wilde, dessen Text der Englischprofessor, die sonderbarste Kreatur der 50er Jahre, immer mit dem Ausruf unterbrach: Aber wir sind Deutsche. Das war 1954 und der Lehrer hieß Swosil.

Mein erster Kontakt mit dem Kulturleben war die erste Kokoschka-Ausstellung in der Sezession nach dem Krieg, in die ich allein, ohne Wissen der Eltern, sozusagen heimlich, ging. Noch heute fühle ich dieses Erlebnis, das ich aus einem Grund berichte: während ich fassungslos die Bilder der 20er Jahre bestaunte — ich hatte wirklich so etwas noch nie gesehen, ekelten mich die Bilder der neuen Staatsoper, die Tapisserieentwürfe namenlos an. Noch heute sehe ich das patzige Rosa vor mir, oder das rot-weiß-rote W vor der Oper, was mir am Bild als vollkommen unsinnig und kindisch erschien und wunderte mich, daß ein so großer Mann unter den Umständen der sogenannten Wiedergewinnung der Souveränität Österreichs, die gemeinhin die Befreiung genannt wird, einen so gewaltigen Mist produzieren kann.

Jetzt erst verstehe ich das. Jetzt erst verstehe ich den nicht weiter verwunderlichen Erfolg der phantastischen Realisten in Wien, die in den 50er Jahren begannen, diesen pseudologischen, abstrusen Unsinn zu produzieren, der schon vom Entwurf her nichts als Imitation war, Plagiat ohne die Symbole des Manierismus zu verstehen, während der Surrealismus in Wien nicht ankam, der weit besser, authentischer und innovativer vorhanden war.

Talent zur Lüge

Dieser Vergleich zeigt auch am deutlichsten das österreichische Talent zur Lüge, zur Vorspiegelung und Täuschung, und deren entsprechende Empfänglichkeit im Publikum. Und heute hängen buchstäblich sogar im letzten Zimmer der Büros diese angeblichen Welterfolge der Malerei und Graphik, die nur deshalb als Welterfolg bezeichnet werden können, die in Österreich mit Welt überheblich gleichgesetzt wird.

Wenn wir schon von Kunst reden, ist die Kirche der 50er Jahre nicht weit. Da gab es den selbsternannten Kunstpapst und Prälaten Otto Mauer, der aus seinem Verhältnis zur Kunst mittels zynischer Rationalität eine Galerieleiterposition machte und seine Förderungen, die eingestandenermaßen heroische Leistungen gemessen an der allgemeinen Lächerlichkeit des sogenannten Kulturbetriebs waren, zu einem mystischen Verstellspiel zwischen Modernität und Antimodernität ausdrucksvoll gestaltete.

Nachdem allenthalben Otto Mauer zu den allseits verehrten Moderatoren moderner Kultur in Österreich zählt, fällt es schwer, die mondäne Stimmung wiederzugeben, die in der sogenannten Kirche als historische Institution und ihrer gedämpften Aufbruchsbereitschaft herrschte. Es war, in rückwirkender Betrachtung, nicht der Vormarsch des Seriösen, der Bereitschaft, neue Bestimmungen und Bewertungen durchzuführen, sondern die wirklich erlernte spektakuläre Täuschung von der Pike auf, die sofort wie eine Falle zuschnappte, hatte man versucht, sie beim Wort zu nehmen.

arrogier • bar

Nachweis hiefür liefert die ohnehin nur halb so dramatisch verlaufene Geschichte rund um die Wochenzeitschrift „Furche“, die eigentlich nur buchstäblich Eingeweihte kannten, aber dennoch ein Dorn in den Augen der josefinischen Amtskirche war.

So ist auch die Kirche in den 50er Jahren eine Anstalt gewesen, die zwar die Geschichte besser überdauerte als die Republik, aber bar jeder Fähigkeit, als Institution bestehen zu können. Sie arrogierte Hoheitsfunktionen gegenüber Gläubigen ohne glaubwürdig zu sein und war so josefinisch, daß sie das Konzil hart treffen mußte. Inzwischen hat sie diesen Schmerz insoferne überwunden, als sie sich begnügt, ihr dahingeschmolzenes Milieu zu betrauern.

Angesichts ihrer Funktionsverluste reagierte die Kirche in den 50er Jahren heftigst auf jene winzig kleinen Regungen, die sogar den Ehrentitel „Die Linkskatholiken“ bekamen, obwohl es nur drei Leutchen [*] waren, die in dem Irrtum lebten, in Österreich könne man so reden wie anderswo. Dieses Phänomen zeigt aber recht gut, daß in Österreich das Bewußtsein von Öffentlichkeit bei jenen, die schmeichlerisch als die Verantwortlichen bezeichnet werden, so gering ist, daß jedesmal nur eine Handvoll Menschen und oft nicht einmal so viel, den vielzitierten Sturm im Wasserglas sofort heraufbeschwören, ohne diese Wirkung von langer Hand vorbereitet zu haben.

realisier • bar

Solche Wirkungen entstehen eben einerseits in totalitären Systemen, wo schon ein Dissident den Bedrohungsfall darstellt, andererseits kommen sie dort vor, wo Schauspieler sofort aus der Rolle fallen, sollte jemand den gespielten Text auch realisieren. So schwach erweist sich dieses Milieu, weil es korrupt ist, heute noch mehr als vor 30 Jahren — der erste Korruptionsfall betraf ja in den 50er Jahren die Kirche, den bezeichnenderweise ein Mann namens Wimmer inszenierte — und so stark ist dieses Milieu wiederum, denn es ist auch hemmungslos in seiner Vernichtungskraft. Wäre es nicht auch außerordentlich unbarmherzig, würden sich mehrere finden, dieses Milieu zu durchbrechen, um die vielerorts anzutreffenden psychogenen Störungen einmal abzustreifen.

Was man heute als zu aller Überraschung für eine soziale Integration der Einwohner hält und amtlich zählt, ist nichts als eine Komplizenschaft in je einer Interessensgemeinschaft, wie wir sie seit der abrupten Auflösung der Leibeigenschaftsverhältnisse festhalten.

Die Stunde der Wahrheit

Sie werden fragen, warum ich Ihnen das erzähle. Ein Hauptgrund ist, daß mir an diesem Land fast nichts mehr liegt; es ist mir ein teures Schauspiel geworden, dessen Verrücktheit zu meiner zu werden drohte und schon aus Altersgründen muß man irgendwann beginnen, Atavismen abzulegen. Ein weiterer Grund ist, daß mich mit diesem Land keine Absichten verbinden, ich bin kein Zeithistoriker, und ich möchte eigentlich kein Hochstapler vom Fach sein. Ferner sollten wir uns klar sein, daß die österreichische Modernisierung des Lügens einmal zu kurze Beine haben wird und das Unglück von Neuem beginnt, wenn in diesem Land nach der Stunde der Wahrheit verlangt wird.

Untrennbar ist mit dieser Stadt ein Krimineller verbunden. Adolf H., aber nicht als einmalige Leistung einer einmaligen Zeit, sondern als latente Funktion latenter Kulturkriminalität.

Ehe für mich die schwere Entscheidung fällt, dieses Land denn doch zu verlassen, möchte ich in einem Kulturinstitut gesagt haben, daß die anatomische Realität dieses Landes Pathologien besitzt, die sich umgehend am Anatomen schadlos halten. Und übrigens waren der Opfer genug, die die Kontinuität der österreichischen Mysterienspiele nicht überlebten.

Mir erscheint es unwahrscheinlich, daß die so häufig betriebenen Totenbeschwörungen grundsätzlich und für immer nur erfolglos sein werden. Die Toten werden auferstehen, aber wer garantiert mir, daß es nur die Humanisten unter ihnen sein werden.

[*Daim, Heer, Knoll sen. —Red.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1983
, Seite 57
Autor/inn/en:

Reinhold Knoll:

Geboren 1941, ist Professor for Soziologie (mittlerweile im Ruhestand) an der Universität Wien.

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