FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 188/189
Günther Nenning

Rede in/über Spanien

Die Jugendrevolte als Zweig des Sozialismus

Das CEDI (Centre Européen de Documentation et d’Information) hat als Ehrenpräsidenten einen gewissen Otto Habsburg und ist dementsprechend verrufen. Die Einladung, auf dem CEDI-Jahreskongreß in Pareja (Spanien) über die neue Linke zu referieren, habe ich dennoch angenommen. Nachfolgend meine Gründe und der volle Text meines Referates.

I. Vorbemerkung

Sie haben mich eingeladen, über ein Thema zu referieren, das Sie mit ihren eigenen Worten „die allgemeinen ideologischen Gründe der Jugendrevolte“ nennen. Was Sie da verniedlichend und verharmlosend die „Jugendrevolte“ nennen, ist von großer Bedeutung, ob Sie sich dafür nun interessieren oder nicht. Da Sie sich nun dafür interessieren — Ihr ganzer Jahreskongreß ist diesem Thema gewidmet — scheint es mir gerecht, darauf hinzuweisen, daß die „Jugendrevolte“, abgesehen von ihrer generellen Bedeutung, überdies von spezieller Bedeutung für Sie hier ist, und zwar in dreifacher Hinsicht.

  1. Indem Sie sich mit der sogenannten „Jugendrevolte“ beschäftigen, beschäftigen Sie sich in Wahrheit mit einem Zweig des Sozialismus, mit dem neuesten und offenkundig recht lebenskräftigen Zweig jenes Sozialismus, der von konservativen Ideologen und Praktikern unermüdlich totgesagt und auch von nicht wenigen Sozialisten kaum noch als weltumspannende, zum Sieg bestimmte Bewegung begriffen wurde. In der sogenannten „Jugendrevolte“ leuchtet der Sozialismus wieder in altem Glanze, nämlich als radikale Erneuerungsbewegung von weltweitem Ausmaß.

    Die konservativen Gegner des Sozialismus müssen dies zur Kenntnis nehmen, zumindest dann, wenn sie als intelligente Gegner des Sozialismus gelten wollen.

  2. Das CEDI wird vermutlich nicht ablehnen, als eine Vereinigung gekennzeichnet zu werden, die sich konservativen Traditionen verpflichtet fühle. Dann aber ist es für Sie vielleicht nicht uninteressant, daß die sogenannte „Jugendrevolte“ sich mit einem Sozialismus nicht zufriedengibt, der bloß den liberalen Parteienstaat bewahren und ausbauen will, wie dies die bisherige Praxis der sozialdemokratischen Parteien ist. Die „Jugendrevolte“ gibt sich auch nicht zufrieden mit einem Sozialismus, der bloß den liberal-bürgerlichen Kapitalismus einholen und überholen will, wie dies die bisherige Praxis der kommunistischen Parteien ist. Die sogenannte „Jugendrevolte“ rekurriert vielmehr auf den ursprünglichen Marxismus, insbesondere auf den jungen Marx; damit rekurriert sie auch — und hier wird die Sache für Sie als konservative Gegner des Sozialismus interessant — auf jene historische Wurzel, die Karl Mannheim die konservative Wurzel des Marxismus genannt hat:

    Die Jugendrevolte ist, wie der ursprüngliche Marxismus, antiliberal im Sinne einer radikalen Kritik an der liberal-kapitalistichen Demokratie, sie hält die parlamentarische Demokratie für bloße Scheindemokratie. In dieser Hinsicht teilt sich die klassische konservative Kritik am liberalen Parlamentarismus.

    Die Jugendrevolte ist ferner antiliberal im Sinne einer radikalen Kritik an der liberal-kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft. Auch in diesem Punkt teilt sich die konservative Kritik am liberalen Kapitalismus als einer Ordnung, vielmehr Unordnung, in der die materiellen Werte zuoberst, die ideellen zuunterst stehen.

  3. Wenn das CEDI im Hause des Gehenkten vom Strick spricht, nämlich einen Kongreß über die extrem linke Jugendrevolte ausgerechnet in Spanien durchführt, dann muß es für Sie auch interessant sein, daß diese Jugendrevolte ein unversöhnlicher Gegner des Faschismus ist, hier in Spanien und überall sonst, einschließlich jener faschistoiden und vielleicht präfaschistischen Spielarten, die in den sogenannten westlichen Demokratien auftreten. In diesen Demokratien zeichnet sich ein „Faschismus der Mitte“ ab, der nicht mehr oder nicht nur mit dem klassischen, plumpen Mittel des Faschismus arbeitet: Verweigerung von Presse- und Meinungsfreiheit, Folter, Gefängnis, Lager, wie dies hier in Spanien der Fall ist, sondern statt dessen oder daneben mit den raffinierteren Methoden einer totalen Vergiftung der Seelen, einer totalen Manipulation der Gehirne.

    Verglichen mit dem Erfolg dieser sozusagen sanften, gewaltlosen Faschisierung ganzer Bevölkerungen, wirkt, das muß man zugeben, der spanische Faschismus, der eine mehrheitlich gegen ihn eingestellte Bevölkerung mit polizeilichen und militärischen Mitteln niederhält, antiquiert und zukunftslos. [1]

Ich akzeptierte die Einladung des CEDI, über die Jugendrevolte zu sprechen, einfach deshalb, weil es mir witzlos erscheint, wenn immer nur Schwarze mit Schwarzen reden, Rote mit Roten, Christen mit Christen usw. Gerade als Christ kann und muß ich mit allen Menschen sprechen, die guten Willens sind, sogar mit solchen, die bösen Willens sind.

Ich zahle dafür den Preis, bei meinen sozialdemokratischen Parteigenossen und bei meinen Freunden von der neuen Linken ein bißchen unpopulär zu sein. Das einladende CEDI zahlt dafür den Preis, daß ich hier in aller Offenheit als Christ, Marxist und Antifaschist spreche.

II. Die Jugendrevolte als Neue Linke kontra Alte Linke

Wenn Sie nach den allgemeinen ideologischen Gründen der Jugendrevolte fragen, so läßt sich darauf zunächst mit einem einzigen Satz antworten: der allgemeine ideologische Grund der Jugendrevolte ist der Sozialismus.

Seit mehr als 100 Jahren rennt der Sozialismus gegen den Kapitalismus an. Welle auf Welle ist versandet, die Jugendrevolte ist die jüngste derartige Welle, die einzige, die für sich in Anspruch nehmen kann, noch nicht gescheitert zu sein, unter anderem einfach deshalb, weil sie noch nicht gesiegt hat.

Natürlich ist es eine große Vereinfachung zu sagen: Aller bisheriger Sozialismus ist versandet, ist gescheitert. Der christliche Sozialismus — von seinen frühen Formen in England und Frankreich über die mächtigen christlich-sozialen Bewegungen in Deutschland und Österreich bis zu den päpstlichen Sozialenzykliken — hat sehr respektable historische Leistungen vollbracht.

Desgleichen und noch mehr die Sozialdemokratie.

Unübersehbar sind auch die Erfolge der sowjetkommunistischen Variante des Sozialismus.

Desgleichen die Erfolge des Sozialismus der dritten Welt, etwa in China, Vietnam und Kuba.

Während aber der Kapitalismus die ihm historisch vorangegangene Formation des Feudalismus überall zum Erliegen brachte, ist dies dem Sozialismus mit dem Kapitalismus bisher nicht gelungen. Alle Erfolge der diversen bisherigen Formen des Sozialismus haben den Kapitalismus nicht nur nicht besiegt, sondern sogar stärker gemacht: indem der Kapitalismus auf die christlich-soziale, die sozialdemokratische, die kommunistische Herausforderung jeweils die Antwort fand, nämlich das lebensrettende Minimum an Reformen durchführte, hat er — entgegen allerlei sozialistischen Theorien über sein Absterben — beneidenswerte Elastizität und Lebenszähigkeit bewiesen.

Damit verglichen waren alle bisherigen Erfolge des Sozialismus nur Teilerfolge. Selbst diese wurden erkauft um den Preis einer erschreckenden Verzerrung des Sozialismus. Das ist unübersehbar, mißt man die Praxis der diversen Sozialismusformen am idealen Zielbild des Sozialismus.

Der christliche Sozialismus hat sich relativ bald in demoralisierende Bündnisse mit dem Kapitalismus eingelassen. Er blieb eine Theorie ohne ein ausreichendes Maß dementsprechender Praxis.

Die Sozialdemokratie hat den Kapitalismus gründlich verändert, ihn aber nirgendwo besiegt, sie lebt mit ihm in Symbiose und trägt geradezu zu dessen Funktionieren bei.

Der Kommunismus, bei all seinen unbestreitbaren Aufbau- und Ausdehnungserfolgen, hat einen schauderhaften Tribut an die Hinfälligkeit idealen Strebens entrichtet: Blut, Terror, Lüge, diktatorische, militärische, imperialistische Entartung.

Dementsprechend macht die Jugendrevolte als neue Linke Front gegen die gesamte alte Linke: Christlicher Sozialismus, Sozialdemokratie, Kommunismus in seinen bisherigen Formen. Die neue Linke verwirft die alte Linke mit jener jugendlichen Gründlichkeit, der kein Urteil scharf genug ist. Das Urteil der neuen Linken über die alte Linke lautet pauschal: „Ihr habt nicht gesiegt, ihr habt versagt; ihr wart nicht konsequent, ihr habt Kompromisse mit dem Kapitalismus geschlossen; ihr habt alte Herrschaftsformen besiegt, aber dafür neue Herrschaft aufgerichtet, neue Ausbeutung, neue Entfremdung, neue Entmenschlichung produziert; ihr habt den Sozialismus verraten.“

Die Jugendrevolte ist Sozialismus, daher Antikapitalismus. Aber charakteristisch ist für sie der Zweifrontenkrieg. Sie kämpft nicht nur gegen den Kapitalismus in allen seinen Formen, sondern gegen die alte Linke in allen ihren Formen, und zwar mit insgesamt nicht geringerer Unerbittlichkeit als gegen den Kapitalismus; nicht selten sogar mit noch größerer Unerbittlichkeit, denn es handelt sich ja um einen ideologischen Familienstreit, und da passiert das eben.

Die speziellen Anklagepunkte der neuen Linken gegen die alte Linke lauten:

Gegen den christlichen Sozialismus (linker Flügel in den christlich-demokratischen Parteien, christliche Gewerkschaftsbewegungen, Linkstendenzen in den päpstlichen Sozialenzykliken, zum Beispiel „Populorum progressio“) wendet sich die neue Linke wegen der bloß sanftrosa Färbung dieses Sozialismus. Sie kritisiert den konstanten Versuch, wenigstens gewisse Spielarten des Kapitalismus zu retten, indem man diesen „sozial“ aufmöbelt. Sie verweist auf die Diskrepanz zwischen verbal halbwegs „linker“ Theorie und unveränderter Praxis der Allianz mit kapitalistischen Partnern.

Die katholische Amtskirche, gemäß neulinker Analyse, lebt teils selbst more capitalistico, teils unterstützt sie in ihrer Praxis Ruhe und Ordnung des kapitalistischen Systems, wendet sich mit unfehlbarem obrigkeitlichem Instinkt gegen alle und jede revolutionäre Bewegung.

Gegen die Sozialdemokratie wendet sich die neue Linke mit der Anklage, sie sei in das kapitalistische, bürgerlich-parlamentarische System als Partei unter Parteien längst total integriert, fühle sich darin auch noch wohl.

Die Sozialdemokratie wolle gar nicht mehr heraus aus ihrer wohlgepolsterten, pfründenreichen Position als Juniorpartner des spätkapitalistischen Systems. Ihr Reformismus sei systemimmanent am jeweils nächsten Wahlerfolg orientiert, nicht mehr systemtranszendent am Sturz des Kapitalismus, Aufbau des Sozialismus. Sie operiere gänzlich innerhalb des bürgerlichen Parlamentarismus, transzendiere das kapitalistische System nicht einmal mehr theoretisch. In der Praxis optimiere sie es sogar: ohne reformistische Sozialdemokratie, die um die Gegenleistung von ein paar Reformen und vielen fetten Posten die Arbeiter ruhig halte, würde der Spätkapitalismus schlechter funktionieren als mit ihr.

Der von den Sozialdemokraten fetischisierte Lebensstandard der Arbeiter in der Konsumgesellschaft sei Teilnahme am Profit, insbesondere am Profit aus Auspowerung der dritten Welt, Komplicenschaft mit dem Kapitalismus, Verrat an der sozialistischen Revolution um das Linsengericht eines, gemessen am kapitalistischen Reichtum, lächerlichen Wohlstandes.

Die Sozialdemokratie habe an der bestehenden Ordnung prinzipiell nichts mehr auszusetzen, schlage nur noch gewisse Verschönerungen vor, feiere die parlamentarische Parteiendemokratie als die Demokratie schlechthin und denunziere dementsprechend die neue Linke, die eine andere, demokratischere Demokratie wolle, als faschistisch.

Gegen den Kommunismus, wie ihn die so benannten Parteien vertreten, erhebt die neue Linke Anklage in folgenden Varianten:

Gegen die westlichen KPen:

Anpassung an das kapitalistisch-parlamentarische System, Sehnsucht nach Teilnahme an der Regierung innerhalb dieses Systems, somit: „Sozialdemokratisierung“ des Kommunismus. Wann immer Revolution ausbricht oder sich auch nur nähert (Frankreich, Lateinamerika), finde man die lokale KP auf seiten von Ruhe und Ordnung des etablierten Systems.

Gegen die sowjetische Partei samt Satelliten:

Repression nach innen, gleich oder schlimmer als im kapitalistischen System; Wettbewerb mit diesem System hinsichtlich Erreichung oder Perfektionierung der Wohlstands-, Konsum- und Leistungsgesellschaft; nach außen: wie die Sozialdemokratie und die westlichen KPen innenpolitisch mit dem kapitalistischen System friedlich koexistieren, so die Sowjetunion samt Satelliten außenpolitisch mit der kapitalistischen Hauptmacht, den USA, samt Satelliten.

„Friedliche Koexistenz“ der beiden Supermächte heißt: zulassen, daß die USA in ihrer Machtsphäre revolutionäre Bewegungen unterdrücken, isolieren oder mit Krieg überziehen (Lateinamerika, China, Kuba, Vietnam); keine oder unzureichende sowjetische Unterstützung für revolutionäre Bewegungen (Vietnam) — als Gegenleistung darf die Sowjetunion in ihrer Machtsphäre oppositionelle Regungen ersticken (Ungarn, ČSSR), ohne daß die USA diesen ihre Unterstützung leihen.

Das verbale Ritual wechselseitiger Beschimpfungen bleibt hiervon unberührt. Es ist aber, gleichlaufend mit der realen Verbrüderung US—SU, eher im Abflauen.

„Friedliche Koexistenz“ ist Koexistenz zweier Monolithe, die nach außen Frieden halten, weil sie müssen (sie können aus waffentechnischen Gründen einander nicht an die Gurgel), nach innen aber führen sie Krieg nach Belieben: sie massakrieren alles, was ihnen nicht paßt, innerhalb ihres Imperiums. Die Pax Russo-Americana geht auf Kosten der Kleinen, der Oppositionellen, der Revolutionäre, insbesondere in der dritten Welt. Die Sowjetunion verrät die Weltrevolution durch ihr Bündnis mit dem Kapitalismus, genannt „Friedliche Koexistenz“. Begleitmusik ist die Heuchelei, daß dies aus Friedensliebe geschehe wogegen es Weltfrieden erst geben kann nach revolutionärem Sturz des Kapitalismus überall in der Welt.

Gegen den Reformkommunismus in „West“ und „Ost“:

Die westlichen KPen verwässern den Sozialismus, indem sie sich in das vorhandene kapitalistische System einfügen; die östlichen Reformkommunisten verwässern den Sozialismus, indem sie kapitalistische Elemente wieder einführen, wie Leistungskriterien, Wettbewerb, Marktwirtschaft (Paradebeispiele Jugoslawien und ČSSR 1968, aber auch die neue ökonomische Politik in der DDR und Ungarn, die Ideen der sowjetischen Manager und Technokraten à la Liberman).

Angesichts dieses so reichhaltigen Repertoires an Gegensätzen zwischen der alten und der neuen Linken, einschließlich der bisherigen Formen des Kommunismus, bedarf es einer gehörigen Portion bösen Willens oder Ignoranz, die Jugendrevolte mit dem Kommunismus einfach in einen Topf zu werfen. Es sei denn, man akzeptiert die — gerade auch hier in Spanien — beliebte Definition: Kommunist ist, wer der Regierung nicht zu Gesicht steht.

III. Die Jugendrevolte als Sozialismus kontra Kapitalismus

Die Jugendrevolte legitimiert sich als Sozialismus, insbesondere durch ihre Frontstellung gegen den Kapitalismus, und dies mit einer Radikalität, wie sie der Sozialdemokratie längst abhanden kam und auch beim Kommunismus nicht mehr so recht im Schwange ist.

Der radikale Antikapitalismus der Jugendrevolte hat seine Pikanterie darin, daß er hauptsächlich von Söhnen und Töchtern des Bürgertums vorgetragen wird.

Politisch kommen die Studenten der neuen Linken teils aus der Sozialdemokratie (insbesondere in Westdeutschland und Österreich), teils aus dem Kommunismus, teils aus dem christlichen Sozialismus (starke Kontingente der amerikanischen, britischen, westdeutschen neuen Linken werden von aktiven Protestanten und Katholiken gestellt, einschließlich junger Theologen und junger Priester).

Daß die meisten neulinken Studenten, wo immer sie politisch stehen, aus bürgerlichen Familien kommen, macht ihren Kampf in doppelter Hinsicht zu einem Familienstreit und daher doppelt erbittert: sie kämpfen gegen den Kapitalismus der bürgerlichen Generation, von der sie sozial abstammen, sie kämpfen gegen die alte Linke, von der sie politisch abstammen.

Übrigens stammt ein beachtlicher Teil neulinker Jugend auch sozial aus Familien arrivierter, verbürgerlichter Vertreter der alten Linken. Junge Bürgersöhne machen, fast zweihundert Jahre hinter der ersten, eine zweite bürgerliche Revolution, diesmal gegen das Bürgertum.

Die Jugendrevolte ist tendenziell eine echte Revolution, wenn man unter Revolution nicht das Thema einer von Angst und Schrecken geprägten Diskussion versteht, ob soziale Veränderungen langsam oder auch plötzlich, gewaltlos oder auch gewaltsam stattfinden sollen oder dürfen, sondern einen nüchternen, von historischer Empirie inhaltlich geprägten Begriff: Revolution hieß einst Sturz der feudalen, Aufrichtung der bürgerlichen Gesellschaft, Revolution heißt heute Sturz der kapitalistischen, Aufrichtung der sozialistischen Gesellschaft; ob langsam oder plötzlich, ohne oder mit Gewalt, ist kein definitorisches Problem, sondern ein praktisches, strategisches, humanistisches.

Die Jugendrevolte ist noch nicht Revolution im Stadium der gesellschaftlichen Verwirklichung, sondern vorerst geistige Revolution, Bewußtseinsrevolution: Abschaffung des Kapitalismus, Errichtung des Sozialismus in den jungen Köpfen. Es ist Revolution in ihrer ersten, aus der Geschichte wohlbekannten Phase der ätzenden, zersetzenden „Aufklärung“: radikale Systemkritik, das heißt Kritik, die bis an die Wurzeln des Systems geht, das bestehende System mitsamt seinen Wurzeln ausreißen will im Hinblick auf das große Zielbild einer neuen, besseren, menschlicheren Gesellschaft.

Es bleibt kein Stein auf dem anderen. Das ganze Gebäude ist in den Köpfen dieser Jugend bereits eingestürzt. Wie lange kann es draußen in der Realität noch bestehen, wenn es drinnen in den Köpfen der kommenden Generation schon kaputt ist?

Was diese Jugend an radikaler Kritik vorzubringen hat, sei allen „Erwachsenen“ empfohlen. Was an Schuppen von jungen Augen fiel, kann auch uns in mancherlei Beziehung helfen. Wir blicken in einen Spiegel, sieh da, unsere rufenden Kinder haben recht: wir sind Kaiser, die keine Kleider anhaben.

1. Politische Revolution

Immer mehr junge Menschen denken und handeln politisch, das heißt nicht als Privatmenschen, sondern mit Blick auf die Gesellschaft (Politeia). Die Jugend wird politisiert.

Gewiß nicht die Jugend ist in Bewegung, nur eine Vorhut, eine kleine Minderheit. Die große Mehrheit ist so dumpf und stumpf wie zuvor. Aber es handelt sich um eine wachsende Minderheit.

Der Satz „Die Jugend wird politisiert“ enthält nur grammatisch ein Passivum. Niemand politisiert die Jugend im Sinn der auf konservativer, aber auch sozialdemokratischer Seite beliebten Agententheorie, mit der insbesondere den Kommunisten unverdiente Ehre angetan wird; keine denkbaren radikalen Drahtzieher sind so radikal wie diese Jugend selbst. Sie politisiert sich selbst: angesichts des Versagens der alten Linken, angesichts der fortdauernden Unmenschlichkeit des Kapitalismus, insbesondere in seiner Erscheinungsform als Imperialismus.

Gerade daß diese Jugend aus eigener Kraft eine politische ist, gerade das erzeugt Heulen und Zähneknirschen bei den etablierten Politikern, ob konservativ, sozialdemokratisch, faschistisch. Der Satz „Junger Mensch, interessier dich für Politik!“ bedeutet für einen Politiker primär: „Junger Mensch, interessier dich für meine Politik“, wähle mich, unterstütze mich, kämpfe für mich, stirb für mich! Nichts dergleichen will diese politisierende Jugend.

Die Politiker der „Demokratie westlichen Stils“ haben sich jahrelang die Kehle wund geredet, um an das politische Interesse der Jugend zu appellieren. Jetzt interessiert sie sich, aber andersherum, nicht in den parlamentarisch-demokratishen Kram passend.

Die Ehrlichen, also die Minderzahl der Politiker, sagen das rundheraus.

(Bitte um Entschuldigung, im nächsten Heft kommen NOCH fünf Seiten.)

Eindrücke

1. Natürlich war dieser Kongreß — 120 Leute aus 18 Ländern — mit dem Titel „Die Revolte der Jugend“ eher eine Revolte der Alten gegen die Jugend. Aber das Maß an Unverständnis war in diesem konservativ-aristokratischen Milieu nicht größer als unter liberaldemokratischen, sozialdemokratischen oder kommunistischen Alten Herren.

2. CEDI-Generalsekretär Georg Gaupp-Berghausen, Österreich, war mit Mut und List wirklich um Dokumentation und Information bemüht; fast alle von ihm besorgten Referenten (aus Spanien, Westdeutschland, USA, Frankreich) brachten viel Fakten und wenig Polemik.

3. Unter den zahlreichen jungen Teilnehmern, vor allem aus Spanien, Portugal, Frankreich, Westdeutschland, Österreich, waren befremdend viele potentielle Neulinke, sei’s auch aristokratischen Ursprungs. Ein junger Portugiese, der erklärte, mit mir total einverstanden zu sein, begann diese Erklärung mit dem Satz: „Ich habe zum erstenmal in meinem Leben einen Sozialisten gesehen.“

3a. Daß die neue Linke potentiell quer durch die alten Lager geht, wußte ich bereits. Seit diesem CEDI-Kongreß glaube ich beinahe, daß die neulinke Infektion sogar den einen oder anderen jüngeren Sproß der Familie Habsburg erwischt hat.

G. N.

Gestohlene Show

Don Günther in Spanien ... DDr. Günther Nenning hat es geschafft: Sein Ruhm als Enfant terrible ist nun auch außerhalb Österreichs gefestigt. Beim 18. Jahreskongreß von Otto von Habsburgs ‚Europäischem Dokumentations- und Informationszentrum‘ (CEDI) in Pareja, 128 Kilometer östlich von Madrid, stahl er den konservativen Rednern die Show.

Berichtete ‚Wochenpresse‘-Korrespondent Hermann Deml aus Madrid: ‚In den politischen Salons der spanischen Hauptstadt gab es tagelang nur einen Gesprächsstoff: den Wirbel, den das Auftreten des österreichischen Sozialisten bei der Tagung des CEDI ausgelöst hat.

„Wochenpresse“, Wien, 2. Juli 1969

Verschmitzte Presse

Gestützt auf die Erklärung eines regierungsoffiziellen spanischen Kongreßteilnehmers, man könne in Spanien alles drucken, was G. N. auf dem Kongreß gesagt habe, als Beweis, daß es in diesem Land Freiheit gebe, brachte die spanische Presse lange Auszüge aus obigem Referat — mit verschmitzten Schlagzeilen wie „Das schwarze Schaf des Kongresses“, „Explosive Rede eines Sozialisten“, „Ein Christ, Marxist und Antifaschist“, „Jugendrevolte, ein Zweig des Sozialismus“.

In der Zeitung der Staatspartei, „Arriba“ (15. Juni 1969), wurde daraufhin nicht nur G. N. kritisiert, sondern auch diese so verschmitzt berichtende Presse:

Nenning wäre, wenn er nicht einen wütenden Angriff auf Spanien unternommen hätte, in der spanischen Presse nur unter Ferner liefen erwähnt worden.

Ohne Parteigericht

Während DDr. Bruno Pittermann in Eastbourne zum Präsidenten der Sozialistischen Internationale wiedergewählt wird, tritt DDr. Günther Nenning zum erstenmal in Pareja (Spanien) bei der „reaktionären Internationale“ (so die „Arbeiter-Zeitung“) auf.

Der Neokatholik und verhinderte christliche Gewerkschafter mit sozialistischer Parteiheimat wird am 12. Juni bei der XVIII. Vollversammlung des CEDI als Koreferent für Dr. Otto Habsburg agieren. Thema: „Die allgemeinen ideologischen Gründe für die Jugendrevolte.“

1966 strapazierten die Sozialisten sogar das Parlament, weil sie wissen wollten, ob Staatssekretär Dr. Karl Gruber beim „Centre Européen de Documentation et d’Information“ war, dessen Präsident Dr. Habsburg sei.

Nun kann das sozialistische Enfant terrible sogar zur „Habsburg-Organisation CEDI“ fahren, ohne mit einem Parteigericht rechnen zu müssen.

„Wochenpresse“, Wien, 9. Juni 1969

Zitate des hl. Paulus

Star dieses Kongresses war, obgleich man das nicht allzu ernst nehmen soll, der Herausgeber der österreichischen Zeitschrift NEUES FORVM, Günther Nenning. Er stellte sich als Katholik und Marxist vor. Sein Auftreten während der Konferenz war eher durch Glück als durch Geschicklichkeit gekennzeichnet.

Er wandte sich am letzten Tag der Konferenz an diese mit einem Appeil, daß es notwendig sei, die Worte des Christentums zu revitalisieren; als Mitarbeiter der Wiener Synode sagte er, man müßte die christlichen Werte als ein Zentrum begreifen, welches die Werte mit einbegreift, die von der ungeduldigen Jugend proklamiert werden.

Hinsichtlich der Haltung der bestehenden Gesellschaft gegenüber der Jugendrevolte fragte er die Konferenz: „Waren wir nicht auf perverse Weise Christen? Wir haben nicht den Splitter im fremden Auge gesehen — im Auge der Jugend —, und haben wir nicht vergessen auf den Balken in unserem eigenen Auge?“ Er brachte einige weitere Zitate des heiligen Paulus bei und forderte die Konferenz auf, dem Weg Christi zu folgen.

Ein Kongreßteilnehmer sagte, wie denn ein Marxist von Christus reden und uns moralische Lektionen erteilen könne. Auch ich bin nicht mit Nenning einverstanden; erstens weil ich jung bin und daher versuche, daß die Jugendrevolte mehr bedeutet als Zitate, zweitens weil ich gelernt habe, daß man wohlerzogen sein muß ...

Jesus Perez Varela, „Arriba“, Madrid, 15. Juni 1969

Hinter den Kulissen

Wir sollten vorweg zugeben, daß die leidenschaftlichen Kommentare hinter den Kulissen dieses Kongresses, an dem prominente Intellektuelle und Politiker teilnahmen, sich auf die Ausführungen von Günther Nenning konzentrierten, der sich als Christ und Marxist vorstellte.

Rafael Gonzales, „Ya“, Madrid, 16. Juni 1969

[1Eine längere Reihe von Rednern befaßte sich mit meinem Urteil über den Faschismus in Spanien. Ich gab darauf die folgende Antwort: „Alle Redner, die das spanische Regime verteidigten, wandten sich gegen meine Behauptung, dies sei ein faschistisches Regime. Ich halte es prinzipiell für positiv, daß niemand als Faschist gelten will. In den dreißiger und vierziger Jahren war das anders. Ferner wurde mir versichert, durch einen offenkundig zuständigen spanischen Redner von Regierungsseite, mein Referat werde in Spanien im Wortlaut veröffentlicht und verbreitet werden. Das ist schön. Ich habe nur den zusätzlichen Wunsch, daß diese Veröffentlichung mit einer Fußnote versehen wird, in welcher nicht diskutiert wird, ob Spanien faschistisch sei oder nicht, sondern Antwort gegeben wird auf meine nun folgenden konkreten Fragen:
1. Gibt es Oppositionsgruppen, denen verfassungsgesetzliche Freiheitsrechte garantiert sind?
2. Gibt es gewerkschaftliche Organisationen, denen solche Freiheitsrechte garantiert sind?
3. Gibt es sozialistische und/oder kommunistische Organisationen, denen solche Rechte garantiert sind?
4. Gibt es Meinungs- und Pressefreiheit?
5. Wie steht es mit dem Ausnahmezustand in diesem Land?
6. Wie groß ist die Zahl der politischen Häftlinge in Gefängnissen und Lagern?
6a. Wie groß ist die Zahl der katholischen Priester, die von der Regierung gefangen gehalten werden?“
Natürlich blieb die Antwort aus.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1969
, Seite 492
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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