FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 243
Marcel Barang

Rassenkampf statt Klassenkampf?

Was das Attentat von Marseille für Westeuropa ankündigt

Am 14. Dezember 1973 explodierte eine Plastikbombe im algerischen Konsulat in Marseille: vier Tote, einige Dutzend Verwundete. Bewafinete Kampfgruppen der Ordre Nouveau knallen Araber ab: 47 im Jahr 1973. Ein neuer Rassismus steht uns bevor.

Der amerikanische Historiker Raul Hilberg hat in einer vergleichenden Studie der Genozide bis zum Mord an den Juden den immer wiederkehrenden Verlauf einer rassistischen Eskalation dargestellt: erster Schritt Definition des Feindes, zweiter Schritt seine Absonderung, drittens Ausweisung, viertens Konzentration und Abschließung, fünftens Tötung. Die sogenannte Gastarbeiterpolitik der europäischen Regierungen bewegt sich von Stufe drei in Stufe vier; Barang konstatiert in Marseille eine gezielte Raum- und Sammlungspolitik, deren letzte Konsequenz das KZ ist. Gewisse mittelständisch-faschistoide Fraktionen der Bourgeoisie operieren bereits in Phase fünf.

1 Rassistenbabel Marseille

„In Marseille gibt es heute weniger Rassismus als früher.“ Diese Behauptung des sozialistischen Bürgermeisters Gaston Deferre deckt sich auffallend mit jener Präsident Pompidous: „In Frankreich gibt es keinen Rassismus.“ Merkwürdige Blindheit — bei dem einen aus außenpolitischen Rücksichten, bei dem anderen aus wahltaktischen Erwägungen.

Die Millionenstadt Marseille ist die einzige französische Großstadt, wo die Gastarbeiter im Zentrum wohnen. Mitten im Herzen der „Hauptstadt Südeuropas“, im dichtbevölkerten Stadtviertel Sainte-Barbe, auf beiden Seiten der rue d’Aix, wohnt ein großer Teil der Eingewanderten. Sainte-Barbe mit seinen baufälligen Häusern, seinen Kramläden, seinen Kuskus-Küchen, seiner an den Fenstern zum Trocknen aufgehängten Wäsche, seinen öffentlichen Schreibern, zwei Schritte von der Canebière und dem Alten Hafen — das ist die Anlaufstelle des nordafrikanischen Immigranten, hier finden sie Unterkunft in düsteren, überfüllten Quartieren. Hier ist auch die arabische „Nachrichtenbörse“, wo man die jüngsten Neuigkeiten erfährt und die ersten Tips über die Arbeits- und Lebensbedingungen im „Gastland“ bekommt. Für die Nordafrikaner ist es der „Suk“, der Wohlstand.

Manche behaupten (namentlich der Bürgermeister, der stolz erklärt, während des Algerienkrieges habe es in Marseille nie „Rattenjagden“ auf Araber gegeben), der traditionell kosmopolitische Charakter der Stadt sei ein Damm gegen den Rassismus. In Marseille leben, offiziellen Zählungen zufolge, 100.000 Ausländer — ein Zehntel der Einwohnerschaft —, von denen 40 Prozent Nordafrikaner sind, hauptsächlich Algerier; die übrigen sind Italiener und Spanier. Faktisch ist jeder zweite Bewohner Marseilles ein Zugewanderter armenischer, griechischer, italienischer, spanischer Herkunft, und auch die andere Hälfte besteht nicht nur aus autochthonen Marseillern, sondern aus Korsen (100.000), Bretonen, Normannen, Elsässern, Lothringern ... In kultureller Hinsicht stehen die Italiener und die Griechen den Ur-Marseillern zweifellos näher als die Bretonen oder die Lothringer.

Wie auch immer, 1974 ist nicht mehr 1956 oder 1962. Seit dem Ende des Algerienkrieges hat Marseille ein starkes Kontingent von „Schwarzfüßen“ (pieds noirs, französischen Algeriern) aufgenommen, nämlich 60.000 — nach Nizza das größte Kontingent. In jüngerer Zeit ist in der Einwanderung ein quantitativer und qualitativer Wandel eingetreten. Einem Bericht der Marseiller Handelskammer zufolge ist zwischen 1968 und 1972 die Zahl der Algerier und Tunesier um die Hälfte und die der Marokkaner fast auf das Doppelte gestiegen. [1] Außerdem wachsen die Familien der Immigranten. Zwischen 1971 und 1972 hat die Zahl der eingewanderten Frauen und Kinder sich versechsfacht. Die meisten Gastarbeiter ziehen es vor, ihre Familien erst nachkommen zu lassen, wenn sie sich eine Existenz geschaffen haben. Das Familienleben trägt ausgeprägt arabischen Charakter und unterscheidet sich von dem in Frankreich üblichen mehr als beispielsweise die spanischen oder griechischen Sitten. Besonders schockiert es die Marseiller, daß es im Herzen ihrer Stadt so viele „wilde Ehen“ gibt!

„Wenn in einem Stadtviertel der Prozentsatz der Ausländer eine gewisse Höhe überschreitet“, so interpretierte Deferre die zweifelhafte Theorie von der „Toleranzschwelle“, „dann ziehen die Franzosen fort; sie fühlen sich nicht mehr zu Hause.“ Überdies führt auch die hohe Arbeitslosigkeit (sie betrifft „Einheimische“ ebenso wie „Zugereiste“) zu Reibungen mit dem ortsansässigen Proletariat. Die Kriminalität bei einer Randschicht der Gastarbeiter — harmlos im Vergleich zu der in der klassischen Marseiller Unterwelt — erzeugt eine Atmosphäre der Unsicherheit und des Argwohns, einen idealen Nährboden für Rassismus.

2 Aus OAS wurde Polizei

Hätte das Attentat auf das algerische Konsulat auch dann stattgefunden, wenn die Schuldigen der Arabermorde von August und September 1973 gefaßt worden wären? Bis jetzt scheint die Marseiller Polizei in ihren Ermittlungen nicht mehr zuwege gebracht zu haben, als einige der Festgenommenen entfliehen zu lassen, was Wasser auf die Mühlen der rassistischen Rechtsextremisten war. Ist diese Ergebnislosigkeit, diese anscheinende Untätigkeit verwunderlich? In der Marseiller Polizei gibt es viele pieds noirs, manche auf Schlüsselposten, alte „Rattenjäger“, die sich nach dem französischen Algerien zurücksehnen. Das ist in der Tat so wohlbekannt, daß Paris, um etwas zu tun, Verstärkungen aus Lyon und aus der Hauptstadt geschickt hat. Aber was für welche: Spezialisten der „Überseebrigade“, die von den Gastarbeitern „antiarabische Brigade“ genannt wird.

Zwei Polizisten halten zur Zeit ständig vor dem neuen Sitz des algerischen Konsulats in der rue Pavillon Wache. Auch die Vertretungen der USA und Israels sind stets unter Polizeischutz gewesen, aber seltsamerweise wurde die Bewachung der letzteren einige Tage nach dem Attentat in der rue Dieudé unterbrochen. Ein merkwürdiges Versehen. Obwohl die „Aktionsgruppe Charles Martel“ sich zu dem Attentat bekannte, erklärte Polizeipräfekt Heckenroth (als die Ermittlungen eben erst begonnen hatten!), er sei überzeugt, daß es sich um keinen „rassistischen Anschlag“ handle. Die Gruppe „Charles Martel“ inspiriert sich, wie ich hörte, nicht nur am historischen Sieger über die Mauren, sondern auch an einem anderen Martel mit Vornamen Robert, der 1956 Führer der „Front d’Algerie Française“ in Algerien war. Stimmt es, daß dieser seit dem Attentat unauffindbar ist? Was tut die Polizei, um ihn auszuforschen?

Stimmt es, daß Kriminalkommissar Gonzalvez, der die Ermittlungen in Marseille leitet, im Algerienkrieg den Posten Bab El-oued befehligte und überdies Mitglied der OAS war?

Stimmt es, daß die Marseiller Zeitung Minute gewisse Informationen von einem Verantwortlichen der Überseebrigade erhalten hat? Stimmt es, daß Kommissar Goujon Journalisten zu sich berief und sie ersuchte, ohne Nennung der Quelle die Nachricht zu verbreiten, daß die Polizei dreizehn Verhaftungen in Kreisen der extremen Rechten vorgenommen habe? Dieser Tip erwies sich sehr bald als falsch, doch machte er 24 Stunden lang glauben, die Polizei „tue ihre Pflicht“.

Zwei Tage nach diesem ersten Täuschungsmanöver meldete die Minute, der Attentäter könnte ein „Harki“, ein Algerier gewesen sein, der bei der Bombenexplosion den Tod gefunden habe. Zugleich „enthüllte“ der Méridional — La France, [2] daß drei Nordafrikaner gefaßt worden seien; einer von ihnen, ein Schweißer bei La Ciotat, habe die Bombe gemacht. Am selben Tag wollte das „Comité de Défense des Marseillais“ (eine Gruppe, die früher ihr Büro am Sitz der inzwischen verbotenen Ordre Nouveau hatte und sich dann auf einen diskreteren Ort zurückgezogen hat) in einem Kommuniqué die Polizei zu ihrer Tüchtigkeit beglückwünschen, aber die Staatsanwaltschaft dementierte alle Gerüchte.

Während die Polizei an manchen Abenden im Araberviertel patrouilliert und Verdächtige durchsucht oder der Form halber bei Europäern in gewissen Bezirken Erhebungen vornimmt, belastet sie mittels faulen Tips an die Presse stets Nordafrikaner, ohne jene zu erwähnen, die doch am ehesten in Betracht kommen: die alten OAS-Leute und die unverbesserlichen Faschisten, die auch in der Polizei ziemlich zahlreich sind.

Aber nicht nur der Polizei gilt das Mißtrauen der Immigranten. Gaston Deferre hat es natürlich leicht, zu erklären, die Präfektur sei nicht das Rathaus, und er habe mit der Polizei nichts zu tun, die sei eine Einrichtung des Staates, den die Pariser Regierung kommandiert. Tatsächlich kompensiert die gaullistische UDR ihre Schwäche in Marseille, dieser sozialistisch-kommunistischen Hochburg, durch Besetzung gewisser Schlüsselpositionen: lokaler Rundfunk, Polizei usw.

Was den Bürgermeister betrifft, der an keinem der beiden Begräbnisse teilnahm, so hat er zwar gegen den Rassismus Stellung genommen und einiges für die Gastarbeiter getan, [3] aber die Nordafrikaner vergessen nicht seine wiederholten prozionistischen Erklärungen und sein Werben um die Stimmen der „Schwarzfüße“, um die er mit der UDR konkurriert.

3 Lokalkapital gegen Nationalkapital

Der Schlüssel zum Verhalten der Stadtverwaltung ist die „Operation Sainte-Barbe“. Sie wirft ein grelles Licht auf die Art und Weise, in der das Bürgermeisteramt, als Vertretung des provençalischen Kapitalismus, das Problem des Rassismus oder zumindest das Problem der Gastarbeiter zu lösen gedenkt.

Das Bauprojekt Sainte-Barbe-Les Garmes, an dem seit November gearbeitet wird, sieht die Errichtung eines Büro- und Verwaltungspalastes an einer Stelle vor, wo sich jetzt ein überbevölkerter Nordafrikaner-Slum befindet. Hand in Hand mit diesem relativ vielversprechenden Projekt soll eine Assanierung des Stadtzentrums gehen; zufällig sind es gerade die von Arabern und Afrikanern bewohnten Viertel rund um die porte d’Aix, die „gereinigt“ werden sollen. Ein Marseiller hat dies in die Formel gefaßt: „Endlich wird man uns das Herz Marseilles zurückgeben!“

Ganz abgesehen davon, daß Fachleute an der Rentabilität des Vorhabens zweifeln und daß das Endergebnis, aus analogen Beispielen zu schließen, unmenschlich und unwohnlich zu werden droht, sehen die gegenwärtigen Pläne nur die Errichtung von 750 Wohnungen vor, die zweifellos höheren Beamten und anderen Auserwählten vorbehalten sein werden und erst Ende 1975 die Eröffnung eines Altersheimes.

Die Stadtverwaltung hat die Aufgabe der Umsiedlung einer Privatfirma übertragen. Der Wohnungsbedarf wird auf Grund der Listen der Hauseigentümer und der Hauptmieter geschätzt — das ist nur ein Fünftel bis ein Zehntel der tatsächlichen Bewohner. Wie vollzieht sich die Umsiedlung? Ein Immobilienagent erklärt: „Wir kommen zwei oder drei Monate vor der Delogierung vorbei. Der algerischen Familie wird ein Ersatzquartier vorgeschlagen. Nur einmal, kein zweites Mal: Wenn es dir nicht paßt, kannst du deinen Koffer nehmen. Für den alleinstehenden Arbeiter bedeutet dies ein möbliertes Zimmer oder das Wohnheim, wo die Miete eines Raumes 250 Francs im Monat kostet.“ Die Wohnungsvermittler nehmen keine Araber: „Wir sind keine Rassisten, aber unsere Kunden sind es.“ Alles an den Stadtrand! Weg vom Stadtzentrum, aus den Augen.

Wenn es den örtlichen Geschäftsleuten einfällt, ihre Zahlungen zu verzögern — und das könnten sie sehr wohl tun, wie man mir versichert —, wird der „Suk“ bald ein Ende haben. Die arabischen Arbeiter, die heute über die von Bulldozern ausgehobenen Gräben klettern, werden sich am Stadtrand nach Wohnungen umsehen müssen. Ihr Exodus ist gelenkt: Weiter im Westen, in einem ungesunden, aber nicht teuren Viertel, gilt das ungeschriebene Gesetz: nicht vermieten, sondern verkaufen. Der Araber kann nicht zahlen. Die Stadtverwaltung will aus diesem pittoresken Hügel ein Schmuckstück machen; die Zinserhöhungen werden 40 Prozent der dort noch wohnenden Immigranten vertreiben.

Marseille:
Betonkrieg

4 Auch Sozialisten rassistisch?

Diese ganze Entwicklung folgt einer gewissen Logik, die der Bürgermeister von Marseille — wie übrigens auch die Kommunisten — bestätigt, wenn er sagt: „Zehn Jahre nach der Räumung Algeriens sind wir bei einem System angelangt, das zugleich den Kolonialismus und die Invasion Frankreichs umfaßt.“ Er verlangt von den „Regierungen der Arbeitskräfte exportierenden Länder, sich zu verpflichten, nur unverheiratete oder alleinstehende Männer nach Frankreich emigrieren zu lassen“. [4]

Schönes Beispiel eines wohlverstandenen Sozialismus! Der Gastarbeiter soll seine Arbeitskraft verkaufen, ohne die Franzosen mit seiner verschleierten Frau, seinen lärmenden Kindern, seiner stinkenden Kocherei und seinen barbarischen Sitten zu belästigen, und alle Welt wird zufrieden sein! Aus dem Fegefeuer der nach gefügigen, billigen Arbeitskräften gierenden Kapitalistischen Wirtschaft Frankreichs darf er einen Teil seines Verdienstes nach Hause schicken (wo der Staat natürlich seinen Obolus davon nimmt); der Kleinbürger wird auf dem cours Belzunce spazierengehen können, ohne daß Kuskus-Geruch seine Nase beleidigt; der Arbeiter wird das beruhigende Gefühl haben, daß er im Fall einer Krise nicht als erster wird stempeln gehen müssen; die Gewerkschaften werden, wie sie es schon in den vergangenen Wochen getan haben, sich mit platonischen Erklärungen zugunsten der eingewanderten proletarischen Genossen begnügen können; Gauchisten und Faschisten aller Schattierungen werden sich in den Vororten austoben; Staat und Gemeinde werden sich des wiedergewonnenen Rassenfriedens und der Harmonie des Großkapitals erfreuen ...

Zurück zur Wirklichkeit der Zahlen: In den psychiatrischen Kliniken von Marseille sind 21,5 Prozent der Patienten Ausländer (9,5 Prozent Maghrebiner); in Frankreich sind 34 Prozent der Opfer tödlicher Arbeitsunfälle Gastarbeiter; 14 Prozent der Ausländerkinder beenden die Pflichtschule, ohne lesen und schreiben zu können.

„Bei gleicher Arbeitsleistung erhalte ich 70 Francs weniger als ein französischer Arbeiter“, sagt mir ein fünfunddreißigjähriger tunesischer Arbeiter. Und ferner: „Ich zahle wie ein Tourist und wohne wie ein Landstreicher.“ Ferner: Eine Panzerglasscheibe trennt den Autobuschauffeur von den Passagieren. Und ferner: In dem „Durchgangslager“ Colgate dauert der „Durchgang“ für achtunddreißig Familien bereits fünfzehn Jahre. Und ferner: Die Leiterin des Hôtel des Gaulois rief 1972 die Polizei, weil ihre arabischen Mieter Säcke für ihre Abfälle verlangten ...

Zur Wirklichkeit gehört aber auch, daß die Gastarbeiter, obwohl sie von den Gewerkschaften nicht unterstützt und von gewissen Linksgruppen ausgenützt werden, ein kollektives Bewußtsein zu erlangen beginnen; isoliert, bedroht, ausgebeutet, diskriminiert, wie sie sind, zeigten sie anläßlich des Hungerstreiks der tunesischen Arbeiter, des vierundzwanzigstündigen Generalstreiks der Gastarbeiter und der Schweigedemonstration am 18. Dezember 1973, daß sie die Kraft ihrer Solidarität erkannt haben.

Obgleich die Stimmen, die die Repatriierung der Gastarbeiter fordern, sich mehren, wollen die meisten von diesen nicht davonlaufen, sondern sich wehren. Einige haben sich bereits bewaffnet und organisieren die Selbstverteidigung ihrer Gemeinschaft. Wie aber soll man Provokationen vermeiden? Wie der einheimischen Bevölkerung die Probleme der Gastarbeiter verständlich machen? Soll man wirklich die Integration anstreben, trotz der oft beträchtlichen, wiewohl nicht unüberwindlichen Unterschiede in Kultur und Sitten? Selbst die Militantesten schwanken, haben Zweifel. Vorderhand sieht es so aus, als sollte der Rassenkampf den Klassenkampf verdrängen.

© Politique hebdo, Paris
Am Tag nach dem Attentat von Marseille:
Solidaritätskundgebung in Paris („Es gibt nur eine Arbeiterklasse!“)
Alain Geismar

Weinen oder kämpfen?

Domenech hat vor ein paar Wochen in seiner Zeitung Le Méridional ein paar Zeilen Gift gespuckt. Vor drei Tagen war es Bergeron, der Generalsekretär der Gewerkschaft Force Ouvrière, der schamlos die Ausweisung der eingewanderten Arbeiter forderte.

Und schon beginnt bei Citroën und Peugeot die Entlassung von Gastarbeitern. Heute flog das algerische Konsulat in Marseille in die Luft: es gibt Tote, man weiß nicht einmal wie viele, sowie ungefähr hundert verwunderte Araber und Franzosen.

Zu derselben Stunde, in der ein paar Nazisten der „Faire Front“ das Publikum mit ihrem Pseudomeeting unterhalten, arbeiten andere im Schatten; in ihren gutgeheizten Büros planen sie die Vertreibung und den Tod unserer Genossen.

Was machen wir also? Wir, die Kinder des Mai und von Lip, die 100.000 von Besançon und die Million vom 13. Mai 1968? Wollen wir uns zu diesem Gesindel gesellen, das den Staatsstreich nicht wagt und nur Bubenstreiche zustandebringt, das Arbeitslosigkeit und Mord einsetzt, während es mit R. Cartier über das Öl und die Superprofite jammert?

Es geht jetzt um unsere eigene Menschenwürde, ob wir uns noch in den Spiegel schauen können, ob wir uns „Linke“ nennen können. Gegen den Strom schwimmen, wenn es sein muß — nur so können wir wirklich hoffen, das Leben in unserem Land zu ändern: mögen die Straßen unserer Städte widerhallen von unserem Schrei, dem Ruf der Solidarität, geboren aus der Entschlossenheit, das Leben unserer Brüder zu verteidigen!

Libération
15. Dezember 1973

(Aufruf zur Solidaritätsdemonstration in Paris am 15. Dezember 1973.)

[180.000 Nordafrikaner, davon 63.000 Algerier im Département Bouches-du-Rhône am 31. Dezember 1972.

[2Lokale Tageszeitung, deren Chefredakteur Domenech wegen Rassenhetze unter Anklage steht, und deren zweiter Redakteur Clomél seinerzeit wegen Zugehörigkeit zur OAS interniert war. Das Blatt rühmt sich, an dem Attentat auf de Gaulle in Mont Faron beteiligt gewesen zu sein.

[3Auflösung von rund vierzig Barackensiedlungen in Marseille (es gibt immer noch zwölf), Schaffung von Genossenschaften in den gemischten Arbeitervierteln u.a.m.

[4„Le Provençal“ vom 6. November 1973. Schluß einer Artikelserie von Jacques Bonnadier, „La Provence des migrants“, der die meisten hier zitierten Statistiken entnommen sind.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1974
, Seite 27
Autor/inn/en:

Marcel Barang:

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