FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1980 » No. 317/318

Prostitution ist kein Verbrechen, sondern eine Dienstleistung

Flugblatt der „käuflichen Frauen“ Wiens

Ende März verteilten Wiener Prostituierte ihr erstes selbstverfaßtes Flugblatt. Es geht gegen Bevormundungen, Heiratsverbot und andere Schikanen (vollständiger Text siehe unten). Die Wiener Prostituierten erfuhren durch die Medien — mehr in Art eines Gerüchts — über Ansätze von Organisation und Widerstand ihrer Kolleginnen in den USA, Frankreich, England und der BRD.

Am bekanntesten in den USA ist C.O.Y.O.T.E. (Call off Your Old Tired Ethics), entstanden 1973 in San Francisco, die heute über 8000 Mitglieder hat, Prostituierte und Feministinnen. Ansatzpunkt für COYOTE war der Kampf gegen ein Gesetz, das die „Herumtreiberei“ von Frauen bestraft und sie mit Prostitution gleichsetzt (1973 wurden in den USA 34.226 Frauen wegen Prostitution festgenommen).

In Frankreich schlossen sich 1975 Prostituierte in mehren Städten zusammen und besetzten Kirchen. Anlaß waren Schikanen und willkürliche Geldstrafen.

Bei einer Parlamentssitzung in England Anfang März 1979 verfolgten militante Vertreterinnen des „ältesten Gewerbes“ von der Zuschauertribüne aus die Debatte der Politiker. Es ging um eine Gesetzesvorlage zur Entkriminalisierung von Prostitution. Die Prostituierten drohten mit der Veröffentlichung der Namen ihrer Kunden aus Politik und Wirtschaft. Daraufhin gab eine überwältigende Mehrheit grünes Licht für die Gesetzesreform ...

Auslösend für den Beginn des Protests in Wien ist eine Änderung der „sittlichkeitspolizeilichen Regelung“, an der man zur Zeit im Wiener Rathaus arbeitet. Der Straßenstrich ist durch „Sperrzonen“ in die Wohnungen gedrängt worden (Werbung durch Zeitungsanzeigen). Jetzt soll verschärft gegen den Wohnungsstrich vorgegangen werden. Eine weitere Einschränkung von Straßenstrich und Wohnungsstrich führt zwangsläufig zur Errichtung von Bordellen und Eros-Centers.

Straßenstrich, in Verbindung mit Stundenhotels, in denen die Frauen Ideen von Selbstverwaltung entwickeln können, erscheinen ihnen als die günstigsten Arbeitsbedingungen. Bordelle lehnen sie ab. Mit weiterer Diskriminierung wird die Prostitution sicher nicht eingeschränkt, aber die Lage der Prostituierten, die zu den Rechtlosesten gehören, verschlechtert.

Wenn die Gesellschaft wirklich etwas tun will, soll sie mit den Arbeiterinnen, den Prostituierten, selbst sprechen, offen, ohne Verbot, ohne Schuldgefühle zu provozieren. Daß sie es nicht tut, kommt glaube ich daher, daß die meisten Männer, die etwas zu reden haben, Kunden sind.

(Margo St. James, amerikanische Prostituierte, die Gründerin von COYOTE).
K. J./B. L.
AN UNS, käufliche Frauen,
Strichkatzen, Prostituierte —
oder wie uns die Leute sonst nennen,

wir haben vor drei Wochen begonnen, etwas auf die Beine zu stellen. Das Interesse war sehr groß, nur leider waren alle VERHINDERT, zu unserem Treffen zu kommen. WENN MAN ABER ETWAS WILL, MUSS MAN AUCH ETWAS DAZU TUN. VON ALLEINE KOMMT NICHTS!

WAS IST ZU TUN?

  1. Wir haben als Diskussionsgrundlage Vorschläge für Verbesserungen gebracht. Fällt wirklich niemandem mehr etwas dazu ein???
  2. Wir suchen Frauen, die in irgendeiner Form mitarbeiten wollen. Wir treffen uns jeden Donnerstag um 18 Uhr. Wer da nicht hinkann, soll bitte einen anderen Vorschlag machen. Den Ort schreiben wir nicht aufs Flugblatt, denn wir brauchen keine Voyeure. Die Frauen, die Unterschriften sammeln, wissen Bescheid.
  3. Wir wollen ganz offiziell als Delegation beim zuständigen Stadtrat vorsprechen. WER WILL MITGEHEN? (Für die Ängstlichen: das ist das Recht jedes Bürgers.) Das geht aber erst, wenn wir genügend Unterschriften gesammelt haben. Denn nur so können wir wissen, wie viele überhaupt Interesse haben.
  4. Ohne Geld können wir keine Flugblätter machen. Bitte spendet. Die Spenden werden öffentlich abgerechnet.

P.S. Damit nicht von Anfang an jemand diskriminiert wird, übernahmen eine Gruppe „franker“ [1] Frauen die Verantwortung (Impressum, Pressepolizei). Es gibt übrigens noch mehr „Franke“, die mitarbeiten würden wenn ihr das wollt.

NOCH EINMAL UNSERE FORDERUNGEN UND WÜNSCHE:

Im Wiener Gemeinderat wird über ein neues Gesetz, das die Prostitution regeln soll, diskutiert. Uns hat man bis jetzt nicht gefragt. Wir haben bis jetzt über folgende Punkte diskutiert:

  1. Die Prostitution ist kein Verbrechen, sondern eine Dienstleistung. Ohne Nachfrage gibt es keine Prostitution. Wir fordern daher die Anerkennung der Prostitution als Beruf und RECHTLICHE GLEICHSTELLUNG VON PROSTITUIERTEN.
  2. Der Gassenstrich wurde dort verboten, wo die Kunden aus Tradition hingehen. Die Folge war die Verlagerung der Prostitution in die Wohnungen. Das soll jetzt auch verboten werden. WO SOLLEN WIR ALSO HINGEHEN? Der Wohnungsstrich ist eine Notlösung, die viele Nachteile hat, die Errichtung von Bordellen ebenfalls. Wir halten den Gassenstrich in Verbindung mit Stundenhotels für die beste, traditionelle Lösung und fordern daher die AUFHEBUNG DER SPERRZONEN! Wir sind bereit, Straßenbenützungsgebühren zu bezahlen. Über Bekleidungsvorschriften (tagsüber, wegen der Kinder) kann man ja reden. Wir glauben aber auch, daß es die Möglichkeit von SELBSTVERWALTETEN HÄUSERN geben sollte. Die Frauen, die sich dafür interessieren, sollten beweisen können, daß sie dazu in der Lage sind.
  3. Wir fordern eine EINHEITLICHE, GESETZLICHE SOZIALVERSICHERUNG FÜR PROSTITUIERTE. Das wäre auch ein Vorteil für den Staat, denn dadurch würde die Fürsorge entlastet. Die GESUNDHEITSKONTROLLE sollte anders als bisher gehandhabt werden. Man sollte einen Arzt eigener Wahl konsultieren dürfen.
  4. PROSTITUIERTE SOLLTEN HEIRATEN DÜRFEN. Uneheliche Kinder und unverheiratete Frauen werden immer noch diskriminiert. Im Fall der Trennung von ihrem Lebensgefährten hat die unverheiratete Frau außerdem keine Rechte (Güterteilung etc.).
  5. Wir würden eine Servicestelle für Prostituierte für sinnvoll halten. Ihre Aufgaben sollten sein: INFORMATIONEN über Gesetze und Möglichkeiten, Arbeitsvermittlung, Mütterberatung, RECHTSSCHUTZ etc. Die Servicestelle könnte nach dem Muster der Mietervereinigungen aus monatlichen Mitgliedsbeiträgen finanziert werden.
  6. Wir wollen, daß die Bevölkerung über die WIRKLICHEN ZUSTÄNDE UND PROBLEME informiert wird und VORURTEILE (wie „Alle Huren saufen und raufen“) abgebaut werden. Wir planen einen Videofilm und evtl. eine Zeitung.
— Bitte ausschneiden und an die Redaktion schicken —

Solidaritätserklärung

Wir unterstützen die Forderungen der Wiener Prostituierten nach Mitspracherecht bei allen Gesetzen, welche die Prostitution betreffen, Information über bevorstehende Gesetzesänderungen, rechtlicher Gleichstellung mit den anderen Frauen, Recht auf Heirat und Abbau von Diskriminierungen.

Name:
Adresse:
Unterschrift:

[1Franke = Frauen, die keine Prostituierten sind

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1980
, Seite 36
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