FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 196/I
Donald McDonald

Militärstaat USA

I.

Die folgenden scheinen die wichtigsten Charakteristika einer militarisierten Gesellschaft zu sein:

  1. Eine militarisierte Gesellschaft ist eine autoritäre Gesellschaft. Freiheit des Wortes ist für sie eine Bedrohung, abweichende Meinung kann sie nicht tolerieren, auf Ungehorsam reagiert sie rasch mit Unterdrückung.
  2. In einer militarisierten Gesellschaft ist Stabilität eine Kardinaltugend. Probleme sozialer Gerechtigkeit und menschlicher Rechte werden — so man sie nicht überhaupt ignoriert — mit mürrischem Argwohn betrachtet, da man auf sie nicht eingehen kann, nicht einmal abstrakt, ohne zumindest zu unterstellen, daß unter bestimmten Umständen Stabilität keine Tugend, sondern eine Untugend ist.
  3. Die militarisierte Gesellschaft ist eine furchtsame Gesellschaft. Die Ultima ratio der Rechtfertigung für eine militarisierte Gesellschaft ist die, von Feinden umgeben zu sein. In einer solchen Atmosphäre schwindet menschliches Vertrauen, Verfolgungswahn wird eine nationale Krankheit, man kann nie genug Waffen haben.
  4. Die militarisierte Gesellschaft ist eine selbstgerechte Gesellschaft. Sie hält ihre Motive für die reinsten, ihre Werte für außer Frage stebend, ihre Ideale für unübertrefflich. Wenn sie Krieg führt oder sich in die Angelegenheiten eines anderen Volkes einmischt, dann in der Gewißheit, diese Eigenschaften zu schützen oder anderen zu deren Genuß zu verhelfen.
  5. In einer militarisierten Gese!lschaft ist das Militär nicht Mittel für einen Zweck, es ist Selbstzweck. Was immer gut ist für das Militär, ist gut für die Gesellschaft. Militärische Logik ist die nationale Philosophie.
  6. Eine militarisierte Gesellschaft gibt dem Militär absoluten Vorrang im Anspruch auf nationale Ressourcen. In der Praxis konsumiert das Militär den Löwenanteil der Staatseinkünfte aus allgemeinen Steuern. Ein wesentlicher Teil von dem, was übrigbleibt, geht für die Besänftigung einer unruhigen Bevölkerung oder für die Unterdrückung derer auf, die sich nicht besänftigen lassen.
  7. Eine militarisierte Gesellschaft hat einen unanfechtbaren Anspruch auf das Leben ihrer jungen Männer, Wehrpflicht wird zu einem natürlichen — und mit der Zeit beinahe unbemerkten — Bestandteil der politischen und sozialen Landschaft.
  8. In einer militarisierten Gesellschaft ist das Militär effektiver Kritik und Kentrolle entzogen. Die Institutionen, die normalerweise solch kritische Kontrolle ausüben — gesetzgebende Körperschaften, Gerichte, Presse, Universitäten, Kirchen —, werden zum Schweigen gebracht, ignoriert oder fügsam gemacht.
  9. In einer militarisierten Gesellschaft akzeptiert man Irreführung als normale Lebenserscheinung. Aus- und inländische Spionage, Sabotage, Subversion und andere paramilitärische Aktivitäten werden innerhalb des Militärs mit Sorgfalt betrieben. Dies hat den doppelten Effekt, daß einerseits der Feind nicht zur Ruhe kommt, andererseits die eigenen Bürger unwissend und somit unfähig bleiben, kritische Fragen zu stellen.
  10. Eine militarisierte Gesellschaft begreift die meisten politischen Probleme als militärische, und die militärische Lösung ist deshalb für sie die einzig realistische. Die Wahlmöglichkeiten, denen sich eine solche Gesellschaft in der Weltgemeinschaft gegenübersieht, sind durch das Militär determiniert und definiert. Zivile Politiker, die andere Wahlmöglichkeiten in Betracht ziehen, tun dies mit dem Risiko, als „Schwachköpfe“, wenn nicht als „Verräter“ abgestempelt zu werden.
  11. In einer miiitarisierten Gesellschaft ist die Wirtschaft vom Militär abhängig. Das Militär ist die größte Industrie, und seine Auflösung wäre ebenso katastrophal für die Nation wie die Demontage der einzigen Industrie einer Stadt für diese Stadt.
  12. Die militarisierte Gesellschaft ist eine sterile Gesellschaft. Da sie menschliche und materielle Ressourcen zu Instrumenten des Todes kehrt und folglich wirkliche Lebensfragen außer acht läßt; da sie permanent jede abweichende Sicht und Stimme im Keim erstickt oder mit enormen Zuwendungen an Geld, Prestige und Macht auskauft, bringt sich die militarisierte Gesellschaft selbst um die lebensspendenden Energien ihrer Künstler und Philosophen, ihrer Kritiker und Heiligen, ihrer Jugend mit ihrem Idealismus, ihrer Alten mit ihrer Weisheit und Erfahrung. Das Ergebnis ist Sterilität, Leere, Geistlosigkeit.
  13. Die militarisierte Gesellschaft ist eine barbarische Gesellschaft. Der Barbar ist nicht unbedingt blutbedeckt, noch braucht er eine Militäruniform zu tragen. In einer technisierten Militärgesellschaft sind ehrbare Leute imstande, auf Reißbrettern und in Laboratorien Aufgaben zu erfüllen, die den Tod Hunderttausender Menschen rund um die halbe Welt garantieren können. Mit Knopfdruck und einer Computerschaltung können Piloten und Techniker das Fließbandmorden erledigen, ohne die Gesichter derer zu sehen, die sie gerade ermorden. Militarisierung macht unausweichlich indifferent gegenüber dem Töten, technisierte Militarisierung macht es mühelos, diese Indifferenz zu kultivieren.

II.

Wenn das Vorhergehende die Konturen einer militarisierten Gesellschaft zeichnet: inwieweit entspricht dies der gegenwärtigen amerikanischen Erfahrung?

Die Größe des Militärapparats

Das US-Verteidigungsministerium verfügt über 3,4 Millionen Menschen in den Streitkräften und 1,3 Millionen Zivilbedienstete.

Seine Aufträge geben 3,8 Millionen Industriearbeitern Beschäftigung. Insgesamt schafft das Verteidigungsministerium jeden neunten Arbeitsplatz in den USA.

Sein Budget beträgt 80 Milliarden Dollar oder die Hälfte der jährlichen Staatsausgaben.

Zählt man die Kosten vergangener Kriege hinzu (in Form von Veteranenpensionen, Militärspitälern usw.), erhält das Militär 70 Cent von jedem Steuerdollar.

Militärische Forschungsaufträge, motiviert vom zu erwartenden Ende des Vietnamkrieges, belaufen sich auf rund 100 Milliarden Dollar.

Als größtes einzelnes Unternehmen hat das Militär Direktverträge mit 22.000 und indirekte Verträge mit 100.000 Unternehmen. Es subventioniert Forschungsarbeiten an Hunderten von Universitäten. Sein Geld fließt in die Wirtschaft von 363 von 435 Kongreßdistrikten des Staates. In etwa 5300 kleineren und größeren Städten gibt es eine oder mehrere Fabriken oder sonstige Firmen, die für das Verteidigungsministerium arbeiten. Ganze Städte sind in ihrem Wirtschaftsleben völlig von der Rüstungsindustrie abhängig.

„Verteidigungsforschung“

Das Verteidigungsministerium vergibt jährlich 7,3 Millionen Dollar für die sozial- und verhaltenswissenschaftliche Forschung über fremde Staaten, weitere 6 Millionen Dollar pro Jahr für Studien über ausländische politisch-militärische Probleme. Man vergleiche dies mit den 125.000 Dollar pro Jahr für das Forschungsbudget des Außenministeriums.

Das gesamte Forschungsbudget für das Verteidigungsministerium betrug 1968 8 Milliarden Dollar, davon 1,6 Milliarden für Grundlagenforschung. Man vergleiche dies mit den 280 Millionen Dollar, die der zivilen „National Science Foundation“ im selben Zeitraum für Grundlagenforschung bewilligt wurden.

Das Verteidigungsministeriurn vergibt jährlich mehrere Hundert Millionen Dollar zur Forschungsfinanzierung an amerikanische Universitäten. 1966 waren davon die sechs wichtigsten: Massachusetts Institute of Technology 35 Millionen, Stanford 22 Millionen, Michigan 22 Millionen, Columbia 15 Millionen, Illinois 14 Millionen, University of California in Los Angeles 12 Millionen.

Die Kosten für Verteidigungs- und Raumfahrtprogramme fressen seit 1960 54 Prozent der Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung im ganzen Land.

Im Camelot-Projekt des American University’s Special Operations Research Office (nun Center for Research in Social Systems, kurz CRESS), das 1,5 Millionen Dollar im Jahr kostete, rekrutierte das Verteidigungsministerium Sozialwissenschafter der University of California, des M.I.T. (Massachusetts Institute of Technology), der Universitäten von Princeton und Michigan, um ethnische und andere Motivationsfaktoren bei Ursachen und Führung von Kleinkriegen herauszufinden. Die Sozialwissenschafter sollten Modelle von Entwicklungsgesellschaften konstruieren, und hierbei die Möglichkeiten ihres Zusammenbruchs und ihrer Manipulierbarkeit aufzeigen. Als einige amerikanische Forscher 1965 in Chile Beobachtungsposten bezogen, um zu sehen, ob dieses Land nicht als ein solches Modell dienen könnte, erhielt die Presse Kunde von diesem Projekt; einige amerikanische Sozialwissenschafter reagierten mit einem Aufschrei der Empörung, das Verteidigunssministerium stornierte das Camelot-Projekt. Doch CRESS existiert nach wie vor und finanziert weiterhin Forschungstätigkeit an Universitäten in ganz Amerika.

Als Studenten und Lehrkörper gegen die Verbindung zwischen einem Dutzend der wichtigsten amerikanischen Universitäten (M.I.T., Stanford, California Institute of Technology, Princeton u.a.) und dem Institute of Defence Analyses protestierten, lösten die Universitäten ihre institutionellen Bande zum IDA, beließen aber Professoren und Universitätsbeamte im Kuratorium des IDA, die nach außen hin nur sich selbst und nicht ihre Institutionen repräsentierten.

30 bis 40 Universitätsprofessoren verwenden weiterhin bis zu einem Fünftel ihrer Arbeitszeit für IDA-Arbeiten und erhalten dafür 200 Dollar täglich plus Spesen.

Admiral Hyman Rickover erklärte vor dem Senatskomitee für Auslandsbeziehungen, daß das Verteidigungsministerium „an Forschungen beteiligt ist, die nur ganz entfernt für die eigentlichen Probleme der Streitkräfte von Bedeutung sind, und das geschieht einfach deshalb, weil das Geld dafür da ist. Das Verteidigungsministerium hat mehr Geld als irgendeine andere Institution ... Das State Department ist bereits nur ein Juniorpartner ... Obwohl der Kongreß allein das verfassungsmäßige Recht zur Kriegserklärung hat, können andere Abteilungen der Regierung ihn mit Situationen konfrontieren, die einen Krieg unvermeidlich machen.“

Die USA unterhalten gegenwärtig 340 größere und 1930 kleinere Stützpunkte im Ausland; jährliche Kosten: 500 Millionen Dollar. Eineinhalb Millionen Menschen bilden die Besatzung dieser Stützpunkte und der US-Flotte; zwei Drittel von ihnen sind in Asien und im Pazifik, ein Drittel in Westeuropa und Lateinamerika stationiert.

Im Frühjahr 1968 ersuchte Senator William Fulbright das Verteidigungsministerium um Veröffentlichung einer Studie, die in dessen Auftrag von der Douglas Aircraft Corporation mit einem Kostenaufwand von 89.500 Dollar erstellt worden war. Fulbright besaß ein Exemplar dieser Studie und wollte, daß die amerikanische Öffentlichkeit davon informiert werde. Der Bericht behandelte die Frage, wie die Vereinigten Staaten „in Zukunft die Welthegemonie aufrechterhalten“ könnten. Der ursprüngliche Titel lautete „Pax americana“; im übrigen weigerte sich das Verteidigungsministerium, den Inhalt zu veröffentlichen.

Senator Eugene McCarthy verwies darauf, daß die USA außer Soldaten auch 4681 „military agents“ haben, die in Verbindung mit dem Militärhilfeprogramm über die ganze Welt verstreut sind. Diese Leute, so bemerkte er, „werden ausgeschickt ohne irgendeine formelle Prüfung durch den Kongreß“, und sie haben „Aufträge mit stark politischem Akzent, ohne daß die Öffentlichkeit davon weiß“.

Ein Senatskomitee für Auslandsbeziehungen enthüllte im Juni 1969, daß in den vergangenen zwei Jahren US-Streitkräfte an mindestens zwei größeren Übungen in Spanien teilgenommen hatten. Zweck dieser Übungen war, die Technik zur Unterdrükkung eines inneren Aufstandes gegen die Franco-Regierung zu perfektionieren. Schon vor dieser Enthüllung warnte der Senatsausschuß für Auslandsbeziehungen, man sei durch die besonders starke Präsenz in Spanien eine Quasiverpflichtung eingegangen, möglicherweise sogar in einem Bürgerkrieg. Das Komitee deckte auf, daß ein hochgestellter amerikanischer Offizier der spanischen Regierung versichert hatte, „die Anwesenheit der amerikanischen Streitkräfte in Spanien stelle eine wichtigere Garantie für Spanien dar als ein schriftliches Abkommen“.

Im Oktober 1969 gab Senator Fulbright bekannt, das Verteidigungsministerium habe 18 zusätzliche Düsenkampfflugzeuge nach Spanien entsandt und dabei weder das Außenministerium noch die Abteilung für Internationale Sicherheitsangelegenheiten im Verteidigungsministerium informiert.

Waffenhandel

Einem Artikel von Jack Raymond in der „Harvard Business Review“ (Mai, Juni 1968) zufolge verkaufte in der Zeit von 1949 bis 1962 die US-Regierung Waffen im Wert von 16,1 Milliarden Dollar an andere Länder und „verschenkte“ Waffen um weitere 30,2 Milliarden Dollar. Seit 1962, als das laufende Waffenverkaufsprogramm anlief, waren Pentagonbeamte ebenso aggressiv-geschäftstüchtig wie private Waffenhändler.

Als Resultat des Waffenverkaufsprogramms des Pentagons ist es nun nicht ungewöhnlich, daß in internationalen Streitigkeiten beide Seiten den Kampf mit amerikanischen Waffen austragen: Türken und Griechen, Pakistaner und Inder, Israelis und Araber.

Militärausgaben in armen und unterentwickelten Ländern steigen schneller als deren Bruttonationalprodukt. Eine vom Internationalen Friedensforschungsinstitut in Stockholm finanzierte Studie ergab im November vergangenen Jahres, daß man 1968 auf der Welt annähernd 173 Milliarden Dollar für militärische Zwecke ausgab. Davon wandten die Vereinigten Staaten ungefähr 80 Milliarden und die Sowjetunion 40 Milliarden auf.

Rüstungsausgaben in Entwicklungsländern stiegen jährlich um 7,5 Prozent, im Weltdurchschnitt um 6 Prozent. Diese Zahlen müssen der durchschnittlichen Jahreswachstumsrate des Weltbruttonationalprodukts gegenübergestellt werden, die sich auf 5 Prozent beläuft. Das Institut fand heraus, daß sich in den letzten 50 Jahren die Weltproduktion von nichtmilitärischen Gütern und Diensten ungefähr verfünffachte, die Rüstungsausgaben sich verzehnfachten.

CIA

Die am schwierigsten nachzuweisende amerikanische Militäraktivität in anderen Ländern ist die Arbeit des Geheimdienstes CIA (Central Intelligence Agency). Die CIA wurde 1947 durch das Nationale Sicherheitsgesetz gegründet, das die Streitkräfte einem neuen Verteidigungsministerium unterstellte und den Nationalen Sicherheitsrat schuf. Ihre ursprüngliche Aufgabe war in erster Linie die Sammlung, Koordination, Auswertung und Verbreitung von Informationen für die Regierung, besonders für den Nationalen Sicherheitsrat. Heute beschäftigt die CIA 15.000 Personen, hat ein Jahresbudget von einer halben Milliarde Dollar, und ihre Tätigkeit geht weit über Sammeln von Informationen hinaus.

1948 wurde die Geheimfunktion der CIA offiziell sanktioniert. Durch einen besonderen Kongreßakt erhielt die CIA die Erlaubnis:

  1. Gesetze nicht zu beachten, die eine Aufdeckung der Organisationsstruktur, der Funktionen, Namen, Titel, Gehälter sowie der Anzahl des beschäftigten Personals verlangen;
  2. Geldmittel ohne Rücksicht auf Gesetze und Ausgabenverordnungen zu verwenden, ohne Buchführung, nur mit Quittung des Direktors;
  3. Verträge und Käufe ohne öffentliche Ausschreibung abzuschließen;
  4. Geldgeschäfte mit anderen Regierungsstellen abzuwickeln;
  5. Forschungsverträge ohne Konsultation der Regierung abzuschließen;
  6. besondere finanzielle Zuwendungen an Personal im Ausland zu gewähren,
  7. bis zu 100 Ausländer und ihre Familienangehörigen jährlich aufzunehmen.

In den 23 Jahren des Bestehens der CIA brachten Kongreßabgeordnete mehr als 150 Resolutionen ein, die die Ausübung einer strafferen Kontrolle über die CIA vorsahen. Jede einzelne dieser Resolutionen wurde entweder niedergestimmt oder zurückgestellt. Das Unbehagen von Kongreßabgeordneten zentriert sich auf den Verdacht, daß die über das Informationssammeln hinausgehende CIA-Tätigkeit international Situationen schaffen könne, die dann die Entscheidung amerikanischer Zivilpolitiker präjudizieren.

Senator Stephen Young erklärte, die CIA betreibe in der Tat laufend Außenpolitik. Senator Eugene McCarthy fügte hinzu, daß die CIA hierbei „die Rollen von Präsident und Kongreß angenommen hat“. James Reston von den „New York Times“ behauptete rundweg: „Das State Department hat keine Ahnung, was die CIA macht.“

Die interventionistische und paramilitärische Rolle der CIA-Agenten in anderen Ländern beschreibt Roger Hilsman, ein Beamter des State Department während der Kennedy-Regierung, in seinem Buch „To Move a Nation“. Z.B. die Anstiftung und Durchführung eines Coups gegen Premier Mohammed Mossadegh im Iran, die 1000-Mann-Invasion auf Kuba, die Unterstützung für Ramon Magsaysay auf den Philippinen, das glücklose Bemühen, einen weiteren Magsaysay in der Person des unpopulären und schwachen Generals Phoumi Nosavan in Laos zu kreieren.

Laut Hilsman wurden bis zum Ende der Eisenhower-Regierung im Jahre 1960 politische Aktionen für die CIA zu einem „Spezialhobby“, und Auslandsagenten der Vereinigten Staaten „schwirrten ebenso geschäftig herum“ wie kommunistische Agenten. Der Gesamteffekt mehrerer Hundert solcher Geheimaktionen war die Trübung des amerikanischen Images in der Welt.

Seit 1966 gab es Enthüllungen, denen zufolge die CIA unter dem Deckmantel amerikanischer Universitäten, Gewerkschaften, Verlage, Studentenverbände, kultureller und religiöser Organisationen in Chile, Indien, Mexiko, Bolivien, Westberlin, der Schweiz, Frankreich, Spanien, Britisch-Guayana und Kanada operiert.

Nach Jeremy Stone, Mitglied des Instituts für strategische Forschung in London, kann jedes der 41 amerikanischen Atomunterseeboote 160 russische Städte zerstören. Dazu kommen mehr als 1000 Interkontinentalraketen, die die gleiche Zahl von russischen Städten sechsmal auslöschen können. Wenn man jede Interkontinentalrakete mit drei bis zehn Atomsprengköpfen bestückt (Multiple Independently Targetable Reentry Vehicle MIRV), wird sich die amerikanische „overkill capacity“ hinsichtlich der Sowjetunion nochmals auf das Zehnfache erhöhen.

Im März 1969, nach den Kongreßhearings über die chemisch-biologischen Waffenvorräte, erklärte Abgeordneter Richard D. McCarthy aus New York vor Journalisten, daß die USA einen Nervenwirkstoff, „GB“, in genügend großer Menge besitzen, um hundert Milliarden Menschen zu töten, das heißt die gegenwärtige Weltbevölkerung von 3,4 Milliarden dreißigmal.

Aus Washington berichtete im Oktober letzten Jahres Robert M. Smith in den „New York Times“, daß die USA mehr als 20.000 Giftgeschosse in Pine Bluff, Arkansas, hergestellt und auf Lager haben. Diese Geschosse enthalten, verläßlichen Quellen zufolge, Botulin — ein Gitgas, das eine akute, im höchsten Maß lebensgefährliche Erkrankung des Nervensystems hervorruft. Ein Armeehandbuch schildert, wie „durch wiederholte Reinigungsprozeduren das Gift in Kristallform gewonnen wurde. Es ist eines der stärksten bekannten Gifte. Symptome von Botulismus sind Erbrechen, Durst, allgemeine Schwäche, Kopfschmerzen, Fieber, Benommenheit, Halluzinationen und Erweiterung der Pupillen; Lähmung ist die übliche Todesursache“.

In welchem Ausmaß chemische Gifte in acht Stützpunkten von Maryland bis Oregon gelagert werden, wird zunehmend bekannt. Im März 1968 wurden in Skull Valley in Utah 6400 Schafe infolge eines Tests mit Nervengas getötet, den die Armee in einer Entfernung von 45 Kilometer durchführte.

Verteidigungsminister Melvin Laird unterbreitete im Oktober 1969 dem Nationalen Sicherheitsrat ein geheimes Memorandum über die Einstellung der Produktion biologischer Wirkstoffe für den Kriegsgebrauch; unklar blieb, ob nur die biologische, nicht aber die chemische Produktion stillgelegt werden soll.

Krankheiten, die unsere Armee auf Vorrat hat, sind: Pest, Milzbrand, Tularämie, Papageienkrankheit, Q-Fieber, Botulismus, Rocky-Mountain-Fleckfieber, Brucellosis und Venezuelanpferdeenzephalitis. Man nimmt an, daß drei Dekagramm ausreichen für 28 Milliarden Menschen. Lungenpest ist fast hundertprozentig tödlich, wenn die Behandlung nicht binnen 24 Stunden einsetzt.

Minister Laird hat im Juli 1968 in einer Diskussion mit Studenten erklärt: „Sosehr wir diese Art von Waffen bedauern, wir müssen doch die Möglichkeit ihres Gebrauches in Anspruch nehmen, wenn wir sichergehen wollen, daß diese Waffen nie gebraucht werden.“ Daher sei er „der festen Meinung, daß die USA die Entwicklung offensiver chemischer und biologischer Waffen fortsetzen müssen“.

Am 25. November 1969 verkündete dann Präsident Nixon, er werde auf den Gebrauch aller biologischen Waffen verzichten, die existierenden Vorräte solcher Waffen vernichten, desgleichen auf den „ersten Einsatz“ von chemischen Waffen verzichten, die ihre Opfer töten oder außer Gefecht setzen könnten. Ausgenommen seien Herbicide (Entlaubungsmittel) und Gase zur Aufstandsbekämpfung.

Obwohl Nixons Ankündigung in den USA wie im Ausland wohlwollend aufgenommen wurde, hielt sich der Enthusiasmus aus folgenden Gründen in Grenzen:

  1. Das riesige amerikanische Arsenal an chemischen Waffen wird fortbestehen.
  2. Der Verzicht auf den „ersten Einsatz“ chemischer Wirkstoffe könnte unter Kriegsbedingungen ohne jede Bedeutung sein; man kann immer für sich in Anspruch nehmen, die andere Seite habe begonnen.
  3. Die USA werden ihre Forschungsarbeit auf dem Gebiet biologischer „Verteidigungs“waffen fortsetzen. Wo ist die Grenze zwischen offensiven und defensiven Waffen?
  4. Ein Sprecher der Regierung Nixon erklärte, daß von der Forschung über biologische Kriegsführung möglichst viel vom Pentagon an das Ministerium für Gesundheit, Erziehung und Wohlfahrt übertragen werde.
  5. Ungenannte Armeeoffiziere erklärten der Associated Press, sie betrachteten die gegenwärtig vorhandenen Mengen krankheitserregenden Materials „nicht als Waffenvorräte, sondern als Vorräte für Versuchszwecke“. Dann wird es zu keiner Vernichtung dieser Vorräte kommen, trotz Nixons Ankündigung.
  6. Eines der amerikanischen Gase zur Aufstandsbekämpfung, CS-2, ist ein Lungengas, das extreme Schmerzen verursacht und in Vietnam verwendet wird, um feindliche Soldaten aus ihren Verstecken herauszutreiben und dann zu erschießen.
  7. Neben CS-2 und Napalm werden die USA in Vietnam weiterhin Herbicide verwenden, Chemikalien, die laut „New York Times“ „dreifach verurteilenswert“ sind, weil sie „die Nahrungsmittelversorgung bis weit in die Zukunft vernichten; die Ökologie in Unordnung bringen; und zukünftige Generationen mit körperlicher Mißbildung bedrohen“.

Rüstungsspiele

Die amerikanischen Steuerzahler haben seit 1946 mehr als eine Billion Dollar für Rüstung ausgegeben. Zur Verteidigung der Nation muß man, sagen die Militärs, von folgender Annahme ausgehen: da unsere Seite eine bestimmte Waffe erzeugen kann und auch erzeugt, kann ein potentieller Feind die gleiche Waffe erzeugen. Deshalb müssen wir Verteidigungswaffen entwicklen und produzieren, um diesen mutmaßlichen Angriffswaffen zu begegnen. Wir müssen jedoch annehmen, daß der potentielle Feind gleichfalls ein solches Abwehrsystem erfinden und erzeugen kann. Deshalb ist es unsere nächste Aufgabe, ein Angriffswaffensystem zu entwickeln und zu produzieren, das dieses auch vom Feind erfind- und herstellbare Verteidigungssystem vernichten kann. Usw. usf.

Bei diesem Kalkül gibt es keine theoretische Grenze für die Quantität oder Qualität von Waffensystemen, die das Militär zur Aufrechterhaltung der nationalen Sicherheit als notwendig erachtet. Die einzige Begrenzung ist die Phantasie der Kriegsspieler und die Leistungsfähigkeit der Steuerzahler. Hingegen ist die tatsächliche Entwicklung und Herstellung von Waffen durch die Sowjetunion kein beschränkender Faktor für unsere eigenen Waffenprogramme. Wenn die Russen eine bestimmte Waffe nicht haben, müssen wir annehmen, daß sie sie bald haben werden.

Die „strategischen Annahmen“ lassen sich solcherart ins Endlose fortsetzen und rechtfertigen sich aus sich selbst. Als beispielsweise amerikanische Militärs in der Mitte der sechziger Jahre behaupteten, die UdSSR baue ein dichtes Antiraketensystem, verstärkten wir unsere offensive atomare Schlagkraft durch die Entwicklung von multiplen Sprengköpfen für Unterwasser- und Landraketen. Als Verteidigungsminister McNamara Ende 1967 mitteilte, Rußland verfüge über keine bedeutsame Antiraketenkapazität, stellte das Verteidigungsministerium keineswegs die Entwicklung multipler Sprengköpfe ein, die zur Abwehr der nichtexistierenden russischen Anti-Raketen-Drohung bestimmt waren. Statt dessen wurde argumentiert: Wir müssen trotzdem, da wir ja die alte sowjetische Vorliebe für Verteidigungssysteme kennen, die Planung unter der Annahme durchführen, daß die Sowjets spätestens in den frühen siebziger Jahren irgendeine Art von Antiraketensystem rund um ihre größeren Städte aufgezogen haben werden.

McNamara erklärte hierzu, für den Fall, daß die USA einen starken Antiraketenschild entwickeln sollten, würde dies einen „mächtigen Antrieb für die Sowjets“ darstellen, „ihre eigenen Angriffskräfte gewaltig zu verstärken. Das ... würde es für uns erforderlich machen, umgehend zu antworten — und so würde der Waffenwettlauf hoffnungslos weiterrasen, einem für beide Seiten sinnlosen Ziel entgegen.“

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1970
, Seite 333
Autor/inn/en:

Donald McDonald: Executive Editor des „Center Magazine“, der mit dem NEUEN FORVM befreundeten Zeitschrift des Center for the Study of Democratic Institutions, Santa Barbara, Calif.

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