FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1976 » No. 276
Günther Nenning

Menschenfresser Pitter

Als Klaus Pitter bei uns in der Redaktion auftauchte, in den sechziger Jahren, war er ein sehr stiller, sehr junger Mann, frisch von der Akademie, mit einem blonden Heiligenschein komplett rund ums Gesicht, oben aus Haar, unten aus Bart. In den Diskussionen in diesen studentenbewegten Jahren, in denen alle Zeitwörter auf „-ieren“ ausgingen und alle Hauptwörter auf „-ion“, sagte er nie was. Ich entwickelte ein eigenes physiognomisches System, um aus seinem Mienenspiel herauszufinden, ob er bei einer Sache dafür war oder dagegen — er hatte ein sehr gesundes Urteil. Sanft wie er war, hatten seine Zeichnungen eine mörderisch lustige, mörderisch obszöne Brutalität. Ich erinnere mich an seine Illustrationen zu einem bläßlich hochtheoretischen Text über Reformismus und Klassenkampf: Kapitalist als Vamp mit bemalten Lippen und langem Zigarettenspitz lehnt in der Tür seiner Villa, lockt Arbeiter in Salon und aufs Sofa, zieht sich Schlafrock aus, streckt ihm den Arsch hin zur liebevollen Vereinigung, Arbeiter schiebt ihm statt Schwanz den stählernen Schraubenschlüssel hinein, Kapitalist krepiert.

Pitters Haare sind kürzer geworden, der Bart gepflegter, die Zeichnungen zahmer. Sind sie zahmer? Er sitzt im Burgenland auf seinem Bauernhof, siehe Selbstkarikatur in grüner Joppe, die Mistharke in der Hand. Sein verschmitztes Gesicht, Mischung aus Gartenzwerg und Weihnachtsengerl, formuliert das präzise Staunen: Was mach’ ich da eigentlich? Wo sind die wilden Jahre um ’68? Vorbei die Wut über den Zustand der Welt: er schildert sie nur noch. Der Fachausdruck lautet: er ist gereift. Aber gezähmt?

Ich glaube, Pitter ist noch genauso wild, aber realistischer. Er weiß jetzt: jener Lustmord am Kapitalismus findet nicht statt. Es ist alles viel ernster. Aus dem Aktionisten wurde der Analytiker. Statt lustiger Märchen, wie der kluge Arbeiter im blauen Overall den dummen dicken Kapitalisten hamdraht mit dem Schraubenschlüssel — statt dessen die traurige Wirklichkeit. Erst die Analyse, dann die Aktion.

Der ernst, ja traurig gewordene Pitter hält noch bei der Analyse, von Aktion keine Spur mehr. Statt des Aktions-Theaters: proletarischer Kasperl besiegt kapitalistisches Krokodil, schildert er die wirkliche Welt des Kapitals, kaum noch lustig, nur noch mörderisch, manchmal formal bißchen verspielt, tückisch getarnt auf brav und zahm. Beim ersten Blick sagt man vielleicht noch: Wie lustig! oder: Wie brav! — und beim zweiten und allen folgenden Blicken nur mehr: Wie furchtbar! und: Wie furchtbar wahr!

Neger, mit Kniefall anbetend Flugzeug, von dem man nur noch die Schwanzspitze sieht. Schöner, einsamer Strand. Nächstes Bild: nur noch leerer Strand, mit leerem Boot, oben das Flugzeug. Etwas Furchtbares ist passiert. Was?

Die Antwort steht in den linken Schwarten über Politökonomie der Dritten Welt, Ausbeutung, Versklavung, Ausrottung.

Aber Antworten ist nicht Pitters Sache, sondern eben Zeichnen. Immer öfter stellt er uns vor die Frage: Was ist das eigentlich? Versteh’ ich nicht! — Und indem man das sagt, fühlt man sich schon ertappt und beschämt und schuldig. Denn natürlich weiß man, was es ist, was er da zeichnet, diese endlose Serie von Blättern z.B., wo das Buch eine dämonische Kraft ist, die die Menschen kaputt macht. Bücher als Flügel angeschnallt, aber der Mensch stürzt ab. Bücher, viele schwere, die ein kleiner Mann halten muß mit äußerster Kraft, damit ein großer dicker das oberste gemütlich lesen kann. Was, wir wissen nicht, was das soll? Ist doch gelogen! Natürlich wissen wir’s, wir intellektuellen Schmarotzer, Büchermenschen, lebend von der Arbeit der Nichtbüchermenschen.

Pitters Anti-Intellektuellen-Tick kommt nicht nur von seinem Rückzug in die burgenländische Idylle, er schildert auch einen sozialen Herrschaftszusammenhang.

Er selber, wenn man ihn fragt, würde entweder nix oder ganz was anderes sagen, im soliden heimatlichen Oberösterreichisch: Jo, dös Manderl da, dös ... Und dann denkt man sich: Aha, so einfach (primitiv) meint der das.

Ja, der Pitter ist ein Primitivling. Er ist einer von diesen Eingeborenen, die er da zeichnet, mit Einbaum, Penishülse und riesiger Zaubermaske — wie man’s halt hat, dort, wo er jetzt daheim ist im Burgenland, nicht wahr? Mit seinen ausgefransten, völlig unverwechselbaren Strichen, die man sofort spürt unter der Haut, bohrt sich der große kleine eingeborene Zauberer ganz direkt, unter Verachtung jedes intellektuellen Raffinements, in unsere Weichteile, Hirn, Herz und Nierndeln.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1976
, Seite 25
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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