FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 205/206
Michael Springer

Max Born und Lenin

Physik und Gesellschaft

Forschung, „a great fun“

I never liked being a specialist and have always remained a dilettante, even in what were considered my own subjects. I would not fit into the ways of science today, done by teams of specialists. The philosophical background of science always interested me more than its special results. [1]

Der so spricht, ist kein in der Naturwissenschaft Gescheiterter, der spät noch wenigstens in der Philosophie Karriere machen möchte Max Born, 1882-1970, gehört zu dem kleinen Kreis theoretischer Physiker, die im Wechselspiel von mathematisch-physikalischer Arbeit und wissenschaftstheoretischer Diskussion das „Weltbild der modernen Physik“ entworfen und gefestigt haben.

Für die meisten aus diesem Kreis war Naturwissenschaft eine Fortsetzung der Philosophie mit anderen Mitteln: Natur-Philosophie. Es ging ihnen nicht um Wissen als Macht, nicht um technische Naturbeherrschung, auch nicht um das spielerisch-probierende Einpassen der experimentellen Daten in mathematische Modelle, sondern um Naturerkenntnis, um das Aufzeigen der Struktur der „objektiven Realität“ mit unzweifelhaften Methoden:

Right from the start ... I found research great fun, and it has remained enjoyable to this day. This pleasure is a little like that known to anyone who solves crossword puzzles. Yet it is much more than that, perhaps even more than the joy of doing creative work in other professions except art. It consists in the feeling of penetrating the mystery of nature, discovering a secret of creation, and bringing sense and order into a part of the chaotic world. It is a philosophical satisfaction ... I am convinced that theoretical physics is actual philosophy. [2]

Jedoch gerade die Erkenntnisse, zu denen diese Männer durch ihre Arbeit geführt wurden, zwangen sie, den Gegenstand ihres Interesses, eben jene „objektive Realität“, kritisch zu überdenken. Die Relativitätstheorie entthronte Längen und Zeitintervalle als die absoluten, das heißt vom Bezugssystem des Beobachters unabhängigen Meßgrößen, die sie in der klassischen Mechanik Newtons gewesen waren. Die Quantentheorie zerstörte die Naivität, mit welcher der Beobachter bisher sich selbst aus den beobachteten Vorgängen fortgedacht oder fortgerechnet hatte, und zwar in der ganzen nun „klassischen“ Physik, die Relativitätstheorie eingeschlossen; statt dessen zeigte die Quantentheorie, daß sich im mikroskopischen Bereich, das heißt dort, wo die auftretenden Wirkungen durch ihre Kleinheit dem Planckschen Wirkungsquantum nahekommen, eine grundsätzliche Unschärfe der Meßgrößen einstellt, weil die Störung der Vorgänge durch den Beobachter sich aus prinzipiellen Gründen nicht unter eine bestimmte, mit dem Wirkungsquantum verknüpfte Schranke drücken läßt. Das führte zur Preisgabe wesentlicher Züge der klassischen Naturbeschreibung und ihres Gegenstandes, der „objektiven Realität“: Bei aller mathematischen Schlüssigkeit wurde die Naturbeschreibung vom Standpunkt der Anschauung aus widersprüchlich: Bohrs Komplementaritätsprinzip besagt, daß Mikrovorgänge nur mit einer Kombination des Wellen- und des Teilchenbildes beschrieben werden können, obwohl beide sich in der alten anschaulichen Physik ausschließen; die Lichtwellen haben auch Teilchencharakter: es gibt „Lichtquanten“ (Einstein 1905); die Materieteilchen haben auch Wellencharakter: es gibt „Materiewellen“ (de Broglie 1922).

Weiters verlor sich der strenge Determinismus der klassischen Physik zugunsten einer statistischen Kausalität. Für die statistische Deutung der Quantentheorie erhielt Max Born 1954 den Nobelpreis; Heisenberg, Pauli und Jordan hatten unter seiner Anleitung in Göttingen 1925 die Matrizenmechanik geschaffen; der äquivalenten Wellenmechanik Schrödingers von 1926 gab er in Form der „Wahrscheinlichkeitswellen“ eine statistische Deutung. Dies gab der Bohrschen Komplementarität von Wellen- und Teilchenbild einen zusätzlichen physikalischen Sinn: die Intensität der dem Teilchen zugeordneten Welle ist ein Maß für seine Aufenthaltswahrscheinlichkeit.

Außerdem hat Max Born auf fast jedem Gebiet der Physik, außer Kernphysik, gearbeitet: er popularisierte im Ersten Weltkrieg die Relativitätstheorie seines lebenslangen Freundes Einstein; er lieferte grundlegende Beiträge zur quantenmechanischen Behandlung der Dynamik von Kristallgittern; er schrieb Lehrbücher über Optik und Atomphysik. Er nahm aktiv an den Diskussionen über die philosophische Interpretation der Quantenphysik teil. 1933 zur Emigration gezwungen, durch Hiroshima und Nagasaki aufgerüttelt, erkannte er immer mehr die Untrennbarkeit seiner Existenz als Physiker und als „zoon politikon“.

... during my span of life science has become a matter of public concern and the l’art pour l’art standpoint of my youth is now obsolete ... Science in our technical age has social, economic and political functions, and however remote one’s own work is from technical application it is a link in the chain of actions and decisions which determine the fate of the human race. I realized this aspect of science in its full impact only after Hiroshima. But then it became overwhelmingly important. It made me ponder over the changes which science has brought about in human affairs during my own time and where they may lead. [3]

Besonders seit seiner Rückkehr nach Deutschland 1954 hat sich Max Born immer wieder zu politischen Fragen zu Wort gemeldet und hat den Machthabern von Adenauer bis Kiesinger unangenehme Wahrheiten vorgehalten. Er ist Mitglied der engagierten „Vereinigung Deutscher Wissenschaftler“ und arbeitet an der Zeitschrift „Atomzeitalter‘‘ mit, welche die gern verschwiegenen „Nebenwirkungen“ der Technik gebührend herausstellt. Nicht zuletzt legt Max Born Wert auf die Feststellung, daß er Sinn für Literatur und Musik hat und aktiv zur Verbreitung der deutschen Dichtkunst im Ausland beigetragen hat durch seine Nachdichtung „Wilhelm Busch: Klecksel the Painter“, New York 1965.

Naiver Lenin

Schon um die Jahrhundertwende hatte es einen naturphilosophischen „Umsturz im Weltbild der Physik“ gegeben: der materialistische Atomismus, mit dem Atom als letztem Baustein der materiellen Welt, brach zusammen: die Entdeckung der Radioaktivität und des Elektrons ließen sich mit der Vorstellung der Atome als unveränderlicher harter Kugeln nicht vereinen. Man sprach von „Ruinen“ der alten Prinzipien, von einer „Entmaterialisierung“ des Atoms und sogar von einem „Veschwinden der Materie“. Das freute die Anhänger idealistischer Richtungen, war aber natürlich den marxistischen Materialisten gar nicht recht: sie mußten glauben, den materiellen Boden unter den marxistischen Füßen zu verlieren. Manche verzweifelten, suchten eine neue Plattform und wurden „Revisionisten“, konkret Neukantianer oder Positivisten; diese nannten sich damals Empiriokritizisten und beriefen sich auf das Dekret von Mach, wirklich seien nur die Empfindungen in ihren festen oder flüchtigen Verbindungen; ein Wesen „hinter“ den Erscheinungen gebe es nicht: Wesenheiten seien nur Empfindungskomplexe, ökonomische Zusammenstellungen gewisser Empfindungen. Fragen nach der „Realität der Außenwelt“ und der „Existenz bewußtseinstranszendenter Dinge“ veschwinden so. Dieser „Immanenzpositivismus“ (Schlick) ist deswegen in den Geruch des Idealismus gekommen.

Gegen die Revisionisten zog Lenin in „Materialismus und Empiriokritizismus“ vehement zu Felde. [4] Seine Kritik ist schlagend, wenn er zeigt, daß der Wissenschaftler praktisch immer ganz „naiv“ so vorgeht, als studiere er das Verhalten von Dingen, auf die sein Bewußtsein keinen Einfluß hat, also eine „objektive Realität“, nicht aber so, als wollte er seine Empfindungen möglichst „ökonomisch“ in eine Ordnung bringen; der Wissenschaftler arbeitet in der Tat als Naturforscher, nicht als Empfindungsarchivar. Unglücklicherweise läßt es Lenin bei dieser wissenschaftsmethodologischen Kritik des damaligen Positivismus nicht bewenden und begeht den schweren, unkritischen, antidialektischen Fehler, aus dem „naiven Weltverständnis“ (Husserl), welches das praktische Leben im Alltag und die Methode der Naturwissenschaft leitet, eine dogmatische Aussage über die eine wahre Ontologie zu machen: Lenin erläßt einen naiven Realismus: Empfindungen sind getreue Abbilder der Realität (Leninsche Abbildtheorie; zum Unterschied von der ketzerischen Plechanowschen Hieroglyphentheorie, nach der die Empfindungen nicht Abbilder, sondern veschlüsselte Informationen über das An-Sich sind: ein scholastischer Streit). Wissenschaftliche Aussagen drücken das Wesen hinter den Erscheinungen aus, wenn auch durch den Erkenntnisfortschritt nur mit relativer Wahrheit. Die Realität ist unabhängig vom Bewußtsein. Man hat das Gefühl, daß hier aus einer Trotzhaltung die einfältige Position des Gegners („die Materie löst sich auf!“) nicht aufgehoben wird, wie das in einer methodologischen Kritik der Fall wäre, sondern einfach negiert („die Materie löst sich nicht auf!“); so entsteht eine ebenso einfältige Gegenposition. Es geht eben nicht um eine gelassene Diskussion über Methoden der Wissenschaft, sondern um die „metaphysischen“, das heißt ideologischen Implikationen des Positivismus und des Realismus; ersteren bezeichnet Lenin als „physikalischen Idealismus“, während letzterer bei ihm „Materialismus“ heißt.

Gewiß frohlocken manche Religionslehrer und Humanisten, wenn sie hören, die Wirklichkeit „entmaterialisiere“ sich; gewiß stärkte es diesen Ideologen der Bourgeoisie den Rücken, zu erfahren, es sei jetzt wissenschaftlich bewiesen: die Wirklichkeit sei „geistig“. Das entschuldigt aber nicht Lenins vorschnelle Antwort, genau das Gegenteil sei wahr. Denn: Erstens ist die Wirklichkeit nicht gleichzusetzen mit der physikalischen. Und zweitens ist die physikalische Welt nicht eine Welt „an sich“, die es auch ohne die Physiker gäbe, sondern sie ist die „Welt der Physik“, das heißt eine Welt, entstanden aus der akkumulierten Arbeit der Physiker im Laufe der Zeit.

Das hat mit „Idealismus“ nichts zu tun (wenn ja, dann war Marx Idealist), denn dieses Weltbild ist in doppelter Weise „real“: erstens für das Kollektiv der Physiker (für „die Physik“ als erkennendes Subjekt) durch die Fundierung des Weltbilds im Experiment; zweitens für den einzelnen Physiker noch zusätzlich durch die ihm vorgängige „Welt der Physik“: einen „subjektiven Idealismus“ im Sinn willkürlicher Konstruktionen über Empfindungen betreiben Wahnsinnige und Künstler, nie Physiker; wenn Mach so mißverstanden werden kann, dann ist spätestens seit Carnaps „Logischem Aufbau der Welt“ klar, was der Positivismus meint. Diskussionen darüber abzuhalten, ob das Elektron objektive Realität oder subjektive Konstruktion ist, ist für Positivisten und Dialektiker gleichermaßen sinnlos: physikalische Begriffe sind das Ergebnis des dialektischen Erkenntnisprozesses, den die Physik darstellt; in ihnen stecken sowohl die historisch-gesellschaftliche Orts- und Zeitgebundenheit des Erkenntnisinteresses für technische Naturforschung (Frage: Setzt sich ein Trobriand-Insulaner für sich, an sich — oder für uns aus Elementarteilchen zusammen?) wie auch die objektiven Sachzwänge des „Praktisch-Trägen“ (Sartre).

Schon die Situation des Experiments zeigt das: innerhalb des physikalisch Sinnvollen (innerhalb der gesellschaftlichen Realität der „Welt der Physik“) kann ich mir den Versuchsaufbau und die „Fragen an die Natur“ aussuchen; die „Antwort der Natur“, der Wert, den der Zeiger zeigt, ist dann, im Rahmen des Experiments, weder vorher bestimmbar noch beeinflußbar; so enthalten dann auch die darüber im Konsensus der Physiker aufgebauten Begriffe ein Element des Subjektiven (wobei aber das Subjekt „die Physik“ ist) und ein Element willkürfreier Sachlichkeit. Eigentlich sagt allein schon das Wort „Tat-Sache“ alles. Somit ist Physik vor jeder anderen gesellschaftlichen Praxis nicht ausgezeichnet durch direkteren Zugang zu einer „objektiven Realität“, sondern durch hohe Allgemeinheit ihrer Ergebnisse; diese Objektivität (intersubjektive Prüfbarkeit, Verständlichkeit in ganz verschiedenen Kulturen) ist aber natürlich selbst eine gesellschaftlich vermittelte Eigenschaft der Physik.

Daß sich, durch die stalinistische Verhärtung bedingt, noch heute die sowjetischen Physiker auf Lenins Streitschrift berufen, ist um so bedauerlicher, als sie sich damit gegen die Rezeption neopositivistischer und pragmatistischer (C. S. Peirces Logik der Forschung) Ergebnisse sperren, die sich teils glatt, teils modifiziert in den Marxismus, diese „Philosophie unserer Zeit“ (Sartre), einbauen ließen. Durch diesen Dogmatismus, der ein überholtes Pamphlet als Offenbarung ausgibt, war es möglich, daß die russischen Physiker in den Diskussionen um die Interpretation des nächsten Umsturzes in der Physik, des durch Relativitäts- und Quantentheorie ausgelösten, noch immer Lenin zitierten. Jeder Versuch, den Dogmatismus aufzulockern, war Revisionismus; den Unterschied zwischen dem alten und dem Neopositivismus, der auf dem Gebiet der Wissenschaftstheorie ideologisch völlig neutral und unverdächtig ist, gaben sie nicht zu; für sie hatte es im bürgerlichen Lager seit Mach keine Entwicklung gegeben; Pragmatismus und Positivismus waren Agnostizismus, Idealismus, bourgeoise Ideologie, sonst nichts.

Muffige Metaphysik

In den Diskussionen um die philosophische Interpretation der Quantentheorie bezog Max Born zwischen den konservativen „mechanistischen“ Realisten (Einstein, Schrödinger, de Broglie), die den strengen Determinismus und die Anschaulichkeit der Theorien nicht aufgeben wollten, und den anfangs „idealistisch“ getönten „Positivisten“ (Bohr, Heisenberg, Jordan u.a.) eine eigene Zwischenstellung, die ihn in große Nähe zum Standpunkt Lenins bringt. Von sowjetischen Physikern (vor allem A. W. Suwarow, aber auch W. A. Fock und M. E. Omeljanowski) ist das auch gewürdigt worden. Das Buch von H. Vogel [5] gibt eine umfassende Darstellung von Borns Physikphilosophie von der Warte der offiziellen Leninschen Doktrin aus. Gemeinsam ist Born und Lenin die polemische Frontstellung gegen den „Positivismus“. Auch Born versteht darunter immer noch den Urpositivismus von Mach und Avenarius.

Es stellt der offiziellen sowjetischen Doktrin kein gutes Zeugnis aus, daß ein über die neuen Entwicklungen der analytischen Philosophie notgedrungen kaum informierter Fachphysiker sich mit den marxistischen Spezialisten für Wissenschaftstheorie in voller Übereinstimmung findet, was den Positivismus anlangt: Born wie auch Lenins heutige Jünger (und manche westliche Marxisten) feuern Breitseiten gegen das Gespenst eines längst toten Positivismus, den Born mit Recht „albern“ nennt [6] und den er, von Vogel für seine Einsicht bewundert, so charakterisiert: „Die Physik als Tätigkeit ist ein Teil des gewöhnlichen Lebens, und zwar eine kollektive Tätigkeit. Der extreme Positivismus aber, der nur Sinneseindrücke als Wirklichkeit gelten läßt, alles übrige aber für Konstruktionen zur logischen Verknüpfung dieser Eindrücke erklärt, ist offenbar das Gegenteil einer Philosophie kollektiver Handlungen. Er ist vielmehr in höchstem Grade subjektivistisch; man kann ihn geradezu solipsistisch nennen.“ [7]

Und was ist mit der Grundforderung jeder Philosophie der Wissenschaft, dem Kriterium intersubjektiver Prüfbarkeit? Wäre der Positivismus nichts weiter als das, was Born in fast wörtlicher Übereinstimmung mit Lenin hier kopfschüttelnd feststellt, so wäre es ein Wunder, daß außer dem Solus ipse von Mach noch jemand jemals Positivist geworden wäre. Hier spukt immer die Vorstellung des einsamen Ich herum, das vor sich hinmurmelnd seine Empfindungen ordnet; daß das noch nicht Physik ist, sieht jeder ein.

Es geht eben nicht um die Alternative „bloß konventionell, eine subjektiv-willkürliche Angelegenheit“ gegen „objektiv-real“, [8] die falsch davon ausgeht, es stünde ein Physiker allein vor der Natur und erkenne entweder die Realität oder spiele nur unernst mit seinen Empfindungen: der Mensch ist als Physiker Mitglied einer gesellschaftlichen Realität, hat als Physiker schon aufgehört, allein zu sein: mit seiner Willkür ist es vorbei; solang er Physiker bleiben will, muß er sich einer „objektiven Realität“ anpassen, die wie jede menschliche Arbeitsgemeinschaft eine dialektische Einheit von Ideellem und Materiellem, von Bewußtsein und Natur ist. Daß dabei „die Materie dem Bewußtsein vorausgeht“, heißt nicht, es herrsche naiver Realismus und das Bewußtsein sei ein Photo der Materie: es heißt vielmehr, daß das Bewußtsein immer schon in eine Welt geworfen ist, in der es um sein Dasein (zum Beispiel als Physiker) kämpfen muß; ein Bewußtsein, das sich seine Welt ohne Sachzwänge frei „konstituiert“, wäre ein idealistisches; umgekehrt ist eine unabhängig vom Subjekt an sich seiende Wirklichkeit nichts „Materialistisches“, sondern ein Unding: zu sagen, die Realität sei so, ob sie erkannt werde oder nicht, ist ein Glaubensartikel, Metaphysik übelster Art; freilich erscheint die Realität in der Praxis als das, was dem „Projekt“ der Praxis Widerstände entgegensetzt, die das Bewußtsein nicht einfach willkürlich aus der Welt schaffen kann, und in diesem Sinn ist die Realität unabhängig vom Bewußtsein; das ist „objektive Realität“ genug. Aber mit Lenin zu sagen, das reale Objekt sei unabhängig davon, ob es je ins Bewußtsein komme, so wie es ja auch unabhängig davon sei, ob es ein Spiegel spiegle oder nicht — das ist ebensoviel wert wie der Analogieschluß, die Welt müsse einen Schöpfer haben, denn jedes Uhrwerk gehe zurück auf einen Uhrmacher.

Während Vogel Born immer wieder dafür lobt, daß er trotz seiner bürgerlichen Herkunft fähig gewesen sei, so nahe an die Wahrheit, das heißt an Lenin, heranzukommen, stellt sich an einem Zitat [9] heraus, daß Borns Realismus nicht dogmatisch, sondern methodisch gemeint ist; denn er setzt seine Position ganz bewußt von der Leninschen ab: „Der Materialismus der kommunistischen Staaten des Ostens ... behauptet, natürlich auch ohne Beweis, als Axiom, die Existenz einer vom Subjekt unabhängigen Wirklichkeit ... Da Lenins Philosophie im Osten eine Art Staatsreligion geworden ist, so wird eine Sache, die so viele Denker und Philosophen beunruhigt hat, hier zu einem Artikel des Glaubensbekenntnisses, hinter dem die Staatsmacht steht.“

Dagegen ist für Born der Realismus ganz einfach die richtige methodische Einstellung in der Praxis der Physik. „An die Stelle der positivistischen Definition des Gesetzes: beständige Beziehung zwischen Phänomenen, setzt der Marxismus die dialektische Definition des Gesetzes: innerer und notwendiger Zusammenhang zwischen zwei Erscheinungen“, sagt der Marxist Jean Orcel. [10] „Außen“ und „innen“ sind sinnvoll in gesellschaftlichen Fragen, wo übrigens der Positivismus sofort in Ideologie umschlägt. Wenn aber von naturwissenschaftlichen Gesetzen die Rede sein soll, ist diese Trennung muffige Metaphysik und verfällt mit Recht der positivistischen Kritik. Die Dialektik von Außen und Innen, Erscheinung und Wesen gehört zum gesellschaftlichen Erkenntnisprozeß; um als „Dialektik der Natur“ (Engels) den Ergebnissen dieses Prozesses ein dialektisches Eigenleben anzudichten, ist sie zu schade. Das erschwert nur die Anerkennung des Marxismus als Philosophie und politische Theorie bei den Wissenschaftlern des Westens, die oft von der Politik so wenig verstehen „wie die Katze vom Vaterunser“, wie Einstein einmal von Planck sagte.

Direkt an die Arbeiterklasse

So ist auch der wertvolle Teil von Vogels Buch nicht der, wo er über Born als Philosophen, sondern wo er über Born als engagierten Publizisten spricht:

Das Leben Borns zeigt, daß er stets unter denen zu finden war, die für den Frieden, für Humanismus und Recht, gegen Rüstungspolitik und Faschismus und gegen reaktionäre politische Willkür aufgetreten sind. Unvergessen wird sein Anteil am Zustandekommen des 1957 veröffentlichten mahnenden Appells der 18 Göttinger Naturwissenschaftler vor der atomaren Rüstung der Bundesrepublik bleiben, sein öffentliches Auftreten gegen den Atomminenplan des ehemaligen faschistischen Generals Trettner, sein Eintreten für westdeutsche Friedensfreunde und Demokraten, die von der Bonner Justiz verfolgt und eingekerkert wurden, wie zum Beispiel Frau Emmi Meyer.“

Born sprach sich ferner gegen eine revanchistische Politik aus, die eine Revision der durch den Zweiten Weltkrieg entstandenen deutschen Grenzen zum Ziel hat. Er trat auch für die Beendigung des Krieges der USA gegen das vietnamesische Volk ein. [11]

Nie ließ sich Born zum aktiven Vertreter einer militaristischen Ideologie machen, wie in Deutschland P. Jordan, in den USA Edward Teller, der „Vater der H-Bombe“, wie die ungezählten gesichtslosen Wissenschaftler, die Waffen und Krankheitskeime entwickeln, gegen die es möglichst kein Gegenmittel gibt. Ihm war wie seinem Freund Einstein und seinem kurzzeitigen Schüler, dem „Atomspion“ Ernst Fuchs, „die Selbstgefälligkeit, mit der sich die Gelehrten, besonders in Deutschland, gern in die Klosterzelle der Wissenschaft zurückzogen, ... fremd“ (Ph. Frank über Einstein).

Neben den materiellen Gefahren des technischen Fortschritts (Überbevölkerung, Vernichtung der Menschheit durch Kriege) erkannte er ganz klar die ideelle Gefahr, die darin besteht, die Methoden der Naturwissenschaft unkritisch auf soziale und moralische Fragen anzuwenden; andererseits ist er insofern „bürgerlicher Idealist“, sagt Vogel zu Recht, als er die rein moralische Läuterung der Staatsmänner für politisch relevant hält und oft in das ideologische Konzept der „Dämonie der Technik“ verfällt, so, als habe die Wissenschaft ein blindes und für die Menschheit unheilvolles Eigenleben, das sich der Einflußnahme der Menschheit praktisch entziehe.

Aber Born ist kein Defätist: „Wir müssen kämpfen gegen offizielle Lügen und Übergriffe: gegen die Behauptung, es gäbe einen Schutz gegen Kernwaffen durch Bunker und Notverordnungen; kämpfen gegen die Unterdrückung derer, die die Bevölkerung hierüber aufklären; gegen engherzigen Nationalismus, Glorie, Großmannssucht; und vor allem gegen die Ideologien, die Unfehlbarkeit ihrer Lehre beanspruchen und die Welt in unversöhnliche Lager trennen.“ [12] Born war es auch, der die Raumfahrt einen „Triumph des Verstandes, aber ein tragisches Versagen der Vernunft“ nannte.

Im April 1966 schrieb Max Born einen Brief an den Vorsitzenden der Gewerkschaft IG Metall: „Was mich bewegt, Ihnen zu schreiben, sind die Notstandsgesetze, die ich für eine der schlimmsten, verderblichsten und gefährlichsten Maßnahmen in der Geschichte der Bundesrepublik halte ... Politisch gesehen kann es kaum einen anderen Zweck haben, als die Volksmassen in die Hand zu bekommen, um eine Militärdiktatur und einen Krieg vorzubereiten ... Sie (die Notstandsgesetze) zielen auf Wiederaufrichtung eines Obrigkeitsstaates.“ [13] In bemerkenswerter politischer Einsicht hat Born es also aufgegeben, an die Moral der Machthaber zu appellieren, und wendet sich direkt an die Arbeiterklasse. Und Vogel sagt: „Wir in der DDR sollten Born oder andere westdeutsche Professoren wissen lassen, daß wir uns mit ihnen verbunden fühlen, auch wenn Born und viele andere der DDR gegenüber viele Vorbehalte haben ... Born hat erkannt, daß die Arbeiterklasse in Deutschland jene Kraft ist, die in der Verhinderung einer neuen Kriegsvorbereitung ... Entscheidendes leisten kann und, wie wir sagen, auch wird. Es gibt keine größere Kraft.“ [14]

[1Max Born, My Life & My Views, New York 1968, S. 22

[2a.a.O., S. 47

[3a.a.O., S. 49

[4G. A. Wetter, Philosophie und Naturwissenschaft in der Sowjetunion, rde 67, S. 18 ff.

[5H. Vogel, Physik und Philosophie bei Max Born, Berlin 1968

[6M. Born, Physik und Politik, Göttingen 1960, S. 12

[7a.a.O., S. 11

[8Vogel, S. 78

[9M. Born, Von der Verantwortung des Naturwissenschaftlers, München 1965, S. 169; kommentiert bei Vogel, S. 105 ff.

[10Existentialismus und Marxismus, edition suhrkamp 116, S. 11 f.

[11Vogel, S. 108

[12Universitas, Heft 4/1963, S. 344 ff.; Zitiert nach Vogel, S. 139

[13zitiert nach Vogel, S. 135 f.

[14Vogel, S. 137

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1971
, Seite 1176
Autor/inn/en:

Michael Springer:

Jahrgang 1944, aufgewachsen in Henndorf bei Salzburg, studierte Theoretische Physik in Wien und war Redakteur des FORVM. Er lebt heute als freier Schriftsteller, Übersetzer und Redakteur in Aachen. Von ihm sind u.a. die Romane Was morgen geschah (1979) und Leonardos Dilemma (1986) erschienen. Leben Sie wohl? ist 1999 bei Zsolnay erschienen.

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