FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 190
Milan Machovec

Masaryk, Österreich und die ČSSR

Aus dem Vorwort einer Biographie Masaryks‚ demnächst bei Styria, Wien-Graz-Köln.

Welche Position
sie auch einnehmen,
ich werde ihnen
dabei keine Ruhe lassen.

Blaise Pascal

I.

„Mußte Masaryk das alte Österreich zerschlagen? War dies nicht ein Fehler? Hat sich das für euch Tschechen nicht schon zweimal gerächt?“

Ähnliche Fragen hörte ich in Wien seit dem August 1968 oft. Sie waren nicht boshaft oder spöttisch gemeint, eher mit der offenen und anteilnehmenden Sympathie der Bewohner eines Landes, das den Tschechen territorial am nächsten liegt und deshalb auch fast immer von denselben Gefahren bedroht war, seit den Türkenkriegen, seit den tatarischen und magyarischen Einfällen.

Die Spuren fast vierhundertjährigen Zusammenlebens der Tschechen und Slowaken mit den Österreichern in einem gemeinsamen Staat lassen sich nicht leugnen. Es gibt unzählige verwandtschaftliche Beziehungen bis zur wechselseitigen Migration der Bevölkerung; Wien war und bleibt die zweitgrößte tschechische Stadt.

Aber sehen wir vom „Mann auf der Straße“ ab, dep oft naiv ist (gerade Wien zeichnete sich fast immer durch politische Naivität aus — vielleicht unter tschechischem Einfluß), und nehmen wir z.B. die besten deutschen, französischen, englischen Lexika, so finden wir Masaryk auch da als „tschechischen Patrioten“ charakterisiert, der die „Grundlagen zur tschechoslowakischen nationalen Selbständigkeit legte“, den größten Anteil an der „Zerschlagung“ der übernationalen Donaugemeinschaft hatte.

Masaryk war das Gegenteil des typischen Nationalisten; in der Geschichte gibt es wenig derart ausgeprägte Gegner und Kritiker jedweden Nationalismus wie gerade ihn. Er hatte kein größeres Interesse, tschechoslowakischer Präsident zu werden, als Karl Renner österreichischer. Beide hätten einem größeren Staatssystem den Vorzug gegeben.

Nach seiner Rückkehr 1918 war eines seiner ersten Worte auf tschechischem Boden: „Wir haben Österreich zerschlagen. Jetzt müssen wir es wieder zusammenfügen.“ Er hatte stets maximales Interesse an Gemeinsamkeit und Zusammenarbeit der Völker des Donauraums, nicht an ihrer Abgrenzung und Isolierung.

Das letzte halbe Jahrhundert — insbesondere die Jahre 1938 und 1968 — haben bestätigt, daß ein bloßes „Zerschlagen“ des alten Österreichs für keines der Donauvölker eine Lösung ihrer grundlegenden Lebensprobleme war. Die schweren inneren und äußeren Kämpfe des einstigen Reiches hörten mit seinem Zerfall nicht auf, sie verstärkten und dramatisierten sich.

Masaryk gehörte zur verhältnismäßig seltenen politisch-kulturellen Strömung in diesem Raum, die sich dieser Gefahr bewußt war. In ihm lebte jene „Idee des österreichischen Staates“, wie sie der größte politische Denker der Tschechen im 19. Jahrhundert, der Historiker Franz Palacký, gegen die Realität des damaligen Habsburgerstaates, aber auch gegen Nationalismus, Isolationismus und bloßes Zerstören vertrat.

Palackýs „Idee des österreichischen Staates“ entsprang einem tief realistischen Urteil über die Situation der Donau- und Balkanländer inmitten der damals erst entstehenden Dynamik eines künftigen Europas; er wollte schon 1848, daß das österreichische Völkerkonglomerat einen bestimmten Sinn haben sollte: die Idee eines natürlichen Schutzes dieser vielen kleinen Völker vor den drohenden deutschen und russischen Machtansprüchen. Nur in einem Verband sind die Donanu- und Balkanländer genügend stark, um deutscher oder russischer Willkür standzuhalten.

Die Zerschlagung der österreichischen Gemeinschaft, die „Selbständigkeit“ von sechs oder zehn kleinen Ländern machte aus ihnen fast zwangsläufig ohnmächtige Vasallen irgendeiner benachbarten Großmacht: alles, was nach 1918 kam, hat in tragischer Weise die Befürchtungen Palackýs bestätigt, die Prinzipien der „Selbständigkeit“ und „Kleinstaaterei“ in Frage gestellt.

Die Großen neigen zur Dschungelmoral, jenem Recht des Stärkeren, das mit Losungen wie „Schutz“, „Hilfe für die Bedrohten“, „gemeinsame Interessen“ und ähnlichem übertüncht wird. In diesem Sinne bleiben die Probleme der Selbständigkeit und Souveränität aller Donau- und Balkanländer wie das Problem ihrer Zusammenarbeit in Souveränität, ohne Abhängigkeit aller oder einzelner von einer Großmacht, bis jetzt ungelöst.

II.

Waren es Masaryk und mit ihm einige tschechische, slowenische, kroatische Politiker, die das alte Österreich „zerschlugen“, diesen natürlichen Schutz vor deutscher oder russischer Expansivpolitik?

Masaryk hätte im Juli 1915, als er in Genf im Namen des tschechischen Volkes den Widerstand gegen den österreichischen Staat verkündete, von sich ähnliches sagen können wie Gandhi, als er den Kampf gegen das britische Reich aufnahm: niemand bemühte sich so lange, mit solcher Ehrlichkeit um Reformen, freundschaftliches Zusammenleben, echte Partnerschaft im Donauraum wie gerade er.

Masaryk kam von den Maximen Palackýs her; in zeitgemäßer Weise wollte er sie verwirklichen. Deshalb bekämpfte er stets jeden tschechischen Nationalismus, Provinzialismus, Isolationismus, jede bloße „Antiwien“-Obstruktion.

Habsburgische ČSSR?

War es seine Schuld oder eher die Schuld jener, die Palackys Idee des österreichischen Staates jahrzehntelang kompromittierten, bis das notwendige Reformprogramm schließlich durch „Zerschlagen“ ersetzt wurde?

Das große Staatensystem an der Donau hätte, wie schon Palacký betont hatte, nur dann dauerhafter Schutz gegen althergebrachte preußische und russische Anmaßung — und gegen ihre möglichen Analogien und Rückfälle — sein können, wenn es ihm gelungen wäre, sich innerlich umzubilden, zu demokratisieren, zu föderalisieren. Seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts kämpfte man darum vergebens. Primitiver Nationalismus, nicht nur deutschösterreichischer und ungarischer (letzerer allerdings vor allem), wurde zum Totengräber.

Das Reich, dessen Motto „Viribus unitis“ lautete, war nur äußerlich und vage eine Einheit: von nationalen, durch nicht zu Ende geführte Demokratisierung hervorgerufenen Streitigkeiten zerrissen, halbfeudal und militaristisch, entsprach dieser Staat in keiner Weise Palackýs Idee des österreichischen Staates. Abgesehen davon, daß die Repräsentanten der ungarischen Reichshälfte nicht die geringste Bereitschaft zeigten, die nationalen und sozialen Probleme zu lösen, erwies sich das Prinzip eines derartigen Dualismus an sich als sehr gefährlich: wo nur zwei Partner vorhanden sind, verleitet jede schwierige Situation dazu, daß entweder der Stärkere den Schwächeren vergewaltigt oder der Schwächere den Stärkeren mit Forderungen erpreßt.

Möge sich dies nicht von neuem bewahrheiten: möge die Tschechoslowakei — die unter allen Nachfolgestaaten von der west-östlichen Spannungssituation der alten Monarchie am meisten mitbekommen hat — von diesem Schicksal des Habsburgerreiches verschont bleiben, wenn sie unter dem Motto der Föderation jetzt zu einem Dualismus übergeht statt zu ihrer natürlichen Gliederung: Böhmen, Mähren, Slowakei.

III.

Masaryk gab dem neuen tschechoslowakischen Staat keine nationalistische, slawische oder antigermanische Grundlage; seine „Idee des tschechoslowakischen Staates“: Brücke zwischen West und Ost, für Annäherung und Verbrüderung der Völker ist eine direkte Fortsetzung von Palackýs „Idee des österreichischen Staates“. Man braucht nicht zu betonen, daß auch in diesem Fall die Realität bei weitem sich nicht mit der Idee deckte und deckt.

Den Schutz, der die Aufgabe jenes idealen Österreichs gewesen wäre, sollte in der praktischen Politik der tschechoslowakischen Republik zwischen den zwei Kriegen die „kleine Entente“ haben: das Bündnis zwischen der Tschechoslowakei, Jugoslawien, Rumänien. Die Realität war der Idee allerdings um nichts näher als im alten Österreich; die wirtschaftlichen, klassenmäßigen, nationalen und politischen Interessen dieser Länder waren so unterschiedlich, die „Idee“ so schwach, daß ein Stoß Nazideutschlands genügte, um die „kleine Entente“ zerfallen zu lassen, leichter als einst das Habsburgerreich.

Über weitere Versuche zu ähnlicher Einheit der Donau- und Balkanländer und über deren Zerschlagung wollen wir schweigen — hier sind die Narben zu frisch, die Leidenschaften zu lebendig. Das warnende, aufreizende Wort eines Philosophen könnte die Situation eher verschlimmern als verbessern.

Das Rad der Geschichte zurückzudrehen, kann kein denkender Mensch in irgendeinem Land des Donau- oder Balkanraumes wollen. Monarchismus, soziale und rechtliche Unsicherheit, Verachtung der Eigenart der „Kleinen“, Großmachtträume, Arroganz der Mächtigen, Privilegien, Kabinettspolitik, Zensur, „relativer“ Konstitutionalismus (der berüchtigte § 14 der alten österreichischen Verfassung!) dies alles sollte der Geschichte angehören. Doch bleiben von der alten „Idee des österreichischen Staates“ zwei Grundelemente bestehen: Demokratisierung (zu deren klassischem Vertreter Masaryk wurde) und Föderalisierung, besser gesagt: die Schaffung einer echten Einheit der Länder des Balkan- und Donauraumes zum Schutz nach außen, auf Grund wechselseitiger Achtung im Inneren.

Gegen die Versuche der Supermächte, sich die Welt in stiller Übereinkunft zu teilen: in „Blöcke“ und „Einflußsphären“, aus denen man nicht austreten kann und in denen einige — selbstverständlich die Kleinen — nur „beschränkte Souveränität“ haben: gegen diese neue Fachsprache für alte Großmachtaspirationen, gegen diese reale Situation der Welt wenden sich alle Länder Europas von England bis zum Balkan; sie alle sind „klein“, sind „zwischen den Großen“. Ganz Europa gelangt in die Problematik der „Idee des österreichischen Staates“.

IV.

Es ist kein Zufall: der „tschechoslowakische Frühling 1968“, dieses erstaunliche Erheben einer hunderttausendköpfigen Masse zum wahrhaftigen Sozialismus, der die Fesseln des Bürokratismus und die Kulissenpolitik einer Gruppe zerschlug, den Menschen nicht nur Brot und Arbeit, sondern auch Freiheit, Wahrheit und geistigen Wert gab — dieser „Frühling“ galt bald als etwas nicht nur Tschechoslowakisches; er bot Millionen Hoffnung, wo immer in der Welt, jagte Bürokraten und Despoten überall Schrecken ein.

Nicht zufällig bekannte man sich in diesem Frühling nicht nur zu einem wahrhaftigen, nicht bürokratisch zensurierten Karl Marx, sondern auch zu Tomas G. Masaryk.

Nur wo die Souveränität eines Volkes respektiert, durch keinen „Zentralismus“ eingeschränkt wird, sei es Wiener, Moskauer oder Prager Zentralismus, kann sich das menschliche Individuum voll entfalten. Nur dort, wo nicht nur die materiellen, sondern auch die geistigen Ansprüche jedes menschlichen Wesens respektiert werden, sein Recht auf Freiheit des Glaubens, der Information, der Meinung, nur dort können sich Völker und Kontinente souverän entfalten, nur dort ist eine „Föderation“ mehr als ein Fetzen Papier und neue Fahnen.

Wer andere versklavt, wer für seine Überzeugung nicht besser als mit Bomben oder Panzern (sei es in Europa oder anderswo) eintreten kann, zeigt der Welt und dem eigenen Volk letztlich nur eines: daß er selbst nicht frei ist.

Der „tschechoslowakische Frühling 1968“, der an die besten humanen und demokratischen Bemühungen des ganzen Donau- und Balkanraumes anknüpft, wollte sicherlich keine „Konterrevolution“, keinen „Weg zurück“, wie die Gegner der geistigen Befreiung des Volkes diesen Frühling zu verleumden suchen, sondern blieb dem Ideal des Sozialismus treu. Das gab dem „Frühling“ und dem auf ihn folgenden tragischen „Herbst“ weltweite Bedeutung: wie es auch im Falle des „alten Österreichs“ war, machen jene, die solche Entfaltung der menschlichen Freiheit und der Souveränität der Völker mit Gewalt zu verhindern suchen, die ganze Welt nur um so mehr auf Aktualität und Notwendigkeit dieser Werte aufmerksam.

Masaryk war der beste Repräsentant der demokratischen Traditionen dieses Landes; er war keineswegs gegen den Sozialismus, wie fälschlich angenommen wird, sondern wollte im Gegenteil der Welt auf dem Weg nach „links“ helfen. Freilich warnte er rechtzeitig vor undemokratischen, bürokratischen und gewaltsamen Methoden, die in der kommunistischen Bewegung stark Fuß gefaßt hatten, nicht durch den Einfluß des genialen Lenin, eher durch die Kraft der Tradition, der Überreste einer alten Welt in dem Land, in dem dieser größe Revolutionär die bedeutendste Revolution des 20. Jahrhunderts durchführte.

Der „tschechoslowakische Frühling 1968“ hat Masaryk neu entdeckt und verstanden, und zwar durchaus nicht antisozialistisch und antikommunistisch. Nur überängstliche Verteidiger der bisherigen Errungenschaften des Sozialismus, die vom Wesen und Werk Masaryks nichts wissen, konnten ihn in dieser Richtung verdächtigen.

Im Ansturm von Schmerz und Bitterkeit über den tragischen August 1968, der die kommunistische Bewegung um mindestens eine Generation zurückwirft, war es mir eine große Freude, daß meine Arbeit über Masaryk in diesem historischen Jahr zweimal in großer Auflage in eben dem Land erscheinen konnte, in dem er der erste demokratische Präsident war, und daß sie dort so großen Widerhall fand.

Masaryk haßte Despotismus, Unfreiheit und Gesinnungsterror, ob sie nun von „rechts“ oder von „links“ kamen. Daß auch linker Terror in höchstem Maß tragische und jedem Fortschritt feindliche Auswirkungen hat, kann seit dem XX. Parteitag in den Reihen der Kommunisten nur der nicht sehen, der beschränkt oder unaufrichtig ist.

Masaryk war ein Feind jeder Vergewaltigung der menschlichen Natur durch Ideologien, Institutionen, Fetische — wie einst Marx, aber nicht mehr alle seine Nachfolger, die oft gar nicht mehr fähig sind, ihren Meister in seinem eigentlichen Wesen zu erfassen. „Revisionen“ sind dort angebracht, wo gerade durch die Anhänger das Wesen einer Lehre „revidiert“ wurde.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1969
, Seite 545
Autor/inn/en:

Milan Machovec: Geboren 1923 in Prag, ist seit 1948 Doktor der Philosophie, seit 1953 Professor für Philosophie an der Karls-Universität. Ebendort Gründer und Leiter des Seminars für Geschichte der Religion und des Atheismus, wo seit 1964 Marxisten und Theologen zusammenarbeiten, Redaktionsmitglied der „Filosofický časopis“ („Philosophische Zeitschrift“), Prag. — Werke: über Jan Hus (1953), Schwärmer- und Ketzergeschichte (1960), Franz Palacký (1961), Katholische und protestantische Theologie sowie aktuelle Probleme der Moral (1962), über ökumenischen Katholizismus und die Möglichkeit, Hus vom katholischen Standpunkt zu rehabilitieren (1963), Josef Dobrovski (1964), über den Sinn des menschlichen Lebens (erstmals 1957, völlige Neubearbeitung 1965). In Vorbereitung ist ein Buch über Augustinus sowie über T. G. Masaryk.

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