FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1976 » No. 273/274
Felicitas Gressl

machts doch gleich ein puff auf!

machismo in der arena

an dem sonntag, an dem die arena besetzt wurde (27. juni 1976), war ich eigentlich mehr zufällig mit dabei. schon in der ersten nacht hat sich bei mir jedoch immer mehr der gedanke gefestigt, daß dies ja die möglichkeit für aktive frauenarbeit wäre. ich habe mich mit einigen frauen darüber unterhalten, und wir machten uns an die arbeit.

unser erstes projekt war das kinderhaus. das wurde mit begeisterung akzeptiert (es stand uns frauen ja auch zu, so etwas zu machen). ich muß sagen, daß wir in den ersten tagen in einer ziemlich euphorischen stimmung waren. wir dachten doch tatsächlich, daß die situation der frau hier etwas besser ist als „draußen“ und daß die unterschiede zwischen mann und frau nicht so groß sind. nun, wir wurden bald eines besseren belehrt.

angefangen hat es damit, daß sich sehr bald herausstellte, daß das kinderhaus als projekt allein der frauen betrachtet wurde. ich habe jedenfalls nur frauen gesehen, die die ganzen putzarbeiten machten. als wir das kinderhaus halbwegs auf zack hatten, machten wir uns auf die suche nach einem frauenhaus. zu diesem zeitpunkt hatten wir bereits alle erkannt, daß die frauen hier genauso beschissen behandelt werden wie woanders.

wir wollten also eine art informations- und hilfsstelle machen. ich hatte in der früh bereits mit einem der komiteemitglieder darüber gesprochen und ihm auch mitgeteilt, welches haus wir dafür im auge hätten. nun, er hatte nichts dagegen einzuwenden. angela, shelly und ich schnappten uns also pinsel und farbe und machten uns ans werk. wir malten überall frauenzeichen hin und fühlten uns dabei eigentlich sehr klaß. es dauerte allerdings keine viertelstunde, als auch schon ein ganzer stoß typen anmarschiert kam. sie schnauzten uns an und wollten wissen, was wir da machen. wir versuchten also, ihnen zu erklären, daß wir ein frauenhaus öffnen wollen, weil ... weiter kamen wir in unserer erklärung gar nicht.

„was soll denn der scheiß?! das ist doch spalterisch. wozu brauchts denn ihr ein frauenhaus, machts doch gleich ein puff auf!“ das waren noch die schwächeren sachen, die wir zu hören bekamen.

geschlossen hat die diskussion damit, daß wir gesagt haben, wir werden es dem plenum vorbringen; als abschiedsworte sagten die männer sachen wie „ihr weiber seids eh nur zum ficken da — naja, zum kochen auch noch.“

von diesem zeitpunkt an wurde ich mit einer frauenfeindlichkeit konfrontiert, wie ich sie seit jahren nicht mehr erlebt habe. natürlich auch in subtileren formen — an die ich auch mehr gewöhnt bin —‚ wie stundenlange monologe von den „progressiven“ mit erklärungen, warum ein frauenhaus doch nicht so gut sei.

an diesem abend fand auch ein plenum statt. wir frauen haben uns abgesprochen und beschlossen, daß wir das projekt nicht an diesem abend einbringen wollten, da wir noch keine konkreten vorschläge hatten. ich saß also ziemlich angefressen und deprimiert in der halle und verfolgte die diskussion. da ich die verantwortung fürs kinderhaus übers wochenende übernommen hatte, organisierte ich leute, die den dienst übernehmen sollten. das hat mich wieder etwas aufgebaut, da sich mehr männer als frauen meldeten.

hier saß ich also und hörte mir an, wie die leute von neuen lebensformen redeten und dabei auch begeistert beklatscht wurden. als das plenum vorbei war, trat einer der musiker auf die bühne und sagte — als besonderen gag: „nun, freunde, wenn wir schon keinen wein und keine weiber haben, sollten wir wenigstens musik machen.“

das war genau der punkt für mich, wo ich meine aggressionen einfach nicht mehr zurückhalten konnte und wollte. ich stürzte also auf die bühne und brüllte in die klatschende menge. ich fragte sie, die vor kurzer zeit von neuen, alternativen lebensformen gesprochen hatten, ob es das ist, was sie sich darunter vorstellen. ich fragte sie, wie es möglich wäre, daß ein typ auf die bühne geht und derart frauenfeindliche reden übers mikro von sich gibt und auch noch beklatscht wird. und ich fragte mich selbst, wie es wohl in der arena weitergehen wird, wenn der anfang bereits so arg ist.

nun, es ging genauso weiter — wie zu erwarten. frauen wurden angestänkert. als einige frauen es einmal wagten, sich auf der wiese zusammenzusetzen, um miteinander zu reden, kamen sofort einige typen und belästigten sie mit blödem gequatsche. einer setzte sich neben sie, und als er keine beachtung fand, zog er seinen schwanz heraus und fing an zu onanieren.

am nächsten plenum ging ein mädchen auf die bühne und sagte, daß sie sich von den rockern bedroht fühle. sie erzählte, daß diese in der vorhergehenden nacht über die wiese gegangen waren und davon sprachen, wie sie sich eine frau zum pudern suchen wollten. dazu muß ich sagen, daß vorher ein rocker ziemlich lange übers mikro gesprochen hatte und von allen ziemlich bejubelt worden war. endlich der proletarier, von dem unsere genossen ja immer theoretisieren. welch freude! es war auch gar nicht so wichtig, was er sagte, es war auf alle fälle klaß.

nun, selbiger rocker ergriff wieder das mikrofon und erklärte eine halbe stunde lang (mindestens), daß sie nie frauen vergewaltigen. sie suchen sich ihre weiber zum pudern selbst aus. die weiber, die sich vor ihnen fürchten, wollen sie eh nicht. man braucht sie sich nur einmal anzusehen, die sind ja nicht einmal einen fick wert usw. — seinem einfallsreichtum auf diesem gebiet waren keine grenzen gesetzt. die hälfte der leute, die anwesend waren, haben ihn zwar ausgebuht, aber es waren auch mehr als genug da, die völlig offen mit seinen worten übereinstimmten. ich will dabei gar nicht an die denken, die stillschweigend völlig seiner meinung waren.

ich habe selten so ein gefühl von ohnmächtigem haß verspürt, habe mich selten so hilflos gefühlt. es hatte auch gar keinen sinn, etwas zu erwidern.

die nächste sache war, daß bei der garderobe ein zettel hing: „wir männer vom männer-aktions-komitee haben beschlossen, in der arena ein freudenhaus zum nulltarif zu eröffnen. aus technischen gründen halten wir das frauenhaus dafür am besten geeignet.“ es stand da noch ein treffpunkt, und die herren haben sich auch getroffen. was dabei herauskam, hab ich allerdings nie erfahren, denn wir haben einen gegenzettel verfaßt: „wir sind uns völlig darüber im klaren, daß ihr, um den mut zu bekommen, eine frau aufzureißen, euch vorher ziemlich ansaufen müßt. seid ihr dann aber besoffen, bekommt ihr ohnedies keinen steifen mehr. da wir euch das nicht antun wollen, sind wir also gegen ein freudenhaus. wir sind ja schließlich nicht männerfeindlich!“

die reaktion ließ nicht lange auf sich warten. binnen kürzester zeit kamen typen zu mir und erklärten mir allen ernstes, daß es ihnen noch nie passiert sei, daß sie keinen steifen bekamen, wenn sie angesoffen waren.

Mitglieder der Frauengruppe AUF
(rechts stehend die Autorin) bemalen das „Frauenhaus“, das später zum Kinderhaus wurde.

die allergrößte frustration für mich war jedoch das projekt frauenhaus. leider schienen es nicht sehr viele frauen in wien für notwendig zu halten, daß es so etwas in der arena geben sollte. falls sie es aber für nötig gehalten haben, haben sie es jedenfalls in keiner weise — außer in worten — gezeigt. für mich war die arena eine möglichkeit für uns, endlich politisch zu arbeiten und dabei eine breitere öffentlichkeit zu erreichen. es war auch eindeutig interesse da. täglich kamen frauen zu mir und fragten mich, wann denn das frauenhaus zu beziehen sei. frauen, die nicht organisiert waren.

die paar frauen, die in den ersten wochen zusammen mit mir versucht haben, etwas auf die beine zu stellen, teilten auch alle meine frustrationen und mein gefühl des verlassenseins. wir haben zwar ausgeweißt und teppiche hineingelegt, aber wir waren einfach nicht genug, um das ganze projekt alleine durchzuführen.

ich möchte hier auch einen ganz konkreten fall aufzählen, der völlig anders ausgehen hätte können, wenn es in der arena eine funktionierende frauengruppe gäbe. an einem samstag wurde ich vom informationsmenschen gebeten, zu einer frau zu kommen, die durchgedreht hatte, weil sonst nur männer da waren. ich ging also in die sanität und fand eine frau, die total hysterisch war, die sich selbst in den fuß geschnitten hatte und von selbstmord sprach — umringt von männern. der sanitäter, der ihr den fuß verband, schnauzte sie an und gab sachen von sich wie: „führ dich nicht so auf, blöde kuh. wenn’s weh tut, bist du selber schuld. das hättst du dir früher überlegen sollen.“ er ging auch nicht gerade sanft mit ihr um. als sie mich bat, sie aufs klo zu bringen, sagte er, sie müsse auf die rettung warten (als strafe sozusagen). ich schickte dann kurz und bündig alle männer hinaus und half ihr, in einen kübel zu machen.

nach einer halben stunde hatte ich die frau soweit, daß sie sich ein bißchen beruhigte. ich bin sicher, daß sie nach einiger zeit heulen über den berg gewesen wäre. leider kamen dann ein arzt und die leute von der rettung, schrien sie wieder an, und damit war es natürlich wieder aus. ich wurde hinausgeschickt und mußte tatenlos mitansehen, wie die frau in den rettungswagen gebracht und weggeführt wurde. da sie selbstmordgedanken äußerte, wurde sie natürlich nach steinhof (nervenklinik) gebracht, und was dort geschieht, brauch ich wohl nicht zu beschreiben. dieses erlebnis hat mich sehr erschüttert und auch zornig gemacht auf alle frauen, die nicht da waren. wären wir eine gruppe gewesen, hätten wir vermeiden können, daß diese frau so behandelt wurde.

sollte es also die arena noch geben, wenn ihr diesen artikel lest, so bitte ich euch, herzukommen, wenn ihr könnt, und aktiv mitzuarbeiten.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1976
, Seite 11
Autor/inn/en:

Felicitas Gressl:

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