FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » No. 169-170
Elias Canetti

Macht und Überleben

Elias Canetti, der im Jänner den Österreichischen Staatspreis für Dichtung 1967 erhalten hat, ist mit seinem in viele Sprachen übersetzten Roman „Die Blendung“ (Wien 1935) einer der bedeutendsten Autoren der modernen Weltliteratur. Er schrieb außerdem drei Theaterstücke (siehe auch die kritische Rückschau in diesem Heft) und eine groß angelegte massenpsychologische Untersuchung „Masse und Macht“ (Hamburg 1960). Der vorliegende Aufsatz, den der Autor in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur gelesen hat, beruht zum Teil auf den Überlegungen dieser Untersuchung und führt eines ihrer zentralen Probleme aus.

(nach einer Photographie)

Zu den unheimlichsten Phänomenen menschlicher Geistesgeschichte gehört das Ausweichen vor dem Konkreten. Es besteht eine auffallende Tendenz, erst auf das Fernste loszugehen und alles zu übersehen, woran man sich in nächster Nähe unaufhörlich stößt. Der Schwung der ausfahrenden Gesten, das Abenteurlich-Kühne der Expeditionen ins Ferne täuscht über die Motive zu ihnen hinweg. Nicht selten handelt es sich einfach darum, das Nächste zu vermeiden, weil wir ihm nicht gewachsen sind. Wir spüren seine Gefährlichkeit und ziehen andere Gefahren unbekannter Konsistenz vor. Selbst wenn diese gefunden sind, und sie finden sich immer, haben sie dann erst noch den Glanz des Plötzlichen und Einmaligen für sich. Es würde viel Beschränktheit dazu gehören, diese Abenteuerlichkeit des Geistes zu verdammen, obwohl sie zuweilen offenkundiger Schwäche entspringt. Sie hat zu einer Erweiterung unseres Horizonts geführt, auf die wir stolz sind. Aber die Situation der Menschheit heute, wie wir alle wissen, ist so ernst, daß wir uns dem Allernächsten und Konkretesten zuwenden müssen. Wir ahnen nicht einmal, wieviel Zeit uns geblieben ist, das Peinlichste ins Auge zu fassen, und doch könnte es sehr wohl sein, daß unser Schicksal von bestimmten harten Erkenntnissen, die wir noch nicht haben, abhängig ist.

Ich will heute von Überleben sprechen, womit ich natürlich das Überleben Anderer meine, und zu zeigen versuchen, daß dieses Überleben im Kern alles dessen steht, was wir — etwas vage — als Macht bezeichnen; und ich möchte dazu mit einer ganz einfachen Betrachtung beginnen. Der stehende Mensch wirkt autonom, als stünde er für sich allein, und als hätte er noch die Möglichkeit zu jeglicher Entscheidung. Der sitzende Mensch übt einen Druck aus, sein Gewicht stellt sich nach außen dar und erweckt ein Gefühl von Dauer. So wie er sitzt, kann er nicht fallen; er wird größer, wenn er sich erhebt. Der Mensch aber, der sich zur Ruhe niedergelassen hat, der liegende Mensch, hat sich entwaffnet. Es ist ein Leichtes, ihm in der Wehrlosigkeit seines Schlafes beizukommen. Der Liegende ist vielleicht gefallen, vielleicht ist er verwundet worden. Bevor er wieder auf den Beinen steht, wird er nicht für voll genommen.

Der Tote aber, der nie wieder aufsteht, hat eine ungeheure Wirkung. Die erste Regung in dem, der einen Toten vor sich sieht, besonders wenn ihn dieser etwas anging, aber nicht nur dann, ist eine der Ungläubigkeit. Argwöhnisch, wenn er ein Feind war, mit bebender Erwartung, wenn ein Freund, belauert man ihn auf jede Regung seines Leibes hin. Er hat gezuckt, er atmet. Nein. Er atmet nicht. Er zuckt nicht. Er ist wirklich tot. Und nun setzt der Schrecken ein vor der Tatsache des Todes, die man die einzige Tatsache nennen möchte, die so ungeheuerlich ist, daß sie alles in sich einbezieht. Die Konfrontation mit dem Toten ist eine Konfrontation mit dem eigenen Tod, weniger als dieser, da man daran nicht wirklich stirbt, mehr als dieser, da immer auch ein anderer da ist. Selbst dem Berufstöter, der seine Unempfindlichkeit mit Mut und Männlichkeit verwechselt, bleibt diese Konfrontation nicht erspart, in einem wohlverborgenen Teile seiner Natur erschrickt auch er. Über diese Aufnahme des Toten in den Betrachter, diese tiefste und menschenwürdigste aller Aufnahmen, wäre viel zu sagen; mit ihrer präzisen Beschreibung ließen sich Stunden und Nächte füllen. Das großartigste Zeugnis für sie ist das älteste: der Gram des sumerischen Gilgamesch über den Tod seines Freundes Enkidu.

Aber hier geht es uns nicht um dieses offene Stadium eines Erlebnisses, für das wir uns als Opfer nicht zu schämen haben und das darum im hellen Lichte der Religionen steht, sondern um das nächste Stadium, das wir uns nicht gern eingestehen, das viel folgenreicher war als das frühere und keineswegs menschenwürdig, das sich im Herzen der Macht wie der Größe findet, und das wir unerschrocken und schonungslos ins Auge fassen müssen, wenn wir begreifen wollen, was als Macht gilt und was diese anrichtet.

Die heimliche Genugtuung

Der Schrecken über den Toten, wie er vor einem daliegt, wird abgelöst von Genugtuung: man ist nicht selbst der Tote. Man hätte es sein können. Aber es ist der andere, der liegt. Man selbst steht aufrecht, ungetroffen und unberührt, und ob es ein Feind war, den man getötet, ein Freund, der einem starb, alles sieht plötzlich so aus, als wäre der Tod, von dem man bedroht war, von einem selber auf ihn abgelenkt worden.

Es ist dieses Gefühl, das sehr rasch die Oberhand gewinnt; was erst Schrecken war, durchdringt sich nun mit Befriedigung. Nie ist der Stehende, dem alles noch möglich ist, sich seines Stehens mehr bewußt. Nie fühlt er sich besser aufrecht. Der Augenblick hält ihn fest, das Gefühl der Erhabenheit über den Toten bindet ihn an diesen. Wenn der Aufrechte Flügel hätte, er würde jetzt nicht entschweben. Er bleibt, wo er ist, in der nächsten Nähe des Leblosen, diesem zugewandt, und wer immer dieser ist, er wirkt auf ihn, als ob er ihn eben noch zum Kampfe herausgefordert und bedroht hätte und verwandelt sich in eine Art von Beute.

Dieser Sachverhalt ist so furchtbar und so nackt, daß er auf jede Weise verschleiert wird. Ob man sich seiner schämt oder nicht, ist für die Bewertung des Menschen entscheidend. Aber am Sachverhalt selbst ändert es nichts. Die Situation des Überlebens ist die zentrale Situation der Macht. Überleben ist nicht nur erbarmungslos, es ist konkret, eine genau begrenzte, unverwechselbare Situation. Der Mensch glaubt nie ganz an den Tod, solange er ihn nicht erlebt hat. Aber er erlebt ihn an anderen. Sie sterben vor seinen Augen, als Einzelner jeder, und jeder Einzelne, der stirbt, überzeugt ihn vom Tod. Er nährt den Schrecken davor, und er ist statt seiner gestorben. Der Lebende hat ihn statt seiner vorgeschoben. Der Lebende dünkt sich nie größer, als wenn er mit dem Toten konfrontiert ist, der für immer gefällt ist: in diesem Augenblick ist ihm, als wäre er gewachsen.

Doch ist es ein Wachstum, das man für gewöhnlich nicht zur Schau trägt. Es kann hinter echtem Kummer zurücktreten und von diesem ganz verdeckt sein. Aber auch wenn der Verstorbene einem nur wenig bedeutet hat und eine besondere Zurschaustellung von Trauer von einem gar nicht erwartet wird, geht es sehr gegen die gute Sitte, etwas von der Genugtuung merken zu lassen, die die Konfrontation mit dem Toten in einem hervorruft. Es ist ein Triumph, der verborgen bleibt, den man niemand und vielleicht nicht einmal sich selber eingesteht. Die Konvention hat hier ihren Wert: sie sucht eine Regung geheim und klein zu halten, deren unbekümmerte Manifestation die gefährlichsten Folgen hätte.

Nicht unter allen Umständen bleibt es bei dieser Verborgenheit. Um zu begreifen, wie aus dem heimlichen Triumph angesichts des Todes ein offener, eingestandener wird, einer, der Ehre und Ruhm einbringt und dem man darum nachstrebt, ist es unerläßlich, die Situation des Kampfes ins Auge zu fassen, und zwar in ihrer ursprünglichsten Form.

Der Leib des Menschen ist weich und anfällig und in seiner Nacktheit sehr verletzlich. Alles vermag in ihn einzudringen; mit jeder Verletzung wird es schwerer für ihn, sich zur Wehr zu setzen; und im Nu ist es um ihn geschehen. Ein Mann, der sich zum Kampfe stellt, weiß, was er riskiert; wenn er sich keiner Überlegenheit bewußt ist, riskiert er am meisten. Der das Glück hat zu siegen, fühlt einen Zuwachs an Kraft und stellt sich um so eifriger seinem nächsten Gegner. Nach einer Reihe von Siegen wird er das gewinnen, was dem Kämpfenden das Kostbarste ist, ein Gefühl von Unverletzlichkeit, und sobald er dieses einmal hat, wird er sich an immer gefährlichere Kämpfe wagen. Nun ist ihm, als hätte er einen andern Leib, nicht mehr nackt, nicht mehr anfällig, durch die Augenblicke seiner Triumphe gepanzert. Schließlich kann ihm keiner mehr etwas anhaben, er ist ein Held. Aus der ganzen Welt und von den meisten Völkern kennt man Geschichten von Immer-Siegern; und selbst wenn sie, wie es nicht selten vorkommt, an einer geheimen Stelle ihres Leibes verletzlich bleiben, so bringt das ihre sonstige generelle Unverletzlichkeit nur um so mehr zur Geltung. Das Ansehen des Helden wie sein Selbstgefühl setzt sich zusammen aus all den Augenblicken, in denen er als Sieger vor seinem erlegten Feinde stand. Für die Überlegenheit, die ihm sein Gefühl von Unverletzlichkeit gibt, wird er bewundert; sie gilt nicht als unbilliger Vorteil über seinen Gegner. Jeden, der sich ihm nicht beugt, fordert er bedenkenlos heraus. Er kämpft, siegt, tötet; er sammelt seine Siege.

„Sammeln“ ist hier buchstäblich zu verstehen. Es ist, als gingen die Siege in den Leib des Siegers ein und stünden nun zu seiner Verfügung. Die Auffassung dieses Vorgangs als einer konkreten Prozedur ist uns zwar abhanden gekommen, wir anerkennen sie nicht recht, doch ihre untergründige Wirksamkeit bis in unser Jahrhundert ist unbestreitbar. Es mag aufschlußreich sein, ihr auch in einer Kultur nachzugehen, in der sie sich noch offen darstellt, eine jener Kulturen, die wir etwas ungenau als primitiv bezeichnen.

Das Mana des Sieges

Als Mana bezeichnet man in der Südsee eine Art von übernatürlicher und unpersönlicher Macht, die von einem Menschen auf den anderen übergehen kann. Sie ist sehr begehrt, sie läßt sich in einzelnen Individuen anreichern. Ein tapferer Krieger kann sie ganz bewußt erwerben. Er verdankt sie aber nicht seiner Erfahrenheit im Kampf oder seiner Körperkraft, sondern sie geht als das Mana seines erschlagenen Feindes auf ihn über. Ich zitiere hier aus dem Buch von Handy über polynesische Religion:

Auf den Marquesas konnte ein Stammesangehöriger durch persönliche Tapferkeit zum Kriegshäuptling werden. Man nahm an, daß der Krieger in seinem Leib das Mana aller derer enthalte, die er getötet hatte. Im Verhältnis zu seiner Tapferkeit wuchs sein eigenes Mana. Doch war in der Vorstellung des Eingeborenen seine Tapferkeit das Ergebnis und nicht die Ursache seines Mana. Mit jeder Tötung, die ihm gelang, wuchs auch das Mana seines Speers. Der Sieger im Kampfe von Mann zu Mann nahm den Namen des erschlagenen Feindes an: dies war das Zeichen dafür, daß seine Macht nun ihm gehöre. Um sich sein Mana unmittelbar einzuverleiben, aß er von seinem Fleisch; und um diesen Zuwachs an Macht in einer Schlacht an sich zu fesseln, um sich des intimen Rapports mit dem erbeuteten Mana zu versichern, trug er als Teil seiner Kriegsausrüstung irgendein körperliches Überbleibsel des besiegten Feindes an sich; einen Knochen, eine vertrocknete Hand, manchmal sogar einen ganzen Schädel.

Soweit Handy. Die Wirkung des Sieges auf den Überlebenden läßt sich nicht klarer fassen. Indem er den anderen getötet hat, ist er stärker geworden, und der Zuwachs an Mana macht ihn zu neuen Siegen fähig. Es ist eine Art von Segen, den er dem Feinde entreißt, aber er kann ihn nur erlangen, wenn dieser tot ist. Die physische Gegenwart des Feindes, lebend und dann tot ist unerläßlich. Es muß gekämpft und es muß getötet worden sein; auf den eigenen Akt des Tötens kommt alles an. Die handlichen Teile der Leiche, deren der Sieger sich versichert, die er sich einverleibt, mit denen er sich behängt, erinnern ihn immer an den Zuwachs seiner Macht. Er fühlt sich stärker durch sie und erregt mit ihnen Schrecken: jeder neue Feind, den er herausfordert, zittert vor ihm und sieht sein eigenes Schicksal furchtbar vor sich.

Das Ziel: Ein Haufen Toter

Es gibt, bei anderen Völkern, Vorstellungen anderer Art, die doch demselben Ziele dienen. Der Nachdruck liegt nicht immer auf der Offenheit des Kampfes. Bei den Murngin, im australischen Arnhem-Land, sucht jeder junge Mann sich einen Feind, um sich seiner Kraft zu bemächtigen. Aber er muß ihn heimlich töten, bei Nacht, und nur wenn ihm das gelingt, geht der Geist des Erschlagenen auf ihn über und verleiht ihm doppelte Stärke. Es wird ausdrücklich gesagt, daß der Sieger durch diesen Vorgang wächst, er wird tatsächlich größer. Statt der unpersönlichen Kraft des Mana, die wir im vorigen Falle kennengelernt haben, ist es hier ein persönlicher Geist, den man zu erbeuten sucht, und dieser darf den Mörder während seiner Tat nicht zu Gesicht bekommen, sonst wird er zornig und weigert sich, in ihn einzugehen. Aus diesem Grunde eben ist es unerläßlich, daß der Überfall im Dunkel der Nacht vor sich geht. Die Art, wie die Seele des Toten dann in den Leib des Mörders eingeht, wird genau geschildert. Einmal gemeistert und einverleibt, wird ihm diese Seele nun auf jede Weise nützlich. Nicht nur der Mörder selbst wird durch sie physisch größer, auch die Beute, zu der sie ihm verhilft, sei es ein Känguruh, sei es eine Schildkröte, wächst, nachdem sie getroffen ist, noch im Sterben und setzt in ihren letzten Augenblicken eigens Fett für den Glücklichen an.

Helden mehr in der Art unserer wohlbekannten Tradition finden sich auf den Fidschi-Inseln. Es wird erzählt, wie ein Knabe, der fern von seinem Vater lebte und noch nicht ganz erwachsen ist, seinen Weg zu ihm findet, und um ihm Eindruck zu machen, es ganz allein mit allen Feinden des Vaters aufnimmt.

Am nächsten Morgen in aller Frühe kamen die Feinde mit Kriegsgeschrei zur Stadt herauf ... Der Knabe erhob sich und sagte: ‚Niemand möge mir folgen. Bleibt ihr alle in der Stadt!‘ Er nahm seine selbstverfertigte Keule in die Hand, stürzte hinaus mitten unter die Feinde und schlug wütend um sich, nach rechts und nach links. Mit jedem Schlage tötete er einen, bis sie schließlich vor ihm flohen. Er setzte sich auf einen Haufen von Leichen und rief seine Leute in der Stadt: ‚Kommt heraus und schleppt die Erschlagenen fort!‘ Sie kamen heraus, sie sangen den Todesgesang, sie schleppten die 42 Leichen der Erschlagenen fort, während in der Stadt die Trommeln schlugen.

Der Knabe hat es nicht nur allein mit einer ganzen Meute von Feinden aufgenommen, mit jedem seiner Schläge hat er einen von ihnen hingestreckt und keiner seiner Schläge war vergeblich. Am Ende sitzt er als Sieger auf einem Leichenhaufen, und jeden, auf dem er sitzt, hat er persönlich umgebracht. Das Ansehen solcher kriegerischer Tüchtigkeit auf Fidschi war so groß, daß es vier verschiedene Namen für Helden gab, je nach der Zahl der getöteten Feinde. Der Niedrigste in der Skala hieß Koroi, der Töter eines Menschen. Koli hieß, wer zehn, Visa, wer zwanzig und Wangka einer, der dreißig Leute erschlagen hatte. Wer mehr geleistet hatte, empfing einen zusammengesetzten Namen. Ein berühmter Häuptling hieß Koli-Visa-Wangka, er war der Töter von 10+20+30, also von 60 Menschen.

Es ist nie ganz ungefährlich, sich zu den sogenannten Primitiven zu begeben. Man sucht sie auf, um von ihnen her ein schonungsloses Licht auf sich selbst zu werfen; doch ist die Wirkung, die sie haben, oft die entgegengesetzte. Wir kommen uns ungeheuer erhaben über sie vor, weil sie es mit Keulen und nicht mit Atombomben machen. In Wirklichkeit ist alles, wofür wir den Häuptling Koli-Visa-Wangka bedauern dürfen, die Tatsache, daß seine Sprache ihm solche Schwierigkeiten mit dem Zählen macht. Da haben wir es allerdings leichter, nämlich viel zu leicht.

Ich habe das letzte Beispiel nur herangezogen, um zu zeigen, wohin die offene Gewöhnung ans Überleben führt. Es bleibt nicht beim sozusagen „sauberen“ Fall des Helden, der allmählich in ausgesuchten Zweikämpfen sein Gefühl von Unverletzlichkeit gewinnt, um es dann immer wieder ins Treffen zu führen, wenn seine Leute von Ungeheuern oder Feinden bedroht sind. Vielleicht hat es gezügelte Helden dieser Art wirklich gegeben. Ich neige dazu, sie für einen Idealfall zu halten. Denn das Glücksgefühl konkreten Überlebens ist eine intensive Lust. Einmal eingestanden und gebilligt, wird sie nach ihrer Wiederholung verlangen und sich rapid zu einer Passion steigern, die unersättlich ist. Wer von ihr besessen ist, wird sich die Formen gesellschaftlichen Lebens um ihn in der Weise zu eigen machen, daß sie der Fröhnung dieser Passion dienen.

Die Passion ist die der Macht. Sie ist so sehr an die Tatsache des Todes gebunden, daß sie uns natürlich erscheint; wir nehmen sie hin wie den Tod, ohne sie wirklich in Frage zu stellen, ja ohne sie auf ihre Verzweigungen und Auswirkungen hin ernsthaft ins Auge zu fassen.

Wer Geschmack am Überleben gewonnen hat, der will es häufen. Er wird Situationen herbeizuführen suchen, in denen er Viele zugleich überlebt. Die zerstreuten Augenblicke von Überleben, die ihm das alltägliche Dasein bietet, werden ihm nicht genügen. Da dauert es alles zu lange, er kann nicht nachhelfen. Bei Menschen, die ihm wirklich nahe stehen, will er gar nicht nachhelfen. Das friedliche Dasein in den meisten menschlichen Sozietäten hat seinen täuschenden Gang, es sucht Gefahren und Brüche zu verdecken. Das unaufhörliche Verschwinden von Menschen aus ihm, die da und dort plötzlich nicht mehr am Leben sind, wird so aufgefaßt und dargestellt, als ob sie nicht wirklich ganz weg wären. In Beschwichtigungsprozeduren besonderer Art wendet man sich an sie, so als könnten sie noch daran teilhaben. Meist wurde an ihre Existenz irgendwo wirklich noch geglaubt und ihr Neid auf die Lebenden war gefürchtet, er konnte zu gefährlichen Einwirkungen auf diese führen.

Krieg: Vertrauen aufs eigene Überleben

Gegen dieses Netz von Beziehungen, das dicht gewoben ist, so dicht, daß wirklich niemand, auch ein Verstorbener nicht, ganz aus der Welt fallen kann, hat sich immer schon die Aktivität derer gerichtet, die auf physisches Überleben aus waren. Waren sie im übrigen relativ simple Naturen, so fühlten sie sich in Kriegen und Schlachten wohl. Es wird bei solchen Anlässen immer vom Reiz der Gefahr gesprochen, als ob die Gefahr der eigentliche Sinn der kriegerischen Situation wäre. Und doch liegt es auf der Hand, worum es in Kriegen wirklich geht: ums Töten, ums massenhafte Töten. Ein Haufen feindlicher Toter ist das Ziel, und wer siegen will, stellt sich ganz deutlich vor, daß er diesen Haufen feindlicher Toter überlebt. Es bleibt aber nicht bei diesen, viele der eigenen Leute fallen auch, und auch sie sind überlebt worden. Wer gern in den Krieg zieht, handelt im Gefühl, daß er zurückkehren wird, ihn wird es nicht treffen; es ist eine Art von umgekehrter Lotterie, bei der nur die Nummern gewinnen, die nicht herauskommen. Wer gern in den Krieg zieht, geht mit Vertrauen, und dieses Vertrauen besteht in der Erwartung, daß die Gefallenen auf beiden Seiten, der eigenen auch, lauter Andere sind, und er der Überlebende. Der Krieg bietet so auch dem einfachen Mann, der sich in Friedenszeiten als nichts Besonderes vorkommen mag, die Gelegenheit zu einem Gefühl von Macht, nämlich eben dort, wo dieses Gefühl seine Wurzel hat, im gehäuften Überleben. Die Gegenwart von Toten ist hier gar nicht zu umgehen, auf sie ist alles abgestellt; und selbst wer in dieser Richtung persönlich nicht viel geleistet hat, wird durch den Anblick aller Gefallenen gehoben, unter denen er sich nicht befindet.

Worauf im Frieden die schwersten Sanktionen stehen, das wird hier nicht nur von einem gefordert, es wird massenhaft bewirkt. Der Überlebende kehrt mit einem gesteigerten Gefühl von sich zurück, selbst wenn der Krieg für seine Seite nicht gut ausgegangen ist. Anders wäre es nicht zu erklären, daß Menschen, die die grauenvollen Aspekte des Krieges sehr wohl aufgefaßt haben, diese so rasch vergessen oder verklären. Etwas vom Glanz der Unverletzlichkeit umstrahlt jeden, der heil zurückkehrt.

Die private Passion des Machthabers

Aber nicht alle sind einfach, nicht alle begnügen sich damit. Es gibt eine aktivere Form dieses Erlebnisses, und sie ist es, die uns hier eigentlich interessiert. Ein Einzelner allein kann gar nicht soviele Menschen töten, als seine Passion fürs Überleben sich wünschen mag. Aber er kann andere dazu veranlassen oder sie dirigieren. Als Feldherr bestimmt er über die Form der Schlacht. Er plant sie im Voraus, und er gibt den Befehl zu ihrem Beginn. Er läßt sich über sie berichten. Früher pflegte er von einer erhöhten Stelle ihren Fortgang zu beobachten. Dem unmittelbaren Kampf ist er so zwar entrückt; er kommt vielleicht gar nicht dazu, einen einzigen Feind zu töten. Aber die anderen, die unter seinem Befehl stehen, besorgen es für ihn. Was ihnen gelingt, wird ihm zugeschrieben. Als der eigentliche Sieger gilt er. Sein Name wie seine Macht wächst mit der Zahl der Toten. Für eine Schlacht, in der nicht ernsthaft gekämpft, die zu leicht und fast ohne Opfer gewonnen wurde, wird man ihn nicht sonderlich achten. Aus leichten Siegen allein ist eine wirkliche Macht nicht zu erbauen. Der Schrecken, den sie erregen will, auf den sie eigentlich aus ist, hängt an der Massenhaftigkeit der Opfer.

Die berühmten Eroberer der Geschichte sind insgesamt diesen Weg gegangen. Tugenden aller Art sind ihnen später zugeschrieben worden. Noch nach Jahrhunderten wägen Historiker ihre Eigenschaften gewissenhaft gegeneinander ab, um zu einem — wie sie glauben — gerechten Urteil über sie zu gelangen. Ihre fundamentale Naivität bei diesem Geschäft ist mit Händen zu greifen. Faktisch erliegen sie noch der Faszination einer Macht, die längst vergangen ist. Daß sie sich in einer Zeit einleben, macht sie zu Zeitgenossen, und etwas von der Furcht, die diese vor der Erbarmungslosigkeit des Mächtigen empfanden, ist in sie eingegangen; sie wissen nicht, daß sie sich ihm ergeben, während sie Tatsachen redlich sichten. — Ein nobleres Motiv kommt dazu, von dem selbst große Denker nicht frei waren: Man erträgt es nicht, sich zu sagen, daß eine ungeheure Zahl von Menschen, deren jeder sämtliche Möglichkeiten der Menschheit in sich enthält, umsonst, für absolut nichts, hingeschlachtet worden sind; und so sucht man in der Folge nach einem Sinn. Da die Geschichte weiterging, ist ein scheinbarer Sinn in ihrer Kontinuität immer leicht zu finden; und es wird dafür gesorgt, daß dieser Sinn eine Art von Würde bekommt. Die Wahrheit nämlich hat hier gar keine Würde. Sie ist so beschämend, wie sie vernichtend war. Es geht um eine private Passion des Machthabers: seine Lust am Überleben wächst mit seiner Macht; seine Macht erlaubt es ihm, ihr nachzugeben. Der eigentliche Inhalt dieser Macht ist die Begierde, massenhaft Menschen zu überleben.

Es ist nützlicher für ihn, wenn seine Opfer Feinde sind; aber Freunde tun es auch. Im Namen männlicher Tugenden wird er von seinen Untertanen das Schwierigste, das Unmöglichste verlangen. Es bedeutet ihm gar nichts, wenn sie dabei zugrunde gehen. Er vermag ihnen einzureden, daß es eine Ehre ist, da es für ihn geschieht. Durch Beute, die er ihnen anfangs verschafft, wird er sie an sich binden. Er wird sich des Befehls bedienen, der für seine Zwecke wie geschaffen ist — (auf eine genaue Untersuchung des Befehls, die unendlich wichtig ist, können wir heute nicht eingehen). Er wird sie, wenn er sich darauf versteht, zu kriegerischen Massen erregen und ihnen soviel gefährliche Feinde erwecken, daß es für sie schließlich unmöglich wird, von ihrer eigenen Kriegsmasse abzufallen. Seine tiefere Absicht gibt er ihnen nicht preis; er kann sich gut verstellen, und findet für alles, was er anordnet, hundert überzeugende Vorwände. Vielleicht daß er sich im Übermut verrät, im Kreis seiner engsten Freunde, aber dann sehr gründlich, wie Mussolini zu Ciano, wenn er sein Volk verächtlich Schafe nennt, auf deren Leben es natürlich nicht ankommt.

Denn die eigentliche Absicht des wahren Machthabers ist so grotesk wie unglaublich: er will der Einzige sein. Er will alle überleben, damit keiner ihn überlebt. Um jeden Preis will er dem Tod entgehen, und so soll niemand, überhaupt niemand da sein, der ihm den Tod geben könnte. Solange Menschen da sind, wer immer sie seien, wird er sich nie sicher fühlen. Selbst seine Wachen, die ihn vor seinen Feinden beschützen, können sich gegen ihn wenden. Der Nachweis, daß er sich heimlich immer vor denen fürchtet, denen er befiehlt, ist unschwer zu erbringen; und immer überkommt ihn auch Furcht vor seiner nächsten Umgebung.

Furcht vor dem Sohn

Es hat Machthaber gegeben, die aus diesem Grund keinen Sohn haben wollten. Der Gründer des Zulu-Reiches in Südafrika, Shaka, ein sehr tapferer Mann, überwand nie seine Angst vor einem Sohn. Er hatte 1200 Frauen, die den offiziellen Titel „Schwestern“ führten. Es war ihnen verboten, schwanger zu sein, auf Schwangerschaft stand Todesstrafe. Seine Mutter, der einzige Mensch, an dem er hing und deren Rat ihm unentbehrlich war, sehnte sich nach einem Enkel, und als eine der Frauen doch schwanger wurde, verbarg sie sie bei sich und verhalf ihr zur Geburt eines Sohnes. Während einiger Jahre wuchs dieser heimlich bei ihr auf. Eines Tages, bei einem Besuche, überraschte Shaka seine Mutter, die mit einem Knaben spielte. Er erkannte ihn sofort als seinen Sohn und tötete ihn auf der Stelle mit eigenen Händen. Dem Schicksal, das er fürchtete, entging er deshalb doch nicht: statt von einem Sohn wurde er im Alter von 41 Jahren von zweien seiner Brüder ermordet.

Diese Furcht vor einem Sohn kommt uns sonderbar vor; Shaka ist ungewöhnlich darin, daß er es gar nicht bis zu einem Sohn kommen läßt. Im übrigen sind Kämpfe zwischen Herrschern und ihren Söhnen an der Tagesordnung. Die orientalische Geschichte ist davon so voll, daß sie als Regel eher denn als Ausnahme gelten müssen. Welchen Sinn aber soll die Behauptung haben, daß der Machthaber der Einzige sein will? Es scheint natürlich, wir haben es erlebt, daß er der Stärkste sein will, daß er gegen andere Machthaber kämpft, um sie sich zu unterwerfen; daß er sich mit der Hoffnung trägt, sie alle zu bezwingen und Herr über das größte, ja in der letzten Absicht vielleicht einzige Reich zu werden. Daß er gern der einzige Herrscher wäre, wird man mir zugeben, zuviel Eroberer haben diese Rolle gespielt, und einige haben sie sogar innerhalb ihres Horizontes wahrgemacht. Aber der einzige Mensch? Was kann das heißen, daß der Machthaber der einzige Mensch sein möchte? Es gehört zum Wesen der Macht, daß andere zum Beherrschen da sind, ohne sie ist kein Akt der Macht denkbar. Man übersieht bei diesem Einwand, daß der Akt der Macht in der Entfernung der anderen bestehen kann; und je radikaler und umfassender das vor sich geht, um so größer ist dieser Akt.

Augenblick der Einzigheit

Ein Ereignis von solchen Proportionen ist aus dem Indien des 14. Jahrhunderts überliefert. Es mutet, seiner exotischen Färbung zum Trotz, so modern an, daß ich kurz darüber berichten möchte. Der tatkräftigste und ehrgeizigste König seiner Zeit, Muhammad Tughlak, der Sultan von Delhi, fand Briefe wiederholt vor, die nachts über die Mauern seiner Audienzhalle geworfen worden waren. Ihr genauer Inhalt ist nicht bekannt, doch wird gesagt, daß sie Schimpf und Beleidigungen enthielten. Er beschloß, Delhi, damals eine der größten Städte der Welt, in Trümmer zu legen. Da er als strikter Mohammedaner viel auf Gerechtigkeit gab, kaufte er allen Einwohnern ihre Häuser und Lohnstätten ab und zahlte den vollen Preis. Dann befahl er ihnen, in eine neue, sehr entfernte Stadt, Daulatabad, zu ziehen, die er als seine Hauptstadt einrichten wollte. Sie weigerten sich; er ließ darauf durch seinen Herold verkündigen, daß nach Ablauf von drei Tagen kein Mensch in der Stadt gefunden werden dürfe. Die Mehrzahl fügte sich dem Befehl, aber einige versteckten sich in ihren Häusern. Der Sultan ließ die Stadt nach Personen, die dageblieben seien, durchsuchen. Seine Sklaven fanden zwei Männer auf der Straße, einen Krüppel und einen Blinden. Sie wurden vor ihn gebracht; er befahl, daß der Krüppel aus einem Katapult hinausgeschossen und der Blinde von Delphi nach Daulatabad geschleift werden solle, das war eine Reise von 40 Tagen. Auf dem Wege fiel er in Stücke und alles, was von ihm in Daulatabad anlangte, war ein Bein. Nun flüchtete jedermann aus Delhi und ließ Möbel und Besitz zurück, die Stadt blieb völlig verlassen. So vollkommen war die Zerstörung, daß nicht eine Katze, nicht ein Hund in den Gebäuden der Stadt, in den Palästen oder Vororten zurückblieb. Eines Nachts stieg der Sultan auf das Dach seines Palastes und blickte über Delhi, wo kein Feuer, kein Rauch, kein Licht zu sehen war, und sagte: „Jetzt ist mein Herz ruhig und mein Zorn beschwichtigt.“

Es ist wahr, daß er später an die Einwohner anderer Städte schrieb und ihnen befahl, nach Delhi zu ziehen, um es wieder zu bevölkern; es ist ebenso wahr, daß nur wenige kamen und Delhi in seiner unermeßlichen Größe lange beinahe leer blieb. Aber der Augenblick, auf den es ankommt, ist der Augenblick seiner Einzigkeit, in dem er nachts auf dem Dache seines Palastes über die leere Stadt blickte; alle ihre Bewohner, selbst Hunde und Katzen, aus ihr entfernt, auf 40 Tagereisen entfernt, kein Feuer, kein Rauch, kein Licht, und er ganz allein: „Jetzt ist mein Herz ruhig.“

Es ist dazu zu bemerken, daß dieser Satz des Sultans „Jetzt ist mein Herz ruhig“ nicht etwa eine spätere Erfindung oder Verbrämung ist, er ist glaubwürdig überliefert von dem berühmten arabischen Reisenden Ibn Batuta, der sieben Jahre am Hof des Sultans lebte und ihn sehr genau kannte. Sein Herz ist ruhig, weil weit und breit kein Mensch da ist, der sich gegen ihn wenden könnte. Es ist ihm aber auch so zumute, als hätte er alle Menschen überlebt, die Bevölkerung seiner Hauptstadt steht hier für die ganze Menschheit. Dieser Augenblick der Einzigkeit war gewiß nur vorübergehend, aber die Zielbewußtheit, mit der er herbeigeführt wurde, der enorme Aufwand für ihn, die Folgen, die er mit sich brachte — Verödung einer reichen und glänzenden Hauptstadt nämlich auf viele Jahre —, die Tatsache, daß ein für seine Klugheit und Gerechtigkeit gepriesener, umsichtiger, aktiver und praktischer Herrscher es über sich brachte, seine eigene Hauptstadt so zu behandeln, als wäre es die seines schlimmsten Feindes, all das spricht dafür, daß der Drang zu dieser Einzigkeit etwas höchst Reales ist, eine wirkliche Kraft ersten Ranges, die man ernst nehmen und ergründen muß, wo immer sich eine Gelegenheit dazu bietet.

Überleben als Wahnsinn

Sie läßt sich, wie so vieles andere, von innen her am ehesten erfassen, nämlich in der Betrachtung gewisser Geisteskrankheiten, ganz besonders der Paranoia. Das weitaus wichtigste Dokument über den Einzigen in diesem Sinne, von dem ich weiß, sind die „Denkwürdigkeiten‘‘ des früheren Dresdener Senatspräsidenten Schreber. Ein Paranoiker, der neun Jahre in Anstalten verbrachte, hat hier sein System von innen her komplett und zusammenhängend dargestellt. Dieses Buch ist übrigens nicht nur für unseren Zweck von Interesse; es berührt so mannigfaltige und häufig auftretende Phänomene, daß ich nicht anstehe, es als das wichtigste Dokument der psychiatrischen Literatur überhaupt zu bezeichnen. Noch als Manuskript hat es zur gerichtlichen Aufhebung der Entmündigung Schrebers geführt. Als Buch brachte es der Verfasser 1903 in einer Art von Selbstverlag heraus. Seine Familie, die sich des Buches schämte, kaufte den größten Teil der Auflage auf, und die Original-Ausgabe dürfte recht selten geworden sein.

Man sollte allerdings von einer Schrift absehen, die Freud 1911 über Schreber veröffentlichte. [*] Es ist keine der glücklichsten Arbeiten Freuds. Sie wirkt wie ein erster, tastender Versuch, und man hat den Eindruck, daß Freud selbst sich ihrer Mängel bewußt war. Er hat nur einen geringeren Teil des Materials in Betracht gezogen, und selten hat er sich in seiner Deutung so vergriffen. Man kann sich davon nur überzeugen, wenn man die „Denkwürdigkeiten‘‘ wirklich kennt. In der späteren Diskussion dieser Schrift sind nur die Stellen aus Schreber berücksichtigt worden, die Freud selbst zitiert. Erst in den allerletzten Jahren haben ein oder zwei Autoren sich die Mühe genommen, auf das Dokument selbst zurückzugreifen, erschöpft hat es noch niemand, und es wird auch so leicht nicht zu erschöpfen sein. Um aber gerecht zu sein, muß man hervorheben, daß Freud im Jahre 1911 schrieb, also bevor mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges unser eigentliches Jahrhundert begann. Wer, der die fast 70 Jahre seither denkend erlebt hat, ist derselbe geblieben? Für wen haben sich nicht sämtliche Probleme neu gestellt? Erst für Menschen unserer Generation ist es möglich geworden, Schreber zu begreifen und so zu deuten, daß nicht das Meiste von dem was er vorbringt, ausgelassen wird.

Im Folgenden hebe ich nur zwei der wesentlichsten Vorstellungen heraus, von denen Schreber beherrscht war. Man hat ein Recht, sie hervorzuheben, denn es kann kein Zweifel darüber sein, daß sie im Zentrum seines Wahnes stehen.

Die ganze Menschheit war untergegangen. Der einzige Mensch, der übrig geblieben war, der einzige Mensch am Leben war er. Er machte sich Gedanken über die Katastrophe, die zum Untergang der Menschheit geführt haben könnte, und hatte mehr als eine Vermutung darüber. Vielleicht hatte sich die Sonne von der Erde entfernt, und es war zu einer allgemeinen Vereisung gekommen. Vielleicht war es ein Erdbeben, wie damals das von Lissabon. Aber am längsten verweilt er bei der Vorstellung von verheerenden Seuchen, Lepra und Pest. Um ganz sicher zu gehen, fallen ihm neue und unbekannte Formen der Pest ein. Während die anderen Menschen alle daran zugrunde gegangen waren, wurde er allein von „segnenden“ Strahlen geheilt.

In der erregten Anfangsperiode seiner Krankheit hatte er großartige Visionen. Eine seiner Visionen führte ihn auf einer Art von Fahrstuhl tief in die Erde hinein. Er erlebte dabei alle geologischen Perioden und fand sich plötzlich in einem Steinkohlenwald. Einmal verließ er zeitweilig das Gefährt und wandelte auf einem Friedhof, wo die gesamte Bewohnerschaft Leipzigs lag. Da besuchte er das Grab seiner Frau.

In Wirklichkeit war seine Frau noch am Leben und stattete ihm regelmäßige Besuche in der Anstalt Sonnenstein bei Dresden ab, wo er acht oder neun Jahre als Patient verbrachte. Dieser Besuche war er sich sehr wohl bewußt. Er sah und hörte auch seinen Arzt, die anderen Ärzte der Anstalt und die Wärter. Wenn seine Erregungszustände sich steigerten, gab es böse Zusammenstöße mit ihnen. Er sah auch andere Patienten. Wie vertrug sich das mit seiner felsenfesten Überzeugung von seiner Einzigkeit? Er bestritt nicht, was er vor Augen hatte, aber er legte es sich zurecht. Die Menschen, die er sah, waren nicht wirklich, es waren „flüchtig hingemachte Männer“. So nennt er sie, und diese Trugbilder, die kamen und verschwanden und auf die er gar nichts gab, wurden ihm nur vorgemacht, um ihn zu täuschen und zu verwirren.

Man stelle sich aber nicht vor, daß er als einziger Mensch ein einsames Leben führte. Er stand in Verbindung mit den Sternen, und diese Verbindung war ganz besonderer Art. Die Seelen der Toten nämlich lebten fort auf den Sternen, an vertrauten Konstellationen wie der Kassiopeia oder den Pleiaden hingen sie in riesigen Scharen, ja es kam ihm so vor, als bestünden diese Weltkörper recht eigentlich aus den Seelen der Toten. Auf diese Seelen nun übte er eine mächtige Anziehung aus. Sie sammelten sich in großen Mengen um ihn, um sich dann auf seinem Kopf oder in seinem Leib zu verflüchtigen. Nachts tropften sie zu Tausenden von den Sternen auf ihn herab, als „kleine Männer“, winzige Figürchen in Menschenform, einige Millimeter groß, und führten ein kurzes Dasein auf seinem Kopfe. Aber sehr bald war es um sie geschehen, sein Körper sog sie ein und sie verschwanden in ihm. Manchmal hörte er noch ein kurzes, letztes Röcheln wie von Sterbenden, bevor sie in ihm aufgingen. Er warnte sie vor seiner Anziehungskraft, aber sie kamen doch. Ganze Sternbilder lösten sich so auf, eine Hiobspost nach der anderen langte bei ihm ein. Durch Zusammenziehen von Sternen versuchte man die eine oder die andere Konstellation zu retten, aber im Grunde war es alles vergebens, seine katastrophale Wirkung auf die Welt war durch nichts aufzuhalten.

Er bezeichnet sich zwar, eben wegen dieser Verbindung mit Seelen, als den größten Geisterseher aller Jahrtausende. Aber nach den Schilderungen von seiner Wirkung, die er selber gibt, ist dieser Ausdruck ungenau, man wäre versucht zu sagen, zu bescheiden. Das eigentliche Bild, das er bietet, ist ein anderes. Er stellt zwei verschiedene Stadien der Macht in einem vor. Da sie zugleich und nebeneinander erscheinen, mögen sie auf den ersten Blick Verwirrung stiften. Es ist aber leicht, sie auseinanderzunehmen und in ihrer präzisen Bedeutung zu erfassen. Was seine Mitmenschen anlangt, so sind alle bereits zugrundegegangen, und er ist, wie er es sich wünscht, der Einzige. Dies ist das äußerste und letzte Stadium der Macht. Man kann darauf hinarbeiten, doch ganz realisieren läßt es sich nur im Wahn. Was aber die Seelen anlangt — die er sich übrigens in Menschengestalt, also doch irgendwie als Menschen denkt —, so ist er noch der große Mann; er ist für sie der Führer, um den sie sich als Masse zu Tausenden und Abertausenden scharen. Aber es ist nicht einfach so, daß sie als Masse um ihn versammelt bleiben, wie ein Volk um seinen Führer, sondern es geschieht mit ihnen gleich, was die Völker, die sich um ihre Führer häufen, erst allmählich, im Lauf der Jahre, erfahren: sie werden an ihm immer kleiner. Sobald sie ihn erreicht haben, schrumpfen sie schleunigst ein, bis zur Größe von wenigen Millimetern, und das wahre Verhältnis zwischen ihnen kommt so auf das Überzeugendste heraus; er, im Vergleich zu ihnen ein Riese; sie, als winzige Kreaturen um ihn bemüht. Auch dabei bleibt es nicht: der große Mann schluckt sie. Sie gehen buchstäblich in ihn ein, um dann völlig zu verschwinden. Seine Wirkung auf sie ist vernichtend. Er zieht sie an und sammelt sie, er verkleinert sie und zehrt sie auf. Alles, was sie waren, kommt nun seinem eigenen Körper zugute.

Wenn er hier noch nicht ganz der Einzige ist, so ist er doch immerhin der Einzige, auf den es ankommt. Für dieses Stadium der Macht, das uns allen vertraut ist, bietet er ein Bild, wie es klarer und eindringlicher nicht zu finden wäre. Lassen wir uns nicht dadurch abschrecken, daß dieses Bild in den Zusammenhang eines Wahns gehört. Wir müssen uns unsere Erkenntnisse dort holen, wo sie sich bieten, und die reale Macht, in den extremen Formen, die wir kennen, ist nicht weniger ein Wahn. Darüber, wie man Macht erlangt, kann uns Schreber gewiß nichts sagen, dazu wäre eine Betrachtung ihrer Praxis vonnöten. Aber es scheint mir schon gar nicht verachtenswert, von ihm zu erfahren, worauf die Macht es abgesehen hat.

Ich hoffe, ich enttäusche nicht, wenn ich mit Schreber schließe. Man müßte so verblendet sein wie er, oder wie ein wirklicher Machthaber der geschilderten Art, um sich damit zufrieden zu geben. Schließlich gehören die Menschen, wir alle, auch dazu, und ein weitaus wichtigerer Teil einer Untersuchung solcher Macht hätte sich damit zu befassen, warum wir ihr gehorchen. Es war meine Absicht, mich auf den inneren Aspekt des Machthabers zu beschränken, der uns unfaßbar erscheint, dem alles in uns widerstrebt, und den wir eben darum auf das schärfste im Aug behalten müssen.

Erster junger Herr: ... Kannst du dir vorstellen, was es hieß, jemanden umzubringen?
Zweiter junger Herr: Nein. Das kann ich nicht. Über solche barbarischen Dummheiten sind wir hinaus.
Erster junger Herr: Dummheiten! Dummheiten! Ich gäb’ was drum, wenn ich jemand umbringen könnte!
Zweiter junger Herr: Was hindert dich daran?
Erster junger Herr: Was mich daran hindert? Alles! Ich weiß zu viel. Ich weiß, daß es nicht an mir liegt, ob der Mensch, den ich angreife, umkommt oder nicht. Tu’ ich es im unrechten Augenblick, so kommt er nicht um. Was immer ich tue, von mir hängt nichts ab. Der nichtswürdigste Mensch ist vor mir geschützt.
Zweiter junger Herr: Das ist wahr. Aber das ist es gerade, worauf wir so stolz sind.
Erster junger Herr: Stolz. Aber ich sehne mich nach der Zeit, da man seinen Feind stellen und regelrecht befördern konnte. Kannst du dir das vorstellen: ein Duell!
Zweiter junger Herr: Ja, das muß schön gewesen sein.

Aus „Die Befristeten“ von Elias Canetti

[*Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides).

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1968
, Seite 85
Autor/inn/en:

Elias Canetti:

Foto: Von Autor unbekannt - [1] Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANEFO), 1945-1989, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20442497

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